gelehrt, daß unser »Pfeil« trotz seiner starken Maschine und
sonstiger guter Eigenschaften, für die Folge der Expedition keine
sehr wesentlichen Dienste werde leisten können, nur soweit, als die
Wasserverhältnisse es gestatteten, war er uns von großem Nutzen; der
stromaufwärts immer flacher werdende Fluß setzte selber diese Grenze
fest. Dieser Umstand bewog wohl hauptsächlich Major von Wißmann, den
gemachten Anerbietungen der Engländer zuzustimmen, und nach den später
in Kraft getretenen Abmachungen sollten diese in folgender Weise zur
Ausführung gelangen.
Die beiden englischen Schiffe haben der deutschen Expedition ihre
Unterstützung zu gewähren und diese zunächst bis Misongwe, dem größten
Handelsorte am unteren Zambesi zu bringen. Von dort setzen die
Kanonenboote ihre angefangene Reise den Schire aufwärts fort, kehren
später zurück und bringen das gesammte Material der Expedition bis nach
Port Herald, bis wohin der Schire in dieser Jahreszeit noch befahrbar
sein würde. Major von Wißmann schafft in der Zwischenzeit seine
Expedition mit Hülfe des »Pfeil« von Chinde nach Misongwe resp. dem
Orte, wo die Nothwendigkeit gebietet, ein Lager zu beziehen. Ist nun
nach einigen Monaten diese Arbeit vollendet und bis nach Port Herald
alles hinaufgeschafft worden, erhalten die Engländer zwei unserer
großen Leichter zur freien Verfügung, vermittelst welcher sie das
Material für ihre Kanonenboote bis Katunga schaffen können.
Mit dem Grauen des nächsten Tages, sobald alles wieder eingeschifft
worden war, holten wir die Leichter und Boote über die den ganzen Fluß
sperrende Untiefe bis zum Ankerplatz der englischen Schiffe; eine
mühevolle Arbeit aber war es, denn oft saßen die Fahrzeuge fest und
es gelang erst diese vorwärts zu bringen, wenn Anker an langen Tauen
aufgebracht worden waren; wollte auch dieses nichts helfen, mußten alle
Mann in das zwei Fuß tiefe Wasser, um zu schieben, gleicherzeit aber
auch, um die Last des Bootes zu vermindern.
Als der Leichter längsseit der »Herald« gebracht war, suchte das Schiff
tieferes Wasser zu gewinnen, aber, abgedrängt durch die Strömung, saß
es bald auf Grund und hatte, nachdem der Leichter wieder freigegeben
war, Mühe genug, selbst flott zu werden. Dem »Mosquito« gelang es
besser, an jeder Seite ein Sektionsboot, wurde die Steuerfähigkeit
dieses Schiffes nicht so beeinträchtigt, deshalb gaben wir das kleinere
unserer Boote an den »Herald« ab und der »Mosquito« nahm den Leichter
auf; endlich nach vielen Windungen, bald rechts, bald links tiefere
Stellen suchend, gelangten wir in freieres Wasser.
Oberhalb Schupanga dehnen sich weite Waldflächen aus, die bis zum
Ufer herantreten und dem weiten Gebiete einen freundlicheren Anblick
gewähren, als wie die bisher durchzogenen trostlosen Einöden, die nur
mit Rohr und Gras, seltener Busch und Baum, bewachsen waren. Man darf
sich unter der Bezeichnung Wald hier noch nicht eine Vergleichung
mit den Forsten der Heimath vorstellen, denn, verwachsene Baumarten,
untermischt mit schlanken Stämmen, nehmen die Beschaffenheit eines
Urbusches an; keine Hand verhindert das Emporschießen des Unkrauts, der
Schlingpflanzen etc., und in wilder Ueppigkeit sprießt die Vegetation
empor, oft für Mensch und Thier undurchdringlich.
Etwa zwei Stunden oberhalb Schupanga, unter einem steilen bewaldeten
Ufer, fanden wir die Holzstation. Hier sind jederzeit wenigstens einige
Stapel Holz zu erhalten, die ein Halbportugiese verkauft, der den
Ertrag dem Gouvernement einzuliefern hat.
Diese Mischlinge, dunkler fast als die Eingebornen selbst, kaum daß
noch europäisches Blut in ihren Adern nachweisbar wäre, sind furchtbar
stolz auf ihre Abstammung, und würde man versucht sein, sie mit dem
Neger auf derselben Stufe stellen zu wollen, die bloße Andeutung nur
wäre schon eine schwere Beleidigung und ihr Haß nicht ganz gefahrlos.
An Gestalt sind sie fast klein und schmächtig, sie haben aber im Laufe
der Jahrzehnte unter den Bewohnern des weiten Gebietes großen Einfluß
erlangt, und, da vornehmlich das Beamtenthum durch sie vertreten wird,
sind sie die besten Kenner der Verhältnisse, aber auch nicht minder
schlimme Schatzmeister, die vom Eingebornen nehmen, was erhältlich
ist. Da der Holzvorrath hier nicht beträchtlich war, bei weitem nicht
den Bedarf der drei Dampfer deckte, so hatte ich gemäß der vom Major
erhaltenen Ordre, sämmtliche Leute nach unserer Ankunft mit Aexten und
Sägen ausgesandt, um Holz herbeizuschaffen. War bis dorthin, wo das
Fällen abgestorbener Bäume sich lohnte, auch eine Strecke zu gehen,
hatten wir doch nach einigen Stunden schon einen beträchtlichen Haufen
Brennholz zum Ufer geschafft.
Inzwischen, um die Mittagsstunde, war auch der »Pfeil« mit dem Major
von Wißmann angelangt, dieser hatte, da er absolut die Bank bei
Schupanga nicht passiren konnte, einen weiten Umweg machen müssen,
und in dem erwähnten Creek, der auch mit dem Hauptstrom in Verbindung
stand, eine schmale, aber tiefere Fahrrinne gefunden. Uebrigens ist
gerade an diesem Orte, wo der Fluß sich in drei Arme theilt, eine
schlechte von vielen Untiefen verlegte Passage; das Fahrwasser ändert
sich unausgesetzt. Nach Wochen findet man eine früher passirbare Stelle
ganz versandet vor, ohne daß stärkere Strömungen Einfluß gehabt hatten,
der lose Sand wird eben bald hier, bald dort abgelagert.
Ich war der Ansicht, daß wir uns tüchtig mit Holz für eine größere Tour
versehen müßten, weil bis Misongwe kein Holzplatz weiter vorhanden
ist; allein die Engländer, die das vorräthige Holz vom Portugiesen
aufgekauft, hatten bald ihren Bedarf gedeckt und wünschten, um nicht
Zeit zu verlieren, nun ihre Fahrt fortzusetzen. Daraufhin gab der
Major Befehl, mit dem Heranschleppen von Holz aufzuhören und mit
soviel Aexten als vorhanden wären sofort das Zerspalten und Zersägen
vorzunehmen. Hätten wir ahnen können, wie schwierig das weitere
Vordringen werden sollte, wie nach kurzer Distanz unüberwindliche
Hindernisse sich uns in den Weg stellen würden, ein solches Hasten und
Eilen wäre unnöthig gewesen. Wohl wußten die Engländer, daß voraus noch
die schwierigste Stelle im ganzen Fluß zu passiren sei, hofften jedoch,
die Boote über die Untiefen bringen zu können, sofern nur der »Pfeil«
im Stande sein würde, allein hinüberzukommen.
Um 2-1/2 Uhr Nachmittags, nachdem die englischen Schiffe die Boote,
der »Pfeil« den Leichter längsseit genommen, setzten wir unsere
Fahrt flußaufwärts fort. Im Kielwasser des leitenden »Herald«
folgend, ging anfänglich alles gut von Statten, bis nach etwa ein und
einhalbstündiger Fahrt das erste Hinderniß uns entgegentrat. Eine
schmale tiefere Rinne, welche den breiten Fluß quer durchschnitt,
gebildet durch angeschwemmte mächtige Bäume, deren Gezweig noch
hoch über Wasser emporragte, konnten wir wegen der sich kreuzenden
Strömung nicht schnell genug passiren, und seitwärts abgedrängt, kam
der Leichter auf Grund, und ehe noch die Taue gelöst werden konnten,
auch der »Pfeil«. Während dessen wir nun uns aus der unangenehmen
Lage mittelst Anker und Leinen zu befreien suchten, dampften die
Kanonenboote voraus, kamen ihnen aber, als wir nach einer Stunde
etwa folgen konnten, wieder näher. Der Grund dieser Verzögerung war
bald ersichtlich, die beiden Schiffe, trotz 2-1/4 Fuß betragenden
Tiefganges, waren nicht im Stande gewesen, eine über die ganze
Wasserfläche sich ausdehnende Untiefe zu passiren und hatten sich nach
vergeblichen Versuchen so fest gesetzt, daß sie nicht mehr rück- noch
vorwärts konnten.
Für uns war diese Wahrnehmung eine schlechte Aussicht, den vier Fuß
tiefgehenden »Pfeil« hinüberzubringen, denn was die flachgehenden
Schiffe nicht vollbringen konnten, mußte für den »Pfeil« eine
Unmöglichkeit werden.
Indes so leicht ließ sich Major von Wißmann durch entgegentretende
Hindernisse nicht abschrecken; ehe das Unmöglich von ihm anerkannt
wurde, mußte auch der ernstlichste Versuch gescheitert sein. Das Wollen
und Müssen, gepaart mit Energie, war eine mächtige Triebfeder, die das
ferne Ziel durch feste Willenskraft immer erreichbar scheinen ließ,
so viele und große Hemmungen natürlicher oder anderer Art sich auch
entgegenstellen mochten.
Nicht lange erst die Zeit durch Ueberlegen verschwendend, wurde nach
Angabe des Lootsen die Fahrrinne aufgesucht und dann Versuch auf
Versuch gemacht, um diese Untiefe zu passiren. Bald rechts, bald links
von dieser, wo immer nur der Peilstock einige Zoll Wasser mehr ergab,
arbeitete der »Pfeil« mit vollster Dampfkraft vorwärts; allein alles
Mühen war vergeblich. Darauf wurden viele unserer Leute nach allen
Seiten ausgesandt, um die Tiefe des Flußbettes zu untersuchen, und,
als nahe einer großen Sandbank eine etwas tiefere Stelle gefunden
wurde, ging es nochmals vor. Plötzlich aber saß der Leichter fest,
durch die Maschinenkraft vorne auf den Grund hoch geschoben, brachen
die Befestigungen; der »Pfeil«, ebenfalls gehemmt, erlitt durch den
erschütternden Ruck am Inventar Beschädigungen; alles, was nicht
fest versichert war, fiel an Deck, die starken Regelingstangen und
Sonnensegelstützen brachen oder wurden stark verbogen.
So ging es also nicht; der Leichter wurde losgelöst und mir fiel die
Ausgabe zu, denselben wieder flott zu machen. Der Major aber versuchte
aufs Neue, mit dem »Pfeil« allein durchzukommen.
Gewaltige Anstrengungen wurden noch gemacht, nichts unversucht
gelassen, um trotz alledem eine Durchfahrt zu erzwingen; hier aber
scheiterte die größte Energie und Willenskraft an einem natürlichen
Hinderniß, dem gegenüber der Wille machtlos war. Brachten wir nicht den
»Pfeil« hinüber, war ein weiteres Vordringen, wenigstens bis Misongwe,
wohin schließlich die englischen Schiffe, nachdem sie diese Untiefe
nach angestrengster Arbeit überwunden hatten, unsere Boote gebracht
hätten, zwecklos. Schließlich, als das Unmögliche nicht möglich gemacht
werden konnte, gab der Major weitere Anstrengungen auf und kehrte zum
Leichter zurück.
Was nun? Auf ein Steigen des Flußes in dieser Jahreszeit war nicht zu
rechnen, im Gegentheil, derselbe konnte leicht noch mehr fallen. Der
praktische Gedanke, den »Pfeil« zwischen Leichter und Boot zu heben,
war ausführbar, indes, da es sich um mehr als einen Fuß handelte, so
konnten wir das schwere Schiff mit unsern einfachen Mitteln nicht hoch
winden, es blieb also nicht anderes übrig, als den Rückzug anzutreten,
oder zu bleiben wo wir waren.
Das nahe, etwa fünfzehn Fuß hohe und steile Ufer, unter welchem eine
Strecke weit tieferes Wasser gefunden wurde, eignete sich nicht
besonders zum Lagerplatz; bis zu der vor wenigen Stunden verlassenen
Holzstation zurückzukehren, wo die Uferbeschaffenheit fast dieselbe
war, schien, nach den schon überwundenen Schwierigkeiten, noch weniger
rathsam, so, kurz entschlossen, wählte der Major von zwei Uebeln das
kleinere.
Weitere Schwierigkeiten, den »Pfeil« und Leichter unter Land zu
bringen, boten sich nicht mehr; bald lagen auch die Fahrzeuge durch
ihre Anker wohl befestigt am Ufer. Nachdem wir darauf die steile
Uferwand erklommen hatten, suchten wir uns oben einen Platz zum
Nachtquartier. Eine weite Grasfläche, im Hintergrunde Busch und Baum
und 6-8 Fuß hohe Termitenhügel, war das einzige was sich unsern Blicken
darbot, sonst kein lebendes Wesen im weiten Umkreise sichtbar. Das etwa
mannshohe Gras verhinderte auch, genügende Umschau zu halten, und erst
am nächsten Tage erfuhren wir, daß eine kleine Strecke flußaufwärts,
verdeckt durch den nächsten Urbusch, das Dorf Ntoboa liege.
Es war in der glühenden Sonne eine heiße Tagesarbeit gewesen, die
hinter uns lag, dennoch, bis zur sinkenden Nacht, mußten die von den
englischen Schiffen weit über die Untiefe geschleppten Sektionsboote
herangeschleppt werden, und die Bootsführer, Proviantmeister Illich und
Sergeant Bauer, hatten vollauf zu thun, den ihnen zugegangenen Befehl,
die Boote zum Lagerplatz zu bringen, auszuführen.
Die Erbauung eines großen Lagers an diesem Orte wollte Major Wißmann
den Umständen anheim stellen und erst nach Rücksprache mit den
englischen Schiffsführern eine Rekognoszirungstour bis Misongwe
unternehmen, die ihm über die Wasserverhältnisse des Flusses weiter
oberhalb Aufschluß geben sollte. Auch sollte der nächste Tag
erst entscheiden, was gethan werden müßte, nachdem nochmals ein
letzter Versuch gemacht wäre, und ob wir denn wirklich vor diesem
Hinderniß Halt machen müßten und es absolut keine Möglichkeit gäbe,
durchzudringen. Wie vorauszusehen, mißlang ein erneuter Versuch
abermals; die unternommene Tour flußaufwärts ergab ebenfalls ein
negatives Resultat -- so den Verhältnissen Rechnung tragend, beschloß
der Major nach seiner Rückkehr, diesen Ort, den ich inzwischen hatte
säubern lassen, als Stapelplatz beizubehalten.
Die Leitung und Aufsicht der hier vorzunehmenden Arbeiten sowie der
Befehl über die ganze Mannschaft wurde mir übertragen, weil der Major
beabsichtigte, nach Chinde zurückzukehren und den nächsten Transport
abermals zu leiten. Seine Anwesenheit war dort auch nothwendiger als
hier, da in Chinde fast das ganze Personal der Expedition noch des
Aufbruchs harrte.
Zunächst nun galt es, da wir die schwere Ladung des Leichters,
bestehend zum Theil aus der zerlegten Feldbahn, nicht den steilen
Abhang hinauf schaffen konnten, das Ufer abzutragen und etwa 5 Fuß über
der Wasserlinie eine Art Plattform herzurichten, worauf das Material
gelagert werden konnte; Sachen, als Proviant und Schiffsinventar,
wurden ganz hinaufgeschafft, um sie besser unter Aufsicht zu haben.
Bei den sofort in Angriff genommenen Erdarbeiten stießen unsere Leute
unvermuthet auf gefährliche Schlangen, die unter den Wurzeln kleiner
Sträucher oder in Löchern ihren Aufenthalt hatten. Es stellte sich
heraus, daß wir es mit einer Art der sehr giftigen Kreuzotter zu thun
haben und mehrfach wurden 60-70 +cm+ lange Thiere getödtet; war
diesen Schlangen wegen ihrer Gefährlichkeit nicht anders beizukommen,
wurde dem Reptil durch einen Schrotschuß der Kopf zerschmettert.
Kleinere, d. h. junge Schlangen dieser Art, fast immer in Gemeinschaft
mit den Alten aufgefunden, konnten wir mit Spaten und Hacken leichter
erlegen. Uebrigens war gegen den gefährlichen und nicht selten
tödtlichen Biß dieser Kreuzottern große Vorsicht von Nöthen, daher ließ
ich es nie zu, daß die zu Erdarbeiten kommandirten Leute mit bloßen
Füßen umherliefen; die Gefahr, gebissen zu werden, war zu groß und
ärztliche Hülfe unerreichbar.
Als einen sehr günstigen Umstand konnten wir die Zutraulichkeit der
Eingebornen betrachten, selbst die Häuptlinge erschienen im Lager und
wurden stets reichlich beschenkt entlassen. Der Vortheil lag dabei
auf unserer Seite; denn wie kostspielig hätte die Heranschaffung von
Proviant für so viele Leute wohl werden müssen, wenn wir nicht gegen
Zeug und Perlen hätten Lebensmittel eintauschen können. Als später
die ganze Expedition hier versammelt war, kamen sogar weit im Inlande
ansässige Portugiesen, angelockt durch eventuellen Verdienst, um mit
uns Handelsgeschäfte zu machen.
Während der beiden Tage, an welchen in rastloser Arbeit das Entlöschen
der Fahrzeuge bewerkstelligt wurde, konnte an dem Ausbau des Lagers
nicht gedacht werden, und, um nur Schutz zu finden, hatten die Soldaten
sich, zu je zwei, aus Baumzweigen und Gras provisorische Hütten
erbaut; auf beschränktem Raum vertheilt, boten diese den Anblick eines
Karawanendorfes.
Die Abreise des Majors war auf Sonntag, den 24. in der Frühe,
festgesetzt, indes das geplante Heben des »Pfeil« zwischen Leichter
und Boot verzögerte diese bedeutend; es gelang auch den Dampfer um 6
Zoll höher zu winden, was zwar ein Passiren der Untiefe bei Schupanga
möglich machte, sonst aber von keinem wesentlichen Vortheil gewesen
ist.
Im Vergleich zu dem mühsamen Vordringen gegen Strom und Hindernisse,
ging die Rückfahrt sehr schnell von statten, bald waren Dampfer und
Boote unsern Blicken entschwunden, da die Windungen des Flußes jede
Fernsicht raubten.
Zurückgekehrt zum Lager trat nun an mich die ernste Pflicht heran, nach
bestem Wissen und Können, wie der mir gewordene Befehl lautete, ein
Lager zu erbauen, speziell aber darauf zu achten, daß die täglichen
Exerzitien, wie sie das Reglement vorschrieb, ausgeführt werden;
die Handhabung strenger Disziplin ist die Garantie des Erfolges.
Unter meinem Befehl waren 67 Mann und drei Europäer gestellt, eine
beträchtliche Zahl, wenn diese in ihrer Gesammtheit als Arbeitskraft
hätte Verwendung finden können; allein Hauptzweck waren militärische
Uebungen, nach diesen kamen erst täglich einige Stunden Arbeitszeit
in Frage. Und zieht man die glühend heiße Sonne in Betracht, die vom
wolkenlosen Himmel sengend niederbrennt, Körper und Geist erschlafft,
mußte die Zeit ausgenutzt werden, sollte das Werk gethan sein.
Die nächste Aufgabe war, Stellen, wo ich Wohn- und Wachhäuser zu bauen
gedachte, von dem hohen schilfartigen Grase reinigen zu lassen, auch
mußte schleunigst ein Exerzierplatz geschaffen werden, der den übenden
Soldaten freie Bewegung gestattete; denn es war in der That in weitem
Umkreis nichts als Baum, Busch und Gras. Diese Grasmassen übrigens
auszuroden, war keine Kleinigkeit, als mir indes diese Arbeit zu
langsam von statten ging, ließ ich mit Faschinenmesser große Flächen
niederhauen, dann das in glühender Sonne bald getrocknete Gras in Brand
setzen und die Feuersgluth vernichtete unglaublich schnell, wozu sonst
viele fleißige Hände Tage lang gebraucht hätten. Oefter zwar vom Winde
angefacht, waren wir nicht im Stande, der Feuersgluth eine Grenze zu
setzen, trockene Halme und Laub, welches in Massen unter den Bäumen
angehäuft lag, wurde ein Raub der Flammen. Soviel Vortheil hatten
wir aber doch davon, hatten wir im Busch mit Messer und Axt nicht
vordringen können, konnten wir es nach solchem Brande weit bequemer,
und wurden auch längst abgeerntete Mtamafelder mit vernichtet, so
konnten wir es leider nicht ändern; der Schaden war auf unserer Seite,
insofern wir das benöthigte Rohr aus größerer Entfernung herholen
mußten.
Mit dem Niederbrennen des Grases im Lager und nächster Nähe war die
Arbeit nicht gethan, im Gegentheil, die Vernichtung schaffte dem jungen
Nachwuchs nur Luft und überaus reichlich sproßen, namentlich nach
einem Regenschauer, die neuen Keime empor. Es mußten daher die tief im
Boden sitzenden Graswurzeln ausgerodet werden, um dem Wachsthum Einhalt
zu thun. Da ich nun nicht die Zeit, sowie ausreichende Kräfte zur
Verfügung hatte, erbat ich mir von einem Häuptling eine Anzahl Frauen,
die mit ihren Feldhacken das Terrain schnell und geschickt reinigten.
Wie bei den meisten afrikanischen Völkern auf den Schultern des Weibes
alle schwere und unbequeme Arbeit ruht, so war auch hier keiner der in
der Nähe des Lagers träge herumliegenden Eingebornen zu dieser Arbeit
trotz reichlicher Bezahlung zu bewegen.
Mir lag viel daran, bis zur Rückkehr des Majors, möglichst alle
nothwendigen Häuser und Schuppen fertig gestellt zu sehen, waren
doch noch reichlich über 200 Soldaten, außer den hier anwesenden,
unterzubringen; jedoch, überschritt ich auch zuweilen das
vorgeschriebene Reglement und sandte Abtheilungen unter Aufsicht
bis weit in das Land hinein, um zum Häuserbau passende Baumstämme
heranzuschaffen, so war der Ertrag doch so ungenügend, daß ich mich
schließlich genöthigt sah, das hier verbliebene zweite Stationsboot
auszurüsten und in die Wälder oberhalb Schupangas zu senden. Ein Arm
des Zambesi, in früherer Zeit, nach den Aussagen der Eingebornen zu
urtheilen, der eigentliche Fluß, führte auf der gegenüberliegenden
Seite weit in das Land hinein, und für Boote noch befahrbar, konnte der
große Waldbestand leicht erreicht werden.
Zur Abschließung und Einfriedigung des Lagers benutzte ich das
bereits erwähnte Mtamarohr; dasselbe wurde in Furchen aufrechtstehend
eingegraben, durch querliegende Stengel dann verbunden, erlangte
solcher Zaun genügende Festigkeit; nur einen Eingang ließ ich, der von
einem Posten unter Gewehr bewacht wurde, so war eine Kontrolle der
ein- und auspassirenden Leute möglich. Die nächste Umgebung des Lagers
wurde, so weit es angängig, so rasirt, daß ungesehen sich schwerlich
jemand dem Lager nähern konnte.
Die Aktivität der Soldaten wurde des öfteren durch nächtlichen Alarm
geprüft, was hier freilich nur eine Uebung war; wie oft aber mußten
sie später unter Major von Wißmanns Führung ernste, schwere Kämpfe
durchmachen. Auch ein Theil der jetzt unter meinem Kommando stehenden
mußten in schwerer Zeit mit mir ausharren und blutigen Kampf bestehen,
namentlich die Sudanesen.
Gelang es mir auch nicht ganz, in der gedachten Weise das Lager fertig
zu stellen, was einzig seine Schwierigkeit in der Heranschaffung
des benöthigten Bauholzes hatte, so war doch alles zur Aufnahme und
Unterbringung des nächsten Transportes bereit. Eine regelrechte Treppe
zum Fluße gebaut, erleichterte den Aufstieg, in der Front am Ufer
fanden Zelte und Proviantschuppen ihren Platz und im Hintergrunde lagen
die langen Wohnhäuser der Soldaten. In der Mitte war ein großer freier
Platz geblieben, der zunächst als Exerzierplatz Anwendung fand, bis
später außerhalb des Lagers ein besserer geschaffen wurde.
Die Termitenhügel, von denen im Lager sechs vorhanden waren, hatte
ich vorläufig noch unberührt gelassen, einestheils weil sich der
Bau dieser kleinen Thierchen, aus einer festen, harten Thonmasse
bestehend, für Hacke und Pickaxt zu fest erwiesen hatte, anderntheils
weil alle Hügel, entsprechend ihrer Höhe, in der Basis den gleichen
Durchmesser hatten, woraus man schließen kann, daß es angestrengter
Arbeit bedurft hätte, solch einen Bau dem Erdboden gleich zu machen.
Um das wunderbare Treiben dieser etwa einen Zentimeter langen Ameisen
besser zu beobachten, deckte ich die Kuppe eines oder mehrerer Hügel
mit Axtschlägen so ab, daß alle bis in die Spitze führenden Gänge frei
lagen, während aber die Thonmasse selbst hart und fest blieb, waren die
Wandungen der Gänge feucht und weich. Sobald Licht und Luft zum Bau
Zutritt fanden, zogen sich die in den Gängen arbeitenden Thiere zurück;
war durch das Freilegen eine Brutkammer geöffnet worden, scheuten die
Arbeiter keine Gefahr, sondern waren nur darauf bedacht, die jungen
Ameisen oder Eier schleunigst in Sicherheit zu bringen.
Da diese Thierchen in völliger Dunkelheit leben, so habe ich sie am
Tage keine Arbeit verrichten sehen, denn die geschlagenen Oeffnungen
blieben frei, sobald aber, was bei allen dieser Art der Fall, die
Nacht hereinbrach, begann eine rastlose Thätigkeit und ausnahmslos war
jeden Morgen auch die kleinste Oeffnung mit noch weichen Thonmassen
vermauert. Am Fuße eines Hügels, wo auch die Wandungen entsprechend
stärker sind, ergaben geöffnete Stellen wunderbare Gänge. Die
Kommunikation war der Art, daß die fingerdicken Wandelgänge nach allen
Richtungen hinführten; ein Labyrinth von Röhren, worin nur ein solches
Thier, durch seinen Instinkt geleitet, sich zurecht zu finden im
Stande ist. Eigenthümliche Erscheinungen waren die Zellen, eigentlich
faustgroße Höhlungen, zu und von denen eine beträchtliche Anzahl Wege
führten, in denen die Arbeiterameise sehr geschäftig hin und her lief.
Erklärlich ist diese Regsamkeit, wenn man bedenkt, wie sorgfältig die
Ameisen ihre Nachkommenschaft bewachen und erziehen, und ausschließlich
gilt diese Thätigkeit den in den Zellen angehäuften Eiern, die in
morschem Holzmehl gebettet liegen, gleichsam als sollte beim Eintritt
in das Leben der jungen Brut durch vorwaltende Sorgfalt reichliche
Nahrung geboten werden.
Wohl kaum denkbar ist es, daß diese abertausend Eier (wo immer auch
der Bau geöffnet wurde, fanden sich solche in großer Menge vor) von
einer Königin herstammen sollten, im Gegentheil, dazu müssen eine ganze
Anzahl fortpflanzungsfähiger Thierchen existirt haben, wenn man auch
zugeben kann, daß in solchem Arbeiterstaat nur einer die Königinwürde
zuerkannt wird.