als wie ein Kegel, des sich im Anfang beide sehr verwunderten, bis
sie erkannten, was es sei. Wie nun das Lot mit neunzig Schuh den
Boden berührte, da ergriff die scherzlustige Zofe die Schnur und zog
gemach mit beiden Händen, zog und zog so lang', bis sie nicht mehr
nachgab. Alsdann nahm sie geschwind die Schere und schnitt das Lot
hinweg, erlangte einen dicken Zwiebel (der war erst gestern in den
Topf gefallen und war fast eines Kinderkopfes groß) und band ihn bei
dem grünen Schossen an die Schnur, damit der Mann erstaune, ein ander
Lot zu finden, als das er ausgeworfen. Derweile aber hatte die schöne
Lau den Krackenzahn im Blei mit Freuden und Verwunderung entdeckt.
Sie wußte seine Kraft gar wohl, und ob zwar für sich selbst die
Wasserweiber oder -Männer nicht viel danach fragen, so gönnen sie den
Menschen doch so großen Vorteil nicht, zumalen sie das Meer und was
sich darin findet von Anbeginn als ihren Pacht und Lehn ansprechen.
Deswegen denn die schöne Lau mit dieser ungefähren Beute sich dereinst,
wenn sie zu Hause käme, beim alten Nix, ihrem Gemahl, Lobs zu erholen
hoffte. Doch wollte sie den Mann, der oben stund, nicht lassen ohn'
Entgelt, nahm also alles, was sie eben auf dem Leibe hatte, nämlich
die schöne Perlenschnur an ihrem Hals, schlang selbe um den großen
Zwiebel, gerade als er sich nunmehr erhob; und daran war es nicht
genug: sie hing zuteuerst[31] auch die goldene Schere noch daran und
sah mit hellem Aug', wie das Gewicht hinaufgezogen ward. Die Zofe aber,
neubegierig, wie sich das Menschenkind dabei gebärde, stieg hinten dem
Lot in die Höhe und weidete sich zwo Spannen unterhalb dem Spiegel an
des Alten Schreck und Verwirrung. Zuletzt fuhr sie mit ihren beiden
aufgehobenen Händen ein maler viere in der Luft herum, die weißen
Finger als zu einem Fächer oder Wadel ausgespreizt. Es waren aber
schon zuvor auf des Vetters Seilers Geschrei viel Leute aus der Stadt
herausgekommen, die standen um den Blautopf her und sahn dem Abenteuer
zu, bis wo die grausigen Hände erschienen; da stob mit eins die Menge
voneinander und entrann.
Der alte Diener aber war von Stund an irrsch[32] im Kopf ganzer sieben
Tage, und sah der Lau ihre Geschenke gar nicht an, sondern saß da bei
seinem Vetter hinterm Ofen und sprach des Tags wohl hundertmal ein
altes Sprüchlein vor sich hin, von welchem kein Gelehrter in ganz
Schwabenland Bescheid zu geben weiß, woher und wie oder wann erstmals
es unter die Leute gekommen. Denn von ihm selber hatte es der Alte
nicht; man gab es lang' vor seiner Zeit, gleichwie noch heutiges Tags,
den Kindern scherzweis auf, wer es ganz hurtig nacheinander ohne Tadel
am öftesten hersagen könne; und lauten die Worte:
's leit a Klötzle Blei glei bei Blaubeura,
glei bei Blaubeura leit a Klötzle Blei.
Die Wirtin nannt' es einen rechten Leirenbendel[33] und sagte: »Wer
hätte auch den mindesten Verstand da drin gesucht, geschweige eine
Prophezeihung!«
Als endlich der Kurt mit dem siebenten Morgen seine gute Besinnung
wiederfand und ihm der Vetter die kostbaren Sachen darwies, so sein
rechtliches Eigentum wären, da schmunzelte er doch, tat sie in sichern
Verschluß und ging mit des Seilers zu Rat, was damit anzufangen.
Sie achteten alle fürs beste, er reiste mit Perlen und Schere gen
Stuttgart, wo eben Graf Ludwig sein Hoflager hatte, und biete sie
demselben an zum Kauf. So tat er denn. Der hohe Herr war auch nicht
karg und gleich bereit, so seltene Zier nach Schätzung eines Meisters
für seine Frau zu nehmen; nur als er von dem Alten hörte, wie er dazu
gekommen, fuhr er auf und drehte sich voll Ärger auf dem Absatz um, daß
ihm der Wunderzahn verloren sei. Ihm war vordem etwas von diesem kund
geworden, und hatte er dem Doktor, bald nach Herrn Konrads Hintritt,
seines Vaters, sehr darum angelegen, doch umsonst.
Dies war nun die Geschichte, davon die Spinnerinnen damals plauderten.
Doch ihnen war das Beste daran unbekannt. Eine Gevatterin, so auch mit
ihrer Kunkel unter ihnen saß, hätte noch gar gern gehört, ob wohl die
schöne Lau das Lot noch habe, und was sie damit tue, und red'te so von
weitem darauf hin; da gab Frau Betha ihr nach ihrer Weise einen kleinen
Stich und sprach zur Lau: »Ja, gelt, jetzt macht Ihr Euch bisweilen
unsichtbar, geht herum in den Häusern und guckt den Weibern in die
Töpfe, was sie zu Mittag kochen? Eine schöne Sach' um so ein Lot für
fürwitzige Leute!«
Inmittelst fing der Dirnen eine an, halblaut das närrische
Gesetzlein[34] herzusagen; die andern taten ein gleiches, und jede
wollt' es besser können, und keine brachte es zum dritten oder
viertenmal glatt aus dem Mund; dadurch gab es viel Lachen. Zum letzten
mußte es die schöne Lau probieren: die Jutta ließ ihr keine Ruh. Sie
wurde rot bis an die Schläfe, doch hub sie an und klüglicherweise gar
langsam:
's leit a Klötzle Blei glei bei Blaubeura.
Die Wirtin rief ihr zu, so sei es keine Kunst; es müsse gehen wie
geschmiert! Da nahm sie ihren Anlauf frisch hinweg, kam auch alsbald
vom Pfad ins Stoppelfeld, fuhr buntüberecks[35] und wußte nimmer gicks
noch gacks. Jetzt, wie man denken kann, gab es Gelächter einer Stuben
voll, das hättet ihr nur hören sollen, und mitten draus hervor der
schönen Lau ihr Lachen, so hell wie ihre Zähne, die man alle sah!
Doch unversehens, mitten in dieser Fröhlichkeit und Lust, begab sich
ein mächtiges Schrecken.
Der Sohn vom Haus, der Wirt, -- er kam gerade mit dem Wagen heim von
Sonderbuch und fand die Knechte verschlafen im Stall -- sprang hastig
die Stiege herauf, rief seine Mutter vor die Tür und sagte, daß es
alle hören konnten: »Um Gottes willen, schickt die Lau nach Haus! Hört
Ihr denn nicht im Städtlein den Lärm? Der Blautopf leert sich aus, die
untere Gasse ist schon unter Wasser, und in dem Berg am Gumpen ist
ein Getös und Rollen, als wenn die Sintflut käme!« -- Indem er noch
so sprach, tat innen die Lau einen Schrei: »Das ist der König, mein
Gemahl, und ich bin nicht daheim!« -- Hiermit fiel sie von ihrem Stuhl
sinnlos zu Boden, daß die Stube zitterte. Der Sohn war wieder fort, die
Spinnerinnen liefen jammernd heim mit ihren Rocken, die andern wußten
aber nicht, was anzufangen mit der armen Lau, welche wie tot da lag.
Eins machte ihr die Kleider auf, ein anderes strich sie an, das dritte
riß die Fenster auf, und schafften doch alle miteinander nichts.
Da streckte unverhofft der lustige Koch den Kopf zur Tür herein,
sprechend: »Ich hab' mir's eingebildet, sie wär' bei euch! Doch, wie
ich sehe, geht's nicht allzu lustig her. Macht, daß die Ente in das
Wasser kommt, so wird sie schwimmen!« -- »Du hast gut reden!« sprach
die Mutter mit Beben. »Hat man sie auch im Keller und im Brunnen, kann
sie sich unten nicht den Hals abstürzen im Geklüft?« -- »Was Keller!«
rief der Sohn, »was Brunnen! Das geht ja freilich nicht. Laßt mich nur
machen! Not kennt kein Gebot: ich trag' sie in den Blautopf.« -- Und
damit nahm er, als ein starker Kerl, die Wasserfrau auf seine Arme.
»Komm, Jutta -- nicht heulen! -- geh mir voran mit der Latern'!« -- »In
Gottes Namen!« sagte die Wirtin. »Doch nehmt den Weg hinten herum durch
die Gärten! Es wimmelt die Straße mit Leuten und Lichtern.« -- »Der
Fisch hat sein Gewicht,« sprach er im Gehn, schritt aber festen Tritts
die Stiege hinunter, dann über den Hof und links und rechts, zwischen
Hecken und Zäunen hindurch.
Am Gumpen fanden sie das Wasser schon merklich gefallen, gewahrten aber
nicht, wie die drei Zofen, mit den Köpfen dicht unter dem Spiegel,
ängstlich hin und wieder schwammen, nach ihrer Frau ausschauend. Das
Mädchen stellte die Laterne hin, der Koch entledigte sich seiner Last,
indem er sie behutsam mit dem Rücken an den Kürbishügel lehnte. Da
raunte ihm sein eigener Schalk ins Ohr: Wenn du sie küßtest, freute
dich's dein Leben lang, und könntest du doch sagen, du habest einmal
eine Wasserfrau geküßt. -- Und eh' er es recht dachte, war's geschehen.
Da löschte ein Schuck Wasser aus dem Topf das Licht urplötzlich aus,
daß es stichdunkel war umher, und tat es dann nicht anders, als wenn
ein ganz halb Dutzend nasser Hände auf ein paar kernige Backen fiel,
und wo es sonst hintraf. Die Schwester rief: »Was gibt es denn?« --
»Maulschellen heißt man's hier herum!« sprach er. »Ich hätte nicht
gedacht, daß sie am Schwarzen Meer sottige[36] Ding' auch kenneten!«
-- Dies sagend stahl er sich eilends davon, doch weil es vom Widerhall
drüben am Kloster auf Mauern und Dächern und Wänden mit Maulschellen
brazzelte, stund er bestürzt, wußte nicht recht wohin, denn er glaubte
den Feind vorn und hinten. (Solch einer Witzung[37] brauchte es, damit
er sich des Mundes nicht berühme, den er geküßt, unwissend zwar, daß er
es _müssen_ tun der schönen Lau zum Heil.)
Inwährend diesem argen Lärm nun hörte man die Fürstin in ihrem
Ohnmachtschlaf so innig lachen, wie sie damals im Traum getan, wo sie
den Abt sah springen. Der Koch vernahm es noch von weitem, und ob er's
schon auf sich zog und mit Grund, erkannte er doch gern daraus, daß es
nicht weiter Not mehr habe mit der Frau.
Bald kam mit guter Zeitung auch die Jutte heim, die Kleider, den Rock
und das Leibchen im Arm, welche die schöne Lau zum letztenmal heut am
Leibe gehabt. Von ihren Kammerjungfern, die sie am Topf in Beisein des
Mädchens empfingen, erfuhr sie gleich zu ihrem großen Trost, der König
sei noch nicht gekommen, doch mög' es nicht mehr lang' anstehn; die
große Wasserstraße sei schon angefüllt. Dies nämlich war ein breiter,
hoher Felsenweg, tief unterhalb den menschlichen Wohnstätten, schön
grad und eben mitten durch den Berg gezogen, zwo Meilen lang von da bis
an die Donau, wo des alten Nixen Schwester ihren Fürstensitz hatte.
Derselben waren viele Flüsse, Bäche, Quellen dieses Gaues dienstbar;
die schwellten, wenn das Aufgebot an sie erging, besagte Straße in gar
kurzer Zeit so hoch mit ihren Wassern, daß sie mit allem Seegetier,
Meerrossen und Wagen füglich befahren werden mochte, welches bei
festlicher Gelegenheit zuweilen als ein schönes Schaugepräng mit vielen
Fackeln und Musik von Hörnern und Pauken geschah.
Die Zofen eilten jetzo sehr mit ihrer Herrin in das Putzgemach, um sie
zu salben, zöpfen und köstlich anzuziehen, das sie auch gern zuließ und
selbst mithalf; denn sie in ihrem Innern fühlte, es sei nun jegliches
erfüllt zusamt dem Fünften, so der alte Nix und sie nicht wissen durfte.
Drei Stunden wohl, nachdem der Wächter Mitternacht gerufen (es schlief
im Nonnenhof schon alles), erscholl die Kellerglocke zweimal mächtig,
zum Zeichen, daß es Eile habe, und hurtig waren auch die Frauen und die
Töchter auf dem Platz.
Die Lau begrüßte sie wie sonst vom Brunnen aus, nur war ihr Gesicht von
der Freude verschönt, und ihre Augen glänzten, wie man es nie an ihr
gesehen. Sie sprach: »Wißt, daß mein Ehgemahl um Mitternacht gekommen
ist! Die Schwieger hat es ihm voraus verkündigt ohnelängst, daß sich
in dieser Nacht mein gutes Glück vollenden soll, darauf er ohne Säumen
auszog mit Geleit der Fürsten, seinem Ohm und meinem Bruder Synd und
vielen Herren. Am Morgen reisen wir. Der König ist mir hold und gnädig,
als hieß' ich von heute an erst sein Gespons. Sie werden gleich vom
Mahl aufstehn, sobald sie den Umtrunk gehalten. Ich schlich auf meine
Kammer und hierher, noch meine Gastfreunde zu grüßen und zu herzen.
Ich sage Dank, Frau Ahne, liebe Jutta, Euch Söhnerin und Jüngste dir.
Grüßet die Männer und die Mägde! In jedem dritten Jahr wird euch
Botschaft von mir; auch mag es wohl geschehn, daß ich noch bälder komme
selber: da bring' ich mit auf diesen meinen Armen ein lebend Merkmal,
daß die Lau bei euch gelacht. Das wollen euch die Meinen allezeit
gedenken, wie ich selbst. Für jetzo, wisset, liebe Wirtin! ist mein
Sinn, einen Segen zu stiften in dieses Haus für viele seiner Gäste.
Oft habe ich vernommen, wie Ihr den armen wandernden Gesellen Gut's
getan mit freier Zehrung und Herberg'. Damit Ihr solchen fortan mögt
noch eine weitere Handreichung tun, so werdet Ihr zu diesem Ende finden
beim Brunnen hier einen steinernen Krug voll guter Silbergroschen:
davon teilt ihnen nach Gutdünken mit! und will ich das Gefäß, bevor der
letzte Pfennig ausgegeben, wieder füllen. Zudem will ich noch stiften
auf alle hundert Jahr fünf Glückstage (denn dies ist meine holde Zahl)
mit unterschiedlichen Geschenken also, daß wer von reisenden Gesellen
der erste über Eure Schwelle tritt am Tag, der mir das erste Lachen
brachte, der soll empfangen aus Eurer oder Eurer Kinder Hand von
fünferlei Stücken das Haupt. Ein jeder, so den Preis gewinnt, gelobe,
nicht Ort noch Zeit dieser Bescherung zu verraten. Ihr findet aber
solche Gaben jedesmal hier nächst dem Brunnen. Die Stiftung, wisset!
mache ich für alle Zeit, solang' ein Glied von Eurem Stamme auf der
Wirtschaft ist.«
Nach diesen Worten nahm sie nochmals Abschied und küßte ein jedes. Die
beiden Frauen und die Mädchen weinten sehr. Sie steckte Jutten einen
Fingerreif mit grünem Schmelzwerk an und sprach dabei: »Ade, Jutta! Wir
haben zusammen besondere Holdschaft[38] gehabt, die müsse fernerhin
bestehen!« -- Nun tauchte sie hinunter, winkte und verschwand.
In einer Nische hinter dem Brunnen fand sich richtig der Krug samt
den verheißenen Angebinden. Es war in der Mauer ein Loch mit eisernem
Türlein versehen, von dem man nie gewußt, wohin es führe; das stand
jetzt aufgeschlagen, und war daraus ersichtlich, daß die Sachen durch
dienstbare Hand auf diesem Weg seien hergebracht worden, deshalb
auch alles wohl trocken verblieb. Es lag dabei ein Würfelbecher aus
Drachenhaut, mit goldenen Buckeln beschlagen, ein Dolch mit kostbar
eingelegtem Griff, ein elfenbeinen Weberschifflein, ein schönes
Tuch von fremder Weberei und mehr dergleichen. Aparte aber lag ein
Kochlöffel aus Rosenholz mit langem Stiel, von oben herab fein gemalt
und vergoldet, den war die Wirtin angewiesen, dem lustigen Koch zum
Andenken zu geben. Auch keins der andern war vergessen.
Frau Betha hielt bis an ihr Lebensende die Ordnung der guten Lau
heilig, und ihre Nachkommen nicht minder. Daß jene sich nachmals mit
ihrem Kind im Nonnenhof zum Besuch eingefunden, davon zwar steht nichts
in dem alten Buch, das diese Geschichten berichtet, doch mag ich es
wohl glauben.
Worterklärungen Mörikes zur Historie von der schönen Lau.
[2] _Der Blautopf_. Die dunkle, vollkommen blaue Farbe der
Quelle, ihre verborgene Tiefe und die wilde Natur der ganzen
Umgebung verleihen ihr ein feierliches, geheimnisvolles
Ansehn. Kein Wunder, wenn sie in alten Zeiten als heilig
betrachtet wurde und wenn das Volk noch jetzt mit
abenteuerlichen Vorstellungen davon sich trägt.
[3] _Lau_, von La, Wasser, welches in lo, lau, b'lau überging.
[4] _Gumpen_ (der), gewöhnlich nur eine vertiefte Stelle
auf dem Grunde des Wassers, hier das Ganze einer größern
Wassersammlung mit bedeutender kesselartiger Vertiefung.
[5] mäßig erwärmt (auch in moralischer Bedeutung: stillen
Charakters).
[6] begangene Pfade.
[7] Kaninchen.
[8] Schachspiel.
[9] voriges Jahr.
[10] Kohl.
[11] Hausflur.
[12] _Habergeis_, von heben, wegen der hüpfenden, hoppelnden
Bewegung des Kreises.
[13] _Bauren-Schwaiger_, von geschweigen, stillen. -- _Das
Selige_. Selig, berauscht, ist nicht gleichbedeutend mit
glückselig, obwohl darauf hinspielend, sondern gleichen
Stamms mit Sal, Rausch, niedersächsisch; ~soûl~, betrunken,
französisch.
[14] Schwiegertochter.
[15] _Susanne Preisnestel_. Scherzhafte Bezeichnung
aufgeputzter Mädchen. Preis heißt der Saum am Hemd;
prisen, einfassen; mit einer Kette, gewöhnlich von Silber,
einschnüren, um den bei der vormaligen oberschwäbischen
Frauentracht üblichen Brustvorstecker zu befestigen;
der hierzu gebrauchte seidene oder wollene Bündel hieß
Preisnestel.
[16] Aschenbrödel, sonst im Schwäbischen auch Aschengrittel und
Aeschengrusel genannt.
[17] begegnen.
[18] sehr, gut, besser.
[19] unwirsch, ungehalten.
[20] der Blick, Durnblick, Wetterblick, Blitz. -- _Rusenschloß_
oder Hohen-Gerhausen, vormals eine gewaltige Bergfeste, jetzt
äußerst malerische Ruine über dem Dorfe Gerhausen gelegen, in
der Nähe vom Ruck, einer minder bedeutenden Burg.
[21] 1. die zu mähende Wiese, 2. das Gemähte.
[22] Gärung, aufbrausender Zorn.
[23] ein Mensch, der seltsame Einfälle hat.
[24] _Lichtkarz_, Karz, entweder von garten, müßig sein,
umherschwärmen, z'Garten gehen, Besuch machen oder,
wahrscheinlicher, von Kerze, Versammlung von Spinnerinnen,
auch Vorsitz genannt.
[25] spitzfindig; »mit spitzwysen Worten« (Ulmer Urk.)
[26] Es ist das der Stiftskirche westlich gegenüberstehende
Mäntlersche Haus (jetzt städtisches Gebäude) gemeint, das
gegenwärtig noch »zum Schlößlein« heißt. -- _In natürlicher
Kunst_. Natürlich, naturkundig.
[27] _Imperial_, war ehemals eine Goldmünze; der Name ist nur
noch in Rußland üblich.
[28] _Spiriguckes_, ein wunderwitziger, neugieriger, auf
Kuriositäten erpichter Mensch von sonderbarem Wesen.
[29] _Mir nex_ -- _usganga_, sagt man am Schlusse der Erzählung
einer Sache, die auf nichts hinausläuft.
[30] bodenlos.
[31] sogar.
[32] nicht recht bei sich.
[33] langweiliges Einerlei; zunächst der schwäbische Volksname
für einen Vogel, Wendehals.
[34] Sprüchlein, Strophe eines Lieds.
[35] verkehrt, durcheinander.
[36] solche.
[37] Warnung.
[38] Liebschaft, zärtliche Freundschaft.
Mozart auf der Reise nach Prag.
Im Herbst des Jahres 1787 unternahm Mozart in Begleitung seiner Frau
eine Reise nach Prag, um Don Juan daselbst zur Aufführung zu bringen.
Am dritten Reisetag, den vierzehnten September, gegen elf Uhr morgens
fuhr das wohlgelaunte Ehepaar, noch nicht viel über dreißig Stunden
Wegs von Wien entfernt, in nordwestlicher Richtung jenseits vom
Mannhardsberg und der deutschen Thaya bei Schrems, wo man das schöne
Mährische Gebirg bald vollends überstiegen hat.
»Das mit drei Postpferden bespannte Fuhrwerk,« schreibt die Baronesse
von T. an ihre Freundin, »eine stattliche gelbrote Kutsche, war
Eigentum einer gewissen alten Frau Generalin Volkstett, die sich
auf ihren Umgang mit dem Mozartischen Hause und ihre ihm erwiesenen
Gefälligkeiten von jeher scheint etwas zugut getan zu haben.« -- Die
ungenaue Beschreibung des fraglichen Gefährts wird sich ein Kenner des
Geschmacks der achtziger Jahre noch etwa durch einige Züge ergänzen.
Der gelbrote Wagen ist hüben und drüben am Schlage mit Blumenbuketts,
in ihren natürlichen Farben gemalt, die Ränder mit schmalen Goldleisten
verziert, der Anstrich aber noch keineswegs von jenem spiegelglatten
Lack der heutigen Wiener Werkstätten glänzend, der Kasten auch nicht
völlig ausgebaucht, obwohl nach unten zu kokett mit einer kühnen
Schweifung eingezogen; dazu kommt ein hohes Gedeck mit starrenden
Ledervorhängen, die gegenwärtig zurückgestreift sind.
Von dem Kostüm der beiden Passagiere sei überdies soviel bemerkt! Mit
Schonung für die neuen im Koffer eingepackten Staatsgewänder war der
Anzug des Gemahls bescheidentlich von Frau Konstanzen ausgewählt:
zu der gestickten Weste von etwas verschossenem Blau sein gewohnter
brauner Überrock mit einer Reihe großer und dergestalt fassonierter
Knöpfe, daß eine Lage rötliches Rauschgold durch ihr sternartiges
Gewebe schimmerte, schwarzseidene Beinkleider, Strümpfe und auf den
Schuhen vergoldete Schnallen. Seit einer halben Stunde hat er wegen
der für diesen Monat außerordentlichen Hitze sich des Rocks entledigt
und sitzt, vergnüglich plaudernd, barhaupt, in Hemdärmeln da. Madame
Mozart trägt ein bequemes Reisehabit, hellgrün und weiß gestreift;
halb aufgebunden fällt der Überfluß ihrer schönen, lichtbraunen Locken
auf Schulter und Nacken herunter; sie waren Zeit ihres Lebens noch
niemals von Puder entstellt, während der starke in einen Zopf gefaßte
Haarwuchs ihres Gemahls für heute nur nachlässiger als gewöhnlich damit
versehen ist.
Man war eine sanft ansteigende Höhe zwischen fruchtbaren Feldern,
welche hie und da die ausgedehnte Waldung unterbrachen, gemachsam
hinauf und jetzt am Waldsaum angekommen.
»Durch wie viel Wälder,« sagte Mozart, »sind wir nicht heute, gestern
und ehegestern schon passiert! Ich dachte nichts dabei, geschweige
daß mir eingefallen wäre, den Fuß hineinzusetzen. Wir steigen einmal
aus da, Herzenskind, und holen von den blauen Glocken, die dort so
hübsch im Schatten stehen! Deine Tiere, Schwager, mögen ein bißchen
verschnaufen!«
Indem sie sich beide erhoben, kam ein kleines Unheil an den Tag,
welches dem Meister einen Zank zuzog. Durch seine Achtlosigkeit war ein
Flakon mit kostbarem Riechwasser aufgegangen und hatte seinen Inhalt
unvermerkt in die Kleider und Polster ergossen. »Ich hätt' es denken
können!« klagte sie; »es duftete schon lang' so stark. O weh, ein
volles Fläschchen echte Rosée d'Aurore rein ausgeleert! Ich sparte sie
wie Gold.« -- »Ei, Närrchen,« gab er ihr zum Trost zurück, »begreife
doch! auf solche Weise ganz allein war uns dein Götter-Riechschnaps
etwas nütze. Erst saß man in einem Backofen, und all dein Gefächel
half nichts, bald aber schien der ganze Wagen gleichsam ausgekühlt;
du schriebst es den paar Tropfen zu, die ich mir auf den Jabot goß;
wir waren neu belebt, und das Gespräch floß munter fort, statt daß wir
sonst die Köpfe hätten hängen lassen, wie die Hämmel auf des Fleischers
Karren, und diese Wohltat wird uns auf dem ganzen Weg begleiten. Jetzt
aber laß uns doch einmal zwei Wienerische Ros'n recht expreß hier in
die grüne Wildnis stecken!«
Sie stiegen Arm in Arm über den Graben an der Straße und sofort tiefer
in die Tannendunkelheit hinein, die, sehr bald bis zur Finsternis
verdichtet, nur hin und wieder von einem Streifen Sonne auf sammetnem
Moosboden grell durchbrochen ward. Die erquickliche Frische, im
plötzlichen Wechsel gegen die außerhalb herrschende Glut, hätte
dem sorglosen Mann ohne die Vorsicht der Begleiterin gefährlich
werden können. Mit Mühe drang sie ihm das in Bereitschaft gehaltene
Kleidungsstück auf. »Gott, welche Herrlichkeit!« rief er, an den hohen
Stämmen hinaufblickend, aus. »Man ist als wie in einer Kirche. Mir
deucht, ich war niemals in einem Wald, und besinne mich jetzt erst,
was es doch heißt: ein ganzes Volk von Bäumen beieinander! Keine
Menschenhand hat sie gepflanzt, sind alle selbst gekommen und stehen
so, nur eben weil es lustig ist beisammen wohnen und wirtschaften.
Siehst du, mit jungen Jahren fuhr ich doch in halb Europa hin und
her, habe die Alpen gesehn und das Meer, das Größeste und Schönste,
was erschaffen ist: jetzt steht von ungefähr der Gimpel in einem
ordinären Tannenwald an der böhmischen Grenze verwundert und verzückt,
daß solches Wesen irgend existiert, nicht etwa nur so ~una finzione
di poeti~ ist, wie ihre Nymphen, Faune und dergleichen mehr, auch
kein Komödienwald, nein, aus dem Erdboden herausgewachsen, von
Feuchtigkeit und Wärmelicht der Sonne großgezogen. Hier ist zu Haus
der Hirsch mit seinem wundersamen zackigen Gestäude auf der Stirn, das
possierliche Eichhorn, der Auerhahn, der Häher.« -- Er bückte sich,
brach einen Pilz und pries die prächtige hochrote Farbe des Schirms,
die zarten weißlichen Lamellen an dessen unterer Seite, auch steckte er
verschiedene Tannenzapfen ein.
»Man könnte denken,« sagte die Frau, »du habest noch nicht zwanzig
Schritte hinein in den Prater gesehen, der solche Raritäten doch auch
wohl aufzuweisen hat.«
»Was Prater! Sapperlot, wie du nur das Wort hier nennen magst! Vor
lauter Karossen, Staatsdegen, Roben und Fächern, Musik und allem
Spektakel der Welt, wer sieht denn da noch sonst etwas? Und selbst
die Bäume dort, so breit sie sich auch machen, ich weiß nicht --
Bucheckern und Eicheln, am Boden verstreut, sehn halter aus als wie
Geschwisterkind mit der Unzahl verbrauchter Korkstöpsel darunter. Zwei
Stunden weit riecht das Gehölz nach Kellnern und nach Saucen.«
»O unerhört!« rief sie, »so redet nun der Mann, dem gar nichts über das
Vergnügen geht, Backhähnl im Prater zu speisen!«
Als beide wieder in dem Wagen saßen und sich die Straße jetzt nach
einer kurzen Strecke ebenen Wegs allmählich abwärts senkte, wo eine
lachende Gegend sich bis an die entfernteren Berge verlor, fing unser
Meister, nachdem er eine Zeitlang still gewesen, wieder an: »Die Erde
ist wahrhaftig schön und keinem zu verdenken, wenn er so lang' wie
möglich darauf bleiben will. Gott sei's gedankt! ich fühle mich so
frisch und wohl wie je und wäre bald zu tausend Dingen aufgelegt, die
denn auch alle nacheinander an die Reihe kommen sollen, wie nur mein
neues Werk vollendet und aufgeführt sein wird. Wie viel ist draußen in
der Welt und wie viel daheim, Merkwürdiges und Schönes, das ich noch
gar nicht kenne, an Wunderwerken der Natur, an Wissenschaften, Künsten
und nützlichen Gewerben! Der schwarze Köhlerbube dort bei seinem Meiler
weiß dir von manchen Sachen auf ein Haar so viel Bescheid wie ich, da
doch ein Sinn und ein Verlangen in mir wäre, auch einen Blick in dies
und jenes zu tun, das eben nicht zu meinem nächsten Kram gehört.«
»Mir kam,« versetzte sie, »in diesen Tagen dein alter Sackkalender in
die Hände von anno fünfundachtzig; da hast du hinten angemerkt drei bis
vier Notabene. Zum ersten steht: Mitte Oktober gießet man die großen
Löwen in kaiserlicher Erzgießerei; fürs zweite, doppelt angestrichen:
Professor Gattner zu besuchen! Wer ist der?«