An diesem Tage sahen wir zuerst wieder zwischen kleinen Bananenwäldchen

verdeckt liegende Hütten der Eingebornen; neugierig lugten die

schwarzbraunen Gesichter durch das schützende Grün, bis sie zu Haufen

eilend, mit Rufen und Händeklatschen uns ihren Gruß entboten. Fremd war

ihnen die Flagge, welche von den Masten unserer Boote wehte, fremd das

Schauspiel, soviel uniformirte Soldaten zu sehen, deren Sprache sie

nicht verstanden, und waren wir in Rufweite forderten sie Aufklärung

von ihrem Landsmann, dem Lootsen; was dieser ihnen aber auch in wenig

Worten erklären mochte, das Verständniß fehlte ihnen doch dafür. Zur

Aufmunterung ließ der Major zuweilen Hornist und Trommler eingeübte

einfache Weisen spielen; mehr noch als uns schien die Musik die

Eingebornen zu erfreuen und weit stromaufwärts folgten die jungen Leute

solchen nie gehörten Klängen, während altersschwache Greise und junge

Kinder sehnsüchtigen Blickes den Fremdlingen nachschauten, bis die

Klänge verhallt oder die Flottille ihren Augen durch eine Krümmung im

Flusse entschwunden war.

Wie erwähnt, hatten wir uns zur Vorsorge in Chinde reichlich mit

Brennholz für den »Pfeil« versehen, allein damals ahnten wir nicht,

wie groß die Hindernisse und mit welchen Mühen ein Vordringen auf

dem Zambesi verbunden sein würde, nun der Mangel eintrat (wir aber

noch fern von der Station Schupanga), waren wir gezwungen, nach neuem

Brennmaterial Umschau zu halten. In früher Nachmittagsstunde legten

wir daher an einer Stelle des hier flacheren, aber mit Baumwuchs

reichlicher bestandenen Ufers fest und sofort, mit Aexten und Beilen

versehen, zogen die Soldaten truppweise unter Führung ihrer Schauchs

(Unteroffiziere) aus, um nach Möglichkeit Holz herbeizuschaffen. Nach

der Quantität war der Ertrag ein guter, allein die Qualität ließ viel

zu wünschen übrig; indeß konnten wir noch zufrieden sein, wenigstens

die Aussicht auf ein Vorwärtskommen nicht eingeschränkt zu sehen.

Es war bisher jeden Abend eine Musterung unserer Leute vorgenommen

worden, theils zum Zweck, ob auch alle vorhanden, theils ob sich nicht

Gebrechen oder Krankheiten unter den Leuten entwickelt hätten; war

doch eine Befürchtung, daß die Pockenepidemie abermals zum Ausbruch

kommen könnte nicht unbegründet, daher wurde auf den Gesundheitszustand

besonders acht gegeben. Ueberrascht und mehr noch erschreckt wurden

wir, als an diesem Abend es sich herausstellte, daß einige Suaheli, die

nicht zur Arbeit angetreten waren, sich auch der Beachtung entzogen

hatten, im Leichter krank am Fieber darnieder lagen. Eine sofort

angestellte Untersuchung ergab, daß vier Mann bereits schwer an den

Pocken erkrankt waren. Sofort wurde von Seiten des Majors eine große

Reinigung angeordnet, das Zeug der Kranken verbrannt und diese selbst

nach Möglichkeit von allen ihren Kameraden isolirt.

Empfänglich für die verheerende Krankheit waren vor allen die

Sansibariten, und als ein besonderes Glück konnten wir es betrachten,

diese Seuche keine weitere Ausbreitung annehmen zu sehen, als nur unter

den Suaheli. Der Grund dafür war wohl in der strengen Abgeschiedenheit

zu suchen, welche die Somali, Sudanesen, Abessinier untereinander

beobachteten, die namentlich keine gemeinsamen Mahlzeiten und

Lagerstätten theilten. Die Gefahr war indeß nicht zu unterschätzen,

vielmehr konnte der schlimmen Seuche, trotz großer Vorsicht, eine

größere Verbreitung zugemuthet werden, was aber menschliches Können

unter solchen Verhältnissen vollbringen konnte, geschah, um nach

Möglichkeit der Verbreitung entgegen zu treten.

Eine Aussetzung der Erkrankten, welche unter diesen Umständen das

Richtigste gewesen wäre, lag leider nicht im Bereich des Möglichen,

denn unzweifelhaft wären sie mit der umwohnenden Bevölkerung doch

in Verbindung getreten, die Folgen dann aber unabsehbar, hätte die

Epidemie zahllose Opfer gefordert und wer konnte die Betroffenen

retten! waren wir doch selbst machtlos dagegen.

Regenschwere Wolken verhüllten uns am nächsten Morgen des Himmels

Angesicht, ein trüber regnerischer Tag mit all dem Unangenehmen,

welches ein solcher im Gefolge hat, lag vor uns, naß und kalt,

konnten wir fast unsere Stimmung mit dem höchst unfreundlichen

Wetter vergleichen. Nach einer nicht minder schwierigen Weiterfahrt,

voll Hemmungen und Widerwärtigkeiten, legten wir schließlich, als

der Tag zur Neige ging, an einer öden Uferstelle fest; vergeblich

hatten wir nach Bäumen Umschau gehalten, und da unser Holzvorrath

längst verbrannt, war ein Vorwärtskommen nur noch mit unserm kleinen

Kohlenbestand möglich gewesen.

So glücklich wie am Tage vorher waren wir nicht; nur die trockenen

Blätter der Fächerpalmen schleppten die Leute herbei, welche zur Suche

in die weite Grasebene ausgesandt worden waren. Zwar geben die Blätter

einen vorzüglichen Brennstoff und entwickelten eine große Hitze, jedoch

wie bedeutend auch der Vorrath, in dem glühenden Feuerschlund des

Dampfkessels zehrte die Flamme diesen nur zu gierig auf.

So unfreundlich wie der Tag, so ungemüthlich war die Nacht, aber nicht

bloß der Mensch allein empfand die Unbill der Witterung und fühlte sich

unbehaglich, auch den wilden Thieren, welche nächtlicher Weile ihrer

Beute nachgehen, schien das vom Regen triefende Gras nicht sonderlich

zu behagen. Stimmen, die wir bisher nicht gehört, hallten durch die

Stille, das Lachen der Hyäne nahe und deutlich vernehmbar, gab uns die

Gewißheit, daß dieser unheimliche Gast das Lager umkreise, hingegen das

dumpfe Bellen in der Ferne ließ uns die Anwesenheit des gefährlicheren

Leoparden vermuthen.

Indeß der etwas freundlicher anbrechende Tag machte uns bald das

schlechte Quartier vergessen und froher gestimmt begann in aller Frühe

das Tagewerk. Wir hofften, heute, am 19. Juli, die Station Vicente noch

erreichen zu können, sofern unser gesammeltes Brennmaterial und unsere

wenigen Kohlen ausreichen sollten; wir fuhren durchschnittlich mit 10

bis 12 Atmosphären Druck, welch' hohe Dampfspannung oftmals nöthig

wurde, um den »Pfeil« mit seiner Last durch die reißende Strömung

hindurch zu bringen.

Wie immer, bot sich auch heute günstige Gelegenheit, den träge auf

den Sandbänken liegenden Flußpferden und Krokodilen wohlgezielte

Kugeln zuzusenden, allein der Jagdeifer hatte sich durch die bisherige

Erfolglosigkeit gewaltig abgekühlt, und verlockte nicht ein zu

sorgloses Thier, das in nächster Nähe neugierig den Kopf über Wasser

hob, den Major einen Schuß zu wagen, unterblieb das Feuern meistens

ganz. Erst als der Major mit einem Kleinkalibergewehr, dem Sergeanten

Bauer gehörig, ein großes Krokodil aufs Korn genommen hatte, blieb das

Thier unter Feuer liegen. Das Rückgrad durchschossen, hatte das Thier

nicht mehr die Kraft, seinen schweren Körper zum schützenden Wasser

zu schleppen, nur mit dem Schwanze peitschte es den Sand und riß den

gewaltigen Rachen weit auf.

Ein Jubelschrei ertönte aus vielen Kehlen, als endlich die Aussicht

vorhanden war, frisches Fleisch zu erhalten; schneller wie gewöhnlich,

war das kleine Stahlboot längsseit, bemannt, und fort ging es die

willkommene Beute zu sichern. Drei wohlgezielte Kopfschüsse waren

indeß noch nöthig, ehe das mächtige Thier sein zähes Leben endete,

das alsdann in das Boot geschleift wurde. Nun konnten wir uns den

gefährlichen Räuber aus nächster Nähe betrachten, dessen furchtbares

Gebiß namentlich allen Respekt einflößte. Und zieht man den Muskelbau

des festumpanzerten Thieres in Betracht, kann man wohl voraussetzen,

daß solche Kinnladen, mit über vier Centimeter langen Zähnen bewaffnet,

alles zermalmen was dazwischen geräth.

Es mochte etwa drei Uhr Nachmittags geworden sein, als wir in einem

rechts abbiegenden Flußarm die Station Vicente vor uns liegen sahen.

Der kleine Häuserkomplex, der diesen Namen trug, bestand nur aus

zwei nach afrikanischer Art errichteten Wohnhäusern und mehreren aus

Thon und Gras erbauten Nebengebäuden, sonst ließe sich eher auf das

nebenliegende Dorf dieser Name anwenden, obwohl in diesem unkultivirten

Lande jede Niederlassung eines Europäers die Bezeichnung Station zu

tragen pflegt.

Wie so häufig, hatte auch hier der Zambesi-Fluß, wenn in der Regenzeit

seine Fluthen kein Hinderniß kennen, sich vor längerer Zeit ein neues

Bette gegraben und dadurch eine Insel gebildet, an derem steilen Ufer,

nahe der Mündung des alten Fahrwassers, wir eine Anlegestelle suchten.

Die Station, an dem alten jetzt nicht schiffbaren Strombette gelegen,

war nur mittelst Boote zu erreichen. Deshalb holten wir die Fahrzeuge

möglichst in stilleres Wasser, und zwar an eine Stelle, wo die 15

Fuß hohe Uferbank nicht allzu senkrecht abfiel, auch ein Erklimmen

derselben noch möglich war.

Der Umstand, daß nun gänzlicher Mangel an Brennmaterial eingetreten

war, machte es schon zur Nothwendigkeit, hier wenigstens einen

Tag Rast zu halten, weil eine schnelle Ergänzung wohl nicht gut

angängig sein würde. Einen Tag der Ruhe konnten wir aber als eine

willkommene Gunst betrachten, nöthig that es sehr mal wieder

gründliche Reinlichkeit und Ordnung auf den Booten herzustellen,

um so mehr, da der Major die Absicht hatte, so weit wie möglich

vorzudringen; wenigstens den Wunsch äußerte, die in der Ferne gesehenen

Moramballa-Berge im Schirefluß, noch zu erreichen, ehe ein Hauptlager

und Depot errichtet würde.

Sein Befehl lautete denn auch dahin, ehe er den in Vicente ansässigen

Portugiesen seinen Besuch machte, daß das Lager für einen längeren

Aufenthalt hergerichtet würde. Und als der nächste im Kommando,

schaffte ich im Leichter, der speziell unter meiner Aufsicht stand, in

welchem auch alle Soldaten Unterkunft gefunden, gründliche Ordnung.

Wie an jedem Tage, wenn wir Rast gemacht hatten, so war es auch hier

nöthig, erst mit dem Faschinenmesser das hohe Gras nieder zu hauen, um

Platz für die Zelte zu schaffen, die auch mit einer kleinen Furche im

Erdboden umgeben werden mußten, damit bei etwaigem Regen das Wasser am

Eindringen verhindert werde.

Das Nothwendigste indes war, sobald die Soldatenzelte herausgeschafft

worden waren, entfernt vom Lager einen Platz zu suchen, wo ein solches

für Pockenkranke aufgerichtet werden konnte; sollten doch laut

Bestimmung des Majors die Kranken unter Aufsicht eines Suaheli, der

früher schon diese Krankheit überstanden und somit keine Ansteckung zu

befürchten hatte, auf dieser gänzlich unbewohnten Insel zurückgelassen

werden. Ein günstigerer Ort konnte so leicht nicht gefunden werden, und

siegte die Natur überhaupt über diese den Körper verheerende Seuche, so

waren derselben hier die beste Unterstützung, kühle frische Luft und

unbedingte Ruhe, gegeben. Meines Wissens kehrte aber nach Wochen, von

einem späteren Transport abgeholt, der Wächter allein zurück, nachdem

er seinen Kameraden dort ein einsames Grab gegraben hatte.

Nachdem den Soldaten freie Zeit zum Abkochen gegeben war, holten sich

die Sudanesen das vom Major am Morgen erlegte Krokodil und begannen mit

der Zerlegung des über drei Meter langen Thieres. Jedoch als es zur

Vertheilung kam, wollten auch Suaheli und andere ihren Antheil haben

und, um den entstandenen Streitigkeiten ein Ende zu machen, mußte ich

jeder Abtheilung das Ihrige zuweisen. Besonders schienen die Sudanesen

die Eier, von denen eine beträchtliche Anzahl im Körper des Thieres

vorhanden waren, zu schätzen, denn eher ließen sie ein gutes Stück

Fleisch fahren, als daß sie in eine Vertheilung derselben einwilligten,

auch sprach ich sie ihnen um so eher zu, da sie doch die Arbeit der

Zerlegung sich unterzogen hatten.

Die Gewohnheit des Negers von einem Thiere absolut nichts weiter

übrig zu lassen als Haut und Knochen, bewog auch Einzelne den Magen

des Krokodils einer näheren Besichtigung zu unterziehen. Kleine

und größere, fast unledirte Fische, war das erste Ergebniß dieser

Untersuchung, dann kamen noch haselnuß-große Steine, Glasperlen und

messinge Armringe zum Vorschein. Diese letzten Funde machten es zur

Gewißheit, daß dieses Thier vor längerer Zeit ein argloses junges

Mädchen oder Weib vom Ufer geraubt hatte und mit seiner kostbaren Beute

sich jeder Verfolgung zu entziehen gewußt hat.

Die Eingebornen sind gegenüber diesem schlimmen Feinde in der That

vollständig machtlos. Ihre scharfen Pfeile vom straffen Bogen

geschnellt, die jede Haut eines anderen Wildes durchdringen würden,

prallen auf dem festen Panzer des Krokodil machtlos ab; selbst wo

ihnen Feuerwaffen zur Verfügung stehen sind diese doch von solcher

Beschaffenheit, daß die Kugel nur im glücklichsten Falle dem

Menschenräuber eine Wunde beizubringen vermag.

Die Entdeckung, daß das Krokodil besonders wählerisch in Betreff

seiner Nahrung gewesen war, hielt die Leute nicht weiter ab, das

Fleisch des Thieres nach ihrer Methode sorgfältig zuzubereiten, was

gewöhnlich in der Weise geschieht, daß es am Feuer oder in der heißen

Asche geröstet wird. Soviel war gewiß, der größte Theil unserer Leute

erfreute sich eines delikaten Abendessens, »geräuchertes und gekochtes

Krokodilfleisch«, während wir Europäer mit Conserven vorlieb nahmen,

die unserm verfeinerten Geschmack besser mundeten.

2. Bis zum Lager von Ntoboa und die Erbauung desselben.

Die Entdeckung und der befundene Beweis, daß die gepanzerten Unholde

so kühne Menschenräuber sind, sollte manchem der Krokodile von unserer

Seite Verderben bringen, und als ein Gaudium betrachteten wir es, wenn

durch einen guten Schuß solch ein mächtiges Thier todeswund sein Heil

in der Flucht suchte, oder auch auf der Stelle getödtet, als Trophäe in

das Lager geschleppt wurde. Viel Unheil haben sie auch uns zugefügt,

mancher unserer Leute wurde ein Opfer eigener Unachtsamkeit und eine

Beute der gefrässigen Räuber, indes abgesehen von denen die ich selbst

geschossen, hat jedes Mitglied der Expedition mehr oder weniger den

Krokodilen nachgestellt und jeder Menschenraub ist an ihnen furchtbar

gerächt worden.

Die Bemühungen des Majors in Vicente Proviant und Holz zu erhalten,

waren von gutem Erfolg gekrönt; schon am nächsten Morgen brachten

Eingeborne Canoes mit Brennmaterial und schließlich lebendes Vieh,

als Schafe und Ziegen. Aus den Aeußerungen des Majors aber war zu

entnehmen, daß die Portugiesen die Gelegenheit beim Schopf genommen

und sozusagen mit Gold sich ihre Gefälligkeit hatten aufwiegen lassen.

Am 21. früh, nachdem noch großer Apell angesagt und abgehalten, die

zurückbleibenden Kranken und ihr Wärter genügend mit Proviant versehen

worden waren, setzten wir unsere Fahrt flußaufwärts mit frischem Muthe

fort.

Voraussichtlich, wenn nicht zu große Hindernisse zu überwinden waren,

konnten wir an diesem Tage noch Schupanga erreichen. So weit wie der

Fluß für den vier Fuß tiefgehenden »Pfeil« befahrbar war, ging es denn

auch Volldampf vorwärts; wir konnten rechnen, als um 3 Uhr Nachmittags

die Häuser der portugiesischen Station in Sicht gekommen waren, nach

kurzer Zeit diesen Ort zu erreichen. Ein Creek, der zur Rechten in den

Fluß mündete und ein Arm des Hauptstromes war, (hier ebenfalls wie bei

Vicente unter denselben Verhältnissen ein Inselgebilde hat) hatte aber

durch vorgeschobene Sandbänke, welche durch die Kreuzung der beiden

Strömungen entstanden waren, in dem über tausend Meter breiten Flußbett

nur eine sehr schmale Wasserstraße freigelassen, durch deren Windungen

der »Pfeil« mühsam geleitet werden mußte.

Immer noch war es uns bisher gelungen, unter anscheinend ebenso

schlechten Verhältnissen den »Pfeil« und die Boote hindurch zu bringen,

hier jedoch schien jeglicher Versuch vergeblich zu sein; wieder und

wieder rück- und vorwärts arbeitete die Maschine mit aller Kraft, nach

Stunden hatten wir kaum einige hundert Meter gewonnen. Endlich, nachdem

wir bis oberhalb der Mündung des Creeks gelangt waren, und unmittelbar

unter der hohen steilen Uferbank der erwähnten Insel tieferes Wasser

gefunden hatten, glaubten wir das Schlimmste überwunden zu haben; indes

war die schmale Fahrstraße auch tief, so konzentrirte sich hier die

ganze Kraft der Strömung und unser Dampfer, gehemmt durch seine Last,

war nicht im Stande diese zu überwinden.

Wie oft wir auch die Versuche erneuerten, mit der zulässig höchsten

Dampfspannung die Maschine arbeiten ließen, kamen wir doch nur bis zu

einem bestimmten Punkt, an welchem der Wirbelstrom so rasend war, daß

er Dampfer und Boote im Kreise drehend, augenblicklich aus dem Kurse

schleuderte und mit sich hinweg riß; erst in ruhigem Wasser gelang es,

Dampfer und Boote wieder gegen den Strom zu richten. Schon zogen die

Schatten der Nacht herauf und mahnten uns bedacht darauf zu sein, ein

Nachtquartier zu suchen; aber vor uns die wilde Strömung, hinter uns

Sandbänke und flaches Wasser, war es unmöglich das Land zu erreichen.

Aufs Neue ging es vorwärts, wir sollten und mußten hindurch; mit langen

Bambusstangen stand die Mannschaft auf allen Booten zum Schieben bereit

und auf ein gegebenes Zeichen tauchten die Stangen in die Tiefe,

Menschenkraft vereint mit Dampfkraft suchte Herr der rasenden Strömung

zu werden! Alles vergeblich, aus dem Kurse gedrängt lagen Dampfer und

Fahrzeuge im Augenblick breitseits im Strome, jeder verzweifelten

Anstrengung spottend und trieben machtlos den Sandbänken zu.

Was bei früheren Versuchen uns dieser Gefahr entgehen ließ, war der

Umstand, daß jedes Mal die Strömung den Dampfer nach der offenen

Wasserseite zu abgedrängt hatte und mit vorwärts arbeitender Schraube

konnten wir so den Untiefen entgehen. Dieses Mal jedoch riß der

Wirbelstrom die Fahrzeuge rechts herum; das Vordertheil des Leichters

nun an das Ufer gedrängt, verursachte eine große Hemmung, und da die

rückwärts arbeitende Maschine nicht im Stande war, diese zu überwinden,

so lagen wir in wenig Minuten auf einer Untiefe in der Mündung des

Creeks so fest, daß ein Abbringen der Boote die größten Schwierigkeiten

machen mußte. Langes Besinnen in dieser schlimmen Lage konnte

verhängnißvoll werden, auch befürchtete ich, sollten wir den Leichter

nicht mehr frei bekommen, während der Nacht ein Versanden desselben,

was bei den losen vom Strome leicht angehäuften Sandmassen immerhin

möglich war.

Schnell wurde der »Pfeil« von seiner Last befreit, und nachdem der

Dampfer wieder freieres Wasser gewonnen, mit dem Ausbringen eines

schweren Ankers begonnen, was uns nach vieler Mühe denn auch gelang.

Wie aber vorauszusehen war, konnte der Anker in dem losen Grund keinen

Halt gewinnen, denn fünfzig Mann holten diesen durch den Sand, ohne

auch nur den Leichter etwas aus seiner Lage zu bringen. Ein zweiter

Versuch ergab dasselbe Resultat, und schon sollte eine Schlepptrosse

zum »Pfeil« gebracht werden, um mittelst der Dampfkraft einen Erfolg

zu erzielen, als plötzlich hinter der nächsten Biegung die beiden

englischen Kanonenboote »Herald« und »Mosquito« in Sicht kamen, die

unsere Lage bemerkend, so nahe als möglich zu uns hinüber steuerten und

zu Anker gingen.

Da die Führer beider Schiffe dem Major persönlich bekannt waren, war

wohl anzunehmen, daß ein Ersuchen um Hülfeleistung nicht abgeschlagen

werden würde. Bald wurde denn auch vom »Herald«, Kapitän Robertson,

ein Boot abgesandt, das Erkundigungen einziehen und den Major zwecks

näherer Rücksprache an Bord bitten sollte. Im Kommando der Erste, wies

Kapitän Robertson bald darauf den »Mosquito« an, querab unserer Boote

sich gut zu verankern und den Versuch zu machen, zuerst den Leichter

mittelst Ankerwinde frei zu bringen.

Doch die beträchtliche Entfernung zwischen Schiff und Leichter, dazu

der starke Strom, machten das Herüberbringen einer langen starken

Leine sehr schwierig. In weitem Bogen wurde diese von der Strömung

fortgeführt, sodaß, als endlich der Leichter erreicht war und ich das

Tau gut befestigt hatte, die Kraft und die Spannung desselben beim

Einholen so gewaltig wurde, daß es entzwei riß und die Arbeit nochmals

von vorne begonnen werden mußte. Beim zweiten Versuch wurde das Tau

nicht mehr direkt durch die Strömung zum Leichter geführt, sondern erst

eine Strecke geradeaus stromaufwärts gefahren und dann mit aller Kraft

die Strömung durchrudert. Auf diese Weise wurde nicht zu viel Leine

von den Wassermassen weggeführt, und es gelang, als die Ankerwinde in

Thätigkeit gesetzt worden war, das Tau durch die aufgewendete Kraft

über Wasser zu bringen. Es bedurfte zwar einer bedeutenden Anstrengung,

den Leichter wieder frei zu machen, jedoch, als derselbe erst nur

wenig vom Grunde gelöst war, machte es weiter keine Schwierigkeit, ihn

gänzlich abzuholen und längsseit des »Mosquito« zu bringen. Ebenso

machten wir auch die Sektionsboote frei, von welchen der »Herald« je

eins an jeder Seite nahm und darauf über die Untiefen weiter dampfte,

gefolgt vom »Mosquito«. So gering war die Entfernung von dem Orte, zu

dem wir zu gelangen getrachtet hatten, noch gewesen, daß nach etwa 10

Minuten schon alle Fahrzeuge an einer gut geschützten Stelle anlegen

konnten.

Wie schon erwähnt worden, ist die Konstruktion der »Stern-wealer«

(Hinterraddampfer) für solche Flüsse, von so ungleicher Tiefe wie der

Zambesi, die beste, die des »Pfeil« dagegen, so kräftig das kleine

Schiff auch war, bewährte sich nicht, einzig allein dadurch, weil der

Tiefgang von vier Fuß ein zu großer, freilich nach Art der Konstruktion

auch nicht viel verringert werden konnte.

All die Hemmungen im Vordringen und der Zeitverlust wurden durch diesen

Uebelstand hervorgerufen, wäre hingegen der Tiefgang des »Pfeil« nur

2-2-1/2 Fuß gewesen, dann hätte ein wesentlich anderes Resultat erzielt

werden können, wenigstens wäre ein Uebereinkommen unterblieben, das

uns in der momentanen Nothlage zwar von großem Nutzen, allein den

Engländern einen unschätzbaren Vortheil sicherte.

Kurze Zeit nach unserer Ankunft gelangte auch der »Pfeil« zum

Anlegeplatz, der, nun ledig seiner Last, mit besserem Erfolg die

tiefe, reißende Strömung zu überwinden im Stande gewesen war. Sehr

bald loderten die Wachtfeuer im weiten Kreise auf, an welchen die

ermüdete und hungrige Mannschaft noch um 10 Uhr das einzige warme Essen

an diesem Tage sich bereitete; auch wir Europäer, auf dem Sandboden

hockend, ließen uns die karge Mahlzeit, gebratene Süßkartoffeln und

aufgewärmte Wiener, gut schmecken, welche unsere Diener noch in Eile

hergerichtet hatten. Es bedurfte aber beständiger Aufsicht und häufig

selbstthätiges Eingreifen unserseits, wenn wir unsere Speisen reinlich

und nach Umständen sauber zubereitet wissen wollten, denn der Neger

kann es nicht recht einsehen, warum der weiße Mann in Betreff der

Reinlichkeit so penibel ist und er so oft bei ertappter Unsauberkeit

gescholten wird.

Wie friedlich auch die Nacht ringsum war, in der wir Stärkung zur

neuen Thätigkeit und Arbeit zu finden hofften, so war doch der kleine

blutdürstige Quälgeist, der »Mosquito«, hier in unheimlicher Anzahl

vertreten und ein böser Störenfried. Zu jeder Abendstunde und in

jeder Nacht waren diese Mückenschwärme unsere schlimmen Feinde, die

uns die nothdürftige Ruhe raubten und deren empfindliche Stiche noch

obendrein schmerzhaft waren. Das einzige Mittel gegen diese unglaublich

zudringlichen Peiniger ist das dichtgewebte Mosquitonetz, das freilich

diese kleinen Thierchen von einer direkten Belästigung abhält, indes

ist ihr scharfes Summen nicht minder unangenehm und wer sich nicht

eines festen Schlafes erfreuen konnte, dem hielt das singende Schwirren

wach, bis trotzdem die Natur ihr Recht forderte.

Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See. · 第 3 / 51 段