Klingelingeling – –

Eine ältliche Frau in sehr sauberem Anzuge, mit einer abschreckenden

Physiognomie öffnete und gab auf Befragen der Marchesa tief knixend, mit

süßlicher Stimme Auskunft.

Ja Fräulein Corni sei zu Hause. Wen sie anmelden dürfe; sie sei die

Wirthin.

„Mein Name thut nichts zur Sache. Ich will nur einige Fragen an die Dame

richten,“ sagte die Marchesa, denn diese war es.

Die Frau musterte sie bei diesen Worten mit spöttischen Blicken: „Dame!“

Wußte denn diese, wie eine Fürstin auftretende Ausländerin, als welche

sie an ihrem fremdländischen Accent leicht erkennbar war, wirklich

nicht, daß ihr hoher Besuch einer gänzlich herabgekommenen Person galt?

Nach einigem Warten und wiederholtem Klopfen wurde von innen

aufgeschlossen und die Marchesa stand vor der blonden Schönheit Corni’s.

Lächelnd, mit einer erstaunten Frage in den langbewimperten Augen, hörte

sie die Begrüßung der fremden Dame an und mit tadelloser Verbeugung lud

sie dieselbe ein, näher zu treten.

Es war ein großes, einfach möblirtes Zimmer, in welchem die Marchesa

flüchtig Umschau hielt. Hohe Flügelthüren waren weit offen und gewährten

einen Einblick in das daran stoßende Schlafzimmer, welches mit einer

Pracht und Ueppigkeit ausgestattet war, wie man es in solcher Umgebung

nur bei einer überschwenglichen, verwöhnten Courtisane erwarten darf.

Nachdem die Marchesa, in ihrer anscheinend kühlen Reserve verharrend,

den Zweck ihres Besuches offen erklärt, bat sie die ihr

Gegenübersitzende, ihr ihr Vertrauen zu schenken, und ihr ehrlich zu

gestehen, wie sie auf eine solche abschüssige Bahn gelangt sei. Wider

Erwarten überzog sich das Gesicht der schönen Hetäre mit tiefem

Erröthen; betreten senkte sie den Blick und ihre weißen Zähne nagten in

offenbarer Verlegenheit an der Lippe.

„Sprechen Sie ohne Scheu zu mir,“ ermuthigte die Marchesa, „ich

interessire mich für Sie, denn ohne daß Sie es wußten, habe ich

Gelegenheit gefunden, Sie zu beobachten. Ich weiß Alles, nur das Eine

nicht, daß Sie, die Sie körperlich von der Natur so ausgezeichnet sind

und eine gute Bildung und Erziehung genossen haben sollen, ein

derartiges Gewerbe ergreifen konnten.“

„Gute Erziehung? Hahaha!“ Corni lachte bitter.

„O wenn Sie wüßten, gnädige Frau, wie bodenlos schlecht ich schon in

frühester Jugend, ein Kind fast noch an Jahren, gewesen bin. Sehen Sie,

ich habe es ja garnicht nöthig, einer fremden Dame aus meinem Leben

Enthüllungen zu machen, die für mich durchaus nicht schmeichelhaft sind,

allein ich finde ein gewisses Vergnügen an dieser Selbstpein und an

Ihnen ist etwas, das, wenn ich so sagen darf, zur Beichte einladet. So

hören Sie denn:

Ich bin früh verwaist und mein Vormund schickte mich in ein berühmtes

Pensionat in der Schweiz. Von den Zinsen des ererbten, mäßigen Vermögens

wurden die Kosten für mich bestritten, mir selbst fiel ein Taschengeld,

das ich doch so heiß ersehnte, nicht ein einziges Mal zu. Mir

kostspielige Näschereien und bunten Flitterkram zu kaufen, war mein

sehnlichstes Wünschen. Auf einem Spaziergang, den ich in Gemeinschaft

mit anderen Pensionärinnen machte, begegnete uns ein junger Student; ein

knapper Schnürrock umschloß eine schlanke, kräftige Gestalt. Den dunkeln

Lockenkopf schmückte keck ein silberbordirtes Cerevis; aus dem

bildhübschen Jünglingsgesicht blitzten ein Paar prächtiger Augen zu mir

herüber und ich gab mir die größte Mühe so kokett, als mir nur möglich

war, seine feurigen Blicke zu erwidern. Ein anderes Mal begleitete

seinen stummen Gruß ein verstohlener mir zugeworfener Kußfinger; wir

sahen uns von da ab oft und einige Zeit später war ich die erklärte

Braut des flotten Studiosus. Ich war von seltener, erfinderischer

Schlauheit; trotzdem man mich scharf beobachtete und es mir streng

verboten war, mich ohne Erlaubniß zu entfernen, so wußte ich es doch zu

ermöglichen, mich ungesehen davonzuschleichen und fast jeden Tag

feierten wir Beide ein heimliches Rendezvous. – Curt liebte mich, wie er

sagte, schwärmerisch und es schmeichelte mir bedeutend, daß er eines

Abends in der dunklen Laube vor mir auf seine Kniee sank und mir in

glühenden Worten von seiner Liebe sprach. Ach, mir war wirklich so

himmelhochjauchzend zu Muth, wie es sein mußte, wenn man einen Bräutigam

hatte! Er verstand es trefflich, mir schlüpfrige Lektüre in die Hände zu

spielen und dann sorgte er dafür, daß die erwünschten Confituren niemals

ausgingen. – Eines Tages steckte er mir sogar einen kleinen Ring an den

Finger und damit – verlobten wir uns. Das war für mich ein großes

Ereigniß und ich bemühte mich, ein Mittel zu erfinden, mittelst dessen

ich ihm den so oft bereits erbetenen Beweis meiner Liebe für ihn zu

bringen vermöchte. Und diesen brachte ich. Meine Unschuld war der Preis

und dafür meine Kindheit vergiftet und Alles das – das Opfer eines

tollen Studentenstreiches. Mein braver Curt ließ sich bald darauf nicht

mehr blicken. Ob ihm das Gewissen schlug oder ob ihn Furcht beschlich –

genug, ich habe den feschen Schmeichler nie wieder gesehen. Später zog

ich Erkundigungen über ihn ein und erfuhr dann, daß weder auf der

Akademie, noch in dem von ihm bezeichneten Hause Jemand seines

vorgeblichen Namens wohnte. Er hatte mich also absichtlich und mit

voller Ueberlegung hintergangen, mich auf ehrloseste Art ganz

vorsätzlich betrogen um mich dann meinem Schicksal zu überlassen. Mein

Fehltritt war nicht verborgen geblieben und schimpfbeladen wurde ich aus

dem Institut gewiesen. Von den spärlichen Revenuen, welche mir durch den

Verwalter meines Vermögens zugingen, konnte ich unmöglich das

genußreiche Leben führen, welches ich mir immer erträumte, so lange ich

denken konnte. Aufs Gerathewohl kam ich hier an und miethete mir ein

kleines Zimmer bei einer Stickerin. Stundenlang konnte ich sitzen und

ihr zusehen, wie unermüdlich sie die Nadel führte ... ich selbst regte

keinen Finger zur Arbeit. Zur Nähmamsell war ich denn doch zu schade!!

Kopfschüttelnd sah die fleißige Stickerin zuweilen nach mir hin, wenn

ich müßig und verdrossen dabei mit mir und meinem Geschicke haderte. Ich

klagte, daß ich mit meinem Gelde nicht auskommen könne und daß ich

keinen Geschmack an dem Leben fände, welches ich zu führen genöthigt

sei. Ich wolle genießen – die Freuden des Lebens kosten! – Zuweilen

betrachtete ich mich mit Aufmerksamkeit im Spiegel und dann schwoll mein

Herz vor Freude bei der Wahrnehmung, daß ich zu einer begehrenswerthen

Schönheit heranreifte. Lieben wollte ich mich lassen und dann mich

rächen! Treu sein dem, der mir seine Liebe schenken würde? Nein! Nie!

Keinem! Wo war bei mir Treu und Glauben geblieben?! Rachsucht,

Genußsucht, das waren die beiden Faktoren, die den Dämon in mir zur

Reife brachten! ...

An einem wundervollen Sommerabende promenirte ich in den Anlagen des

Stadtparkes, wo ich von einem älteren Herrn höflich gegrüßt und

angeredet wurde. Das war mir gerade recht; von dem vielen Alleinsein und

Nachdenken war mir der Kopf schwer und ich ergriff gern die Gelegenheit,

mit dem Herrn, welcher gar bald jovial seinen Arm unter den meinigen

schob, interessant zu plaudern und mir dadurch die Grillen zu

verscheuchen. Er schien an meiner Unterhaltung auch großes Gefallen zu

finden und da er mir ein Compliment nach dem andern machte, so thaute

ich vollends auf und schließlich nahm ich seine Einladung, mit ihm

gemeinsam in einem Austern-Salon zu Abend zu speisen, vergnügt an. Der

Wein war vortrefflich und das erlesene Souper mundete mir ungemein! So

wünschte ich es: Weiche, elegante Sammtmöbel, eine Anzahl elektrischer

Flammen, ein üppiges Mahl – ah, und seidene Roben und sprühende

Diamanten! ... Das Alles kaufte mir der reiche Banquier Benno und viel

mehr noch! Er miethete mir in einem vornehmen Villen-Viertel ein

wunderschönes Quartier, stattete es geradezu fürstlich aus, hielt mir

Dienerschaft und eine glänzende Equipage und ich lebte auf so großem

Fuße, daß ich bald der Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit wurde.

Benno miethete mir eine Prosceniumsloge, veranstaltete, um mir auch in

meiner Häuslichkeit Vergnügen zu bereiten, großartige Soupers und bis

zum frühen Morgen oft wurde musizirt, gezecht und nicht selten ein etwas

riskantes _Jeu_ arrangirt.

So lebte ich in süßestem _dolce far niente_; der Himmel hing mir voller

Geigen und ich erquickte mich an dem grenzenlose Neide, den ich in den

Gemüthern sämmtlicher Messalinen der Residenz erweckt hatte. Dann

plötzlich, wie ein Blitz aus heiterem Himmel nahm alle diese

Herrlichkeit ein jähes Ende. Der arme Benno wurde eines Tages vom Tode

ereilt, da er sich gerade auf dem Wege zu meiner Wohnung befand.

Unglücklicherweise war Benno verheirathet und Vater einiger sehr

energischer Söhne, die sehr gewissenhaft das Erbe desselben antraten,

ohne jedoch meiner zu gedenken! Mein elegantes Tusculum, der gallonirte

Diener und die Equipage machten mir keinen Spaß mehr, wenn ich nicht mit

vollen Händen Gold verstreuen konnte. Doch nicht nach mir und meinen

Launen ging es; ich hatte Schulden gemacht und war noch nicht majorenn;

für den Erlös meiner luxuriösen Einrichtung konnten dieselben bezahlt

werden! – Nachher hatte ich entschieden Malheur. Eine Liaison nach

meinem _goût_ konnte ich, trotz aller meiner Bemühungen nicht anknüpfen;

es fand sich so leicht nicht wieder ein Crösus wie weiland Freund Benno

es war. Dadurch gerieth ich in immer größere Verlegenheiten und um

denselben zu entrinnen, scheute ich nicht zurück, mich immer tiefer zu

erniedrigen. Ich besuchte Nachts Wiener Cafés, denn meine prächtigen

Toiletten besaß ich noch und diese erweckten das Erstaunen aller meiner

Gefährtinnen, welche sich an Garderobe und Geschmeide geradezu

überboten. Das Treiben in diesen Cafés zu schildern, sei mir erlassen,“

bat Corni die Marchesa und sprach dann weiter: „Wer nicht selbst mit

eigenen Ohren und Augen hört und sieht, kann sich auch keinen Begriff

davon machen, welcher Ton dort herrscht und diesem müssen sie sich alle

unterziehen, ob von guter Herkunft, ob von dunkler Geburt, ob aus dem

Schlosse, oder dem Vagabundenthum entstammend, ob gebildet oder

unwissend: sie Alle sind erklärte Verehrerinnen ihrer Urahne Astarte und

sie Alle lassen es sich auch resignirt gefallen, von der Männerwelt in

absolut nur frivoler oder geringschätziger Weise behandelt zu werden.

Sehr viele unter den Damen der Halbwelt feuern allerdings auch noch ihre

sogenannten Anbeter dazu an, möglichst _sans gêne_ mit ihnen zu

verkehren.

Inzwischen wurde mir mein Geld ausgezahlt und ich nahm mir vor, dasselbe

zu irgend einem Unternehmen zu verwerthen. Ich lernte durch Zufall eine

verheirathete Schauspielerin kennen, deren Gatte Direktor einer

herumziehenden Truppe gewesen. Das Ehepaar machte einen guten Eindruck

auf mich; der Mann besaß gediegene Schulbildung und war offenbar

strebsam und unermüdlich besorgt, sich und seiner engagementslosen Frau

eine gesicherte Existenz zu bereiten. Eine Theater-Agentur wollte er

begründen; ihm seien glänzende, vielverheißende Offerten gemacht worden;

er könne sein Glück finden, wenn er die Agentur übernähme. Seine Gattin,

eine niedliche, noch ziemlich jugendliche Erscheinung, bestätigte ihres

Mannes Angaben; sie bedürften nur einer mäßig großen Capital-Einlage und

dann wären sie aller bisherigen Misère überhoben. Ich vertraute den

Leuten auch thatsächlich meine ganze Habe an. Nach einem halben Jahre

waren sie mein Geld, das zu meiner moralischen Rettung hatte dienen

sollen, los; den mir versprochenen Reingewinn habe ich nie zu sehen

bekommen. Ich bin von dem ehemaligen Komödianten einfach betrogen

worden. Er und seine Frau ließen sich nicht wieder hier sehen und

wiederum war ich um eine Erfahrung reicher und um den Rest meines

Vertrauens zu den Menschen vollends gebracht. Meiner Leichtgläubigkeit

war somit vollauf Rechnung getragen. Wenn ich nun von Stufe zu Stufe

sank, mich in berüchtigten Ball-Lokalen zeigte und mir alle erdenkliche

Mühe gab, auf dieser nun einmal betretenen Bahn goldene Früchte zu

ernten, so geschah dies lediglich aus dem Grunde, weil mir kein Berather

zur Seite stand, mein Herz an keinem Menschen hing! Hier und da war es

vorgekommen, daß ich eine gewisse Neigung der Männer für mich wahrnahm,

aber dann wich ich erbarmungslos von ihnen zurück; ich ließ die

Unschuldigen mit den Schuldigen leiden und war treulos bis zur ...“

Mit einem leisen Stöhnen unterbrach sich die schöne Sünderin, während

die Marchesa aufstand und mit theilnahmvollem Gesichtsausdruck das

reiche Blondhaar streichelte.

„Dann“, setzte Corni ihre Rede fort, „kam es, wie es kommen mußte: ich

gerieth in der That bis dicht an den Abgrund. – Die Behörde ist längst

auf mich aufmerksam gemacht worden und ... ein leises Straucheln nur

noch und ich bin der Verurtheilung derselben rettungslos anheimgegeben

... Angesichts dieser neuen Befürchtung tauchen qualvolle Gedanken in

mir auf – Selbstmordgedanken! Ich finde keinen Ausweg mehr, ich bin der

Sünde verfallen und sehe dem Ende meines verfehlten Lebens gefaßt genug

entgegen. Ich habe versucht, mir als Modell für Künstler eine gewisse

Einnahme zu verschaffen ... auch dies ist mir mißlungen.“

„Weshalb?“ fragte die Marchesa und ihr Auge ruhte mit neugierigem

Ausdruck auf den Lippen der Sprecherin. Diese wandte in einem Anflug von

Verlegenheit das Gesicht zur Seite, schlug mit den Fingern ein

Schnippchen und rief ausweichend: „Ah, Madame, das war eine fatale

Geschichte, in der That! Wenn ich“, fuhr sie, diese Unterbrechung

ignorirend, fort, „wenn ich nicht noch einen unerwarteten Ausweg finde,

dann bin ich eben an meinem Ziele angelangt! Mir ist vor einiger Zeit

von einem Herrn beim Glase Wein in cynischer Weise der Vorschlag gemacht

worden, als „Kellnerin“ mein Debut zu versuchen, da es ihm nicht

entgangen war, daß ich fleißig dem Rebenblut zusprach, ohne davon in

Mitleidenschaft gezogen worden zu sein! Denken Sie, ich verübele dem

Menschen den Rathschlag, vielleicht in einem fragwürdigen Lokal –

„echtes – Bier und sauren Wein“ trinken zu müssen, lediglich nur, um die

Gäste zu „animiren“, wie der technische Ausdruck hierfür bei den Heben

der Wein- und Bierlokale heißt? In manchen Stunden kämpft dann wohl auch

noch der gute mit dem bösen Engel in meiner Seele. Ich möchte die Sünde

von mir abschütteln ... doch dann tritt wieder die bittere

Nothwendigkeit an mich heran ... der Hang zum Müßiggang und Wohlleben

trägt den Sieg davon und ach, wie oft, die Augen noch thränendunkel –

stehe ich vor dem Trumeaux und schmücke mich zu irgend einer Orgie.“ ...

Als die Marchesa aufblickte, sah sie die Augen Cornis in Thränen

schwimmend und an dem Beben ihrer Stimme verrieth sie, daß sich tiefer

Schmerz in dem Herzen dieser Sünderin regen müsse und ein tiefes

Erbarmen zog durch das Gemüth der Marchesa. Auch ihre Stimme vibrirte,

als sie jetzt die Hand der schlauen Messaline ergriff, welche längst

durchschaut hatte, daß sie sich hier im Vortheil befinde, und sich über

das Gesicht der Letzteren beugend, sagte sie: „Nur guten Muth! Fassen

Sie sich, seien Sie getrost und blicken Sie voll neuer Zuversicht in die

Zukunft! Es hat mich mit aufrichtiger Freude erfüllt, daß Sie mir in so

ehrlicher Wahrheitsliebe diese bösen, bösen Geständnisse gemacht haben.

Mein Entschluß steht daher fest: ich werde Sie dieser Sphäre entreißen!

Ich werde für Sie sorgen, schwesterlich oder doch freundschaftlich,

jeden ihrer Wünsche erfüllen! In meiner Nähe sollen Sie fortan sein, ich

will Sie täglich sehen und so viel als möglich um mich haben. Und alles

dieses will ich thun in der Hoffnung, daß Sie mir in Liebe und

Dankbarkeit ergeben sind. Indessen noch eine Bedingung knüpfe ich daran:

Sie müssen dem Verkehr mit den Männern absolut entsagen, jeglichen

Verkehr abbrechen, selbst, um den Anschein zu vermeiden, auch den

allerharmlosesten! Augenblicklich aber würde ich Ihnen alsdann mein

Interesse entziehen, wenn ich erführe, daß Sie auch nur ein einziges Mal

gegen mein Verbot fehlten!“

Diese letzten Worte sprach die Marchesa mit erhobener Stimme, und mit

innerer Befriedigung bemerkte sie, daß Cornis Züge sich erhellt hatten

und als Letztere sich mit freudestrahlendem Lächeln über die Hand der

Marchesa neigte, sprach diese gütig: „Wenn Sie sich demnach der Aufgabe,

die ich Ihnen stelle, unterziehen wollen, so werden Sie an mir eine

stets hilfsbereite Gönnerin finden! Ich hoffe, Sie werden mich nicht

hintergehen und Sie wiederum können sich versichert halten, daß ich

meine Versprechen einlösen werde. Lieb wäre es mir, wenn Sie sich

entschlössen, recht bald mich nach meiner Heimath zu begleiten. Würde

Ihnen eine Reise nach Italien und der Aufenthalt daselbst willkommen

sein und erwünscht?“

Da glitt, sprachlos vor Freude die bisherige Allerweltsfreundin auf ihre

Kniee und bedeckte Hände und Kleid der Marchesa mit leidenschaftlichen

Küssen.

„O, wie gern!“ brach sie hervor, „Italien! Das Land meiner Träume unter

der Gunst einer vornehmen Beschützerin! ... meine höchsten Wünsche gehen

damit in Erfüllung! Nun will ich Muth fassen, mich aufrichten ... ja ich

will wieder gut sein! ...“

Ja, unsere interessante Messaline hatte einen scharfen Verstand ... das

ließ sich nicht bestreiten. Um so weniger war es daher Wunder zu nehmen,

daß sich die Marchesa dupiren ließ, daß sie in blinder Sucht nach einem

Weibe, – zu prüfen und zu überlegen – vergaß.

Die Marchesa empfahl sich mit herzlichen Abschiedsworten und mit dem

Versprechen, in einigen Tagen wiederzukommen, um dann die Maßregeln,

welche für die Reise zu treffen wären, mit ihr zu überlegen.

Beim Abschiede zitterte Corni’s Frage an der Marchesa Ohr: „Wer sind

Sie, gütige Fee?“

Ein Kopfschütteln als Antwort. „Später, Fräulein Corni ... wenn wir

reisen!“

Und der Tag der Abreise nahte. Es hatte eine Mißstimmung Platz gewonnen

zwischen Felicita und der Marchesa, welche sich durch nichts ausgleichen

lassen zu wollen schien. Auch Annina hatte keine Freude mehr an den

Zerstreuungen, welche man ihr zu bieten sich bemühte. Zwischen den drei

Damen fand eines Tages in der Marchesa Abwesenheit eine Unterhaltung

statt, aus deren Quintessenz Fräulein von B. schloß, daß die Marchesa

auf Abenteuer ausgehe und sogleich tauchte das schmerzliche Empfinden in

ihrem Herzen auf, daß ihre Freundin ihr ein Weh zu bereiten fähig sein

könne. Hatte sie nicht zuweilen erstaunen müssen über die Virtuosität,

mit welcher dieselbe ganz verschiedene Gestalten annehmen konnte?! Die

hochedle, adelsstolze Aristokratin in ihrer eiskalten Unnahbarkeit war

allerdings nicht wiederzuerkennen, wenn sie, eine leidenschaftglühende

Sappho, ihrer übersinnlichen Regung, an dem Herzen der geliebten, oder

sich doch geliebt glaubenden Freundin lag. _Enfin, nous verrons!_

Inzwischen hatte die Marchesa mit Corni vereinbart, daß man sich auf dem

Bahnhof „_en passant_“ treffen, alte Bekanntschaft erneuern wolle und –

da Felicita zweifellos nicht mitkommen würde, so wäre man sicher in den

neugeknüpften Beziehungen völlig unerkannt und keineswegs durchschaut zu

werden von Annina und Edita und die prachtvolle Reise nach dem Süden

gemeinsam unternehmen zu können, zumal da die „zufällig“

wiedergetroffene Mitreisende, welche unter einem hochtrabenden Namen

Annina vorgestellt werden sollte, das Ziel ihrer Reise nannte, welches

mit demjenigen der Dame Marchesa übereinstimmte.

Und so geschah es; nur schade, daß Fräulein Annina von B. einen viel zu

sicheren Scharfblick besaß, als daß sie sich hier hätte täuschen lassen

können, nur war sie eine viel zu wohlerzogene junge Dame, als daß sie es

gezeigt hätte, daß die Marchesa und der Gegenstand ihres Abenteuers

trotz aller Vorwände dennoch von ihr durchschaut sei.

In dem sonnigen Italien angelangt, verabschiedete sich Fräulein Corni

von den beiden Damen unter der Zusicherung, daß sie nächster Tage ihren

Antrittsbesuch zu machen sich gestatten wolle, sofern den beiden Damen

derselbe nicht ungelegen komme. Alsdann würde sie ihre „Vergnügungsreise

durch Italien“ fortsetzen.

Corni kam; Annina war zufällig nicht anwesend und so hatte die Marchesa

vollauf freie Hand, ihren neuerworbenen Günstling ungeheißen nach

Herzenslust in ihrem Palazzo sich umthun zu lassen.

Das deutsche Fräulein Corni machte hierin auch keinerlei

Schwierigkeiten. Sie war durch die Aussichten auf das köstliche,

poesie-durchduftete Leben, welches ihr sich bot, so glückdurchzittert,

daß sie, zu einer wahren büßenden Magdalena sich emporgezogen fühlend,

sich auf den weltbedeutenden Brettern zu befinden glaubte. Ja mehr noch:

Sie wurde – später wenigstens – sogar naiv! Und es hätte nicht viel

gefehlt, so hätte der nächste Wunschzettel Fräulein Corni’s die Bitte um

eine „Puppe“ enthalten ...

Die Marchesa war täglicher Gast in dem idyllischen pompösen Heime

Corni’s. Diese, vielleicht um sich dankbar zu erzeigen, trieb fleißig

Sprachstudien und fertigte auch einige Zeit später wohlgelungene

Uebersetzungen an in Poesie und Prosa, womit sie ihrer gütigen

Protectorin große Freude bereitete. Corni führte ein überaus

zurückgezogenes Leben, kümmerte sich um Niemanden und schien nur

glücklich zu sein, wenn die Marchesa zu ihr kam ...

Monate waren vergangen; ganz Italien erglühte zum zweiten Male in

südlicher Pracht, seit Corni dort weilte ... für Annina’s Liebe war es

Herbst – echter nordischer Herbst geworden! Die Beziehungen dieser

Beiden (Marchesa und ihre bisherige Favoritin), gestalteten sich lau zu

einander und über Annina’s erbleichende Wangen rollte ungesehen, manche

heimliche Thräne. Sie ahnte das Richtige. Jeden Tag verlebte die

Marchesa einige Stunden außerhalb ihres Heims und das mußte der jungen

Dame doch auffallen. Aus Consequenz fragte sie nichts, litt aber um so

schwerer darunter.

Ueber die Marchesa war inzwischen eine nicht zu hemmende Leidenschaft

gekommen; sie liebte ihre Corni maßlos und diese nützte kluger Weise

jeglichen Vortheil aus ... Wenn ihre Retterin und Beschützerin erschien,

so wußte sie derselben jedesmal eine Ueberraschung zu bereiten. Entweder

sang sie in weichen, sehnsuchtsvollen Tönen ein italienisches

Liebeslied, oder sie las irgend etwas Neues, Angenehmes der Marchesa

vor. Genug, diese war von Tag zu Tag mehr und immer mehr begeistert von

der rührenden Dankbarkeit Corni’s – und jeder Händedruck, jedes Lächeln

derselben erschien der Marchesa als ein ganz besonderer Ausdruck der

Anerkennung für ihre diesem Mädchen erwiesene Großmuth. Oftmals saß die

Marchesa neben Corni; doppelt beglückt, daß gerade sie es war, welche

die Gefallene auf ein reines Niveau erhoben hatte. Dann nahm sie wohl

das blonde Haupt in ihre Hände und küßte heiß den schönen entweihten

Mund ... Das waren für die Marchesa selige Stunden. Sie, die die

schönsten und reinsten Frauen besessen hatte, fand eine Quelle des

höchsten Genusses darin, diese heuchlerische Hetäre in ihren Armen zu

halten, leidenschaftliche Küsse von ihren Lippen zu trinken. – Mit Leib

und Seele war die Marchesa ihr ergeben; sie liebte die ehemalige

Messaline über Alles, denn diese war ihr ja treu, weil sie sich nur ihr

ergab ... keinem Manne! Die Marchesa und Corni schwelgten in einem Meer

von Wonne, umsomehr, als da Annina inzwischen einen Grund ausfindig

machte, das Land der Citronen und die Marchesa zu verlassen. – Letztere

machte sich keinen Kummer darüber; sie war eben blind und taub in

sündiger Frauenliebe ... das war Verirrung! ...

* * * * *

Die schöne elastische Gestalt der Marchesa schwang sich behende von

ihrem edlen Andalusier-Vollblut; ein schmucker Groom erfaßte dessen

Zügel und hoheitsvoll und in siegesfrohem Vorgefühl ihrer Liebe,

strahlend schön, mit vom Ritt ein wenig gerötheten Wangen stieg sie die

Treppen empor und ... stand der, in tödtlicher Verlegenheit drein

blickenden Zofe Corni’s gegenüber. Sie müsse erst nachsehen, ob

Signorita Cornelia daheim sei. Ohne die Kammerkatze auch nur eines

Blickes zu würdigen, schritt die Marchesa, Reitgerte und Sammtschleppe

in der schmalen Hand, nach Corni’s Boudoir. Diese stieß einen Laut der

Ueberraschung aus und versuchte in das nächstgelegene Ankleidezimmer zu

entfliehen.

„Ja, Corni, Liebste, seit wann beeilst Du Dich, meinetwegen Toilette zu

machen? Kind, genirt es Dich denn, daß ich Deine Alabasterschultern

bewundere?“ Corni warf einen bösen Blick auf die Freundin und sagte

laut, mit auffälliger Betonung und einer von der Marchesa an ihr noch

niemals beobachteten Heftigkeit, daß sie es durchaus nicht wünsche,

fortwährend und zu jeder beliebigen Stunde von der Marchesa Besuchen

überrascht zu werden. Sie sei bei der Toilette und verbiete es Jedem,

sie zu stören. „Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie gingen, es thäte sonst

nimmermehr gut heute!“ rief sie in wüstem Jähzorn.

„Corni, welche Sprache? Bist Du krank?“ Die Marchesa rief es, ihren

Ohren und Augen kaum trauend, erstaunt, entrüstet. „Ah,“ setzte sie mit

halberstickter Stimme fort, „ich errathe! Du bist nicht allein ... Du

betrügst mich!“

Sie stand vor Corni mit weit vorgestreckter Rechten und prallte entsetzt

zurück, als Corni mit einem wahren Tigersprung sich auf sie stürzte und

einer Furie gleich, der Marchesa einen wüthenden Schlag in das Gesicht

versetzte ...

„Ja“, schrie Corni heisernen Tones, „ja, ich betrüge Dich und nicht seit

heute erst! Meinst Du, ich hätte Lust allen Freuden zu entsagen, die ich

in meiner Heimath im Ueberfluß genoß? Meinst Du, ich sei eine feige

Duckmäuserin, die sich länger unter Deine Herrschaft stellen zu wollen

gewillt sei? Du selbstsüchtige engherzige Creatur, die Du mich nur als

Dein gefügiges Werkzeug Dir unterordnetest, Du Hochmuthsteufel, den es

genirt, öffentlich mit mir aufzutreten; mich in Eure sogenannte große

Welt einzuführen! Denkst Du etwa, daß ich mich nur Dir länger zu eigen

geben wolle? Was für ein Entgelt habe ich dafür? Den mir mit

erbärmlicher Breitspurigkeit zugeworfenen Mammon etwa, von dem Du

überreichen Ueberfluß hast? Ich verspüre kein Verlangen danach, von Dir

brutal verlassen und wie eine ausgepreßte Citrone achtlos bei Seite

geworfen zu werden, sofern eines Tages Dein freches Gelüste auftaucht

und nach frischen, jungen Mädchenleibern Ausblick hält? Ha, ich bin Dir

schon längst nicht mehr treu, Du eitles falsches Weib Du, die Du die

reizende Annina kalten Herzens von Dir gehen ließest, ohne auch nur

einen Versuch zu machen, das herrliche Kind meines deutschen Vaterlandes

zurückzuhalten! Monatelang schon ersehnte ich den Augenblick, Dir, Du

Seelenverkäuferin, die schlimmer ist denn eine Prostituirte, das Alles

zu sagen. Du reißest die Waare an Dich, wie sie Dir gefällt und zahlst

nach Gutdünken einen Preis dafür! Wir haben aber keinen Sclavenhandel

mehr! Wenn Du mir verboten hast, mit Männern zu leben, weshalb ließest

Du nicht Frauen und Mädchen mit mir bekannt werden? Ohne Sorge! ich

hätte Dir durch sie keine Eifersuchtsscene bereitet – ich verabscheue

Eure sogenannte Frauenliebe, deren verrücktes Ideal in Euren überreizten

Hirnen spukt. Ich sehnte mich so oft nach rauschenden Vergnügungen, nach

Abwechselung, Tanz, nach übermüthiger Freude und nach meinen Orgien, die

meine schönste Erinnerung sind. Ich bin nur mit Dir gegangen, um Dich zu

verleiten, mich zu Deinem Opfer zu machen, nur um Vortheil daraus zu

schlagen und um mich zu rächen! Noch wäre es nicht geschehen, wenn Du

mir nicht in allerletzter Zeit die ersten, ausgesprochenen Wünsche, Dich

mit mir an öffentlichen Plätzen zu zeigen, abgeschlagen hättest. Bah, Du

vertröstetest mich auf eine Reise, Du einfältige Person. Es lag mir

sogleich auf den Lippen, Dir die Worte zuzuschleudern: Das Weib gehört

zum Mann. Wenn eine Frau es wagt, ihre Geschlechtsgenossin zu sündigen

Orgien zu verleiten, so thut sie schlimmer des Uebels, als wenn ein Weib

den Mann liebt und ihre Ehre ihm opfert. Ha, ich empfinde eine

grenzenlose Wonne, Dir Alles dies zu sagen und Du, Du erbärmliche

Tyrannin, sollst es jetzt erfahren, daß Du mich zwar zum ersten Male

überraschtest, da ich meinen Geliebten hier empfangen, aber Du bist oft,

sehr oft bereits hier gewesen, während er anwesend war und seine

Liebesschwüre flüsterte er mir gar oft in’s Ohr, während Du, auf mich

wartend, Dich hier aufhieltest. Ich verachte Dich, Du vornehme Marchesa,

die Du es wagtest, mir eine Wohlthat anzubieten für den Preis, daß ich

allen Lebensgenüssen entsagte. Du feierst in Deinem Palazzo opulente

Festmähler, Du zerstreust Dich nach Willkür und mich lässest Du hier in

der kostbaren Klause schmachten. Du sollst mir dafür büßen.“

* * * * *

Wenn je ein Mensch etwas Furchtbares, Grausiges, etwas Schreckliches

erlebt hat, das ihn bis in das innerste Herz traf, so war es für diese

Frau, für die Marchesa! Ottern- und Schlangengezüchte hatte sie um sich.

O und der Schlag in ihr vornehmes, edles Antlitz! – –

So sendet die Hölle wirkliche Ausgeburten, wirkliche, leibhaftige

Teufelinnen in die Welt!? Sind das die Frauen, welche „flechten und

weben himmlische Rosen in’s irdische Leben?!“ O Frauenlob! –

Entgeistert starrten die Augen der Marchesa in verzweiflungsvollem

Schreck zu der rasenden Sprecherin hinüber.

Sie war wie gelähmt. „Nur keinen Eclat!“ das war die letzte Regung ihres

erstarrenden Denkens.

Einen Schlag ins Gesicht, dieser Marchesa!? Sie, die noch nie, so lange

sie denken konnte, auch nur ein einziges Mal gezüchtigt worden war, auch

nicht als Kind – und nun hier?! Sie lehnte sich an eine Wand, um nicht

umzusinken. Hatte sich denn heute Alles gegen sie verschworen? Was sie

hier erlebt – glich es nicht einem Complott?

War das Corni, ihre geläuterte, fromme, demüthige, dankbare Corni? Wer

mochte soviel Gewalt über sie gewonnen haben, daß sie sich erkühnte,

ihre Gönnerin, Wohlthäterin und Freundin, und, was am schlimmsten war,

die Marchesa in ihr auf das Schmachvollste zu beleidigen?

O Entsetzen, daß diese freche Dirne es wagen durfte, einen solchen Ton

anzuschlagen! Wie nun sollte man die verkommene, verlogene Hetäre

züchtigen? Ah – unmöglich! Der Scandal, der unausbleibliche öffentliche!

–

Todtenbleich wandte die Marchesa sich ab. „Verrätherin!“ ächzte sie und

voll tiefer Verachtung sich umwendend, war sie im Begriff, den Salon zu

verlassen. Blitzschnell vertrat Corni der Marchesa den Weg.

„Ha, so leichten Kaufes kommst Du mir nicht davon, hochedelste

Marchesa.“

Sie ergriff die Hände der schutzlosen Dame und zog sie mit sich in das

Badezimmer. Vor ihrem Galan blieb sie stehen und forderte diesen auf,

der stolzen überlisteten Freundin Propositionen zu machen. Ohne sich zu

erheben sagte der Mann cynisch:

„Meine Geliebte hat Ihnen große Ergebung bewiesen, sie folgte Ihnen,

meine Gnädigste, hierher und hat viel dazu beigetragen, Ihnen großes

Vergnügen zu bereiten. Erweisen Sie sich nun erkenntlich und die ganze

Angelegenheit sei damit abgethan.“

Mit dem Ausdruck grenzenloser Verachtung maß die Marchesa den jungen

Mann vom Scheitel bis zur Sohle:

„Wohlan“ erwiderte sie mit unbeschreiblichem Ekel, „ich bin nicht

gewillt, mit dem Abschaum menschlicher Gesellschaft viele Worte zu

wechseln. Ihr Wunsch sei Ihnen gewährt; ich werde Ihnen eine Anweisung

an mein Bankhaus geben und dann will ich niemals wieder etwas mit Ihnen

zu thun haben.“

Die Marchesa war halb todt zufolge der erlittenen Unbill und Aufregung

und so schnell als es ihr möglich war, verließ sie, die spöttisch

grinsende Freundin noch einmal aus zornfunkelnden Augen messend, das

Haus, um so eilig als möglich in ihres Groom’s Begleitung von dannen zu

reiten. An dieses widerwärtige Ereigniß reihte sich ein Aergerniß an das

andere für die Marchesa. Sie wurde von der dreisten Hetäre und deren

sauberem Patron auf das Gröblichste und Gemeinste ausgepreßt. Bei einer

einmaligen Abfindungssumme blieb es nicht. Droh- und Schmähbriefe nahmen

kein Ende. Wo die Marchesa es versuchte, sich mit ihrem Stolze zu

wappnen, machte sie immer wieder von Neuem die üble Erfahrung, daß sie

den Angriffen des durch und durch verkommenen Paares nicht gewachsen sei

und, was für den Seelenzustand der Marchesa am schlimmsten war – sie war

nicht im Stande, das Bild der verrätherischen Freundin aus dem Herzen zu

reißen. Unter unsagbaren Qualen machte sie die Entdeckung, daß sich der

Verrath an ihrer Freundin Annina bitter räche ... Jetzt war sie allein

in der Welt, trotz zahlreicher sogenannter Freundinnen und Bekannten.

Als sie sich endlich weigerte, dem Moloch, Corni’s Habgier, fernere

Opfer zu bringen, bedrohte der Mann sie mit einem Prozeß, den er aus

Rache und auf Anrathen seiner „Braut“ gegen die Marchesa anstrengen

werde. Dieselbe, welche bereits Unsummen dem Irrthum, den sie begangen,

dargebracht hatte, war der Verzweiflung anheimgegehen; sie, die Trägerin

eines stolzen Namens, den alle Welt kannte, sollte gebrandmarkt, an den

öffentlichen Pranger gestellt werden. –

Wie hatte sie sich nur derart täuschen lassen können. Sie, die zu siegen

und zu herrschen gewohnt war, mußte der ehrlosen Betrügerin weichen! –

In schamlosester Weise hatte man sie hintergangen und ihr, der vornehmen

Aristokratin, eine Falle gestellt, in welcher sie ihre Ehre preisgeben

oder sich finanziell ruiniren mußte. Wenn sie daran dachte, daß die

Drohungen eines Tages erfüllt würden und daß man sie vernichten könnte,

dann kam es über sie wie wahnsinnige Verzweiflung.

Dann kam ihr eine neue Idee. Sie wollte an die Heuchlerin schreiben und

an die früher so oft gerühmte Dankbarkeit appelliren ... konnte ein Weib

so hart und erbarmungslos sein, das Herz einem solchen Mahnwort zu

verschließen? ... O, Felicita, Du ahnst es, wie schnell Annina durch die

Nemesis gerächt worden ist!! Die andauernden furchtbaren Aufregungen

prägten sich bald auf dem schönen Antlitz der Marchesa aus. Die Augen

blickten nicht mehr so feurig wie ehemals; die schlaflosen Nächte

hinterließen ihre trüben Merkmale und sie vermied es, wo sie konnte, mit

ihren Bekannten zusammenzutreffen. Wenn es dereinst ruchbar werden

sollte, – – welche ungeheuerliche Sensation würde diese skandalöse

Affaire hervorrufen ... sie, die hochgestellte Frau, vor welcher sich

die Häupter der Großen dieser Erde neigten ... vor den Schranken des

Tribunals! ... Nein, es war unerträglich! Also schrieb sie noch ein

letztes Mal an Corni. O Du unergründliches Räthsel in der Verirrung

weiblicher Liebe!

Und da Dein Mund mir Liebe log,

Und da ich selig einst in Deinen Küssen

Dir Deine Seele von den Lippen sog ...

Wo war da Dein Gewissen?

Und da Du wußtest, daß ich sterben muß,

Wenn Du von meinem Herzen mir gerissen,

Und Du doch schiedest ohne Gruß und Kuß

Wo war da Dein Gewissen?

Und da ich todeswund im Fieber lag,

Mit meinen Nägeln meine Brust zerrissen,

Mit blut’ger Lippe Deinen Namen sprach,

Wo war da Dein Gewissen?

Und wenn Dir einst der bleiche Engel naht,

Dem alle Erdenkinder folgen müssen,

Dann denke mein! und denk an den Verrath

Und frage Dein Gewissen ...

* * * * *

... Wenn die Schreiberin glaubte, daß die schändliche Lügnerin sich

durch diese Worte von ihrem schamlosen Ausbeuten abhalten lassen würde,

so hatte sie sich geirrt! Hohnlachend las Corni ihrem Ritter die Verse

vor, welche die Marchesa unter bitteren Thränen niedergeschrieben hatte

...

„Ah, jetzt wird man rührselig, aber warte schöne Marquise, ich werde

Dich nicht locker lassen, ich kenne jetzt die Stelle, wo Du sterblich

bist. Das ganze Aufgebot von Stolz und Hochmuth, mit dem man sich

panzerte, ist erschöpft – man zieht andere Saiten auf – doch ich bin

nicht derjenige, der leicht nachgiebt und darum auf einen so seltenen

Bissen verzichtet. Sie kann’s sich ja auch leisten – man hat es ja

dazu!“ Und der ehrlose Bube lachte laut und roh zu seinen Worten.

„So ist es“, pflichtete ihm die halbnackte Hetäre zu, „und wir lassen

den ganzen poetischen Erguß unbeantwortet und später machst Du ihr unter

Deinem wirklichen werthen Namen, den sie glücklicherweise noch nicht

gehört hat, eine formelle Visite! Dein stolzklingender Name wird Dir

Einlaß verschaffen in den Salon der plötzlich sehr elegischen Marquise.“

„Siehst Du nun wohl“, fiel der herabgekommene Wicht triumphirend ein,

„siehst Du nun wohl ein, mein schönes Kind, daß es nothwendig ist, in

diesem jämmerlichen Erdenthal das Eisen zu schmieden, so lange es heiß

ist!?“

Und statt aller Antwort erfaßte Corni seinen Arm und die Melodie eines

Strauß’schen Walzers trällernd, tanzte sie seelenvergnügt mit ihm im

Zimmer umher ...

Das Herz, ausgebrannt wie ein Krater, Ehrgefühl und Gewissen ertödtet in

dem Sumpfe, der die Heimath der Messalinen ist – – so war dieses Weib,

deren fauler Kern in einer glänzenden Hülle lag, dasselbe Weib, welches

unwahr war durch und durch, das aber durch äußere Reize vermocht hatte,

den Sinn der Marchesa zu bethören – ebenso – als die Herzen der Männer,

deren mancher einer der falschen Sirene einen Fluch nachsandte ...

Tagelang wartete die Marchesa auf Antwort; es vergingen schließlich

Wochen ... kein Brief, keine Mittheilung. Das saubere Paar, einander

würdig, verstanden es vortrefflich, sie auf die Folter zu spannen.

Dann endlich hatte der lockere Galan Corni’s der Marchesa den geplanten

Besuch gemacht.

Tief empört über diese unerwartete Dreistigkeit hatte die Marchesa den

Mann, eine recht stattliche Erscheinung, aber mit einem wüsten Gesicht

und verlebten Zügen, nothgedrungen empfangen müssen.

Ein der Marchesa bekannter, hoher Justiz-Beamter hatte sie inzwischen

informirt, und ungefähr wußte sie, wie gegenüber den Erpressungen dieser

Beiden sie sich zu verhalten habe. In der That trat der Mann auf wie ein

Gentleman und er war nahe daran, sich zu erkühnen, der Marchesa die

Sammthaut ihrer weißen Hand zu küssen ...

Mit todtkalter Ruhe, schnell gefaßt, wandte sie sich hoheitsvoll ab:

„Ich bin genau unterrichtet“, begann sie, „wie ich Ihnen und jener

Corni“ – sie sprach unter spöttischem Zucken der Lippen den Namen mit

unnachahmlicher Verachtung aus, – „fortan zu begegnen habe. Ihre

Drohungen und Erpressungen, welche Ihre Briefe enthalten, sind meinem

Advokaten bereits unterbreitet worden. Ich werde sofort entscheidende

Maßregeln treffen, sofern Sie nicht einen Schein unterschreiben, laut

dessen Sie und Ihre schätzbare Freundin sich als vollkommen abgefunden

erklären. Ich biete Ihnen dieses Gold, ... hier, nehmen Sie es und

unterschreiben Sie!“

Bei der Erwähnung des Advokaten lächelte der Mann sarkastisch, als er

aber die Schatulle erblickte, überlegte er eine geraume Weile, dann

schien seine Kalkulation zu Gunsten seiner Habgier auszufallen. Er

überflog, nochmals prüfend, die blitzenden Goldrollen und sich tief

verbeugend, sprach er: „Sie sollen wissen, Gnädigste, daß Sie es mit

einem Kavalier zu thun haben! Ich will mich daher schnell entschließen

und werde den Schein schreiben und unterzeichnen; ich könnte später

vielleicht wieder anderen Sinnes werden!“ –

Was die gepeinigte Marchesa ihm da anbot, war ein Vermögen und wenn er

dasselbe jetzt abgelehnt hätte, so wären ihm später im Rechtsstreit

entschieden große Schwierigkeiten entstanden und vielleicht wären er und

Corni gänzlich leer ausgegangen. So war nun denn diese Angelegenheit aus

der Welt geschafft worden. Die Marchesa hat nie wieder ihr Augenmerk auf

eine Halbweltdame gerichtet; ihre kostspielige Laune hatte ihr des

Kummers die Fülle eingetragen und sie war noch froh, daß die peinliche

Affaire in der großen Welt nicht bekannt geworden. Die Marchesa hatte

ein Leid erfahren müssen, das ohne Grenzen war. Sie hatte in Corni aus

der Hetäre eine Megäre gemacht, statt des geläuterten Engels, als

welchen jene sich darzustellen gewußt hatte. Sie hatte die Liebe

Annina’s verloren durch eben diese Verirrung und Annina eine bitterliche

Kränkung zugefügt, indem diese sich von der Marchesa zurückgesetzt und

vernachlässigt wußte ...

Sie hatte die Freundschaft Felicita’s – ja sogar deren Hochachtung

verscherzt, weil sie den Rath derselben mißachtete und das fremde,

gesunkene Mädchen an ihr Herz nahm, obgleich Felicita ernstlich davor

gewarnt hatte ...

Dieses war das schlimmste und widerwärtigste Ereigniß, welches ich in

dem Leben der Frauenliebe erfahren habe – – – – – –

* * * * *

Wie der Zufall gar oft spielt im menschlichen Leben, so war es auch hier

Zufall, daß ich in Gemeinschaft Edita’s einer Soirée in befreundeter

Familie beiwohnte, in welcher ich eine Dame wiedersah, welche ich durch

Edita vor längerer Zeit kennen gelernt hatte.

Das blonde Lockengeringel krönte ein hochedles Haupt; ein feiner, etwas

schmaler Mund ließ tadellose Zahnreihen sehen und über der geraden,

schmalen Nase blickten zwei blaue, kluge Augen ausdrucksvoll in die

Welt. Volle, üppige Linien umschloß die schillernde Seidenrobe und mein

Blick blieb voll aufrichtigen Entzückens an den selten schönen,

schneeweißen Armen hängen, die bis zu den Ellenbogen von dänischen

Handschuhen bedeckt waren.

In einem unbelauschten Augenblicke konnte ich es mir nicht versagen, auf

den mir verführerisch entgegenleuchtenden Nacken einen ungesehenen Kuß

zu drücken und Elisabeth – so war ihr Name – erwiderte diese Huldigung

durch zahllose Flammenblicke, die sie mir während des ganzen Abends

zuwarf. In der Garderobe bat sie mich, ihr eine Schleife an einem ihrer

knappen Atlasstiefelchen zu knüpfen und während sie den Fuß kokett auf

ein Tabourett setzte, hatte ich Gelegenheit, ein köstlich geformtes Bein

und einen ganzen Reichthum Brüsseler Spitzen zu bewundern.

Bevor wir uns trennten, verabredeten wir ein baldigstes Wiedersehen in

unserem Hause. Elisabeth brachte noch eine ihr engbefreundete Dame, die

Gattin eines stattbekannten Professors mit und wir verlebten einen

herrlichen, genußreichen Abend.

Diese Besuche wiederholten sich häufig und wir fanden großes Gefallen an

einander, ja es kam vor, daß Frau Stephani mich ebenso heiß und

bezaubernd küßte, als Elisabeth meine Edita!

Stephani war durchaus keine hervorragende Schönheit, doch von

berückender Liebenswürdigkeit und eleganten Umgangsformen. Sie hatte

eine eigene Art zu küssen: Den warmen, etwas vollen Mund halb offen,

legte sie leise, zaudernd, ihre Lippen an die meinen und sog gleichsam

meinen Athem ein. Ich hatte sie sehr lieb, mehr aber noch Elisabeth und

ich fürchtete bereits wieder, Gefahr zu laufen, meinem Herzenslieblinge

neuerdings untreu zu werden. Elisabeth kam eines Abends in Edita’s

Abwesenheit zu mir. Sie trug eine grüne Sammtrobe – chic, originell,

eigenthümlich! Die lange Schleppe rieselte in weichen Falten über den

Teppich; ein miederartiges, reich mit kostbaren Spitzen garnirtes Jabot

umhüllte die üppige Büste; das Jabot war ärmellos und an den weißen

Handgelenken blitzten kostbare Steine, deren Strahlen sich in den

zahlreichen Flammen der Kandelaber brachen. Diese nackten weichen Arme

übten eine bethörende Wirkung auf mich aus und ich erinnere mich genau,

daß ich mir ungemein große Mühe geben mußte, an mich zu halten, denn

nachdem ich heiße Küsse mit ihr gewechselt, hauchte sie mir mit warmem

Athem die Worte in’s Ohr: Haben Sie mich doch auch lieb, Felicita, so

wie ich Sie liebe ... machen Sie mit mir was Sie wollen! ...

Ein süßer Schreck durchfuhr mich und ich weiß nicht, was geschehen wäre,

wenn unser _tête à tête_ nicht durch Edita’s Eintreten unterbrochen

worden wäre. So kam ich auch schnell zur Besinnung und noch desselben

Abends schrieb ich an Elisabeth, daß es für meinen Frieden und für die

Liebe zwischen Edita und mir richtiger wäre, wenn wir uns nicht mehr zu

Zweien wiedersähen u. s. w.

Der Liebe Lust und Leid der Frau zur Frau · 第 3 / 7 题