Jetzt ging einsmals der Wirtin Tochter, Jutta, in den Keller, woselbst

sich noch von alten Zeiten her ein offener Brunnen mit einem steinernen

Kasten befand. Beim Schein des Lichts erblickte sie darinnen mit

Entsetzen die schöne Lau, schwebend bis an die Brust im Wasser, sprang

voller Angst davon und sagt's der Mutter an; die fürchtete sich nicht

und stieg allein hinunter, litt auch nicht, daß ihr der Sohn zum Schutz

nachfolge, weil das Weib nackt war.

Der wunderliche Gast sprach diesen Gruß:

Die Wasserfrau ist kommen

Gekrochen und geschwommen

Durch Gänge steinig, wüst und kraus

Zur Wirtin in das Nonnenhaus.

Sie hat sich meinethalb gebückt,

Mein' Topf geschmückt

Mit Früchten und mit Ranken,

Das muß ich billig danken.

Sie hatte einen Kreisel aus wasserhellem Stein in ihrer Hand, den gab

sie der Wirtin und sagte: »Nehmt dieses Spielzeug, liebe Frau, zu

meinem Angedenken! Ihr werdet guten Nutzen davon haben. Denn jüngsthin

habe ich gehört, wie Ihr in Eurem Garten der Nachbarin klagtet, Euch

sei schon auf die Kirchweih angst, wo immer die Bürger und Bauern zu

Unfrieden kämen und Mord und Totschlag zu befahren sei. Derhalben,

liebe Frau, wenn wieder die trunkenen Gäste bei Tanz und Zeche Streit

beginnen, nehmt den Topf zur Hand und dreht ihn vor der Tür des Saals

im Öhrn[11], da wird man hören durch das ganze Haus ein mächtiges und

herrliches Getöne, daß alle gleich die Fäuste werden sinken lassen und

guter Dinge sein, denn jählings ist ein jeder nüchtern und gescheit

geworden. Ist es an dem, so werfet Eure Schürze auf den Topf! da

wickelt er sich alsbald ein und lieget stille.«

So redete das Wasserweib. Frau Betha nahm vergnügt das Kleinod samt

der goldenen Schnur und dem Halter von Ebenholz, rief ihre Tochter

Jutta her (sie stand nur hinter dem Krautfaß an der Staffel), wies

ihr die Gabe, dankte und lud die Frau, so oft die Zeit ihr lang wär',

freundlich ein zu fernerem Besuch; darauf das Weib hinabfuhr und

verschwand.

Es dauerte nicht lang', so wurde offenbar, welch einen Schatz die

Wirtschaft an dem Topf gewann. Denn nicht allein, daß er durch seine

Kraft und hohe Tugend die übeln Händel allezeit in einer Kürze dämpfte,

er brachte auch dem Gasthaus bald erstaunliche Einkehr zuwege. Wer in

die Gegend kam, gemein oder vornehm, ging ihm zulieb; insonderheit

kam bald der Graf von Helfenstein, von Wirtemberg und etliche große

Prälaten; ja ein berühmter Herzog aus Lombardenland, so bei dem Herzoge

von Bayern gastweis war und dieses Wegs nach Frankreich reiste, bot

vieles Geld für dieses Stück, wenn es die Wirtin lassen wollte. Gewiß

auch war in keinem andern Land seinesgleichen zu sehen und zu hören.

Erst, wenn er anhub sich zu drehen, ging es doucement her, dann klang

es stärker und stärker, so hoch wie tief, und immer herrlicher, als

wie der Schall von vielen Pfeifen, der quoll und stieg durch alle

Stockwerke bis unter das Dach und bis in den Keller, dergestalt daß

alle Wände, Dielen, Säulen und Geländer schienen davon erfüllt zu sein,

zu tönen und zu schwellen. Wenn nun das Tuch auf ihn geworfen wurde

und er ohnmächtig lag, so hörte gleichwohl die Musik sobald nicht auf,

es zog vielmehr der ausgeladene Schwall mit starkem Klingen, Dröhnen,

Summen noch wohl bei einer Viertelstunde hin und her.

Bei uns im Schwabenland heißt so ein Topf aus Holz gemeinhin eine

Habergeis[12]; Frau Betha ihrer ward nach seinem vornehmsten Geschäfte

insgemein genannt der Bauren-Schwaiger[13]. Er war gemacht aus einem

großen Amethyst, des Name besagen will: Wider den Trunk, weil er den

schweren Dunst des Weins geschwinde aus dem Kopf vertreibt, ja schon

von Anbeginn dawider tut, daß einen guten Zecher das Selige berühre;

darum ihn auch weltlich und geistliche Herren sonst häufig pflegten am

Finger zu tragen.

Die Wasserfrau kam jeden Mond einmal, auch je und je unverhofft

zwischen der Zeit, weshalb die Wirtin eine Schelle richten ließ oben im

Haus mit einem Draht, der lief herunter an der Wand beim Brunnen, damit

sie sich gleichbald anzeigen konnte. Also ward sie je mehr und mehr

zutunlich zu den wackeren Frauen, der Mutter samt den Töchtern und der

Söhnerin[14].

Einsmals an einem Nachmittag im Sommer, da eben keine Gäste kamen, der

Sohn mit den Knechten und Mägden hinaus in das Heu gefahren war, Frau

Betha mit der Ältesten im Keller Wein abließ, die Lau im Brunnen aber

Kurzweil halben dem Geschäft zusah und nun die Frauen noch ein wenig

mit ihr plauderten, da fing die Wirtin an: »Mögt Ihr Euch denn einmal

in meinem Haus und Hof umsehn? Die Jutta könnte Euch etwas von Kleidern

geben; ihr seid von _einer_ Größe.«

»Ja,« sagte sie, »ich wollte lange gern die Wohnungen der Menschen

sehn, was alles sie darin gewerben, spinnen, weben, ingleichen auch

wie Eure Töchter Hochzeit machen und ihre kleinen Kinder in der Wiege

schwenken.«

Da lief die Tochter fröhlich mit Eile hinauf, ein rein Leintuch zu

holen, bracht' es und half ihr aus dem Kasten steigen; das tat sie

sonder Müh und lachenden Mundes. Flugs schlug ihr die Dirne das Tuch

um den Leib und führte sie bei ihrer Hand eine schmale Stiege hinauf

in der hintersten Ecke des Kellers, da man durch eine Falltüre oben

gleich in der Töchter Kammer gelangt. Allda ließ sie sich trocken

machen und saß auf einem Stuhl, indem ihr Jutta die Füße abrieb. Wie

diese ihr nun an die Sohle kam, fuhr sie zurück und kicherte. »War's

nicht gelacht?« frug sie selber sogleich. -- »Was anders?« rief das

Mädchen und jauchzte: »Gebenedeiet sei uns der Tag! ein erstes Mal

wär' es geglückt!« -- Die Wirtin hörte in der Küche das Gelächter und

die Freude, kam herein, begierig, wie es zugegangen, doch als sie

die Ursach vernommen -- du armer Tropf, so dachte sie, das wird ja

schwerlich gelten! -- ließ sich indes nichts merken, und Jutta nahm

etliche Stücke heraus aus dem Schrank, das Beste was sie hatte, die

Hausfreundin zu kleiden. »Seht!« sagte die Mutter, »sie will wohl aus

Euch eine Susann Preisnestel[15] machen.« -- »Nein,« rief Lau in ihrer

Fröhlichkeit, »laß mich die Aschengruttel[16] sein in deinem Märchen!«

nahm einen schlechten runden Faltenrock und eine Jacke; nicht Schuh

noch Strümpfe litt sie an den Füßen, auch hingen ihre Haare ungezöpft

bis auf die Knöchel nieder. So strich sie durch das Haus von unten

bis zu oberst, durch Küche, Stuben und Gemächer. Sie verwunderte sich

des gemeinsten Gerätes und seines Gebrauchs, besah den rein gefegten

Schenktisch und darüber in langen Reihen die zinnenen Kannen und

Gläser, alle gleich gestürzt, mit hängendem Deckel, dazu den kupfernen

Schwenkkessel samt der Bürste und mitten in der Stube an der Decke

der Weber Zunftgeschmuck, mit Seidenband und Silberdraht geziert, in

dem Kästlein von Glas. Von ungefähr erblickte sie ihr eigen Bild im

Spiegel, davor blieb sie betroffen und erstockt eine ganze Weile stehn,

und als darauf die Söhnerin sie mit in ihre Stube nahm und ihr ein

neues Spiegelein, drei Groschen wert, verehrte, da meinte sie Wunders

zu haben; denn unter allen ihren Schätzen fand sich dergleichen nicht.

Bevor sie aber Abschied nahm, geschah's, daß sie hinter den Vorhang des

Alkoven schaute, woselbst der jungen Frau und ihres Mannes Bett sowie

der Kinder Schlafstätte war. Saß da ein Enkelein mit rotgeschlafenen

Backen, hemdig und einen Apfel in der Hand, auf einem runden Stühlchen

von guter Ulmer Hafnerarbeit, grünverglaset. Das wollte dem Gast außer

Maßen gefallen; sie nannte es einen viel zierlichen Sitz, rümpft' aber

die Nase mit eins, und da die drei Frauen sich wandten zu lachen,

vermerkte sie etwas und fing auch hell zu lachen an, und hielt sich die

ehrliche Wirtin den Bauch, indem sie sprach: »Diesmal fürwahr hat es

gegolten, und Gott schenk Euch einen so frischen Buben, als mein Hans

da ist!«

Die Nacht darauf, daß sich dies zugetragen, legte sich die schöne

Lau getrost und wohlgemut, wie schon in Jahren nicht, im Grund des

Blautopfs nieder, schlief gleich ein, und bald erschien ihr ein

närrischer Traum.

Ihr deuchte da, es war die Stunde nach Mittag, wo in der heißen

Jahreszeit die Leute auf der Wiese sind und mähen, die Mönche aber sich

in ihren kühlen Zellen eine Ruhe machen, daher es noch einmal so still

im ganzen Kloster und rings um seine Mauern war. Es stund jedoch nicht

lange an, so kam der Abt herausspaziert und sah, ob nicht etwa die

Wirtin in ihrem Garten sei. Dieselbe aber saß als eine dicke Wasserfrau

mit langen Haaren in dem Topf, allwo der Abt sie bald entdeckte, sie

begrüßte und ihr einen Kuß gab, so mächtig, daß es vom Klostertürmlein

widerschallte, und schallte es der Turm ans Refektorium, das sagt'

es der Kirche, und die sagt's dem Pferdstall, und der sagt's dem

Waschhaus, und im Waschhaus da riefen's die Zuber und Kübel sich zu.

Der Abt erschrak bei solchem Lärm; ihm war, wie er sich nach der Wirtin

bückte, sein Käpplein in Blautopf gefallen; sie gab es ihm geschwind,

und er watschelte hurtig davon.

Da aber kam aus dem Kloster heraus unser Herrgott, zu sehn, was es

gebe. Er hatte einen langen weißen Bart und einen roten Rock. Und frug

den Abt, der ihm just in die Hände lief:

Herr Abt, wie ward Euer Käpplein so naß?

Und er antwortete:

Es ist mir ein Wildschwein am Wald verkommen[17],

Vor dem hab' ich Reißaus genommen;

Ich rannte sehr und schwitzet' baß[18],

Davon ward wohl mein Käpplein naß.

Da hob unser Herrgott, unwirs[19] ob der Lüge, seinen Finger auf,

winkt' ihm und ging voran, dem Kloster zu. Der Abt sah hehlings noch

einmal nach der Frau Wirtin um, und diese rief: »Ach, liebe Zeit! ach,

liebe Zeit! jetzt kommt der gut' alt' Herr in die Prison!«

Dies war der schönen Lau ihr Traum. Sie wußte aber beim Erwachen und

spürte noch an ihrem Herzen, daß sie im Schlaf sehr lachte, und ihr

hüpfte noch wachend die Brust, daß der Blautopf oben Ringlein schlug.

Weil es den Tag zuvor sehr schwül gewesen, so blitzte es jetzt in der

Nacht. Der Schein erhellte den Blautopf ganz, auch spürte sie am Boden,

es donnere weitweg. So blieb sie mit zufriedenem Gemüte noch eine Weile

ruhen, den Kopf in ihre Hand gestützt, und sah dem Wetterblicken[20]

zu. Nun stieg sie auf, zu wissen, ob der Morgen etwa komme: allein es

war noch nicht viel über Mitternacht. Der Mond stand glatt und schön

über dem Rusenschoß, die Lüfte aber waren voll vom Würzgeruch der

Mahden[21].

Sie meinte fast der Geduld nicht zu haben bis an die Stunde, wo sie

im Nonnenhof ihr neues Glück verkünden durfte, ja wenig fehlte, daß

sie sich jetzt nicht mitten in der Nacht aufmachte und vor Juttas Türe

kam (wie sie nur einmal Trostes wegen in übergroßem Jammer nach der

jüngsten Botschaft aus der Heimat tat), doch sie besann sich anders und

ging zu besserer Zeit.

Frau Betha hörte ihren Traum gutmütig an, obwohl er ihr ein wenig

ehrenrührig schien. Bedenklich aber sagte sie darauf: »Baut nicht auf

solches Lachen, das im Schlaf geschah! der Teufel ist ein Schelm.

Wenn Ihr auf solches Trugwerk hin die Boten mit fröhlicher Zeitung

entließet, und die Zukunft strafte Euch Lügen, es könnte schlimm daheim

ergehen.«

Auf diese Rede hing die schöne Lau den Mund gar sehr und sagte: »Frau

Ahne hat der Traum verdrossen!« nahm kleinlauten Abschied und tauchte

hinunter.

Es war nah bei Mittag, da rief der Pater Schaffner im Kloster dem

Bruder Kellermeister eifrig zu: »Ich merk', es ist im Gumpen letz! Die

Arge will Euch Eure Faß wohl wieder einmal schwimmen lehren. Tut Eure

Läden eilig zu, vermachet alles wohl!«

Nun aber war des Klosters Koch, der Wirtin Sohn, ein lustiger Vogel,

welchen die Lau wohl leiden mochte. Der dachte ihren Jäst[22] mit

einem Schnak zu stillen, lief nach seiner Kammer, zog die Bettscher

aus der Lagerstätte und steckte sie am Blautopf in den Rasen, wo das

Wasser auszutreten pflegte, und stellte sich mit Worten und Gebärden

als einen viel getreuen Diener an, der mächtig Ängsten hätte, daß seine

Herrschaft aus dem Bette fallen und etwa Schaden nehmen möchte. Da sie

nun sah das Holz so recht mit Fleiß gesteckt und über das Bächlein

gespreizt, kam ihr in ihrem Zorn das Lachen an, und lachte überlaut,

daß man's im Klostergarten hörte.

Als sie hierauf am Abend zu den Frauen kam, da wußten sie es schon vom

Koch und wünschten ihr mit tausend Freuden Glück. Die Wirtin sagte:

»Der Xaver ist von Kindesbeinen an gewesen als wie der Zuberklaus[23],

jetzt kommt uns seine Torheit zu statten.«

Nun aber ging ein Monat nach dem andern herum: es wollte sich zum

dritten- oder viertenmal nicht wieder schicken. Martini war vorbei,

noch wenig Wochen, und die Boten standen wieder vor der Tür. Da ward es

den guten Wirtsleuten selbst bang, ob heuer noch etwas zu stande käme,

und alle hatten nur zu trösten an der Frau. Je größer deren Angst, je

weniger zu hoffen war.

Damit sie ihres Kummers eher vergessen, lud ihr Frau Betha einen

Lichtkarz[24] ein, da nach dem Abendessen ein halb Dutzend muntre

Dirnen und Weiber aus der Verwandtschaft in einer abgelegenen Stube

mit ihren Kunkeln sich zusammensetzten. Die Lau kam alle Abend in

Juttas altem Rock und Kittel und ließ sich weit vom warmen Ofen weg

in einem Winkel auf dem Boden nieder und hörte dem Geplauder zu, von

Anfang als ein stummer Gast, ward aber bald zutraulich und bekannt mit

allen. Um ihretwillen machte sich Frau Betha eines Abends ein Geschäft

daraus, ihr Weihnachtskripplein für die Enkel beizeiten herzurichten:

die Mutter Gottes mit dem Kind im Stall, bei ihr die drei Weisen aus

Morgenland, ein jeder mit seinem Kamel, darauf er hergereist kam und

seine Gaben brachte. Dies alles aufzuputzen und zu leimen, was etwa

lotter war, saß die Frau Wirtin an dem Tisch beim Licht mit ihrer

Brille, und die Wasserfrau mit höchlichem Ergötzen sah ihr zu, so wie

sie auch gerne vernahm, was ihr von heiligen Geschichten dabei gesagt

wurde, doch nicht, daß sie dieselben dem rechten Verstand nach begriff

oder zu Herzen nahm, wie gern auch die Wirtin es wollte.

Frau Betha wußte ferner viel lehrreicher Fabeln und Denkreime, auch

spitzweise[25] Fragen und Rätsel; die gab sie nacheinander im Vorsitz

auf zu raten, weil sonderlich die Wasserfrau von Hause aus dergleichen

liebte und immer gar zufrieden schien, wenn sie es ein und das andre

Mal traf (das doch nicht allzu leicht geriet). Eines derselben gefiel

ihr vor allen, und was damit gemeint ist, nannte sie ohne Besinnen:

Ich bin eine dürre Königin,

Trag' auf dem Haupt eine zierliche Kron',

Und die mir dienen mit treuem Sinn,

Die haben großen Lohn.

Meine Frauen müssen mich schön frisiern,

Erzählen mir Märlein ohne Zahl,

Sie lassen kein einzig Haar an mir,

Doch siehst du mich nimmer kahl.

Spazieren fahr' ich frank und frei,

Das geht so rasch, das geht so fein;

Nur komm ich nicht vom Platz dabei --

Sagt Leute! was mag das sein?

Darüber sagte sie, in etwas fröhlicher denn zuvor: »Wenn ich

dereinstens wiederum in meiner Heimat bin und kommt einmal ein

schwäbisch Landeskind, zumal aus Eurer Stadt, auf einer Kriegsfahrt

oder sonst durch der Walachen Land an unsere Gestade, so ruf er mich

bei Namen, dort wo der Strom am breitesten hineingeht in das Meer --

versteht! zehn Meilen einwärts in dieselbe See erstreckt sich meines

Mannes Reich, soweit das süße Wasser sie mit seiner Farbe färbt -- dann

will ich kommen und dem Fremdling zu Rat und Hilfe sein. Damit er aber

sicher sei, ob ich es bin und keine andere, die ihm schaden möchte, so

stelle er dies Rätsel. Niemand aus unserm Geschlechte außer mir wird

ihm darauf antworten, denn dortzuland sind solche Rocken und Rädlein,

als Ihr in Schwaben führet, nicht gesehn, noch kennen sie dort Eure

Sprache; darum mag dies die Losung sein.«

Auf einen andern Abend ward erzählt vom Doktor Veylland und Herrn

Konrad von Wirtemberg, dem alten Gaugrafen, in dessen Tagen es noch

keine Stadt mit Namen Stuttgart gab. Im Wiesental, da wo dieselbe sich

nachmals erhob, stund nur ein stattliches Schloß mit Wassergraben und

Zugbrücke, von Bruno, dem Domherrn von Speyer, Konradens Oheim, erbaut,

und nicht gar weit davon ein hohes steinernes Haus[26]. In diesem

wohnte dazumal mit einem alten Diener ganz allein ein sonderlicher

Mann, der war in natürlicher Kunst und in Arzneikunst sehr gelehrt

und war mit seinem Herrn, dem Grafen, weit in der Welt herumgereist

in heißen Ländern, von wo er manche Seltsamkeit an Tieren, vielerlei

Gewächsen und Meerwundern heraus nach Schwaben brachte. In seinem Öhrn

sah man der fremden Sachen eine Menge an den Wänden herum hangen: die

Haut vom Krokodil sowie Schlangen und fliegende Fische. Fast alle

Wochen kam der Graf einmal zu ihm; mit anderen Leuten pflegte er wenig

Gemeinschaft. Man wollte behaupten, er mache Gold; gewiß ist, daß er

sich unsichtbar machen konnte, denn er verwahrte unter seinem Kram

einen Krackenfischzahn. Einst nämlich, als er auf dem Roten Meer

das Bleilot niederließ, die Tiefe zu erforschen, da zockt' es unterm

Wasser, daß das Tau fast riß. Es hatte sich ein Krackenfisch im Lot

verbissen und zween seiner Zähne darinnen gelassen. Sie sind wie eine

Schustersahle, spitz und glänzend schwarz. Der eine stak sehr fest,

der andere ließ sich leicht ausziehen. Da nun ein solcher Zahn, etwa

in Silber oder Gold gefaßt und bei sich getragen, besagte hohe Kraft

besitzt und zu den größten Gütern, so man für Geld nicht haben kann,

gehört, der Doktor aber dafür hielt, es zieme eine solche Gabe niemand

besser, als einem weisen und wohldenkenden Gebieter, damit er überall,

in seinen eigenen und Feindes Landen, sein Ohr und Auge habe, so gab er

einen dieser Zähne seinem Grafen, wie er ja ohnedem wohl schuldig war,

mit Anzeigung von dessen Heimlichkeit, davon der Herr nichts wußte. Von

diesem Tage an erzeigte sich der Graf dem Doktor gnädiger als allen

seinen Edelleuten oder Räten, und hielt ihn recht als seinen lieben

Freund, ließ ihm auch gern und sonder Neid das Lot zu eigen, darin der

andere Zahn war, doch unter dem Gelöbnis, sich dessen ohne Not nicht zu

bedienen, auch ihn vor seinem Ableben entweder ihm, dem Grafen, erblich

zu verlassen oder auf alle Weise der Welt zu entrücken, wo nicht ihn

gänzlich zu vertilgen. Der edle Graf starb aber um zwei Jahre eher

als der Veylland und hinterließ das Kleinod seinen Söhnen nicht; man

glaubt, aus Gottesfurcht und weiser Vorsicht hab' er es mit in das

Grab genommen oder sonst verborgen.

Wie nun der Doktor auch am Sterben lag, so rief er seinen treuen

Diener Kurt zu ihm ans Bett und sagte: »Lieber Kurt! es gehet diese

Nacht mit mir zu Ende, so will ich dir noch deine guten Dienste

danken und etliche Dinge befehlen. Dort bei den Büchern in dem Fach

zu unterst in der Ecke ist ein Beutel mit hundert Imperialen[27], den

nimm sogleich zu dir! Du wirst auf Lebenszeit genug daran haben. Zum

zweiten, das alte geschriebene Buch in dem Kästlein daselbst verbrenne

jetzt vor meinen Augen hier in dem Kamin! Zum dritten findest du ein

Bleilot dort, das nimm, verbirg's bei deinen Sachen, und wenn du aus

dem Hause gehst in deine Heimat gen Blaubeuren, laß es dein erstes

sein, daß du es in den Blautopf wirfst!« -- Hiermit war er darauf

bedacht, daß es ohne Gottes besondere Fügung in ewigen Zeiten nicht

in irgend eines Menschen Hände komme. Denn damals hatte sich die Lau

noch nie im Blautopf blicken lassen, und hielt man selben überdies für

unergründlich.

Nachdem der gute Diener jenes alles teils auf der Stelle ausgerichtet,

teils versprochen, nahm er mit Tränen Abschied von dem Doktor, welcher

vor Tage noch das Zeitliche gesegnete.

Als nachher die Gerichtspersonen kamen und allen kleinen Quark

aussuchten und versiegelten, da hatte Kurt das Bleilot zwar beiseit

gebracht, den Beutel aber nicht versteckt (denn er war keiner von

den Schlauesten) und mußte ihn da lassen, bekam auch nach der Hand

nicht einen Deut davon zu sehen, kaum daß die schnöden Erben ihm den

Jahreslohn auszahlten.

Solch Unglück ahnete ihm schon, als er, auch ohnedem betrübt genug,

mit seinem Bündelein in seiner Vaterstadt einzog. Jetzt dachte er an

nichts, als seines Herrn Befehl vor allen Dingen zu vollziehen. Weil er

seit dreiundzwanzig Jahren nimmer hier gewesen, so kannte er die Leute

nicht, die ihm begegneten, und da er gleichwohl einem und dem andern

Gutenabend sagte, gab's ihm niemand zurück. Die Leute schauten sich,

wenn er vorüberkam, verwundert an den Häusern um, wer doch da gegrüßt

haben möchte; denn keines erblickte den Mann. Dies kam, weil ihm das

Lot in seinem Bündel auf der linken Seite hing; ein andermal, wenn er

es rechts trug, war er von allen gesehen. Er aber sprach für sich: »Zu

meiner Zeit sind dia Blaubeuramar so grob ett gwä!«

Beim Blautopf fand er seinen Vetter, den Seilermeister, mit dem Jungen

am Geschäft, indem er längs der Klostermauer, rückwärts gehend, Werg

aus seiner Schürze spann, und weiterhin der Knabe trillte die Schnur

mit dem Rad. -- »Gott grüaß di, Vetter Seiler!« rief der Kurt und

klopft' ihm auf die Achsel. Der Meister guckt sich um, verblaßt, läßt

seine Arbeit aus den Händen fallen und lauft, was seine Beine mögen.

Da lachte der andere, sprechend: »Der denkt, mei' Seel, i wandele

geistweis! D'Leut hant g'wiß mi für tot hia g'sait, anstatt mein' Herra

-- ei so schlag!«

Jetzt ging er zu dem Teich, knüpfte sein Bündel auf und zog das Lot

heraus. Da fiel ihm ein, er möchte doch auch wissen, ob es wahr sei,

daß der Gumpen keinen Grund noch Boden habe (er wär' gern auch ein

wenig so ein Spiriguckes[28] wie sein Herr gewesen), und weil er vorhin

in des Seilers Korb drei große, starke Schnürbund hatte liegen sehen,

so holte er dieselben her und band das Lot an einen. Es lagen just

auch frischgebohrte Teichel, eine schwere Menge, in dem Wasser bis

gegen die Mitte des Topfs, darauf er sicher Posto fassen konnte, und

also ließ er das Gewicht hinunter, indem er immer ein Stück Schnur an

seinem ausgestreckten Arm abmaß, drei solcher Längen auf ein Klafter

rechnete und laut abzählte: »1 Klafter, 2 Klafter, 3, 4, 5, 6, 7, 8,

9, 10« -- da ging der erste Schnurbund aus und mußte er den zweiten

an das Ende knüpfen, maß wiederum ab und zählte bis auf 20. Da war

der andere Schnurbund gar. -- »Heidaguguk, ist dees a Tiafe!« -- und

band den dritten an das Trumm, fuhr fort zu zählen: »21, 22, 23, 24 --

Höllelement, mei' Arm will nimme! -- 25, 26, 27, 28, 29, 30 -- Jetzet

guat Nacht, 's Meß hot a End! Do heißt's halt, mir nex[29], dir nex,

rappede kappede, so isch usganga!« -- Er schlang die Schnur, bevor er

aufzog, um das Holz, darauf er stand, ein wenig zu verschnaufen, und

urteilte bei sich: Der Topf ist währle bodalaus[30].

Indem der Spinnerinnen eine diesen Schwank erzählte, tat die Wirtin

einen schlauen Blick zur Lau hinüber, welche lächelte; denn freilich

wußte sie am besten, wie es gegangen war mit dieser Messerei; doch

sagten beide nichts. Dem Leser aber soll es unverhalten sein.

Die schöne Lau lag jenen Nachmittag auf dem Sand in der Tiefe, und,

ihr zu Füßen, eine Kammerjungfer, Aleila, welche ihr die liebste war,

beschnitt ihr in guter Ruh die Zehen mit einer goldenen Schere, wie von

Zeit zu Zeit geschah.

Auswahl aus den Dichtungen Eduard Mörikes · 第 4 / 11 段