Ich hatte des Oefteren schon bemerkt, wie jähzornig veranlagte Naturen

leicht sich fortreißen ließen wegen geringfügiger Dinge die Leute

zu strafen, wozu ihnen Niemand ein Recht noch Gewalt gegeben hatte;

ihren Jähzorn an dem Einzelnen, der das Mißfallen erregt, aber dann

nur freien Lauf ließen, wenn sie sich unbeobachtet glaubten. Dieses

zügellose Sichgehenlassen dem Schwächeren gegenüber war ein Beweis,

wie gering der Neger in der Achtung solcher Europäer steht, daß er

zum Prügelknaben ihrer Launen dienen mußte. Ich erwähne dieses hier

nicht, um einzelne Fälle, die sehr selten nur bei uns vorgekommen

sind, besonders zu markiren, sondern will im Allgemeinen nur darauf

hinweisen, daß man einen großen Fehler begeht, wenn das Bewußtsein der

Menschenwürde, das auch den auf der untersten Kulturstufe stehenden

Wesen innewohnt, mit Füßen getreten wird. Der Neger, soll er aus

seiner stoischen Ruhe aufgerüttelt und als ein thätiges Glied in der

großen Völkerfamilie gerechnet werden, bedarf der Erziehung; er ist

ein Naturkind, das nicht willig den Segnungen der fortschreitenden

Zivilisation die Arme öffnet, sondern eher gesonnen ist, gewaltthätig

ihr entgegenzutreten. Solcher Widerstand nun, sobald er in Form einer

offenen Empörung auftritt, muß, selbst mit Gewalt, niedergehalten

werden, dem Unterliegenden aber dann auch die Erkenntniß, daß er im

Unrecht gewesen, zum Bewußtsein kommen und nicht der Uebermacht und

egoistischen Zwecken hat weichen müssen.

Vornehmlich fällt heute noch die größte Aufgabe den vordringenden

Pionieren zu; sie als Träger der Zivilisation sind berufen, die Saat

zu säen, die zu der Erkenntniß führen soll, daß der mächtige weiße

Mann gekommen ist, nur ein Helfer und ein Freund, nicht aber ein

Unterdrücker zu sein.

Stellen wir uns auf den Standpunkt des Negers, so erscheint auch uns

alles Fremde als ein Eindringling in liebgewordene Gewohnheiten und

Rechte, und unwillig werden wir fragen, mit welcher Berechtigung

zwingt uns der Mächtigere davon zu lassen? Darum, solchen natürlichen

Widerstand allmählich zu brechen, bedarf es diesen Naturkindern

gegenüber eines freundlichen Entgegenkommens, ohne dabei im geringsten

der Ueberlegenheit des Europäers etwas zu vergeben. Strenge und

Gerechtigkeit müssen jeder Handlung zur Richtschnur dienen, sollen

einestheils dem Naturell der schwarzen Rasse, das bei vielen Stämmen

sehr üble Gewohnheiten aufweist, Zügel angelegt, im anderen Falle aber

das empfindliche Rechtsgefühl nicht verletzt werden. Der Neger wird

willig eine ihm zudiktirte Strafe auf sich nehmen, wenn er gethanen

Unrechtes sich bewußt ist.

Ueberall, nicht blos gegen die schwarze Rasse allein, wird gegen diese

Hauptbedingungen einer Kulturaufgabe arg verstoßen und hauptsächlich

von solchen Elementen, hervorgegangen aus europäischen Nationen,

denen Recht und Unrecht ein zweifelhafter Begriff ist. Aus eigener

Anschauung kann ich aber die Behauptung aufstellen, daß die Deutschen

unter allen andern Völkern Europas, welche eine Kolonisirung anderer

Erdtheile übernommen haben, die humansten sind; brachte doch deutsche

Arbeit und Ausdauer fremde Kolonien zu hoher Entwickelung und Blüthe;

hoffentlich werden Humanität und Gerechtigkeit auf Gebieten, wo die

deutsche Nation nun ihre Aufgabe zu erfüllen hat, reiche Früchte

tragen: bei der Erziehung noch tiefstehender Völkerstämme werden diese

zur unerlässlichen Bedingung.

Mit der einlaufenden Fluth, die weit hinauf im Zambesifluß ihren

Einfluß geltend macht, brach ich in den frühen Nachmittagsstunden des

24. August von Chinde auf. Schnell zogen wir mit der günstigen Strömung

die bekannte Straße und erst am eigentlichen Flusse, an jener Stelle,

wo wir früher mit dem Major Rast gehalten, wurde Nachtquartier genommen.

Mit dem Anbruch des neuen Tages, nachdem die leichten Nebel zerstreut

und glitzernd die Sonnenstrahlen auf den Fluthen Silberfäden woben,

zogen wir weiter, und mit Geschick die Untiefen meidend, kamen wir

trotz der schweren Last, welche der »Pfeil« mit sich schleppte, schnell

vorwärts. Meine Absicht, uns mit frischem Proviant zu versehen, der

in Chinde nicht zu erschwingen gewesen war, wollte ich nun in einer

bewohnten Gegend ausführen, allein wir sahen am rechten Flußufer

keine Dörfer, und schließlich dem Rathe des Lootsen folgend, der uns

sichere Aussicht auf Wildpret gemacht hatte, legten wir am nächsten

Tage frühzeitig genug an einer steilen Uferwand fest, um dann auf gut

Glück die Umgegend zu durchstreifen. Nur in Begleitung des Maschinisten

drangen wir geraden Weges, so gut als Busch und Gras es zuließen,

landeinwärts und gelangten zum Bette eines in dieser Jahreszeit

trockenen Flusses. Dieses, tief in das Gelände eingeschnitten,

zeugten Wurzeln und Baumreste davon, mit welcher Gewalt die Fluthen

in der Regenzeit hier ihre verheerende Wirkung auszuüben im Stande

sind. Wildromantisch, eine Urlandschaft im wahren Sinne des Wortes,

fanden wir im Flußbette, den Spuren von Büffel, Zebra und Antilopen

folgend, zu beiden Seiten desselben undurchdringliches Gebüsch und

Rohr; schließlich, als keine Aussicht sich bot, in kurzer Zeit eine

Grassavanne zu erreichen und die Spuren des Wildes immerfort noch den

in der Ferne sichtbaren Höhenzügen zuzustreben schienen, zeitweilig

durchkreuzt von Panther- und Löwenspuren, bogen wir, als wir im

Urdickicht zur Linken Gänge von Flußpferden bemerkten, seitwärts in

diese ab, in der Hoffnung, wenn wir ins Freie gelangt wären, auf

ersehntes Wild zu stoßen.

War anfänglich das Vordringen in den sehr dunklen Gängen noch

einigermaßen angängig, so lange niedergetretenes Rohr das Ausschreiten

nicht sehr behinderte, wurde dieses fast zur Unmöglichkeit, als tiefe

Löcher, Wurzeln und Schlingpflanzen fortwährend den Füßen Hindernisse

entgegensetzen. Gebückt unter Strauchwerk und Aeste, die unvermuthet in

das Gesicht schlugen, oft auf allen Vieren vorkrauchend, drangen wir

vor und fast that es uns schon leid, solchen äußerst beschwerlichen Weg

gewählt zu haben.

An einem Kreuzweg angelangt, der fast rechtwinkelig den Wildpfad, auf

welchem wir bisher gegangen waren, durchschnitt, überlegten wir, ob

eine Umkehr nicht besser sein möchte, denn noch wußten wir den Weg

zurückzufinden; mußten auch bedenken, daß bald der Tag zur Neige ging

und wir in einer Wildniß uns befanden, die während der Nacht sicherlich

manch Unangenehmes bieten konnte.

Unser Jagdeifer hatte eine beträchtliche Abkühlung durch die

aufsteigenden Bedenken erfahren, und sicherlich hätten wir den

zurückgelegten weiten Weg nochmals gemacht, auf einen zweifelhaften

Erfolg verzichtet, wenn nicht auf dem erwähnten Kreuzweg in unserer

Nähe ein Warzenschwein plötzlich ausgebrochen wäre und grunzend in

demselben das Weite gesucht hätte. Das Thier hören und sehen machte

alle Bedenken schwinden, so schnell als es der nun bessere Weg

gestatten wollte, ging es hinter dem Wilde her; aber ob es uns auch

nahe kommen ließ und dann erst immer wieder durch das Gebüsch brach,

gelang es doch keinem von uns, zum Schuß zu kommen.

Einsehend, daß solches Jagen ziel- und zwecklos war, stand ich,

als das Thier in einem dichten Rohrgebüsch verschwand, davon ab und

überlegte, wo wir uns nun eigentlich befanden; da wir vom Kreuzwege im

Jagdeifer abgekommen, stiegen Zweifel auf, ob wir nach solchem Hin- und

Herjagen den verlassenen Weg wiederfinden würden. Bedenklich schnell

ging der Tag zur Neige, das erkannte ich an den Schatten, welche am

Himmelsgewölbe heraufzogen, sobald der dichte Busch, unter welchem wir

noch immer wanderten, einen Ausblick gestattete. Die Ueberzeugung, daß

wir uns gründlich verirrt hatten, gewannen wir bald, und die ernste

Frage, was nun thun, wo jede Aussicht auf Orientirung uns genommen,

war schwer zu beantworten. Soviel aber ließ eine kurze Ueberlegung uns

rathsam erscheinen, daß nur schnelles entschlossenes Handeln uns aus

dieser bedenklichen Lage befreien konnte; denn das wußten wir, die

nahezu zweistündige Wanderung im Urdickicht und auf Wildpfaden hatte

uns weit vom Lagerplatz entfernt. Das Beste war, nach Möglichkeit eine

bestimmte Richtung inne zu halten und im lichteren Gehölz schnell

fortzukommen suchen, wenigstens irgendwo hinaus hofften wir noch vor

Einbruch der Dunkelheit zu kommen, und, als hätte uns ein guter Stern

geführt, sahen wir endlich wieder Sonnenschein durch das Dunkel der

Blättermassen blinken. Mit frischeren Kräften drangen wir durch das

Gehölz und standen bald am Saume einer großen Grasebene, die sich wie

ein Keil zwischen dem Urwald, der links und rechts sich unabsehbar

hinzog, hineingeschoben hatte. Wären wir vom Ausgangspunkte nur

etwas nördlicher oder südlicher gegangen, an diesem Abend hätten wir

schwerlich das Sonnenlicht wiedergesehen.

Weiteres als längs der Waldlisière den Weg uns zu bahnen, blieb nicht

übrig und berechnend, daß wir vom Flusse aus immer eine nördlichere

Richtung innegehalten hatten, hielten wir für rathsam, links zu gehen.

Goldener Abendsonnenschein lag über Wald und Busch, doppelt das Herz

erfreuend, zumal das düstere Waldesdunkel schon eine trübe Stimmung

hervorgerufen hatte, und so lange uns das Tagesgestirn noch Licht

spendete, hegten wir die Hoffnung, noch eine menschliche Wohnstätte zu

erreichen. Müde und namentlich von Durst gequält, eilten wir vorwärts

und, wenn ich mich nicht allzusehr täusche, hätten wir ganz links

abbrechen müssen, um wieder zum Flusse zu gelangen. Aber nochmals in

das Waldesdunkel uns hineinzuwagen, obwohl den Weg dadrin zu suchen

uns nicht viel schwerer gefallen wäre als außerhalb, hielten wir doch

für bedenklich. Wo ein erhöhter Punkt in dem unebenen welligen Terrain

eine freiere Aussicht gestattete, machten wir kurze Rast; bei solcher

Gelegenheit nun erblickten wir eine Heerde stattlicher Wasserböcke,

die zu uns herüberäugten, sonst bei unserm Anblick weiter keine

Unruhe zeigten, und wohl wäre es möglich gewesen uns im hohen Grase

heranzupürschen, wenn die Jagdlust nicht gänzlich geschwunden wäre.

So begnügten wir uns damit, beide Gewehre ziellos auf die etwa 500

Meter entfernt stehenden Thiere abzufeuern, was sie zwar erschreckte,

jedoch keineswegs in die Flucht jagte. Weithin durch die Stille des

Waldes brauste ein mächtiges Echo, erschreckt flatterten größere

und kleinere Vogelarten aus den Zweigen der Bäume auf, und als wäre

verborgenes Leben geweckt, so lebhaft kreischten und zwitscherten

Vogelstimmen durcheinander.

Durch all diesem Geräusch aber hatten wir einen uns vertraulichen Ton

vernommen, der dem lauschenden Ohr wie Musik erklang und in uns die

Zuversicht erweckte, doch heute noch Menschen auffinden zu können. Das

Bellen eines Hundes, ganz schwach vernehmbar (soviel ich unterscheiden

konnte, von der linken Seite kommend), machte alle Bedenken, fortan

noch das tiefe Walddunkel zu meiden, hinfällig und nochmals die Gewehre

abfeuernd, tauchten wir in das Dickicht, bahnten uns hierin den Weg

so gut es eben gehen wollte und suchten in der Dunkelheit vorwärts zu

kommen.

Die Gewißheit, doch noch eine menschliche Niederlassung zu finden, ließ

uns im Vordringen nicht der verwobenen Schlingpflanzen, Sträucher und

Dornen achten; wollte es absolut nicht mehr gehen, bahnte das Messer

den Weg. Nach halbstündiger Wanderung wurde es lichter um uns, bis

endlich, als schon längst die Sonne zur Rüste gegangen, eine offene

weite Grasfläche uns freie Aussicht gestattete. Die Vermuthung, daß,

wenn wir wiederum unsere Gewehre abfeuern würden, das Bellen eines

Hundes uns die einzuschlagende Richtung angeben würde, erwies sich als

richtig; dieser folgend, führte uns der Weg durch bebautes Ackerland,

über Wassergräben und durch Buschwerk und schließlich in ein an einer

Sumpfniederung liegendes kleines Dorf.

Ein sehr seltener Gast schien hier der weiße Mann zu sein, wenigstens

machte unser Erscheinen auf den Bewohnern den Eindruck von Furcht und

Besorgniß; niemand war zu sehen, nur einige weißbärtige alte Männer

erwarteten uns in der Nähe der ersten Hütten und erkundigten sich

nach unserm Begehr. Soviel ich mit Hilfe der Suahelisprache mich

verständlich machen konnte, erklärte ich unsere Lage und ersuchte

die Dorfältesten uns Führer zum Zambesifluß zu geben, damit wir zu

unserm Lagerplatz (worüber sie schon Kunde erhalten) in dunkler Nacht

zurückkehren könnten. Ob unserem Wunsche willfahrt werden würde, konnte

ich aus den Unterhandlungen nicht entnehmen, der Einladung aber, in der

Hütte des Häuptlings uns niederzulassen, leisteten wir um so lieber

Folge, als wir herzlich müde und abgespannt waren. Nackte Kinder, ihre

Neugierde nicht bezwingend, kamen aus den Hütten hervorgekrochen, bald

folgten die Mütter und nicht lange dauerte es, so waren wir von Jung

und Alt umlagert, selbst die Dorfschönen in der denkbar primitivsten

Kleidung brachten uns auf geäußertem Wunsche Wasser und Maiskolben.

Freundlicher noch gestaltete sich das Verhältniß, als ich einige

portugiesische Kupfermünzen unter die Kinder zu vertheilen begann; auch

abgeschossene Patronenhülsen waren ein begehrter Artikel und, um dem

Drängen nachzugeben, feuerten wir einige Schüsse noch ab, wenigstens

einige Alte damit erfreuend, die solche Hülsen als Schnupftabackdosen

benutzen wollten. Hühner, Eier, Bohnen, Erbsen und Mais brachten die

Frauen herbei und bezeugten dadurch ein großes Zutrauen zu uns, daß sie

solche gekauften Dinge den bestellten Führern übergaben, die ihnen das

als Kaufpreis ausbedungene Stückchen Zeug am anderen Tage mitbringen

sollten.

Ohne unsererseits noch irgendwelche Lust zu bezeigen, nochmals einen

Jagdzug zu unternehmen, erboten sich die Jüngeren wiederholt, uns

in dieser Nacht nach einer Gegend zu führen, wo wir allerlei Wild

in Schaaren sehen würden; namentlich, wenn wir uns geduldeten, den

Morgen auf dem Anstand abzuwarten, könnten wir die von der Tränke

zurückkehrenden Thiere sehr leicht erlegen; auch seien Elephanten noch

am vorhergehenden Tage gesehen worden, mächtige Thiere mit großen

Zähnen. Auf meine Frage, warum sie selber nicht jagen gingen, brachten

sie Pfeil und Bogen herbei. Mit diesen ihren Waffen, meinten sie,

verwunden sie wohl ein Thier, aber so weit es auch verfolgt würde,

gelänge es ihnen nur sehr selten, desselben habhaft zu werden.

Dem Umstande, daß die Pflicht uns rief, mußten wir alle Lockungen, die

zu neuer Jagdlust reizten, hinten ansetzen und uns von den freundlichen

Dorfbewohnern verabschiedend, folgten wir bald darauf den mit Proviant

bepackten Führern in das nächtliche Dunkel hinaus.

Sonst wohl erglänzte vom Himmelszelt das Sternenheer in leuchtender

Pracht und der Schimmer des Lichts erhellte die einsamen Pfade, heute

aber, nach Sonnenuntergang, hatte regenschwangeres Gewölk allmählich

tiefe Finsterniß über die Erde gebreitet, durch welche wir mühsam den

schnell voranschreitenden schwarzbraunen Männern zu folgen suchten.

Nach zweistündiger Wanderung durch Gras und Busch wurden wir durch das

zum Ausbruch gekommene Gewitter gezwungen, naß und müde, unter Bäumen

Schutz zu suchen, und als aufs Neue auf schlüpfrigen Wegen in der

rabenschwarzen Dunkelheit eine Stunde marschirt worden war, hörten wir,

am hohen Uferrand des Zambesi stehend, unter uns die murmelnden Wasser

des Flusses.

Sicher hatten bis hierher die Führer den Weg zu finden gewußt, nun aber

fragte es sich, hatten wir uns flußauf- oder -abwärts zu wenden, um

wieder zu den Fahrzeugen zu gelangen! Gewehrschüsse, die schon mal den

Ausschlag gegeben hatten, thaten wiederum ihre Schuldigkeit; bald kam

die Antwort, und dem Schalle nach uns stromaufwärts wendend, mußten wir

mit großer Vorsicht durch unwegsames Gestrüpp einen Weg uns bahnen.

Mehrmals noch beantworteten wir die abgegebenen Signale einer uns

entgegengesandten Patrouille und herzlich froh waren wir, nach beinahe

siebenstündiger Abwesenheit, nach einem überaus beschwerlichen Marsche,

die müden Glieder auf den Feldbetten ausstrecken zu können. Der

Obersteuermann hatte, durch unsere lange Abwesenheit besorgt geworden,

schon nach eingebrochener Dunkelheit in verschiedenen Richtungen

Leute ausgesandt, um uns aufzusuchen; alle aber, bis zum trockenen

Flußbett gelangt, hatten erklärt, daß es kein Weiterkommen gebe, ihre

Signalschüsse wären auch nicht beantwortet worden und sie hätten ein

weiteres Suchen aufgeben müssen.

Nachdem am nächsten Morgen die Führer für ihre Dienste reichlich

entschädigt worden waren, zogen wir weiter in den goldenen Morgen

hinein, mit Muße die wildromantische Scenerie bewundernd, die in immer

neuen Bildern vor uns auftauchte.

Noch keinem der vorhergegangenen Transporte war es gelungen, so schnell

und ohne ernste Hindernisse zu überwinden, solche Tour zurückzulegen,

deshalb konnten wir von Glück sagen, mit unserer schweren Last, nach

kaum nennenswerthen Aufenthalt, schon am vierten Tage in die Nähe von

Schupanga gekommen zu sein, und hätte das stark versandete Flußbett

hier nicht zu einem unfreiwilligen Aufenthalt uns gezwungen, hätte ich

mit Sicherheit voraussetzen können, bis zum Abend des 28. August Ntoboa

noch zu erreichen. Wünschend, zu der vor uns liegenden schweren Arbeit

einen ganzen Tag vor mir zu haben, unterbrach ich die Weiterfahrt an

diesem Sonntag Nachmittag, und nach genügender Orientirung, wo wohl am

besten durchzukommen wäre, vergnügten wir uns während des Restes dieses

Tages, auf Krokodilen und Wasservögeln Jagd zu machen.

In der Frühe des nächsten Morgens, als alles zur Weiterfahrt

vorbereitet war, unternahmen wir die schwere Aufgabe, den »Pfeil« und

die Leichter über die sich weit erstreckende Untiefe hinüberzubringen.

Aber schon nach kurzer Zeit wurde der durch den losen Sand sich

wühlende »Pfeil«, so mächtig auch die Maschine arbeitete, steuerlos

und, einmal von der starken Strömung seitwärts abgelenkt, war kein

Halten mehr; selbst alle Anker wurden durch die Kraft der Strömung

fortgerissen bis im tieferen Wasser die Steuerfähigkeit erst wieder

hergestellt werden konnte. Immer wieder ging ich zum neuen Versuch

vor und achtete nur darauf, wenn solcher mißlang, daß die Fahrzeuge

zur linken Seite vom Strome abgelenkt wurden, um eine rechtsliegende

flachere Stelle zu vermeiden. Indes beim vierten Versuch anstatt das

Kommando »voll Dampf voraus« auszuführen, fühlte der Maschinist sich

veranlaßt, die Maschine rückwärts schlagen zu lassen und ehe noch das

richtige Kommando zur Ausführung kam, hatte die Strömung die Fahrzeuge

an der unrechten Seite gefaßt; kein Anker noch Maschinenkraft konnte

das Verhängniß ablenken, nach Sekunden schon saß ein Leichter auf

Grund, mit gewaltigem Druck schoben die Wassermassen alles höher und

höher hinauf, bis im Sande festgewühlt, an ein Freikommen nicht mehr zu

denken war.

Mühselig war die Arbeit, welche nun begann. Hätten die Anker in dem

Wellsand nur Halt finden können, wäre solche in etwas uns erleichtert

worden, aber alle Versuche schlugen fehl. Nach Stunden waren wir erst

soweit, den »Pfeil« von den an seinen Seiten liegenden Leichtern

zu befreien. Bis zum späten Nachmittag wühlten alle Mann unter dem

Schiffsboden den Sand hinweg, bis schließlich ein Bett gegraben war,

in welchem der Dampfer sich etwas bewegen und sich darauf, ehe noch

die Dunkelheit hereinbrach, aus der schlimmen Lage befreien konnte.

Trotz der herrschenden Abspannung brachte ich noch lange Leinen vom

nun freiliegenden »Pfeil« bis zu den Leichtern, um ohne Aufenthalt am

nächsten Morgen mit dem Abschleppen beginnen zu können.

Diese Ausführung meiner Absicht vereitelte aber nochmals der starke

Strom, indem, als wir im besten Zuge, einen Leichter bereits

freigeschleppt hatten, dieser das Fahrzeug so hin- und hergieren

machte, daß kein Halten war und die Fahrstraße, an und für sich eng,

bedingte bald ein Berühren des Grundes, so daß die Leine brach, und,

ohne es verhindern zu können, der Leichter in einer noch schlechteren

Lage zu liegen kam. Beim angestellten Versuche, diesen aus solcher zu

befreien, gerieth auch der »Pfeil«, weil dessen Anker nicht halten

wollten, mit auf Grund und die schwere Arbeit begann von Neuem.

Von der Holzstation oberhalb Schupanga, wo der »Herald« nach seiner

Rückkehr von der ersten Tour Station gemacht, hatte Kapt. Robertson

unsere angestellten Versuche, über die Untiefe hinwegzukommen, bemerkt,

er sandte auch am anderen Tage ein Boot und ließ bedauern, uns keine

Unterstützung bringen zu können, da er in Folge einer Havarie in der

Stromschnelle des Ziu-Ziu seine Maschine hatte auseinandernehmen müssen.

In den Vormittagsstunden dieses Tages, als wir bereits einen Leichter

wieder frei gemacht hatten, kam auf eine Nachricht hin, die vom

»Herald« nach Ntoboa gesandt worden war, Dr. Bumiller mit Unterstützung

an; diese frischen Kräfte, der Mannschaft auf den Fahrzeugen an Zahl

noch überlegen, förderten das Werk ungemein, und ehe noch am Horizont

die Sonne entschwunden, hatten wir wohlbehalten unser Lager erreicht.

Während der Dauer unserer Abwesenheit hatte sich in der Nähe des Lagers

ein Vorfall ereignet, der die ganze umwohnende Bevölkerung in Aufregung

gebracht hatte. Nämlich das seltene Erscheinen der Krokodile, die von

unserer Seite arg verfolgt worden waren, hatte die Eingebornen ihre

sonst beobachtete Vorsicht vergessen lassen und sorglos, wie diese

Naturkinder sind, hatten sich wieder junge Mädchen beim Wasserholen

bis in den Fluß hineingewagt. Diese Unvorsichtigkeit, der so oft schon

junge Menschenleben zum Opfer gefallen, wurde hier wieder die Ursache

eines Unglücks.

Die Menschenräuber, die mit zäher Ausdauer auf ihre Beute warten,

wählen sich so gute Verstecke, daß selbst das scharfe Auge des Negers

diese nicht entdeckt und nur dadurch, wenn ein Krokodil zum Athemholen

die Nase über Wasser hält, dieses leicht bewegt oder auch ein sehr

geringes Geräusch durch Lufteinholen verursacht, wird der Bewohner

dieser Flußufer stutzig gemacht, er weiß dann, daß der grimme Feind in

der Nähe ist und er meidet solchen Ort, wo das Verderben lauert, dem er

machtlos gegenübersteht.

In diesem Falle nun war ein junges Mädchen einem solchen Unthier

zur Beute gefallen; kein Jammer half von Seiten der Angehörigen.

Mochten auch noch so viele Männer mit Pfeil und Bogen oder alten

fast unbrauchbaren Feuerbüchsen dem Unholde auflauern, dieser blieb

verschwunden, wenigstens aus dem Bereiche der für ihn eigentlich

unschädlichen Waffen. Einen andern Eindruck hatte dieser Vorfall aber

auf die im Lager anwesenden Europäer gemacht, fast als wäre die Parole

»Tod und Verderben dem Krokodil« ausgegeben worden, so schonungslos

wurden diese Thiere zusammengeschossen und namentlich von Seiten des

Leutnants Bronsardt von Schellendorf manches getödtete Krokodil ins

Lager gebracht.

Wie es der Zufall wollte, schoß auch der Sergeant Eben auf einer

Sandbank, unterhalb Ntoboa ein gewaltiges Krokodil, das von den

bei solchen Jagden nun stets anwesenden Eingebornen, die stets ein

Jubelgeschrei anstimmten, wenn ein Räuber sein Leben lassen mußte,

geöffnet wurde und wider Erwarten als das Thier erkannten, welches das

junge Mädchen geraubt hatte. Die Beweise dafür waren leicht an den im

Magen des Krokodils gefundenen Schmuckstücken, welche das unglückliche

Opfer getragen, erbracht. Der glückliche Schütze, konnte sich nun den

Dankesbezeugungen der Bewohner kaum entziehen, sie brachten ihm von

ihrer geringen Habe alles mögliche zum Geschenk, meistens Eßwaaren,

denn wenig mehr haben diese einfachen Kinder der Natur zu geben.

Wenigstens wird für lange Zeit die Erinnerung an die hier rastende

deutsche Expedition, die einen wahren Vernichtungskrieg gegen den

furchtbaren Feind eröffnet hatte, in den Eingebornen lebendig bleiben.

Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See. · 第 6 / 51 段