Der Nachmittag jenes Tages wird mir unvergeßlich bleiben. –

* Aus dem Gerichtssaal. „_Der Liebe Lust und

Leid._“ Unter diesem Titel hat die Schriftstellerin

Frau _Emilie Knopf_ ein Buch verfaßt und in Verkehr

gebracht, dessen Inhalt von der Staatsanwaltschaft

beanstandet wurde. Die Verfasserin wurde im

verflossenen Herbst wegen Verbreitung unzüchtiger

Schriften unter Anklage gestellt und zu 50 Mark

Geldstrafe verurtheilt. Das „Werk“ verfiel der

Beschlagnahme. Im Januar d. J. erschien nun die

Wittwe _Marie v. Czarwinski_ bei dem

Ober-Bibliothekar Söchting und bot dem 68jährigen

Herrn „Der Liebe Lust und Leid“ zum Kauf an, wobei

sie sich als Freundin der Verfasserin vorstellte,

die sich in großer Noth befinde. Der

Oberbibliothekar durchflog den Inhalt und stieß auf

Stellen, die sein Sittlichkeitsgefühl empörten. Er

gab das Buch an die Staatsanwaltschaft weiter,

worauf die beiden genannten Frauen sich gestern vor

der vierten Strafkammer des Landgerichts I zu

verantworten hatten. Die Angeklagte Knopf gab zu,

sich vergangen zu haben, aber sie habe nicht die

Mittel gehabt, ihren Hunger zu stillen. Die

Mitangeklagte v. Czarwinski behauptete, daß sie den

Inhalt des Buches, den der Vorsitzende als eine

„Schweinerei“ bezeichnete, nicht gekannt habe, fand

bei dem Gerichtshof aber keinen Glauben. Mit

Rücksicht darauf, daß die Angeklagten sich

thatsächlich _in großer Noth befunden_ hatten,

beließ es der Gerichtshof bei niedrigen Strafen,

nämlich 20 M. gegen die Angeklagte Knopf und 5 M.

gegen die Angeklagte v. Czarwinski.

_Tägliche Rundschau_, Berlin, 19. März 1898, S.

7.

Der Liebe

Lust und Leid

der Frau zur Frau.

Verlagsbureau

für literarische Neuheiten

Stargard i. Pomm.

Vorwort.

In der Atmosphäre einer Millionenstadt treiben Ueberreizung und

Genußsucht oft wunderliche Auswüchse. Diese Verirrungen, welche

namentlich in denjenigen Kreisen an Ausdehnung zunehmen, welche sich zu

den Besten zählen, sind wohl kaum durch irgend welches Vorgehen

auszumerzen.

Scandalöse Vorgänge, welche selbst vor den Schranken des Gerichtes ihren

abschreckenden Schluß fanden, spielten sich sogar in unserer Metropole

ab, und oft, ja täglich so man Gelegenheit hat, mit zahlreichen Damen

verkehren zu müssen, wird und kann es Einem, der aufmerksamen Blick

dafür hat, nicht entgehen, daß die Frauenliebe sich in einer nahezu

unglaublichen Weise unter den Damen eingewurzelt hat; man braucht nur in

den Spalten unserer Tages-Journale gewisse Annoncen gelesen haben,

welche an Styl und Inhalt sich fast immer gleich bleiben.

Und gerade in allerletzter Zeit, da sich ein sensationeller Prozeß

abspielte, kann man leicht beobachten, daß eben jene ominösen Inserate

von der Bildfläche gänzlich verschwunden sind.

Indessen kann man sich wohl überzeugt halten, daß die Anhängerinnen

dieser Erotik anderweitig Mittel und Wege finden werden, diese

ungewöhnlichen Freundschaften zu schließen.

– Wer Gelegenheit hatte, das berühmte Gemälde von _Hector Le Roux_ zu

sehen, welches die phänomenale Dichterin, die jugendlich schöne Sappho

darstellt, wie sie, umgeben von ihren unzähligen Verehrerinnen und

Verehrern unbeschreiblich anmuthig Vortrag haltend auf erhöhtem

Postament, in der Linken die Leyer, den rechten Arm hocherhoben, – der

würde sich von tiefer Bewunderung erfüllt fühlen.

Das von Locken umrahmte liebliche Gesicht von innerer Gluth überhaucht,

übt einen wunderbaren Eindruck auf den Beschauer aus und man kann sich

einer süßen Sehnsucht nach Sappho nicht verschließen.

Man kann wohl begreifen, daß sie es vermochte, die Schaar der

liebreizenden Griechinnen, unter denen sich viele ausländische Frauen

als Schülerinnen befanden – zur Begeisterung hinzureißen; man liest den

Abglanz tiefer Bewunderung auf den Gesichtern der schönen Mädchen,

welche gespannt den Liedern der vielgeliebten Sängerin lauschten.

Schade, ewig schade, daß es der Nachwelt nicht vorbehalten bleiben

konnte, Sapphos Schriften studiren zu dürfen. Dieselben wurden ein Raub

giftgeschwollener Mönche, welche den übernatürlichen Neid zu überwinden

nicht im Stande waren, daß ihnen gerade ein solches Weib so sehr

überlegen war und – daß dieses Weib die Liebe eines Mannes verschmähte

und solche nur ihren Geschlechtsgenossinnen zugewandt hatte. – –

Es liegt keineswegs in meiner Absicht, etwas gut heißen zu wollen,

wogegen sich gesunde Logik sträuben muß, allein ich habe es gut gemeint

insofern, als da ich in meiner Schrift dargethan habe, wie so sehr oft

gute Gesittung und sogar Glück und Ehre gefährdet und auf das Spiel

gesetzt werden, wenn die Leidenschaft in der Freundschaft zweier Frauen

eine Richtung annimmt, welche von der einen Seite gar oftmals als Mittel

zum Zweck ausgebeutet wird und darum habe ich meinem Buche den Charakter

einer Warnung vor Verirrungen in der Frauenliebe ertheilt.

Die Verfasserin.

O Du lachende, stolze süße

Du lichtäugige Blume vom Rhein

Dir bring’ ich viel tausendmal Grüße,

Dein Sänger will ich sein!

Es blühen und duften die Rosen am Wege

Und die Sterne vom Himmel sprüh’n,

Doch wißt Ihr, in welchem Gehege

Die schönsten Mädchen blühn?

Nicht war’s in den russischen Steppen

Daß ich sie sah,

Nicht auf den marmornen Treppen

Von Samos und Ithaka.

Nicht an den schottischen See’n,

Nicht an dem märkischen Sand,

Nicht da, wo nicken und weh’n,

Die Palmen von Samarkand.

Wohl sah ich Französin und Polin

Und sah, von Sclaven gewiegt,

Die stolze, todtblasse Kreolin

In Purpurseide geschmiegt.

... O, ihr klirrenden Kastagnetten!

Wie wird mir schwül zu Sinn

Gedenk’ ich der wilden brünetten

Andalusierin!

Gedenk ich der schwarzen Mantille

Und der Augen, so lustdurchsonnt

Und der Lippen, süß wie Vanille,

Die küssen und – – lügen gekonnt!

– Es nickten vom schwedischen Sunde

Die Frau’n mir, schön rothblond und bleich;

Es schlugen mir süße Wunde

Die Frauen von Oesterreich.

Es seien Pommerns Damen

Den Besten zugesellt,

Allein die „Grazien“ kamen

In „Pommern“ nicht zur Welt!

Es waltet, den Thee kredenzend,

– Ein Bild wahrhafter Ruh’ –

Behaglich, wie Vollmond glänzend,

Der Niederlande Youfrouw.

... Schön sind die Mädchen vom Tiber!

Und wären sie schöner noch,

So wär’ mir viel tausendmal lieber

Mein Lieb vom Rheine doch!

O Du lachende stolze, süße,

Du lichtäugige Blume vom Rhein,

Dir bring’ ich viel tausendmal Grüße,

Dein Sänger will ich sein.

– – Diese Worte kamen dereinst aus einem Dichterherzen, das voll und

warm empfand und für schöne und edle Frauen schwärmte. Gar manches Jahr

ist darüber vergangen, als ich diese Verse las. Wie gelabt habe ich mich

an dem klingelnden Rhytmus, an der duftigen Poesie und der lieblichen

Formenschönheit des Gedichtes aus der Feder eines edlen Sprossen, der

das Weib in Anbetung liebte.

Wie oft sprach ich seine Verse und ach! wie oft sprach ich sie nach,

jauchzenden Herzens, zu einem Weibe.

Das ist Frauenliebe!

Wie der Mann in heißer Leidenschaft sein Lebensglück in die Hand eines

Weibes legt und wie das Weib, bewundernd, hingebend, zum Manne

aufschaut, so kann es auch sein: ebenso bewundernd und anbetend,

zwischen dem Weibe und dem Weibe!

Ein Männermund hat meinen Mund niemals geküßt.

Man hält mich weder für emanzipirt, noch für eine Männerfeindin; man

kennt mich eben, wie ich bin: eine Freundin schöner Frauen! –

Meine Eltern gaben mir die sorgfältigste Erziehung. Meine Mutter starb,

ehe ich noch confirmirt war.

Von Reichthum und Luxus umgeben, sind meine Sinne verwöhnt, mein

ästhetisches Empfinden so fein, daß mich eine Frau ohne Geist, ohne

Chic, ohne Grazie – abstößt! Eine lässige Haltung beleidigt mein Gefühl,

so daß selbst das schönste Weib mein Blick achtlos streift.

Mit solchen Ansprüchen wurde ich in die große Welt eingeführt.

Instinctiv regte sich, als ich noch ein Kind war, in meinem jungen

Herzen das Verlangen nach einer Freundin, die ich bewundern wollte und

meine Erzieherin, eine liebreizende Lady, hatte sich oft genug meiner

stürmischen Liebkosungen zu erwehren.

Die zahlreichen Freundschaften aus der Kinderzeit wurden, wie das fast

immer der Fall ist, haltlos und verflogen wie Spreu im Winde ...

In dem Hause einer uns befreundeten Familie, welche im Winter

Veranlassung hatte, in der Residenz zu repräsentiren, wurde bei Beginn

der Saison ein geradezu feenhaftes Costüm-Fest arrangirt. Ein solches

Fest zu beschreiben wäre überflüssig. Derartige Diners, Soupers und

Bälle gleichen in der vornehmen Welt stets einander und an jenem Abend

war mir im Allgemeinen der Tanz so gleichgiltig wie das Souper.

Ich hatte nur Augen für „sie“.

In dem duftigen, wallenden Gewande einer vornehmen Griechin bot sich

meinem entzückten Auge eine Gestalt dar von so vollendeter Schönheit und

stolzer Haltung und Grazie, daß ich, – in dem Costüm eines mit

verschwenderischer Pracht geschmückten Orientalen, – sofort auf die

königliche Erscheinung zueilte und ihr meine Huldigungen darbrachte.

Sie hatte natürlich sofort die „Dame“ in mir errathen und weidete sich

sichtlich an dem Vergnügen, das ich empfand, sie zu recht lebhafter

Unterhaltung anzuspornen; ich lauschte begeistert dem wunderbaren

klangvollen Organ. Mich begeisterte ihr reicher, gleichsam

funkensprühender Geist und ich berauschte mich an der wundersamen

Anmuth, welche halb mädchenhaft lieblich, sich mit der vollendeten Würde

einer Herrscherin vereinigte.

Unter den brausenden Klängen des Orchesters begann der Reigen.

Die Kapriolensprünge eines übermüthigen Clowns belustigten mich ebenso

wenig, als mein Auge sich an den schmucken Ritter- und Pagengestalten

erfreute.

Ich überließ mich ganz und gar der süßen Einbildung, daß diese

geistreiche Frau mit dem göttlichen Körper auch ein junonisch schönes

Antlitz haben müsse. Und ich erzitterte heimlich, wenn leise Zweifel

mich beschlichen, daß es anders sein und mir ein unschönes, vielleicht

häßliches Gesicht entgegenschauen könnte und ich, die ich jeglichen

Vorzug an einer Frau hochschätze, kann nur ein – schönes, in jeder

Hinsicht schönes Weib – lieben!

So sind wir Zwei denn fast ausschließlich beieinander geblieben und eine

wonnige Hoffnung stahl sich in mein Herz, daß es erwachende Neigung für

mich auch bei meiner Partnerin sein müsse, wenn sie, während des Tanzes,

ausnahmslos sich mit einer Dame begnügte.

Da schmetterten die Fanfaren!

Da endlich nahte der Augenblick, da die seidene Maske fiel und ich,

bebenden, klopfenden Herzens in ein Antlitz sah, so traumhaft schön, so

unbeschreiblich schön, wie ich es zu hoffen nicht gewagt hätte ...

Voll jubelnden Entzückens flüsterte ich ihr heiße Worte ins Ohr; ihre

strahlenden Augen tauchten sich tief in die meinen und es durchströmte

mich ein unsagbares, niegekanntes Gefühl! – – Ich erschauerte im

Innersten; an dem Drucke ihrer kleinen Hand empfand ich, daß wir Zwei

uns verstanden hatten: sie war von genau ebensolcher Regung beseelt, als

ich selber.

Meine Absicht, gemäß den Wünschen meines Vaters, welcher mich begleitet

hatte, sogleich nach dem Souper zum Aufbruch zu rüsten, wußte sie durch

eine liebenswürdige Ueberredungskunst, die sie auch vor ihm entfaltete,

in den dringenden Wunsch umzuwandeln, bis zum Schluß des Festes zu

verweilen. Da meine holde Tänzerin allein erschienen war, wurde es uns

auch gern zugebilligt.

Jetzt brachen für mich wonnige Stunden an; unausgesprochen fühlten wir

Beide unsere geistige Wahlverwandtschaft. Wir geizten nach jeder Minute,

uns unterhalten zu können und für uns Beide war es eine gleiche Last,

den Honneurs der Gastgeber zu begegnen.

Die Allüren der Damen von Welt gebieten nun freilich, daß man aus Anlaß

eines Beisammenseins auf dem Parkett auch nicht einen einzigen

anwesender Bekannter ignoriren darf und es trug bereits den Anflug eines

Verstoßes an sich, daß ich so weitgehenden Anspruch erhob auf die

Gesellschaft einer Dame, welche ich erst seit wenigen Stunden kennen

gelernt hatte, wie es denn auch den Anschein des Seltsamen hatte, daß

meine junge Schöne, welche gekommen war, um den Gastgebern einen Act

gesellschaftlicher Höflichkeit zu erweisen, sich einer ihr bis dahin

fremden Dame widmete.

Sie hatte die ihr zugegangene Einladung annehmen müssen, wiewohl sie nur

allein lebte und sich auf die Gesellschaft einer alten Repräsentantin

beschränken mußte.

Edita, so hieß sie, hatte mir Alles das zu sagen sich genöthigt gefühlt,

um sich vor mir gleichsam zu rechtfertigen.

Titel und Name ihres Vaters waren meinem Vater bekannt. Dieser erinnerte

sich auch des malerisch gelegenen Schlosses am Rhein, welches die junge

Erbin bei entsprechender Jahreszeit bewohnte. Freudige Verwunderung!

denn nun durften wir uns gewissermaßen als alte, gute Bekannte

betrachten.

Die Stunde des Scheidens schlug; mein Vater hatte uns ohnehin ein Opfer

gebracht, welches wir auch nur annahmen, um einige Stunden länger die

ersten Gedanken auszutauschen. – Der heranrollende Wagen nahm uns auf

und führte uns unserem Heim entgegen. Ich hatte mit Edita ein sehr

baldiges Wiedersehen verabredet und traumverloren sah ich hinaus in die

sternenfunkelnde Winternacht ...

Wortkarg hörte ich die Fragen meines Vaters an, der seiner Verwunderung

Ausdruck gab, daß ich sowohl, als jene Dame gegenüber den Bemühungen der

Tänzer uns ablehnend verhalten hatten.

Nun, er war ja an meine kleinen Caprizen gewöhnt und kam nicht wieder

darauf zurück.

In meinem Gemache angelangt, begab ich mich zur Ruhe, doch fand ich den

Schlaf nicht und ich mochte ihn auch nicht finden.

Ich gab mich glückseligen Träumereien hin, welche alle in der Hoffnung

gipfelten, daß sie sich recht bald verwirklichen möchten.

... Das war eine Ballnacht! ...

So mag vielen Tausenden junger Mädchen zu Muthe sein, die nach einer

durchschwärmten Ballnacht träumen von Glück und Zukunft und von – – ihm,

doch nicht Begehr tragen nach Frauenherzen und Frauenliebe! ...

Da ich mich dann erhob und nun doch übernächtigt und matt, mir die

Chokolade reichen ließ, da – o Entzücken! hatte ein Diener für mich

einen Brief gebracht, einen langen, seltsamen – über dessen Inhalt ich

in süße Verwirrung gerieth – von Edita! ...

Am Schlusse ihres Schreibens bat sie mich dringlichst, die Schranken der

formellen vornehmen Sitte unserer Kreise zu durchbrechen und einen

Verkehr mit ihr anzubahnen, welcher uns berechtigt, uns zu jeder Stunde

zusammenzuführen. Natürlich entsprach das meinen heißen Wünschen und

meine Zofe bestellte augenblicklich den Wagen.

Es war ein frohinniges Wiedersehen und frohinnig ist’s dann allzeit

gewesen. So oft als es möglich war, sahen wir uns und dann stets so

lange als möglich und – wir hatten uns Beide nicht getäuscht! Zwischen

Edita und mir entspann sich eine so reine Freundschaft, wie sie

feinsinniger wohl noch niemals bestanden haben mag.

Wir lasen uns unsere gegenseitigen Wünsche von den Augen ab und

verzichteten gern auf die Gesellschaft jedes Dritten, da wir selbst uns

immer genug waren. Eines Tages erhielt ich eine sehr eilige Meldung

durch jemand von Editas Dienerschaft, daß Edita unpäßlich sei und heute

vermuthlich nicht bei mir sein könne.

Ich beschloß sogleich zu ihr zu eilen, denn seit Beginn unserer

Bekanntschaft war noch nicht ein Tag verflossen, an welchem wir uns

nicht begrüßt hätten. Ich fand Edita in ihrem Boudoir auf einem

Ruhebette liegend; lässig bedeckte ein kostbares weißhaariges Fell die

lichtumflossene Gestalt. Durch die bunten Butzenscheiben brach goldenes

Sonnenlicht herein, denn der Frühling war ins Land gezogen, und Veilchen

und Maiglöckchen strömten ihre süßen Düfte aus, welche das lauschige

Gemach erfüllten.

„O, Felicita, Sie Gute! Wie lieb von Ihnen, daß Sie gekommen sind, denn

ich hatte unbeschreibliche Sehnsucht nach Ihnen um Ihnen in Ihr liebes

Gesichtchen zu schauen!“

Sie küßte mir zärtlich Stirn und Augen und ich zog sie, mich besorgt

nach ihrem Befinden erkundigend, sanft an mein Herz.

Lange engumschlungen saßen wir und sahen dem reizenden Spiele zahmer

Vögelchen zu, welche, wenn nicht auch ich sie geliebt, entschieden meine

Eifersucht erregt hätten, so sehr viel beschäftigte sich Edita mit

ihnen. Dann öffnete ich im Nebenzimmer die Balconfenster, um die

würzige, sonnendurchwärmte Frühlingsluft hereinströmen zu lassen.

Als ich wieder das Boudoir betrat, stand meine Patientin vor mir,

schöner als ich sie je gesehen. Auf dem feinen Antlitz, welches von

einem matten, rosigen Schein überhaucht war, prägte sich der Ausdruck

großen innerlichen Glückes aus.

Ich stand in stummes Staunen versunken vor dem reizendsten aller Weiber

und jauchzend schloß ich sie in meine Arme. Das lange lichtblonde Haar

fluthete über den Nacken, welcher, von der duftigen Spitzenrobe fast

unverhüllt, mir in blendendem Weiß entgegenleuchtete. Ich konnte ein

heißes Begehren nicht unterdrücken und küßte sie, von den seidenen

Haarwellen umrieselt, leise, mit heißen, zuckenden Lippen auf die warme

Sammethaut und ... dann in stürmischem Jubel zog ich sie hinaus in all

den Lenzesduft, der von dem blumengefüllten Balcon in das Zimmer wehte.

„Ich bin so glücklich, Felicita, und wie sehr liebe ich Sie! Welch’ ein

köstlicher Frühling wird uns erblühen, da schon den Winter wir in

Märchenlust durchträumten!“

„Gewiß,“ rief ich, „und welche Worte soll ich wählen, um meinen

Empfindungen Ausdruck zu geben! Seien Sie versichert, ich will freudig

Allem entsagen, was die Menschen ihr Glück auf Erden nennen, wenn ich

Sie, meine Edita, habe!“

„Süße Felicita,“ erwiderte sie, „wie von ganzem Herzen danke ich Ihnen

für all die reiche Liebe, mit welcher Sie die meinige vergelten. Sehen

Sie,“ fuhr sie fort, „wie oft im Leben begegnen wir Frauen, welche

einander Liebe und Freundschaft geloben und doch bedarf es nur eines

einzigen Anstoßes von der Außenwelt her – sei es aus Materialismus, sei

es aus Eifersucht, – genug, alle diese Versicherungen gegenseitiger

Freundschaft zerrinnen und das Ganze erscheint wie ein Trugbild! Da habe

ich denn, ehe wir uns auf jenem Costümfest kennen lernten, mir so oft

die Frage vorgelegt, wie es möglich sein kann, daß eine Frau von reichem

Gemüth um irgend eines Scrupels willen das Schönste aus dem Inhalt ihres

Lebens grausam zerstört: Frauenliebe! Der Gedanke, daß ich Sie verlieren

könnte, liegt meinem Herzen so fern, daß es mir absurd erscheint, einer

derartigen Befürchtung Raum zu geben. Wie viele edle Frauen, welche aus

irgend welchen tragischen oder anderen Gründen sich vereinsamt fühlen

und unglücklich, fänden einen reichen Ersatz für alles Verlorene oder

Entbehrte, wenn sie sich die Liebe einer Frau erwerben und eben diese

Liebe pflegen würden.“

Ich hatte aufmerksam zugehört und entgegnete, als sie schloß, mit

ernstem Kopfnicken:

„Wohl; es mag viel darüber gesprochen und geschrieben worden sein, daß

der Beruf der Frau die Ehe ist; der Platz der Frau ist am häuslichen

Heerd und ihre Sorgen um Gatten und Kind ihre Lebensaufgabe. Das ist

schön gesagt, aber ich kenne manche Ehe, in der die Frau einzig dazu

berufen zu sein scheint, ein Kreuz zu tragen.

Es soll keineswegs meine Aufgabe sein, etwa einem jungen Mädchen den

Glauben zu benehmen, daß der ganze Weg durch die Ehe mit Rosen bestreut

sei und ich würde mich nimmermehr zwischen zwei Menschen stellen, die

vielleicht im Begriff sind, eine Thorheit zu begehen und wäre es selbst

einer unseres Namens, um eine Mesalliance zu schließen.“

Edita hörte mich an und, beide Hände auf meine Achseln legend, sagte sie

mit plötzlichem, fröhlichem Lachen:

„Ja, gut, aber Kleine, unter derartigen abhandelnden Gesprächen verrinnt

uns der schöne Frühlingstag. Wir Zwei sind uns über unsere Ansichten ja

längst schon einig und wir werden wohl auch kaum jemals anderen Sinnes

werden. Ihre Anwesenheit, liebes Herz“, fuhr sie fort, „hat mich wieder

gesund gemacht und da will ich Ihnen einen Vorschlag machen: Während ich

bei der Toilette bin, ist der Wagen bereit und wir machen eine schöne

Spazierfahrt!“ – – – –

Der kräftige Lenzeshauch hatte die Wangen meiner schönen Freundin

geröthet und sie sah so blühend und hinreißend aus, daß ich mir Mühe

geben mußte, den Blick von ihrem reizenden Exterieur loszureißen; sie

erschien mir unsäglich begehrenswerth! ...

Mit der Spitze ihres schmalen Lackstiefelchens klopfte sie auf meinen

Fuß, welcher dicht an ihrem rechten stand und dazu lächelte sie

verheißungsvoll, bis ich den Muth fand, ihr mit stummer Frage in ihr

schönes Sternenpaar zu blicken und Edita nickte mit bedeutungsvollem

Lächeln zurück ...

Der Nachmittag jenes Tages wird mir unvergeßlich bleiben. –

Wir saßen, einige Zeit nach dem Diner, da wir heimgekehrt waren, eng

aneinandergeschmiegt, beim Dessert.

Ich hatte meiner Freundin Champagner angerathen und dieser perlte in den

hohen Kelchgläsern, welche wir hell aneinanderklingen ließen.

„Edita“, rief ich, „schon längst wollte ich Dir einen Wunsch offenbaren,

den ich schon lange im Herzen trage. Sieh, Schatz, Du weißt, welche

Freude ich an meiner Kunst habe und jetzt male ich schon lange Zeit

nicht mehr, weil mich ein einziges Bild verfolgt: die Venus von Milo!

Komm, schöner Engel, folge mir und sei mein – – Modell! ...“

– – Edita sah mich nicht etwa sprachlos an, richtete nicht etwa eine

Frage der Verwunderung an mich ... sie erhob sich ganz einfach, preßte

meinen Kopf an ihre Brust und küßte mich minutenlang auf den Mund ...

Ich erwiderte leidenschaftlich ihre Küsse und hielt Edita fest

umschlungen; mit einem tiefen Seufzer löste sie sich von mir und ergriff

meine Hand, um mich in ein anderes Gemach zu geleiten.

Hier erfaßte sie ein Scizzenbuch, in welchem ich oft bei ihr gezeichnet,

legte Zeichenmaterial zurecht, während ich langsam an sie herantrat und

– wortlos, tief athmend, den Schmuck von ihrem Halse löste.

Und willenlos ließ sie es geschehen, ein bestrickendes Lächeln um den

frischen, kleinen Mund.

Mit behutsamen Fingern löste ich Knopf um Knopf auf und nestelte sie

ebenso behutsam aus ihrem Kostüm.

„Ist’s gut so, Schatz?“ fragte sie. Ich schüttelte, wie im Traum, den

Kopf. Nach wenigen Minuten hatte ich sie herausgeschält aus den Hüllen

von Seide und Spitzen und – – noch einen Augenblick! da stand sie vor

mir, meine stolze Venus! ...

Ich war meiner Sinne kaum mehr mächtig; ich drängte das süße Weib auf

die üppigen, weichen Sammetpolster und mein Auge weidete sich an den

köstlichen Formen des blühenden Leibes ... doppelt schön, weil in

seliger Erregung Edita’s bezaubernder Busen auf und nieder wogte und der

heiße Athem mein Haupt streifte.

Endlich raffte ich mich auf – – ich mußte mein Wort halten und die

Scizze anfertigen.

Ich nahm das feine, vornehme Profil und dann hielt ich mich eine Weile

länger, als für eine Scizze erforderlich, bei ihren vollen Schultern und

den zarten Händen auf; ich mußte das. Und ich mußte eine Pause machen,

um mich zu sammeln. ... Von Neuem setzte ich den Griffel an ... Da

konnte ich nicht mehr! In heißer Leidenschaft sank ich vor ihrem Polster

nieder; ich preßte meinen Mund auf ihre blühenden Lippen, während meine

Hand sich schüchtern auf ihren warmen, weißen Busen schlich. Edita’s

Mund vermochte nicht, sich von meinen Lippen zu lösen – wir fühlten nur

eines: unsere Liebe – – Frauenliebe! – –

Da war es über mich gekommen, das lockende Glück, welchem ich seit Jahr

und Tag sehnsuchtsvoll entgegengeathmet hatte!

Edita umschlang mich unter halb schluchzenden Seufzern und immer mehr

steigerte sich meine glühende Leidenschaft ...

Endlich öffnete ich meinen Mund und gab den ihrigen frei.

Da stammelte sie mit glühendheißem Athem bethörende Liebesworte,

sinnverwirrend, aufregend, Worte, die ich niemals gehört hatte, deren

Sinn mir jedoch klar war ...

Die Scizze der Venus von Milo war unfertig geblieben ...

„Ich bedarf einer neuen Sitzung,“ hauchte ich.

Mit brennenden Lippen schloß sie mir den Mund.

Ihre Augen erglänzten fieberisch ...

Nach meiner Rückkehr nach Hause durchlebte ich eine Nacht, ähnlich

derjenigen, in welcher ich meine Edita fand und doch anders noch! Meine

Träume hatten sich verwirklicht.

In den Armen eines angebeteten, schönen Weibes waren mir die Wunder

berückender Erotik erschlossen worden.

Am nächsten Tage betrat ich mit zaghaften Schritten das Haus meines

Lieblings und zaghaft auch kam Edita mir entgegen und begrüßte mich aber

doch mit der gewohnten Herzlichkeit von ehemals, während ihre Stirn und

Wangen wie in Gluth getaucht erschienen.

So saßen wir uns beide gegenüber, just so, als hätten wir eine Uebelthat

vollzogen. – Vom Scizzenbuch war keine Rede und von der Venus vollends

nicht! – Nur einen Moment noch – da zog mich Edita auf ihre Kniee, ich

aber entschlüpfte ihr, als ob mein heißes Herz einer neuen Gefahr

entrinnen wolle. Da erhob Edita neckisch drohend den Finger und rief

lachend:

„Aber Titus, kleiner! Woher die Scheu? Du bist meine Liebe, sollst meine

Liebe bleiben!“ Und dabei haschte sie nach meinen Händen, welche sie

fest an sich preßte ... o Frauenliebe!

Da ich in der That nicht länger bleiben konnte, so verabschiedete ich

mich bald. Ein baldigstes Wiedersehen verheißend, eilte ich heimwärts –

–

Im Bade.

Schüchterne Versuche, „sie“, die Andere, persönlich kennen zu lernen,

scheiterten immer wieder an den Scrupeln, die ich mir machte, um vor

meiner Edita nicht treulos oder wankelmüthig zu erscheinen und doch

wurde ich jener Anderen bezauberndes Bild nicht los.

Mit dem geübten Blick einer echten Kunstjüngerin habe ich sie gesehen. –

Einmal auf einer Corsofahrt, da sie mir und meiner schönen Freundin

Blumen in den Wagen warf und, ein anderes Mal, in dem Atelier eines

Künstlers, meines Meisters, vor welchem zu einem Portrait zu sitzen, sie

gekommen war. Ich hatte weder Anlaß noch fügliche Gelegenheit, mit ihr

zu sprechen.

Im Grunde meines Herzens war es mir gleichgiltig, ob sie mir ebenbürtig

oder nicht – – mich gelüstete nur, ihre Schönheit zu genießen.

In meinem Benehmen zu Edita war ich doppelt aufmerksam und doppelt

liebevoll, weil eben ich heimliche Wünsche hegte, deren Erfüllung meiner

liebsten und einzigen Freundin wohl gleichen Kummer bereiten würde, als

wie mir, wenn ich Zeugin eines Interesses ihrerseits für eine zweite

schöne Frau werden sollte.

Vor mir selbst konnte ich bestehen, denn ich liebte meine Freundin und

nichts würde diese Liebe jemals aus meinem Herzen reißen können, aber

dennoch machte ich mir ob dieses Zwiespalts so viele Selbstvorwürfe, daß

ich meines Lebens nicht froh werden konnte. Schon das Bewußtsein, daß

ich Gedanken Raum gab, welche ich vor Edita verbergen mußte, war mir

drückend und peinlich, aber das Verlangen in mir, jenes fremde Weib

kennen zu lernen, war so mächtig, daß ich häufig, in Sinnen versunken,

statt meiner lichtäugigen Blume vom Rhein – in die nachtdunklen Augen

der Anderen zu blicken vermeinte.

So verging eine geraume Zeit. Die Saison hatte ihren Höhepunkt erreicht.

Wir saßen frohgemuth beieinander, Edita und ich.

Sie löffelte träumerisch in ihrem Kaffee. Nachdenklich sah sie mir in’s

Gesicht: „Du bist anders geworden, Felicita. Ich kenne Dich nicht mehr

so, wie Du ehemals gewesen. Deine Stimmung ist wechselvoll und Deine

frühere Emsigkeit in der Ausübung Deiner Kunst hat sich verringert.

Warum das, Kind? Willst Du, daß wir fortgehen? Nicht an den Rhein;

dorthin begeben wir uns nach beendigter Reise. Ich möchte mit Dir ohne

Zwang, ohne _dame d’honneur_ hinaus in die liebe Gotteswelt, sie und

Dich zu genießen!“

Und, ihr die Antwort schuldig bleibend, schloß ich sie bei Ihren letzten

Worten, wie electrisirt, in meine Arme ...

Ja, Altmeister Göthe, Du hast Recht: „Glücklich allein ist die Seele,

die liebt!“ – –

Dann war’s geschehen.

Am Ziele unserer Vergnügungsreise sah ich „sie“ wieder: die Andere mit

dem bestechenden Exterieur.

Wir, Edita und ich bewohnten eine, unweit des Strandes belegene Villa.

Ein sorgsam gepflegter Garten dehnte sich vor der stattlichen Front des

Landhauses aus.

Es war die Zeit der Rosen. Tausende von thautropfenfunkelnden Blüthen

sandten ihre Düfte in die weitgeöffneten Fenster unseres Quartiers.

Und da schritt ich hinunter in das Eden von Morgenglanz und Duft und

Licht und schmetternder Vogelkehlchen.

Ich raffte meine Schleppe hoch, um die Diamant-Tropfen der Gräser nicht

zu streifen. Behutsam bog ich eine der schönsten Rosen am Stengel

nieder. Sinnend ruhten meine Augen darauf, lange, lange ... und dann

wandte mein Blick sich aufwärts empor nach den Fenstern zu Editas

Gemächern.

Es überkam mich eine unabweisbare Sehnsucht, meiner Edita einen

Morgengruß zu bringen, der in den wunderbar schönen Klängen eines

künstlerischen Tonschöpfers ausklingt:

Leise, leise, mit immer vollerem, immer mehr anschwellendem Sopran erhob

ich meine Stimme:

„Du rothe Rose auf grüner Haid,

Wer hieß Dich blüh’n?

Du heißes Herz in tiefem Leid,

Was will Dein Glüh’n? – –

Es braust der Sturm vom Berg herab.

Dich knickt er um.

Es gräbt die Lieb’ ein stilles Grab,

Du bist dann stumm.

Denk’ nicht an Tod, an Leben denk’

In Lieb’ und Lust!

Dich selber wirf’ als Dein Geschenk

An meine Brust!!

Ich weiß es ja, daß Du mich liebst

Im Ueberfluß.

O Seligkeit, wenn Du mir giebst

So heißen Kuß!

Geschrieben steht am Sternenzelt:

Du wärest mein;

Was fragt die Liebe nach der Welt

Und ihrem Schein?

Um meinen Nacken schling’ den Arm,

Preß’ Mund auf Mund,

Ruhst anders nicht so süß und warm

In weitem Rund!

Versink’ in Wonnerausch

Der Erde Zeit.

Gieb für den Augenblick in Tausch

Die Ewigkeit!

Komm, daß Du meine Sehnsucht stillst,

O Königin!

Und wenn Du meine Seele willst,

So nimm sie hin! ...“

* * * * *

... Ich hielt die Purpurblüthe in der unwillkürlich hocherhobenen Hand.

Da erscholl ein leiser Ruf über die dichte Taxushecke zu mir herüber:

„O mir die rothe Rose, o bitte, bitte!“

Erstaunt, halb bestürzt wandte ich den Kopf, denn eine überaus

melodische Stimme in französischer Sprache klang an mein Ohr.

Da stand sie vor mir, jene interessante Schöne, deren Anblick ich

herbeigesehnt und welcher mich nun doch mit seltsamer Bangigkeit

erfüllte.

Es entging mir nicht, daß ich eine „Dame“ vor mir hatte.

Ihre Erscheinung hatte vielleicht einen Anflug von Emanzipation, aber

das kleidete sie gut. Sie war zweifellos eine Dame vornehmer Stände. So

konnte ich es getrost wagen, ihr die Rose zu schenken. Mit einer

leichten Verbeugung – nahte ich mich ihr, ihr die Blume zu überreichen.

* * * * *

„Das soll die Revanche sein für die Blumen aus meinem Corsowagen“, sagte

sie mit leisem Lachen und ich erwiderte lebhaft, daß es mir Freude

bereite, Gelegenheit zu solcher Revanche gewonnen zu haben.

Freudestrahlend neigte sie dankend ihr Haupt und preßte leise an die

geöffneten Lippen die flammende Rose.

In ihrer Begleitung befand sich ein altes exotisches Fräulein, in deren

Gesellschaft sie alsbald grüßend weiterschritt, während ich, alle Rosen

vergessend meiner Edita entgegenstrebte; mir war’s als hätte ich ein

Unrecht begangen.

Mit gemischten Empfindungen betrat ich Editas Schlafgemach. Diese war

bereits angekleidet und erhob drohend den weißen Finger:

„Schatz, wo steckst Du, allein, ohne mich? Und wem galt das herrliche

Lied? Mir wohl? Ja, ja, ich weiß, mein Herzchen“, fuhr sie mit raschen

Worten fort, da sie sah, wie ich schmollend den Kopf zurück bog. „Nur

mir allein konnte Lessmann’s wunderschönstes Liebeslied gelten; Du weißt

ja, wie so sehr gern ich Dich höre!“

Ich warf mich an ihre Brust und küßte sie lange und innig ... Der

Fremden erwähnte ich nicht. In den nächsten Tagen richteten wir, bevor

wir unseren gewohnten Spaziergang antraten, unsere Schritte nach der

See.

Unsere Kammerfrau empfing uns bereits und im Nu tummelten wir uns nach

Herzenslust in der blauen Fluth. Ich spähte suchenden Blickes über die

leicht bewegte Wasserfläche. Mein Auge fahndete auf schöne

Frauen-Gestalten. Forschenden Blickes betrachtete mich Edita. Ob sie

wohl meine Gedanken errieth? Da – wir hatten gerade unsere Toilette

beendet, drangen hastige, lebhafte Rufe an mein Ohr. Ich zog die Thür

zurück und sah hinaus, nahm auch sofort wahr, daß einige Badefrauen

offenbar um eine Ohnmächtige bemüht waren.

In wenigen Minuten hatte ich die betreffende Zelle erreicht und übersah

mit einem einzigen Blicke die ganze Situation. Die leidende Dame hatte

jedenfalls eine übermäßig lange Schwimmtour zurückgelegt und war nunmehr

von einem Nervenzufall ergriffen worden.

Cölnisches Wasser und englisches Salz hatten die beabsichtigte Wirkung

und nach wenigen Augenblicken hob ein zitternder Seufzer die Brust der

jungen Pariserin, welche mir mit aufleuchtenden Augen dankte und mir

alsbald ihren Namen und Rang nannte.

Wie mir ihre alte Begleiterin mit einer fabelhaften Beredsamkeit

darthat, hatte die junge Dame, Comtesse Eugenie, bereits wiederholt

einen derartigen Nervenzufall gehabt. Das erregte mein Mitgefühl und ich

bat sie mit herzlicher Eindringlichkeit, einstweilen von dergleichen

Schwimm-Uebungen abzusehen.

Da ich während der kurzen Unterhaltung auch meinen Namen nannte,

flüsterte sie mir erfreut die Antwort entgegen, daß derselbe ihr lange

bekannt sei und daß sie genau gewußt, „wem“ auf jenem Corsofest sie die

Blumen gewidmet hätte.

Ferner berichtete sie mit schelmischem Lächeln, daß sie auch lediglich

aus dem einzigen Grunde ihr Portrait bei meinem Lehrer bestellt hätte,

weil sie bestimmt angenommen, mich, als dessen Schülerin, wie ihr

zufällig bekannt war, dort sicher zu treffen.

Ich hatte allen anwesenden Frauen längst bedeutet, sich zu entfernen und

während ich die Reisebegleiterin der Comtesse zu Edita sandte, daß sie

meiner nicht länger harren, sondern mir entgegenkommen sollte, kleidete

sich ... o süßer Schreck! – die üppige Französin in meiner Gegenwart an.

Ich konnte der mir angeborenen Regung nicht widerstehen und, die Falten

ihres Spitzenhemdes auseinanderschiebend, küßte ich die rosige Haut

ihres schönen Busens!

Da brach die ganze sinnbethörende Leidenschaft sich Bahn und mit

fliegendem Athem und fliegenden Worten entrollte Comtesse Eugenie mir

das Bild ihrer Seele.

Geschmachtet hätte sie nach mir – lange, lange, denn sie liebe mich – –

„_parceque vous êtes si belle, mon coeur, alors je vous aime indisible,

brûlant – passionnée_!“ Und dann senkte sie ihren Mund und ihre zuckende

Zunge drängte sich sanft zwischen meine Lippen ...

Wie betäubt ließ ich das schöne junge Weib aus meinen Armen; ich

versprach ihr, sie in einigen Tagen hier wiederzusehen. Noch einmal

drückte ich mein heißes Gesicht an ihren mir entgegenwogenden Busen und

als ich dann mit brennenden Wangen hinaustrat, sah ich Edita auf- und

abpromenirend, welche sich wortlos zu mir wandte, mich mit todternsten

Blicken musterte und an meiner Seite dahin schritt, ohne sich, wie sonst

an meinen Arm zu hängen.

Ich fühlte mich bewogen, eine Aufklärung dieses Zwischenfalls zu geben,

aber es berührte mich unsagbar peinlich, als ich ihre Augen mit

unendlich spöttischem Ausdruck auf mich gerichtet sah und spöttisch

dünkte mich auch das Lächeln, welches vielsagend um den feinen Mund

irrte.

Ich kann wohl sagen, daß mich selten ein so furchtbar unerquickliches

Gefühl beschlich, als in diesem Momente. Trotzdem war ich fest

entschlossen, die junge Pariserin wieder zu treffen. –

Ich fühlte, wie mich ein süßes Erschauern überrieselte, wenn ich an die

Berührung der warmen, weichen Zungenspitze dachte! ...

So muß ein erotischer Kuß sein! ...

Ungewollt, war zwischen mir und Edita eine Spannung eingetreten, die

sich mit jeder Minute steigerte und die ich doch durch nichts zu

verhindern vermochte. Meine Vorliebe für schöne Frauen erheischt eben

Opfer! ...

Mochte Edita meine Wünsche errathen haben, wollte sie mich prüfen oder

war es Zufall, genug, sie verharrte dabei, in ihren Gemächern zu

verbleiben, während ich, theils gewohnheitsmäßig, theils von gewisser

Sehnsucht getrieben, dem Strande entgegenschritt.

Comtesse Eugenie kam mir bereits entgegen. Sie bestürmte mich so lange

mit Bitten, bis ich nachgab, sie in ihr Hôtel zu begleiten. Dort

angelangt, bat sie mich, einige Augenblicke zu verweilen, während sie

ihr Ankleide-Cabinet betrat, um ihre Strandtoilette mit einem geradezu

bezauberndem Kostüm zu vertauschen.

Ein halboffener, weißer Burnus aus indischem Cachemir umhüllte in weiten

Falten die volle, schlanke Gestalt. Mit elastischen Schritten eilte sie

auf mich zu und ich ließ es gern geschehen, daß sie meinen Mund mit

heißen Küssen bedeckte und weiter ließ ich es geschehen, daß ihre

weißen, feinen Zähne sich tief in die Haut meines Halses gruben. – –

Ein intensiver Goldlack-Duft entströmte ihren Kleidern und benahm mir

fast den Athem. Da ich sie mit beiden Armen fest umschlang, mochte ich

sie ermuthigt haben, denn sie setzte sich auf meinen Schooß!

... Immer heißer ihre Küsse, immer heißer der Athem und da endlich

kannte ihre Leidenschaft keine Grenzen mehr; rasch streifte sie den

Handschuh von meiner Hand und führte diese leise in die Falten ihres

Peignoirs. Ein Zittern überflog mich, dann fühlte ich die zuckende

Berührung ihrer Zunge und in einem heißen Kusse fanden sich unsere

Lippen.

Jetzt folgten Augenblicke nie empfundener Erregung, so daß ich, halb

ohnmächtig, die Augen schließen mußte ... Da plötzlich durchzuckte mich

ein blitzähnlicher Schlag – – – der Gedanke an Edita! Heiße Blutwellen

stiegen mir in’s Antlitz. Das war nicht mehr Erregtheit, das war – –

Schamröthe!

Wie liebe ich meine Edita und wie vertraut sie mir und ich war schwach

genug ihr untreu zu werden! Keine Andere – und wäre es der Schönen

Schönste – sollte mich jemals besitzen und eine Liebe mit Edita theilen,

die diese allein genießen wollte! ...

Es war das erste Mal an einer anderen Frau soweit mich zu vergessen und

es sollte das letzte Mal sein!

Meine ganze Willenskraft zusammenraffend, widerstand ich mit Mühe den

sinnlichen Ueberredungskünsten der schönen Französin, welche mir einen

noch viel größeren Genuß verhieß, wenn ich mich auskleiden und bei ihr

bleiben wolle ...

Einige Minuten später befand ich mich auf dem Heimwege; meine einzige

Edita befand sich zweifellos im Hause. Als ich ihren Salon betrat,

fühlte ich mich von starken Blumendüften umweht; die Vorhänge waren

herabgelassen und wehrten dem Eindringen des strahlenden Sonnenlichts.

Erstaunt, beunruhigt, blickte ich spähend umher; ich durchsuchte alle

Zimmer: Edita fand ich nicht.

Wie das leibhafte böse Gewissen eilte ich die Terrasse hinunter in den

Garten. Dort saß sie in einer Rosenlaube unter Büchern und Journalen

vergraben.

Und ich erschrak.

Edita hatte ja ohne mich speisen müssen!

Was nur mußte sie von meinem langen ungerechtfertigten Ausbleiben

denken!

Flüchtigen Fußes eilte ich auf sie zu und als ich ihr ernstes, schönes

Haupt an mich ziehen wollte, lehnte sie sich halb abwehrend zurück.

Beklommen ließ ich mich an ihrer Seite nieder.

Edita betrachtete mich still mit langen Blicken. An meinem Halse blieben

sie haften und in jäher Erinnerung gedachte ich der spitzigen Zähnchen,

welche sich in die Haut gegraben und, wie ich nachher entdeckte, einen

feuerrothen „Kußfleck“ hinterlassen hatten.

Nach einer Zeit peinvollen Schweigens ergriff meine Freundin das Wort:

„Ich sehe, Felicita, Du hast Langeweile, ich weiß in der That nicht, wie

ich länger mich Dir gegenüber verhalten soll. Ist meine Liebe für Dich

auch stets stark genug gewesen, Deiner Schwäche für fremde, interessante

und schöne Frauen mit Nachsicht zu begegnen, so bin ich doch zu stolz,

um ruhig zusehen zu können, wie Du einer Unbekannten vor mir ostentativ

den Vorzug giebst. Ich weiß ebenso genau wie Du selber, daß es nur

sinnliches Begehren ist, durch welches Du Dich in den Bann dieser

Pariserin hast verstricken lassen. Nun wohl, überlege Dir’s, ob Deine

Handlungsweise mir gegenüber wirklich _lady like_ war. Ich halte es für

gut, wenn wir einige Zeit räumlich getrennt sind; bleibe Du bei der

Comtesse – – ich bin jedenfalls entschlossen, heute noch nach meiner

Heimath abzureisen. Ich überlasse Dir die Wahl: Jene oder ich!“ ...

Ich starrte, nachdem Edita ausgeredet, eine Weile wie geistesabwesend

vor mich nieder.

Das also sollte das Ende sein von meinem erträumten und in Wirklichkeit

bestehenden Glück.

Ja: o Liebe wie bist du so bitter,

o Liebe wie bist du so süß! – –

Ein minutenlanges Schweigen entstand. Ich schluckte die aufquellenden

Thränen tapfer hinunter und war im Begriff, die Laube zu verlassen, da

hielt Edita mich zurück; sie sah mich tiefernst an und deutete mit der

Spitze ihres Fingers nach dem dunklen Fleck an meinem Halse.

Ich zuckte zusammen. Rasch entschlossen wollte ich ein Geständniß

ablegen von dem Umfange meiner Verirrung, da hatte sie aber schon ihre

knisternde Schleppe aufgenommen und in stummem Schmerze sah ich ihre

hohe, edle Gestalt in dem Vestibule der Villa verschwinden.

Das Nächstliegende für mich nun war, meine gekränkte Freundin zu

versöhnen und einen Brief für Comtesse Eugenie nach dem Hotel zu senden.

In diesem Schreiben bat ich sie, sich meiner Sympathie versichert zu

halten, die zwischen uns stattgehabte erotische Scene aber als

ungeschehen zu betrachten. Ich könne und dürfe meine Freundin nicht

beleidigen, denn meine Liebe gehöre ausschließlich dieser! Unter den

üblichen formellen Redewendungen schloß ich. So gern ich sie ja wohl

noch selbst gesprochen hätte, – meine sieghafte Liebe zu Edita ließ mich

dieses Verlangen unterdrücken und überwinden – – – – – – –

* * * * *

– – – Der Pfiff der Locomotive mahnte zum Einsteigen und ich war

glücklich, mich auf den Polstern eines Coupees an der Seite meiner

angebeteten, stolzen Edita zu befinden. Ich drückte ihr nur immer wieder

mit stummer Zärtlichkeit die Hand und ein namenlos frohseliges Gefühl

erfüllte mich, als sie mir mit gleichem Händedruck meine Innigkeit

erwiderte.

So gelangten wir durch lachende, freundliche Thäler und üppig grünende

Auen, welche sich mit den vom hohen azurblauen Himmelsdom sich

abzeichnenden, ehrwürdigen Gebirgshäupter malerisch abwechselten.

Wir waren wieder glücklich. Wir hatten uns ausgesprochen und uns

wiedergefunden in unserer Liebe!

Endlich, nach interessanter Fahrt langten wir in Edita’s Schlosse an.

Der würdige Kastellan und dessen treublickende Ehehälfte empfingen uns

an der Spitze der gesammten Dienerschaft; Edita’s Repräsentantin war

bereits lange vorausgeeilt und hatte mit ausgeprägtem Tact alles zum

Empfange ihrer jugendlichen Gebieterin herrichten lassen.

Die Sonne versank soeben mit glührothem Schein in den glitzernden

Fluthen des alten ehrwürdigen Rheins.

Unmittelbar an den Ufern desselben erhob sich, von stattlichen

Höhenzügen umsäumt, ein würdevolles einfaches Schloß – eine Veste der

Manen Edita’s, der letzten Trägerin ihres Namens.

Anmuthig grüßend, für Jeden ein leutseliges Wort und ein freundliches

Händeschütteln dem greisen Verwalter und dessen Gefährtin, geleitete

mich Edita in das von hohen Marmorsäulen getragene Portal.

Aus ihren seelenvollen Augen sprach meine stolze, süße, lichtäugige

Blume vom Rhein mir einen Willkommensgruß; inniger, glückseliger, wie es

Worte nicht inniger zum Ausdruck hätten bringen können. Und ich gelobte

mir so recht aus tiefem Herzen heraus, ihr nie wieder eine kummervolle

Stunde zu bereiten.

Ach war ich glücklich!

Ich hatte gute Nachrichten von meinem kränkelnden Vater und – am Herzen

meinen versöhnten Liebling! –

Voll natürlichen Interesses hatte ich, nach beendigtem Diner mit Edita

eine kurze Wanderung durch die Säle und Gemächer des Schlosses

angetreten. In einem achteckigen Raum rastete sie, mich an ihre Seite

ziehend, da sie auf einem in der Mitte des Gemaches sich erhebenden

Rondel Platz genommen hatte.

Die Figuren und Arabesken der schweren Gobelins leuchteten in matten

Lichtern durch die magische Tönung, welche eine antike Ampel von dem

kostbar geschnitzten Plafond herab verbreitete.

Duftende, echt rheinische Wässer plätscherten aus zwei kleinen Fontainen

auf exotisches Blättergewächs nieder; sonst war es traumhaft still.

Dicht umschlungen, saßen wir Beide, Kopf an Kopf geschmiegt, uns dem

Zauber des Augenblicks überlassend. Mit einem Male schritt Edita über

den Teppich bis in eine Ecke, über welcher sich eine in mattem Golde

erglänzende Kuppel für künstliche Akustik wölbte. Dort stand ein

entzückendes Instrument. Mit zarten, musikkundigen Händen entlockte sie

demselben wundersame Präludien, die sie in süße Liebeslieder

hinübergeleitete und in köstliche Accorde ausklingen ließ.

Ich hatte schon so oft den Schmelz ihres Soprans bewundert, heute aber,

in dieser Stunde riß mich ihr herrlicher Gesang zu anbetungsvollem

Staunen hin:

„Nun hüllt die Nacht, die lenzige Nacht

Die Welt in schweigende Wonne,

Ach sonst ergriff mein Herz noch mit Macht

Das letzte Verglühen der Sonne.

Nun geh’ ich allein, durch Fluren und Hain

Und ich denke in Liebe und Sehnsucht nur Dein:

Denn ich habe Dich einzig und ewig gern,

Du bist meine Wonne, Du bist mein Stern!

Der Frühling kommt, der Frühling vergeht,

Die süßen Lieder verklingen,

Und ob der Herbst die Blüthen verweht,

Mir soll er nicht Traurigkeit bringen;

Denn ich trage den Lenz, im Herzen die Ruh

Und das singet und klinget und blüht immerzu;

Denn ich habe Dich einzig und ewig gern,

Du bist meine Wonne, Du bist mein Stern!“

... Noch unter den Einflüssen der letzten Vorgänge in dem Strandhause

leidend, war ich vor Glück und Wonne wie trunken ...

Ich ermannte mich und sprach in huldigenden Worten ein heißempfundenes

Lob ihrer Kunst.

„Diese Kunst, meine Felicita“, erwiderte Edita lächelnd, „vermag wohl

kaum mit der Deinigen zu wetteifern. Wohl habe ich meine ganze Seele in

mein Spiel gelegt und –“ setzte sie, während wieder ein schelmisches

Lächeln den süßen Mund umspielte, hinzu: „ich wollte Dich nur zu meiner

Schuldnerin machen!“

„Durch die Kunst?“ fragte ich gespannt. Und, unter plötzlichem Errathen

rief ich beglückt:

„Ah, ich verstehe, Du meine schöne stolze Venus von Milo!“ ...

In dieser Nacht schliefen wir Beide nicht. Das war ein seliges

Wiederhaben!

Wir erriethen nicht mehr, wir fragten nicht! wir sagten uns in

stillseliger Ueberzeugung, daß „wahre Frauenliebe“ des Glücks die Fülle

in sich birgt.

... Wonnedurchzittert genossen wir dieses Glück! Stundenlang täglich,

viele Wochen hindurch ... Erotische Liebe ist stets sinnlich; es kann

anders auch nicht sein; aber diese Sinnlichkeit unter zwei schönen

Frauen, die sich in aufrichtiger, tiefer Herzensneigung ergeben sind,

ist so zart, so unvergleichlich beglückend, daß ich der Comtesse Eugenie

gern Recht gab, als sie mir eines Tages schrieb, entgegen meiner Bitte,

es zu unterlassen: „Wenn ich der süßen Augenblicke gedenke, welche ich

mit Ihnen, _ma belle reine_, verlebt habe, so könnte ich jubeln und

weinen. Jubeln darüber, daß ich das Glück mit Ihnen genossen habe und

weinen, daß ich es, kaum gegrüßt, nun meiden muß.

Es ist nun einmal mein Ideal, mit einer Frau zu verkehren im innigsten,

engsten Sinne. Ich bin nicht im Stande, einen Mann zu lieben, denn ich

habe noch nie einen kennen gelernt, der mir jene Gefühle einzuflößen

vermocht hätte, wie sie mich in der Frauenliebe beseligen. Ueber diese

bin ich vor einigen Jahren von einer blendend schönen Frau unterrichtet

und eingeweiht worden. Da wußte ich, da verstand ich, was schöne Erotik

bedeutet, was Sinnlichkeit ist. Frauenliebe ist endlos und so

beglückend, daß man sich von ihr nicht losreißen kann. Es ist ein

fortwährendes Genießen! Mir ist von einer verheiratheten Freundin vor

einigen Jahren versichert worden, daß sie erst dann sich glücklich

nannte, als sie in die Mysterien der Frauenliebe eingeweiht worden war.

Für die Zärtlichkeiten ihres Gatten war sie absolut unzugänglich;

dieselben sind im Verhältniß zu denjenigen des Weibes so unzart und im

Verhältnis viel weniger befriedigend ...“

Edita lächelte, als ich ihr dieses und noch vieles andere aus diesem

Briefe vorlas. Wir wußten’s Beide besser, oder doch ebenso gut, als

Comtesse Eugenie, nur fanden wir es unzart, dergleichen Episteln in die

Welt zu senden.

– – – Noch einige ergänzende Pinselstriche und das Abbild meines

königlichen Modelles war fertig. Ich habe unsagbar schöne Liebesstunden

durchkostet, als ich Liebe und Kunst verbindend, in vollen Zügen

genießen durfte. – Immer wärmer, immer leidenschaftlicher gestalteten

sich unsere Herzensbeziehungen; unser Glück war maßlos!

Ich habe die Schönheit Edita’s nicht mehr bildlich zu idealisiren

vermocht; um das zu können, müßte das Modell nicht von so vollkommener

idealer Schönheit sein!

In diesem Gemälde hatten wir unserer Liebe ein Denkmal gesetzt!

* * * * *

Mit reichem Erntesegen belastet, kehrten Winzer und Winzerinnen von den

Bergen heim. Goldene Sonnenlichter flammten auf dem rothschillernden

Laube; der Schmuck des Parkes war erblichen und aufkeimende Wehmuth

schlich sich mir in die Seele.

In rascher Aufeinanderfolge mahnten mich die Briefe meines bedenklich

erkrankten Vaters an die Heimkehr.

Ohne einen Augenblick zu überlegen, rüstete ich zur Abreise. Edita wand

mir mit eigenen Händen einen Abschiedsstrauß der letzten Astern und

Reseden. Und nun redeten wir auch einmal noch von Liebe, wie einst im

Mai! ...

Doch eine kleine poesievolle Rache konnte sie sich nicht versagen: eine

in Purpurfarbe leuchtende Rose ließ sie sich im Treibhause für mich

schneiden und, ein mir wohlbekanntes bedeutungsvolles Lächeln auf den

Lippen, hielt sie mir die Blume entgegen. Als ich die Hand danach

ausstreckte, sagte sie:

„Erst schön bitten! Bitte doch einmal, so wie an jenem Morgen an der

Taxushecke Comtesse Eugenie bitten konnte!“ Und die Blumen hinter dem

Rücken haltend, weidete sie sich an meinem Erstaunen.

„Das weißt Du auch, Schelm?“ fragte ich, hell auflachend. Aber doch

konnte ich mich eines kleinen Unbehagens nicht erwehren. „Ich verbarg es

vor Dir,“ fuhr ich fort, „und Dir von jener Begegnung später zu

berichten, wurde mir immer peinlicher, weil eben ich es nicht sogleich

gethan hatte. Und Du konntest es mir verhehlen, daß Du mich und sie

beobachtetest an dem Morgen, da ich Dir Dein Lieblingslied emporsang?“ –

– – Edita versprach mir, nach einiger Zeit mir nachzukommen, und unter

dem fürsorglichen Geleit meiner Gesellschafterin, welche mich abzuholen

gekommen war, steuerte ich der lieben Heimat entgegen.

„So lebe wohl, Du liebes Eden am Rhein! Auf Wiedersehen, Du stolze,

süße, Du lichtäugige Blume vom Rhein!“ –

– – Der Zustand meines Vaters war besorgnißerregend; das Leiden

steigerte sich und ich war sorgsam bemüht, ihm die letzten Tage seines

hohen Alters zu verschönen.

Als er die müden Augen auf immer schloß, sanken die ersten Schneeflocken

nieder auf den frischen Hügel, ihm ein weißes, stilles Leichentuch

bereitend. – Wieder war es meine Edita, welche, selbst weinend, mir

besorgt und theilnahmsvoll die Thränen von den Wimpern küßte. Ich dankte

aufrichtig meinem Schicksal, welches mich dies treue Herz finden ließ.

Sie auch war es, welche mir die Lasten aufregender Condolenzen abnahm

und ihr ganzes Sinnen und Trachten war darauf gerichtet, mich wieder in

andere Bahnen zu lenken.

Wohl erwies sie meinem heimgegangenen Vater ebenso herzliche Pietät als

ich ihm liebevolles Gedenken, aber dennoch fürchtete sie, daß mein

junger Lebensmuth Schaden nehmen könne und sobald, als thunlich,

strebten wir dem sonnigen Italien entgegen.

Mit Hinblick auf die traurigen Erlebnisse, war es meiner Freundin darum

zu thun, daß ich mich in mein Studium vertiefen und um mit mir gleichen

Schritt zu halten, war sie gesonnen, dem Studium der Musik ihre Zeit zu

widmen.

In einem vornehmen Palazzo hatten wir durch die Vermittelung einer uns

bekannten Familie ein ebenso standesgemäßes, als comfortables und

anheimelndes Quartier gefunden und in der That gelang es uns sehr bald,

unseren Wünschen und Absichten nahe zu kommen. Es bereitete mir immer

herzliche Freude, wenn sie es so einzurichten wußte, mich persönlich

abzuholen und wir verlebten manche idyllische Stunde in den geschmückten

Gondeln auf der Laguna.

Allmälig war mein trüber Sinn einer Umstimmung gewichen. Mein Auge

schwelgte in den Natur-Wundern des herrlichen Südens.

Dann kam es auch wieder über mich, leise, langsam, aber stetig: Das

eigenartige, seltsame Verlangen in mir, den Anblick schöner Frauen zu

genießen. –

Edita hatte mich in das richtige Fahrwasser gelenkt.

Gerade hier bot sich mir eine Quelle von Genüssen, welche ich in meiner

nordischen Heimath verhältnißmäßig doch nur spärlich fand.

Doch noch wog die Liebe zu meiner Kunst das Begehren nach dem Besitze

anderer Frauen in erotischem Sinne auf, denn Edita – bot mir ja Alles! –

Sie nahm und gab und wir waren vollkommen glücklich; nichtsdestoweniger

erregte es fortdauernd mein Interesse, andere Frauen zu beobachten – die

Frauen des _high life_ des Südens, die – reich, unabhängig, zügellos der

Erotik opfern mochten. – – Eines Tages lernten wir eine junge

Aristokratin kennen, welche von der Lebewelt umschwärmt wurde, doch eine

uns räthselhafte, und abweisende Zurückhaltung an den Tag legte.

In dem Hause der Marchesa lebte eine junge Deutsche von ungemein

liebreizendem Wesen; diese war die Gesellschafterin, Freundin und Alles

der Italienerin. Sie waren Rivalinnen ihrer beiderseitigen Schönheit;

die blühende, rosige, Geist- und Lebensfreude athmende Deutsche war

ebenso begehrenswerth, als die vornehme todtblasse Südländerin –

fascinirend.

Diese Beiden zu beobachten, war mir, ohne eigentlich neugierig zu sein,

gleichsam zur Aufgabe geworden.

Durch eine Reihe von günstigen Zufällen begleiteter Umstände traf es

sich, daß durch Zuthun der jungen Deutschen, Anna v. B. sich

gewissermaßen eine Réunion sehr bald bildete und gar oft war das

Parquette der Marchesa der Sammelplatz eines ziemlich weit verzweigten

Kreises der vornehmsten Damenwelt.

Der Verkehr unter uns gestaltete sich zu einem immer zutraulicheren.

Die genußsüchtige, in ihren Schwelgereien unersättliche, nach außen

statuenhaft kalt wirkende Marchesa plante eine Soirée.

An die elegante Damenwelt, welche einer still-verschwiegenen Kategorie

von „Lebefrauen“ angehörte, ergingen zahlreiche Einladungen.

Edita und mir sollte eine unglaubliche Ueberraschung vorbehalten sein.

Wir sollten einer Orgie mitbeiwohnen, wie sie auszumalen, oder sich

vorzustellen, selbst die sinnlichste Phantasie nicht fähig ist.

Die Geladenen befanden sich in des Wortes eigentlichster Bedeutung

„unter sich“; sie alle wußten bereits, welche Freuden ihrer harrten –

pflegte doch die Marchesa von Zeit zu Zeit einen Damen-Abend zu

veranstalten, an dem man einmal ungestört musiciren und plaudern kann:

Das reine Lesekränzchen! ...

... Die Karossen kamen herangesaust; schmucke Gondoliere ruderten

schleierverhüllte Frauen bis fast nahe an den Palazzo der Marchesa.

Diese selbst begrüßte ihre Gäste, umgeben von fürstlicher Pracht, in

ihren Empfangsräumen. Die Toiletten der gesammten Damen wetteiferten an

verschwenderischer Pracht und Chic miteinander.

Man war entzückt von der Liebenswürdigkeit der Gastgeberin, welche,

einer Fürstin gleich, Huldigungen entgegennahm und austheilte.

Es war früher Abend geworden und in venezianischen Kronleuchtern sandten

ungezählte strahlende Kerzen ihr gleißendes Licht durch Vestibül und

Säle. Ein kunstvoller, überaus reichverzierter Treppenaufgang führte

nach dem oberen Stockwerk.

Hier überbot ein Lichtmeer die strahlende Helle der unteren Etage.

In einer mäßig großen Bildergallerie waren die damastblinkenden Tafeln,

strotzend von Silber- und anderem Geräth und Blumen, für das Souper

hergerichtet. Es war ein üppiges Mahl!

Der Wein aller Gattungen erhitzte die Gemüther. Flammende Augen,

glühende Wangen und eine übermüthige, mehr als lebhafte Conversation in

italienischer und französischer Sprache durchschwirrte die parfümirte

Luft.

Wir, Edita und ich, befanden uns zum ersten Male in dieser Gallerie.

Interessirt ließ ich die Blicke über die Gemälde schweifen und entdeckte

da Meisterwerke, wie man sie nur in werthvollen Sammlungen, oder in

Museen findet. Auffällig nur erschienen mir unterhalb des Rahmens je ein

leuchtender, silberblitzender Stern.

Nun, ich deutete mir diesen eigenthümlichen Schmuck als eine originelle

Caprice der Marchesa; mir sollte der Zweck der funkelnden Sternchen bald

klar werden. Ehe noch ich Edita darauf aufmerksam machen konnte, wurde

die Tafel aufgehoben und ich machte von Zeit zu Zeit die Entdeckung, daß

sich allmälig ein Theil der anwesenden Schönen zerstreut hatte.

Eine diesbezügliche Bemerkung meinerseits beantwortete die reizende

Marchesa mit einer eigenthümlichen Geste.

„Sie sollten ja überrascht werden, Signorita“, sagte sie und ihre

schneeweißen Zähne blitzten mich herausfordernd an. Dann fuhr sie fort:

„Prüde sind Sie nicht und auch nicht Ihr Liebchen! Daher sollen Sie

vergnügt sein und so liebenswürdig, kleine pikante Extravaganzen hübsch

verständnisvoll in den Kauf zu nehmen!“

Ich war einigermaßen verwirrt und mußte in diesem Moment unwillkürlich

meiner Verführerin, der Comtesse Eugenie gedenken ...

Aus einem Pavillon, der sich in dem terrassenförmig sich abstufenden

Garten befand, drang sphärenhafte liebliche Musik. –

Nach geraumer Zeit, während welcher wir, lebhaft plaudernd, die Rückkehr

der Damen, die sich zurückgezogen hatten, abwarteten, lud uns die

Marchesa, ihre rosige, blonde Annina, wie sie sie nannte, am Arm, mit

ihrem übermüthigsten Lächeln ein, vor je einem der Gemälde Platz zu

nehmen. Mittelst Druckes auf ein dort angebrachtes Sternchen machte

dasselbe eine rotirende Drehung und wies nun Oeffnungen auf, welche

zuvor von den ausstrahlenden Sternchen überdeckt waren.

Von natürlicher Neugier erfüllt, sah ich, gleich Edita und einigen

anderen Damen, darunter die Marchesa und Annina durch die Oeffnung.

Vor meinen Blicken dehnte sich ein feenhaftes Gemach in halbkreisrunder

Form aus. Es war tageshell erleuchtet. Ueppige orientalische Polster

längs der Wände, in malerischer Unordnung bedeckt mit seidenen Decken,

Kissen, Fächern u. s. w.

Kleine Roccocco-Tische waren überladen mit Früchten, Süßigkeiten, Wein

etc.

Auf das Zeichen eines feinen Glockentones sank ein golddurchwirkter

Vorhang in schweren Falten auf den Teppich nieder und mein Auge umfaßte

ein mit großer künstlerischer Routine dargestelltes „lebendes Bild.“

Wie aus Marmor gehauen, standen vor uns vier schneeweiße, nackte

Frauengestalten in wirkungsvoller Gruppirung graziös umschlungen, je in

der einen hocherhobenen Hand einen blumengefüllten Korb haltend, und

plötzlich kam Leben in diese üppigen, herrlich geformten Leiber. In

langsamen, immer lebhafteren Drehungen wanden sie sich, gleich einem

Kaleidoscop umeinander und von sehr hübscher Wirkung war es, als

mittelst einer kunstvollen Vorrichtung ein andauernder, scheinbar nicht

endenwollender Rosenregen sich über die verführerischen Sirenen ergoß.

Diese vier Statuen von angeborener und doch raffinirtester Grazie in

ihrer nackten, blendenden Schönheit übten einen gewaltigen Eindruck auf

uns aus.

Dieser Eindruck wurde sehr bald durch ein wahres Entsetzen verwischt,

das sich meiner bemächtigte.

Während zwei in seidenen, vorn offene, langwallende Gewänder gehüllte

Damen eintraten und die ersten vier Sirenen ebensolche anlegten,

verschwanden die letzteren und die beiden zuletzt Gekommenen saßen in

sehr vertraulichem _tête à tête_ beieinander, als sich die Portieren

theilten und zwei ritterlich gekleidete Männer eintraten. Ich sah

athemlos fast nach ihnen hinüber. – – Männer! – – Schrecklich!

Der Eine von ihnen in echtem Rembrandtwamse, einen martialischen

Schnurrbart in dem dunklen Antlitz, den Galanterie-Degen zur Seite,

umschlang, ehe man sich dessen versah, eines der üppigen Weiber, sie auf

seine Kniee ziehend. Wie es schien, ließ sich die Circe, liebeheischend,

gern herbei, die Liebkosungen des Mannes zu erwidern. Den einen Arm um

ihre Hüfte gelegt, in der anderen einen hohen schäumenden Pokal, –

wandte er sein lachendes Gesicht nach jenem Anderen, der, ein

untrüglicher „Hamlet“ vor seiner „Ophelia“ niederkniete.

Der lose Burnus war längst von ihren Knien geglitten und sein schöner,

dunkler Lockenkopf drängte sich zwischen dieselben – – –

Unwillkürlich gedachte man des dritten Actes, 2. Scene, aus Shakespeares

„Hamlet“: „Ein schöner Gedanke, im Schoße eines Mädchens zu liegen!“ ...

Aber diese Art Orgienfeier vor uns zu entrollen, war denn doch zu stark!

Edita stand bereits hinter meinem Sessel und als ich mich umwandte, sah

ich ihr in das tieferröthete Gesicht, entrüstet über das Geschehene

erhob ich mich, nicht anders vermeinend, als daß wir uns in dieser

Umgebung nicht länger aufhalten durften, sondern uns sofort zurückziehen

müßten.

... Im Gegentheil! Edita zog mich mit heißen Händen in eine Nische der

Gallerie, drückte mich sanft in einen Sessel, küßte, da ich dekolettirt

war, meinen Busen, schlich sich unter die knisternde Seide hindurch

durch die Spitzenwogen ..., ihre Lippen erschlossen sich in glühendem

Kusse ... Rembrandt (sein Liebchen auf dem Schoße) und Hamlet (vor

Ophelia) waren zwei schöne Frauen, welche wohl wußten, daß aus den

Sternen über ihren Häuptern schöne Frauenaugen liebestrunken auf sie

herabblickten ...

Unsere Marchesa hatte also wieder einen neuen Triumph gefeiert, wie sie

uns, das unverhüllte Sinnbild der Sinnlichkeit mittheilte. Sie war, wie

sie ferner äußerte, unsagbar glücklich und selber aufgeregt darüber, daß

ihre Orgien den gewünschten Zweck erreicht hatten.

„Ueber Alles: Hoch Frauenliebe!!“

Nach einigen Augenblicken befanden wir uns mitten unter allen Uebrigen,

welche theils halbnackt, theils schleierverhüllt, oder in Salon-Toilette

beisammen blieben, um in Scherz und Lust und Leidenschaft der Göttin

Psyche zu opfern! „Diese Orgien führen auf abschüssige Bahn,“ fuhr es

mir eine Secunde lang durch den Sinn, allein der nächste Augenblick bot

soviel sinnbethörender Lust und sinnliche Freude, daß ich mich,

gleichwie Edita, nichts mehr bedenkend, in den Strudel der Erotik

stürzte ...

Diese gluthensprühenden Südländerinnen haben uns den Begriff eines

italienischen Sommernachtfestes gründlich gelehrt!

Nun rauschte, von einer Kurbeldrehung durch die Marchesa und Annina

selber bewerkstelligt, – (da an diesen Damen-Abenden niemals Domestiquen

im oberen Stockwerk erscheinen durften,) – eine ungeheure Tapetenthür

auseinander. Deckenhohe Spiegel, in denen sich die Wollust wiedersah,

trauliche Nischen, ferne Musik, Diamanten, Blumen, Wein, Liebe! ... Eros

hatte an dieser Stätte seine sämmtlichen Schätze verstreut! – – – –

In dem Gewoge aller dieser, jeder Phantasie durch die Wirklichkeit

hohnsprechenden, raffinirten, übersinnlichen, dabei blumenhaft

anmuthigen Darstellerinnen der Frauenliebe konnte man fast nicht mehr

zur Besinnung kommen.

Ich trat, ein halbgefülltes Crystallglas in der Hand, in eine der

Nischen und blieb einen Moment wie angewurzelt stehen. Daß ich in eben

dieser Nische ein Liebespärchen finden würde, wußte ich schon, aber –

gerade diese Beiden?

Die größere von ihnen lag weit zurückgelehnt, in einem Divan. Der

Spitzenschawl war ihr von den Schultern gesunken und ließ eine Büste

sehen, zum Malen schön!

Die juwelenblitzende Rechte umfaßte mit leichtem Griff einen echten

Römer ... Die Linke kraute in dem Nixenhaar ihrer dicht an sie

geschmiegten Freundin Annina, welche mit ihrem Spiegelbilde koquettirte.

Merkwürdigerweise hatte Annina einen kleinen Liebling: ein reizendes,

goldiges Kätzchen, welches sie überall mit sich führte und auch jetzt

strich ihre schneeige Hand leise, leise, wollüstig über das seidene

Kätzchen in ihrem Schoß! Die Marchesa, welche dieses Gebahren sehr

liebenswürdig finden mochte, neigte sich tief hernieder und küßte lange

und zärtlich das Kätzchen. Nachdem die Marchesa ihrem guten Herzen ein

beredtes Zeugniß ausgestellt, konnte ich nicht umhin, dem Lieblinge des

Hauses gleichfalls das blonde Fellchen zu streicheln ...

Ein anderes Bild erregte, nachdem ich meine Edita herzlich abgeküßt

hatte, meine theilnahmvolle Aufmerksamkeit.

Auf einem Divan, mit dem Gesicht nach unten liegend, sah man den üppigen

Frauenleib einer derer, die wohl etwas unvorsichtig an den verschiedenen

Honigkelchen nippte, aus denen sie süßen Rebensaft sog, die fleißige

Biene!

Verwundert trat ich näher, um einer Operation Zeuge zu sein, wie ich sie

in meinem Leben kaum vom Hörensagen kennen gelernt. Gefällige

Frauenhände hatten nämlich einen merkwürdigen Apparat herbeigeholt, ein

metallblitzendes Instrument, das, wie ich mir viel später erklären ließ,

ein sogenannter Baunscheidt’scher Apparat, dazu diente, rheumatische

Schmerzen zu beseitigen. Man handhabt denselben, indem man mittelst

Ausziehens der eine spiralförmige Feder umschließenden Hülse die Feder

spannt und durch plötzliches Loslassen des Auszugs die Feder schnellen

läßt. Durch die Gewalt dieser Schnellung erscheint am Ende des Apparates

ein Kopf mit zahlreichen haarscharfen Nadeln. Dieselben drücken sich in

das vom Rheuma verunglimpfte Fleisch, und auf die verwundeten Stellen

streicht man Baunscheidt’sches Oel und die ganze Heilungsprozedur ist

damit, wie man sagt, mit großem Erfolg vollzogen. Vorsichtig, behutsam,

mit ernsten Zügen auf dem pikanten Koboldgesichtchen schob sich eine der

zarten Hände unter die seidene Decke, welche über der Circe Rücken

gebreitet war. Behutsam und vorsichtig auch führte sie die Operation

nach Baunscheidt aus ...

Mit jähem Ruck schnellte die schöne Dulderin empor; da sie jedoch eine

angenehme Wohlthat empfand, verhielt sie sich dankbar und ruhig, nur das

Gesicht hatte sie ein wenig aufgerichtet und betrachtete mit großem

Interesse diesen Vorgang in dem Spiegel am Fußende ihrer Ottomane.

Ich glaubte zu träumen ...

Das sollte Edita auch sehen, doch war ich nicht mehr im Stande

weiterzukommen; ein unbekämpfbares Lachen hatte mich ergriffen und ich

mußte mich an einer Palme halten, um nicht umzusinken.

Edita?! Das ist ein Spuk meiner Phantasie! Edita – in den Armen eines

Mannes?! Der Pseudo-Hamlet kniete vor ihr, sein Adonis-Haupt tief

vergraben in den Falten ihres Kleides.

Lächelnd hatte sich Edita weit zurückgelehnt; ihre weißen Hände krauten

in seinen kurzgeschnittenen Locken. Da richtete er sein

freudestrahlendes Antlitz empor und flüsterte verführerische Worte.

Edita’s übermüthiges silbernes Lachen erklang – sie neigte das schöne

Haupt über ihn ... ihre Lippen berührten die seinen, während seine Arme

ihre Gestalt umfingen und sie fest an sich zogen.

Das war zuviel für mich. Ich befand mich hinter einer Draperie und

konnte so alles beobachten, ohne selbst gesehen zu werden; wohl war es

meine Absicht, auf meinem Beobachtungsposten zu verharren, weil eben ich

wahrnehmen wollte, wie eigentlich Edita’s Haltung gegenüber solchem

stürmischen Liebeswerben sein würde.

So eifersüchtig, wie ich in diesem Momente war, konnte selbst ein

Othello nicht sein!

Das war wirkliches Leid, welches ich in meinem Herzen empfand ...

Stimmung und Wein hatten das ihrige gethan und ich fühlte einen Zorn in

mir auflodern, daß ich nicht länger an mich halten konnte und mit

wenigen Schritten vor ihnen stand.

Wenn man hätte glauben sollen, daß Edita vor meinem Anblick erschrecken

oder betreten sein würde, so hätte man sich eben getäuscht. Ihre Wimpern

senkten sich auf die glühenden Wangen; thuend, als ob sie mich noch

nicht bemerke, umfaßten ihre beiden Hände das Antlitz des schönen

Verführers und Kuß um Kuß preßte sie auf Stirn und Mund und Augen ...

Ich war meiner wirklich kaum mehr mächtig; meine reizende Desdemona

sündigte ja gegen unsere Liebe mit einer Routine, welche ich ihr

wirklich nicht zugemuthet hätte.

Natürlich hatte die flammensprühende Italienerin – ein wahrer Don Juan –

keine Ahnung von meiner Anwesenheit, da die Töne des fernen Orchesters

das Geräusch meiner Schritte dämpften.

Und als ich nun sehen mußte, wie er, ermutigt durch die unerwartete

Gunstbezeugung Edita’s – nicht mißzuverstehende Versuche machte, seiner

Verliebtheit Ausdruck zu geben, wie vor Stunden bei seiner Ophelia, – da

war ich im Nu hinter Edita getreten, umfaßte rasch ihre Taille und zog

sie von ihrem Sitze empor, so daß Hamlet einen gelinden Ruck erhielt und

rittlings auf den Teppich sank. Edita brach in laute Heiterkeit aus.

Ich sah ihr vorwurfsvoll in die Augen.

„O Edita!“

Sie aber umschlang meinen Hals und ... o wundersames Erinnern! ... sie

biß ihre kleinen Zähne in die Haut desselben. Halb versöhnt, konnte ich

dennoch nicht umhin, ihr den Kummer zu schildern, den sie mir soeben

bereitet hatte. –

Während dessen hatte der Pseudoprinz sich in lustigster Stimmung von

seinem umgewandelten Lager erhoben und da er unsere deutsche

Unterhaltung nicht verstand, sondern nur sah, daß Edita mich liebkoste,

so legte er ganz einfach seine beiden Hände auf je eine unserer Achseln

und sich in schwingende Tanzbewegung setzend, erklang seine sanfte,

einschmeichelnde Stimme:

„Vien, Edita, sii la mia,

Perchè fáre la spregiosa

Vien’ da me e pace sia;

Ti aspetto dolce rosa

Lascia Felicita parlare

E vien’ per givia e bacciare;

Non senti tu nel cuore

Che non conosco altro amore?“

Und wiederum war es der Einfluß unserer Stimmung, daß ich, sofort

gänzlich versöhnt, den allerliebsten Prinzen umarmte und ihm, natürlich

ohne Gegenwehr! – einen herzhaften Kuß gab.

Umso schneller war ich friedlich gesinnt, als da Edita mir noch erzählt

hatte, daß sie mich absichtlich aufreizen wollte, um mir den Beweis zu

liefern, wie wehe Eifersucht thut! Nun war ich glücklich, daß die ganze

Liebesscene seitens Edita’s nur Schein war ...

... Heute aber denke ich noch mit ungeschmälerter Freude an dieses

verlebte Fest zurück. ... Mochte es eine Orgie gewesen sein, mochte

Uebertreibung und Uebersinnlichkeit mitgewirkt und die Flammengluthen

der heißen Herzen noch glühender entfacht haben – – ich mache mir keinen

Vorwurf daraus, daß wir dort gewesen! ...

Der Hauch des Uebersinnlichen hat den Schmelz von meiner schönen Blume

vom Rhein nicht abzustreifen vermocht! und das ist mir die Hauptsache!

und auch der Reinheit meiner Empfindungen Abbruch zu thun, waren die

Erlebnisse jener italienischen Sommernacht nicht im Stande!

Ich habe es ja betont, daß ich eine Verehrerin der Frauenliebe bin und

deshalb dürfte Niemand den Stab über mich brechen, wenn ich das Thun und

Lassen der Vertreterinnen eben dieser Liebe, auf Grund meiner eigenen

Neigungen entschuldige und in manchen Fällen sogar idealisire. Freilich

hat sich auch hier und da unter dem Deckmantel der Freundschaft die

Erotik eingeschlichen und doch lediglich aus Motiven, welche ebenso

verwerflich als verächtlich sind und, wenn diese sich auf materielle

Absichten stützen, geradezu abscheuerregend sind. – – – – – – –

* * * * *

– – So dampften wir denn nach feierlichem Abschied von allen denen,

welche wir dort kennen gelernt und von denen uns so überaus viel

Gastfreundschaft und Auszeichnung erwiesen worden war, der nordischen

Heimath entgegen. Wir unterbrachen die Reise nur, um uns noch einen

letzten langen Blick zu vergönnen auf Tyrols herbstesschönen Bergen.

Wir rasteten in einem zwischen großstädtischem Comfort und ländlicher

Unzulänglichkeit schwankenden Gasthause. – Neben den südlichen

Naturwundern weitete sich hier wieder der Blick, kräftigte sich die

ganze unter den erlebten Aufregungen gelittene Constitution. Wie würzig,

stärkend, wirkte die Luft droben auf den im Sonnengolde erglühenden

Höhen!

Recht ermüdet kehrten wir Abends in das Hôtel zurück. In dem

Speisezimmer, in welchem wir unsere Abendmahlzeit einzunehmen

beschlossen hatten, nahmen wir an einer kleinen Tafel Platz. Außer uns

befanden sich dort noch zwei andere Damen, Beide in ausgesucht

einfachen, wohl aber eleganten Reisekostümen und Beide sahen zuerst

unausgesetzt zu uns herüber. Das erregte schließlich unsere

Aufmerksamkeit und ich konnte es mir nicht versagen, der einen von ihnen

einen ermunternden Blick zuzuwerfen.

Es war eine Dame von etwa dreißig Jahren. Bewundernd sah ich in

ausdrucksvolle, stahlblaue Augen, umsäumt von langen, tiefdunkeln

Wimpern. Unter einer etwas gebogenen Nase wölbten sich rothe,

Sinnlichkeit verrathende Lippen. Das reiche, aschblonde Haar war zu

einem griechischen Knoten verschlungen. Eine hohe Gestalt, schlanke

Formen und auffallend schöne, schmale Hände.

Der Liebe Lust und Leid der Frau zur Frau · 第 1 / 7 题