Das Ohr behaglich dem Geplätscher des Wassers hingegeben, das Aug' auf

einen Pomeranzenbaum von mittlerer Größe geheftet, der außerhalb der

Reihe, einzeln, ganz dicht an seiner Seite auf dem Boden stand und voll

der schönsten Früchte hing, ward unser Freund durch diese Anschauung

des Südens alsbald auf eine liebliche Erinnerung aus seiner Knabenzeit

geführt. Nachdenklich lächelnd reicht er hinüber nach der nächsten

Frucht, als wie um ihre herrliche Ründe, ihre saftige Kühle in hohler

Hand zu fühlen. Ganz im Zusammenhang mit jener Jugendszene aber, die

wieder vor ihm aufgetaucht, stand eine längst verwischte musikalische

Reminiszenz, auf deren unbestimmter Spur er sich ein Weilchen

träumerisch erging. Jetzt glänzen seine Blicke, sie irren da und dort

umher, er ist von einem Gedanken ergriffen, den er sogleich eifrig

verfolgt. Zerstreut hat er zum zweiten Male die Pomeranze angefaßt:

sie geht vom Zweige los und bleibt ihm in der Hand. Er sieht und sieht

es nicht; ja, so weit geht die künstlerische Geistesabwesenheit, daß

er, die duftige Frucht beständig unter der Nase hin und her wirbelnd

und bald den Anfang, bald die Mitte einer Weise unhörbar zwischen den

Lippen bewegend, zuletzt instinktmäßig ein emailliertes Etui aus der

Seitentasche des Rocks hervorbringt, ein kleines Messer mit silbernem

Heft daraus nimmt und die gelbe kugelige Masse von oben nach unten

langsam durchschneidet Es mochte ihn dabei entfernt ein dunkles

Durstgefühl geleitet haben, jedoch begnügten sich die angeregten Sinne

mit Einatmung des köstlichen Geruchs. Er starrt minutenlang die beiden

inneren Flächen an, fügt sie sachte wieder zusammen, ganz sachte,

trennt und vereinigt sie wieder.

Da hört er Tritte in der Nähe, er erschrickt, und das Bewußtsein,

wo er ist, was er getan, stellt sich urplötzlich bei ihm ein. Schon

im Begriff, die Pomeranze zu verbergen, hält er doch gleich damit

inne, sei es aus Stolz, sei's, weil es zu spät dazu war. Ein großer,

breitschulteriger Mann in Livree, der Gärtner des Hauses, stand vor

ihm. Derselbe hatte wohl die letzte verdächtige Bewegung noch gesehen

und schwieg betroffen einige Sekunden. Mozart, gleichfalls sprachlos,

auf seinem Sitz wie angenagelt, schaute ihm halb lachend, unter

sichtbarem Erröten, doch gewissermaßen keck und groß mit seinen blauen

Augen ins Gesicht; dann setzte er -- für einen dritten wäre es höchst

komisch anzusehen gewesen -- die scheinbar unverletzte Pomeranze mit

einer Art von trotzig couragiertem Nachdruck in die Mitte des Tisches.

»Um Vergebung!« fing jetzt der Gärtner, nachdem er den wenig

versprechenden Anzug des Fremden gemustert, mit unterdrücktem Unwillen

an, »ich weiß nicht, wen ich hier --«

»Kapellmeister Mozart aus Wien.«

»Sind ohne Zweifel bekannt im Schloß?«

»Ich bin hier fremd und auf der Durchreise. Ist der Herr Graf

anwesend?«

»Nein.«

»Seine Gemahlin?«

»Sind beschäftigt und schwerlich zu sprechen.«

Mozart stand auf und machte Miene zu gehen.

»Mit Erlaubnis, mein Herr! wie kommen Sie dazu, an diesem Ort auf

solche Weise zuzugreifen?«

»Was?« rief Mozart, »zugreifen? Zum Teufel! glaubt Er denn, ich wollte

stehlen und das Ding da fressen?«

»Mein Herr, ich glaube, was ich sehe. Diese Früchte sind gezählt, ich

bin dafür verantwortlich. Der Baum ist vom Herrn Grafen zu einem Fest

bestimmt, soeben soll er weggebracht werden. Ich lasse Sie nicht fort,

ehbevor ich die Sache gemeldet und Sie mir selbst bezeugten, wie das da

zugegangen ist.«

»Sei's drum! Ich werde hier so lange warten. Verlaß Er sich darauf!«

Der Gärtner sah sich zögernd um, und Mozart, in der Meinung, es sei

vielleicht nur auf ein Trinkgeld abgesehen, griff in die Tasche; allein

er hatte das geringste nicht bei sich.

Zwei Gartenknechte kamen nun wirklich herbei, luden den Baum auf eine

Bahre und trugen ihn hinweg. Inzwischen hatte unser Meister seine

Brieftasche gezogen, ein weißes Blatt herausgenommen und, während daß

der Gärtner nicht von der Stelle wich, mit Bleistift angefangen zu

schreiben:

»Gnädigste Frau! Hier sitze ich Unseliger in Ihrem Paradiese,

wie weiland Adam, nachdem er den Apfel gekostet. Das Unglück

ist geschehen, und ich kann nicht einmal die Schuld auf eine

gute Eva schieben, die eben jetzt, von Grazien und Amoretten

eines Himmelbetts umgaukelt, im Gasthof sich des unschuldigsten

Schlafes erfreut. Befehlen Sie, und ich stehe persönlich Ihro

Gnaden Rede über meinen mir selbst unfaßlichen Frevel. Mit

aufrichtiger Beschämung

Hochdero

untertänigster Diener

_W. A. Mozart_,

auf dem Wege nach Prag.«

Er übergab das Billet, ziemlich ungeschickt zusammengefaltet, dem

peinlich wartenden Diener mit der gehörigen Weisung.

Der Unhold hatte sich nicht sobald entfernt, als man an der hinteren

Seite des Schlosses ein Gefährt in den Hof rollen hörte. Es war der

Graf, der eine Nichte und ihren Bräutigam, einen jungen, reichen Baron,

vom benachbarten Gut herüberbrachte. Da die Mutter des letzteren seit

Jahren das Haus nicht mehr verließ, war die Verlobung heute bei ihr

gehalten worden; nun sollte dieses Fest in einer fröhlichen Nachfeier

mit einigen Verwandten auch hier begangen werden, wo Eugenie, gleich

ihrer eigenen Tochter, seit ihrer Kindheit eine zweite Heimat fand. Die

Gräfin war mit ihrem Sohne Max, dem Leutnant, etwas früher nach Hause

gefahren, um noch verschiedene Anordnungen zu treffen. Nun sah man

in dem Schlosse alles auf Gängen und Treppen in voller Bewegung, und

nur mit Mühe gelang es dem Gärtner, im Vorzimmer endlich den Zettel

der Frau Gräfin einzuhändigen, die ihn jedoch nicht auf der Stelle

öffnete, sondern, ohne genau auf die Worte des Überbringers zu achten,

geschäftig weiter eilte. Er wartete und wartete, sie kam nicht wieder.

Eins um das andere von der Dienerschaft, Aufwärter, Zofe, Kammerdiener,

rannte an ihm vorbei; er fragte nach dem Herrn: der kleidete sich

um; er suchte nun und fand den Grafen Max auf seinem Zimmer, der

aber unterhielt sich angelegentlich mit dem Baron und schnitt ihm,

wie in Sorge, er wolle etwas melden oder fragen, wovon noch nichts

verlauten sollte, das Wort vom Munde ab: »Ich komme schon; geht nur!«

Es stand noch eine gute Weile an, bis endlich Vater und Sohn zugleich

herauskamen und die fatale Nachricht empfingen.

»Das wär' ja höllenmäßig!« rief der dicke, gutmütige, doch etwas

jähe Mann, »das geht ja über alle Begriffe! Ein Wiener Musikus, sagt

Ihr? Vermutlich irgend solch ein Lump, der um ein Viatikum läuft und

mitnimmt, was er findet?«

»Verzeihen Ew. Gnaden! danach sieht er gerad nicht aus. Er deucht mir

nicht richtig im Kopf, auch ist er sehr hochmütig. Moser nennt er sich.

Er wartet unten auf Bescheid; ich hieß den Franz um den Weg bleiben

und ein Aug' auf ihn haben.«

»Was hilft es hinterdrein, zum Henker! Wenn ich den Narren auch

einstecken lasse, der Schaden ist nicht mehr zu reparieren. Ich sagt'

Euch tausendmal, das vordere Tor soll allezeit geschlossen bleiben. Der

Streich wär' aber jedenfalls verhütet worden, hättet Ihr zur rechten

Zeit Eure Zurüstungen gemacht.«

Hier trat die Gräfin hastig und mit freudiger Aufregung, das offene

Billet in der Hand, aus dem anstoßenden Kabinett. »Wißt ihr,« rief sie,

»wer unten ist? Um Gottes willen, lest den Brief! -- Mozart aus Wien,

der Komponist! Man muß gleich gehen, ihn heraufzubitten -- ich fürchte

nur, er ist schon fort. Was wird er von mir denken! Ihr, Velten, seid

ihm doch höflich begegnet? Was ist denn eigentlich geschehen?«

»Geschehen?« versetzte der Gemahl, dem die Aussicht auf den Besuch

eines berühmten Mannes unmöglich allen Ärger auf der Stelle

niederschlagen konnte. »Der tolle Mensch hat von dem Baum, den ich

Eugenien bestimmte, eine der neun Orangen abgerissen -- hm! das

Ungeheuer! Somit ist unserem Spaß geradezu die Spitze abgebrochen, und

Max mag sein Gedicht nur gleich kassieren.«

»O nicht doch!« sagte die dringende Dame. »Die Lücke läßt sich leicht

ausfüllen, überlaßt es nur mir. Geht beide jetzt, erlöst, empfangt den

guten Mann, so freundlich und so schmeichelhaft ihr immer könnt! Er

soll, wenn wir ihn irgend halten können, heut' nicht weiter. Trefft ihr

ihn nicht im Garten mehr, sucht ihn im Wirtshaus auf und bringet ihn

mit seiner Frau! Ein größeres Geschenk, eine schönere Überraschung für

Eugenien hätte der Zufall uns an diesem Tag nicht machen können.«

»Gewiß!« erwiderte Max, »dies war auch mein erster Gedanke. Geschwinde,

kommen Sie, Papa! Und« -- sagte er, indem sie eilends nach der Treppe

liefen -- »der Verse wegen seien Sie ganz ruhig! Die neunte Muse soll

nicht zu kurz kommen; im Gegenteil, ich werde aus dem Unglück noch

besonderen Vorteil ziehen.« -- »Das ist unmöglich.« -- »Ganz gewiß!« --

»Nun, wenn das ist -- allein ich nehme dich beim Wort -- so wollen wir

dem Querkopf alle erdenkliche Ehre erzeigen.«

Solange dies im Schloß vorging, hatte sich unser Quasi-Gefangener,

ziemlich unbesorgt über den Ausgang der Sache, geraume Zeit schreibend

beschäftigt. Weil sich jedoch gar niemand sehen ließ, fing er an

unruhig hin und her zu gehen; darüber kam dringliche Botschaft vom

Wirtshaus, der Tisch sei schon lange bereit, er möchte ja gleich

kommen, der Postillon pressiere. So suchte er denn seine Sachen

zusammen und wollte ohne weiteres aufbrechen, als beide Herren vor der

Laube erschienen.

Der Graf begrüßte ihn, beinah wie einen früheren Bekannten, lebhaft

mit seinem kräftig schallenden Organ, ließ ihn zu gar keiner

Entschuldigung kommen, sondern erklärte sogleich seinen Wunsch, das

Ehepaar zum wenigsten für diesen Mittag und Abend im Kreis seiner

Familie zu haben. »Sie sind uns, mein liebster Maestro, so wenig fremd,

daß ich wohl sagen kann, der Name Mozart wird schwerlich anderswo mit

mehr Begeisterung und häufiger genannt als hier. Meine Nichte singt

und spielt, sie bringt fast ihren ganzen Tag am Flügel zu, kennt Ihre

Werke auswendig und hat das größte Verlangen, Sie einmal in mehrerer

Nähe zu sehen, als es vorigen Winter in einem Ihrer Konzerte anging. Da

wir nun demnächst auf einige Wochen nach Wien gehen werden, so war ihr

eine Einladung beim Fürsten Gallizin, wo man Sie öfter findet, von den

Verwandten versprochen. Jetzt aber reisen Sie nach Prag, werden sobald

nicht wiederkehren, und Gott weiß, ob Sie der Rückweg zu uns führt.

Machen Sie heute und morgen Rasttag! Das Fuhrwerk schicken wir sogleich

nach Hause, und mir erlauben Sie die Sorge für Ihr Weiterkommen.«

Der Komponist, welcher in solchen Fällen der Freundschaft oder dem

Vergnügen leicht zehnmal mehr, als hier gefordert war, zum Opfer

brachte, besann sich nicht lange: er sagte diesen einen halben Tag

mit Freuden zu, dagegen sollte morgen mit dem frühesten die Reise

fortgesetzt werden. Graf Max erbat sich das Vergnügen, Madame Mozart

abzuholen und alles Nötige im Wirtshaus abzumachen. Er ging; ein Wagen

sollte ihm gleich auf dem Fuße nachfolgen.

Von diesem jungen Mann bemerken wir beiläufig, daß er mit einem von

Vater und Mutter angeerbten heitern Sinn Talent und Liebe für schöne

Wissenschaften verband und ohne wahre Neigung zum Soldatenstand

sich doch als Offizier durch Kenntnisse und gute Sitten hervortat.

Er kannte die französische Literatur und erwarb sich zu einer Zeit,

wo deutsche Verse in der höheren Gesellschaft wenig galten, Lob und

Gunst durch eine nicht gemeine Leichtigkeit der poetischen Form in der

Muttersprache nach guten Mustern, wie er sie in Hagedorn, in Götz und

andern fand. Für heute war ihm nun, wie wir bereits vernahmen, ein

besonders erfreulicher Anlaß geworden, seine Gabe zu nutzen.

Er traf Madame Mozart, mit der Wirtstochter plaudernd, vor dem

gedeckten Tisch, wo sie sich einen Teller Suppe vorausgenommen hatte.

Sie war an außerordentliche Zwischenfälle, an kecke Stegreifsprünge

ihres Manns zu sehr gewöhnt, als daß sie über die Erscheinung und

den Auftrag des jungen Offiziers mehr als billig hätte betreten sein

können. Mit unverstellter Heiterkeit, besonnen und gewandt besprach und

ordnete sie ungesäumt alles Erforderliche selbst. Es wurde umgepackt,

bezahlt, der Postillon entlassen; sie machte sich, ohne zu große

Ängstlichkeit in Herstellung ihrer Toilette, fertig und fuhr mit

dem Begleiter wohlgemut dem Schlosse zu, nicht ahnend, auf welche

sonderbare Weise ihr Gemahl sich dort eingeführt hatte.

Der befand sich inzwischen bereits sehr behaglich daselbst und auf

das beste unterhalten. Nach kurzer Zeit sah er Eugenien mit ihrem

Verlobten: ein blühendes, höchst anmutiges, inniges Wesen. Sie war

blond, ihre schlanke Gestalt in karmoisinrote, leuchtende Seide mit

kostbaren Spitzen festlich gekleidet, um ihre Stirn ein weißes Band mit

edlen Perlen. Der Baron, nur wenig älter als sie, von sanftem, offenem

Charakter, schien ihrer wert in jeder Rücksicht.

Den ersten Aufwand des Gesprächs bestritt, fast nur zu freigebig,

der gute, launige Hausherr vermöge seiner etwas lauten, mit Späßen

und Histörchen sattsam gespickten Unterhaltungsweise. Es wurden

Erfrischungen gereicht, die unser Reisender im mindesten nicht schonte.

Eines hatte den Flügel geöffnet, Figaros Hochzeit lag aufgeschlagen,

und das Fräulein schickte sich an, von dem Baron akkompagniert, die

Arie Susannas in jener Gartenszene zu singen, wo wir den Geist der

süßen Leidenschaft stromweise, wie die gewürzte sommerliche Abendluft,

einatmen. Die feine Röte auf Eugeniens Wangen wich zwei Atemzüge lang

der äußersten Blässe; doch mit dem ersten Ton, der klangvoll über ihre

Lippen kam, fiel ihr jede beklemmende Fessel vom Busen. Sie hielt sich

lächelnd, sicher auf der hohen Woge, und das Gefühl dieses Moments,

des einzigen in seiner Art vielleicht für alle Tage ihres Lebens,

begeisterte sie billig.

Mozart war offenbar überrascht. Als sie geendigt hatte, trat er zu

ihr und fing mit seinem ungezierten Herzensausdruck an: »Was soll man

sagen, liebes Kind, hier, wo es ist wie mit der lieben Sonne, die sich

am besten selber lobt, indem es gleich jedermann wohl in ihr wird! Bei

solchem Gesang ist der Seele zu Mut wie dem Kindchen im Bad: es lacht

und wundert sich und weiß sich in der Welt nichts Besseres. Übrigens

glauben Sie mir! unsereinem in Wien begegnet es nicht jeden Tag, daß er

so lauter, ungeschminkt und warm, ja so komplett sich selber zu hören

bekommt.« -- Damit erfaßte er ihre Hand und küßte sie herzlich. Des

Mannes hohe Liebenswürdigkeit und Güte nicht minder als das ehrenvolle

Zeugnis, wodurch er ihr Talent auszeichnete, ergriff Eugenien mit jener

unwiderstehlichen Rührung, die einem leichten Schwindel gleicht, und

ihre Augen wollten sich plötzlich mit Tränen anfüllen.

Hier trat Madame Mozart zur Türe herein, und gleich darauf erschienen

neue Gäste, die man erwartet hatte: eine dem Haus sehr eng verwandte

freiherrliche Familie aus der Nähe mit einer Tochter, Franziska, die

seit den Kinderjahren mit der Braut durch die zärtlichste Freundschaft

verbunden und hier wie daheim war.

Man hatte sich allerseits begrüßt, umarmt, beglückwünscht, die beiden

Wiener Gäste vorgestellt, und Mozart setzte sich an den Flügel. Er

spielte einen Teil eines Konzerts von seiner Komposition, welches

Eugenie soeben einstudierte.

Die Wirkung eines solchen Vortrags in einem kleinen Kreis, wie der

gegenwärtige, unterscheidet sich natürlicherweise von jedem ähnlichen

an einem öffentlichen Orte durch die unendliche Befriedigung, die in

der unmittelbaren Berührung mit der Person des Künstlers und seinem

Genius innerhalb der häuslichen bekannten Wände liegt.

Es war eines jener glänzenden Stücke, worin die reine Schönheit sich

einmal, wie aus Laune, freiwillig in den Dienst der Eleganz begibt,

so aber, daß sie, gleichsam nur verhüllt in diese mehr willkürlich

spielenden Formen und hinter eine Menge blendender Lichter versteckt,

doch in jeder Bewegung ihren eigensten Adel verrät und ein herrliches

Pathos verschwenderisch ausgießt.

Die Gräfin machte für sich die Bemerkung, daß die meisten Zuhörer,

vielleicht Eugenie selbst nicht ausgenommen, trotz der gespanntesten

Aufmerksamkeit und aller feierlichen Stille während eines bezaubernden

Spiels doch zwischen Auge und Ohr gar sehr geteilt waren. In

unwillkürlicher Beobachtung des Komponisten, seiner schlichten, beinahe

steifen Körperhaltung, seines gutmütigen Gesichts, der rundlichen

Bewegung dieser kleinen Hände war es gewiß auch nicht leicht möglich,

dem Zudrang tausendfacher Kreuz- und Quergedanken über den Wundermann

zu widerstehen.

Zu Madame Mozart gewendet, sagte der Graf, nachdem der Meister

aufgestanden war: »Einem berühmten Künstler gegenüber, wenn es ein

Kennerlob zu spitzen gilt, das halt nicht eines jeden Sache ist, wie

haben es die Könige und die Kaiser gut! Es nimmt sich eben alles

einzig und außerordentlich in einem solchen Munde aus. Was dürfen sie

sich nicht erlauben! und wie bequem ist es z. B., dicht hinterm Stuhl

Ihres Herrn Gemahls, beim Schlußakkord einer brillanten Phantasie

dem bescheidenen klassischen Mann auf die Schulter zu klopfen und zu

sagen: ›Sie sind ein Tausendsasa, lieber Mozart!‹ Kaum ist das Wort

heraus, so geht's wie ein Lauffeuer durch den Saal: ›Was hat er ihm

gesagt?‹ -- ›Er sei ein Tausendsasa, hat er zu ihm gesagt.‹ Und alles,

was da geigt und fistuliert und komponiert, ist außer sich von diesem

_einen_ Wort; kurzum, es ist der große Stil, der familiäre Kaiserstil,

der unnachahmliche, um welchen ich die Josephs und die Friedrichs von

je beneidet habe, und das nie mehr als eben jetzt, wo ich ganz in

Verzweiflung bin, von anderweitiger geistreicher Münze zufällig keinen

Deut in allen meinen Taschen anzutreffen.«

Die Art, wie der Schäker dergleichen vorbrachte, bestach immerhin und

rief unausbleiblich ein Lachen hervor.

Nun aber, auf die Einladung der Hausfrau, verfügte die Gesellschaft

sich nach dem geschmückten Speisesalon, aus welchem den Eintretenden

ein festlicher Blumengeruch und eine kühlere, dem Appetit willkommene

Luft entgegenwehte.

Man nahm die schicklich ausgeteilten Plätze ein, und zwar der

distinguierte Gast den seinigen dem Brautpaar gegenüber. Von einer

Seite hatte er eine kleine ältliche Dame, eine unverheiratete Tante

Franziskas, von der andern die junge reizende Nichte selbst zur

Nebensitzerin, die sich durch Geist und Munterkeit ihm bald besonders

zu empfehlen wußte. Frau Konstanze kam zwischen den Hauswirt und ihren

freundlichen Geleitsmann, den Leutnant; die übrigen reihten sich ein,

und so saß man zu elfen nach Möglichkeit bunt an der Tafel, deren

unteres Ende leer blieb. Auf ihr erhoben sich mitten zwei mächtige

große Porzellanaufsätze mit gemalten Figuren, breite Schalen, gehäuft

voll natürlicher Früchte und Blumen, über sich haltend. An den Wänden

des Saals hingen reiche Festons. Was sonst da war oder nach und nach

folgte, schien einen ausgedehnten Schmaus zu verkünden. Teils auf der

Tafel zwischen Schüsseln und Platten, teils vom Serviertisch herüber im

Hintergrund blinkte verschiedenes edle Getränk vom schwärzesten Rot bis

hinauf zu dem gelblichen Weiß, dessen lustiger Schaum herkömmlich erst

die zweite Hälfte eines Festes krönt.

Bis gegen diesen Zeitpunkt hin bewegte sich die Unterhaltung, von

mehreren Seiten gleich lebhaft genährt, in allen Richtungen. Weil aber

der Graf gleich anfangs einigemal von weitem und jetzt nur immer näher

und mutwilliger auf Mozarts Gartenabenteuer anspielte, so daß die einen

heimlich lächelten, die andern sich umsonst den Kopf zerbrachen, was er

denn meine, so ging unser Freund mit der Sprache heraus.

»Ich will in Gottes Namen beichten,« fing er an, »auf was für Art mir

eigentlich die Ehre der Bekanntschaft mit diesem edlen Haus geworden

ist. Ich spiele dabei nicht die würdigste Rolle, und um ein Haar, so

säß' ich jetzt, statt hier vergnügt zu tafeln, in einem abgelegenen

Arrestantenwinkel des gräflichen Schlosses und könnte mir mit leerem

Magen die Spinneweben an der Wand herum betrachten.«

»Nun ja,« rief Madame Mozart, »da werd' ich schöne Dinge hören!«

Ausführlich nun beschrieb er erst, wie er im Weißen Roß seine Frau

zurückgelassen, die Promenade in den Park, den Unstern in der Laube,

den Handel mit der Gartenpolizei: kurz, ungefähr was wir schon wissen,

gab er alles mit größter Treuherzigkeit und zum höchsten Ergötzen der

Zuhörer preis. Das Lachen wollte fast kein Ende nehmen; selbst die

gemäßigte Eugenie enthielt sich nicht, es schüttelte sie ordentlich.

»Nun,« fuhr er fort, »das Sprichwort sagt: Hat einer den Nutzen, dem

Spott mag er trutzen! Ich hab' meinen kleinen Profit von der Sache; Sie

werden schon sehen. Vor allem aber hören Sie, wie's eigentlich geschah,

daß sich ein alter Kindskopf so vergessen konnte. Eine Jugenderinnerung

war mit im Spiele.

Im Frühling 1770 reiste ich als dreizehnjähriges Bürschchen mit meinem

Vater nach Italien. Wir gingen von Rom nach Neapel. Ich hatte zweimal

im Konservatorium und sonst zu verschiedenen Malen gespielt. Adel und

Geistlichkeit erzeugten uns manches Angenehme, vornehmlich attachierte

sich ein Abbate an uns, der sich als Kenner schmeichelte und übrigens

am Hofe etwas galt. Den Tag vor unserer Abreise führte er uns in

Begleitung einiger anderer Herren in einen königlichen Garten, die

Villa reale, bei einer prachtvollen Straße geradhin am Meer gelegen, wo

eine Bande sizilianischer ~commedianti~ sich produzierte -- ~figlj di

Nettuno~, wie sie sich neben anderen schönen Titeln auch nannten. Mit

vielen vornehmen Zuschauern, worunter selbst die junge liebenswürdige

Königin Karolina samt zwei Prinzessen, saßen wir auf einer langen Reihe

von Bänken im Schatten einer zeltartig bedeckten niedern Galerie,

an deren Mauer unten die Wellen plätscherten. Das Meer mit seiner

vielfarbigen Streifung strahlte den blauen Sonnenhimmel herrlich wider.

Gerade vor sich hat man den Vesuv, links schimmert, sanft geschwungen,

eine reizende Küste herein.

Die erste Abteilung der Spiele war vorüber; sie wurde auf dem trockenen

Bretterboden einer Art von Flöße ausgeführt, die auf dem Wasser stand,

und hatte nichts Besonderes; der zweite aber und der schönste Teil

bestand aus lauter Schiffer-, Schwimm- und Taucherstücken und blieb mir

stets mit allen Einzelheiten frisch im Gedächtnis eingeprägt.

Von entgegengesetzten Seiten her näherten sich einander zwei zierliche,

sehr leicht gebaute Barken, beide, wie es schien, auf einer Lustfahrt

begriffen. Die eine, etwas größere, war mit einem Halbverdeck versehen

und nebst den Ruderbänken mit einem dünnen Mast und einem Segel

ausgerüstet, auch prächtig bemalt, der Schnabel vergoldet. Fünf

Jünglinge von idealischem Aussehen, kaum bekleidet, Arme, Brust und

Beine dem Anschein nach nackt, waren teils an dem Ruder beschäftigt,

teils ergötzten sie sich mit einer gleichen Anzahl artiger Mädchen,

ihren Geliebten. Eine darunter, welche mitten auf dem Verdecke saß und

Blumenkränze wand, zeichnete sich durch Wuchs und Schönheit sowie durch

ihren Putz vor allen übrigen aus. Diese dienten ihr willig, spannten

gegen die Sonne ein Tuch über sie und reichten ihr die Blumen aus dem

Korb. Eine Flötenspielerin saß zu ihren Füßen, die den Gesang der

andern mit ihren hellen Tönen unterstützte. Auch jener vorzüglichen

Schönen fehlte es nicht an einem eigenen Beschützer; doch verhielten

sich beide ziemlich gleichgültig gegeneinander, und der Liebhaber

deuchte mir fast etwas roh.

Inzwischen war das andere, einfachere Fahrzeug näher gekommen. Hier

sah man bloß männliche Jugend. Wie jene Jünglinge Hochrot trugen, so

war die Farbe der letztern Seegrün. Sie stutzten beim Anblick der

lieblichen Kinder, winkten Grüße herüber und gaben ihr Verlangen nach

näherer Bekanntschaft zu erkennen. Die munterste hierauf nahm eine Rose

vom Busen und hielt sie schelmisch in die Höhe, gleichsam fragend,

ob solche Gaben bei ihnen wohl angebracht wären, worauf von drüben

allerseits mit unzweideutigen Gebärden geantwortet wurde. Die Roten

sahen verächtlich und finster darein, konnten aber nichts machen, als

mehrere der Mädchen einig wurden, den armen Teufeln wenigstens doch

etwas für den Hunger und Durst zuzuwerfen. Es stand ein Korb voll

Orangen am Boden; wahrscheinlich waren es nur gelbe Bälle, den Früchten

ähnlich nachgemacht. Und jetzt begann ein entzückendes Schauspiel unter

Mitwirkung der Musik, die auf dem Uferdamm aufgestellt war.

Auswahl aus den Dichtungen Eduard Mörikes · 第 7 / 11 段