Transport, bestehend aus zwei Leichtern und den Stationsbooten,
geschleppt vom »Herald« und »Mosquito«, nach dem Schirefluß
aufgebrochen war, hatte ich abermals das Kommando im Lager zu
übernehmen, sobald auch +Dr.+ Bumiller abgereist sein wird, was am
Freitag, den 2. September mit dem von mir heraufgeführten Transport
geschehen soll. Der Dampfer »Pfeil« aber unter Kommando von Eltz sollte
versuchen, so gut oder schlecht es gehen wollte, der Expedition zu
folgen, um später vielleicht noch im tieferen Schirefluß von Diensten
sein zu können. Major von Wißmann hatte die Absicht, den vollständig
zusammengesetzten Dampfer, trotz aller Schwierigkeiten noch nach
einem der Seen zu bringen, nicht aufgegeben und wäre nur, was leider
nicht der Fall, das Fahrzeug zerlegbar gewesen, d. h. die Platten mit
Schrauben anstatt Nieten aneinander befestigt worden, so hätte diese
mit Leichtigkeit ausgeführt werden können und großen Nutzen hätte uns
der »Pfeil« gebracht.
Es war am 4. September, dem Geburtstage des Majors, kurz nachdem ich
im Lager Apell abgehalten und meine Mannschaft auf 5 Europäer, 42
Soldaten, 21 Bacharias sowie einige Diener festgestellt hatte, als von
Misongwe die Nachricht eintraf, daß der »Pfeil« nur mit der größten
Schwierigkeit bis zu diesem Orte habe gebracht werden können und in
Folge der schweren Anforderungen, welche an die Besatzung gestellt
werden mußten, sei diese weggelaufen.
Mich überraschte diese Thatsache nicht, denn so weit ich die
Eingebornen beurtheilen konnte, wurden ihnen übermäßig an sie
gestellten Anforderungen leicht überdrüssig und sie ließen lieber
ihren Lohn im Stich, als dem Europäer noch weiter zu folgen, der
sie, ihrer Meinung nach, schlecht behandelte. Einen Ersatz aus den
hier vorhandenen Bacharias sollte ich nun stellen -- zwar mußten
die abgetheilten Leute dem Befehle Folge leisten und nach Misongwe
marschiren, aber höchst ungern nur mochten sie gerade an Bord dieses
Fahrzeuges Dienste thun.
Es ist eigentlich zu verwundern, daß trotz des in den Dörfern so
massenhaft angehäuften feuergefährlichen Materials so selten große
Brände entstehen, schon deshalb, da doch in jeder Hütte fast Tag und
Nacht Feuer glimmen, die so leicht dazu Anlaß geben könnten. Im Lager
war gerade tags zuvor durch die Unvorsichtigkeit der Köche Feuer
entstanden, das durch den herrschenden Wind schnell zur wilden Gluth
angefacht, die Küche, den angrenzenden Zaun und das Wohnhaus der Diener
augenblicklich in Asche gelegt hatte, auch das Dach meines Wohnhauses
wurde in Brand gesetzt. Es gelang aber den vereinten Anstrengungen, des
Feuers noch Herr zu werden, ehe große persönliche Verluste an Eigenthum
entstanden waren.
Ich will hier noch die meteorologischen Verhältnisse dieser Gegend,
die gleichzeitig für das weite Zambesibecken Geltung haben können, in
ein Gesammtbild zusammenfassen. Die Temperatur in den Monaten Juli
bis Oktober ist eine wechselvolle, die Nächte sind empfindlich kalt
und der stark fallende Thau, durch eine bedeutende Abkühlung erzeugt,
trägt viel zu dieser Kälte mit bei. Bis 12° auch 7° Reaumur fiel das
Thermometer, wogegen es in der Tagesgluth bis über 38° Reaumur im
Schatten stieg, so daß der starke Wechsel körperlich sehr empfunden
wurde und auch gesundheitlich nachtheilige Folgen hatte. Die starken
Nebelgebilde steigen erst in den frühen Morgenstunden auf, hüllen alles
in einen undurchsichtigen Schleier, bis die Sonnenstrahlen mächtig
genug geworden sind, diese Wasserdünste aufzusaugen, dafür aber die
Millionen Thautropfen, an den erfrischten Grashalmen, Blüthen und
Blätter hängend, wie ebensoviele Diamanten glitzern machen.
Leichte Wolkenbildungen am Horizonte lassen auf die erwähnten
Dunstgebilde zurückführen, denn ausnahmslos verschwanden sie
wieder, sobald das Tagesgestirn am Himmelsgewölbe seine Strahlen
mächtiger entsendete, und im tiefen Azurblau, von Licht durchfluthet,
erschien die Atmosphäre. Von Anfang August stellten sich in den
Nachmittagsstunden starke südwestliche Winde ein, die durch ihre
Stärke, namentlich durch die mitgeführten Staub- und Aschentheile, von
Savannenbränden herrührend, höchst unangenehm wurden. Oftmals nahm die
Sonne durch die in der Luft schwebenden feinen Staubtheilchen eine
gelbe Färbung an, die schon lange vor Untergang in eine blutrothe
überging; aber bald vor bald nach dem Sinken der Sonne legte sich auch
der Wind und in den ersten Abendstunden herrschte darauf eine überaus
wohlthuende Ruhe in der ermatteten Natur.
Die Savannenbrände, von den Eingebornen entzündet, verursachen am Tage
mächtige Rauchwolken, die zuweilen die Sonne selbst verdunkeln, am
Abend aber zu einem Flammenmeer anwachsen, das Lawinen gleich seine
Feuerwogen fortwälzte und für den entfernt stehenden Beobachter zu
einer großartigen Erscheinung wird. Wie gewaltige Wachtfeuer ringsum
lodert die Gluth, alles vernichtend, was durch die Sonnenhitze
ausgedörrt oder abgestorben ist; selbst ausgedehnte Waldbestände
fallen der Vernichtung anheim und was schlimmer, der junge Baumwuchs,
in seiner Entwickelung gestört, geht ein, sobald nicht ganz besondere
Terrainverhältnisse ihn schützen, darum sind auch die weiten Steppen so
häufig mit nur verkrüppelten Bäumen hin und wieder bestanden, wo sonst
die Bodenverhältnisse doch günstig genug für einen Waldbestand sind.
Auch, was höchst bedauerlich, die Bewohner in der Nähe einer
baumreichen Gegend vernichten durch Feuer allmählich ganze Bestände,
nur um den ertragreicheren Boden, der von der Sonnengluth noch nicht
ausgedörrt worden ist, für ihre Saaten benutzen zu können.
Die so überreiche Üppigkeit der Tropenländer, gefördert durch die
regengleichen Niederschläge während der Nächte, bedingt auch, daß
schon nach wenig Tagen die Flächen, worüber die Feuerwogen vernichtend
hingeeilt sind, in einem neuen grünen Kleid erscheinen und für die
Wildheerden deckt die Natur aufs Neue den Tisch. Angelockt durch das
schmackhafte junge Grün wagen sich denn auch Büffel und Antilopen in
die Nähe menschlicher Wohnungen, und zu solchen Zeiten gelingt es dem
Neger häufiger, mehr durch List als durch seine Waffen, der gestellten
Thiere habhaft zu werden.
Die Abendstunden im Lager, wenn kühl und erfrischend die Nacht
herniedersank, waren häufig der stillen Betrachtung geweiht; oftmals
lauschte das Ohr dem Konzert, das die Frösche fern und nah anstimmten
und erwachten in späterer Stunde die Stimmen der Natur, dann klangen
die Worte des Forschers J. Thomson durch den Sinn, der im Einklang
alles gebracht, was an Empfindung die Natur in der Menschenbrust
geweckt hat, er sagt: Wenngleich unser Ideal von den Tropenländern
in Betreff der allgemeinen Charakterbilder durch weniger glänzendere
Ansichten herabgestimmt wird, so wird doch unsere Erwartung in einer
Beziehung schier übertroffen. Mögen die Dichter mit Vorliebe bei dem
sommerlichen Zwielicht und dem sanftdämmernden Abend der gemäßigten
Klimate verweilen und mit Entzücken die wechselnden Farbentöne und die
sich leise entfaltenden Reize besingen, so gebe ich doch nach Allem
der Dämmerung der Tropenländer den Vorzug mit ihrer unvergleichlichen
klaren Atmosphäre und ihrer überaus lieblichen und erfrischenden
Kühle, deren wohlthuender Eindruck durch die brennende Hitze und den
blendenden Glanz des vorausgegangenen Tages noch erhöht wird.
Das tropische Zwielicht ist allerdings kurz, aber um so reizender.
Die längere Wohlthat des Zwielichts der gemäßigten Zone ist hier
zusammengedrängt und verstärkt, so daß jeder Sinn entzückt wird. Zu
dieser Zeit ertönt die sanfte Stimme des Tepe-Tepe aus den benachbarten
Gebüschen, die dumpfe Stimme der Eule und des Frosches dringt an unser
Ohr, die Cikaden blasen in ihre hellen Pfeifen zu dem nächtlichen
Konzert, wozu das Johanniswürmchen und der kometenartige Leuchtkäfer
die Scene erleuchten. Alles dieses fand ich bestätigt auf allen Wegen
-- sieht man aber das Absterben der Natur und ihr Wiedererwachen, wenn
Ströme des Regens nach sengender Gluth auf die Erde niederfließen
und neues Leben wie mit einem Zauberschlage wecken, dann wird die
Ueberzeugung wachgerufen, daß der jungfräuliche Boden noch für
abertausend Wesen Raum und Nahrung hat und jede Arbeit mit reichem
Segen lohnen wird.
4. Bis zum Lager von Port Herald.
Die Räumung des Lagers von Ntoboa ging schnell vor sich, nun am
zweiten September, Sedanstag, schon der zweite Transport flußaufwärts
abgegangen war, auch bestand meine Hauptaufgabe darin, alles bereits
zu halten, um bei der Rückkehr des »Herald« ohne Aufenthalt die
Leichter beladen zu können. Den Engländern lag nicht minder viel
daran, das Lager von Ntoboa aufgebrochen zu sehen, da sie, sobald der
letzte Transport bis Pinda gebracht sein würde, nach einer späteren
Verfügung des Majors, dort schon zwei Leichter erhalten sollten, mit
welchen sie ihre im Anfang Oktober in Chinde eintreffenden Kanonenboote
für den Nyassa-See, flußaufwärts zu schaffen gedachten. Aus diesem
Grunde schon beschleunigte der »Herald« seine Auf- und Niederfahrt
nach Möglichkeit und, als das Schiff am 7. unerwartet zurückkam, wurde
alles daran gesetzt, in einigen Tagen zur Abreise fertig zu sein. Nach
einem mir gewordenen Befehl sollte ich versuchen, alles noch vorräthige
Material zu expediren und das Lager aufzugeben; es sollte hierdurch
den Engländern entgegengekommen werden und dieser Transport nach ihrem
Wunsch der letzte sein.
Zwar versuchte ich es, Befehl und Wunsch zur Ausführung zu bringen, was
bei der Tragfähigkeit der Fahrzeuge nicht schwer war, allein nahm auch
der englische Kapitän die sehr tief beladenen Leichter an, so war es
doch nicht rathsam, nach den gemachten Erfahrungen damit eine so weite
Tour zu unternehmen; bei einem Unfall, der sehr leicht auf solchen
unsicheren flachen Flüssen, wo Baumstämme und auch Steine gefährlich
werden konnten, passiren konnte, würde mich die Verantwortung getroffen
haben, und wäre uns ein Fahrzeug gesunken, der Verlust an Material etc.
wäre kaum zu ersetzen gewesen.
Darum ging ich nicht weiter, als die Sicherheit gebot; es war besser,
der »Herald« machte noch eine Fahrt, als daß wir durch Uebereilung
uns schweren Schaden zufügten, den zu ersetzen die Engländer sich
sicherlich nicht verpflichtet gefühlt hätten.
Am 10. früh verließen wir das Lager, wo ich zwei Europäer und zehn
Soldaten zur Bewachung zurückgelassen hatte. Unter der kundigen Leitung
des englischen Führers, der lange schon mit den Verhältnissen des
Flusses vertraut war, erreichten wir noch gegen Abend Misongwe, nach
einer mühevollen Fahrt, insofern mühevoll, als verschiedene Male, um
über Untiefen hinwegzukommen, alle Mann, ca. 70, in das Wasser und
Anker ausbringen mußten, mit deren und des Dampfes Hülfe dann das
Hinderniß überwunden wurde.
Misongwe, als Hauptstapelplatz des unteren Zambesi, war zu dieser
Zeit nur von einigen holländischen, portugiesischen, vor allem
indischen Händlern bewohnt, die ausschließlich mit dem Hinterlande
Handelsgeschäfte betrieben und namentlich eingetauschte Erdnüsse, etwas
Elfenbein etc. als Ausfuhrartikel zur Küste beförderten; im Uebrigen
verspricht dieser Platz für die Zukunft an Bedeutung zu gewinnen, als
die fortschreitende Entwickelung des internationalen Handels auf dem
Zambesi-Schire, Misongwe zu einem Knotenpunkt erheben wird.
Die Beschaffenheit der Ufer bis zur Mündung des Schire zeigt keine
besondere Abweichung, nur daß das Flußbett durch seine Breite eine
größere Anhäufung von Sandbänken gestattete und dadurch die Schifffahrt
bedeutend behindert wird, auch, namentlich wo enge Fahrstraßen,
besonders unter den steilen hohen Ufern, macht der starke Strom ein
Vorwärtskommen recht beschwerlich. des Moramballa-Gebirgstocks näher
zum Flusse heran, hingegen zur Linken verlieren die Höhenzüge sich in
die Ferne, da sie vom Oberlauf des Zambesi an, dessen Ufer sie dort
bilden, allmählich zurücktreten.
Der tiefere Schirefluß verursacht an seiner Mündung in den Zambesi eine
Anstauung der Sandmassen, so daß es schien, ein Vordringen den Zambesi
höher hinauf wäre unmöglich, und thatsächlich können auch in dieser
Jahreszeit nur Boote noch die vielen schmalen Fahrrinnen zwischen den
Sandbänken passiren. Sicher ist, wäre die Strömung des Schire nicht
stark genug, in diesem weiten Gebiet eine Fahrstraße offen zu halten,
daß wohl kaum in der regenarmen Zeit ein Dampfer bis hierher vordringen
würde.
An der Mündung des Schire liegt die portugiesische Station Schamo;
eigentlich nur eine Telegraphenstation und von Bedeutung insofern, als
sie den Knotenpunkt zwischen der Drahtlinie Chilomo-Quilimane bildet.
Die Hoffnung, beim Eintritt in den Schire einen besseren Fahrweg
zu finden, erwies sich anfänglich als irrig, vielmehr wurde durch
zerstreutliegende Felsmassen im Flußbett das Fortkommen erschwert. Es
wurde daher vorgezogen, lieber über eine Untiefe von Sand den Weg zu
nehmen, als Gefahr zu laufen, an den harten Steinen die Böden unserer
Leichter zu durchstoßen, hatten doch die englischen Dampfer gerade hier
des öfteren nicht unerhebliche Leckagen erhalten. Das Hinüberwarpen
über solche Untiefen verursachte mehrmals längeren Aufenthalt, und
wurde es dabei nöthig, daß alle Leute in das Wasser mußten, hatte ich
immer aufzupassen, damit keiner zurückblieb, denn in tieferes Wasser
gerathen, hätte der starke Strom einen schlechten Schwimmer bald
hinweggeführt. Die Verengung der Fahrstraße weiter hinauf bedingte auch
eine größere Tiefe und am Fuße der Moramballa-Berge, die bisweilen das
Ufer einfaßten, traten uns keine Hindernisse mehr entgegen.
Hier, wo der Fluß zwischen hohen Ufern sich hindurchzwängt, sein Bett
rein und tief ist, ging auch die Fahrt schnell von statten; was aber
nebenbei einen überaus wohlthuenden Eindruck machte, war die großartige
wilde Natur in ihrer imposanten Schönheit, die zur Zeit, wenn die
Regengüsse neues Leben gezaubert haben, wahrhaft erhebend wirken
muß. Baum und Strauch verdeckt bis zu den Gipfeln der Berge hinauf
das zerklüftete Gestein und diese, von Schlingpflanzen durchwoben,
lassen schon jetzt erkennen, welch ein Reichthum an Blüthenpracht die
Frühlingszeit entfalten wird, auch die tausendfältigen Glockenblumen
der Lianen im hohen Ufergebüsch müssen einen herrlichen Anblick abgeben.
Das gegenüberliegende Ufer, aus hartem Sandboden bestehend, fällt
streckenweise steil zum Flusse ab und an solchen Stellen haben viele
hundert buntgefiederte Vögel sich tiefe Löcher gegraben zum Aufenthalt
und Brutstätte. Das Geräusch, welches der herannahende Dampfer
verursachte, scheuchte diese Thiere aus ihrer Ruhe auf und in großen
Schwärmen umkreisten sie das Schiff, flatterten ängstlich hin und
her und gaben durch kreischende Schreie zu erkennen, daß sie um ihre
Heimstätten besorgt sind, namentlich, wenn wir ganz dicht unter dem
Ufer liefen, machte die vermuthete Gefahr die Vögel rein blind. Weiter
den Fluß hinauf, nachdem das Gebirgsterrain passirt ist, bieten die
Ufer nicht mehr die gleiche Abwechslung, hingegen sahen wir häufiger
die schlanken Stämme der Fächerpalmen, deren Kronen sich stolz im
Winde wiegten. In der Nähe von Pinda aber krönte ein lichter Wald die
hügeligen Ufer und einen herrlichen Anblick boten die schlanken hohen
Stämme, als wären es lauter Säulen von einem grünen Dome überdacht.
Die Insel Pinda, Station der African-Lakes-Comp., wird durch den
eigentlichen, jetzt aber wegen Mangel an Wasser unpassirbaren
Schirefluß und einem Arme desselben, den sogenannten Ziu-Ziu, gebildet.
Letzterer wälzt seine Wassermassen am Zusammenfluß dieser Arme über
ein starkes Gefälle und erzeugt dadurch eine rasende Stromschnelle,
deren Kraft, als wir die starke Strömung durchschneiden mußten, so
groß war, daß sie Schiff und Leichter einfach aus dem Kurse warf und
so gegen das gegenüberliegende Ufer preßte, daß es viele Mühe kostete,
frei zu kommen. Beim ersten Versuche, diese Stromschnelle zu passiren,
geriethen die beladenen Leichter mitsammt dem »Herald« in große
Gefahr, der Wirbelstrom riß alles mit sich weg, und gegen das steinige
Ufer geschleudert, verlor der »Herald« sein Boot; von einem Leichter
flog einer von unseren Soldaten, durch die gewaltige Erschütterung
herabgeschleudert, in die gurgelnden Wasser, die den Unglücklichen in
die Tiefe zogen und nicht wieder zurückgaben.
Was bei jener ersten Durchfahrt dem »Herald« mißlungen, gelang dem
»Mosquito«. So wurde denn beschlossen, daß der »Mosquito« von Pinda
bis Port Herald den Transport weiter befördern sollte, hingegen der
»Herald« von Ntoboa bis Pinda diese Arbeit vollende.
Nach vielen Mühen und Aufwand großer Kräfte hatte der Major es doch
durchgesetzt, seine beladenen Leichter durch die wirbelnde Strömung
durchzubringen. Dieses große Risiko aber mochte Herr von Eltz, der
bis hierher mit dem »Pfeil« gekommen war und wegen dessen zu großen
Tiefgang die Stromschnelle nicht passiren konnte, nicht übernehmen und
der folgende Transport wurde, etwas oberhalb der Strömung, ausgeladen
und die Lasten dann quer durch die ca. 400 Meter breite Insel nach dem
Ziu-Ziu-Arm geschafft. Nach erhaltener Kenntniß dieser Vorgänge hatte
ich auch keine Lust, einen Kampf mit den tückischen Wassergeistern
aufzunehmen und hielt es für besser, die viel schwierigere Arbeit
des Hinüberschleppens nach dem Lager ausführen zu lassen, als die
Riskanz zu laufen, einen unersetzlichen Schaden zu erleiden. Demgemäß
beauftragte ich den Obersteuermann, der hier das Kommando während
meiner Abwesenheit führte, die Arbeiten zu leiten und kehrte schon am
13. September mit dem »Herald« und den beiden leeren Leichtern nach
Ntoboa zurück.
An jener Stelle, nicht fern von der Mündung des Schire, wo Felsen
und Steine den Fluß und die Passage beengten, glaubte der Führer des
»Herald« mit den nur sechs Zoll tiefgehenden Fahrzeugen durchkommen
zu können, er wollte die schwierige Ueberfahrt vermeiden; allein
das Fahrwasser war zu eng und der dem Schiffe zur Linken befestigte
Leichter wurde mit voller Wucht auf einen unter Wasser liegenden
großen Felsblock getrieben und blieb unbeweglich sitzen. Zweistündiger
schwerer Arbeit bedurfte es, um den Leichter wieder flott zu machen,
und wenn auch der Boden etwas stark verbäult worden war, so hatte doch
die Güte des Eisenmaterials einem Durchbrechen widerstanden.
Es ist übrigens keine Kleinigkeit, mit dem Strome flußabwärts zu
fahren, die Geschwindigkeit wird, namentlich wo Stromschnellen sich
gebildet haben, oft so groß, daß es bedeutender Umsicht und Ruhe
des Führers bedarf, sein Schiff in der Gewalt zu behalten und den
gefährlichen Untiefen rechtzeitig auszuweichen.
Ntoboa am 15. erreicht, ließ ich den Rest der Expedition am selben Tage
noch verladen und, zur Abreise bereit, erwartete ich die Rückkehr des
»Herald« von der Holzstation.
In dieser Jahreszeit, in welcher die Wasserverhältnisse des Zambesi
so schlecht waren, waren auch die Fahrten der beiden Passagierdampfer
der African-Lakes-Comp. eingestellt worden und als Transportmittel
wurden nur offene Boote verwendet, die, zum Schutze für Europäer, im
Hintertheil mit einer Holzbude versehen, allenfalls sehr beschränkten
Aufenthalt boten. Aber auf einer beinahe dreiwöchentlichen Tour bis
Katunga dem Reisenden eine Qual wurden insofern, als ein solcher nur in
liegender Stellung darin Unterkunft finden konnte. Die Besatzung eines
solchen Bootes besteht aus 12-16 Mann, die einem Capitao unterstellt
ist, sie sind verpflichtet, für geringes Entgelt solche weiten
Touren auszuführen, entziehen sich aber öfters durch Desertiren der
vereinbarten Abmachung und lassen den Reisenden, der neben seinen schon
gezahlten 400 Mark betragenden Reisegeld solche Unannehmlichkeiten mit
in den Kauf nehmen muß, auf dem Trocknen sitzen.
Von solcher Mißgunst des Geschickes waren zwei Engländer betroffen
worden, die, schon tagelang von ihrer Besatzung verlassen, mit Hülfe
ihrer Diener das Boot hatten vorwärts gebracht, bis sie schließlich am
15. das deutsche Lager erreichten und mich dringend um Unterstützung
baten. Was die erbetene Hülfe anbetraf, so konnte ich den Engländern
nur in der Anwerbung neuer Leute behülflich sein; berief deshalb den
Häuptling von Ntoboa in das Lager und ersuchte ihn um Stellung von
Leuten, war aber über die überaus hohe Forderung erstaunt, welche der
Häuptling, noch dazu zur Hälfte in Baar, sogleich ausgezahlt haben
wollte. Einem solchen Ansinnen gegenüber brach ich die Unterhandlung
sofort ab, den Engländern rathend, wenn sie nicht ihr Geld wollten
los sein, ein gleiches zu thun; die gestellten Leute würden doch nur
eine kurze Strecke das Boot flußaufwärts bringen und dann desertiren,
vielleicht sie dann in einer noch schlimmeren Lage zurücklassen.
Das Natürlichste war nach einem solchen Mißerfolg, ihnen den Vorschlag
zu machen, sich an Kapitän Robertson mit der Bitte um Mitnahme zu
wenden, wenigstens so weit, bis ihnen Hülfe werden konnte; indes die
für mich nicht überraschende Antwort war, daß solches Mühen vergeblich
sein würde, aus dem Grunde, weil ein Engländer dem anderen nur selten
eine große Gefälligkeit erweisen wird, das +help yourself+ (hilf
dir selber), klingt aus jeder selbst höflichen Abweisung heraus, wenn
nicht persönliches Interesse dem Gewährenden anderen Sinnes macht, im
Allgemeinen ist der krasse Egoismus Ausschlag gebend. Einen Erfolg
versprächen sie sich nur, wenn ich ihr Fürsprecher sein wollte, im
anderen Falle müßte die unerhörte Forderung des Häuptlings angenommen
werden.
Ich kannte Kapitän Robertson noch zu wenig, um über seine Gesinnung
seinen Landsleuten gegenüber urtheilen zu können, setzte aber voraus,
daß er als Offizier, sofern es seinen Instruktionen nicht zuwider,
Bedrängten seine Hülfe nicht versagen würde und ich hatte mich nicht
getäuscht, was mir aber auffiel, war das geringe Entgegenkommen gegen
diese beiden Beamten der African-Lakes-Comp. Der Engländer ist eine
schwer zugängliche Natur, von der deutschen Gutmüthigkeit besitzt
er herzlich wenig, ist er aber einmal aufgethaut, kann er im Umgang
wiederum auch sehr angenehm und gefällig sein.
Auf langwierigen und beschwerlichen Expeditionen in das Innere Afrikas
hat der Führer immer damit zu rechnen, daß mehr oder weniger die Schaar
seiner Gefolgschaft durch Deserteure gelichtet wird, ein Uebelstand,
dem er nicht im Stande ist, abzuhelfen und in eine üble Lage gerathen
kann, wenn er keinen Ersatz findet. Major von Wißmann hatte sich
deshalb, um solcher Eventualität vorzubeugen, von jeher mit ganz
fremden Volksstämmen, als Sudanesen, Abessinier, Somali, umgeben, diese
fanden von den Eingebornen bei einem Fluchtversuch keine Unterstützung,
wurden eher verrathen und setzten sich daher solcher Gefahr schwerlich
aus. Anders war es mit der angeworbenen Zulukompagnie, diese Leute,
dem Militärdienst abhold, suchten gelegentlich in kleineren Trupps zu
entkommen, sie fanden auch überall Stammverwandte (da die Bevölkerung
nur eingewanderte Zulustämme), und so blieb eine Verfolgung meistens
erfolglos, weil sich kein Verräther fand, den die ausgesetzte Belohnung
verlockt hätte.
Bei meiner Rückkehr nach Ntoboa wurde mir die Mittheilung gemacht, daß
vier Deserteure in Misongwe von einem Europäer aufgegriffen seien,
die er einer Eskorte nach Ueberweisung der ausgesetzten Belohnung
ausliefern würde. Meine Pflicht war es, die Leute holen zu lassen und,
streng bewacht, mit mir zu führen, bis ich sie ausliefern konnte.