Lebhafte Gesticulationen und das brennende Carmin auf den Wangen
verriethen mir eine erregte Unterhaltung mit ihrem behäbigen Gegenüber.
Die etwas übervolle Figur und das anscheinende Phlegma ließen nicht
darauf schließen, daß hier in Leib und Seele Leidenschaften tobten,
welche zu bändigen, die interessante Aschblonde offenbar berufen war.
Jedenfalls war mir die erheblich ältere Frau entschieden nicht angenehm!
Ihren Blick, in dem verhaltenes Feuer glomm, hielt sie entzückt auf ihr
_vis-à-vis_ gerichtet und wie mit Argus-Augen beobachtete sie jegliche
Bewegung.
Edita verhielt sich, wie immer bei solchen Anlässen, in ihrer vornehmen
Reserve, aus welcher sie Fremden gegenüber selten – und dann nur auf
mein Zuthun heraustrat; sie bekundete ja überhaupt auch im Allgemeinen
weit weniger Interesse für Frauen als ich. –
Auf meine Frage; ob es ihr nicht unangenehm wäre, wenn wir die
Bekanntschaft der beiden Damen machten, entgegnete sie freundlich, daß
wir immer noch ein Stündchen verweilen könnten.
Dem eintretenden Garçon, welcher mit devoter Verbeugung die Tischkarten
vor uns niederlegte, gab ich sofort Befehl, mir möglichst unauffällig
die Fremdenliste zu überbringen.
Bitzschnell, unter einem Journal verborgen, überreichte er sie mir. Die
beiden Damen gehörten zwei ganz verschiedenen Kreisen an; die Aeltere
von ihnen war die Gattin eines Großindustriellen; ihre Gefährtin eine,
dem Namen nach uns bekannte Sängerin an einer Hofoper.
Beide hatten bereits seit geraumer Zeit Aufenthalt in Tyrol genommen.
So orientirt, beschloß ich augenblicklich, die Damen durch den Kellner
bitten zu lassen, eventuell an unserem Tische das Abendessen mit uns
einzunehmen, – wußte ich doch zu genau, daß die Jüngere derselben einen
ebensolchen Wunsch hegte.
Alsbald erhoben sich die Damen und in rascher Verständigung, wie das bei
dergleichen Gelegenheiten nur immer geschehen kann, ließen wir bald die
Gläser an einander klingen.
Merkwürdig, wie doch das Traubenblut die Zungen löst! Menschen, die
sonst im gesellschaftlichen Leben achtlos, gleichgültig aneinander
vorübergehen, werden zutraulich und mittheilsam, sobald sie auf Reisen
Landsleuten begegnen.
Wir unterhielten uns ganz vortrefflich.
Die stattliche Fabrikherrnfrau war ebenso drastisch und humorvoll, als
die interessante Sängerin geistreich und prickelnd. Erstere schien also
doch angenehmer zu sein, als ich beim ersten Eindrucke annahm.
Wir verabredeten, den nächsten Tag gemeinsam in den Bergen zu verleben;
den darauffolgenden Tag hatten wir unsere Reise fortzusetzen
beschlossen.
Als wir Abends von unserer Parthie heimgelangten, schritten wir und die
beiden Damen die Treppen empor. Wir hatten in der oberen Etage unsere
Zimmer inne, welche an die der beiden anderen Damen grenzten und nur
durch eine einfache Thür von einander getrennt waren. Edita und ich
hatten uns bereits zur Ruhe begeben, doch konnten wir Beide nicht
einschlafen, da ein auffälliges Geräusch zu uns hereindrang: Wispern,
Flüstern, Kosen, Seufzen, übermüthiges Lachen – laute Ausrufe – –
zweifellos eine Liebes-Scene!
Ungeduldig nahte ich mich der Thür und lauschte.
Ich erkannte die Stimme der Sängerin und hörte unter Anderem deutlich
den Ausruf:
„O Du unersättliche Liebe!
O Du lesbische Liebe!“
... Die beiden Frauen haben ohne Zweifel verbotenen Genüssen gehuldigt,
welche ein ästhetisches Weib verschmähen würde, selbst wenn schon sie
eine warme Fürsprecherin erotischer Liebe wäre.
– Nach diesem Erlebniß wäre es uns, Edita und mir nicht möglich gewesen,
uns in irgend welche Extase zu versetzen!
Meines oftmals erwähnten Interesses für derartige Frauen läßt es
natürlich erscheinen, daß ich, obschon Edita sich bereits zurückgezogen
hatte, immer noch lauschend verharrte. Es ist mir nämlich zu meinem
Schreck klar geworden, daß die Sängerin für ihre Liebesdienste goldene
Aequivalente erhalten!
* * * * *
Es beschlich mich nun doch einigermaßen wehmutsvoll, als ich in meinem
Heim, welches ich mit meinem guten Vater soviele Jahre getheilt hatte,
eintrat.
Selbstverständlich war uns ein würdiger und freundlicher Empfang
bereitet worden.
Jetzt war etwas wie Ernüchterung über uns gekommen. Edita war nun meine
Hausgenossin geworden und wir widmeten uns mit einem gewissen Feuereifer
der Kunst, deren Schätze wir uns an ihrem Altare gesammelt hatten.
Bild um Bild gedieh unter meinem Pinsel; mein Name als Künstlerin hatte
bereits einen guten Klang.
Schülerinnen schaarten sich um mich; mir war es ein beglückendes
Bewußtsein, im Stande zu sein, weiterzugeben, was ich empfangen hatte!
Einige wenige derselben erkor ich mir zu meinen Lieblingen.
Eigenthümlicherweise waren meine jungen Kunstnovizen ausnahmslos schön.
Merkwürdig ...
Es liegt ein Räthsel in meiner Seele verborgen ...
Ohne mir auch nur etwas dabei zu denken, würde ich selbst eine Zofe
nicht um mich dulden, wenn sie nicht zierlich und hübsch wäre. – Daß
meine heißgeliebte Edita sich ihrer göttlichen Musica zuwandte und
während der ganzen Zeit, da ich meiner Malkunst oblag, mir fern blieb,
darf sehr dafür sprechen, wie so sehr ernst wir Beide es mit unserer
Kunst nahmen. Wir hatten Tags über nicht Zeit zum Tändeln ...
* * * * *
Eines Tages kam sie zu uns und in ihrer Begleitung Anna von B. Das war
wirklich ein freudiges Wiedersehen!
Die Erinnerung an die märchenhafte Lagunenstadt war freilich
gewissermaßen verblaßt, aber sie lebte dennoch in uns fort ...
Wie nur ist es möglich, daß ein Weib, allerdings noch in der Blüthe der
Jahre, sich so überaus jung und schön zu erhalten vermag?
Annina und die Marchesa waren das Sinnbild von Jugend und Schönheit; an
ihnen hinterließ die Zeit nicht die geringste Spur.
Es begann nun für uns wieder die Zeit der Jagd nach Vergnügungen. Unsere
schöne Marchesa war in jeder Hinsicht schwer zufrieden zu stellen.
Annina bezeigte eine bewunderungswürdige Anhänglichkeit für dieselbe und
erfreute es mich auch, wie sie stundenlang, ohne Unterbrechung, in deren
Boudoir verweilen konnte ...
Frisch wie der junge Morgen, die Elasticität der Jugend bei jeder
Bewegung, in froher Stimmung, wie von innerem Glücke getragen, kamen sie
uns täglich in der Frühe entgegen, wenn Edita und ich von unserer
Morgenpromenade zurückkamen.
Als ich eines Tages mit Annina allein im Salon war, wußte ich unserer
Conversation eine Wendung zu geben, welche sich auf ihr blühendes
Aussehen und auf dasjenige der Marchesa ebenso fascinirend, als
ätherisch, – sich bezog.
Das sei ganz einfach, antwortete die Kleine.
„Sie wissen,“ meinte sie weiter, „daß wir ein sehr geräuschvolles Leben
führen, daß unsere Vergnügungen eine Kette von Aufregungen nach sich
ziehen und da sind wir beide doppelt um unsere Gesundheit und Frische
besorgt. Sehr viel muß die Kosmetik aushelfen. Eine naturgemäße
Diätetik, die Pflege des gesammten Verjüngungs-Prozesses des Organismus.
Uns ist vor langer Zeit ein Werk von „Reclam“, das ich übersetzt habe,
zugegangen. Es behandelt Pflege der Gesundheit und Schönheit des Weibes.
Lassen Sie sich dieses Werk kommen, wenn Sie zu erfahren wünschen, „wie“
wir die Körperpflege handhaben.
Bäder, Douchen, Massage, namentlich das behutsame, aber regelmäßige
Massiren des Gesichtes. Selbstverständlich ist die Cultur der Haut,
Haare, Nägel und Zähne zu beobachten“. – –
„Sie verschmähen aber nicht“, wandte ich belustigt ein, auch noch
andere, sogenannte kosmetische Mittel anzuwenden, nicht wahr?
„Nun ja“, gab Fräulein von B. zu, „wir benutzen alle diese Sachen und
beziehen dieselben lediglich aus Paris, woselbst sie unbestreitbar auf
der Höhe der Vollkommenheit stehen! Jedoch muß man diese
Schönheitsmittel mit großer Vorsicht und in sehr geringen Mengen
anwenden, da das Verfahren sonst leicht erkennbar ist und der Eindruck
der Schönheit sofort verwischt ist.“ –
... Nun, wenigstens waren die Marchesa und ihre Annina doch keine
Phänomen; sie machen es also um nichts anders, als die meisten
Lebefrauen! – – – – – – – – – – – –
* * * * *
... Wie von einem Druck befreit, athmeten Edita und ich auf, da uns
eines Tages nach langer Unentschiedenheit die Nachricht zuging, daß ein
seit langer Zeit geplantes Fest, dessen Comitée und Mitglieder sich
ausschließlich aus Damen – selbstverständlich Damen vornehmer Kreise –
bestand, endlich stattfinden solle. Das war der Marchesa willkommen! –
lechzte sie doch danach, ein derartiges Fest bei uns kennen zu lernen;
wir haben natürlich beschlossen, der uns zugegangenen Einladung Folge zu
geben und – was die Phantasie eines originellen Kleiderkünstlers zu
leisten vermochte, waren wahre Meisterwerke!
Ich hatte ja so oft schon Gelegenheit gehabt, in unserer Sphäre allerlei
großartigen und minder-großartigen Kostümfesten mitbeizuwohnen, allein
ich war beinahe bestürzt von dem Glanz und der entfalteten Pracht! Fast
an Uebermaß grenzend, waren alle Möglichkeiten erschöpft worden, um den
Besucherinnen – es waren einige tausend Damen erschienen – ungeahnte
Ueberraschungen zu bereiten, die Extravaganzen und überschwenglichsten
Ansprüche zu übertreffen.
Wer eine solche Festivität noch nicht mitgemacht hat, kann sich auch den
Umfang einer solchen nur schwer veranschaulichen!
Das ist ein Glänzen, ein Wogen, ein Lichtmeer, ein Rauschen und Brausen,
daß es Einem schwül werden kann. Und das Ganze getragen von Grazie und
Anmuth, Kunst, Reichthum ... Welch’ ein Anblick!
Balltoiletten, Charakter- und Phantasie-Kostüme, _oeillades fascinées_,
die unter den Sammet- und Seidenlarven hervorleuchten, haben etwas
unsägliches Verführerisches an sich; sie bergen einen unendlichen Reiz
in sich!
Die Frauen der Aristokratie, die berühmtesten Koriphäen der Kunst und
jugendliche Novizen derselben – sie Alle waren herbeigekommen von fern
und nah, um sich zu einer Feier zu vereinigen, die würdig war, in den
Annalen der Göttin Terpsichore verzeichnet zu werden.
Künstlerische Aufführungen, wohleinstudirt, wechselten programmäßig ab
mit Tanz und überaus ungezwungener Unterhaltung.
Es machte mir großes Vergnügen, die Marchesa und ihre allerliebste
Annina zu beobachten. Erstere blickte mit ernsten bewundernden Augen aus
der Loge herab auf das sprühende Leben und Treiben, das sich durch
mehrere, unabsehbare Säle ergoß.
Sie mochte wohl eine größere Ungebundenheit erwartet haben, – nicht
dieses harmlos-heitere, durch und durch vornehme Frohsein, welches sich
im reinsten Sinne aufgebaut hatte: „_Noblesse oblige!_“ Ganz in des
Wortes reinster Bedeutung!
– In begüterten Häusern und in fürstlichen Palästen kann eine ähnliche
und auch ebensolche Fülle von Glanz und Pracht entfaltet werden,
nimmermehr aber habe ich die Wahrnehmung gemacht, daß eine so
liebenswürdige Einigkeit und edle Collegialität anderswo ebenso zum
Ausdruck kommen kann, als hier an dieser Stätte.
Unwillkürlich mußte ich einer südlichen Ballfeier gedenken, die
(freilich _en miniature_) auch den Stempel des höchsten Luxus aufwies –
auch ein Fest ohne Herren. – Doch welche tolle Lust äußerte sich da –
welches Feuer lohte empor aus den erhitzten Gemüthern – welches
Uebertreiben.
Hier, das war eine echte, rechte, reine Heimstätte des Frohsinns
Gleichgesinnter.
Ob Alles dies der Marchesa behagte, kann ich nicht ermessen – imponirt
hat ihr das Fest auf jeden Fall.
Edita und ich tauschten ein Lächeln des Einverständnisses aus, als wir
die Marchesa bei der Tafel mit der vollendeten Haltung einer Edelfrau
dem Entgegenkommen begegnen sahen, welches man ihr und Fräulein v. B.
erwies. Sie war wieder ganz die stolze unnahbare Marmorstatue.
Sie conversirte ebenso selbstbewußt mit den Vertreterinnen hoher
Adelsgeschlechter, als in ruhiger Heiterkeit mit den Jüngerinnen der
schönen Künste und des Wissens und manch’ lieblicher, phantastischer
kleiner Engel lauschte entzückt der melodischen Stimme mit dem
fremdländischen Accent.
Wie mir in einer Tanzpause die Marchesa versicherte, hätte sie sich
nimmer zuvor Vorstellung davon machen können, daß ein wirkliches
Ballfest dieser Art, absolut nur aus Damen bestehend, in dieser
unvergleichlichen und wohl auch allein dastehenden Form in’s Leben
gerufen und ausgeführt werden könne.
Was eigentlich sie erhofft hatte, errieth ich; ich entsann mich ihres
ungläubigen Lächelns, als Edita ihr vorher über den Character des
Costümfestes berichtete, denn sie meinte nicht anders, als daß wir ein
Pendent für ihre Orgien in Bereitschaft hielten, um auch sie und Annina
damit zu überraschen. Trotz unserer Versicherung, daß ein Ball dieser
Art, nur aus Mitgliedern von Damen bestehend, eine durch und durch
reine, über jeden Verdacht erhabene Veranstaltung sei, hatte sie sich
dennoch eine ganz irrige Meinung gebildet. Die Marchesa verwechselte ein
Fest dieser Richtung mit einer sogenannten Soirée, welche sich die
Messalinen der Großstadt zu arrangiren pflegen.
Eine solche Soirée hier mitzuerleben, war ihr größter Wunsch.
Und wirklich, selbst heute nahm sie mir das Versprechen ab, ihr
Gelegenheit zu verschaffen, die Priesterinnen der paphischen Haine genau
zu beobachten.
Nur um dieser heiklen Wendung unserer Conversation zu entgehen, gab ich
lachend zu. In dieser Umgebung mußte ein solches Gespräch vermieden
werden. Um mein Incognito war es längst vor der Demascirung geschehen
und da hatte es Edita und mir freudige Genugthuung gewährt, daß man der
schönen Südländerin ein herzliches Willkommen bot, wenn auch nicht so
überschwenglich, wie wir es dort erlebten, so doch reiner – feiner! –
Annina bemerkte, daß die Marchesa das Interesse eines reizenden, edlen
Ritters erregt hatte, mit dem sie Arm in Arm lustwandelte – und nun
wirbelte auch sie dahin durch die Reihen der Tanzenden, fortwährend von
lieblichen Pagen oder spanischen Granden gern im Arm gehalten. Großes
Vergnügen schien es ihr zu bereiten, als ihr von einem jugendlichen
hübschen Türken, welcher ein ganzes Gefolge verschleierter Haremsdamen
hinter sich hatte, der Antrag gemacht wurde, seine kleine „Favoritin“ zu
werden; – – allerliebster Zufall! daß Annina von fast allen ihren
Bekannten die „Favoritin“ der Marchesa genannt wurde.
Der sündige Muselmann hatte sich die Aufgabe gestellt, allen
Koranssprüchen zu Trotz, sich und seinen kleinen Weibern Wein in Mengen
einzuschenken. Unser schmucker Türke war eine Bildhauerin von Ruf,
welche in Rom ihre Studienzeit verlebt hatte und da auch Annina seit
einer Reihe von Jahren in Italien lebte, so fanden sich die Beiden um so
schneller in lebhafter Unterhaltung.
In dieser Nacht war Annina thatsächlich die Favoritin des weitherzigen
Türken geworden.
Aber auch die Marchesa konnte ihrem Gelüste nicht widerstehen, ihrem
Ritter ohne Furcht und Tadel den hübschen Kopf zu verdrehen ...
Einigermaßen erstaunt zeigte sich die Marchesa, da sie immer und immer
wieder bemerkte, wie so sehr viel man sie in „ihrer“ Landessprache
anredete.
Selten hatte sie vernommen, daß ihre Standesgenossen einen Deutschen in
dessen Muttersprache anzureden im Stande waren ... Die Marchesa ließ
mich nicht frei und so habe ich es denn nach einiger Mühe wirklich
ermöglicht, daß wir Zwei, die Marchesa und ich, unauffällig gegen den
obligaten Obolus Einlaß erhielten, in den Saal eines der großartigsten
Etablissements der Residenz – heute der Sammelpunkt einer stark
gemischten Gesellschaft. Herren jeden Standes, jeden Alters, vom
vornehmsten, blasirten Cavalier herab bis zum wagehalsigen Commis –
waren in stattlicher Anzahl vertreten. Hagere, mühsam durch künstliche
Nachhilfe einigermaßen normal gerundete, verlebte, megärenhafte Weiber
mit unglaublichen Frisuren und noch mehr unglaublich geschminkten
Gesichtern: die Repräsentantinnen der Choristen- und Statistenwelt,
dazwischen niedliche, hübsche, oft sogar intelligente und schöne
Mädchen. Doch nein, nicht schöne! Der Ausdruck des Gemeinen und der
schlauen Berechnung und der Stempel ihrer Laster sind gar zu intensiv
ausgeprägt; – ausnahmslos aber trugen sie Alle sehr geschmackvolle
Kleider und ausnahmslos waren Alle so tief dekolettirt, als überhaupt
nur der Stoff zugab. In mir erregten diese Hetären, welche sich berufen
fühlen, als Priesterinnen der Schande in den Tempel der Demimonde der
Astarte zu opfern – tiefen Abscheu.
„Bedauern? diese Geschöpfe, Marchesa?“ war eine erstaunte Gegenfrage,
als diese ihrem Mitleid für dieselben Worte verliehen hatte. „Nein,“
fuhr ich fort, „diese öffentlichen Weiber verdienen kein Mitleid, denn
sie sind unersättlich, gierig und roh und zumeist nur daraufhin
geschult, nach Möglichkeit zu plündern und, wo sie ihre Opfer finden, zu
berauben. Ihre Leiber sind giftdurchgohren, ihr Verstand arbeitet nur,
um auszuklügeln, wie noch mehr schamlos sie reizender sein können und
wie noch raffinirter es anzustellen sei, ihre Opfer zu umgarnen und
dann, Vampyren gleich, sie auszusaugen, sie zu ruiniren – finanziell,
geistig, körperlich. Doch jetzt nur keine philosophischen Erörterungen!“
brach ich jäh ab; – „sehen Sie, Marchesa, jene biegsame, volle Gestalt,
dort drüben, auf dem Knie des blonden Riesen? Er ist entschieden ein
Landjunker – und sie? Es ist noch garnicht lange her, da erhielt ich ein
Anerbieten aus geübter Feder, daß eine Dame, die Tochter eines hohen
verstorbenen Juristen, mir ihren schönen Kopf zum Modell zu überlassen
geneigt sei. Sie war auch in der That erschienen, als ich ihr
geantwortet. Sie ist, wie Sie sehen, von großer Schönheit; sie hat gute
Schule genossen und man glaubt, eine wirkliche Dame vor sich zu haben
und doch ist sie eine niedere Kreatur, die nicht werth ist, auch nur im
Geringsten bedauert zu werden! Ich werde Ihnen später mehr von ihr
erzählen.“
Die Marchesa, welche sich einer weißen Perücke bedient hatte, lehnte
sich in ihren Sessel zurück und lognettirte eifrig nach jener schönen
Blondine, welche, das Glas in der Hand, ihrem splendiden Cavalier
unaufhörlich zutrank, während er nicht müde wurde, ihr augenblicklich
den perlenden Sekt einzuschenken, sobald sie ihr Glas geleert. – –
Ich selbst steckte im schwarzen Herrenanzug, den ich mir für diesen
Zweck eigens beschaffen ließ.
Unsere Loge war zwar in tiefes Dunkel gehüllt und die Thür verschlossen,
so daß Niemand zu uns eintreten konnte und dennoch zitterte ich bei dem
Gedanken, daß es entdeckt werden könne, daß ich hier, in diesem
Baals-Tempel gewesen.
Edita hatte sich auf keinen Fall bewegen lassen, sich uns anzuschließen,
ihr leistete Annina Gesellschaft und im Stillen grollte ich der
Marchesa, daß sie mich zu veranlassen gewußt hatte, mit ihr zu gehen.
Bedurfte diese denn wirklich solcher schrecklichen Reizmittel, um ihre
Phantasie zu beschäftigen?!
Das Orchester ließ hüpfende Tanzweisen erklingen; die Paare drehten sich
und ich konnte mir nicht verhehlen, daß die „Damen“ beim Tanz sich durch
ungeahnte Anmuth und Grazie auszeichneten.
Dazwischen saßen Pärchen – selten zu Dreien – in Eckplätzchen, in
Nischen und Logen und Scherz und Lachen ertönte wirr durcheinander. Sie
wisperten und raunten frivole Worte einander zu und man gewann den
Eindruck, als ob den „Männern der Hof“ gemacht würde.
Faunischlächelnde Glatzköpfe von ungeheurer Beleibtheit mit dicken
Goldketten und fetten Fingern, erfreuten sich ebensolcher zärtlichen
Anhänglichkeit der Hetären, als die vornehmen Sprossen des Adels und der
oberen Zehntausend und dort jener greisenhafte Gigerl mit der noch
bartlosen Oberlippe und der kahlen Stirn, mit den eingesunkenen Augen
und den knöchernen Händen, genießt ob seiner gefüllten Börse, genau so
hohes Ansehen, als wäre er ein Adonis! Er ist von vier, fünf Messalinen
umringt. Sie schmeicheln ihm in einer empörenden Weise und er – – läßt
sich’s gern gefallen. Der Wein auf seinem Tische fließt in Strömen und
_Veuve Cliquot’s_ Nectartrank genießt überreiche Anerkennung. Die
schmale Brust des Gecken hebt und senkt sich mühsam unter der
tadellosen, diamantengeschmückten Wäsche. In seinen Augen flackern fahle
Lichter; er spricht nichts mehr. Flasche um Flasche schleppt der Kellner
heran, reichlicher Trinkgelder gewiß. Die Heroinen des Bacchus leisten
Wunder. Ihre Kehlen sind offenbar verdorrt, ihr Durst ist endlos! Immer
wieder trinken sie ihrem todtbleichen Ritter zu; dieser stürzt, ein
mattes Kopfnicken als „Prosit“ in nervöser Hast Glas um Glas hinunter
... Ob er es wohl wußte, daß er Freund Hein ein letztes „Schmollis“
zutrank. Sein Haupt sank schwer nach hinten zurück; er röchelte laut.
Ein Wink. Einige dienstbare Geister führten die armselige Karrikatur aus
dem Saale ... ob dem Tode geweiht, oder nur eines Reagenzmittels
bedürftig – wer weiß es? Die also in ihrem Bacchanal gestörten Hetären
zerstreuten sich in alle vier Ecken, von Neuem Jagd machend ... Und das
sind Frauen! Das die verkörperte Weiblichkeit ... unsere
Geschlechtsgenossinnen! ...
Ich hatte es satt, mir noch mehrere dieser Bilder vorführen zu lassen.
Die Marchesa folgte mir nach einigem Zögern und ich athmete hoch auf,
als ich endlich in einem geschlossenen Wagen mich geborgen fühlte ...
Am nächsten Morgen besuchte mich die Marchesa in meinem Atelier. Sie
wußte, daß ich in meinen Arbeitsstunden nicht gern Besuch empfange; es
mußte daher doch nur brennende Neugier sein, die sie zu mir und zu so
ungewöhnlicher Stunde führte. Ihre erste Frage galt denn auch der
schönen Messaline von heute Nacht. Wie sie heißt, wo sie wohne, ob
allein u. s. w.
Ich blickte erstaunt von meiner Arbeit auf.
„Sie müssen nämlich wissen, Felicita,“ beeilte sich die Marchesa zu
sagen, „daß ich ein tiefes Interesse für dieses Mädchen in mir fühle.
Denken Sie doch, die Tochter eines hohen Beamten, gebildet, schön, von
guter Erziehung und dann – hier im Begriff, schmachvoll unterzugehen in
Schlamm und Sünden! Wenn wir Frauen,“ fuhr sie mit erhobener Stimme
fort, „es nicht sind, die diesen armen Gefallenen die Hand reichen, sie
aus dem Sumpfe zu ziehen – wer sonst würde es thun?“
Als sie schwieg, sagte ich ernst:
„An Ihrem guten Herzen und Willen zweifle ich nicht, wohl aber daran,
daß Sie ein gutes Werk thun, vielmehr, daß es Ihnen gelingen dürfte.
Meinen Sie, dieses Mädchen der Halbwelt würde es Ihnen danken, wenn Sie
sie der Sünde entreißen? So wenig, als viele Tausende ihrer Schwestern.
Diese alle haben ein krankhaftes Sichzurückziehen in die Sphäre des
Wohllebens und des – Lasters. Ich habe gehört, daß mancher brave, edle
Mann moralisch und physisch zu Grunde gegangen ist, weil er an sein Herz
und an seinen häuslichen Heerd einen Engel nahm, aber einen – gefallenen
Engel!
Eine Zeitlang mag es gehen, aber dann bricht der Charakter der Messaline
sich Bahn, kein Hinderniß scheuend. Ist der Mann stark, dann löst er
bald die Bande von seiner Phryne, doch zumeist sind es Schwächlinge, die
zu feige sind, öffentliches Aergerniß zu erregen, oder sich von alten
Gewohnheiten loszureißen. Eine solche Ehe ist entsetzlich. Der Mann
verliert selber seine Gesittung und verfällt zuletzt irgend einem
Laster, während die Hetäre in Saus und Braus lebt – zuweilen aber auch
im Zucht-, Arbeits- oder Krankenhause endet. So. Im Uebrigen werde ich
Ihnen ihre Adresse sagen; ich muß erst meine Listen durchsehen!“
„Aber“, wandte die Marchesa kleinlaut ein: „Sie versprachen mir doch,
von dieser Person Näheres zu erzählen. Weshalb nannten Sie sie gestern
denn eine niedere, unwürdige Kreatur?“
„Das ist schnell dargethan“, erwiderte ich kurz, denn es war mir
unangenehm, daß die Marchesa ein so ungewöhnliches Interesse bekundete
für eine Dirne, die sie aber „Studien halber“ für zweckentsprechend
halten mochte.
„Corni, ja – so hieß sie; es fällt mir so eben ein, erschien mir allen
Ernstes passend als Modell für die Darstellerin der „Danaë“. Es wurde
mir alsbald klar, daß Corni von der gesellschaftlichen Stufe längst
herabgesunken sei und sie kein Anrecht mehr auf die Achtung einer Dame
unserer Kreise erheben durfte. Diese Person hat mir allerdings zweimal
als Modell gedient; ein drittes Mal durfte sie nicht mehr kommen. Der
Sachverhalt ist kurz folgender: Sie hatte, nachdem sie aus der Stunde
entlassen war, der jungen Baronesse Lydia – sie kennen Sie ja auch, – im
Treppenhause aufgelauert und die Baronesse zu bestimmen gewußt, sie mit
in ihren Wagen zu nehmen, welcher vor dem Hause wartete. Hier hat sie
die tollsten und häßlichsten Dinge über mich, über sie in ihrer
Eigenschaft als mein Modell zur „Danaë“ und _last not least_ – über ihr
Messalinenthum erzählt. Sie hat es, da die junge Dame starr vor
Verwirrung und Schreck, stumm zuhörte, sogar gewagt, sie zu küssen und
sich an der keuschen Unschuld zu vergreifen und da Lydia außer sich vor
Empörung und Scham, drohte, dem Kutscher ein Zeichen zum Halten zu
geben, that Corni es an ihrer Stelle, um dann behende – und ohne des
Lakaien Hilfe abzuwarten, auszusteigen und zu verschwinden.
Die Baroneß, welche sich in furchtbarer Aufregung befand, ließ sofort
wenden und kam verstört zu mir zurück. Wie ein Kind schluchzend, theilte
sie mir, das in tiefer Scham erglühende Gesichtchen verbergend, in
abgerissenen Worten alles Erlebte mit. Meine Empörung war grenzenlos.
Ich sandte sofort meine Kammerfrau mit einer Banknote und dem Befehl zu
der ehrlosen Dirne, nie wieder meine Schwelle zu betreten.
So gut ich konnte, habe ich die Baronesse beruhigt und durch milde Worte
den Stachel aus ihrem jungen, frommen Herzen zu entfernen gesucht. Das
liebe, blumenhaft zarte Kind getroffen zu wissen von dem Gifthauch einer
Messaline, war für mich ein unerträglicher Gedanke. Und den Gipfel der
Schamlosigkeit bildete nun noch ihre Darstellung bezüglich meiner
Handlungsweise ihr gegenüber als mein – Modell. Was Baroneß Lydia in
Worte wiederzugeben nicht den Muth hatte, das errieth ich und da erfaßte
ich ihre Hand und führte sie hierher an meine Staffelei.“
Die Marchesa hörte mir gespannt zu und um mich nun nach meiner
Klarlegung gleichsam zu rehabilitiren, langte ich aus einem
verschlossenen Schranke die Rolle mit der Skizze der Danaë. – Dem
kunstverständigen Blick der Marchesa durfte ich schon ein Urtheil über
meine reine, ästhetische Auffassung zumuthen.
Auf dem üppigen, arabeskendurchwebten Seidenpolster mit dem rechten Arm
bis zum Ellenbogen aufgestützt, sah man in ein edelgeformtes
Frauenantlitz; den Blick emporgerichtet. Ein kleiner üppiger Mund und
eine geradlinige Nase harmonirte mit der hohen Stirn, welche von einer
Fülle lockiger Haarwellen umkränzt war. Den entblößten linken Arm
hocherhoben, beide Hände griffbereit, um Jupiter, ihren Geliebten, in
Gestalt des Goldregens aufzufangen, sah man die wohlgeformte Büste einer
Jungfrau. – Den übrigen Körper verhüllte eine in schweren Falten
herabhängende Decke.
„Ich gestehe“, sagte die Marchesa, welche sehr aufmerksam den Vorwurf
betrachtete, „daß ich an dem Bilde absolut nichts finde, was das Modell
zu einer so unpassenden Schilderung veranlassen könnte. Es ist doch
einleuchtend, daß die Künstlerin, welche nur Kopf und Büste malen will,
nicht des ganzen Modelles bedarf! Nein, nein, Felicita, jene Corni hat
die Baroneß nur reizen wollen, um sie dann besitzen zu können. Ich
vermag sehr wohl mir vorzustellen, welche Motive sie bewogen, ein
solches Gespräch zu führen ... _Pauvre enfant, la petite baronesse!_“
Noch einmal beugte die Marchesa das schöne Haupt auf das Bild nieder und
betrachtete dieses mit einer etwas unerklärlichen Aufmerksamkeit, ohne
aber zu kritisiren.
„Und doch“, rief sie, sich plötzlich emporrichtend, mit verschleierter
Stimme: „Und doch könnte ich dieses Weib lieben! Mag sie eine Messaline
sein! ... Ich kann nichts dafür, daß mein ganzes Herz mich zu ihr
zieht!“ –
Ich sah sie zweifelnd an. War das Scherz? Oder die Sucht nach der Liebe
zu einem Weibe so fanatisch in ihr, daß sie nicht zurückschreckte vor
der Gewißheit, daß diese Hetäre von vielen Männern geküßt worden und daß
sie sich ihnen ergeben, ohne nach Rang, Stand und Alter und Charakter zu
fragen – – eine Hetäre, die Modell steht – gewiß nicht zum ersten Male
in meinem Atelier! und gewiß nicht immer vor einer Künstlerin – einer
Dame! ...
Meinen Einwand wies die Marchesa zurück. Ich solle sie nur gewähren
lassen, sie nicht zurückhalten. Meine Einwendungen, meinte sie weiter,
seien ja ganz berechtigt, allein ihr Verlangen, diese Corni kennen zu
lernen, von ihr zu hören, sei doch gar zu stürmisch. Nur einmal
vielleicht, aber sehen müsse sie sie, heute noch, jetzt gleich – nur um
die Adresse bäte sie. Nach einigem Suchen nannte ich sie ihr. Ich sah
ihr fest ins Auge:
„Was wird Annina dazu sagen?“ fragte ich.
Die brauche es nicht zu wissen und wenn sie es erführe, nun, so wäre es
auch gleichgiltig. Annina sei ihr zu vielem Danke verpflichtet und da
müsse sie schon eine Extravaganz mit in den Kauf nehmen.
Das berührte mich unsagbar peinlich. Das also war die Liebe,
Freundschaft zwischen der Marchesa und Fräulein von B.? Für erwiesene
Wohlthaten dankbar sein und nicht murren dürfen – o Du Sphynx von einem
Weiberherzen. Aber Du auch weißt nicht, wie wahre Eifersucht thut.
Seltsam. Ich, die aufrichtige Bewunderin schöner Frauen, war wie mit
einem Schlage aus meiner Bewunderung für die schöne Italienerin
herausgerissen. Ich hatte noch niemals Gelegenheit gehabt, in den
Spiegel dieser Frauenseele zu schauen. – Jetzt war ich total ernüchtert.
„Genußsucht!“ Das war das Loosungswort dieser Lebefrau. Ich habe später
manchmal darüber nachgedacht, wie ich mich so sehr habe täuschen lassen
können; ich habe diese Marchesa ja nicht eigentlich geliebt, denn dazu
war sie mir trotz ihrer Schönheit zu gleichgiltig, nein, aber ich habe
sie stets bei guter Stimmung gesehen und dann immer in Annina’s
Gesellschaft. Sie überhäufte diese mit Liebenswürdigkeiten und
verschwendete eine Ueberfülle von Aufmerksamkeiten an Annina. Ich fand
das nett, denn Edita und ich kennen ja auch das Glück der Frauenliebe.
Ich hatte alle Ursache, enttäuscht und entrüstet zu sein. – –