Eine der Jungfrauen machte den Anfang und schickte fürs erste ein

paar Pomeranzen aus leichter Hand hinüber, die, dort mit gleicher

Leichtigkeit aufgefangen, alsbald zurückkehrten; so ging es hin und

her, und weil nach und nach immer mehr Mädchen zuhalfen, so flog's

mit Pomeranzen bald dem Dutzend nach in immer schnellerem Tempo hin

und wider. Die Schöne in der Mitte nahm an dem Kampfe keinen Anteil,

als daß sie höchst begierig von ihrem Schemel aus zusah. Wir konnten

die Geschicklichkeit auf beiden Seiten nicht genug bewundern. Die

Schiffe drehten sich auf etwa dreißig Schritte in langsamer Bewegung

umeinander, kehrten sich bald die ganze Flanke zu, bald schief das

halbe Vorderteil; es waren gegen vierundzwanzig Bälle unaufhörlich in

der Luft, doch glaubte man in der Verwirrung ihrer viel mehr zu sehen.

Manchmal entstand ein förmliches Kreuzfeuer, oft stiegen sie und fielen

in einem hohen Bogen, kaum ging einmal einer und der andere fehl; es

war, als stürzten sie von selbst durch eine Kraft der Anziehung in die

geöffneten Finger.

So angenehm jedoch das Auge beschäftigt wurde, so lieblich gingen

fürs Gehör die Melodieen nebenher: sizilianische Weisen, Tänze,

~Saltarelli~, ~Canzoni a ballo~, ein ganzes Quodlibet, auf Girlandenart

leicht aneinandergehängt. Die jüngere Prinzeß, ein holdes, unbefangenes

Geschöpf, etwa von meinem Alter, begleitete den Takt gar artig mit

Kopfnicken; ihr Lächeln und die langen Wimpern ihrer Augen kann ich

noch heute vor mir sehen.

Nun lassen Sie mich kürzlich den Verlauf der Posse noch erzählen,

obschon er weiter nichts zu meiner Sache tut! Man kann sich nicht

leicht etwas Hübscheres denken. Währenddem das Scharmützel allmählich

ausging und nur noch einzelne Würfe gewechselt wurden, die Mädchen

ihre goldenen Äpfel sammelten und in den Korb zurückbrachten, hatte

drüben ein Knabe, wie spielenderweis, ein breites, grüngestricktes

Netz ergriffen und kurze Zeit unter dem Wasser gehalten; er hob es

auf, und zum Erstaunen aller fand sich ein großer, blau, grün und

gold schimmernder Fisch in demselben. Die Nächsten sprangen eifrig

zu, um ihn herauszuholen: da glitt er ihnen aus den Händen, als wär'

es wirklich ein lebendiger, und fiel in die See. Das war nun eine

abgeredete Kriegslist, die Roten zu betören und aus dem Schiff zu

locken. Diese, gleichsam bezaubert von dem Wunder, sobald sie merkten,

daß das Tier nicht untertauchen wollte, nur immer auf der Oberfläche

spielte, besannen sich nicht einen Augenblick, stürzten sich alle

ins Meer, die Grünen ebenfalls, und also sah man zwölf gewandte,

wohlgestalte Schwimmer den fliehenden Fisch zu erhaschen bemüht, indem

er auf den Wellen gaukelte, minutenlang unter denselben verschwand,

bald da, bald dort, dem einen zwischen den Beinen, dem andern zwischen

Brust und Kinn herauf, wieder zum Vorschein kam. Auf einmal, wie die

Roten eben am hitzigsten auf ihren Fang aus waren, ersah die andere

Partei ihren Vorteil und erstieg schnell wie der Blitz das fremde,

ganz den Mädchen überlassene Schiff unter großem Gekreische der

letztern. Der nobelste der Burschen, wie ein Merkur gewachsen, flog

mit freudestrahlendem Gesicht auf die schönste zu, umfaßte, küßte

sie, die, weit entfernt in das Geschrei der andern einzustimmen, ihre

Arme gleichfalls feurig um den ihr wohlbekannten Jüngling schlang. Die

betrogene Schar schwamm zwar eilends herbei, wurde aber mit Rudern und

Waffen vom Bord abgetrieben. Ihre unnütze Wut, das Angstgeschrei der

Mädchen, der gewaltsame Widerstand einiger von ihnen, ihr Bitten und

Flehen, fast erstickt vom übrigen Alarm, des Wassers, der Musik, die

plötzlich einen andern Charakter angenommen hatte -- es war schön über

alle Beschreibung, und die Zuschauer brachen darüber in einen Sturm von

Begeisterung aus.

In diesem Moment nun entwickelte sich das bisher locker eingebundene

Segel: daraus ging ein rosiger Knabe hervor mit silbernen Schwingen,

mit Bogen, Pfeil und Köcher, und in anmutvoller Stellung schwebte er

frei auf der Stange. Schon sind die Ruder alle in voller Tätigkeit,

das Segel blähte sich auf: allein gewaltiger als beides schien die

Gegenwart des Gottes und seine heftig vorwärtseilende Gebärde das

Fahrzeug fortzutreiben, dergestalt, daß die fast atemlos nachsetzenden

Schwimmer, deren einer den goldenen Fisch hoch mit der Linken über

seinem Haupte hielt, die Hoffnung bald aufgaben und bei erschöpften

Kräften notgedrungen ihre Zuflucht zu dem verlassenen Schiffe nahmen.

Derweil haben die Grünen eine kleine bebuschte Halbinsel erreicht,

wo sich unerwartet ein stattliches Boot mit bewaffneten Kameraden

im Hinterhalt zeigte. Im Angesicht so drohender Umstände pflanzte

das Häufchen eine weiße Flagge auf, zum Zeichen, daß man gütlich

unterhandeln wolle. Durch ein gleiches Signal von jenseits ermuntert,

fuhren sie auf jenen Haltort zu, und bald sah man daselbst die guten

Mädchen alle bis auf die eine, die mit Willen blieb, vergnügt mit ihren

Liebhabern das eigene Schiff besteigen. -- Hiermit war die Komödie

beendigt.«

»Mir deucht,« so flüsterte Eugenie mit leuchtenden Augen dem Baron in

einer Pause zu, worin sich jedermann beifällig über das eben Gehörte

aussprach, »wir haben hier eine gemalte Symphonie von Anfang bis zu

Ende gehabt und ein vollkommenes Gleichnis überdies des Mozartischen

Geistes selbst in seiner ganzen Heiterkeit. Hab' ich nicht recht? Ist

nicht die ganze Anmut Figaros darin?«

Der Bräutigam war im Begriff, ihre Bemerkung dem Komponisten

mitzuteilen, als dieser zu reden fortfuhr.

»Es sind nun siebzehn Jahre her, daß ich Italien sah. Wer, der es

einmal sah, insonderheit Neapel, denkt nicht sein Leben lang daran? Und

wär' er auch, wie ich, noch halb in Kinderschuhen gesteckt! So lebhaft

aber wie heut' in Ihrem Garten war mir der letzte schöne Abend am Golf

kaum jemals wieder aufgegangen. Wenn ich die Augen schloß -- ganz

deutlich, klar und hell, den letzten Schleier von sich hauchend, lag

die himmlische Gegend vor mir verbreitet. Meer und Gestade, Berg und

Stadt, die bunte Menschenmenge an dem Ufer hin und dann das wundersame

Spiel der Bälle durcheinander! Ich glaubte wieder dieselbe Musik in

den Ohren zu haben, ein ganzer Rosenkranz von fröhlichen Melodien zog

innerlich an mir vorbei, Fremdes und Eigenes, Krethi und Plethi, eins

immer das andre ablösend. Von ungefähr springt ein Tanzliedchen hervor,

Sechsachtelstakt, mir völlig neu. Halt, dacht' ich, was gibt's hier?

Das scheint ein ganz verteufelt niedliches Ding. Ich sehe näher zu --

alle Wetter! das ist ja Masetto, das ist ja Zerlina.« -- Er lachte

gegen Madame Mozart hin, die ihn sogleich erriet.

»Die Sache,« fuhr er fort, »ist einfach diese. In meinem ersten Akt

blieb eine kleine, leichte Nummer unerledigt, Duett und Chor einer

ländlichen Hochzeit. Vor zwei Monaten nämlich, als ich dieses Stück

der Ordnung nach vornehmen wollte, da fand sich auf den ersten Wurf

das Rechte nicht alsbald. Eine Weise, einfältig und kindlich und

sprützend vor Fröhlichkeit über und über, ein frischer Busenstrauß mit

Flatterband dem Mädel angesteckt -- so mußte es sein. Weil man nun im

geringsten nichts erzwingen soll, und weil dergleichen Kleinigkeiten

sich oft gelegentlich von selber machen, ging ich darüber weg und

sah mich im Verfolg der größeren Arbeit kaum wieder danach um. Ganz

flüchtig kam mir heut' im Wagen, kurz eh' wir ins Dorf hereinfuhren,

der Text in den Sinn; da spann sich denn weiter nichts an, zum

wenigsten nicht, daß ich's wüßte. Genug, ein Stündchen später in der

Laube beim Brunnen erwisch' ich ein Motiv, wie ich es glücklicher und

besser zu keiner andern Zeit, auf keinem andern Weg erfunden haben

würde. Man macht bisweilen in der Kunst besondere Erfahrungen: ein

ähnlicher Streich ist mir nie vorgekommen. Denn eine Melodie, dem Vers

wie auf den Leib gegossen -- doch, um nicht vorzugreifen, so weit sind

wir noch nicht: der Vogel hatte nur den Kopf erst aus dem Ei, und

auf der Stelle fing ich an, ihn vollends rein herauszuschälen. Dabei

schwebte mir lebhaft der Tanz der Zerline vor Augen, und wunderlich

spielte zugleich die lachende Landschaft am Golf von Neapel herein. Ich

hörte die wechselnden Stimmen des Brautpaares, die Dirnen und Bursche

im Chor.«

Hier trällerte Mozart ganz lustig den Anfang des Liedchens:

~Giovinette, che fatte all' amore, che fatte all' amore,

Non lasciate, che passi l'età, che passi l'età, che passi l'età!

Se nel seno vi bulica il core, vi bulica il core,

Il remedio vedete lo quà! La la la! La la la!

Che piacer, che piacer che sarà!

Ah la la! Ah la la~ u. s. w.[39]

[39] Liebe Schwestern, zur Liebe geboren,

Nützt der Jugend schön blühende Zeit!

Hängt ihr 's Köpfchen in Sehnsucht verloren,

Amor ist euch zu helfen bereit.

Tra la la!

Welch Vergnügen erwartet euch da! u. s. w.

»Mittlerweile hatten meine Hände das große Unheil angerichtet. Die

Nemesis lauerte schon an der Hecke und trat jetzt hervor in Gestalt

des entsetzlichen Mannes im galonierten blauen Rock. Ein Ausbruch des

Vesuvio, wenn er in Wirklichkeit damals an dem göttlichen Abend am Meer

Zuschauer und Akteurs, die ganze Herrlichkeit Parthenopes mit einem

schwarzen Aschenregen urplötzlich verschüttet und zugedeckt hätte, bei

Gott! die Katastrophe wäre mir nicht unerwarteter und schrecklicher

gewesen. Der Satan der! so heiß hat mir nicht leicht jemand gemacht.

Ein Gesicht wie aus Erz, einigermaßen dem grausamen römischen Kaiser

Tiberius ähnlich! Sieht so der Diener aus, dacht' ich, nachdem er

weggegangen, wie mag erst Seine Gnaden selbst dreinsehen! Jedoch, die

Wahrheit zu gestehn, ich rechnete schon ziemlich auf den Schutz der

Damen, und das nicht ohne Grund. Denn diese Stanzel da, mein Weibchen,

etwas neugierig von Natur, ließ sich im Wirtshaus von der dicken

Frau das Wissenswürdigste von denen sämtlichen Persönlichkeiten der

gnädigen Herrschaft in meinem Beisein erzählen, ich stand dabei und

hörte so --«

Hier konnte Madame Mozart nicht umhin, ihm in das Wort zu fallen und

auf das angelegentlichste zu versichern, daß im Gegenteil er der

Ausfrager gewesen; es kam zu heitern Kontestationen zwischen Mann

und Frau, die viel zu lachen gaben. -- »Dem sei nun, wie ihm wolle,«

sagte er, »kurzum, ich hörte so entfernt etwas von einer lieben

Pflegetochter, welche Braut, sehr schön, dazu die Güte selber sei und

singe wie ein Engel. ~Per Dio!~ fiel mir jetzt ein, das hilft dir aus

der Lauge. Du setz'st dich auf der Stelle hin, schreibst 's Liedchen

auf, so weit es geht, erklärst die Sottise der Wahrheit gemäß, und es

gibt einen trefflichen Spaß. Gedacht, getan! Ich hatte Zeit genug, auch

fand sich noch ein sauberes Bögchen grün liniiert Papier. -- Und hier

ist das Produkt. Ich lege es in diese schönen Hände, ein Brautlied aus

dem Stegreif, wenn Sie es dafür gelten lassen.«

So reichte er sein reinlichst geschriebenes Notenblatt Eugenien über

den Tisch; des Onkels Hand kam aber der ihrigen zuvor, er haschte es

hinweg und rief: »Geduld noch einen Augenblick, mein Kind!«

Auf seinen Wink tat sich die Flügeltüre des Salons weit auf, und es

erschienen einige Diener, die den verhängnisvollen Pomeranzenbaum

anständig, ohne Geräusch in den Saal hereintrugen und an der Tafel

unten auf eine Bank niedersetzten; gleichzeitig wurden rechts und

links zwei schlanke Myrtenbäumchen aufgestellt. Eine am Stamm des

Orangenbaums befestigte Inschrift bezeichnete ihn als Eigentum

der Braut; vorn aber auf dem Moosgrund stand, mit einer Serviette

bedeckt, ein Porzellanteller, der, als man das Tuch hinwegnahm, eine

zerschnittene Orange zeigte, neben welche der Oheim mit listigem Blick

des Meisters Autographon steckte. Allgemeiner, unendlicher Jubel erhob

sich darüber.

»Ich glaube gar,« sagte die Gräfin, »Eugenie weiß noch nicht einmal,

was eigentlich da vor ihr steht. Sie kennt wahrhaftig ihren alten

Liebling in seinem neuen Flor und Früchteschmuck nicht mehr!«

Bestürzt, ungläubig sah das Fräulein bald den Baum, bald ihren Oheim

an. »Es ist nicht möglich,« sagte sie. »Ich weiß ja wohl, er war nicht

mehr zu retten.«

»Du meinst also,« versetzte jener, »man habe dir nur irgend ungefähr

so ein Ersatzstück ausgesucht? Das wär' was Recht's! Nein, sieh nur

her! -- ich muß es machen, wie's in der Komödie der Brauch ist, wo

sich die totgeglaubten Söhne oder Brüder durch ihre Muttermäler und

Narben legitimieren. Schau diesen Auswuchs da! und hier die Schrunde

übers Kreuz! Du mußt sie hundertmal bemerkt haben. Nun, ist er's, oder

ist er's nicht?« -- Sie konnte nicht mehr zweifeln; ihr Staunen, ihre

Rührung und Freude war unbeschreiblich.

Es knüpfte sich an diesen Baum für die Familie das mehr als

hundertjährige Gedächtnis einer ausgezeichneten Frau, welche wohl

verdient, daß wir ihrer mit wenigem hier gedenken.

Des Oheims Großvater, durch seine diplomatischen Verdienste im

Wiener Kabinett rühmlichst bekannt, von zwei Regenten nacheinander

mit gleichem Vertrauen beehrt, war innerhalb seines eigenen Hauses

nicht minder glücklich im Besitz einer vortrefflichen Gemahlin,

Renate Leonore. Ihr wiederholter Aufenthalt in Frankreich brachte sie

vielfach mit dem glänzenden Hofe Ludwigs XIV. und mit den bedeutendsten

Männern und Frauen dieser merkwürdigen Epoche in Berührung. Bei ihrer

unbefangenen Teilnahme an jenem steten Wechsel des geistreichen

Lebensgenusses verleugnete sie auf keinerlei Art in Worten und Werken

die angestammte deutsche Ehrenfestigkeit und sittliche Strenge, die

sich in den kräftigen Zügen des noch vorhandenen Bildnisses der Gräfin

unverkennbar ausprägt. Vermöge eben dieser Denkungsweise übte sie in

der gedachten Sozietät eine eigentümliche naive Opposition, und ihre

hinterlassene Korrespondenz weist eine Menge Spuren davon auf, mit

wie viel Freimut und herzhafter Schlagfertigkeit, es mochte nun von

Glaubenssachen, von Literatur und Politik, oder von was immer die Rede

sein, die originelle Frau ihre gesunden Grundsätze und Ansichten zu

verteidigen, die Blößen der Gesellschaft anzugreifen wußte, ohne doch

dieser im mindesten sich lästig zu machen. Ihr reges Interesse für

sämtliche Personen, die man im Hause einer Ninon, dem eigentlichen Herd

der feinsten Geistesbildung, treffen konnte, war demnach so beschaffen

und geregelt, daß es sich mit dem höheren Freundschaftsverhältnis zu

einer der edelsten Damen jener Zeit, der Frau von Sévigné, vollkommen

wohl vertrug. Neben manchen mutwilligen Scherzen Chapelles an sie, vom

Dichter eigenhändig auf Blätter mit silberblumigem Rande gekritzelt,

fanden sich die liebevollsten Briefe der Marquisin und ihrer Tochter

an die ehrliche Freundin aus Österreich nach ihrem Tod in einem

Ebenholzschränkchen der Großmutter vor.

Frau von Sévigné war es denn auch, aus deren Hand sie eines Tages bei

einem Feste zu Trianon auf der Terrasse des Gartens den blühenden

Orangenzweig empfing, den sie sofort auf das Geratewohl in einen Topf

setzte und glücklich angewurzelt mit nach Deutschland nahm.

Wohl fünfundzwanzig Jahre wuchs das Bäumchen unter ihren Augen

allgemach heran und wurde später von Kindern und Enkeln mit äußerster

Sorgfalt gepflegt. Es konnte nächst seinem persönlichen Werte zugleich

als lebendes Symbol der feingeistigen Reize eines beinahe vergötterten

Zeitalters gelten, worin wir heutzutage freilich des wahrhaft

Preisenswerten wenig finden können, und das schon eine unheilvolle

Zukunft in sich trug, deren welterschütternder Eintritt dem Zeitpunkt

unserer harmlosen Erzählung bereits nicht ferne mehr lag.

Die meiste Liebe widmete Eugenie dem Vermächtnis der würdigen Ahnfrau,

weshalb der Oheim öfters merken ließ, es dürfte wohl einst eigens in

ihre Hände übergehen. Desto schmerzlicher war es dem Fräulein denn

auch, als der Baum im Frühling des vorigen Jahres, den sie nicht

hier zubrachte, zu trauern begann, die Blätter gelb wurden und viele

Zweige abstarben. In Betracht, daß irgend eine besondere Ursache

seines Verkommens durchaus nicht zu entdecken war und keinerlei

Mittel anschlug, gab ihn der Gärtner bald verloren, obwohl er seiner

natürlichen Ordnung nach leicht zwei- und dreimal älter werden konnte.

Der Graf hingegen, von einem benachbarten Kenner beraten, ließ ihn nach

einer sonderbaren, selbst rätselhaften Vorschrift, wie sie das Landvolk

häufig hat, in einem abgesonderten Raume ganz insgeheim behandeln,

und seine Hoffnung, die geliebte Nichte eines Tags mit dem zu neuer

Kraft und voller Fruchtbarkeit gelangten alten Freund zu überraschen,

ward über alles Erwarten erfüllt. Mit Überwindung seiner Ungeduld und

nicht ohne Sorge, ob denn wohl auch die Früchte, von denen etliche

zuletzt den höchsten Grad der Reife hatten, so lang' am Zweige halten

würden, verschob er die Freude um mehrere Wochen auf das heutige Fest,

und es bedarf nun weiter keines Worts darüber, mit welcher Empfindung

der gute Herr ein solches Glück noch im letzten Moment durch einen

Unbekannten sich verkümmert sehen mußte.

Der Leutnant hatte schon vor Tische Gelegenheit und Zeit gefunden,

seinen dichterischen Beitrag zu der feierlichen Übergabe ins reine zu

bringen und seine vielleicht ohnehin etwas zu ernst gehaltenen Verse

durch einen veränderten Schluß den Umständen möglichst anzupassen. Er

zog nunmehr sein Blatt hervor, das er, vom Stuhle sich erhebend und an

die Cousine gewendet, vorlas. Der Inhalt der Strophen war kurz gefaßt

dieser:

Ein Nachkömmling des vielgepriesenen Baums der Hesperiden, der vor

alters auf einer westlichen Insel im Garten der Juno, als eine

Hochzeitsgabe für sie von Mutter Erde, hervorgesproßt war und welchen

die drei melodischen Nymphen bewachten, hat eine ähnliche Bestimmung

von jeher gewünscht und gehofft, da der Gebrauch, eine herrliche Braut

mit seinesgleichen zu beschenken, von den Göttern vorlängst auch unter

die Sterblichen kam.

Nach langem vergeblichen Warten scheint endlich die Jungfrau gefunden,

auf die er seine Blicke richten darf. Sie erzeigt sich ihm günstig und

verweilt oft bei ihm. Doch der musische Lorbeer, sein stolzer Nachbar

am Bord der Quelle, hat seine Eifersucht erregt, indem er droht,

der kunstbegabten Schönen Herz und Sinn für die Liebe der Männer zu

rauben. Die Myrte tröstet ihn umsonst und lehrt ihn Geduld durch ihr

eigenes Beispiel; zuletzt jedoch ist es die andauernde Abwesenheit der

Liebsten, was seinen Gram vermehrt und ihm nach kurzem Siechtum tödlich

wird.

Der Sommer bringt die Entfernte und bringt sie mit glücklich

umgewandtem Herzen zurück. Das Dorf, das Schloß, der Garten, alles

empfängt sie mit tausend Freuden. Rosen und Lilien in erhöhtem Schimmer

sehen entzückt und beschämt zu ihr auf, Glück winken ihr Sträucher und

Bäume: für einen, ach, den edelsten, kommt sie zu spät. Sie findet

seine Krone verdorrt, ihre Finger betasten den leblosen Stamm und die

klirrenden Spitzen seines Gezweigs. Er kennt und sieht seine Pflegerin

nimmer. Wie weint sie, wie strömt ihre zärtliche Klage!

Apollo von weitem vernimmt die Stimme der Tochter. Er kommt, er

tritt herzu und schaut mitfühlend ihren Jammer. Alsbald mit seinen

allheilenden Händen berührt er den Baum, daß er in sich erbebt, der

vertrocknete Saft in der Rinde gewaltsam anschwillt, schon junges

Laub ausbricht, schon weiße Blumen da und dort in ambrosischer

Fülle aufgehen. Ja -- denn was vermöchten die Himmlischen nicht? --

schön runde Früchte setzen an, dreimal drei nach der Zahl der neun

Schwestern; sie wachsen und wachsen, ihr kindliches Grün zusehends

mit der Farbe des Goldes vertauschend. Phöbus -- so schloß sich das

Gedicht --

Phöbus überzählt die Stücke,

Weidet selbsten sich daran,

Ja, es fängt im Augenblicke

Ihm der Mund zu wässern an.

Lächelnd nimmt der Gott der Töne

Von der saftigsten Besitz:

»Laß uns teilen, holde Schöne,

Und für Amorn -- diesen Schnitz!«

Der Dichter erntete rauschenden Beifall, und gern verzieh man die

barocke Wendung, durch welche der Eindruck des wirklich gefühlvollen

Ganzen so völlig aufgehoben wurde.

Franziska, deren froher Mutterwitz schon zu verschiedenen Malen bald

durch den Hauswirt, bald durch Mozart in Bewegung gesetzt worden war,

lief jetzt geschwinde, wie von ungefähr an etwas erinnert, hinweg und

kam zurück mit einem braunen englischen Kupferstich größten Formats,

welcher, wenig beachtet, in einem ganz entfernten Kabinett unter Glas

und Rahmen hing.

»Es muß doch wahr sein, was ich immer hörte,« rief sie aus, indem sie

das Bild am Ende der Tafel aufstellte, »daß sich unter der Sonne nichts

Neues begibt! Hier eine Szene aus dem goldenen Weltalter -- und haben

wir sie nicht erst heute erlebt? Ich hoffe doch, Apollo werde sich in

dieser Situation erkennen.«

»Vortrefflich!« triumphierte Max, »da hätten wir ihn ja, den schönen

Gott, wie er sich just gedankenvoll über den heiligen Quell hinbeugt.

Und damit nicht genug -- dort, seht nur, einen alten Satyr hinten im

Gebüsch, der ihn belauscht! Man möchte darauf schwören, Apoll besinnt

sich eben auf ein lange vergessenes arkadisches Tänzchen, das ihn in

seiner Kindheit der alte Chiron zu der Zither lehrte.«

»So ist's! nicht anders!« applaudierte Franziska, die hinter Mozart

stand. »Und,« fuhr sie gegen diesen fort, »bemerken Sie auch wohl den

fruchtbeschwerten Ast, der sich zum Gott heruntersenkt?«

»Ganz recht! es ist der ihm geweihte Ölbaum.«

»Keineswegs! die schönsten Apfelsinen sind's! Gleich wird er sich in

der Zerstreuung eine herunterholen.«

»Vielmehr,« rief Mozart, »er wird gleich diesen Schelmenmund mit

tausend Küssen schließen.« Damit erwischte er sie am Arm und schwur,

sie nicht mehr loszulassen, bis sie ihm ihre Lippen reiche, was sie

denn auch ohne vieles Sträuben tat.

»Erkläre uns doch, Max,« sagte die Gräfin, »was unter dem Bilde hier

steht!«

»Es sind Verse aus einer berühmten Horazischen Ode. Der Dichter Ramler

in Berlin hat uns das Stück vor kurzem unübertrefflich deutsch gegeben.

Es ist vom höchsten Schwung. Wie prächtig eben diese eine Stelle:

-- -- hier, der auf der Schulter

Keinen untätigen Bogen führet.

Der seines Delos grünenden Mutterhain

Und Pataras beschatteten Strand bewohnt,

Der seines Hauptes goldne Locken

In die kastalischen Fluten tauchet.«

»Schön! wirklich schön!« sagte der Graf. »Nur hie und da bedarf es

der Erläuterung. So z. B. ›der keinen untätigen Bogen führet‹ hieße

natürlich schlechtweg: der allezeit einer der fleißigsten Geiger

gewesen. Doch was ich sagen wollte: Bester Mozart, Sie säen Unkraut

zwischen zwei zärtliche Herzen.«

»Ich will nicht hoffen -- wie so?«

»Eugenie beneidet ihre Freundin und hat auch allen Grund.«

»Aha! Sie haben mir schon meine schwache Seite abgemerkt. Aber was sagt

der Bräutigam dazu?«

»Ein- oder zweimal will ich durch die Finger sehen.«

»Sehr gut! wir werden der Gelegenheit wahrnehmen. Indes fürchten Sie

nichts, Herr Baron! es hat keine Gefahr, solang' mir nicht der Gott

hier sein Gesicht und seine langen gelben Haare borgt. Ich wünsche

wohl, er tät's! Er sollte auf der Stelle Mozarts Zopf mitsamt seinem

schönsten Bandl dafür haben.«

»Apollo möge aber dann zusehen,« lachte Franziska, »wie er es anfängt

künftig, seinen neuen französischen Haarschmuck mit Anstand in die

kastalische Flut zu tauchen!«

Unter diesen und ähnlichen Scherzen stieg Lustigkeit und Mutwillen

immer mehr. Die Männer spürten nach und nach den Wein, es wurden

eine Menge Gesundheiten getrunken, und Mozart kam in den Zug, nach

seiner Gewohnheit in Versen zu sprechen, wobei ihm der Leutnant das

Gleichgewicht hielt und auch der Papa nicht zurückbleiben wollte;

es glückte ihm ein paarmal zum Verwundern. Doch solche Dinge lassen

sich für die Erzählung kaum festhalten: sie wollen eigentlich nicht

wiederholt sein, weil eben das, was sie an ihrem Ort unwiderstehlich

macht, die allgemein erhöhte Stimmung, der Glanz, die Jovialität des

persönlichen Ausdrucks, in Wort und Blick fehlt.

Unter andern wurde von dem alten Fräulein zu Ehren des Meisters ein

Toast ausgebracht, der ihm noch eine ganze lange Reihe unsterblicher

Werke verhieß. -- »~A la bonne heure!~ ich bin dabei,« rief Mozart und

stieß sein Kelchglas kräftig an. Der Graf begann hierauf mit großer

Macht und Sicherheit der Intonation kraft eigener Eingebung zu singen:

Mögen ihn die Götter stärken

Zu den angenehmen Werken --

_Max_ (fortfahrend):

Wovon der ~da Ponte~ weder

Noch der große Schikaneder --

_Mozart_:

Noch bi Gott der Komponist

's Mindest weiß zu dieser Frist!

Auswahl aus den Dichtungen Eduard Mörikes · 第 8 / 11 段