portugiesische Macht, indeß von einer Aktivität derselben haben wir
später auf unserem beschwerlichen Vordringen nichts bemerkt. Wüßte man
nicht, daß noch weit den Schirefluß hinauf, ja bis zu den Ufern des
Nyassa-Sees selbst, viel von diesem ungeheuren Gebiet in Portugals
Besitz wäre, so könnte man fast meinen, Englands weitreichender Arm
hätte auch hier schon die Herrschaft an sich gerissen, da nur Dampfer
unter englischer Flagge diese Flüsse beherrschen.
Zwar entwickelte sich zu jener Zeit der Verkehr auf diesen
Wasserstraßen erst allmählich; was aber die Entfaltung des Handels
gezeitigt, war englische Energie und englisches Kapital, und
ausnahmslos beherrscht heute in dieser Beziehung die englische Flagge
das weite Flußgebiet. Thatenlos sehen die Portugiesen dem Gebahren der
Engländer zu, denen sie in ihrem Besitz am Chindearm eine Freistatt
gewährt haben; Vortheil um Vortheil, den sie freilich in all den
Jahrzehnten ihrer Herrschaft nicht zu verwerthen verstanden haben, wird
ihnen aus den Händen gewunden, und fast scheint es, als können sie
sich nicht mehr aus ihrem Phlegma aufraffen, um der Gefahr entgegen
zu treten. Was aber wohl das Hinderlichste, das ist der eingewurzelte
Bureaukratengeist, der über seine Pflicht hinaus, für Fragen von so
weitgehender Bedeutung, als eine Handelspolitik sie mit sich bringt,
kein Verständniß hat.
Ein Beispiel reger Thatkraft, wagenden Unternehmungsgeistes, haben
die Engländer hier abermals aufgestellt, sie folgten den vom
Forschungsmissionar Lévingston vorgezeichneten Bahnen und faßten
allmählich festen Fuß. Ihr schneller Erfolg hat auch die Thatsache
bestätigt, daß, wenn erst Central-Afrika unter Kultur genommen ist, dem
jungfräulichen Boden noch große Reichthümer entnommen werden können.
Dieser internationalen Wasserstraße (Zambesi-Schire) aber sollten
deutsches Kapital und deutsches Unternehmen nicht zu ferne bleiben; das
mächtig sich entwickelnde weite Gebiet verspricht einem Konkurrenten
Englands noch große Vortheile, in Handelsbeziehungen sowohl, als auch
in politischer Hinsicht. Wird einst Englands starker Arm dem schwachen
Portugiesen zu mächtig, wäre es gut, unserm Vetter ein Halt gebieten
zu können; als berufener Konkurrent sollten wir je eher, je lieber den
nothwendigen Kampf aufnehmen! Dem Portugiesen bieten wir dadurch einen
starken Stützpunkt, denn sicherlich stellen sich Portugals Sympathien
auf unsere Seite, und daraus ergeben sich Vortheile von selbst. Der
englische Leu hält fest was er gepackt hat und seine Krallen sind
scharf; vergeblich sucht sich Portugal dieses Feindes zu erwehren
und dieser wird auch Portugals letzte Kolonie verschlingen, hebt
Deutschland nicht den Arm zum Schutz des Schwachen. Für diese erste
Nacht blieben wir vor Sombo vor Anker liegen.
Am nächsten Morgen, als zur frühen Stunde die Trompete wieder zum
Aufbruch rief, ließ der Major beim Schleppen der Boote insoweit eine
Aenderung nun eintreten, als letztere dicht am Heck des »Pfeil«
befestigt wurden und auch der Leichter an einem kürzeren Schlepptau
genommen wurde. Das gefährliche Ausgieren fand allerdings dadurch
eine bedeutende Einschränkung, indeß der Arbeit am Steuer war immer
noch nicht viel abgeholfen. Die Strömung, die Fluth also, zu unseren
Gunsten, brachte uns schnell vorwärts und eher als wir gedacht, war der
eigentliche Zambesi-Strom erreicht.
Hatte oberhalb Sombo urwaldartiger Baumwuchs beide Ufer des
Chinde-Armes eingefaßt, Dorf und Hütten der Eingebornen im dunklen
Grün verbergend, traten jetzt die Ufer weit zurück, bedeckt nur mit
dichtem Rohrgebüsch und hohem Gras; selten nur ragte an höher liegenden
Stellen die Fächerpalme über die weite Ebene hin. Ein Bild trostloser
Eintönigkeit gewährt der Anblick der gelben Fluthen, die sich dem Ozean
entgegenwälzen, und über welche die heiße Sonne brütete. Auf den träge
dahinziehenden Wassermassen schwammen Grasinseln und Baumsträucher;
den Wasservögeln ein willkommener Aufenthalt, trieben solche dem nahen
Meere zu, um in der tobenden Brandung oder in der endlosen Wasserwüste
zu verschwinden.
Es war um die neunte Morgenstunde, als wir den Zambesi erreicht
hatten, und sofort versuchten die durch Sandbänke eingeengte Einfahrt
zu passiren. Indeß alle Anstrengung war vergeblich. Der starke Strom,
noch verstärkt durch die bereits eingetretene Ebbe, konnte in der
schmalen Durchfahrt nicht überwunden werden und nach vergeblichen
Versuchen waren wir genöthigt, an der steilen Uferwand halt zu machen.
Der Aufenthalt war uns auch insofern willkommen, als wir ein wenig für
Leibesnothdurft sorgen und uns Essen kochen konnten, denn vom »Pfeil«
war während der Fahrt nichts zu erhalten gewesen, deshalb machten sich
unsere Leute mit den Bewohnern des nächsten Dorfes schnell bekannt und
veranlaßten sie, Hühner, Eier, Bataten etc. herbeizubringen. Uebrigens
die strenge Manneszucht, die unter den Soldaten aufrecht erhalten
wurde, war im weiteren Verlauf der Expedition ein großer Vortheil für
uns; keiner wagte dem Eingebornen etwas zu nehmen, was dieser nicht
freiwillig verkaufen wollte, und schon um des geringen Vortheils halber
brachten die Bewohner überall, wo wir mit denselben in Verbindung
traten, gerne Lebensmittel heran; denn schneller als wir vordrangen
lief das Gerücht von Dorf zu Dorf, daß die fremde Expedition nicht
marodire. Es scheinen also von portugiesischen Schiffsbesatzungen des
öfteren Anschauungen über das Mein und Dein vorgeherrscht zu haben,
die sich mit der Meinung der Eingebornen nicht in Einklang bringen
ließen, daher war die Ueberraschung bei den Uferbewohnern groß, weil
so viele Soldaten dem armen Neger sein geringes Hab und Gut nicht mal
anrührten, viel weniger wegnahmen. Kamen wirklich Streitigkeiten vor
und der Eingeborne beschwerte sich, oder ein Europäer sah, daß Unrecht
geschah, so wurde allemal zu Gunsten des Negers entschieden, ja selbst
bei schwereren Vergehen der Thäter hart gestraft.
Während des mehrstündigen Aufenthalts an diesem Orte machte ich auch
eine Streife durch das Dorf und fand Weiber und Kinder aufs eifrigste
beschäftigt, Mais und Mtamamehl herzustellen, und solches in möglichst
großen Mengen gegen ein paar Kupferstücke an unsere Soldaten zu
verkaufen. Was mich aber nach kurzer Umschau zu einer eingehenderen
Untersuchung verleitete, waren die bekannten Töne eines grunzenden
Borstenviehs. Selbstverständlich hegte ich den Wunsch, mir den Ort, von
wo die verlockenden Töne herkamen, sowie die Gesellen darin etwas näher
anzusehen. Verargen kann es mir wohl niemand, wenn die Hoffnung nach
dem Besitze eines Schweines sich in mir regte und ich schon mit der
Gewißheit rechnete, heute Abend am Lagerfeuer einen saftigen Braten für
uns zubereitet zu sehen, war es doch ziemlich lange her, seit wir uns
zum letzten Male an solchen Leckerbissen erfreut hatten.
Allein ich hatte mich gewaltig getäuscht und die Rechnung ohne den
Besitzer vorschnell aufgestellt. Zwischen den Hütten schließlich zum
primitiven Stall angelangt, der das Gesuchte enthielt, präsentirten
sich mir ein großes und zwei kleine Schweine, unter welchen ich mir
mit kundigem Blick, das Beste schnell aussuchte. Ahnungsvoll und um
seinen seltenen Reichthum besorgt, war der Eigenthümer mir auf dem Fuße
gefolgt und trat aus der Reihe der Neugierigen sofort hervor, als ich
den Nächststehenden zu verstehen gab, daß ich mir eines dieser Thiere
gerne mitnehmen möchte.
Der Besitzer nun, nachdem er seine Reverenz durch einen tiefen Bückling
und Kratzfuß gemacht hatte (diese äußere Ergebenheit haben die
Portugiesen den Eingebornen beigebracht, viel mehr nicht), erklärte,
daß er keines seiner Lieblinge verkaufen wolle, es seien die einzigen
im Orte und er will sie zur Zucht groß ziehen. Ich gab mir Mühe, seinen
etwaigen Irrthum, er könnte bei dem Handel zu kurz kommen und darum
nicht zuschlagen wolle, zu zerstreuen, ließ auch einen Dolmetscher
rufen und ihm einen verlockenden Preis bieten, Zeug oder Geld,
gleichviel; aber der Kunde blieb fest, obwohl er kaum jemals soviel
Geld sein eigen genannt hat, als ich ihm für den Handel bot.
Die Schweinchen mußten ihm wirklich ans Herz gewachsen sein, sonst
ist der Neger nicht so hartnäckig, wenn er auch lange feilscht, giebt
er schließlich für einen guten Preis doch sein Eigenthum fort. Genug,
ich war um einen saftigen Braten gekommen, den ich so gerne mit den
Gefährten getheilt hätte.
Bis 1-1/2 Uhr Nachmittags rasteten wir an der Einfahrt zum Zambesi
und versuchten darauf aufs Neue den zwar noch starken aber nicht mehr
so reißenden Strom zu passiren, was uns auch nach vieler Mühe gelang.
Nun zogen wir durch die schmutzig gelben Fluthen des breiten Stromes
hin und sahen hinter uns für kurze Zeit noch einmal den unbegrenzten
Horizont, von ferne klang es wie Wogenrauschen an unser Ohr, ein
letztes Grüßen vom ewigen Meer!
Bald traten die Ufer weiter zurück; namentlich zur Linken schienen sie
sich kaum merklich von der gelben Wasserfläche abzuheben und nur Schilf
und mächtige Rohrgebüsche bezeichneten die Grenze. Sandbänke, die wie
Inseln zerstreut lagen, engten die Fahrstraße ein, was zur Folge hatte,
daß wir zeitweise gegen starken Strom und Strudel ankämpfen mußten. Es
erforderte eine besondere Kenntniß, zwischen den Untiefen hindurch den
richtigen Weg zu finden, war doch auf der weiten Wasserfläche nichts,
was einen Anhalt gab, und meinte man, wo schnell fließender Strom sei
auch genügende Tiefe zu finden, war das Gegentheil der Fall. So lange
wir den Anweisungen unseres Lootsen folgten, hatten wir nur einige Male
uns durch Rückwärtsgehen von Wellsand frei zu machen oder mit voller
Dampfkraft hindurch zu arbeiten; indeß als einmal ein größerer Umweg
erspart werden sollte, den der Lootse für rathsam hielt doch zu machen,
hatten wir unser Besserwissen fast theuer zu zahlen.
Wir hatten nämlich den Leichter dicht hinter dem »Pfeil« an zwei Leinen
so befestigt, daß dieser nicht ausgieren, aber auch nicht ausweichen
konnte, als nun der Dampfer mit voller Kraft auf eine Untiefe auffuhr,
schossen alle Boote so aufeinander, daß das Vordertheil des Leichters
in das Heck des Dampfers fuhr und eine starke Verbiegung die Folge
war, das große Stahlboot dagegen dem Leichter ins Hintertheil lief und
diesem eine nicht geringe Beschädigung beibrachte. Zum Glück waren die
Eisenplatten so elastisch und die Verschraubung so gut, daß unter der
Wasserlinie keine Leckage entstanden war und wir nach halbstündiger
Arbeit unsern Weg fortzusetzen vermochten. Je weiter wir vordrangen, je
belebter wurde ringsum die Wasserfläche; auf stromabwärts treibenden
Sträuchern oder Grasflächen saßen weiße und schwarze Fischreiher
verborgen, die mit scharfem Auge nach Beute spähten. Fast nie von
Menschen gejagt oder belästigt, kennen diese Thiere keine Furcht, kaum
daß der Knall des Gewehres sie aus ihrer Ruhe aufscheuchte.
Fast auf jeder Sandbank, möglichst nahe dem Wasser, konnten wir
vereinzelte Krokodile in träger Ruhe liegen sehen, die bei der
Annäherung unserer Boote langsam in das nasse Element verschwanden.
Auffällig aber war, daß diese Thiere, wenn sie sich in der Mitte einer
Sandbank befanden, vorsichtig zum Wasser krochen, um, sobald sie Gefahr
witterten, oder eine Kugel in ihrer Nähe einschlug, sich mit der Kraft
ihres Schwanzes in das Wasser zu schleudern; und stets entgeht das
Thier dem Jäger, sofern es nicht zum Tode getroffen auf dem Flecke
liegen bleibt.
Nicht minder suchen die kolossalen Flußpferde die trockenen Stellen im
Strombette auf, um sich im heißen Sande der süßen ungestörten Ruhe zu
überlassen, bis die Nacht herniedersinkt und sie die Wanderung in die
weiten Grasgefilde antreten, wo sie große Massen des saftigen Grüns
verzehren. Sehr gesellig, lieben es die Flußpferde sich in größerer
Zahl, meistens in Familien getheilt, bei einander aufzuhalten. Mit
großer Sorgfalt hegt auch die Mutter das Junge, auf deren Rücken dieses
seinen ständigen Aufenthalt hat; ob im Wasser schwimmend oder in der
Nacht zur Weide trabend, immer wird das Kleine mit den verhältnißmäßig
sehr kurzen und plumpen Beinen am Halse der Mutter sitzen, die
ihr Junges stets gegen jeden Feind mit großem Muth vertheidigt.
Ernste Renkontre mit den Flußpferden haben mich die Eigenart dieser
Thiergattung kennen gelehrt, und im Laufe der Erzählung werde ich
verschiedentlich darauf zurückkommen.
Zuweilen führte uns unser Weg nahe dem Ufer zur linken Seite; und
hatten wir hin und wieder schon einzelne Schaaren großer Vögel passirt,
so nahmen solche an Orten, wo das Ufer ganz flach auch zum Theil
mit Wasser ganz bedeckt war, beträchtlich zu. Man könnte sagen, wie
aufmarschirte Bataillone standen langbeinige Reiher, weiß und schwarz,
rosa Flamingos, Kranicharten, unbeweglich am Rande des tieferen Wassers
und warteten mit stoischer Ruhe auf ihre Beute. Näherten wir uns den
Schaaren, stimmen diese ein lebhaftes Konzert an, und die meisten der
Thiere erhoben die gewaltigen Flügel, um solche durch Flattern mit
Luft zu füllen. Aber erst einschlagende Kugeln zwangen sie, sich in
die Lüfte zu erheben und einer schwarzen Wolke gleich, flatterten die
Hunderte mächtiger Vögel empor. Jede Art für sich, kreisten sie dann
kurze Zeit, um sich am selben Orte, oder, wenn das Ufer ober- und
unterhalb gleich günstig war, in kurzer Entfernung wieder nieder zu
lassen.
Mit Schrot waren der zu großen Entfernung halber die eßbaren
Vogelarten, als Gänse, Enten nicht erreichbar; eine Kugel in solche
Schaaren geschossen, meist zwecklos; wollten wir aber, wenn sich
eine günstige Gelegenheit bot, den Thieren nahe genug kommen, um
einige zu erlegen, so hätte es größeren Aufenthalt erfordert, wozu
uns die eigenartige Beschaffenheit des Flusses, dem wir unsere ganze
Aufmerksamkeit zuwenden mußten, keine Zeit ließ. Ist hinter Berg und
Wald der letzte Strahl der scheidenden Sonne entschwunden, kommt in
den Tropen schnell die Nacht herauf, daher hatten wir auch bei Zeiten
uns nach einer günstigen Anlegestelle umzusehen, und an einer öden
Grasfläche des niedrigeren Ufers zu unserer Rechten gelang es, die
Boote anzulegen.
Nach gethaner Arbeit entfaltete sich darauf am Ufer ein bunt bewegtes
Leben; Zelte wurden aufgerichtet, Grasflächen mit Faschinenmesser
niedergemäht, alles Nothwendige für die Nacht aus den Booten
herbeigeschafft, und nicht eher hatte das Hin- und Herrennen ein Ende,
als bis die Lagerfeuer angezündet und jeder mit der Zubereitung des
frugalen Abendessens beschäftigt war.
Meistens, um den unvermeidlichen Trubel zu entgehen, zog der Major
späterhin es vor, sofort nach erfolgter Landung eine Jagdstreife zu
unternehmen; kehrte er zurück, mußte inzwischen das Lager für die Nacht
hergerichtet, Posten ausgestellt und das Abendessen bereitet sein.
Der Umstand, daß hier noch starke Ebbe und Fluth bemerkbar war,
erforderte in dieser Nacht strenge Aufsicht bei dem Leichter und
den Booten, damit diese sich nicht bei fallendem Wasser auf dem
abschüssigen Grunde auffingen. Aber so klar und deutlich auch die
Posten instruirt worden waren, so saßen die Boote gegen Mitternacht
doch alle fest, und was bei geringer Achtsamkeit mit wenigen Leuten
hätte ausgeführt werden können, durch Abschieben vom Ufer mittelst
Stangen die Fahrzeuge frei zu halten, erforderte nun, nachdem ich
mich bei einem Rundgange von der Unachtsamkeit überzeugt hatte, die
Anstrengung aller unserer Bacharias. Die Leute mußten schließlich in
das Wasser und so, gegen Grund und Bord sich stemmend, die Boote wieder
flott machen.
Das rapide ablaufende Wasser machte es nöthig, daß während des Restes
dieser Nacht Europäer die Wache übernahmen und auf ein fortwährendes
Abbäumen vom Ufer acht geben mußten.
Die frühe Morgenstunde, als die Trompete zum Aufbruch rief, fand
fast alle müde und ermattet; nach solcher Nacht war es kein Wunder,
daß wir uns abgespannt und marode fühlten, konnte doch keiner sagen
von denen, die im Freien hatten wachen müssen, ihm wäre behaglich zu
Muthe gewesen. Empfindlicher noch war das Entbehrenmüssen des warmen
Kaffees, der wenigstens die Lebensgeister etwas aufgefrischt hätte,
aber Gras und Holz vom starken Regen durchnäßt, wollten absolut nicht
brennen und Zeit zu neuen Versuchen hatten unsere Diener nicht, denn
sobald das Zelt des Majors zusammengelegt worden war, mußte auch alles
zur Abfahrt bereit sein.
Die schlechten Wasserverhältnisse auf dem Zambesi hatten uns
gelehrt, vorsichtig zu sein, und um nicht wieder durch plötzliches
Aufgrundfahren unsere Boote zu gefährden, wurden sie nun dicht am
Hintertheil des »Pfeil« befestigt; ebenso um ein Zusammengieren der
Fahrzeuge zu verhindern, wurden sie mittelst starker Ruder in einem
bestimmten Abstand von einander gehalten.
Auf dem Flusse lagerten anfänglich leichte Nebel, die zwar nicht dicht
genug, um uns an der Weiterfahrt zu hindern, aber doch die Fernsicht
beschränkten, und mit größerer Vorsicht suchten wir zwischen Sandbänken
oder längs dem Ufer uns den Weg. Mühselig war das Vordringen; bald saß
der »Pfeil« auf einer Bank fest und arbeitete sich Volldampf rück-
oder vorwärts darüber hinweg, bald fuhr er dicht unter dem steilen
Ufer gegen eine starke Strömung mit seiner Last, und unausgesetzt war
die größte Achtsamkeit erforderlich. Die hohen Ufer boten in ihrer
Eintönigkeit nichts besonderes dar, nur hohes Rohr und Gras, seltener
Baum und Strauch unterbrachen das Einerlei der öden Landstrecken,
dafür aber war diese Oede desto belebter durch die verschiedensten
Thierarten, und je weiter wir vordrangen, desto mannigfaltiger
entfaltete sich die überreiche Fauna Central-Afrikas.
Es war um die Mittagsstunde des 16. Juli, als wir von ferne auf einer
größeren Sandbank im Flusse eine beträchtliche Anzahl Flußpferde
erblickten, die trotz unserer Annäherung keine Anstalten trafen, ihren
bequemen Ruheplatz zu verlassen, ebenso lagerten große Krokodile in
friedlicher Gemeinschaft mit diesen Kolossen am Rande des Wassers
und schienen ebensowenig Lust zu haben, den wohlthuenden heißen
Sonnenstrahl mit dem kälteren Wasser zu vertauschen.
Die Ruhe dieser Thiere bewog den Major, in der Nähe der Sandbank
halten zu lassen und eine Art Kesseltreiben zu veranstalten; denn
soweit vorauszusehen war, konnten wenigstens die Flußpferde nur über
flacheres Wasser entkommen und waren vorerst den sicheren Kugeln
preisgegeben. Mit dem kleinen Stahlboot landete der Major und begann
ein wirkungsvolles Feuer auf jedes der Thiere, das seinen Kopf, vor
Wuth brüllend, über dem Wasser erhob.
Allein die Klugheit dieser Flußpferde hatten wir doch unterschätzt;
einen tieferen, wenn auch nur schmalen Ausgang hatten sie sich zum
Entkommen freigehalten, und unter dem Boote weg, entzogen sie sich
der Verfolgung. Zwar war der Major überzeugt, daß mindestens eins
der Thiere nach kurzer Zeit eingehen würde, dann aber hätten wir im
leichten Boot der Heerde flußabwärts folgen und drei Stunden warten
müssen, um des nach dieser Zeit an die Oberfläche kommende Flußpferd
habhaft zu werden.
Die Hoffnung, durch Erlangung eines der Kolosse, dem gänzlichen Mangel
an Fleisch, namentlich zu Gunsten unserer Leute, abzuhelfen, war eine
irrige gewesen, selbst wir Europäer würden schwerlich ein saftiges
Stück verschmäht haben. Solch ein Kiboko ist für den Neger eine
besondere Delikatesse, und würden in Gegenden, wo diese Flußpferde für
die Ansiedelungen der Einwohner eine große Plage sind, den Eingebornen
gute Waffen zur Verfügung stehen, die Verminderung dieser Thiergattung
würde schnell vor sich gehen.
Sehr gerne würden die Soldaten mit einem »Mamba« (Krokodil) vorlieb
genommen haben, wenn sie ein solches am Lagerfeuer unter sich hätten
vertheilen können, und wo immer die Möglichkeit vorlag, eines dieser
Unholde zur Strecke zu bringen, wurde dem geäußerten Wunsche der
Leute entsprochen, allein es wollte nicht gelingen, selbst durch
vortreffliche Kopfschüsse diese gewaltigen Thiere auf der Stelle
zu tödten. Uebrigens ist dem Krokodil von der Vorsehung auch ein
bestimmter Posten angewiesen worden, nämlich insofern, als es als
Revierpolizei die Flüsse von allem Unrath reinigt; seine Gefräßigkeit
ist derart, daß es mit allem vorlieb nimmt, todtes oder lebendes
Gethier, namentlich den Fischen ist es ein gefährlicher Gegner und man
kann stets auf Fischreichthum schließen, wo das Krokodil in größerer
Anzahl sich aufhält.
Suchte das oft 5 bis 6 Meter große Thier seine Nahrung nur in den
Flüssen, würde es nicht so gefürchtet sein; es weiß indeß mit Arglist
das harmlose zur Tränke kommende Wild, sowie sehr häufig den Menschen
zu beschleichen. Häufig, wenn das Krokodil seine Beute nicht mit den
Zähnen fassen kann, was der Fall ist, wenn das Wasser am Ufer zu tief,
so daß es mit den Füßen keinen Stützpunkt finden kann, schlägt es
unerwartet mit dem Schwanze Mensch oder Thier vom Ufer und verschwindet
mit ihm in die Tiefe. Welch ein Kampf um solche Beute dann zwischen den
Räubern vor sich geht, kann man wohl kaum ahnen.
Noch hatten wir zwar keine trüben Erfahrungen gemacht, jedoch sollten
uns solche im Laufe der Zeit auch nicht erspart bleiben; Ursache genug,
diesem gefährlichen Räuber nach Möglichkeit den Krieg zu erklären,
hatten wir, ohne auch daß ein direkter Verlust uns betroffen hätte.
Wer einmal das Jammergeschrei der Eingebornen, denen der Unhold ein
Kind oder Angehörige weggeraubt, mit angehört hat, legt mit besonderer
Genugthuung die Büchse an, um einem solchen das Lebenslicht
auszublasen.
Die Wahrnehmung, daß wir aus dem Bereich der Ebbe und Fluth gekommen
waren, ließ uns der nächsten Nacht zufriedener entgegensehen und, als
wir bis Nachmittag 4-1/2 Uhr, nach manchem unliebsamen Aufenthalt,
gedampft, legten wir oberhalb vom Orte Inhamcombe (wie der Lootse
diese Gegend bezeichnete) an. Bisher hatten wir nur öde von der heißen
Sonne ausgedörrte Gras- und Rohrflächen passirt, nun aber schien es,
als sollten wir bald wieder Dörfer und Menschen ansichtig werden;
wenigstens sicherte uns der kundige Lootse die Erlangung von frischem
Proviant zu, wenn er zum Einkauf ausgesandten Leuten als Führer dienen
würde.
Recht wohlthuend und allen willkommen war die erste angenehme
Nachtruhe, welche uns seit der Abreise von Chinde beschieden war,
desto mehr nutzte sie ein Jeder aus, hatten doch alle bereits die
Ueberzeugung gewonnen, daß wir die Fahrt auf dem Zambesi auch fernerhin
nicht als eine Lusttour würden betrachten können, sondern ernste
Arbeit, die viel Geduld und Aufopferung erforderte, unser beständiges
Loos sein würde.
Fraglos war die feste Energie unseres Führers, der nur ein Vorwärts
kannte, der beste Stützpunkt, lehrte er uns doch im Kampfe mit den
Widerwärtigkeiten und Hindernissen durch sein Beispiel fest auf die
eigene Kraft zu vertrauen; Besonnenheit und schneller Entschluß im
Handeln wurden die Triebfeder zur großen That.
Ehe noch am frühen Sonntagsmorgen die goldene Sonne über dem Horizont
emporgestiegen war, leichte Nebel über den unabsehbaren Grasflächen
noch gespenstig hin und her wogten, hatte der Ruf der Trompete, deren
Klang schmetternd in die Weite getragen wurde, die Schläfer aus süßer
Ruh' geweckt; Früh auf war die Parole und Vorwärts das Kommando. Auf
der Weiterfahrt näherten sich die Ufer des Zambesi zuweilen bis auf 200
Meter, dann aber waren sie steil und hoch, zwischen denen der Strom
mit tieferem Wasser mächtig dahinschoß; schwer kämpfte der »Pfeil« mit
seiner Last gegen die wirbelnden Fluthen, und ehe solche Verengung
des Flußbettes durchfahren war, vergingen Stunden. Traten die Ufer
aber wieder zurück und verflachten, begann aufs Neue das mühselige
Hindurchwinden zwischen Sandbänken und Untiefen.