das ausschließlich ihnen zur Nahrung dient, darum, wo immer ein Hügel
von diesen Thieren gebildet worden, ist vorauszusetzen, daß ein halb
oder ganz abgestorbener Baum an jenem Orte gestanden hat; der umbaute
Stamm und die Wurzeln dienen dann für lange Zeit als Nahrung.
Der größte in einer Ecke des Lagers befindliche Hügel von 17 Fuß Höhe,
der in der Basis etwa 60 Fuß Umfang hatte, war in der erwähnten Weise
um einen mächtigen zum Theil noch grünenden Baum aufgeführt worden.
Es ist wohl anzunehmen, da die Erdmassen körnchenweise aus der Tiefe
heraus aufgeführt worden sind, daß es eines langen Zeitraumes bedurfte,
solche Hügel aufzuthürmen, und wie ausgedehnt müssen die Gänge und der
Bau unter der Erdoberfläche noch sein, wenn man bedenkt, was für ein
Volumen solch ein großer Hügel ausfüllt.
Bis zur Spitze dieses erwähnten Hügels ließ ich später noch eine
Treppe führen und, die Kuppel etwas abflachend, einen Ruhesitz dort
oben herrichten, das mächtige schattige Gezweige des Baumes bot einen
angenehmen Aufenthalt, und höher im Geäst bot sich eine vorzügliche
Aussicht auf die Umgebung dar.
Die Beschaffenheit der obern Erdschicht scheint für die Ansiedelung
der Termiten eine Hauptbedingung zu sein, denn nirgend wo anders als
im Lehm oder thonhaltigen Boden fand ich sie vertreten, dort aber
auch in solcher Anzahl, daß man der vielen Bauten wegen diesen die
Bezeichnung Termitendorf beilegen könnte; öfter liegen diese Hügel so
nahe zusammen, daß zwei oder mehrere in eins vereinigt schienen; hatte
dazu die Vegetation auf solchen Hügeln Fuß gefaßt, ließ ihre Ueppigkeit
kaum noch die Einzelheit derselben hervortreten. An anderen Orten und
zu anderer Zeit, wenn wir an das flüchtige Wild uns heranzupürschen
suchten, boten diese Hügel in den Grasgefilden oder an der Waldlisiere
gute Aussichtspunkte und Deckung.
Das Dorf Ntoboa, von unserem Lager durch einen ausgedehnten Busch
getrennt, hatte ich öfter Gelegenheit zu betreten, namentlich, wenn
ich die ausgesandten Soldaten bei ihrer Arbeit zu kontrolliren
oder anzuweisen ging. In der weiten, das ganze Dorf umschließenden
Umzäunung, waren auch die einzelnen Gehöfte, aus Häuser oder Hütten
bestehend, mit einem Rohrzaun umschlossen, so daß die einzelnen
Familien von einander völlig getrennt, jede ihren besonderen Besitz
inne hatte. Ein Anwachsen solcher geschlossener Familien geschieht auf
folgende Weise: ein sich verheirathender junger Mann hat fortan sich
der Familie seines Schwiegervaters eng anzuschließen und muß seine
Hütte in dessen Gehöft erbauen oder aus Mangel an Platz dicht daneben;
die Interessen sind hinfort die gleichen, gemeinsames Ackerland,
gemeinsame Jagd und Arbeit, soweit von letzterer bei den Männern
überhaupt die Rede sein kann.
Die ungewöhnliche Erscheinung, peinliche Reinlichkeit in einem
Negerdorfe vorzufinden, überraschte mich hier sehr, in der That waren
die freien Plätze im Dorfe rein und sauber, wie eine Tenne fest und
glatt und gereichten den Bewohnern zur besonderen Zierde. Ernst und
zurückhaltend, wie die Bewohner dieses Dorfes waren, kann ich kaum
behaupten, daß wir in näherer Beziehung zu ihnen getreten sind; mit
weiser Bedachtsamkeit hielten sie sich von uns fern, wiesen auch den
sonst unverfrorenen Suaheli in seine Schranken zurück. Traf ich aber
auf meinen Gängen Faulenzer im Dorfe herumliegend an, kamen solche
öfters nicht ohne handgreifliche Verwarnung weg, was äußerst nothwendig
war, um das vorherrschende gute Einvernehmen der Einwohner mit uns
aufrecht zu erhalten.
Erwähnenswerth sind die wenigen Häuser im Dorfe, welche von einer
besonderen Kunstfertigkeit und Geschmack Zeugniß ablegen. Die Art der
Herstellung erinnerte mich an die Wohnhäuser der Marschall-Insulaner im
fernen stillen Ocean und sind, im Gegensatz zu den runden Hütten mit
aufgesetztem Grasdach, eine besondere Erscheinung. Fast überall dort,
wo Termitenhügel in der Nähe, bekleiden die Eingebornen die Wände ihrer
Hütten innen und außen mit dieser vorzüglichen Thonmasse, diese gewährt
hinreichenden Schutz gegen die kalte Nachtluft, die im Verhältniß zur
heißen Tagesgluth recht empfindlich sein kann.
An Abwechslung, soweit es Gäste betraf, die im deutschen Lager kurze
Rast hielten, fehlte es nicht, Engländer, Portugiesen, selbst ein
Deutscher, Herr +Dr.+ Merensky, vom Nyassa-See zurückkehrend,
nahmen die gebotene Gastfreundschaft dankend an; konnten wir doch jetzt
noch, im Beginn unserer Expedition, die Gäste angemessen bewirthen.
Von dem Kommen des letzteren Herrn unterrichtet, hatte schon Major
von Wißmann mir den Auftrag ertheilt, denselben nicht vorüberziehen
zu lassen ohne wenigstens mit ihm gewisse Punkte besprochen zu
haben, sollte sich aber Herr +Dr.+ Merensky bewegen lassen,
des Majors Rückkehr im Lager abzuwarten, würde er dieses als eine
besondere Gefälligkeit zu schätzen wissen. Aber so gerne +Dr.+
Merensky seine lange Reise auch unterbrochen hätte, gestattete die
Nothwendigkeit ihm nur einen kurzen Aufenthalt zu nehmen, und ich,
meinerseits wissend, der Major könne nicht mehr allzufern sein,
ersuchte ihn, auf seiner Weiterreise, wenn angängig, dem Wunsche des
Majors zu entsprechen und eine Unterredung herbeizuführen.
Das Lagerleben in den Grassteppen und Waldungen Afrikas besitzt,
abgesehen von gewissen Entbehrungen, einen eignen Reiz. Es lassen sich
aber doch, selbst in einer so unwirthlichen Gegend, diesem angenehme
Seiten abgewinnen. Das halbe Kriegerleben, das wir führten, bedingte
schon, daß die Waffe unser beständiger Begleiter war, diese daher zu
gebrauchen und ihrer sicher zu sein, lag in dem Bestreben aller, und
ich meinerseits suchte dieses dadurch zu fördern, daß, sofern Zeit und
Umstände es gestatteten, Preisschießen abgehalten wurden.
War der Gewinn, etwa eine Flasche Cognac, als Preis auch gerin, so war
es mehr die Ehre, gelegentlich der beste Schütze zu sein, als daß der
ausgesetzte Preis des Siegers ausschließliches Eigenthum geblieben
wäre, vielmehr war eine kameradschaftliche Vertheilung allgemeiner
Gebrauch. Anregender als Scheiben und Flaschen abschießen war es für
uns, wenn ein Krokodil das Zielobjekt abgeben konnte.
Es muß für diese Thiere ein wonniges Behagen sein, sich von der
glühenden Sonne den Körper durchwärmen zu lassen und sich dem sorglosen
Schlafe hinzugeben, dazu von Vögeln, die stets am Ruheort des Thieres
sich aufhalten, die Parasiten absuchen, ja selbst am Gaumen des
mächtigen Rachens die Ueberreste einer Mahlzeit herauspicken zu lassen,
und ob diese kleine behende weißgraue Vogelart auf dem Rücken oder
Kopf des Krokodil herumläuft und Nahrung sucht, nie wird das mächtige
Thier seinen gefiederten Pflegern etwas zu Leide thun; vielmehr scheint
das Geschrei, welches dieser Vogel erhebt, sobald etwas Auffallendes
sich zeigt, ein Warnungsruf zu sein, um seinem Freunde eine Gefahr
rechtzeitig anzuzeigen.
Flußpferde sahen wir hier nur vereinzelt auf den entfernteren
Sandbänken sich tummeln, selten, daß eines sich so weit vorwagte, um
von unsern weittragenden Kugeln erreicht zu werden, aber das Grunzen
dieser Kolosse tönte durch die Stille der Nacht und weckte im Verein
mit der Hyäne, die ihr Lachen bald hier bald dort erschallen ließ, uns
aus dem Schlummer.
Bemerkenswerth ist eine hier schon vorkommende Adlerart, ein
schwarzbrauner, kräftiger Vogel mit scharfen großen Fängen, hoch in
den Lüften kreisend, erspäht sein scharfes Auge die Beute, und sieht
er sich unbeachtet, schießt er pfeilgeschwind aus der Höhe nieder, und
mit den Krallen ein Huhn, Ratte oder sonstigen Abfall fassend, eilt
er schnellen Fluges davon. Anfänglich hielt ich diese Vogelart für
schädlich und schoß sie aus den Lüften oder von den Baumästen nieder,
allein bald erkannte ich die Nützlichkeit dieser Thiere und schonte sie
hinfort. Ein Beispiel davon, daß die Natur nichts Unnützes geschaffen,
hatte ich in dieser Vogelart wieder vor mir; wir Menschen sehen nur
leider die Schädlichkeit gewisser Thiere, nicht ihren Nutzen und führen
gegen solche Geschöpfe einen ungerechten Krieg, forschen und suchen
nicht zu ergründen, was die ewige Weisheit vorbedacht hat. Nicht nur,
daß dieser Vogel den schlimmen Nagern, von welchen wir in der Folge
viel zu leiden hatten, ein grimmiger Feind war, bewährte er sich
vielmehr als eine Art Polizei, die auf Reinlichkeit äußerst bedacht
war; denn alle Abfälle, welche achtlos fortgeworfen wurden, den Ratten
und Mäusen ein willkommenes Futter, wurden von diesem im und außerhalb
das Lagers aufgesucht, und wurde auch ein Hühnchen, das zuweilen
achtlos herumlief, mit aufgegriffen, war doch der Verlust im Gegensatz
zum Vortheil nur ein geringer.
Der Ricinuspflanze, die in dieser Gegend stark vertreten ist,
begegneten wir überall, meistens in Form eines kleinen Bäumchens
oder einer Staude mit lappigen Blättern; die Früchte rundlich, an
ihrer äußeren Schale mit weichen Dornen besetzt, enthalten in den
bohnengroßen Samen das so viel benutzte Oel. Die Nützlichkeit dieser
Pflanze scheint den Eingebornen hier nicht sonderlich bekannt zu sein,
wenigstens konnte ich solches aus meinen Erkundigungen schließen, eine
Verwerthung indes mußten sie aber doch dafür haben, wenn auch nicht
in dem Sinne wie wir; es ist jedoch schwer, dieses zu erfahren. Die
Geheimnisse kennt der gewöhnliche Neger nicht und die klugen, also z.
B. die Medizinmänner, verrathen sie nicht.
In diesem Monat Juli trat schon ein merklicher Unterschied zwischen
der heißen Tagesgluth und den kühlen Nächten ein, solche Abkühlung
hatte häufig dichte Nebel zur Folge, die erst am frühen Morgen der
mächtiger durchdringenden Sonne zu weichen begannen. Am Abend, nach
des Tages Mühe, saßen wir oft am Ufer des Zambesi und schauten auf die
murmelnden Gewässer und die weite Wildniß hinaus, unter dem glänzenden
Sternenhimmel in solcher Tropennacht gedachten wir der fernen Heimath,
bis der Trompeter Ruhe im Lager blies und Jeder in Zelt oder Hütte
den erquickenden Schlummer suchte. Nichts als der Schritt des Postens
unterbrach die Stille der Nacht; nur zuweilen wurde die Hyäne der
Störenfried, aber man gewöhnt sich an die Stimmen der Natur und achtet
schließlich nicht mehr so sehr darauf.
3. Im Lager von Ntoboa.
Am Sonntag, den 7. August, wurde von dem zur Ausguck aufgestellten
Posten in früher Stunde der zurückkehrende Transport gemeldet und nach
wenigen Stunden traf Major von Wißmann im Lager ein, mit ihm die Hälfte
des Expeditions-Personals. Nach kurzer Besichtigung der vollendeten
Arbeiten und Inspizirung der unter Gewehr aufmarschirten Soldaten,
traten bald darauf sämmtliche Mannschaften an, und das Entlöschen der
Leichter wurde mit möglichster Eile ausgeführt, denn Herr von Eltz
sollte schon am nächsten Morgen mit den leeren Fahrzeugen nach Chinde
zurückkehren.
So groß und den Verhältnissen entsprechend ich auch das Lager angelegt
hatte, war es doch bei so bedeutendem Material und der nun an Zahl
beträchtlichen Mannschaften etwas beschränkt, namentlich mußte der
Exerzierplatz außerhalb desselben verlegt werden, da zum Aufstapeln und
Hantiren des Proviantes hinreichender Raum geschaffen werden mußte. Die
Vertheilung und Zusammenstellung desselben leitete +Dr.+ Bumiller;
mußte doch eine große Sorgfalt auf unsere Vorräthe angewendet werden,
um nach Jahr und Tag, so gut wie im Anfang, mit allem versehen zu sein.
Namentlich waren es sogenannte Wochenkisten, die aus dem Nothwendigsten
zusammengestellt wurden, und die später, wenn erst die Expedition weit
vertheilt sein würde, jedem Mangel vorbeugen sollten.
Was die noch auszuführenden Arbeiten anbetraf, welche der Major
vor seinem Auszuge zu einer Jagd-Expedition, die er bald darauf in
Begleitung des Sergeanten Bauer und einer genügenden Anzahl Soldaten
unternahm, bestimmt hatte auszuführen, so leitete ich diese nach wie
vor. Bedenkt man aber, mit welchem Zeitaufwand und Schwierigkeiten das
Baumaterial herangeschafft werden mußte, so kann man sagen, daß rege
Thätigkeit gewaltet haben mußte, um in solch kurzer Zeit, auf solchem
Terrain, ein kleines Dorf, wie es unser Lager im Anblick darbot,
entstehen zu lassen.
Mit dem größeren Bedarf an Lebensmitteln wuchs auch der Verkehr mit den
Eingebornen, und hatten wir bisher nur die nähere Bekanntschaft der am
Fluße selbst lebenden Eingebornen gemacht, so lernten wir nun auch weit
im Inlande wohnende Stämme kennen. Auffällig war die vorherrschende
Unreinlichkeit bei diesen Leuten, was wohl daraus zurückzuführen ist,
daß vielfach Mangel an Wasser sie die Wohlthat des Waschens entbehren
läßt. Bei den Frauen und Mädchen tritt diese Nachlässigkeit um so
eher hervor, als namentlich ihre Kopffrisur meistens mit Asche und
Sand bedeckt ist. Sie besitzen einen gewissen Stolz darin, diese nach
eigenartiger Methode aufzuputzen, nämlich das kurze krause Haar wird
in möglichst langen Strähnen geflochten, wozu, nebenbei gesagt, schon
eine Art Kunstfertigkeit gehört, dieses fertig zu bringen, und damit
diese herunter hängen bleiben, bedienen sie sich daran gehängter
Gewichte, verfertigt aus der Masse, welche die Termiten aus der Erde
heraufschaffen.
Es macht einen eigenthümlichen Eindruck, fünfzig und mehr solcher
Strähnen an den Schläfen, Vorder- und Hinterkopf herumbaumeln zu sehen,
und, da solche Frisur nicht alle Tage vorgenommen werden kann, vielmehr
wohl recht lange vorhalten muß, so ist es erklärlich, daß man, wie wir
zu Lande sagen würden, Petersilie auf der Kopffläche säen könnte.
Jener Jagdausflug, von welchem der Major nach sechs Tagen zurückkehrte,
war ein überaus ergiebiger gewesen. Die Theilnehmer berichteten von
Schaaren edlen Wildes, das sich sorglos in den weiten Grassavannen
und lichten Wäldern aufhält, und einem guten Schützen es leicht
sei, an die Beute heranzukommen. Büffel, Kudus, Zebras, Wasser- und
Riedböcke, ja selbst der Elephant wäre beschlichen worden. An Beweisen
für die Eifrigkeit der Jäger fehlte es auch nicht, eine Anzahl großer
Antilopen, stattlicher als unsere Hirsche, brachten sie noch mit, und
so lange der Vorrath reichte, hatten wir im Lager für mehrere Tage
Fleisch, vor allen war den Soldaten solche Abwechslung hoch willkommen.
Hatten wir bisher nur erst wenige Strapazen durchgemacht, welche ich
als gering bezeichnen kann im Verhältniß zu denen, die unser warteten,
so äußerte das Klima sich doch in der Weise, daß es allmählig die
Widerstandsfähigkeit des Körpers untergrub und Fieberanfälle waren
selbst unter unsern Soldaten keine seltene Erscheinung. So ergab es
auch die Nothwendigkeit, daß ich, weil selbst Major von Wißmann und
+Dr.+ Bumiller erkrankt waren, das Kommando im Lager für längere
Zeit zu übernehmen hatte.
Wie bereits vorher erwähnt, hatten wir viel von den Nagethieren und
Ameisen zu leiden, und, was Vernichtungswuth anbetrifft, muß ich den
unscheinbaren Thierchen den Hauptantheil zusprechen, denn jede Kiste,
jedes Stückchen Holz, das unvorsichtiger Weise auch nur für eine Nacht
ohne Unterlage auf den Erdboden gestellt worden war, wurde angefressen
und sie waren im Stande, dreiviertelzöllige Bretter in wenig Tagen
zu zerstören. Selbst der Inhalt der Kisten, sofern Holztheile darin
enthalten waren, blieb nicht verschont.
Es ist unglaublich, aber thatsächlich wachsen die weißen Ameisen aus
dem Erdboden hervor. Z. B. der Boden, worauf eine Kiste gestellt
wurde, ist fest und hart; kein Anzeichen eines Lebewesens läßt sich
auch nur voraussetzen, und doch, in einer Nacht wimmelt es schon von
abertausend kleiner weißer Wesen, die in dem Holze lange Furchen
gezogen haben, worin man einen Finger hineinlegen könnte. Der Boden
ist von einer von diesen Thierchen abgesonderten Substanz feucht und
lehmhaltig, geeignet, an dem Holze zu haften und gar bald bauen sie
verdeckte Gänge aus diesem Stoffe außerhalb auf, um so von allen Seiten
einen Gegenstand, der ihren scharfen Nagewerkzeugen verfallen ist, zu
umschließen. Die Vermehrung dieser Ameisen muß in das Unglaubliche
gehen, wo ihnen die Vorbedingungen zur Existenz geboten sind, sonst
ist es nicht zu verstehen, wie sie so zahlreich in solch kurzer Zeit
auftreten können; ich habe oft den Erdboden untersucht und nichts
gefunden und doch waren diese schlimmen, unvertilgbaren Thiere
vorhanden.
Was nun noch Ratten und Mäuse anbetrifft, so hatte hier eine förmliche
Einwanderung stattgefunden, denn, angelockt durch reiche Vorräthe, wie
solche im Lager an Mais und Mtama aufgestapelt lagen, waren diese
Nager, die im weiten Umkreise auf den Feldern der Eingebornen ihren
Wohnort hatten, herbeigeströmt, und bald in Schuppen und Hütte, Zelt
und Lagerräumen eingenistet, so daß an ein Austreiben nicht mehr zu
denken war.
In den Grasdächern und Wänden war ihnen nicht beizukommen, wir mußten
wider Willen den unliebsamen Gästen Freiquartier geben und es geduldig
uns gefallen lassen, wenn es Nachts einzelnen beliebte, über Gesicht,
Brust und Füße Spaziergänge zu unternehmen; mit Geschicklichkeit
sprangen sie von den Dachsparren herunter auf das Bett, und,
aufgeschreckt aus dem Schlafe, schlug man wohl nach jener Stelle,
allein die gewandten Vierfüßler waren weit hinweg. Unangenehmer schon
wurde es, wenn sie an den Nägeln der Fußzehen ihre scharfen Zähne
probirten, wobei sie es nicht so genau nahmen und etwas Haut mitfaßten,
was für den Schläfer dann eine etwas unangenehme Empfindung war.
Diese hier ziemlich furchtlose, man könnte fast sagen unverschämte
Gesellschaft, zwang uns, die hier weniger benutzten Mosquitonetze
wieder auszuspannen, um so vor den nächtlichen Besuchern einigermaßen
geschützt zu sein.
Gestattete es mitunter meine Zeit, daß ich mit den Leuten die
Proviantsäcke, zwischen denen die Ratten namentlich Standquartier
genommen hatten, auseinanderwerfen konnte, dann ging es vielen an das
Leben. Ein doppelter Cordon von mit Stöcken etc. bewaffneten Leuten
umstand den Lagerplatz und jedes Thier, das diesen zu durchbrechen
suchte, wurde erschlagen; der Vernichtung entgingen nur solche, die
sich in den Erdlöchern oder in den Säcken selbst geflüchtet hatten. Es
war nichts Seltenes, daß auf solcher Jagd 70 und mehr Ratten getödtet
wurden.
Köstliche Scenen mit Halloh und Geschrei gab es bei solcher
Gelegenheit stets von seiten der Soldaten; gelang es einer Ratte,
die nicht entweichen konnte, Zuflucht in das Hosenbein eines Mannes
zu finden und am nackten Körper hinaufzulaufen, dann sprang dieser
wie besessen umher, bis einer seiner Kameraden die Ratte erfaßt und
ihr durch kräftigen Druck das Lebenslicht ausgeblasen hatte. Konnten
die gejagten Thiere nicht mehr am Boden entschlüpfen, versuchten sie
oben hinauszukommen. Wahre Kraftproduktionen führten sie aus, indem
sie auf die Schultern eines gebückten Mannes sprangen und von hier,
sobald dieser durch die Berührung emporschnellte auf den Kopf oder
Rücken des nächsten, und solchen kühnen Springern gelang es öfter, zu
entkommen. Während solcher Jagd kreisten hoch in den Lüften die Adler
und erspähten scharfen Auges die Beute; eine ermattete Ratte, wenn sie
es wagte, über eine freie Stelle zu laufen, um eine Zuflucht zu finden,
war bald in den Fängen der pfeilgeschwind niederschießenden Vögel;
selbst so weit ging der Jagdeifer dieser Polizisten, daß sie sich
nicht scheuten, ihre Beute selbst in der Nähe des Menschen zu erfassen
und solche in die Lüfte zu entführen.
Am Abend des 18. August, als in dunkler Abendstunde von Schupanga
Signalraketen die Ankunft des neuen Transportes anzeigten (welches
Signal wir vom Lager aus durch helles Feuer beantworteten), brachten
gleichzeitig Boten von Misongwe die Nachricht, daß die beiden
englischen Kanonenboote »Herald« und »Mosquito« dort eingetroffen
seien, auch zufolge wichtiger Nachrichten die Gegenwart des Majors
von Wißmann dort erwünscht erscheine. Daraufhin, sobald am nächsten
Morgen der Transport das Lager erreicht hatte und mit dem sofortigen
Entlöschen begonnen worden war, versuchte der Major mit dem »Pfeil«
die Untiefe vor Ntoboa zu passiren, was auch, da vom »Pfeil« alles
überflüssige Inventar an Land gebracht war, dieses Mal gelang.
An dem bereits erwähnten Vertrage, der uns die Unterstützung der
Engländer sicherte, wurde nichts geändert, vielmehr nun zur sofortigen
Ausführung geschritten. Zurückgekehrt von Misongwe am 19., sollte der
»Pfeil« im Verein mit den Kanonenbooten am 20. früh flußabwärts nach
Schupanga gehen, wo nach Ausschiffung einer Kompagnie Soldaten für
alle Schiffe Brennholz zu schlagen sei; inzwischen sind beim Lager
zwei Leichter und die großen Sektionsboote zu beladen, mit welchen
die Kanonenboote dann flußaufwärts den Schire zu gewinnen suchen und
so weit vordringen würden, als es die Wasserverhältnisse irgend nur
gestatten sollten. So lautete der Tagesbefehl!
Ueberraschend für mich aber war die mir vom Major gemachte Eröffnung,
daß ich mit dem »Pfeil« flußabwärts zu gehen und den letzten Transport
von Chinde heraufzuführen habe; nicht als scheute ich mich, diese
Aufgabe zu übernehmen, sondern der hierdurch vereitelte Wunsch, mit
vorwärts gehen zu können, war eine unerwartete Ueberraschung. Im
Uebrigen, da ich wußte, daß dieser letzte auch der schwerste Transport
sein würde, dessen Führung der Major dem in Chinde noch weilenden
Obersteuermann nicht anvertrauen mochte, sonst nur als Führer Herrn von
Eltz übrig hatte, über dessen Person er aber bereits anders verfügt,
konnte ich es nur zur Ehre anrechnen, das Schwerste ausführen zu
sollen.
Sobald der »Pfeil« zur Abfahrt bereit und ich mich vom Major
verabschiedet hatte, dampften wir flußabwärts zunächst nach Schupanga,
um uns dort mit genügend Brennholz zu versehen. Schnell, mit Hülfe der
zur Verfügung stehenden Kräfte, war diese Arbeit gethan und sodann
die Thalfahrt antretend, kamen wir, unbehindert durch Leichter oder
Boote, sehr rasch vorwärts. Einige Male nur nahmen wir uns die Zeit,
auf Sandbänken liegenden Krokodilen wohlgezielte Kugeln zuzusenden;
zwei dieser mächtigen Unthiere fielen uns denn auch dadurch zur Beute,
daß es ihnen nicht gelang, das schützende Wasser zu erreichen, wir
nahmen das größte mit nach Chinde, wo wir am nächsten Nachmittag
anlangten, um solches den noch dort weilenden Sudanesen als willkommene
Abwechslung ihrer Mahlzeiten, zu überlassen.
Ich fand die beiden letzten Leichter nahezu beladen vor, sah aber ein,
daß, wenn, wie der Befehl lautete, alles mitgenommen werden sollte,
ein Ueberfüllen der Fahrzeuge die Folge sein würde, dazu mußte so viel
Brennholz, als nur irgend unterzubringen war, eingeschifft werden,
um nicht wieder durch Mangel daran am Vorwärtskommen behindert zu
sein. Deshalb, während des zweitägigen Aufenthalts, ließ ich alle
entbehrlichen Kräfte noch von +Dr.+ Bumiller herangeschafftes Holz
zersägen, selbst die Häuser und Hütten niederreißen und die Stämme
auf den Fahrzeugen unterbringen. Obschon vom Fieber schwer geplagt,
das während einiger Tage im Körper wühlte, hatte ich doch die mir
gewordenen Aufträge nach bestem Können auszuführen, namentlich forderte
die Unterbringung und sichere Heimbeförderung eines entlassenen Mannes
mit einem englischen Schiffe, viel Aufwand an Zeit. Nach Einschiffung
der gesammten Mannschaft aber und Verabschiedung vom portugiesischen
Kommandanten zögerte ich mit der Abreise nicht mehr, setzte auch im
letzten Augenblick die Ueberreste des großen Lagers in Brand, so daß
nur Staub und Asche an der Stelle zurückblieb, wo lange Zeit eine
gewaltige Expedition Rast gehalten hatte.