Alle, alle soll sie jener
Hauptspitzbub von Italiener
Noch erleben, wünsch' ich sehr,
Unser Signor Bonbonnière![40]
_Max_:
Gut, ich geb' ihm hundert Jahre --
_Mozart_:
Wenn ihn nicht samt seiner Ware --
_Alle drei_ ~con forza~:
Noch der Teufel holt vorher,
Unsern Monsieur Bonbonnière.
[40] So nannte Mozart unter Freunden seinen Kollegen Salierie,
der, wo er ging und stand, Zuckerwerk naschte, zugleich mit
Anspielung auf das Zierliche seiner Person.
Durch des Grafen ausnehmende Singlust schweifte das zufällig
entstandene Terzett mit Wiederaufnahme der letzten vier Zeilen in
einen sogenannten endlichen Kanon aus, und die Fräulein Tante besaß
Humor oder Selbstvertrauen genug, ihren verfallenen Soprano mit
allerhand Verzierungen zweckdienlich einzumischen. Mozart gab nachher
das Versprechen, bei guter Muße diesen Spaß nach den Regeln der Kunst
expreß für die Gesellschaft auszuführen, das er auch später von Wien
aus erfüllte.
Eugenie hatte sich im stillen längst mit ihrem Kleinod aus der Laube
des Tiberius vertraut gemacht; allgemein verlangte man jetzt, das
Duett vom Komponisten und ihr gesungen zu hören, und der Oheim war
glücklich, im Chor seine Stimme abermals geltend zu machen. Also erhob
man sich und eilte zum Klavier ins große Zimmer nebenan.
Ein so reines Entzücken nun auch das köstliche Stück bei allen erregte,
so führte doch sein Inhalt selbst mit einem raschen Übergang auf den
Gipfel geselliger Lust, wo die Musik an und für sich nicht weiter in
Betracht mehr kommt, und zwar gab zuerst unser Freund das Signal, indem
er vom Klavier aufsprang, auf Franziska zuging und sie, während Max
bereitwilligst die Violine ergriff, zu einem Schleifer persuadierte.
Der Hauswirt säumte nicht, Madonna Mozart aufzufordern. Im Nu waren
alle beweglichen Möbel, den Raum zu erweitern, durch geschäftige Diener
entfernt. Es mußte nach und nach ein jedes an die Tour, und Fräulein
Tante nahm es keineswegs übel, daß der galante Leutnant sie zu einer
Menuett abholte, worin sie sich völlig verjüngte. Schließlich, als
Mozart mit der Braut den Kehraus tanzte, nahm er sein versichertes
Recht auf ihren schönen Mund in bester Form dahin.
Der Abend war herbeigekommen, die Sonne nah am Untergehen: es wurde nun
erst angenehm im Freien, daher die Gräfin den Damen vorschlug, sich im
Garten noch ein wenig zu erholen. Der Graf dagegen lud die Herren auf
das Billardzimmer, da Mozart bekanntlich dies Spiel sehr liebte. So
teilte man sich denn in zwei Partieen, und wir unsererseits folgen den
Frauen.
Nachdem sie den Hauptweg einigemal gemächlich auf und ab gegangen,
erstiegen sie einen runden, von einem hohen Rebengeländer zur Hälfte
umgebenen Hügel, von wo man in das offene Feld, auf das Dorf und die
Landstraße sah. Die letzten Strahlen der herbstlichen Sonne funkelten
rötlich durch das Weinlaub herein.
»Wäre hier nicht vertraulich zu sitzen,« sagte die Gräfin, »wenn Madame
Mozart uns etwas von sich und dem Gemahl erzählen wollte?«
Sie war ganz gerne bereit, und alle nahmen höchst behaglich auf den im
Kreis herbeigerückten Stühlen Platz.
»Ich will etwas zum besten geben, daß Sie auf alle Fälle hätten
hören müssen, da sich ein kleiner Scherz darauf bezieht, den ich im
Schilde führe. Ich habe mir in den Kopf gesetzt, der Gräfin Braut zur
fröhlichen Erinnerung an diesen Tag ein Angebind von sonderlicher
Qualität zu verehren. Dasselbe ist so wenig Gegenstand des Luxus und
der Mode, daß es lediglich nur durch seine Geschichte einigermaßen
interessieren kann.«
»Was mag das sein, Eugenie?« sagte Franziska. »Zum wenigsten das
Tintenfaß eines berühmten Mannes.«
»Nicht allzuweit gefehlt! Sie sollen es noch diese Stunde sehen;
im Reisekoffer liegt der Schatz. Ich fange an und werde mit Ihrer
Erlaubnis ein wenig weiter ausholen.
Vorletzten Winter wollte mir Mozarts Gesundheitszustand durch vermehrte
Reizbarkeit und häufige Verstimmung, ein fieberhaftes Wesen, nachgerade
bange machen. In Gesellschaft noch zuweilen lustig, oft mehr als recht
natürlich, war er zu Haus meist trüb in sich hinein, seufzte und
klagte. Der Arzt empfahl ihm Diät, Pyrmonter und Bewegung außerhalb
der Stadt. Der Patient gab nicht viel auf den guten Rat: die Kur
war unbequem, zeitraubend, seinem Taglauf schnurstracks entgegen.
Nun machte ihm der Doktor die Hölle etwas heiß: er mußte eine lange
Vorlesung anhören von der Beschaffenheit des menschlichen Geblüts,
von denen Kügelgens darin, vom Atemholen und vom Phlogiston -- halt
unerhörte Dinge, auch wie es eigentlich gemeint sei von der Natur mit
Essen, Trinken und Verdauen, das eine Sache ist, worüber Mozart bis
dahin ganz ebenso unschuldig dachte wie sein Junge von fünf Jahren.
Die Lektion, in der Tat, machte merklichen Eindruck. Der Doktor war
noch keine halbe Stunde weg, so find' ich meinen Mann nachdenklich,
aber mit aufgeheitertem Gesicht auf seinem Zimmer über der Betrachtung
eines Stocks, den er in einem Schrank mit alten Sachen suchte und
auch glücklich fand; ich hätte nicht gemeint, daß er sich dessen nur
erinnerte. Er stammte noch von meinem Vater: ein schönes Rohr mit hohem
Knopf von Lapis Lazuli. Nie sah man einen Stock in Mozarts Hand; ich
mußte lachen.
»Du siehst,« rief er, »ich bin daran, mit meiner Kur mich völlig ins
Geschirr zu werfen. Ich will das Wasser trinken, mir alle Tage Motion
im Freien machen und mich dabei dieses Stabes bedienen. Da sind mir nun
verschiedene Gedanken beigegangen. Es ist doch nicht umsonst, dacht'
ich, daß andere Leute, was da gesetzte Männer sind, den Stock nicht
missen können. Der Kommerzienrat, unser Nachbar, geht niemals über die
Straße, seinen Gevatter zu besuchen, der Stock muß mit. Professionisten
und Beamte, Kanzleiherrn, Krämer und Chalanten, wenn sie am Sonntag mit
Familie vor die Stadt spazieren, ein jeder führt sein wohlgedientes,
rechtschaffenes Rohr mit sich. Vornehmlich hab' ich oft bemerkt,
wie auf dem Stephansplatz ein Viertelstündchen vor der Predigt und
dem Amt ehrsame Bürger da und dort truppweis beisammen stehen im
Gespräch: hier kann man so recht sehen, wie eine jede ihrer stillen
Tugenden, ihr Fleiß und Ordnungsgeist, gelassner Mut, Zufriedenheit,
sich auf die wackern Stöcke gleichsam als eine gute Stütze lehnt und
stemmt. Mit _einem_ Wort, es muß ein Segen und besonderer Trost in der
altväterischen und immerhin etwas geschmacklosen Gewohnheit liegen. Du
magst es glauben oder nicht, ich kann es kaum erwarten, bis ich mit
diesem guten Freund das erstemal im Gesundheitspaß über die Brücke
nach dem Rennweg promeniere. Wir kennen uns bereits ein wenig, und ich
hoffe, daß unsere Verbindung für alle Zeit geschlossen ist.«
Die Verbindung war von kurzer Dauer: das drittemal, daß beide
miteinander aus waren, kam der Begleiter nicht mehr mit zurück.
Ein anderer wurde angeschafft, der etwas länger Treue hielt, und
jedenfalls schrieb ich der Stockliebhaberei ein gut Teil von der
Ausdauer zu, womit Mozart drei Wochen lang der Vorschrift seines Arztes
ganz erträglich nachkam. Auch blieben die guten Folgen nicht aus:
wir sahen ihn fast nie so frisch, so hell und von so gleichmäßiger
Laune. Doch machte er sich leider in kurzem wieder allzu grün, und
täglich hatt' ich deshalb meine Not mit ihm. Damals geschah es nun,
daß er, ermüdet von der Arbeit eines anstrengenden Tages, noch spät
ein paar neugieriger Reisender wegen zu einer musikalischen Soiree
ging -- auf eine Stunde bloß, versprach er mir heilig und teuer; doch
das sind immer die Gelegenheiten, wo die Leute, wenn er nur erst am
Flügel festsitzt und im Feuer ist, seine Gutherzigkeit am mehrsten
mißbrauchen; denn da sitzt er alsdann wie das Männchen in einer
Montgolfiere, sechs Meilen hoch über dem Erdboden schwebend, wo man die
Glocken nicht mehr schlagen hört. Ich schickte den Bedienten zweimal
mitten in der Nacht dahin: umsonst; er konnte nicht zu seinem Herrn
gelangen. Um drei Uhr früh kam dieser denn endlich nach Haus. Ich nahm
mir vor, den ganzen Tag ernstlich mit ihm zu schmollen.«
Hier überging Madame Mozart einige Umstände mit Stillschweigen.
Es war, muß man wissen, nicht unwahrscheinlich, daß zu gedachter
Abendunterhaltung auch eine junge Sängerin, Signora Malerbi, kommen
würde, an welcher Frau Konstanze mit allem Recht Ärgernis nahm. Diese
Römerin war durch Mozarts Verwendung bei der Oper angestellt worden,
und ohne Zweifel hatten ihre koketten Künste nicht geringen Anteil
an der Gunst des Meisters. Sogar wollten einige wissen, sie habe ihn
mehrere Monate lang eingezogen und heiß genug auf ihrem Rost gehalten.
Ob dies nun völlig wahr sei oder sehr übertrieben, gewiß ist, sie
benahm sich nachher frech und undankbar und erlaubte sich selbst
Spöttereien über ihren Wohltäter. So war es ganz in ihrer Art, daß
sie ihn einst gegenüber einem ihrer glücklichern Verehrer kurzweg ~un
piccolo grifo raso~ (ein kleines rasiertes Schweinsrüsselchen) nannte.
Der Einfall, einer Circe würdig, war um so empfindlicher, weil er, wie
man gestehen muß, immerhin ein Körnchen Wahrheit enthielt.[41]
[41] Man hat hier ein älteres kleines Profilbild im Auge, das,
gut gezeichnet und gestochen, sich auf dem Titelblatt eines
Mozartschen Klavierwerks befindet, unstreitig das ähnlichste
von allen auch neuerdings im Kunsthandel erschienenen
Porträts.
Beim Nachhausegehen von jener Gesellschaft, bei welcher übrigens die
Sängerin zufällig nicht erschienen war, beging ein Freund im Übermut
des Weins die Indiskretion, dem Meister dies boshafte Wort zu
verraten. Er wurde schlecht davon erbaut, denn eigentlich war es für
ihn der erste unzweideutige Beweis von der gänzlichen Herzlosigkeit
seines Schützlings. Vor lauter Entrüstung darüber empfand er nicht
einmal sogleich den frostigen Empfang am Bette seiner Frau. In _einem_
Atem teilte er ihr die Beleidigung mit, und diese Ehrlichkeit läßt wohl
auf einen mindern Grad von Schuldbewußtsein schließen. Fast machte er
ihr Mitleid rege. Doch hielt sie geflissentlich an sich; es sollte ihm
nicht so leicht hingehen. Als er von einem schweren Schlaf kurz nach
Mittag erwachte, fand er das Weibchen samt den beiden Knaben nicht zu
Hause, vielmehr säuberlich den Tisch für ihn allein gedeckt.
Von jeher gab es wenige Dinge, welche Mozart so unglücklich machten,
als wenn nicht alles hübsch eben und heiter zwischen ihm und seiner
guten Hälfte stand. Und hätte er nun erst gewußt, welche weitere Sorge
sie schon seit mehreren Tagen mit sich herumtrug! Eine der schlimmsten
in der Tat, mit deren Eröffnung sie ihn nach alter Gewohnheit so lange
wie möglich verschonte. Ihre Barschaft war ehestens alle und keine
Aussicht auf baldige Einnahme da. Ohne Ahnung von dieser häuslichen
Extremität war gleichwohl sein Herz auf eine Art beklommen, die mit
jenem verlegenen, hilflosen Zustand eine gewisse Ähnlichkeit hatte. Er
mochte nicht essen, er konnte nicht bleiben. Geschwind zog er sich
vollends an, um nur aus der Stickluft des Hauses zu kommen. Auf einem
offenen Zettel hinterließ er ein paar Zeilen italienisch: »Du hast
mir's redlich eingetränkt, und geschieht mir schon recht. Sei aber
wieder gut, ich bitte dich, und lache wieder, bis ich heimkomme! Mir
ist zu Mut, als möcht' ich ein Kartäuser und Trappiste werden, ein
rechter Heulochs, sag' ich dir.« -- Sofort nahm er den Hut, nicht aber
auch den Stock zugleich; der hatte seine Epoche passiert.
Haben wir Frau Konstanze bis hierher in der Erzählung abgelöst, so
können wir auch wohl noch eine kleine Strecke weiter fortfahren.
Von seiner Wohnung bei der Schranne, rechts gegen das Zeughaus
einbiegend, schlenderte der teure Mann -- es war ein warmer, etwas
umwölkter Sommernachmittag -- nachdenklich lässig über den sogenannten
Hof und weiter an der Pfarre zu unsrer lieben Frau vorbei, dem
Schottentor entgegen, wo er seitwärts zur Linken auf die Mölkerbastei
stieg und dadurch der Ansprache mehrerer Bekannten, die eben zur
Stadt hereinkamen, entging. Nur kurze Zeit genoß er hier, obwohl von
einer stumm bei den Kanonen auf und nieder gehenden Schildwache nicht
belästigt, der vortrefflichsten Aussicht über die grüne Ebene des
Glacis und die Vorstädte hin nach dem Kahlenberg und südlich nach den
steierischen Alpen. Die schöne Ruhe der äußern Natur widersprach seinem
innern Zustand. Mit einem Seufzer setzte er seinen Gang über die
Esplanade und sodann durch die Alser-Vorstadt ohne bestimmten Zielpunkt
fort.
Am Ende der Währinger Gasse lag eine Schenke mit Kegelbahn, deren
Eigentümer, ein Seilermeister, durch seine gute Ware wie durch
die Reinheit seines Getränks den Nachbarn und Landleuten, die ihr
Weg vorüberführte, gar wohl bekannt war. Man hörte Kegelschieben,
und übrigens ging es bei einer Anzahl von höchstens einem Dutzend
Gästen mäßig zu. Ein kaum bewußter Trieb, sich unter anspruchslosen,
natürlichen Menschen in etwas zu vergessen, bewog den Musiker zur
Einkehr. Er setzte sich an einen der sparsam von Bäumen beschatteten
Tische zu einem Wiener Brunnen-Obermeister und zwei andern
Spießbürgern, ließ sich ein Schöppchen kommen und nahm an ihrem sehr
alltäglichen Diskurs eingehend teil, ging dazwischen umher oder schaute
dem Spiel auf der Kegelbahn zu.
Unweit von der letztern an der Seite des Hauses befand sich der offene
Laden des Seilers, ein schmaler, mit Fabrikaten vollgepfropfter Raum,
weil außer dem, was das Handwerk zunächst lieferte, auch allerlei
hölzernes Küchen-, Keller- und landwirtschaftliches Gerät, ingleichem
Tran und Wagensalbe, auch weniges von Sämereien, Dill und Kümmel zum
Verkauf umherstand oder hing. Ein Mädchen, das als Kellnerin die
Gäste zu bedienen und nebenbei den Laden zu besorgen hatte, war eben
mit einem Bauern beschäftigt, welcher, sein Söhnlein an der Hand,
herzugetreten war, um einiges zu kaufen: ein Fruchtmaß, eine Bürste,
eine Geißel. Er suchte unter vielen Stücken eines heraus, prüfte es,
legte es weg, ergriff ein zweites und drittes und kehrte unschlüssig
zum ersten zurück; es war kein Fertigwerden. Das Mädchen entfernte sich
mehrmals der Aufwartung wegen, kam wieder und war unermüdlich, ihm
seine Wahl zu erleichtern und annehmlich zu machen, ohne daß sie zu
viel darum schwatzte.
Mozart sah und hörte auf einem Bänkchen bei der Kegelbahn diesem allem
mit Vergnügen zu. So sehr ihm auch das gute, verständige Betragen des
Mädchens, die Ruhe und der Ernst in ihren ansprechenden Zügen gefiel,
noch mehr interessierte ihn für jetzt der Bauer, welcher ihm, nachdem
er ganz befriedigt abgezogen, noch viel zu denken gab. Er hatte sich
vollkommen in den Mann hineinversetzt gefühlt, wie wichtig die geringe
Angelegenheit von ihm behandelt, wie ängstlich und gewissenhaft die
Preise, bei einem Unterschied von wenig Kreuzern, hin und her erwogen
wurden. Und, dachte er, wenn nun der Mann zu seinem Weibe heimkommt,
ihr seinen Handel rühmt, die Kinder alle passen, bis der Zwerchsack
aufgeht, darin auch was für sie sein mag: sie aber eilt, ihm einen
Imbiß und einen frischen Trunk selbstgekelterten Obstmost zu holen,
darauf er seinen ganzen Appetit verspart hat!
Wer auch so glücklich wäre, so unabhängig von den Menschen! ganz nur
auf die Natur gestellt und ihren Segen, wie sauer auch dieser erworben
sein will!
Ist aber mir mit meiner Kunst ein anderes Tagwerk anbefohlen, das ich
am Ende doch mit keinem in der Welt vertauschen würde: warum muß ich
dabei in Verhältnissen leben, die das gerade Widerspiel von solch
unschuldiger, einfacher Existenz ausmachen? Ein Gütchen, wenn du
hättest, ein kleines Haus bei einem Dorf in schöner Gegend, du solltest
wahrlich neu aufleben! Den Morgen über fleißig bei deinen Partituren,
die ganze übrige Zeit bei der Familie; Bäume pflanzen, deinen Acker
besuchen, im Herbst mit den Buben die Äpfel und die Birn heruntertun;
bisweilen eine Reise in die Stadt zu einer Aufführung und sonst von
Zeit zu Zeit ein Freund und mehrere bei dir -- welch eine Seligkeit!
Nun ja, wer weiß, was noch geschieht!
Er trat vor den Laden, sprach freundlich mit dem Mädchen und fing an,
ihren Kram genauer zu betrachten. Bei der unmittelbaren Verwandtschaft,
welche die meisten dieser Dinge zu jenem idyllischen Anfluge hatten,
zog ihn die Sauberkeit, das Helle, Glatte, selbst der Geruch der
mancherlei Holzarbeiten an. Es fiel ihm plötzlich ein, verschiedenes
für seine Frau, was ihr nach seiner Meinung angenehm und nutzbar
wäre, auszuwählen. Sein Augenmerk ging zuvörderst auf Gartenwerkzeug.
Konstanze hatte nämlich vor Jahr und Tag auf seinen Antrieb ein
Stückchen Land vor dem Kärnthner Tor gepachtet und etwas Gemüse
darauf gebaut, daher ihm jetzt fürs erste ein neuer großer Rechen,
ein kleinerer dito samt Spaten ganz zweckmäßig schien. Dann weiteres
anlangend, so macht es seinen ökonomischen Begriffen alle Ehre, daß
er einem ihn sehr appetitlich anlachenden Butterfaß nach kurzer
Überlegung, wiewohl ungern, entsagte, dagegen ihm ein hohes, mit Deckel
und schön geschnitztem Henkel versehenes Geschirr zu unmaßgeblichem
Gebrauch einleuchtete. Es war aus schmalen Stäben von zweierlei Holz,
abwechselnd hell und dunkel, zusammengesetzt, unten weiter als oben
und innen trefflich ausgepicht. Entschieden für die Küche empfahl sich
eine schöne Auswahl Rührlöffel, Wellhölzer, Schneidbretter und Teller
von allen Größen sowie ein Salzbehälter einfachster Konstruktion zum
Aufhängen.
Zuletzt besah er sich noch einen derben Stock, dessen Handhabe
mit Leder und runden Messingnägeln gehörig beschlagen war. Da der
sonderbare Kunde auch hier in einiger Versuchung schien, bemerkte die
Verkäuferin mit Lächeln, das sei just kein Tragen für Herrn. »Du hast
recht, mein Kind,« versetzte er. »Mir deucht, die Metzger auf der
Reise haben solche; weg damit! ich will ihn nicht. Das übrige hingegen
alles, was wir da ausgelesen haben, bringst du mir heute oder morgen
ins Haus.« Dabei nannte er ihr seinen Namen und die Straße. Er ging
hierauf, um auszutrinken, an seinen Tisch, wo von den dreien nur noch
einer, ein Klempnermeister, saß.
»Die Kellnerin hat heut' mal einen guten Tag!« bemerkte der Mann. »Ihr
Vetter läßt ihr vom Erlös im Laden am Gulden einen Batzen.«
Mozart freute sich nun seines Einkaufs doppelt; gleich aber sollte
seine Teilnahme an der Person noch größer werden. Denn als sie wieder
in die Nähe kam, rief ihr derselbe Bürger zu: »Wie steht's, Kreszenz?
Was macht der Schlosser? Feilt er nicht bald sein eigen Eisen?«
»O was!« erwiderte sie im Weitereilen, »selbiges Eisen, schätz' ich,
wächst noch im Berg zuhinterst.«
»Es ist ein guter Tropf,« sagte der Klempner. »Sie hat lang' ihrem
Stiefvater hausgehalten und ihn in der Krankheit verpflegt, und da er
tot war, kam's heraus, daß er ihr Eigenes aufgezehrt hatte; zeither
dient sie da ihrem Verwandten, ist alles und alles im Geschäft, in
der Wirtschaft und bei den Kindern. Sie hat mit einem braven Gesellen
Bekanntschaft und würde ihn je eher, je lieber heiraten; das aber hat
so seine Haken.«
»Was für? Er ist wohl auch ohne Vermögen?«
»Sie ersparten sich beide etwas, doch langt es nicht gar. Jetzt kommt
mit nächstem drinnen ein halber Hausteil samt Werkstatt in Gant;
dem Seiler wär's ein Leichtes, ihnen vorzuschießen, was noch zum
Kaufschilling fehlt; allein er läßt die Dirne natürlich nicht gern
fahren. Er hat gute Freunde im Rat und bei der Zunft: da findet der
Geselle nun allenthalben Schwierigkeiten.«
»Verflucht!« fuhr Mozart auf, so daß der andere erschrak und sich
umsah, ob man nicht horche. »Und da ist niemand, der ein Wort nach dem
Recht dareinspräche? den Herrn eine Faust vorhielte? Die Schufte, die!
Wart nur, man kriegt euch noch beim Wickel!«
Der Klempner saß wie auf Kohlen. Er suchte das Gesagte auf eine
ungeschickte Art zu mildern, beinahe nahm er es völlig zurück. Doch
Mozart hörte ihn nicht an. »Schämt Euch, wie Ihr nun schwatzt! So
macht's ihr Lumpen allemal, sobald es gilt mit etwas einzustehen.«
-- Und hiermit kehrte er dem Hasenfuß ohne Abschied den Rücken. Der
Kellnerin, die alle Hände voll zu tun hatte mit neuen Gästen, raunte
er nur im Vorbeigehen zu: »Komme morgen beizeiten, grüße mir deinen
Liebsten! Ich hoffe, daß eure Sache gut geht.« Sie stutzte nur und
hatte weder Zeit noch Fassung, ihm zu danken.
Geschwinder als gewöhnlich, weil der Auftritt ihm das Blut etwas in
Wallung brachte, ging er vorerst denselben Weg, den er gekommen, bis
an das Glacis, auf welchem er dann langsamer mit einem Umweg im weiten
Halbkreis um die Wälle wandelte. Ganz mit der Angelegenheit des armen
Liebespaars beschäftigt, durchlief er in Gedanken eine Reihe seiner
Bekannten und Gönner, die auf die eine oder andere Weise in diesem Fall
etwas vermochten. Da indessen, bevor er sich irgend zu einem Schritt
bestimmte, noch nähere Erklärungen von seiten des Mädchens erforderlich
waren, beschloß er, diese ruhig abzuwarten, und war nunmehr, mit Herz
und Sinn den Füßen vorauseilend, bei seiner Frau zu Hause.
Mit innerer Gewißheit zählte er auf einen freundlichen, ja fröhlichen
Willkommen, Kuß und Umarmung schon auf der Schwelle, und Sehnsucht
verdoppelte seine Schritte beim Eintritt in das Kärntner Tor. Nicht
weit davon ruft ihn der Postträger an, der ihm ein kleines, doch
gewichtiges Paket übergibt, worauf er eine ehrliche und akkurate Hand
augenblicklich erkennt. Er tritt mit dem Boten, um ihn zu quittieren,
in den nächsten Kaufladen; dann, wieder auf der Straße, kann er sich
nicht bis in sein Haus gedulden; er reißt die Siegel auf: halb gehend,
halb stehend, verschlingt er den Brief.
»Ich saß,« fuhr Madame Mozart hier in der Erzählung bei den Damen
fort, »am Nähtisch, hörte meinen Mann die Stiege heraufkommen und
den Bedienten nach mir fragen. Sein Tritt und seine Stimme kam mir
beherzter, aufgeräumter vor, als ich erwartete, und als mir wahrhaftig
angenehm war. Erst ging er auf sein Zimmer, kam aber gleich herüber.
»Guten Abend!« sagt' er; ich, ohne aufzusehen, erwiderte ihm
kleinlaut. Nachdem er die Stube ein paarmal stillschweigend gemessen,
nahm er unter erzwungenem Gähnen die Fliegenklatsche hinter der Tür,
was ihm noch niemals eingefallen war, und murmelte vor sich: »Wo
nur die Fliegen gleich wieder herkommen!« -- fing an zu patschen
da und dort, und zwar so stark wie möglich. Dies war ihm stets der
unleidlichste Ton, den ich in seiner Gegenwart nie hören lassen durfte.
Hm, dacht' ich, daß doch, was man selber tut, zumal die Männer, ganz
etwas anders ist! Übrigens hatte ich so viele Fliegen gar nicht
wahrgenommen. Sein seltsames Betragen verdroß mich wirklich sehr.
-- »Sechse auf einen Schlag!« rief er. »Willst du sehen?« -- Keine
Antwort. -- Da legte er mir etwas aufs Nähkissen hin, daß ich es sehen
mußte, ohne ein Auge von meiner Arbeit zu verwenden. Es war nichts
Schlechteres als ein Häufchen Gold, so viel man Dukaten zwischen zwei
Finger nimmt. Er setzte seine Possen hinter meinem Rücken fort, tat
hin und wieder einen Streich und sprach dabei für sich: »Das fatale,
unnütze, schamlose Gezücht! Zu was Zweck es nur eigentlich auf der Welt
ist! -- Patsch! -- Offenbar bloß, daß man's totschlage. -- Pitsch!
-- Darauf verstehe ich mich einigermaßen, darf ich behaupten. -- Die
Naturgeschichte belehrt uns über die erstaunliche Vermehrung dieser
Geschöpfe. -- Pitsch! Patsch! -- In meinem Hause wird immer sogleich
damit aufgeräumt. -- ~Ah maledette! disperate!~ -- Hier wieder ein
Stück zwanzig! Magst du sie?« -- Er kam und tat wie vorhin. Hatte
ich bisher mit Mühe das Lachen unterdrückt, länger war es unmöglich:
ich platzte heraus, er fiel mir um den Hals, und beide kicherten und
lachten wir um die Wette.
»Woher kommt dir denn aber das Geld?« frag' ich, während daß er den
Rest aus dem Röllelchen schüttelt. -- »Vom Fürsten Esterhazy! durch den
Haydn! Lies nur den Brief.« -- Ich las: