Leider nur zu bald sollten die schlimmen Folgen für die Expe

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Anmerkungen zur Transkription.

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Die Schreibweise und Interpunktion

des Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler

sind stillschweigend korrigiert worden.

Wörter in Antiqua sind so +gekennzeichnet+.

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Die deutsche

Dampfer-Expedition

zum

Nyassa-See.

Von M. Prager, Kapitän.

[Illustration]

Kiel.

Verlag von ~Karl Jansen~.

Kommissions-Verlag für den Buchhandel: ~Robert Cordes~, Kiel.

Seinem hochgeehrten Führer

dem

Kaiserl. Gouverneur von Deutsch-Ostafrika

Herrn Major von Wißmann

gewidmet

vom Verfasser.

Inhalts-Verzeichniß.

Vorwort. Seite

Einleitung 1

1. Aufbruch der Expedition 15

2. Bis zum Lager von Ntoboa und die Erbauung desselben 31

3. Im Lager von Ntoboa 39

4. Bis zum Lager von Port Herald 63

5. Ein Eilmarsch von Port Herald nach Chilomo 81

6. Der Eisenbahn-Transport. Das Lager bei Umpassa 93

7. Im Lager von Umpassa bis Katunga 110

8. Von Katunga bis Blantyre 130

9. Von Blantyre nach Mpimbi 148

10. Von Mpimbi nach Fort Johnston am Nyassa-See 166

11. Von Fort Johnston nach Mpimbi 193

12. Der Aufstand 211

13. Der Kampf 229

14. Die Erbauung der Werft 254

15. Der Ausbau des Dampfers »Hermann v. Wißmann« 278

16. Im Urwald 296

17. Der Stapellauf des »H. v. Wißmann« und

dessen Vollendung 320

18. Die Fahrten auf dem See und die Ankunft

in Langenburg 335

19. Die Küste und das deutsche Gebiet am Nyassa-See 359

20. Der Nyassa-See 386

21. Schluß 411

Druckfehler-Verzeichniß.

Vorwort.

In dem vorliegenden auf Grund genau geführter Tagebücher ausgeführten

Werke habe ich versucht in schlichter Weise das zusammen zu fassen und

wieder zu geben, was auf die große Wißmann Dampfer-Expedition Bezug

haben konnte, besonders was den praktischen Theil, den Transport und

Bau des Schiffes anbelangt.

Des Weiteren versuchte ich dem geneigten Leser ein anschauliches

Bild über wenig bekannte Länder und namentlich über den Nyassa-See

vorzuführen; die Thier- und Pflanzenwelt, die eigenartige Natur

Central-Afrikas, schloß ich in diesen Rahmen ein, soweit wenigstens wie

ich aus persönlicher Anschauung und Erfahrung mir ein Urtheil gestatten

kann.

Neben der großen Aufgabe, die mir zugefallen, die Erbauung des

Dampfers »Hermann von Wißmann« zu leiten, habe ich jede freie Zeit

benutzt um mich über Land und Völker zu orientiren, Aufzeichnungen und

Beobachtungen zu machen, die in sich ein Ganzes, nur einer eingehenden

Bearbeitung bedurften.

Möge der Inhalt dieses Werkes für sich selber sprechen für die

Theilnehmer an dieser großen Expedition aber würde geschenkte Beachtung

ein schöner Lohn sein für alle ausgestandenen Mühen, Gefahren und

Entbehrungen.

Ich möchte noch erwähnen, daß ich einer der Offiziere dieser Expedition

(5 Offiziere, 30 Europäer) war, dem zum großen Theil die praktische

Arbeit des Transportes und Baues und dann die Führung des Schiffes in

seinem Elemente, auf dem Nyassa-See, zufiel.

Da dieses Werk ein Separat-Abdruck aus der »Deutschen Marine-Zeitung«

ist, der ca. 1-1/2 Jahr in Anspruch nahm, haben sich eine Anzahl

Druckfehler eingeschlichen und bitte ich das Verzeichniß derselben am

Schlusse dieser Arbeit zu berücksichtigen.

M. Prager, Kapitän

Einleitung.

Um nicht zu weit zurück zu greifen, wenigstens nicht eingehend die

Gründe zu beleuchten, die für die Entstehung und Ausführung des

Planes, einen Dampfer nach dem Seeengebiet Inner-Afrikas zu schaffen,

maßgebend gewesen sind, will ich mich vorerst nur auf das beschränken,

was mir zum Verständniß für die Allgemeinheit werthvoll erscheint. Wer

in kolonialen Kreisen mit den Einzelheiten vertraut ist, kann sich

leicht die Vorgänge ins Gedächtniß zurückrufen -- im Uebrigen haben

ja die Tagesblätter seiner Zeit dem großartigen Unternehmen des Herrn

Major von Wißmann genügende Beachtung geschenkt, so daß wohl eine

kurzgefaßte sachliche Darstellung der Thatsachen genügen dürfte. Es

war am 27. Mai 1890, nachdem im raschen Siegeslauf auch der Süden der

deutschen Besitzungen in Ostafrika, von Kilva-Kivindji bis Mikindani

zurückerobert worden war, als Major von Wißmann, sein Adjutant

+Dr.+ Bumiller, begleitet von der Gesandtschaft des Seliman

ben Nasr und meiner Wenigkeit, auf dem englischen Dampfer »Etiopia«

Sansibar verließen, um auf Urlaub in die Heimath zurückzukehren.

Herzlich war der Abschied von den tapferen Kameraden, welche dem Major

das Geleit bis an Bord gegeben hatten, und alle beseelte der Wunsch,

ihren großen Führer in der Eigenschaft als Kaiserlichen Gouverneur

bald wieder auf afrikanischem Boden begrüßen zu können. War doch kein

Name von seiten der Araber gefürchteter als der des +bwana mkubwa

sana+, unter den Deutschen aber Niemand beliebter, als Wißmann. Wohl

bei uns allen hatten die großen Erfolge, welche die Deutschen unter

der Führung Wißmanns errungen, Hoffnungen erweckt, deren Erfüllung die

nächste Zukunft sicher bringen mußte, sollten die Früchte, die mit Blut

und Eisen erkämpft waren, dauernd uns verbleiben.

Die Thatsache, daß mit der Eroberung der ostafrikanischen Küste und der

wiederhergestellten Ruhe die deutsche Arbeit erst begonnen, die Kultur

den ersten großen Anlauf genommen hatte, stellte auch an die Leiter

der kolonialen Bewegung gewiß ernste Aufgaben und es galt aus einer

kleinen Zahl die richtigen Männer zu finden, die solch ein wichtiges

und umfassendes Werk fortsetzen konnten. Am nächsten lag es wohl, daß

der beste Kenner Afrikas, der so ruhmvoll den gewaltigen Kampf zur

deutschen Ehre beendet hatte, auch zu diesem verantwortlichen Amte

berufen werden würde, denn der Klang seines Namens bis weit in das

Innere des dunklen Erdtheils war Bürgschaft genug und leicht würde

durch ihn jeder fernere Widerstand unbotmäßiger Stämme nach kurzer Zeit

gebrochen worden sein.

Mit weitschauendem Blick erkannte Major von Wißmann, daß es mit der

Unterwerfung des Araberthums an der Küste nicht gethan ist, sondern

wie nöthig es sei, auch an den Ufern der gewaltigen Binnenseen Afrikas

diesem Feinde entgegen zu treten, der weit über ein ungeheures

Territorium verzweigt, nicht durch seine Zahl, vielmehr durch seine

geistige Herrschaft über die Stämme ein furchtbarer Gegner werden

konnte, sofern ihm die Zeit zum Sammeln gelassen wurde.

So lag denn nichts näher, um ein beständiges Machtobjekt im Innern zu

haben, als ein Schiff nach dem Innern zu schaffen, das nicht allein

ein weites Gebiet beherrschen konnte, sondern auch den Handel zu

fördern das geeignetste Mittel war, und dieses Werk mit ernstem Willen

durchzuführen, war des Majors fester Entschluß.

Indes lag es in der Natur der Sache, daß die Kühnheit solcher Idee

ein so großartiges Werk zur Ausführung zu bringen, in antikolonialen

Kreisen, die ein ziel- und zweckloses Wüthen gegen die Kolonialpolitik

des Deutschen Reiches in Scene gesetzt hatten, als für mindestens

unausführbar angesehen wurde, aber mit der Zeit und namentlich als

Major von Wißmann erst persönlich für seine Idee eintreten konnte,

war der Umschwung der Ansichten so groß, daß die Möglichkeit der

Ausführung nicht mehr in Zweifel gezogen ward, ja selbst diese Idee

sich so verallgemeinerte, daß nicht nur das Projekt des Majors, einen

großen Dampfer zuerst nach dem Viktoria-Nyanza-See zu schaffen, einzig

und allein maßgebend blieb, sondern auch von anderer Seite (Dr. C.

Peters) ein gleiches zur Ausführung gebracht werden sollte mit der

zweifelhaften Begründung, der Wißmann-Dampfer sei wegen seines zu

großen Tiefganges für den Viktoria-See ungeeignet. Natürlich wurden

hierdurch Parteispaltungen hervorgerufen, die der Sache nur schädlich

sein konnten, wozu der Kampfruf im kolonialen Lager »Hie Wißmann, Hie

Peters« das Seine beitrug und Unentschlossenheit sowie Verwirrung

hervorrief, wo doch nur absolute Einigkeit gegenüber einer mächtigen

antikolonialen Bewegung zum Ziele führen konnte.

Indes so nachtheilig dieser Umstand auch war, insofern als für ein

Ziel zwei Dampfer in Aussicht genommen wurden und naturgemäß die

freiwilligen Geldspenden Einbuße erleiden mußten, so war er doch

dem Projekte des Majors wesentlich nicht hinderlich, zumal in den

kaufmännischen Kreisen unserer großen Seestädte, als Hamburg, Lübeck,

Bremen das Verständniß für die große Sache ein allgemeines war, und

namentlich aus diesen, sowie aus den weitesten Kreisen im deutschen

Reiche, unter denen die Missionen besonders zu erwähnen sind, gingen

wenigstens die Mittel zum Bau des Dampfers reichlich ein. Daß die

Ueberführung des Dampfers von der Küste bis zum See außerdem ganz

beträchtliche Mittel erfordern würde, die vorhandenen bei Weitem nicht

ausreichten, war selbstverständlich und daher solche zu beschaffen das

ernstlichste Bestreben des Komitees, das sich in Köln zur Förderung

der Dampferangelegenheit gebildet hatte. So wie dieses widmete sich

auch, neben vielen anderen hochgestellten Personen, Herr Dr. Thimotheus

Fabri in Hamburg der Sache, um den Major, der längst wieder auf seinem

Posten in Afrika weilte, nach Möglichkeit zu unterstützen und alles

aufzubieten, was dessen großes Unternehmen fördern konnte.

Nach mehrfachem Aufruf zur Unterstützung der Sache stellte es sich

aber heraus, daß die eingehenden Geldspenden (es waren zusammen etwa

300000 Mk.) der Erwartung nicht entsprechen würden und es daher

gerathen erschien, die Hilfe der Regierung anzurufen. Die angesehensten

Männer Hamburgs unterzeichneten auch ein dahin zielendes Gesuch an

den Reichskanzler, das aber leider abschlägig beschieden wurde mit

dem Bemerken: die Dampferangelegenheit sei als eine Privatsache zu

betrachten und die Regierung daher nicht in der Lage, dem Unternehmen

pekuniäre Unterstützung zu gewähren oder gar selbst die Ausführung des

Transportes in die Hand zu nehmen, jedoch sei das Schiff erst nach dem

Viktoria-Nyanza geschafft und dort erbaut, würde es sich empfehlen,

dasselbe Reichssache werden zu lassen und die fernere Unterhaltung des

Dampfers würde sodann dem Reiche obliegen.

Es war somit ein mißglückter Versuch; dieses Versagen einer kräftigen

Unterstützung im gedachten Sinne konnte man der Regierung eigentlich

nicht verdenken, denn es wurden die, welche für die große Sache

eingetreten waren, damals noch von vielen Seiten Kolonialschwärmer

genannt und die weit verbreitete Ansicht unter der Gegenpartei, daß das

ganze Projekt sich schließlich als eine Unmöglichkeit ausweisen würde,

ließ mit Sicherheit voraussetzen, der Reichstag werde keine Mittel

dafür bewilligen; hielten doch genug Volksvertreter die koloniale

Bewegung überhaupt als für verfehlt.

Alle diese Fehlschläge hielten indes den Fortschritt im Bau des

Dampfers »Hermann von Wißmann« nicht auf, über den ich auf der

bekannten Schiffswerft von Janssen und Schmilinsky die Aufsicht

führte, auch sollte das Schiff bis zum 29. April 1891 vollendet

sein. Eine von mir aufgestellte Berichterstattung, Seine Excellenz

dem Reichskanzler eingereicht, möge hier eine Uebersicht von der

Zusammensetzung und den Größenverhältnissen des Schiffes wiedergeben.

Das aus deutschem Stahl angefertigte Schiff, welches allen gestellten

Anforderungen an ein seetüchtiges Fahrzeug entsprechen muß, hat eine

Länge von 26 und eine Breite von 5,078 Meter, seine Tiefe vom Deck

bis zum Kiel beträgt 8,5, der Tiefgang 6-7 Fuß. Der Schiffsraum ist

durch eiserne Schotten in 6 verschiedene Theile abgetheilt, wovon

der mittlere als Maschinen- und Kesselraum dient. Zwei Abtheilungen

sind zur Aufnahme von Feuerungsmaterial, event. Ladung bestimmt; eine

dritte im Vorderraum, als Kajüte eingerichtet, dient dem dienstthuenden

Personal, zwei oder drei Europäern zum Aufenthalt, die hinterste und

vorderste zur Aufbewahrung von Inventarien, Ketten, Tauwerk etc.

Das aus Teakholz hergestellte Deck bleibt möglichst frei, bis auf

das Deckhaus, dem Maschinenoberlicht und den Niedergängen zu den

Räumen. Das Deckhaus, für 2 Mann eingerichtet, nimmt einen Raum von 10

Quadratmeter ein, über diesem erhebt sich die 16 Quadratmeter fassende

von Bord zu Bord gehende Kommandobrücke, die mit Steuerung, Telegraphen

etc. versehen ist. Ueber das ganze Schiff werden Sonnensegel gespannt,

die an eisernen Stützen, in einer Höhe von 6 Fuß ausgebreitet werden

können. Die Kommandobrücke, mit eben solchem Sonnendach versehen,

kann nach allen Seiten eingeschlossen werden, so daß im Bedarfsfalle

die Brücke zum nächtlichen Aufenthalt geeignet ist. Vorgesehen sind

3 zerlegbare Stahlboote, jedes in vier Sektionen getheilt und leicht

mittelst Schrauben zusammen zu stellen; zwei haben eine Länge von 17,

das dritte von 12-1/2 Fuß. Die Takellage des Dampfers besteht aus zwei

Pfahlmasten mit vollständiger Segelvorrichtung und ist gewählt worden,

um das Schiff bei einem Versagen der Maschine nicht hülflos werden

zu lassen. Die Zwei-Cylinder-Hochdruckmaschine von 120 indizirten

Pferdekräften ist der Einfachheit und Solidität wegen bevorzugt worden

und kann mit derselben eine Fahrgeschwindigkeit von 8-1/2 Knoten pro

Stunde erzielt werden. Ebenso sind zwei horizontal liegende Dampfkessel

vorgesehen, deren Mantel, jeder in 8 Theile, ohne die Kesselböden, des

leichteren Transportes halber, zerlegt wurden.

Was nun das Gesammtgewicht des ganzen Körpers mit allem Zubehör

anbetrifft, so beläuft sich dieses auf ca. 80 Tonnen = 160000 Pfund.

Die schwersten Theile, als Cylinder, Hintersteven, Sternwelle wiegen

jedes nahezu 800 Pfund, jeder andere Theil des Schiffes und der

Maschine, als Kiel, Wellentheile, Kesselplatten etc., der über 350

Pfund Gewicht hat, ist zu den schwereren gerechnet worden und werden

deren ca. 20 sein. Da diese Theile wegen ihrer Konstruktion nicht mehr

haben verkleinert werden dürfen, so sind zu deren Transport geeignete

zweirädige Wagen konstruirt worden mit tiefliegenden Achsen. Alle

anderen Theile, als Schiffsplatten, Kisten etc., zu deren Transport

mehr als zwei Mann nöthig werden, sind so eingerichtet, daß sie an

Stangen getragen werden können.

Die Verpackung empfindlicher Gegenstände wird mit großem Vorbedacht

ausgeführt, um solche gegen Nässe zu schützen. Im Uebrigen werden

alle zur Expedition gehörenden Stücke so leicht als möglich gemacht

und wenn irgend angängig, darf das Gewicht eines einzelnen Theiles

nicht 60 Pfund überschreiten. -- Obgleich nun auch die Bestellung

der hundertfachen Sachen für Dampfer und Expeditionen des öfteren

eine unliebsame Beschränkung erhielt aus Gründen, welche durch den

Geldmangel hervorgerufen wurden, so konnte doch alles Nöthige in dem

Maße beschafft werden, daß mit Recht wohl keine andere Expedition so

vollständig und reichlich ausgerüstet worden ist wie diese. Ich ließ es

mir wenigstens angelegen sein für Jahre im voraus zu sorgen, damit an

Material kein Mangel eintreten konnte.

Wohl war beabsichtigt, den Akt der Schiffstaufe (nachdem der Dampfer

auf der Werft vollendet worden), um noch einmal das allgemeine

Interesse für die Expedition zu erwecken, mit besonderer Feierlichkeit

vorzunehmen und gab sich der kaufmännische Vertreter des Herrn Major

von Wißmann, Herr Ottens, dieserhalb die größte Mühe. Allein Bedenken

mancher Art machten den Plan zunichte, von der Taufe mußte gänzlich

Abstand genommen werden und ohne Sang und Klang, ausgenommen die kleine

Festlichkeit, welche der Leiter der Werft, Herr Janssen, veranstaltet

hatte, wurde der »Hermann von Wißmann« am 13. April 1891 übergeben.

Darauf das Schiff auseinander genommen, begann die Verpackung der

einzelnen Theile; die Einschiffung aber am 4. Mai auf dem neu erbauten

Dampfer »Emin«, der mit dem ganzen Transport und einem Theil der

Mannschaft am 9. Mai den Hamburger Hafen verließ.

Als Frachtdampfer für die Küstenfahrt in den ostafrikanischen

Gewässern bestimmt, war der »Emin« wenig geeignet, eine größere Anzahl

Passagiere aufzunehmen, deshalb hatte der größte Theil der Handwerker

unter Aufsicht des Obersteuermanns Bergest schon früher auf dem

Reichspostdampfer »Bundesrat« eingeschifft werden müssen und längere

Zeit vorher die Reise nach Sansibar angetreten, während ich erst,

nachdem der Transport verschifft war, von Neapel aus die Reise antrat.

Direkt für den Dampfer, dessen Transport und Aufbau, waren folgende

engagirt worden: 2 Steuerleute, 2 Maschinisten, 2 Zimmerleute, 4

Kesselschmiede.

Am 3. Juni erreichte der »Bundesrat« den Hafen von Tanga und von hier

beorderte der Vertreter des Majors, der inzwischen nach Deutschland

zurückgekehrt war, ohne seine hinausgehende Expedition irgendwo

angetroffen zu haben, Herr von Eltz, die Mannschaft zunächst nach

Bagamojo, von wo nach Eintreffen des »Emin« truppweise der Marsch in

das Innere angetreten werden sollte.

Aber als selbst die Entlöschung des »Emin« vermittelst arabischer Dhaus

beendet war, in rastloser Thätigkeit alles zum Abmarsch vorbereitet

wurde, wollte es Herrn von Eltz noch immer nicht gelingen, aus Mangel

an Trägern, die erste Abtheilung unter de la Fremoire absenden zu

können und die Hoffnung, wenigstens von der Küste fortzukommen, wurde

immer wieder vereitelt.

Wie es schien, verschlechterten sich die Aussichten in Bagamojo,

noch genügend Träger zu erhalten mehr und mehr, denn es war von

seiten der Europäer wie auch der Araber und Hindu (Indier) in der

That ein Reißen um Träger und kein Ausweg bot sich, die benöthigten

Tausende zu erlangen. Doppelt freudig wurde daher die Nachricht

begrüßt, der Irländer Stokes sei mit annähernd 5000 Trägern in Saadani

eingetroffen, die der Expedition zur Verfügung gestellt werden sollen.

Und bestimmt sahen wir den baldigen Abmarsch voraus, als der Befehl

eintraf, das gesammte Material nach Saadani überzuführen, von wo

des günstigeren Terrains halber die einzelnen Kolonnen aufbrechen

sollten. Die Ueberführung des gewaltigen Transportes mittelst Dhaus

begann am 1. Juli und war trotz der äußerst schwierigen Verschiffung

nach Verlauf einer Woche beendet. Verhältnißmäßig schnell gelangten

wir nach Saadani, wo inzwischen de la Fremoire hinter dem Fort

auf freiem Felde ein Lager errichtet hatte, das vorläufig nur aus

Zelten und den nothwendigsten Grasschuppen bestand, unter denen alle

Schiffsgegenstände von den zur Verfügung stehenden Wanjamwesi (Stokes

Leute) untergebracht wurden. Das Lager, das sich anfänglich noch

in einem primitiven Zustand befand, wurde allmählich erweitert und

ausgebaut, so daß Grashäuser, Schuppen und Zelte schließlich den Umfang

eines kleinen Dorfes ausmachten, auch wurde es nothwendig, die Zugänge

zu beschränken, damit nicht jeder nach Belieben Zutritt hatte, denn

unsere Diener und Köche liebten es sehr ihrerseits extra Diener sich zu

halten, welche die eigentliche Arbeit gegen sehr geringes Entgelt zu

machen hatten.

Der Suaheli nämlich spielt sich gegenüber seinen schwarzen Brüdern,

namentlich denen aus dem Innern, nur zu gerne als Herr auf und wird

sie nie für voll ansehen; diesem Unwesen nun mußte gesteuert werden,

auch deswegen schon, weil zu befürchten stand, daß trotz strenger

Aufsicht minderwerthige Gegenstände den Weg des Nimmerwiedersehens

gehen konnten. Aber hatten wir in der ersten Zeit gehofft, der Aufbruch

der Expedition würde endlich zur Ausführung kommen, zumal Stokes, dem

die Unterhaltung seiner Wanjamwesi Beträchtliches kostete, ernstlich

zur Entscheidung drängte, so schwand vorläufig jede Aussicht, als Herr

von Eltz den Befehl zum Abwarten überbrachte, der auch Stokes zwang nun

seine Träger anderweitig zu verwenden.

Der so oft verschobene Aufbruch fand darin seine Erklärung, daß Herr

Major von Wißmann nicht persönlich die Leitung übernehmen konnte,

auch den Aufschub anordnete, weil er erst mit einer Feldbahn von

Europa eintreffen wollte, mit welcher er den Gesammttransport leicht

und bequem zu befördern gedachte, und was das Schwerwiegendste,

höchstens 1000 Mann, anstatt früher 5000 und mehr, dazu bedurfte. Am

25. August traf denn auch der Major mit dem in Tanga eingelaufenen

Reichspostdampfer »Kanzler« wieder an der ostafrikanischen Küste ein

und ernstlich ging es nun an die Ausführung der noch nothwendigen

Arbeiten, unter denen die Ueberführung der Feldbahn von Sansibar nach

Saadani, die mir übertragen wurde, die nächste war. Die Aussicht,

endlich von der fieberreichen Küste fortzukommen, belebte den

gesunkenen Muth, freudig regten sich viele hundert Hände, die Feldbahn

zusammen zu stellen und entsprechend den Anordnungen des Majors zu

beladen.

Das Schienengeleise der Feldbahn, dessen Länge 400 Meter betrug,

bestand in seinen einzelnen Theilen aus 1-1/2 Meter langen Jochen,

die mittelst Haken schnell und bequem mit einander verbunden werden

konnten. Jedes dieser 266 Joche sollte von je einem Mann mit

Schulterriemen getragen werden; würde diese Arbeit aber dem Einzelnen

auf die Dauer zu schwer geworden sein, so waren, wenn nöthig, höchstens

die doppelte Zahl Leute, 532, dafür anzustellen, die zu zwei jedem Joch

zugetheilt, diese leicht und ohne Anstrengung transportiren konnten.

Von hinten nach vorne, eine Länge von 400 Meter, war jedes Joch zu

tragen, bei dem die Träger verblieben bis der letzte Wagen passirt,

war, um dann erst aufs Neue nach vorne aufzurücken.

Die Wagen, ein jeder mit guter Bremse versehen, waren so eingerichtet,

daß an jeder Seite 8 Mann mittelst in Ringe zu hakende Schulterriemen

diese bequem ziehen konnten, was auf ebenen Terrain verhältnißmäßig

leicht war. Es würden für die vorhandenen 32 Wagen demnach 512 Mann, im

Ganzen also 1044 nöthig gewesen sein; mit solcher Anzahl konnten wir

es unternehmen, selbst sehr schwieriges Terrain zu überwinden, und was

der größte Vortheil, alles Material war stets beisammen, ein Verlust

also, wie solcher bei Trägerkolonnen wahrscheinlich gewesen wäre,

ausgeschlossen.

Zwar sehr schwierig und zeitraubend wäre der lange Weg bis zum

Viktoria-Nyanza-See geworden, aber hätte nicht ein unerwarteter Schlag,

die zum Abmarsch bereite Expedition an der Ausführung gehindert, unter

der Leitung des Majors von Wißmann würde das Schwierigste vollbracht

worden sein und wir hätten den See sicher erreicht.

Noch in rastloser Arbeit mit dem Aufbau der Bahn beschäftigt, im

Vertrauen auf die vom Major abgegebene Zusicherung, wir würden bald

nach der Vollendung aufbrechen können, traf am 12. September in Saadani

die unglaubliche Nachricht ein, es sei die Kerntruppe, das zelefkische

Korps, von den Wahehe vollständig vernichtet worden; die besten

Kolonialtruppen, die tüchtigsten Offiziere, die unter Major von Wißmann

so rühmlich gekämpft hatten, mitsammt ihrem erfahrenen Führer waren der

Uebermacht erbitterter Feinde erlegen. Als kein Zweifel mehr blieb und

diese traurige Nachricht durch immer genauere Angaben bestätigt wurde,

da war es kein Wunder, daß die Annahme, diese große Niederlage könnte

noch Schlimmeres im Gefolge haben, die weiteste Verbreitung fand und

daß zunächst die zum Aufbruch bereite Dampfer-Expedition auf ihrem Wege

zum Innern ernstlich gefährdet sein würde. Bedenken schwerwiegender Art

mußten die Entschlüsse des Majors beeinflussen oder zu nichte machen,

wenn ihm die Sicherung seiner Expedition nicht durch eine genügende

Schutztruppe garantirt werden konnte und daß dies unmöglich war, lag

auf der Hand, da dem Gouverneur von Soden unter solchen Verhältnissen

eine Schwächung der Küstenbesatzung nicht zuzumuthen war. Hätte es

indeß sein können, so würden den übermüthigen Wahehe sehr bald die

Früchte ihres Sieges entrissen, unter Führung Wißmanns die Niederlage

gerächt und die aufständigen Häuptlinge zur Unterwerfung gezwungen

worden sein.

Leider nur zu bald sollten die schlimmen Folgen für die Expedition sich

bemerkbar machen, denn Major von Wißmann stellte die Wahrscheinlichkeit

in Aussicht, er würde jedenfalls sich genöthigt sehen müssen,

seine Expedition aufzulösen und solche zu einer ruhigeren Zeit zur

Durchführung zu bringen. Da indes noch nicht all und jede Aussicht

geschwunden sei, die Möglichkeit, vielleicht doch noch aufbrechen

zu können, vorhanden wäre, so ermahnte der Major das Personal, die

Arbeiten an der Feldbahn völlig zu beenden; liege es im Bereiche seiner

Macht, brechen wir unter allen Umständen auf. So ging denn alles seinen

ruhigen Gang bis plötzlich am 23. September vom Major der Befehl

aus Sansibar einlief, die Expedition sei aufgelöst! Es haben sich

demzufolge sämmtliche zum Schiffspersonal gehörende Mitglieder am 25.

September nach Sansibar zu begeben, um mit dem nächsten Dampfer in die

Heimath befördert zu werden. Das war das Ende der stolzen Expedition,

auf die die Welt mit Erwartung gesehen hatte, und das große Werk blieb

unvollendet. Noch hatte kein Einziger bewiesen, was er zu leisten

fähig ist, würde es auch fernerhin nicht können, da das Aufgeben der

Expedition für fast alle die Möglichkeit ausschloß, sich dem großen

Unternehmen zu widmen, wenn es durch die Energie des Majors v. Wißmann

später doch noch zur Ausführung kommen sollte.

Die eigentliche Lage, in welcher die junge deutsche Kolonie durch

die schwer zu verwindende Niederlage versetzt worden war, hatte also

zunächst die Auflösung der Wißmann-Expedition zur Folge und konnte man

auch erwarten, Major von Wißmann werde trotz aller Widerwärtigkeiten

sie zur Durchführung bringen, so war doch eine Unterbrechung von 8-9

Monaten durch die bald eintretende große Regenzeit geboten. Hätte

selbst die Anwerbung einer genügenden Militärmacht sofort ausgeführt

werden können, wäre dennoch viel Zeit verloren gegangen, die schweren

Regengüsse und die schlechten Wege hätten die Ausführung verhindert.

Die Dampfer-Expedition des Major von Wißmann, das sich der Vollendung

nähernde Projekt des Dr. Peters, hatten sehr bald gezeigt, daß zur

Durchführung so gewaltiger Aufgaben die vorhandenen Geldsummen bei

weitem nicht ausreichten, und während wir eigentlich thatenlos an

der ostafrikanischen Küste gelegen, hatte sich zur Beschaffung so

bedeutender Mittel im deutschen Reiche das Anti-Sklaverei-Komitee

gebildet, zu dem Zwecke, durch eine große Lotterie die benöthigten

Summen zu erlangen. Die Unterdrückung der Sklaverei an der Küste

sowohl, wie im Innern Afrikas, war der Grundgedanke und das nächste

dazu, die Ueberführung der beiden Dampfer nach dem großen Seengebiet,

deren Bestimmung es sein sollte, dem schmachvollen Gewerbe der Araber

Einhalt zu thun.

Von der Ansicht ausgehend, die beiden Dampfer nun nicht, wie anfänglich

geplant, nach dem Viktoria-Nyanza zu schaffen, weil ~ein~ solches

Machtobjekt auf diesem See vollständig genügte, wurde mit Major von

Wißmann, der in Egypten weilte, in Unterhandlung getreten, ob er nicht

sein Fahrzeug nach dem Nyassa- resp. Tanganjika-See bringen wolle,

während der Peters-Dampfer seiner anfänglichen Bestimmung zugeführt

werden sollte. Dies schien um so eher geboten, als dann auf zwei

Punkten im deutschen Gebiet dem Unwesen der Araber entgegen getreten

werden konnte.

Major von Wißmann erklärte sich auch mit diesem Projekt einverstanden

und wählte den ihm bekannten Wasserweg Zambesi-Schire, mit der festen

Absicht, seinen Dampfer nach dem Tanganjika-See zu bringen und dort zu

erbauen.

Man konnte um so mehr dieser praktischen Idee, nach Möglichkeit den

Wasserweg zu benutzen, zustimmen, als sicher zu erwarten war, daß mit

geeigneten Mitteln der große Schiffstransport leichter und schneller

gefördert werden würde, allerdings müßte dann auch die geeignete

Zeit, in welcher diese Flüsse genügende Wassertiefe hatten, nicht

versäumt werden. Zur erfolgreichen Durchführung waren, neben den

zwei der Expedition zugehörenden großen Sektionsboote, noch vier

Stahlleichter und ein Schleppdampfer als für nöthig erachtet worden,

deren Fertigstellung sich leider verzögerte, was für den Fortgang der

Expedition später recht nachtheilige Folgen hatte.

Seit der Zeit, als ich die in Ostafrika weilenden Mitglieder der

Expedition im Auftrage des Majors nach Deutschland zurückgeführt hatte,

waren etwas mehr als sechs Monate hingegangen, in diesem Zeitraum also

vollzog sich die Durchführung des neuen Planes, die Wißmann-Expedition

jetzt zum Tanganjika-See zu leiten. Am 11. April 1892 erging an

mich die Ordre, mich unverzüglich Herrn Dr. Bumiller in Hamburg zur

Verfügung zu stellen und die Anwerbung einer neuen Mannschaft, nach

Uebereinkommen in Stettin vorzunehmen. Da zur Auswahl geeigneter

Leute mir nur eine beschränkte Zeit gegeben wurde, so war es um so

schwieriger, praktische Leute zu finden, denn außer der Fachkenntniß,

mußte vor allem die Körperkonstitution des Einzelnen in Betracht

gezogen werden; die Garantie mußte vorhanden sein, daß der Ausgewählte,

zum Mindesten unter normalen Verhältnissen, allen Strapazen und dem

Klima Afrikas gewachsen sei. Die Anwerbung beruhte im Grunde genommen

mehr auf Menschenkenntniß, deshalb zog ich sympathische Erscheinungen

vor, sofern sie nur den gestellten Bedingungen gerecht werden konnten,

mußte ich doch die Thatsache im Auge behalten, daß für lange Zeit

gemeinsame ernste Arbeit alle vereinigen und unliebsame Charaktere

nur ein störendes Element abgeben würden. Meistens gediente Soldaten,

schreckte keiner vor Gefahr und Schwierigkeiten zurück und die

Folgezeit hat gezeigt, daß zum großen Theil tüchtige und zuverlässige

Leute dieser Expedition sich angeschlossen haben.

Zur festgesetzten Zeit, am 27. April 1892, verließ der Postdampfer

»Kaiser« mit den Mitgliedern der Expedition, den in einzelne Theile

zerlegten Leichtern, sowie dem Schleppdampfer »Pfeil«, der vollständig

ausgerüstet an Deck gehißt worden war, Hamburg, und über Amsterdam,

Lissabon und Neapel verlief die Reise nach Sansibar schnell und gut.

Major von Wißmann, der schon längere Zeit vor Ankunft des Postdampfers

in Ostafrika weilte, hatte für ein schnelles Vorgehen seiner

Expedition Sorge getragen, sodaß nach unserer Ankunft in Sansibar

der Küstendampfer »Peters« schon bereit lag, alle Gegenstände

überzunehmen, auch war derselbe bestimmt worden, das ganze Schiff-

und Eisenbahnmaterial, welches seiner Zeit in Saadani untergebracht

wurde, abzuholen und nach Chinde zu bringen. Die Verladung des

Materials von Land in die am Strande liegenden Dhaus leitete Herr von

Eltz und Illich, während ich beauftragt worden war, die Entlöschung

der Dhaus und die Verstauung aller Sachen in den »Peters« vorzunehmen

und zu beaufsichtigen. Kaum vorher ist solche Thätigkeit bei der

Expedition entfaltet worden wie in diesen Tagen und als die Arbeit

vollendet war, wußte ein Jeder, daß er sein Möglichstes gethan hatte,

die endlich vorwärts gehende Expedition zu fördern. Die Abfahrt des

Dampfers »Peters« erfolgte am 12. resp. 13. Juni von Saadani-Sansibar,

die Ankunft in Quilimane, welchen Ort der Major anfänglich als den

Ausgangspunkt der Expedition bestimmt hatte, neun Tage später, am 22.

Juni.

Major von Wißmann, der mit dem Postdampfer »Kaiser« die Reise

nach Mozambique fortsetzte, war bestrebt, hier an der

portugiesisch-ostafrikanischen Küste seiner Expedition die Wege

zu ebnen und suchte namentlich das Wohlwollen der maßgebenden

Behörden sich zu sichern, was unerläßlich war, da der untergeordnete

portugiesische Beamte genug Schwierigkeiten zu bereiten weiß. Ebenso

sollte von hier aus der kleine Schleppdampfer »Pfeil« in Begleitung

eines größeren Seedampfers nach Chinde übergeführt werden, was bei

der hohen Dünung, die hier unter dieser Küste auch bei schönem Wetter

beständig läuft, nicht ganz ungefährlich war und wirklich für die

kleine Besatzung eine gefahrvolle, höchst ungemüthliche Reise geworden

ist.

Nach Aeußerungen des Majors von Wißmann hat die portugiesische

Regierung seiner Expedition die größtmöglichste Unterstützung zugesagt,

und offen gestanden, harmonirten wir wohl mehr mit den Portugiesen als

mit den Engländern, war doch deren letzthin vollführter Gewaltakt gegen

die schwache portugiesische Kolonie keine besondere Empfehlung. Allein,

waren portugiesische Versprechungen nur ausgetauschte Höflichkeiten,

oder die Absicht thatkräftige Unterstützung nie auszuführen vorweg

vorhanden, genug, die Zusicherung blieb höheren Orts nur eine

persönlich ausgesprochene Gefälligkeit, weiter nichts, die Organe,

denen eine Anweisung darüber hätte zugehen müssen, wußten nie etwas

davon und mehr als ein freundliches Entgegenkommen haben wir von

portugiesischen Beamten nicht erlangt.

Wollte man sich über Portugiesisch-Ostafrika im Allgemeinen ein

Urtheil bilden, würde ein solches schon ohne eingehende Beleuchtung

interner Zustände, kein Loblied werden, im Gegentheil, zieht man den

Jahrhunderte langen Besitz in Betracht, müßte eine ganz andere Kultur

und eine andere Entwicklung dieser Kolonie vorausgesetzt werden,

deshalb kann man auch nur den Portugiesen als Kolonisten ein höchst

mittelmäßiges Zeugniß ausstellen. Ein kultureller Aufschwung im Innern

des Landes hätte zwar ein großes Kapital, mehr aber noch Verständniß

und unbeugsame Energie erfordert, über beides jedoch verfügte Portugal

nicht in solchem Maaße, um die Kolonie dem Mutterlande werthvoll zu

machen. Somit unterblieb eine durchgreifende Kulturarbeit, und ob auch

die Portugiesen einen ungeheuren Bezirk im Besitz haben, sind der

eigentliche Ertrag nur die den Eingeborenen auferlegten Steuern und

sonstigen Zölle; ob die dadurch erzielten Summen aber genügen, die

Beamten und das Militär zu befriedigen, ist eine Frage. Trotz alledem,

daß von seiten der Portugiesen während eines so großen Zeitraumes in

Handelsbeziehungen kaum Nennenswerthes geschehen ist, haben sich doch

lohnende Ausfuhrartikel gefunden und der ganze Handel ist fast im

alleinigen Besitz der ansässigen Deutschen, derselbe verspricht eine

Steigerung von ungeahnter Größe, wenn, was nicht denkbar ist, Portugal

verständige Kolonisirung treibt, oder eine andere Nation die Nachfolge

übernimmt.

Die Frage nun, welche Nation vielleicht den berechtigsten Anspruch

darauf hätte, wenn Portugal seine Kolonie mal veräußern muß, würde

zwischen Deutschland und England entschieden werden müssen. Eins nur

ist sicher, deutsches Kapital bahnt sich dort immer mehr den Weg und

wächst zu einer Macht empor, welches die deutsche Politik gegebenen

Falls mit allem Nachdruck zu schützen haben wird, die Sicherstellung

desselben in kommender kritischer Zeit bedeutet »Besitz«, dagegen sucht

England den schwachen Portugiesen unter dem Scheine eines Rechtes und

seiner gewaltigen Geldmittel immer mehr zurückzudrängen und zweifelhaft

ist der Besitztitel der Portugiesen auf der Hauptader des ganzen

Landes, den Zambesi-Schireflüssen, trotz ihrer daselbst stationirten

Flotte.

Die Bedeutung des Wortes »Handel ist Macht« hat Portugal für seine

Kolonien nie begriffen; zwar im Konkurrenzkampf der Nationen sieht es

heute für sich die gewisse Niederlage kommen und unternimmt noch einen

Anlauf, um sein gefährdetes Gebiet zu halten, allein ob dieses nicht

das letzte Athemholen vor dem Falle ist? -- Kennzeichnend für die

Zustände in der portugisischen Kolonie sind auch die häufigen Aufstände

der Eingebornen, die, wenn es ihnen nicht an Entschlossenheit und guter

Bewaffnung fehlen würde, mit ihrer Uebermacht gar leicht die schwachen

Besatzungen zu Paaren treiben könnten, zumal der Makua-Krieger durchaus

nicht zu verachten ist. Unter den jetzigen Verhältnissen hat Portugal

genug zu thun die Küste zu sichern und das Innere der Kolonie bis zum

Nyassa-See ist, wie seit jeher, ein +terra incognita+ geblieben.

Von Quilimane, wo der Dampfer »Peters« einige Tage Aufenthalt gemacht

hatte, wurde er nach Chinde beordert, weil von dort der besseren

Wasserverhältnisse wegen, die Expedition aufbrechen sollte. Auch hatte

Major von Wißmann, nachdem er Quilimane als Ausgangsstation aufgegeben

hatte, sofort eine Abtheilung Soldaten unter Befehl des Sergeanten

Bauer dorthin entsandt, die nahe dem Flußufer an passender Stelle

ein provisorisches Lager erbauen sollten, und so fanden wir, als das

Expeditionsmaterial mit dem Dampfer »Peters« anlangte, schon einen

einigermaßen gesicherten Platz vor, der gesäubert und mit dornigen

Gesträuch eingefaßt worden war. Ein sehr reges Leben entfaltete sich

nun am Strande, hunderte Hände schleppten die entlöschten Gegenstände

in das Lager, andere brachten wieder von weither Baumaterial, Gras

und Baumstämme, zum Schuppen und Häuserbau heran, dazu wurden Zelte

errichtet, Dornhecken gelegt und um das Bild afrikanischen Lagerlebens

zu vervollständigen, exerzierten Soldaten, ertönten Hornsignale.

Ein Chaos von Unordnung bot sowohl der Strand als auch das Lager,

Eisentheile, Kisten, Kasten, Tauwerk etc. etc. lagerten überall

her im Sande und es schien in der That schwer zu sein, aus solchem

Wirrwarr klug zu werden, indeß nur vorübergehend, bald reihten sich die

Arbeiterkolonnen Mann an Mann, die dirigirt von Europäern, jedes Stück

an seinen Platz hinschafften. Der kleine »Pfeil« leistete uns beim An-

und Abschleppen der Leichterfahrzeuge wesentliche Dienste, namentlich

bei stark laufender Ebbe und Fluth, denn die reißende Strömung

erschwerte die Arbeit des Entlöschens ungemein.

Sobald das benöthigte Material an Land geschafft worden war, wurde

unverzüglich mit der Aufstellung und Zusammensetzung unserer

zerlegbaren Boote und Leichter begonnen und unter den geschickten

Händen der Handwerker wuchs das Werk zusehends, so daß schon nach

Verlauf von acht Tagen einige Boote und ein Leichter zu Wasser gebracht

werden konnten.

Bald lag denn auch die kleine Flotille mit voller Segelvorrichtung

versehen zum Aufbruch bereit und nur die sehnsüchtig erwartete Post

verzögerte die Abfahrt; war es doch eines jeden Wunsch, ehe er dem

Weltmeer und der Civilisation valet sagen mußte, noch einen letzten

Heimathsgruß zu erhalten! Leider aber vergeblich war das Hoffen; nach

wochenlanger Rast in Chinde zogen wir hinaus in die Wildniß zu wagen

und zu kämpfen. --

Ehe ich nun in den folgenden Kapiteln die Schicksale der Expedition

etwas eingehender aufzuzählen mich bemühe, will ich noch diejenigen

Mitglieder, Charge und Namen, anführen, die ihr ganzes Können an die

Ausführung der großen Aufgabe gesetzt haben.

Führer der Expedition: Major von Wißmann, sein Adjutant Dr. Bumiller;

Transportführer: Herr v. Eltz; Offizier: Leutnant Bronsart von

Schellendorf; Arzt: Dr. Röver; Proviantmeister: de la Fremoire,

Illich; Herr Franke, Maler. Sergeanten: Bauer, Eben, Krause. Zum

Schiffspersonal gehörten: Kapitän Prager; die Steuerleute Gerloff,

Wissemann; die Maschinisten Spenker, Engelke; die Zimmerleute Riemer,

Ottlich; Schiffsbauer und Kesselschmiede Zander, Brückner, Eickershoff,

Wedler, Knuth, Grünhagel und Domann.

Mit anwesend in Chinde waren noch: Herr Regierungsrath Edler von Grunow

und Herr von Tippelskirch.

1. Aufbruch der Expedition.

In dem nach der Chinde-Mündung zu liegenden Gebüsch konnte nur noch

dürftiges Brennholz gefunden werden und häufig in Ermanglung desselben

schleppten die Soldaten trockenes Rohr heran, um damit ihre Mahlzeiten

zu kochen. Mit der Zeit aber wurden wir genöthigt, alle paar Tage ein

Boot mit Mannschaften oberhalb Chinde in dem dort weit ausgedehnten

Gebüsch zu senden, die Holz zu schlagen hatten, und als die Zeit

herannahte, daß wir uns zum Aufbruche rüsteten, gingen täglich in aller

Frühe Boote ab, die Abends beladen zurückkehrten. Oft genug erzählten

dann die Leute, was sie an Flußpferden, Krokodilen und Schlangen

gesehen hätten und wie namentlich Krokodile, von Kugeln getroffen,

durch Ueberschlagen versucht haben, vom Ufer fort in ihr Element zu

gelangen. Abends an den Wachtfeuern wurde das Mögliche und Unmögliche

erzählt; indeß jeder war zufrieden, wenn es am Morgen bei der

Arbeitsvertheilung hieß, die oder die Abtheilung ist zum Holzschlagen

kommandirt, anstatt zu exerzieren, dann hatten doch die Betreffenden

Gelegenheit, aus eigener Anschauung die Wahrheitsliebe ihrer Gefährten

zu beurtheilen. Ueberdem ließ die Gewißheit, daß an den Ufern des

Zambesi-Flusses kein Holz zu erhalten ist, es nothwendig erscheinen,

möglichst viel Brennholz für unsern Dampfer »Pfeil« mitzunehmen,

wenigstens so viel, um Schupanga zu erreichen, wo solches wieder in

größeren Mengen vorhanden sein sollte.

Wie unter den Europäern das Fieber allmählig die Reihen lichtete, d.

h. sie für einige Zeit arbeitsunfähig machte, so kamen nicht minder

unter den Soldaten Krankheiten zum Ausbruch, die in einzelnen Fällen

tödtlich endeten; womit besonders nicht zu spaßen, war der Ausbruch

der Pocken unter den Suaheli. Diese Krankheit, in den Distrikten

Ost- und Central-Afrikas weit verbreitet, fordert jährlich viele

Opfer, und obgleich im Lager sofort eine Absonderung der Erkrankten

vorgenommen wurde, starben dennoch mehrere. Indeß die getroffenen

Vorsichtsmaßregeln verhinderten wenigstens eine Verbreitung der Seuche,

obwohl sie trotzdem immer wieder zum Ausbruch kam und Opfer forderte.

Wie erwähnt, warteten wir vergeblich auf die Ankunft des deutschen

Küstendampfers »Wißmann« (dessenwegen vom Major der Aufbruch der

Expedition um Tage verschoben worden war), der noch nothwendige Sachen

bringen sollte, die namentlich für den ersten Transport werthvoll

waren. Die Verzögerung war durch den Totalverlust des deutschen

Dampfers »Emin«, der auf offener See gesunken war, hervorgerufen;

erst als diese traurige Kunde zu uns gedrungen war, gab der Major

das nutzlose Warten auf und bestimmte den 14. Juli als den Tag des

Aufbruchs.

Ein reges Leben entfaltete sich in den Morgenstunden dieses Tages

im Lager -- Zelte wurden niedergelegt, Kisten und Kasten gepackt --

und als die Einschiffung auf Leichter und Boote begann, flog manches

Kommandowort hin und her, ehe jeder seinen Platz gefunden hatte;

namentlich die Ruderer und Soldaten mußten sich mit sehr geringem Raum

behelfen, was bei der großen Anzahl Menschen gewiß nicht angenehm war.

Kurz vor 3 Uhr Nachmittags rief die Trompete zum Sammeln und als die

Zurückbleibenden in Reih und Glied angetreten waren, hielt der Major

noch eine letzte Musterung ab; ein schnelles Abschiednehmen, ein

flüchtiger Händedruck, dann verließ mit dreimaligem Hurrah die kleine

Flotille den gastlichen Strand und ging einem ungewissen Schicksal

entgegen. Mancher sah an diesem Tage das blaue Meer zum letzten Male,

hörte das Brausen der Brandung deren Donnern wie Grüße aus der fernen,

fernen Heimath herüberklangen -- sollte doch die leichte Barke viele

nicht zurückführen zum unendlichen Ozean, sondern ihnen, fern im

Innern Afrikas, von Feindeshand gefallen oder vom tückischen Fieber

hingerafft, ein stilles vergessenes Grab bereitet werden, das keine

treue Hand je pflegen kann. Wohl keiner von allen, außer dem Major,

empfand die Bedeutung dieser Stunde so wie ich, war doch endlich das

Kommandowort »Vorwärts« gegeben, auf welches diese Expedition so oft

gewartet hatte, der, ebenso marschbereit wie heute, das Schicksal schon

zweimal ein »Zurück« zugerufen hatte.

Nun endlich das Vorwärts erklungen, wußte ich auch, daß, mochten die

Hindernisse noch so groß, die Mühen schwer sein, das angefangene Werk

unter Führung des Majors von Wißmann, vollendet werden würde.

Solange die Boote im Schlepptau des »Pfeil« mit halber Kraft gegen den

starken Strom vorwärts gezogen wurden (die Flotille bestand aus einem

Leichter, den beiden großen Sektionsbooten und einem Stahlboot des »H.

v. Wißmann«), ging die Fahrt leidlich gut von statten, als es aber

Volldampf vorwärts ging, war der Leichter mit dem provisorischen Steuer

nicht mehr zu regieren. Das Fahrzeug schoß bald rechts, bald links quer

durch den Strom, und jedesmal mußte die Fahrt des »Pfeil« vermindert

werden, um ein Kentern zu verhüten. Im engeren Fahrwasser, wo die

Ufer mit hohem Schilfgrase eingefaßt waren, fuhr der Leichter öfters

mit solcher Wucht in dieses hinein, daß es nur mit großer Anstrengung

gelang, ihn wieder frei zu machen.

Vorläufig freilich mußte an der einmal eingeführten Schleppmethode

festgehalten werden, zumal keine Zeit zu verlieren war, wenn wir noch

bis Abend die portugisische Hauptstation Sombo erreichen wollten.

Zu unserer linken Seite waren die Ufer steil und hoch, bis zum Rande

mit Bäumen und Gebüsch bewachsen, wo hindurch kleine Oeffnungen

zuweilen einen kurzen Blick auf halb verborgen liegende Ansiedelungen

der Eingebornen gestatteten. Noch mehr bekundeten Bananenpflanzungen

die Nähe eines Dorfes, und fast immer liefen auf das keuchende Geräusch

des Dampfers die halbnackten Bewohner herbei und steckten neugierig

ihre Köpfe durch die grünen Büsche, oder sammelten sich in kleiner

Anzahl auf der Uferböschung, um uns mit Händeklatschen zu begrüßen.

Solchen Gruß unterließen unsere Soldaten nicht zu erwidern; war das

Ufer nahe genug, flogen Zurufe hin und herüber, die meistens zur Folge

hatten, daß die Frauen bald aus dem Gesichtskreise verschwanden, die

derben Soldatenspässe schienen für die zarten Ohren der schwarzen Damen

selbst hier im Urbusch nicht passend zu sein. Zur rechten Seite hatten

wir dagegen dichtes Mangrovengebüsch, durchflochten mit Lianen, deren

schillernde Blüthen sich tief über das dahinrauschende Wasser neigten.

Verborgen im Schatten des Blätterdaches aber warteten der schwarze und

weiße Reiher, der rosasarbene Flamingo und andere Vogelarten ihrer

Beute. Zuweilen, als wären sie aus ihrer Ruhe gestört worden, sprangen

kleine Affenarten neugierig im Gezweige der Bäume hin und her, die

durch schallende Laute Erstaunen oder Furcht bekundeten, kamen wir

aber dem Ufer so nahe, daß die überhängenden Zweige Boot oder Leichter

streiften, dann flatterten erst die furchtlosen Vögel davon, um wenige

Schritte weiter dem ungewohnten Treiben wieder zuzuschauen.

Vor oder hinter uns tauchte auch bisweilen der Kopf eines oder mehrerer

Flußpferde auf, deren Prusten weithin hörbar, am nächsten mit dem

dumpfen Gegrunze eines Schweines zu vergleichen ist, auch berechtigt

höchstens der Kopf eines solchen plumpen Thieres die Bezeichnung

»Flußpferd«, sonst an Gestalt kommt es keineswegs dem Pferde nahe. Nach

kurzer Umschau verschwanden die Thiere meistens sehr bald, um plötzlich

an irgend einer anderen Stelle wieder hoch zu kommen, sie machten sich

auch stets durch das erwähnte Grunzen bemerkbar.

Auch Krokodile, verborgen im Schilf oder im Blattgewirr der Lianen, die

in träger Ruhe dicht am Ufer sich sonnten, wurden durch die Annäherung

der Boote aufgescheucht; oft machte uns erst der Ruf unserer Leute

»mamba« auf solchen gefährlichen Gesellen aufmerksam, der schnell die

Wasserfluth durchschnitt und in die Tiefe verschwand.

Die Schatten der Nacht begannen schon kurz nach Sonnenuntergang sich

über diese Urnatur auszubreiten, als vor uns in einer Biegung des

Chindearmes das portugiesische Settlement sichtbar wurde. Weit von der

Mündung des Zambesi, war hier eine verhältnißmäßig großartige Anlage

geschaffen worden, deren Hauptzweck die Erbauung von Kriegsfahrzeugen

ist, von denen eine Anzahl vor dieser Niederlassung zu Anker lag. (Es

ist bekannt, daß die beständig wechselnden Wasserverhältnisse des

Zambesi eine eigenartige Schiffskonstruktion bedingen, um auch bei

niedrigstem Wasserstande noch den Fluß befahren zu können und daher hat

man das Pontonsystem als das praktischste in Anwendung gebracht.)

Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See. · 第 1 / 51 段