„Im Gegentheil, Felicita,“ rief sie mir beim ersten Begrüßen entgegen,
„im Gegentheil, wir wollen uns recht oft und viel sehen!“
„Ja gern,“ antwortete ich hastig, „allein ich darf meine Neigung auf
andere Damen nicht mehr erstrecken, denn darunter würde Edita leiden und
das würde auch mein Glück zerstören, oder,“ setzte ich leise, ihre Hand
ergreifend, hinzu: „kennen Sie nicht Frauenliebe? Dieselbe ist mächtig
wie der Tod und in ihrem Eifer schaurig wie das Grab ... ihre Gluthen
sind Feuergluthen!!“
„Wohl weiß ich das“ entgegnete Elisabeth, während ihre Wangen sich höher
färbten „und es ist stets mein heißester Wunsch gewesen, von einer
geliebten Freundin ganz und voll wiedergeliebt zu werden! Ich bin
kürzlich erst darauf aufmerksam gemacht worden; zuvor hatte ich keine
Ahnung von der Frauenliebe – – ich hatte mein ganzes Herz einem Manne zu
eigen gegeben und seit dem ich die zwischen demselben und mir
bestehenden Beziehungen gelöst, sehne ich mich nach einer Dame, die mit
mir sympathisirt und mich liebt. Ich liebe Sie Beide; Edita jedoch nicht
so feurig als Sie, denn Sie haben eine unglaubliche Macht über mich
gewonnen; Sie haben mir ein Flammenmeer in die Seele gegossen ... Haben
Sie Vertrauen zu mir! Wenn ich Sie meiner Liebe versichere, dann können
Sie Alles von mir erreichen, Alles, nur seien Sie lieb gegen mich!“ Und
ich – erlag auch der Versuchung.
Wir sahen uns fast täglich und ich hatte stürmische Auseinandersetzungen
mit Edita, welcher ich nicht genug versichern konnte, daß der Verkehr
zwischen Elisabeth und mir ein absolut harmloser sei ...
* * * * *
Später einmal wechselte Elisabeth ihr Quartier und ich, um sie in
demselben zu begrüßen, brachte ihr einen duftigen, großen Strauß. Edita,
welche mich begleiten und dann aussteigen wollte, bat mich, die Blumen
nicht mitzunehmen; von mir hätte sie sehr lange schon keine erhalten und
es thue ihr weh, daß ich Elisabeth auszeichne. Ich sah, wie es in ihren
Augen feucht schimmerte und um sie zu beruhigen, legte ich die Blumen
auf den Wagensitz, ihr versprechend, daß ich sie für sie wieder
zurückbringen wolle. Da Edita mir glaubte, so verabschiedete sie sich an
einer Straßenecke und ich befahl dem Kutscher bald darauf, vor einem
Blumengeschäft zu warten; ich kaufte ein anderes Bouquet, welches ich
nun doch für Elisabeth mitnahm. In dem Blumenladen traf ich mit Stephani
zusammen, welche mich in ihrer gewinnenden Manier begrüßte und mir unter
Anderem erzählte, daß sie nach ihrer Heimath zurückkehren wolle, da ihr
Gatte sie vor die Alternative gestellt habe, sich ohne Aufsehen von ihm
zu entfernen, oder einen scandalösen Ehescheidungsprozeß über sich
ergehen zu lassen. „Aber weshalb denn, um’s Himmelswillen?“ fragte ich
flüsternd, auf’s Tiefste erschrocken. „Den Grund theile ich Ihnen mit,
wenn ich zu Ihnen komme; vielleicht heute noch!“ entgegnete Stephani.
„Weiß Elisabeth davon?“ fragte ich, ihr die Hand zum Abschiede reichend.
„Jawohl, die weiß Alles,“ gab Stephani bedeutungsvoll zurück, „doch
sprechen Sie, bitte, keine Silbe zu ihr davon.“
Das geschah natürlich auch.
Eine Stunde später sagte ich dann unter ungezählten heißen Küssen
Elisabeth Adieu und fuhr nachdenklich nach Hause. Dort traf ich zu
meiner großen Ueberraschung Stephani an, welche früher, als
beabsichtigt, ihre Schritte nach unserem Hause gelenkt hatte.
Ohne etwas zu bedenken, hatte ich den ominösen Blumenstrauß vor Edita’s
Venus von Milo aufgestellt, was ich ihr sogleich mittheilte.
„Habe Dank, Felicita! Nun weiß ich doch, daß Du mich lieber hast, als
Elisabeth, oder – sage mir einmal, Schelm, Du hast doch nicht etwa
andere Blumen für sie unterwegs gekauft?“
„Bewahre, Kind, wo denkst Du hin!“ log ich entschieden, aber als ich
dann Stephani’s ansichtig wurde, schämte ich mich unaussprechlich. Ich
errieth sogleich, daß Stephani natürlicherweise von unserem Treffen in
der Blumenhandlung gesprochen haben würde, denn auf mein Befragen, ob
sie soeben erst angekommen sei, erwiderte sie harmlos: „Nein, ich begab
mich sogleich auf den Weg hierher, als wir uns im Blumengeschäft
verabschiedet hatten.“ – – –
Ich hatte aber auch entschiedenes Unglück. Wenn jemals ich etwas vor
Edita verbergen wollte, so entdeckte sie es ganz bestimmt – und wenn
jemals ich mich um des Friedens willen zu einer Unwahrheit flüchtete, so
wurde ich sicher von meiner Freundin dabei ertappt. Dieselbe war
indessen viel zu tactvoll, um mir in Gegenwart einer anderen Dame eine
Verlegenheit zu bereiten. Erspart ist es mir freilich nicht geblieben,
Vorwürfe anzuhören, die mich tief beschämten ... „Der Grund, weshalb der
Professor sich von mir lossagen will? So hören Sie denn, meine Damen:“
Stephani hielt einen Augenblick inne und begann dann:
„Da ich die feste Ueberzeugung habe, daß ich bei Ihnen Beiden auf
Verständnißinnigkeit rechnen darf, so überlasse ich Ihnen gern die
Beurtheilung meiner Handlungsweise. Ich habe mich meinem Manne nicht aus
Liebe vermählt. Es war eine Convenienzheirath. Sein reiches Wissen,
seine soziale Stellung und vor Allem sein alter, vornehmer Name wog das
Vermögen meines Vaters, des reichen Handelsherrn auf und ich vertröstete
mich darauf, daß eine Neigung zwischen uns mit der Zeit entstehen und
wachsen würde. Ich hatte mich jedoch getäuscht; seine Wissenschaft ist
seine Geliebte: mir war er nichts. Er ließ mir schrankenlose Freiheit
und ich habe diese nach Willkür genossen. Ich interessirte mich für die
Frauenliebe und jahrelang schon huldige ich ihr. Für ein einziges Weib
interessire ich mich. Diese aber liebe ich mit der ganzen Kraft meines
Temperaments und ich weiß, daß ich ihre Gegenliebe besaß und daß sie mir
bedingungslos treu war und ist. Nie hatte sie, so lange ich sie kenne,
einem Manne angehört, aber auch niemals tiefere Gefühle für eine andere
Frau bekundet. Unsere Liebe machte unser ganzes Glück aus; es war unser
süßes Geheimniß, das wir Beide sorgsam hüteten, weil ich in erster Reihe
auf meinen Gatten Rücksicht zu nehmen hatte. Doch der Verräther schläft
nicht. Vor ganz kurzer Zeit hat mein Mann Alles entdeckt und die
vollgiltigsten Beweise meiner Verirrung erhalten. Ein Prozeß würde mich
tödtlich kompromittiren. Es bleibt mir nun nichts anderes übrig, als daß
ich, ohne Zeit zu verlieren, mich von ihm trenne, ohne daß er nöthig
hat, den Rechtsweg zu beschreiten. Mit unsäglicher Wehmuth aber denke
ich an die Stunde des Scheidens von dem Liebsten, was ich besitze meine
... geliebte Freundin.“ – –
Als Stephani schwieg, sagte Edita, welche, gleich mir, der Darstellung
gespannt gelauscht hatte:
„Was Sie uns da mitgetheilt haben, ist schlimm genug. Man kann Ihnen nur
den Rath ertheilen, leisten Sie dem Professor Abbitte und versprechen
Sie ihm, nie wieder die betretene Bahn einzuschlagen. Wenn derselbe auch
sich nicht immerfort mit ihnen beschäftigte, so hatten Sie doch zu
bedenken, daß er sich unsagbar gekränkt fühlen müsse, wenn er davon
erführe, daß Sie die Freundschaft einer Dame ihm vorziehen. Wenn Sie
dann nach geraumer Zeit, während welcher er sich beruhigt hat und über
die ganze Sache Gras gewachsen ist, werden Sie, wenn Sie zurückgekehrt
sind, wieder an seiner Seite weiterleben. Sie sind Ihrem Hausnamen,
Ihrer Ehre und derjenigen Ihrer ganzen Familie schuldig, das Decorum
nach jeder Richtung hin zu bewahren.“
Ich pflichtete meiner Freundin mit voller Ueberzeugung bei und
betheuerte, daß ich sehr wohl begreife, wie schwer die Aufgabe sei, die
sie zu lösen hätte, allein sie müsse sich derselben unterziehen. Später
könne noch alles wieder gut werden.
„Wie kann es gut werden?“ rief Stephani, „wenn ich der Liebe zu meiner
Freundin zu entsagen gezwungen werde. Und darum sage ich Ihnen ja auch
Alles, weil ich rathlos bin. Einige Zeit will ich mich, wenn es nicht
anders sein kann, fortbegeben, doch für immer, – nur aus Rücksicht auf
das Decorum meines Namens meine Liebe aufgeben!? das – das kann ich
nicht!“
„So machtvoll wäre diese Frauenliebe, daß sie Ueberlegung und Vernunft
zu rauben vermöchte? Seltsam, seltsam!“ murmelte Edita gedankenvoll.
Doch ehe sie fortfahren konnte, mehr zu sagen, unterbrach sie Stephani:
„Sie, gerade Sie, finden das seltsam? Würden Sie denn Ihrer Felicita
entsagen um eines Mannes willen und die bewunderungswürdig reiche Liebe,
mit der sie die Ihre vergilt, eintauschen gegen ein Eheleben ohne
jedwede Neigung? Könnten Sie das?“
„Nein“, entgegnete Edita: „Das könnte ich freilich nicht und das würde
auch Felicita nicht thun, aber –“ und hier lächelte Edita glückselig:
„wir haben ja auch Beide keinen Mann und wir danken ja auch Beide für
das Glück der Ehe – wir halten Beide treu zusammen – bis zum Tode! Gelt,
Felicita?“
Statt aller Antwort drückte ich ihr nur mit ernsten Blicken ihre Hand.
„Wer“ meinte Edita weiter, „nun aber eine Ehe eingeht, hat auch die
heilige Pflicht, alle Rechte zu achten, welche dem anderen Theile
zustehen. Ich, beispielsweise, würde mich nimmermehr verheirathen, weil
ich eine mir unzweifelhaft angeborene Antipathie gegen die Ehe habe und
darum, weil ich einem Manne, den ich im Uebrigen nach Verdienst und
Charakter hochschätze, ein unglückliches Leben an meiner Seite nicht
bereiten möchte, so verzichte ich einfach.“
„Es geht mir genau ebenso!“ schloß ich mich den Worten Edita’s an. „Ich
würde auf keinen Fall eine Ehe eingehen, so lange ich mein Herz von der
Liebe zu einer Frau erfüllt weiß. Und mehr noch: ich würde keinesfalls
eine Frau lieben können, von welcher ich weiß, daß sie ein _faible_ hat
für die Herren der Schöpfung.“
Bei den letzten Worten lachte Stephani hell auf, während Edita mir
blitzschnell ihre Hand auf den Mund legte.
„Nun ja, Sie haben Beide recht und ich denke im Grunde genommen genau so
wie Sie; aber – nun sagen Sie mir, Felicita, wie soll ich denn diesen
gordischen Knoten lösen? Ich befinde mich in einem Labyrinth: zwischen
legaler Ehe und einer Verirrung – Frauenliebe!“
„Zunächst würde ich an Ihrer Stelle doch prüfen, ob Ihre Freundin Ihnen
auch Alles das ist, was Sie vermeinen. Sagen Sie mir vor Allem, wenn Sie
mögen, wer ist diese Freundin?“ fragte ich.
„Offen gestanden, liebste Felicita“, antwortete Stephani, „hat es mich
schon lange gewundert, daß Sie dieser Frage noch nicht Ausdruck gegeben.
Wissen Sie es denn nicht, daß ich überhaupt nur eine einzige Freundin
besitze?“
Ein jäher Schreck drang mir durch’s Herz und ich konnte einen leisen
Ausruf der Ueberraschung nicht unterdrücken, während Edita, fast ebenso
erstaunt ausrief:
„Doch nicht etwa Elisabeth?“
Stephani neigte bestätigend das erglühte Haupt: „Gewiß, Elisabeth! Wer
sonst könnte wohl diese Liebe besitzen?!“
Ich konnte mich von meinem Erstaunen nicht erholen. Hatte mir Elisabeth
nicht gesagt, daß sie von den Mysterien der Frauenliebe erst vor einiger
Zeit erfahren? Hatte sie mir nicht bekannt, daß sie wohl einem einzigen
Mann angehört, doch niemals vor mir einer Frau und ferner, daß dieser
Mann sie überhaupt nicht besessen!? Träumte ich denn? Elisabeth hat mit
mir Gaukelspiel getrieben in der ganzen Zeit, da ich ihren Bitten Gehör
gab, mit ihr zu verkehren. Jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen,
daß sie mich oftmals getäuscht haben mochte. Sie wußte, oder mußte doch
wissen, daß Stephani sie über Alles liebte und doch buhlte sie um meine
Zuneigung, obwohl sie wußte, daß ich ein Unrecht beging, wenn ich hinter
dem Rücken Edita’s ein „Verhältniß“, wie sie selber es bezeichnete,
unterhielt. –
Als sich Stephani verabschiedet hatte, sandte ich sogleich einen Boten
zu ihr mit einem Billet, in welchem ich ihr, ohne direkt eine
Indiskretion zu begehen, reinen Wein einschenkte. Ich ermahnte sie auf
Grund der Thatsache, daß ich sie persönlich werthschätze, den Verkehr
mit ihrer Freundin allmälig abzubrechen. Da ich wußte, daß die so
überaus liebenswürdige, jugendliche Professorin absolut ehrenhaften
Charakters war, so theilte ich ihr von meiner Zuneigung für Elisabeth
mit. Daß Stephani mich an Edita nicht verrathen würde, davon war ich
überzeugt.
Wie ich alsbald erfuhr, hatte Stephani vor ihrer Abreise einen langen,
ausführlichen Brief geschrieben und folgende vielsagende Antwort von
Elisabeth erhalten:
„Durch Gräfin Anna Pongrácz sende ich Dir, Stephani, einen
Abschiedsgruß. Lebe wohl!