»O recht, ich weiß: auf dem Observatorio der gute alte Herr, der mich

von Zeit zu Zeit dahin einlädt. Ich wollte längst einmal den Mond und

's Mandl drin mit dir betrachten. Sie haben jetzt ein mächtig großes

Fernrohr oben: da soll man auf der ungeheuren Scheibe hell und deutlich

bis zum Greifen Gebirge, Täler, Klüfte sehen und von der Seite, wo die

Sonne nicht hinfällt, den Schatten, den die Berge werfen. Schon seit

zwei Jahren schlag' ich's an, den Gang zu tun, und komme nicht dazu,

elender- und schändlicherweise!«

»Nun,« sagte sie, »der Mond entläuft uns nicht. Wir holen manches nach.«

Nach einer Pause fuhr er fort: »Und geht es nicht mit allem so? O pfui!

ich darf nicht daran denken, was man verpaßt, verschiebt und hängen

läßt -- von Pflichten gegen Gott und Menschen nicht zu reden -- ich

sage, von purem Genuß, von den kleinen, unschuldigen Freuden, die einem

jeden täglich vor den Füßen liegen.«

Madame Mozart konnte oder wollte von der Richtung, die sein leicht

bewegliches Gefühl hier mehr und mehr nahm, auf keine Weise ablenken,

und leider konnte sie ihm nur von ganzem Herzen recht geben, indem

er mit steigendem Eifer fortfuhr: »Ward ich denn je nur meiner

Kinder ein volles Stündchen froh? Wie halb ist das bei mir und

immer ~en passant~! Die Buben einmal rittlings auf das Knie gesetzt,

mich zwei Minuten mit ihnen durchs Zimmer gejagt: und damit basta,

wieder abgeschüttelt! Es denkt mir nicht, daß wir uns auf dem Lande

zusammen einen schönen Tag gemacht hätten, an Ostern oder Pfingsten,

in einem Garten oder Wäldel, auf der Wiese, wir unter uns allein, bei

Kinderscherz und Blumenspiel, um selber einmal wieder Kind zu werden.

Allmittelst geht und rennt und saust das Leben hin -- Herr Gott!

bedenkt man's recht, es möcht' einem der Angstschweiß ausbrechen!«

Mit der soeben ausgesprochenen Selbstanklage war unerwartet ein sehr

ernsthaftes Gespräch in aller Traulichkeit und Güte zwischen beiden

eröffnet. Wir teilen dasselbe nicht ausführlich mit und werfen lieber

einen allgemeinen Blick auf die Verhältnisse, die teils ausdrücklich

und unmittelbar den Stoff, teils auch nur den bewußten Hintergrund der

Unterredung ausmachten.

Hier drängt sich uns voraus die schmerzliche Betrachtung auf, daß

dieser feurige, für jeden Reiz der Welt und für das Höchste, was dem

ahnenden Gemüt erreichbar ist, unglaublich empfängliche Mensch, soviel

er auch in seiner kurzen Spanne Zeit erlebt, genossen und aus sich

hervorgebracht, ein stetiges und rein befriedigtes Gefühl seiner selbst

doch lebenslang entbehrte.

Wer die Ursachen dieser Erscheinung nicht etwa tiefer suchen will,

als sie vermutlich liegen, wird sie zunächst einfach in jenen, wie es

scheint, unüberwindlich eingewohnten Schwächen finden, die wir so gern,

und nicht ganz ohne Grund, mit alledem, was an Mozart der Gegenstand

unserer Bewunderung ist, in eine Art notwendiger Verbindung bringen.

Des Mannes Bedürfnisse waren sehr vielfach, seine Neigung zumal für

gesellige Freuden außerordentlich groß. Von den vornehmsten Häusern der

Stadt als unvergleichliches Talent gewürdigt und gesucht, verschmähte

er Einladungen zu Festen, Zirkeln und Partieen selten oder nie. Dabei

tat er der eigenen Gastfreundschaft innerhalb seiner näheren Kreise

gleichfalls genug. Einen längst hergebrachten musikalischen Abend am

Sonntag bei ihm, ein ungezwungenes Mittagsmahl an seinem wohlbestellten

Tisch mit ein paar Freunden und Bekannten, zwei-, dreimal in der

Woche, das wollte er nicht missen. Bisweilen brachte er die Gäste,

zum Schrecken der Frau, unangekündigt von der Straße weg ins Haus,

Leute von sehr ungleichem Wert, Liebhaber, Kunstgenossen, Sänger und

Poeten. Der müßige Schmarotzer, dessen ganzes Verdienst in einer immer

aufgeweckten Laune, in Witz und Spaß, und zwar vom gröbern Korn,

bestand, kam so gut wie der geistvolle Kenner und der treffliche

Spieler erwünscht. Den größten Teil seiner Erholung indes pflegte

Mozart außer dem eigenen Hause zu suchen. Man konnte ihn nach Tisch

einen Tag wie den andern am Billard im Kaffeehaus und so auch manchen

Abend im Gasthof finden. Er fuhr und ritt sehr gern in Gesellschaft

über Land, besuchte als ein ausgemachter Tänzer Bälle und Redouten

und machte sich des Jahrs einige Male einen Hauptspaß an Volksfesten,

vor allen am Brigitten-Kirchtag im Freien, wo er als Pierrot maskiert

erschien.

Diese Vergnügungen, bald bunt und ausgelassen, bald einer ruhigeren

Stimmung zusagend, waren bestimmt, dem lang gespannten Geist nach

ungeheurem Kraftaufwand die nötige Rast zu gewähren; auch verfehlten

sie nicht, demselben nebenher auf den geheimnisvollen Wegen, auf

welchen das Genie sein Spiel bewußtlos treibt, die feinen flüchtigen

Eindrücke mitzuteilen, wodurch es sich gelegentlich befruchtet. Doch

leider kam in solchen Stunden, weil es dann immer galt, den glücklichen

Moment bis auf die Neige auszuschöpfen, eine andere Rücksicht, es

sei nun der Klugheit oder der Pflicht, der Selbsterhaltung wie der

Häuslichkeit, nicht in Betracht. Genießend oder schaffend, kannte

Mozart gleich wenig Maß und Ziel. Ein Teil der Nacht war stets der

Komposition gewidmet. Morgens früh, oft lange noch im Bett, ward

ausgearbeitet. Dann machte er, von zehn Uhr an, zu Fuß oder im

Wagen abgeholt, die Runde seiner Lektionen, die in der Regel noch

einige Nachmittagsstunden wegnahmen. »Wir plagen uns wohl auch

rechtschaffen,« so schreibt er selber einmal einem Gönner, »und es

hält öfter schwer, nicht die Geduld zu verlieren. Da halst man sich

als wohl akkreditierter Cembalist und Musiklehrmeister ein Dutzend

Schüler auf und immer wieder einen neuen, unangesehn, was weiter an ihm

ist, wenn er nur seinen Taler ~per marca~ bezahlt. Ein jeder ungrische

Schnurrbart vom Geniekorps ist willkommen, den der Satan plagt, für

nichts und wieder nichts Generalbaß und Kontrapunkt zu studieren,

das übermütigste Komteßchen, das mich, wie Meister Coquerel, den

Haarkräusler, mit einem roten Kopf empfängt, wenn ich einmal nicht auf

den Glockenschlag bei ihr anklopfe« u. s. w. Und wenn er nun, durch

diese und andere Berufsarbeiten, Akademieen, Proben und dergleichen

abgemüdet, nach frischem Atem schmachtete, war den erschlafften Nerven

häufig nur in neuer Aufregung eine scheinbare Stärkung vergönnt. Seine

Gesundheit wurde heimlich angegriffen, ein je und je wiederkehrender

Zustand von Schwermut wurde, wo nicht erzeugt, doch sicherlich genährt

an eben diesem Punkt und so die Ahnung eines frühzeitigen Todes, die

ihn zuletzt auf Schritt und Tritt begleitete, unvermeidlich erfüllt.

Gram aller Art und Farbe, das Gefühl der Reue nicht ausgenommen, war er

als eine herbe Würze jeder Lust auf seinen Teil gewöhnt. Doch wissen

wir, auch diese Schmerzen rannen, abgeklärt und rein, in jenem tiefen

Quell zusammen, der, aus hundert goldenen Röhren springend, im Wechsel

seiner Melodieen unerschöpflich, alle Qual und alle Seligkeit der

Menschenbrust ausströmte.

Am offenbarsten zeigten sich die bösen Wirkungen der Lebensweise

Mozarts in seiner häuslichen Verfassung. Der Vorwurf törichter,

leichtsinniger Verschwendung lag sehr nahe; er mußte sich sogar an

einen seiner schönsten Herzenszüge hängen. Kam einer, in dringender

Not ihm eine Summe abzuborgen, sich seine Bürgschaft zu erbitten, so

war meist schon darauf gerechnet, daß er sich nicht erst lang' nach

Pfand und Sicherheit erkundigte; dergleichen hätte ihm auch in der Tat

so wenig als einem Kinde angestanden. Am liebsten schenkte er gleich

hin und immer mit lachender Großmut, besonders wenn er meinte, gerade

Überfluß zu haben.

Die Mittel, die ein solcher Aufwand neben dem ordentlichen Hausbedarf

erheischte, standen allerdings in keinem Verhältnis mit den Einkünften.

Was von Theatern und Konzerten, von Verlegern und Schülern einging,

zusamt der kaiserlichen Pension, genügte um so weniger, da der

Geschmack des Publikums noch weit davon entfernt war, sich entschieden

für Mozarts Musik zu erklären. Die lauterste Schönheit, Fülle und Tiefe

befremdete gemeinhin gegenüber der bisher beliebten leicht faßlichen

Kost. Zwar hatten sich die Wiener an Belmonte und Konstanze -- dank den

populären Elementen dieses Stücks -- seinerzeit kaum ersättigen können,

hingegen tat einige Jahre später Figaro, und sicher nicht allein durch

die Intrigen des Direktors, im Wettstreit mit der lieblichen, doch weit

geringeren ~Cosa rara~ einen unerwarteten kläglichen Fall: derselbe

Figaro, den gleich darauf die gebildeten oder unbefangenen Prager mit

solchem Enthusiasmus aufnahmen, daß der Meister in dankbarer Rührung

darüber seine nächste große Oper eigens für sie zu schreiben beschloß.

Trotz der Ungunst der Zeit und dem Einfluß der Feinde hätte Mozart mit

etwas mehr Umsicht und Klugheit noch immer einen sehr ansehnlichen

Gewinn von seiner Kunst gezogen: so aber kam er selbst bei jenen

Unternehmungen zu kurz, wo auch der große Haufen ihm Beifall zujauchzen

mußte. Genug, es wirkte eben alles, Schicksal und Naturell und eigene

Schuld, zusammen, den einzigen Mann nicht gedeihen zu lassen.

Welch einen schlimmen Stand nun aber eine Hausfrau, sofern sie ihre

Aufgabe kannte, unter solchen Umständen gehabt haben müsse, begreifen

wir leicht. Obgleich selbst jung und lebensfroh, als Tochter eines

Musikers ein ganzes Künstlerblut, von Hause aus übrigens schon an

Entbehrung gewöhnt, bewies Konstanze allen guten Willen, dem Unheil

an der Quelle zu steuern, manches Verkehrte abzuschneiden und den

Verlust im Großen durch Sparsamkeit im Kleinen zu ersetzen. Nur eben in

letzterer Hinsicht vielleicht ermangelte sie des rechten Geschicks und

der frühern Erfahrung. Sie hatte die Kasse und führte das Hausbuch:

jede Forderung, jede Schuldmahnung, und was es Verdrießliches gab,

ging ausschließlich an sie. Da stieg ihr wohl mitunter das Wasser an

die Kehle, zumal wenn oft zu dieser Bedrängnis, zu Mangel, peinlicher

Verlegenheit und Furcht vor offenbarer Unehre noch gar der Trübsinn

ihres Mannes kam, worin er tagelang verharrte, untätig, keinem Trost

zugänglich, indem er mit Seufzen und Klagen neben der Frau oder stumm

in einem Winkel vor sich hin den _einen_ traurigen Gedanken, zu

sterben, wie eine endlose Schraube verfolgte. Ihr guter Mut verließ sie

dennoch selten, ihr heller Blick fand meist, wenn auch nur auf einige

Zeit, Rat und Hilfe. Im wesentlichen wurde wenig oder nichts gebessert.

Gewann sie ihm mit Ernst und Scherz, mit Bitten und Schmeicheln für

heute soviel ab, daß er den Tee an ihrer Seite trank, sich seinen

Abendbraten daheim bei der Familie schmecken ließ, um nachher nicht

mehr auszugehen, was war damit erreicht? Er konnte wohl einmal, durch

ein verweintes Auge seiner Frau plötzlich betroffen und bewegt, eine

schlimme Gewohnheit aufrichtig verwünschen, das Beste versprechen,

mehr als sie verlangte -- umsonst, er fand sich unversehens im alten

Fahrgeleise wieder. Man war versucht zu glauben, es habe anders nicht

in seiner Macht gestanden, und eine völlig veränderte Ordnung nach

unseren Begriffen von dem, was allen Menschen ziemt und frommt, _ihm_

irgendwie gewaltsam aufgedrungen, müßte das wunderbare Wesen geradezu

selbst aufgehoben haben.

Einen günstigen Umschwung der Dinge hoffte Konstanze doch stets

insoweit, als derselbe von außen her möglich war: durch eine gründliche

Verbesserung ihrer ökonomischen Lage, wie solche bei dem wachsenden

Ruf ihres Mannes nicht ausbleiben könne. Wenn erst, so meinte sie, der

stete Druck wegfiel, der sich auch ihm, bald näher, bald entfernter,

von dieser Seite fühlbar machte, wenn er, anstatt die Hälfte seiner

Kraft und Zeit dem bloßen Gelderwerb zu opfern, ungeteilt seiner wahren

Bestimmung nachleben dürfe, wenn endlich der Genuß, nach dem er nicht

mehr jagen, den er mit ungleich besserem Gewissen haben würde, ihm noch

einmal so wohl an Leib und Seele gedeihe: dann sollte bald sein ganzer

Zustand leichter, natürlicher, ruhiger werden. Sie dachte gar an einen

gelegentlichen Wechsel ihres Wohnorts, da seine unbedingte Vorliebe für

Wien, wo nun einmal nach ihrer Überzeugung kein rechter Segen für ihn

sei, am Ende doch zu überwinden wäre.

Den nächsten entscheidenden Vorschub aber zur Verwirklichung ihrer

Gedanken und Wünsche versprach sich Madame Mozart vom Erfolg der neuen

Oper, um die es sich bei dieser Reise handelte.

Die Komposition war weit über die Hälfte vorgeschritten. Vertraute,

urteilsfähige Freunde, die, als Zeugen der Entstehung des

außerordentlichen Werks, einen hinreichenden Begriff von seiner

Art und Wirkungsweise haben mußten, sprachen überall davon in

einem Tone, daß viele selber von den Gegnern darauf gefaßt sein

konnten, es werde dieser Don Juan, bevor ein halbes Jahr verginge,

die gesamte musikalische Welt von einem Ende Deutschlands bis zum

andern erschüttert, auf den Kopf gestellt, im Sturm erobert haben.

Vorsichtiger und bedingter waren die wohlwollenden Stimmen anderer,

die, von dem heutigen Standpunkt der Musik ausgehend, einen allgemeinen

und raschen Succeß kaum hofften. Der Meister selber teilte im stillen

ihre nur zu wohl begründeten Zweifel.

Konstanze ihrerseits, wie die Frauen immer, wo ihr Gefühl einmal

lebhaft bestimmt und noch dazu vom Eifer eines höchst gerechten

Wunsches eingenommen ist, durch spätere Bedenklichkeiten von da und

dorther sich viel seltener als die Männer irre machen lassen, hielt

fest an ihrem guten Glauben und hatte eben jetzt im Wagen wiederum

Veranlassung, denselben zu verfechten. Sie tat's in ihrer fröhlichen

und blühenden Manier mit doppelter Geflissenheit, da Mozarts Stimmung

im Verlauf des vorigen Gesprächs, das weiter zu nichts führen konnte

und deshalb äußerst unbefriedigt abbrach, bereits merklich gesunken

war. Sie setzte ihrem Gatten sofort mit gleicher Heiterkeit umständlich

auseinander, wie sie nach ihrer Heimkehr die mit dem Prager Unternehmer

als Kaufpreis für die Partitur akkordierten hundert Dukaten zur

Deckung der dringendsten Posten und sonst zu verwenden gedenke, auch

wie sie zufolge ihres Etats den kommenden Winter hindurch bis zum

Frühjahr gut auszureichen hoffe.

»Dein Herr Bondini wird sein Schäfchen an der Oper scheren, glaub es

nur! und ist er halb der Ehrenmann, den du ihn immer rühmst, so läßt er

dir nachträglich noch ein artiges Prozentchen von den Summen ab, die

ihm die Bühnen nacheinander für die Abschrift zahlen; wo nicht, nun ja,

gottlob! so stehen uns noch andere Chancen in Aussicht, und zwar noch

tausendmal solidere. Mir ahnet allerlei.«

»Heraus damit!«

»Ich hörte unlängst ein Vögelchen pfeifen, der König von Preußen hab'

einen Kapellmeister nötig.«

»Oho!«

»Generalmusikdirektor, wollt' ich sagen. Laß mich ein wenig

phantasieren! Die Schwachheit habe ich von meiner Mutter.«

»Nur zu! je toller, je besser!«

»Nein, alles ganz natürlich. -- Vornweg also nimm an! übers Jahr um

diese Zeit --«

»Wenn der Papst die Grete freit --«

»Still doch, Hanswurst! Ich sage, aufs Jahr um Sankt Ägidi muß schon

längst kein kaiserlicher Kammerkomponist mit Namen Wolf Mozart in Wien

mehr weit und breit zu finden sein.«

»Beiß dich der Fuchs dafür!«

»Ich höre schon im Geist, wie unsere alten Freunde von uns plaudern,

was sie sich alles zu erzählen wissen.«

»Zum Exempel?«

»Da kommt z. B. eines Morgens früh nach neune schon unsere alte

Schwärmerin, die Volkstett, in ihrem feurigsten Besuchssturmschritt

quer übern Kohlmarkt hergesegelt. Sie war drei Monat' fort; die große

Reise zum Schwager in Sachsen, ihr tägliches Gespräch, solang' wir sie

kennen, kam endlich zu stand'; seit gestern nacht ist sie zurück, und

jetzt mit ihrem übervollen Herzen -- es schwattelt ganz von Reiseglück

und Freundschaftsungeduld und allerliebsten Neuigkeiten -- stracks hin

zur Oberstin damit! die Trepp' hinauf und angeklopft und das Herein

nicht abgewartet! stell dir den Jubel selber vor und das Embrassement

beiderseits! -- ›Nun, liebste, beste Oberstin,‹ hebt sie nach einigem

Vorgängigen mit frischem Odem an, ›ich bringe Ihnen ein Schock Grüße

mit; ob Sie erraten von wem? Ich komme nicht so geradenwegs von Stendal

her, es wurde ein kleiner Abstecher gemacht, linkshin, nach Brandenburg

zu.‹ -- ›Wie? wär' es möglich! Sie kamen nach Berlin? sind bei Mozarts

gewesen?‹ -- ›Zehn himmlische Tage!‹ -- ›O liebe, süße, einzige

Generalin, erzählen Sie, beschreiben Sie! Wie geht es unsern guten

Leutchen? Gefallen sie sich immer noch so gut wie anfangs dort? Es ist

mir fabelhaft, undenkbar, heute noch, und jetzt nur desto mehr, da

Sie von ihm herkommen: Mozart als Berliner! Wie benimmt er sich doch?

wie sieht er denn aus?‹ -- ›O der! Sie sollten ihn nur sehen! Diesen

Sommer hat ihn der König ins Karlsbad geschickt. Wann wäre seinem

herzgeliebten Kaiser Joseph so etwas eingefallen, he? Sie waren beide

kaum erst wieder da, als ich ankam. Er glänzt von Gesundheit und Leben,

ist rund und beleibt und vif wie Quecksilber; das Glück sieht ihm und

die Behaglichkeit recht aus den Augen.‹«

Und nun begann die Sprecherin in ihrer angenommenen Rolle die neue

Lage mit den hellsten Farben auszumalen. Von seiner Wohnung unter

den Linden, von seinem Garten und Landhaus an bis zu den glänzenden

Schauplätzen seiner öffentlichen Wirksamkeit und den engeren Zirkeln

des Hofs, wo er die Königin auf dem Piano zu begleiten hatte, wurde

alles durch ihre Schilderung gleichsam zur Wirklichkeit und Gegenwart.

Ganze Gespräche, die schönsten Anekdoten schüttelte sie aus dem Ärmel.

Sie schien fürwahr mit jener Residenz, mit Potsdam und mit Sanssouci

bekannter als im Schlosse zu Schönbrunn und auf der kaiserlichen

Burg. Nebenbei war sie schalkhaft genug, die Person unsers Helden mit

einer Anzahl völlig neuer hausväterlicher Eigenschaften auszustatten,

die sich auf dem soliden Boden der preußischen Existenz entwickelt

hatten, und unter welchen die besagte Volkstett, als höchstes Phänomen

und zum Beweis, wie die Extreme sich manchmal berühren, den Ansatz

eines ordentlichen Geizchens wahrgenommen hatte, das ihn unendlich

liebenswürdig kleide. »Ja, nehmen's nur! er hat seine dreitausend

Taler fix, und das wofür? Daß er die Woche einmal ein Kammerkonzert,

zweimal die große Oper dirigiert. Ach, Oberstin, ich habe ihn gesehn,

unsern lieben, kleinen, goldenen Mann inmitten seiner trefflichen

Kapelle, die er sich zugeschult, die ihn anbetet! saß mit der Mozartin

in ihrer Loge, schräg gegen den höchsten Herrschaften über! Und was

stand auf dem Zettel, bitte Sie? -- ich nahm ihn mit für Sie -- ein

kleines Reispräsent von mir und Mozarts drein gewickelt -- hier schauen

Sie, hier lesen Sie! da steht's mit ellenlangen Buchstaben gedruckt.

-- ›Hilf Himmel! was? Tarar!‹ -- ›Ja, gelten's Freundin, was man

erleben kann! Vor zwei Jahren, wie Mozart den Don Juan schrieb und

der verwünschte giftige, schwarzgelbe Salieri auch schon im stillen

Anstalt machte, den Triumph, den er mit seinem Stück davontrug in

Paris, demnächst auf seinem eigenen Territorio zu begehen und unserem

guten, Schnepfen liebenden, allzeit in ~Cosa rara~ vergnügten Publikum

nun doch auch mal so eine Gattung Falken sehn zu lassen, und er und

seine Helfershelfer bereits zusammen munkelten und raffinierten, daß

sie den Don Juan so schön gerupft wie jenesmal den Figaro, nicht tot

und nicht lebendig, auf das Theater stellen wollten: wissen's, da tat

ich ein Gelübd', wenn das infame Stück gegeben wird, ich geh' nicht

hin, um keine Welt! Und hielt auch Wort. Als alles lief und rannte --

und, Oberstin, Sie mit -- blieb ich an meinem Ofen sitzen, nahm meine

Katze auf den Schoß und aß meine Kaldausche, und so die folgenden paar

Male auch. Jetzt aber, stellen Sie sich vor, Tarar auf der Berliner

Opernbühne, das Werk seines Todfeinds, von Mozart dirigiert!‹ -- ›Da

müssen Sie schon drein!‹ rief er gleich in der ersten Viertelstunde,

›und wär's auch nur, daß Sie den Wienern sagen können, ob ich dem

Knaben Absalon ein Härchen krümmen ließ. Ich wünschte, er wär' selbst

dabei; der Erzneidhammel sollte sehen, daß ich nicht nötig hab', einem

andern sein Zeug zu verhunzen, damit ich immerfort der bleiben möge,

der ich bin!‹«

»~Brava! bravissima!~« rief Mozart überlaut und nahm sein Weibchen bei

den Ohren, verküßte, herzte, kitzelte sie, so daß sich dieses Spiel mit

bunten Seifenblasen einer erträumten Zukunft, die leider niemals, auch

nicht im bescheidensten Maße, erfüllt werden sollte, zuletzt in hellen

Mutwillen, Lärm und Gelächter auflöste.

Sie waren unterdessen längst ins Tal herabgekommen und näherten

sich einem Dorf, das ihnen bereits auf der Höhe bemerklich gewesen,

und hinter welchem sich unmittelbar ein kleines Schloß von modernem

Ansehen, der Wohnsitz eines Grafen von Schinzberg, in der freundlichen

Ebene zeigte. Es sollte in dem Ort gefüttert, gerastet und Mittag

gehalten werden. Der Gasthof, wo sie hielten, lag vereinzelt am Ende

des Dorfs bei der Straße, von welcher seitwärts eine Pappelallee von

nicht sechshundert Schritten zum herrschaftlichen Garten führte.

Mozart, nachdem man ausgestiegen, überließ, wie gewöhnlich, der Frau

die Bestellung des Essens. Inzwischen befahl er für sich ein Glas

Wein in die untere Stube, während sie nächst einem Trunke frischen

Wassers nur irgend einen stillen Winkel, um ein Stündchen zu schlafen,

verlangte. Man führte sie eine Treppe hinauf, der Gatte folgte, ganz

munter vor sich hin singend und pfeifend. In einem rein geweißten und

schnell gelüfteten Zimmer befand sich unter andern veralteten Möbeln

von edlerer Herkunft -- sie waren ohne Zweifel aus den gräflichen

Gemächern seinerzeit hierher gewandert -- ein sauberes, leichtes

Bett mit gemaltem Himmel auf dünnen, grün lackierten Säulen, dessen

seidene Vorhänge längst durch einen gewöhnlicheren Stoff ersetzt

waren. Konstanze machte sich's bequem, er versprach, sie rechtzeitig

zu wecken, sie riegelte die Türe hinter ihm zu, und er suchte nunmehr

Unterhaltung für sich in der allgemeinen Schenkstube. Hier war jedoch

außer dem Wirt keine Seele, und weil dessen Gespräch dem Gast so wenig

wie sein Wein behagte, so bezeugte er Lust, bis der Tisch bereit wäre,

noch einen Spaziergang nach dem Schloßgarten zu machen. Der Zutritt,

hörte er, sei anständigen Fremden wohl gestattet und die Familie

überdies heut ausgefahren.

Er ging und hatte bald den kurzen Weg bis zu dem offenen Gattertor

zurückgelegt, dann langsam einen hohen alten Lindengang durchmessen, an

dessen Ende linker Hand er in geringer Entfernung das Schloß von seiner

Fronte auf einmal vor sich hatte. Es war von italienischer Bauart,

hell getüncht, mit weit vorliegender Doppeltreppe; das Schieferdach

verzierten einige Statuen in üblicher Manier, Götter und Göttinnen,

samt einer Balustrade.

Von der Mitte zweier großen, noch reichlich blühenden Blumenparterre

ging unser Meister nach den buschigen Teilen der Anlagen zu, berührte

ein paar schöne dunkle Piniengruppen und lenkte seine Schritte auf

vielfach gewundenen Pfaden, indem er sich allmählich den lichteren

Partien wieder näherte, dem lebhaften Rauschen eines Springbrunnens

nach, den er sofort erreichte.

Das ansehnlich weite, ovale Bassin war rings von einer sorgfältig

gehaltenen Orangerie in Kübeln, abwechselnd mit Lorbeeren und

Oleandern, umstellt; ein weicher Sandweg, gegen den sich eine schmale

Gitterlaube öffnete, lief rund umher. Die Laube bot das angenehmste

Ruheplätzchen dar: ein kleiner Tisch stand vor der Bank, und Mozart

ließ sich vorn am Eingang nieder.

Auswahl aus den Dichtungen Eduard Mörikes · 第 6 / 11 段