»Eisenstadt u. s. w. Teuerster Freund! Seine Durchlaucht, mein

gnädigster Herr, hat mich zu meinem größesten Vergnügen damit betraut,

Ihnen beifolgende sechzig Dukaten zu übermachen. Wir haben jetzt Ihre

Quartetten wieder ausgeführt, und Seine Durchlaucht waren solchermaßen

davon eingenommen und befriediget, als bei dem erstenmal, vor einem

Vierteljahre, kaum der Fall gewesen. Der Fürst bemerkte mir (ich muß es

wörtlich schreiben): ›Als Mozart Ihnen diese Arbeit dedizierte, hat er

geglaubt, nur Sie zu ehren, doch kann's ihm nichts verschlagen, wenn

ich zugleich ein Kompliment für mich darin erblicke. Sagen Sie ihm,

ich denke von seinem Genie bald so groß wie Sie selbst, und mehr könn'

er in Ewigkeit nicht verlangen!‹ -- Amen! setz' ich hinzu. Sind Sie

zufrieden?

Postskript, der lieben Frau ins Ohr: Sorgen Sie gütigst, daß die

Danksagung nicht aufgeschoben werde! Am besten geschäh' es persönlich.

Wir müssen so guten Wind fein erhalten.«

»Du Engelsmann! o himmlische Seele!« rief Mozart ein übers anderemal,

und es ist schwer zu sagen, was ihn am meisten freute, der Brief oder

des Fürsten Beifall oder das Geld. Was mich betrifft, aufrichtig

gestanden, mir kam das letztere gerade damals höchst gelegen. Wir

feierten noch einen sehr vergnügten Abend.

Von der Affäre in der Vorstadt erfuhr ich jenen Tag noch nichts,

die folgenden ebensowenig; die ganze nächste Woche verstrich, keine

Kreszenz erschien, und mein Mann, in einem Strudel von Geschäften,

vergaß die Sache bald. Wir hatten an einem Sonnabend Gesellschaft:

Hauptmann Wesselt, Graf Hardegg und andere musizierten. In einer

Pause werde ich hinausgerufen -- da war nun die Bescherung! Ich

geh' hinein und frage: »Hast du Bestellung in der Alservorstadt auf

allerlei Holzware gemacht?« -- »Potz Hagel, ja! Ein Mädchen wird

da sein? Laß sie nur hereinkommen!« -- So trat sie denn in größter

Freundlichkeit, einen vollen Korb am Arm, mit Rechen und Spaten ins

Zimmer, entschuldigte ihr langes Ausbleiben: sie habe den Namen der

Gasse nicht mehr gewußt und sich erst heut zurecht gefragt. Mozart nahm

ihr die Sachen nacheinander ab, die er sofort mit Selbstzufriedenheit

mir überreichte. Ich ließ mir herzlich dankbar alles und jedes

wohlgefallen, belobte und pries; nur nahm es mich Wunder, wozu er das

Gartengeräte gekauft. -- »Natürlich,« sagte er, »für dein Stückchen

an der Wien.« -- »Mein Gott! das haben wir ja aber lange abgegeben,

weil uns das Wasser immer so viel Schaden tat und überhaupt gar nichts

dabei herauskam. Ich sagte dir's, du hattest nichts dawider.« -- »Was?

Und also die Spargeln, die wir dies Frühjahr speisten« -- »Waren immer

vom Markt.« -- »Seht,« sagt' er, »hätt' ich das gewußt! Ich lobte sie

dir so aus bloßer Artigkeit, weil du mich wirklich dauerst mit deiner

Gärtnerei; es waren Dingerl wie die Federspulen.«

Die Herrn belustigte der Spaß überaus; ich mußte einigen sogleich das

Überflüssige zum Andenken lassen. Als aber Mozart nun das Mädchen über

ihr Heiratsanliegen ausforschte, sie ermunterte, hier nur ganz frei

zu sprechen, da das, was man für sie und ihren Liebsten tun würde, in

der Stille, glimpflich und ohne jemandes Anklagen solle ausgerichtet

werden, so äußerte sie sich gleichwohl mit so viel Bescheidenheit,

Vorsicht und Schonung, daß sie alle Anwesenden völlig gewann und man

sie endlich mit den besten Versprechungen entließ.

»Den Leuten muß geholfen werden!« sagte der Hauptmann. »Die

Innungskniffe sind das wenigste dabei; hier weiß ich einen, der das

bald in Ordnung bringen wird. Es handelt sich um einen Beitrag für

das Haus, Einrichtungskosten und dergleichen. Wie, wenn wir ein

Konzert für Fremde im Trattnerischen Saal mit Entree ~ad libitum~

ankündigten?« -- Der Gedanke fand lebhaften Anklang. Einer der Herrn

ergriff das Salzfaß und sagte: »Es müßte jemand zur Einleitung einen

hübschen historischen Vortrag tun, Herrn Mozarts Einkauf schildern,

seine menschenfreundliche Absicht erklären, und hier das Prachtgefäß

stellt man auf einen Tisch als Opferbüchse auf, die beiden Rechen als

Dekoration rechts und links dahinter gekreuzt.«

Dies nun geschah zwar nicht, hingegen das Konzert kam zu stande; es

warf ein Erkleckliches ab, verschiedene Beiträge folgten nach, daß das

beglückte Paar noch Überschuß hatte, und auch die andern Hindernisse

waren schnell beseitigt. Duscheks in Prag, unsre genausten Freunde

dort, bei denen wir logieren, vernahmen die Geschichte, und sie, eine

gar gemütliche, herzige Frau, verlangte von dem Kram aus Kuriosität

auch etwas zu haben; so legt' ich denn das Passendste für sie zurück

und nahm es bei dieser Gelegenheit mit. Da wir inzwischen unverhofft

eine neue liebe Kunstverwandte finden sollten, die nah' daran ist,

sich den eigenen Herd einzurichten, und ein Stück gemeinen Hausrat,

welches Mozart ausgewählt, gewißlich nicht verschmähen wird, will ich

mein Mitbringen halbieren, und Sie haben die Wahl zwischen einem schön

durchbrochenen Schokoladequirl und mehrgedachter Salzbüchse, an welcher

sich der Künstler mit einer geschmackvollen Tulpe verunköstigt hat.

Ich würde unbedingt zu diesem Stück raten: das edle Salz, soviel ich

weiß, ist ein Symbol der Häuslichkeit und Gastlichkeit, wozu wir alle

guten Wünsche für Sie legen wollen.«

So weit Madame Mozart. Wie dankbar und wie heiter alles von den Damen

auf- und angenommen wurde, kann man denken. Der Jubel erneuerte sich,

als gleich darauf bei den Männern oben die Gegenstände vorgelegt und

das Muster patriarchalischer Simplizität nun förmlich übergeben ward,

welchem der Oheim in dem Silberschranke seiner nunmehrigen Besitzerin

und ihrer spätesten Nachkommen keinen geringeren Platz versprach, als

jenes berühmte Kunstwerk des florentinischen Meisters in der Ambraser

Sammlung entnehme.

Es war schon fast acht Uhr; man nahm den Tee. Bald aber sah sich unser

Musiker an sein schon am Mittag gegebenes Wort, die Gesellschaft näher

mit dem »Höllenbrand« bekannt zu machen, der unter Schloß und Riegel,

doch zum Glück nicht allzutief im Reisekoffer lag, dringend erinnert.

Er war ohne Zögern bereit. Die Auseinandersetzung der Fabel des Stücks

hielt nicht lange auf, das Textbuch wurde aufgeschlagen und schon

brannten die Lichter am Fortepiano.

Wir wünschten wohl, unsere Leser streifte hier zum wenigsten etwas

von jener eigentümlichen Empfindung an, womit oft schon ein einzeln

abgerissener, aus einem Fenster beim Vorübergehen an unser Ohr

getragener Akkord, der nur von _dorther_ kommen kann, uns wie

elektrisch trifft und wie gebannt festhält, etwas von jener süßen

Bangigkeit, wenn wir in dem Theater, solange das Orchester stimmt, dem

Vorhang gegenüber sitzen. Oder ist es nicht so? Wenn auf der Schwelle

jedes erhabenen tragischen Kunstwerks, es heiße Macbeth, Ödipus oder

wie sonst, ein Schauer der ewigen Schönheit schwebt, wo träfe dies

in höherem, auch nur in gleichem Maße zu, als eben hier? Der Mensch

verlangt und scheut zugleich, aus seinem gewöhnlichen Selbst vertrieben

zu werden, er fühlt, das Unendliche wird ihn berühren, das seine Brust

zusammenzieht, indem es sie ausdehnen und den Geist gewaltsam an sich

reißen will. Die Ehrfurcht vor der vollendeten Kunst tritt hinzu; der

Gedanke, ein göttliches Wunder genießen, es als ein Verwandtes in sich

aufnehmen zu dürfen, zu können, führt eine Art von Rührung, ja von

Stolz mit sich, vielleicht den glücklichsten und reinsten, dessen wir

fähig sind.

Unsere Gesellschaft aber hatte damit, daß sie ein uns von Jugend auf

völlig zu eigen gewordenes Werk jetzt erstmals kennen lernen sollte,

einen von unserem Verhältnis unendlich verschiedenen Stand, und, wenn

man das beneidenswerte Glück der persönlichen Vermittlung durch den

Urheber abrechnet, bei weitem nicht den günstigen wie wir, da eine

reine und vollkommene Auffassung eigentlich niemand möglich war, auch

in mehr als einem Betracht selbst dann nicht möglich gewesen sein

würde, wenn das Ganze unverkürzt hätte mitgeteilt werden können.

Von achtzehn fertig ausgearbeiteten Nummern[42] gab der Komponist

vermutlich nicht die Hälfte (wir finden in dem unserer Darstellung

zu Grunde liegenden Bericht nur das letzte Stück dieser Reihe, das

Sextett, ausdrücklich angeführt), er gab sie meistens, wie es scheint,

in einem freien Auszug, bloß auf dem Klavier und sang stellenweise

darein, wie es kam und sich schickte. Von der Frau ist gleichfalls nur

bemerkt, daß sie zwei Arien vorgetragen habe. Wir möchten uns, da ihre

Stimme so stark als lieblich gewesen sein soll, die erste der Donna

Anna (»Du kennst den Verräter«) und eine von den beiden der Zerline

dabei denken.

[42] Bei dieser Zählung ist zu wissen, daß Elviras Arie mit

dem Rezitativ und Leporellos »Hab's verstanden« nicht

ursprünglich in der Oper enthalten gewesen.

Genau genommen waren, dem Geist, der Einsicht, dem Geschmacke nach,

Eugenie und ihr Verlobter die einzigen Zuhörer, wie der Meister sie

sich wünschen mußte, und jene war es sicher ungleich mehr als dieser.

Sie saßen beide tief im Grunde des Zimmers, das Fräulein regungslos,

wie eine Bildsäule, und in die Sache aufgelöst auf einen solchen Grad,

daß sie auch in den kurzen Zwischenräumen, wo sich die Teilnahme der

übrigen bescheiden äußerte oder die innere Bewegung sich unwillkürlich

mit einem Ausruf der Bewunderung Luft machte, die von dem Bräutigam an

sie gerichteten Worte immer nur ungenügend zu erwidern vermochte.

Als Mozart mit dem überschwenglich schönen Sextett geschlossen hatte

und nach und nach ein Gespräch aufkam, schien er vornehmlich einzelne

Bemerkungen des Barons mit Interesse und Wohlgefallen aufzunehmen. Es

wurde vom Schlusse der Oper die Rede sowie von der vorläufig auf den

Anfang Novembers anberaumten Aufführung, und da jemand meinte, gewisse

Teile des Finale möchten noch eine Riesenaufgabe sein, so lächelte der

Meister mit einiger Zurückhaltung; Konstanze aber sagte zu der Gräfin

hin, daß er es hören mußte: »Er hat noch was ~in petto~, womit er

geheim tut, auch vor mir.«

»Du fällst,« versetzte er, »aus deiner Rolle, Schatz, daß du das jetzt

zur Sprache bringst; wenn ich nun Lust bekäme, von neuem anzufangen?

Und in der Tat, es juckt mich schon.«

»Leporello!« rief der Graf, lustig aufspringend, und winkte einem

Diener. »Wein! Sillery, drei Flaschen!«

»Nicht doch! damit ist es vorbei: mein Junker hat sein letztes im

Glase.«

»Wohl bekomm's ihm -- und jedem das Seine!«

»Mein Gott, was hab' ich da gemacht!« lamentierte Konstanze mit einem

Blick auf die Uhr. »Gleich ist es elfe, und morgen früh soll's fort.

Wie wird das gehen?«

»Es geht halt gar nicht, Beste, nun schlechterdings gar nicht.«

»Manchmal,« fing Mozart an, »kann sich doch ein Ding sonderbar fügen.

Was wird denn meine Stanzl sagen, wenn sie erfährt, daß eben das Stück

Arbeit, das sie nun hören soll, um eben diese Stunde in der Nacht, und

zwar gleichfalls vor einer angesetzten Reise, zur Welt geboren ist?«

»Wär's möglich? Wann? Gewiß vor drei Wochen, wie du nach Eisenstadt

wolltest!«

»Getroffen! Und das begab sich so. Ich kam nach zehne -- du schliefst

schon fest -- von Richters Essen heim und wollte versprochenermaßen

auch bälder zu Bett, um morgens beizeiten heraus und in den Wagen zu

steigen. Inzwischen hatte Veit, wie gewöhnlich, die Lichter auf dem

Schreibtisch angezündet, ich zog mechanisch den Schlafrock an, und fiel

mir ein, geschwind mein letztes Pensum noch einmal anzusehen. Allein, o

Mißgeschick! Verwünschte, ganz unzeitige Geschäftigkeit der Weiber! Du

hattest aufgeräumt, die Noten eingepackt -- die mußten nämlich mit: der

Fürst verlangte eine Probe von dem Opus; ich suchte, brummte, schalt

-- umsonst! Darüber fällt mein Blick auf ein versiegeltes Kuvert: vom

Abbate, den greulichen Haken nach auf der Adresse -- ja wahrscheinlich!

und schickt mir den umgearbeiteten Rest seines Textes, den ich vor

Monatsfrist noch nicht zu sehen hoffte. Sogleich sitz' ich begierig hin

und lese und bin entzückt, wie gut der Kauz verstand, was ich wollte.

Es war alles weit simpler, gedrängter und reicher zugleich. Sowohl

die Kirchhofsszene wie das Finale bis zum Untergang des Helden hat in

jedem Betracht sehr gewonnen. (Du sollst mir aber auch, dacht' ich,

vortrefflicher Poet, Himmel und Hölle nicht unbedankt zum zweitenmal

beschworen haben!) Nun ist es sonst meine Gewohnheit nicht, in der

Komposition etwas vorauszunehmen, und wenn es noch so lockend wäre!

das bleibt eine Unart, die sich sehr übel bestrafen kann. Doch gibt es

Ausnahmen, und kurz, der Auftritt bei der Reiterstatue des Gouverneurs,

die Drohung, die vom Grabe des Erschlagenen her urplötzlich das

Gelächter des Nachtschwärmers haarsträubend unterbricht, war mir

bereits in die Krone gefahren. Ich griff einen Akkord und fühlte, ich

hatte an der rechten Pforte angeklopft, dahinter schon die ganze Legion

von Schrecken beieinander liege, die im Finale loszulassen sind. So kam

für's erste ein Adagio heraus: ~D~-Moll, vier Takte nur, darauf ein

zweiter Satz mit fünfen; es wird, bild' ich mir ein, auf dem Theater

etwas Ungewöhnliches geben, wo die stärksten Blasinstrumente die Stimme

begleiten. Einstweilen hören Sie's, so gut es sich hier machen läßt.«

Er löschte ohne weiteres die Kerzen der beiden neben ihm stehenden

Armleuchter aus, und jener furchtbare Choral »Dein Lachen endet vor

der Morgenröte« erklang durch die Totenstille des Zimmers. Wie von

entlegenen Sternenkreisen fallen die Töne aus silbernen Posaunen,

eiskalt, Mark und Seele durchschneidend, herunter durch die blaue Nacht.

»Wer ist hier? Antwort!« hörte man Don Juan fragen. Da hebt es wieder

an, eintönig wie zuvor, und gebietet dem ruchlosen Jüngling, die Toten

in Ruhe zu lassen.

Nachdem diese dröhnenden Klänge bis auf die letzte Schwingung in

der Luft verhallt waren, fuhr Mozart fort: »Jetzt gab es für mich

begreiflicherweise kein Aufhören mehr. Wenn erst das Eis einmal an

einer Uferstelle bricht, gleich kracht der ganze See und klingt bis an

den entferntesten Winkel hinunter. Ich ergriff unwillkürlich denselben

Faden weiter unten bei Don Juans Nachtmahl wieder, wo Donna Elvira sich

eben entfernt hat und das Gespenst der Einladung gemäß erscheint. --

Hören Sie an!«

Es folgte nun der ganze lange, entsetzenvolle Dialog, durch welchen

auch der Nüchternste bis an die Grenze menschlichen Vorstellens, ja

über sie hinaus gerissen wird, wo wir das Übersinnliche schauen und

hören und innerhalb der eigenen Brust von einem Äußersten zum andern

willenlos uns hin und her geschleudert fühlen.

Menschlichen Sprachen schon entfremdet, bequemt sich das unsterbliche

Organ des Abgeschiedenen, noch einmal zu reden. Bald nach der ersten

fürchterlichen Begrüßung, als der Halbverklärte die ihm gebotene

irdische Nahrung verschmäht, wie seltsam schauerlich wandelt seine

Stimme auf den Sprossen einer luftgewebten Leiter unregelmäßig auf

und nieder! Er fordert schleunigen Entschluß zur Buße: kurz ist dem

Geist die Zeit gemessen, weit, weit, weit ist der Weg! Und wenn nun

Don Juan, im ungeheuren Eigenwillen den ewigen Ordnungen trotzend,

unter dem wachsenden Andrang der höllischen Mächte ratlos ringt, sich

sträubt und windet und endlich untergeht, noch mit dem vollen Ausdruck

der Erhabenheit in jeder Gebärde: wem zitterten nicht Herz und Nieren

vor Lust und Angst zugleich? Es ist ein Gefühl, ähnlich dem, womit man

das prächtige Schauspiel einer unbändigen Naturkraft, den Brand eines

herrlichen Schiffes anstaunt. Wir nehmen wider Willen gleichsam Partei

für diese blinde Größe und teilen knirschend ihren Schmerz im reißenden

Verlauf ihrer Selbstvernichtung.

Der Komponist war am Ziele. Eine Zeitlang wagte niemand, das allgemeine

Schweigen zuerst zu brechen.

»Geben Sie uns,« fing endlich mit noch beklemmtem Atem die Gräfin an,

»geben Sie uns, ich bitte Sie, einen Begriff, wie Ihnen war, da Sie in

jener Nacht die Feder weglegten!«

Er blickte, wie aus einer stillen Träumerei ermuntert, helle zu ihr

auf, besann sich schnell und sagte, halb zu der Dame, halb zu seiner

Frau: »Nun ja, mir schwankte wohl zuletzt der Kopf. Ich hatte dies

verzweifelte Dibattimento bis zu dem Chor der Geister in _einer_ Hitze

fort beim offenen Fenster zu Ende geschrieben und stand nach einer

kurzen Rast vom Stuhl auf, im Begriff, nach deinem Kabinett zu gehen,

damit wir noch ein bißchen Plaudern und sich mein Blut ausgleiche. Da

machte ein überquerer Gedanke mich mitten im Zimmer still stehen.«

(Hier sah er zwei Sekunden lang zu Boden, und sein Ton verriet beim

folgenden eine kaum merkbare Bewegung.) »Ich sagte zu mir selbst:

Wenn du noch diese Nacht wegstürbest und müßtest deine Partitur an

diesem Punkte verlassen: ob dir's auch Ruh' im Grabe ließ? -- Mein

Auge hing am Docht des Lichts in meiner Hand und auf den Bergen von

abgetropftem Wachs. Ein Schmerz bei dieser Vorstellung durchzückte

mich einen Moment; dann dacht' ich weiter: Wenn denn hernach über kurz

oder lang ein anderer, vielleicht gar so ein Welscher, die Oper zu

vollenden bekäme und fände von der Introduktion bis Numero siebzehn

mit Ausnahme einer Piece alles sauber beisammen, lauter gesunde,

reife Früchte ins hohe Gras geschüttelt, daß er sie nur auflesen

dürfte, ihm graute aber doch ein wenig vor der Mitte des Finale, und

er fände alsdann unverhofft den tüchtigen Felsbrocken da insoweit

schon beiseite gebracht: er möchte drum nicht übel in das Fäustchen

lachen! Vielleicht wär' er versucht, mich um die Ehre zu betrügen. Er

sollte aber wohl die Finger dran verbrennen: da wär' noch immerhin

ein Häuflein guter Freunde, die meinen Stempel kennen und mir, was

mein ist, redlich sichern würden. -- Nun ging ich, dankte Gott mit

einem vollen Blick hinauf und dankte, liebes Weibchen, deinem Genius,

der dir so lange seine beiden Hände sanft über die Stirne gehalten,

daß du fortschliefst, wie eine Ratze, und mich kein einzig Mal

anrufen konntest. Wie ich dann aber endlich kam und du mich um die

Uhr befrugst, log ich dich frischweg ein paar Stunden jünger, als du

warst; denn es ging stark auf viere. Und nun wirst du begreifen, warum

du mich um sechse nicht aus den Federn brachtest, der Kutscher wieder

heimgeschickt und auf den andern Tag bestellt werden mußte.«

»Natürlich!« versetzte Konstanze. »Nur bilde sich der schlaue Mann

nicht ein, man sei so dumm gewesen, nichts zu merken! Deswegen

brauchtest du mir deinen schönen Vorsprung fürwahr nicht zu

verheimlichen.«

»Auch war es nicht deshalb.«

»Weiß schon -- du wolltest deinen Schatz vorerst noch unbeschrieen

haben.«

»Mich freut nur,« rief der gutmütige Wirt, »daß wir morgen nicht nötig

haben, ein edles Wiener Kutscherherz zu kränken, wenn Herr Mozart

partout nicht aufstehen kann. Die Ordre ›Hans, spann wieder aus!‹ tut

jederzeit sehr weh.«

Diese indirekte Bitte um längeres Bleiben, mit der sich die übrigen

Stimmen im herzlichsten Zuspruch verbanden, gab den Reisenden Anlaß zu

Auseinandersetzung sehr triftiger Gründe dagegen; doch verglich man

sich gerne dahin, daß nicht zu zeitig aufgebrochen und noch vergnügt

zusammen gefrühstückt werden solle.

Man stand und drehte sich noch eine Zeitlang in Gruppen schwatzend

umeinander. Mozart sah sich nach jemanden um, augenscheinlich nach

der Braut; da sie jedoch gerade nicht zugegen war, so richtete er

naiverweise die ihr bestimmte Frage unmittelbar an die ihm nahestehende

Franziska: »Was denken Sie denn nun im ganzen von unserm Don Giovanni?

Was können Sie ihm Gutes prophezeihen?«

»Ich will,« versetzte sie mit Lachen, »im Namen meiner Base so gut

antworten, als ich kann. Meine einfältige Meinung ist, daß, wenn Don

Giovanni nicht aller Welt den Kopf verrückt, so schlägt der liebe Gott

seinen Musikkasten gar zu -- auf unbestimmte Zeit, heißt das -- und

gibt der Menschheit zu verstehen --« »Und gibt der Menschheit,« fiel

der Onkel verbessernd ein, »den Dudelsack in die Hand und verstocket

die Herzen der Leute, daß sie anbeten Baalim.«

»Behüt uns Gott!« lachte Mozart. »Je nun, im Lauf der nächsten sechzig,

siebzig Jahre, nachdem ich lang' fort bin, wird mancher falsche

Prophet aufstehen.«

Eugenie trat mit dem Baron und Max herbei, die Unterhaltung hob sich

unversehens auf ein Neues, ward nochmals ernsthaft und bedeutend, so

daß der Komponist, eh' die Gesellschaft auseinander ging, sich noch gar

mancher schönen, bezeichnenden Äußerung erfreute, die seiner Hoffnung

schmeichelte.

Erst lange nach Mitternacht trennte man sich; keines empfand bis jetzt,

wie sehr es der Ruhe bedurfte.

Den andern Tag (das Wetter gab dem gestrigen nichts nach) um zehn Uhr

sah man einen hübschen Reisewagen, mit den Effekten beider Wiener Gäste

bepackt, im Schloßhof stehen. Der Graf stand mit Mozart davor, kurz ehe

die Pferde herausgeführt wurden, und fragte, wie er ihm gefalle.

»Seht gut; er scheint äußerst bequem.«

»Wohlan, so machen Sie mir das Vergnügen und behalten Sie ihn zu meinem

Andenken!«

»Wie? Ist das Ernst?«

»Was wär' es sonst!«

»Heiliger Sixtus und Calixtus! -- Konstanze! du!« rief er zum Fenster

hinauf, wo sie mit den andern heraus sah. »Der Wagen soll mein sein! Du

fährst künftig in deinem eigenen Wagen!«

Er umarmte den schmunzelnden Geber, betrachtete und umging sein neues

Besitztum von allen Seiten, öffnete den Schlag, warf sich hinein und

rief heraus: »Ich dünke mich so vornehm und so reich wie Ritter Gluck.

Was werden sie in Wien für Augen machen!« -- »Ich hoffe,« sagte die

Gräfin, »Ihr Fuhrwerk wiederzusehn bei der Rückkehr von Prag, mit

Kränzen um und um behangen!«

Nicht lang' nach diesem letzten fröhlichen Auftritt setzte sich der

vielbelobte Wagen mit dem scheidenden Paare wirklich in Bewegung und

fuhr im raschen Trab nach der Landstraße zu. Der Graf ließ sie bis

Wittingau fahren, wo Postpferde genommen werden sollten.

* * * * *

Wenn gute, vortreffliche Menschen durch ihre Gegenwart vorübergehend

unser Haus belebten, durch ihren frischen Geistesodem auch unser

Wesen in neuen raschen Schwung versetzten und uns den Segen der

Gastfreundschaft in vollem Maße zu empfinden gaben, so läßt ihr

Abschied immer eine unbehagliche Stockung, zum mindesten für den Rest

des Tags, bei uns zurück, wofern wir wieder ganz nur auf uns selber

angewiesen sind.

Bei unsern Schloßbewohnern traf wenigstens das letztere nicht zu.

Franziskas Eltern nebst der alten Tante fuhren zwar alsbald auch weg;

die Freundin selbst indes, der Bräutigam, Max ohnehin verblieben noch,

Eugenien, von welcher vorzugsweise hier die Rede ist, weil sie das

unschätzbare Erlebnis tiefer als alle ergriff, ihr, sollte man denken,

konnte nichts fehlen, nichts genommen oder getrübt sein: ihr reines

Glück in dem wahrhaft geliebten Mann, das erst soeben seine förmliche

Bestätigung erhielt, mußte alles andre verschlingen, vielmehr das

Edelste und Schönste, wovon ihr Herz bewegt sein konnte, mußte sich

notwendig mit jener seligen Fülle in _eines_ verschmelzen. So wäre es

auch wohl gekommen, hätte sie gestern und heute der bloßen Gegenwart,

jetzt nur dem reinen Nachgenuß derselben leben können. Allein am Abend

schon bei den Erzählungen der Frau war sie von leiser Furcht für ihn,

an dessen liebenswertem Bild sie sich ergötzte, geheim beschlichen

worden; diese Ahnung wirkte nachher, die ganze Zeit als Mozart spielte,

hinter allem unsäglichen Reiz, durch alle das geheimnisvolle Grauen

der Musik hindurch im Grund ihres Bewußtseins fort, und endlich

überraschte, erschütterte sie das, was er selbst in der nämlichen

Richtung gelegentlich von sich erzählte. Es ward ihr so gewiß, so ganz

gewiß, daß dieser Mann sich schnell und unaufhaltsam in seiner eigenen

Glut verzehre, daß er nur eine flüchtige Erscheinung auf der Erde sein

könne, weil sie den Überfluß, den er verströmen würde, in Wahrheit

nicht ertrüge.

Dies, neben vielem andern, ging, nachdem sie sich gestern niedergelegt,

in ihrem Busen auf und ab, während der Nachhall Don Juans verworren

noch lange fort ihr inneres Gehör einnahm. Erst gegen Tag schlief sie

ermüdet ein.

Auswahl aus den Dichtungen Eduard Mörikes · 第 10 / 11 段