Am Samstag muß ein Pfarrer fein

Daheim in seiner Klause sein,

Nicht visiteln, herumkutschieren,

Seine Faß einbrennen, sonst hantieren.

Meiner hat selten solch Gelust.

Einmal -- ihr sagt's nicht weiter just --

Zimmert' er den ganzen Nachmittag

Dem Fritz an einem Meisenschlag

Dort an dem Tisch und schwatzt' und schmaucht';

Mich alten Tropf kurzweilt' es auch.

Jetzt ist der liebe Sonntag da,

Es läut't zur Kirchen fern und nah.

Man orgelt schon: mir wird dabei,

Als säß' ich in der Sakristei.

Es ist kein Mensch im ganzen Haus;

Ein Mücklein hör' ich, eine Maus.

Die Sonne sich ins Fenster schleicht,

Zwischen die Kaktusstöck' hinstreicht

Zum kleinen Pult von Nußbaumholz,

Eines alten Schreinermeisters Stolz,

Beschaut sich, was da liegt umher,

Konkordanz und Kinderlehr',

Oblatenschachtel, Amtssigill,

Im Tintenfaß sich spiegeln will,

Zuteuerst Sand und Grus besicht,

Sich an dem Federmesser sticht

Und gleitet übern Armstuhl frank

Hinüber an den Bücherschrank.

Da stehn in Pergament und Leder

Vornan die frommen Schwabenväter:

_Andreä_, _Bengel_, _Rieger_ zween

Samt _Ötinger_ sind da zu sehn.

Wie sie die goldnen Namen liest,

Noch goldener ihr Mund sie küßt,

Wie sie rührt an _Hillers_ Harfenspiel --

Horch! klingt es nicht? so fehlt nicht viel.

Inmittelst läuft ein Spinnlein zart

An mir hinauf nach seiner Art

Und hängt sein Netz, ohn' erst zu fragen,

Mir zwischen Schnabel auf und Kragen.

Ich rühr' mich nicht aus meiner Ruh',

Schau' ihm eine ganze Weile zu;

Darüber ist es wohl geglückt,

Daß ich ein wenig eingenickt. --

Nun sagt, ob es in Dorf und Stadt

Ein alter Kirchhahn besser hat?

Ein Wunsch im stillen dann und wann

Kommt einen freilich wohl noch an.

Im Sommer stünd' ich gern da draus

Bisweilen auf dem Taubenhaus,

Wo dicht dabei der Garten blüht,

Man auch ein Stück vom Flecken sieht.

Dann in der schönen Winterzeit,

Als zum Exempel eben heut' --

Ich sag' es grad' -- da haben wir

Gar einen wackern Schlitten hier,

Grün, gelb und schwarz; er ward verwichen

Erst wieder sauber angestrichen:

Vorn auf dem Bogen brüstet sich

Ein fremder Vogel hoffärtig;

Wenn man mich etwas putzen wollt',

Nicht, daß es drum viel kosten sollt',

Ich stünd' so gut dort als wie der

Und machet niemand nicht Unehr'! --

Narr! denk' ich wieder, du hast dein Teil!

Willt du noch jetzo werden geil?

Mich wundert, ob dir nicht gefiel,

Daß man, der Welt zum Spott und Ziel,

Deinen warmen Ofen gar zuletzt

Mitsamt dir auf die Läufe setzt',

Daß auf dem G'sims da um dich säß'

Mann, Weib und Kind, der ganze Käs'.

Du alter Scherb, schämst du dich nicht,

Auf Eitelkeit zu sein erpicht?

Geh in dich, nimm dein Ende wahr!

Wirst nicht noch einmal hundert Jahr.

An Wilhelm Hartlaub.

Durchs Fenster schien der helle Mond herein:

Du saßest am Klavier im Dämmerschein,

Versankst im Traumgewühl der Melodien,

Ich folgte dir an schwarzen Gründen hin,

Wo der Gesang versteckter Quellen klang

Gleich Kinderstimmen, die der Wind verschlang.

Doch plötzlich war dein Spiel wie umgewandt,

Nur blauer Himmel schien noch ausgespannt,

Ein jeder Ton ein lang' gehaltnes Schweigen.

Da fing das Firmament sich an zu neigen,

Und jäh daran herab der Sterne selig Heer

Glitt rieselnd in ein goldig Nebelmeer,

Bis Tropf' um Tropfen hell darin zerging,

Die alte Nacht den öden Raum umfing.

Und als du neu ein fröhlich Leben wecktest,

Die Finsternis mit jungem Lichte schrecktest,

War ich schon weit hinweg mit Sinn und Ohr;

Zuletzt warst du es selbst, in den ich mich verlor.

Mein Herz durchzückt' mit eins ein Freudenstrahl:

Dein ganzer Wert erschien mir auf einmal.

So wunderbar empfand ich es, so neu,

Daß noch bestehe Freundeslieb' und Treu',

Daß uns so sichrer Gegenwart Genuß

Zusammenhält in Lebensüberfluß!

Ich sah dein hingesenktes Angesicht

Im Schatten halb, und halb im klaren Licht;

Du ahntest nicht, wie mir der Busen schwoll,

Wie mir das Auge brennend überquoll.

Du endigtest; ich schwieg. -- Ach, warum ist doch eben

Dem höchsten Glück kein Laut des Danks gegeben?

Da tritt dein Töchterchen mit Licht herein:

Ein ländlich Mahl versammelt groß und klein,

Vom nahen Kirchturm schallt das Nachtgeläut',

Verklingend so des Tages Lieblichkeit.

Ach nur einmal noch im Leben.

[Illustration]

Im Fenster jenes alt verblichnen Gartensaals

Die Harfe, die, vom leisen Windhauch angeregt,

Lang ausgezogne Töne traurig wechseln läßt

In ungepflegter Spätherbst-Blumen-Einsamkeit,

Ist schön zu hören einen langen Nachmittag.

Nicht völlig unwert ihrer holden Nachbarschaft,

Stöhnt auf dem grauen Zwingerturm die Fahne dort,

Wenn stürmischer oft die Wolken ziehen überhin.

In meinem Garten aber (hieß' er nur noch mein!)

Ging so ein Hinterpförtchen frei ins Feld hinaus,

Abseits vom Dorf. Wie manches liebe Mal stieß ich

Den Riegel auf an der geschwärzten Gattertür

Und bog das überhängende Gesträuch zurück,

Indem sie sich auf rost'gen Angeln schwer gedreht! --

Die Tür nun, musikalisch mannigfach begabt,

Für ihre Jahre noch ein ganz annehmlicher

Sopran (wenn sie nicht eben wetterlaunisch war),

Verriet mir eines Tages -- plötzlich, wie es schien,

Erweckt aus einer lieblichen Erinnerung --

Ein schöneres Empfinden, höhere Fähigkeit.

Ich öffne sie gewohnterweise: da beginnt

Sie zärtlich eine Arie, die mein Ohr sogleich

Bekannt ansprach. Wie? rief ich staunend: träum' ich denn?

War das nicht »Ach nur einmal noch im Leben« ganz?

Aus Titus, wenn mir recht ist! -- Alsbald ließ ich sie

Die Stelle wiederholen, und ich irrte nicht;

Denn langsamer, bestimmter, seelenvoller nun

~Da capo~ sang die Alte: »Ach nur einmal noch!«

Die fünf, sechs ersten Noten nämlich, weiter kaum,

Hingegen war auch dieser Anfang tadellos. --

Und was, frug ich nach einer kurzen Stille sie,

Was denn noch einmal? Sprich! woher, Elegische,

Hast du das Lied? Ging etwa denn zu deiner Zeit

(Die neunziger Jahre meint' ich) ein schönes Kind,

Des Pfarrers Enkeltochter, sittsam aus und ein,

Und hörtest du sie durch das offne Fenster oft

Am grünlackierten, goldbeblümten Pantalon

Hellstimmig singen? Des gestrengen Mütterchens

Gedenkst du auch, der Hausfrau, die so reinlich stets

Den Garten hielt, gleichwie sie selber war, wann sie

Nach schwülem Tag am Abend ihren Kohl begoß,

Derweil der Pfarrherr ein paar Freunden aus der Stadt,

Die eben weggegangen, das Geleite gab;

Er hatte sie bewirtet in der Laube dort,

Ein lieber Mann, redseliger Weitschweifigkeit.

Vorbei ist nun das alles und kehrt nimmer so!

Wir Jüngern heutzutage treiben's ungefähr

Zwar gleichermaßen, wackre Leute ebenfalls;

Doch besser dünkt ja allen, was vergangen ist.

Es kommt die Zeit, da werden wir auch ferne weg

Gezogen sein, den Garten lassend und das Haus:

Dann wünschest du nächst jenen Alten uns zurück

Und schmückt vielleicht ein treues Herz vom Dorf einmal,

Mein denkend und der Meinen, im Vorübergehn

Dein morsches Holz mit hellem Ackerblumenkranz.

Der Tambour.

Wenn meine Mutter hexen könnt',

Da müßt sie mit dem Regiment,

Nach Frankreich, überall mit hin

Und wär' die Marketenderin.

Im Lager, wohl um Mitternacht,

Wenn niemand auf ist als die Wacht

Und alles schnarchet, Roß und Mann,

Vor meiner Trommel säß' ich dann:

Die Trommel müßt' eine Schüssel sein,

Ein warmes Sauerkraut darein,

Die Schlegel Messer und Gabel,

Eine lange Wurst mein Sabel;

Mein Tschako wär ein Humpen gut,

Den füll' ich mit Burgunderblut.

Und weil es mir an Lichte fehlt,

Da scheint der Mond in mein Gezelt;

Scheint er auch auf Franzö'sch herein,

Mir fällt doch meine Liebste ein:

Ach weh! jetzt hat der Spaß ein End'. --

Wenn nur meine Mutter hexen könnt'!

Häusliche Szene.

Schlafzimmer.

Präceptor _Ziborius_ und _seine junge Frau_.

Das Licht ist gelöscht.

Schläfst du schon, Rike? -- »Noch nicht.« -- Sag! hast du denn heut'

die Kukumern

Eingemacht? -- »Ja.« -- Und wieviel nahmst du mir Essig dazu? --

»Nicht zwei völlige Maß.« -- Wie? fast zwei Maß? Und von welchem

Krug? von dem kleinern doch nicht, links vor dem Fenster am

Hof? --

»Freilich.« -- Verwünscht! So darf ich die Probe nun noch einmal

machen,

Eben indem ich gehofft, schon das Ergebnis zu sehn.

Konntest du mich nicht fragen? -- »Du warst in der Schule.« --

Nicht warten? --

»Lieber, zu lange bereits lagen die Gurken mir da.« --

Unlängst sagt' ich dir: Nimm von Numero 7 zum Hausbrauch! --

»Ach, wer behielte denn stets alle die Zahlen im Kopf!« --

Sieben behält sich doch wohl! nichts leichter behalten als sieben!

Groß mit arabischer Schrift hält es der Zettel dir vor. --

»Aber du wechselst den Ort nach der Sonne von Fenster zu Fenster

Täglich: die Küche pressiert oft, und ich suche mich blind.

Bester, dein Essiggebräu, fast will es mich endlich verdrießen.

Ruhig, obgleich mit Not, trug ich so manches bis jetzt.

Daß du im Waschhaus dich einrichtetest, wo es an Raum fehlt,

Destillierest und brennst, schien mir das Äußerste schon.

Nicht gern sah ich vom Stockbrett erst durch Kolben und Krüge

Meine Reseden verdrängt, Rosen und Sommerlevkojn:

Aber nun stehen ums Haus her rings vor jeglichem Fenster,

Halb gekleidet in Stroh, gläserne Bäuche gereiht;

Mir auf dem Herd stehn viere zum Hindernis, selber im Rauchfang

Hängt so ein Untier jetzt, wieder ein neuer Versuch!

Lächerlich machen wir uns -- nimm mir's nicht übel!« -- Was sagst

du?

Lächerlich! -- »Hättest du nur heut' die Dekanin gehört!

Und in jeglichem Wort ihn selber vernahm ich, den Spötter;

Boshaft ist er, dazu Schwager zum Pädagogarch.« --

Nun? -- »Einer Festung verglich sie das Haus des Präceptors, ein

Bollwerk

Hieß mein Erker; es sei alles bespickt mit Geschütz.« --

Schnödes Gerede, der lautere Neid! Ich hoffe mein Stecken-

Pferd zu behaupten, so gut als ihr Gemahl, der Dekan.

Freut's ihn, Kanarienvögel und Einwerfkäfige dutzend-

Weise zu haben, mich freut's, tüchtigen Essig zu ziehn. --

(Pause. Er scheint nachdenklich. Sie spricht für sich:)

»Wahrlich, er dauert mich schon: ihn ängstet ein wenig die Drohung

Mit dem Studienrat, dem er schon lange nicht traut.« --

(Er fährt fort:)

Als Präceptor tat ich von je meine Pflicht; ein geschätzter

~Gradus~ neuerlich gibt einiges Zeugnis davon.

Was ich auf materiellem Gebiet in müßigen Stunden

Manchem Gewerbe, dem Staat denke zu leisten dereinst,

Ob ich meiner Familie nicht ansehnlichen Vorteil

Sichere noch mit der Zeit, dessen geschweig' ich vorerst:

Aber _den_ will ich sehn, der einem geschundenen Schulmann

Ein Vergnügen wie das, Essig zu machen, verbeut!

Der von Allotrien spricht, von Lächerlichkeiten -- er sei nun

Oberinspektor, er sei Rektor und Pädagogarch!

Greife nur einer mich an, ich will ihm dienen! Gewappnet

Findet ihr mich! Dreifach liegt mir das Erz um die Brust! --

Rike, du lachst! -- du verbirgst es umsonst; ich fühle die Stöße --

Nun, was wandelt dich an? Närrst du mich, törichtes Weib? --

»Lieber, närrischer, goldener Mann! wer bliebe hier ernsthaft?

Nein, dies Feuer hätt' ich nimmer im Essig gesucht.« --

G'nug mit den Possen! Ich sage dir, mir ist die Sache nicht

spaßhaft. --

»Ruhig! Unseren Streit, Alter, vergleichen wir schon.

Gar nicht fällt es mir ein, dir die einzige Freude zu rauben;

Zuviel hänget daran, und ich verstehe dich ganz.

Siehst du von deinem Katheder im Schulhaus so durch das Fenster

Über das Höfchen den Schatz deiner Gefäße dir an,

Alle vom Mittagsstrahl der herrlichen Sonne beschienen

Die, dir den gärenden Wein heimlich zu zeitigen, glüht:

Nun, es erquicket dir Herz und Aug' in sparsamen Pausen,

Wie das bunteste Brett meiner Levkojn es nicht tat,

Und ein Pfeifchen Tabak in diesem gemütlichen Anblick

Nimmt dir des Amtes Verdruß reiner als alles hinweg;

Ja, seitdem du schon selbst mit eigenem Essig die rote

Tinte dir kochst, die sonst manchen Dreibätzner verschlang,

Ist dir, mein' ich, der Wust der Exerzitienhefte

Minder verhaßt; dich labt still der bekannte Geruch.

Dies, wie mißgönnt' ich es dir? Nur gehst du ein bißchen ins Weite.

Alles -- so heißt dein Spruch -- habe sein Maß und sein Ziel!« --

Laß mich! Wenn mein Produkt dich einst zur vermöglichen Frau

macht --

»Bester, das sagtest du just auch bei der Seidenkultur.« --

Kann ich dafür, daß das Futter mißriet, daß die Tiere krepierten? --

»Seine Gefahr hat auch sicher das neue Geschäft.« --

Namen und Ehre des Mannes, die bringst du wohl gar nicht in

Anschlag? --

»Ehre genug blieb uns, ehe wir Essig gebraut« --

Korrespondierendes Mitglied heiß' ich dreier Vereine. --

»Nähme nur _einer_ im Jahr etliche Krüge dir ab!« --

Dir fehlt jeder Begriff von rationellem Bestreben. --

»Seit du ihn hast, fehlt dir abends ein guter Salat.« --

Undank! Mein Fabrikat durch sämtliche Sorten ist trefflich. --

»Numero 7 und 9 kenn' ich und -- lobe sie nicht.« --

Heut', wie ich merke, gefällst du dir sehr, mir in Versen zu

trumpfen. --

»Waren es Verse denn nicht, was du gesprochen bisher?« --

Eine Schwäche des Mannes vom Fach, darfst du sie mißbrauchen? --

»Unwillkürlich, wie du, red' ich elegisches Maß.« --

Mühsam übt' ich dir's ein, harmlose Gespräche zu würzen. --

»Freilich, im bitteren Ernst nimmt es sich wunderlich aus.« --

Also verbitt' ich es jetzt; sprich, wie dir der Schnabel

gewachsen! --

»Gut! laß sehen, wie sich Prose mit Distichen mischt!«

Unsinn! Brechen wir ab! Mit Weibern sich streiten ist fruchtlos. --

»Fruchtlos nenn' ich im Schlot Essig bereiten, mein Schatz.«

Daß noch zum Schlusse mir dein Pentameter tritt auf die Ferse! --

»Dein Hexameter zieht unwiderstehlich ihn nach.« --

Ei, dir scheint er bequem, nur das Wort noch, das letzte, zu haben:

Hab's! Ich schwöre, von mir hast du das letzte gehört. --

»Meinetwegen, so mag ein Hexameter einmal allein stehn!«

(Pause. Der Mann wird unruhig; es peinigt ihn offenbar, das

Distichon nicht geschlossen zu hören oder es nicht selber

schließen zu dürfen. Nach einiger Zeit kommt ihm die Frau mit

Lachen zu Hilfe und sagt:)

»Alter, ich tat dir zu viel; wirklich, dein Essig passiert.

Wenn er dir künftig noch besser gerät, wohlan! so ist einzig

Dein das Verdienst; denn du hast wahrlich kein zänkisches

Weib.« --

(Er gleichfalls herzlich lachend und sie küssend:)

Rike, morgenden Tags räum' ich dir die vorderen Fenster

Sämtlich, und im Kamin prangen die Schinken allein!

Selbstgeständnis.

Ich bin meiner Mutter einzig Kind,

Und weil die andern ausblieben sind, --

Was weiß ich, wieviel, die sechs oder sieben --

Ist eben alles an mir hängen blieben:

Ich hab' müssen die Liebe, die Treue, die Güte

Für ein ganz halb Dutzend allein aufessen;

Ich will's mein Lebtag nicht vergessen.

Es hätte mir aber noch wohl mögen frommen,

Hätt' ich nur auch Schläg' für sechse bekommen!

Restauration

nach Durchlesung eines Manuskripts mit Gedichten.

Das süße Zeug ohne Saft und Kraft!

Es hat mir all mein Gedärm erschlafft.

Es roch, ich will des Henkers sein!

Wie lauter welke Rosen und Kamilleblümlein.

Mir ward ganz übel, mauserig, dumm,

Ich sah mich schnell nach was Tüchtigem um,

Lief in den Garten hinterm Haus,

Zog einen herzhaften Rettich aus,

Fraß ihn auch auf bis auf den Schwanz --

Da war ich wieder frisch und genesen ganz.

Nachts.

Horch! auf der Erde feuchtem Grund gelegen,

Arbeitet schwer die Nacht der Dämmerung entgegen,

Indessen dort, in blauer Luft gezogen,

Die Fäden leicht, unhörbar fließen

Und hin und wieder mit gestähltem Bogen

Die lust'gen Sterne goldne Pfeile schießen.

Im Erdenschoß, im Hain und auf der Flur,

Wie wühlt es jetzo rings in der Natur

Von nimmersatter Kräfte Gärung!

Und welche Ruhe doch und welch ein Wohlbedacht!

Mir aber in geheimer Brust erwacht

Ein peinlich Widerspiel von Fülle und Entbehrung

Vor diesem Bild, so schweigend und so groß.

Mein Herz, wie gerne machtest du dich los!

Du schwankendes, dem jeder Halt gebricht,

Willst, kaum entflohn, zurück zu deinesgleichen.

Trägst du der Schönheit Götterstille nicht,

_So_ beuge dich! denn hier ist kein Entweichen.

Historie von der schönen Lau.

Der Blautopf[2] ist der große, runde Kessel eines wundersamen Quells

bei einer jähen Felsenwand gleich hinter dem Kloster. Gen Morgen sendet

er ein Flüßchen aus, die Blau, welche der Donau zufällt. Dieser Teich

ist einwärts wie ein tiefer Trichter, sein Wasser ist von Farbe ganz

blau, sehr herrlich, mit Worten nicht wohl zu beschreiben; wenn man es

aber schöpft, sieht es ganz hell in dem Gefäß.

Zu unterst auf dem Grund saß ehemals eine Wasserfrau mit langen,

fließenden Haaren. Ihr Leib war allenthalben wie eines schönen

natürlichen Weibs, dies eine ausgenommen, daß sie zwischen den Fingern

und Zehen eine Schwimmhaut hatte, blühweiß und zarter als ein Blatt

von Mohn. Im Städtlein ist noch heutzutag ein alter Bau, vormals ein

Frauenkloster, hernach zu einer großen Wirtschaft eingerichtet, und

hieß darum der Nonnenhof. Dort hing vor sechzig Jahren noch ein Bildnis

von dem Wasserweib, trotz Rauch und Alter noch wohl kenntlich in den

Farben. Da hatte sie die Hände kreuzweis auf die Brust gelegt, ihr

Angesicht sah weißlich, das Haupthaar schwarz, die Augen aber, welche

sehr groß waren, blau. Beim Volk hieß sie die arge _Lau_[3] im Topf,

auch wohl die schöne Lau. Gegen die Menschen erzeigte sie sich bald

böse, bald gut. Zuzeiten, wenn sie im Unmut den Gumpen[4] übergehen

ließ, kam Stadt und Kloster in Gefahr; dann brachten ihr die Bürger in

einem feierlichen Aufzug oft Geschenke, sie zu begütigen, als Gold-

und Silbergeschirr, Becher, Schalen, kleine Messer und andere Dinge,

dawider zwar, als einen heidnischen Gebrauch und Götzendienst, die

Mönche redlich eiferten, bis derselbe auch endlich ganz abgestellt

worden. So feind darum die Wasserfrau dem Kloster war, geschah es doch

nicht selten, wenn Pater Emeran die Orgel drüben schlug und kein Mensch

in der Nähe war, daß sie am lichten Tag mit halbem Leib heraufkam und

zuhorchte; dabei trug sie zuweilen einen Kranz von breiten Blättern auf

dem Kopf und auch dergleichen um den Hals.

Ein frecher Hirtenjung' belauschte sie einmal in dem Gebüsch und

rief: »Hei, Laubfrosch? git's guat Wetter?« Geschwinder als ein Blitz

und giftiger als eine Otter fuhr sie heraus, ergriff den Knaben beim

Schopf und riß ihn mit hinunter in eine ihrer nassen Kammern, wo sie

den ohnmächtig Gewordenen jämmerlich verschmachten und verfaulen

lassen wollte. Bald aber kam er wieder zu sich, fand eine Tür und kam

über Stufen und Gänge durch viele Gemächer in einen schönen Saal. Hier

war es lieblich, glusam[5] mitten im Winter. In einer Ecke brannte,

indem die Lau und ihre Dienerschaft schon schlief, auf einem hohen

Leuchter mit goldenen Vogelfüßen als Nachtlicht eine Ampel. Es stand

viel köstlicher Hausrat herum an den Wänden, und diese waren samt dem

Estrich ganz mit Teppichen staffiert: Bildweberei in allen Farben. Der

Knabe hurtig nahm das Licht herunter von dem Stock, sah sich in Eile

um, was er noch sonst erwischen möchte, und griff aus einem Schrank

etwas heraus, das stak in einem Beutel und war mächtig schwer, deswegen

er vermeinte, es sei Gold; lief dann und kam vor ein erzenes Pförtlein,

das mochte in der Dicke gut zwo Fäuste sein, schob die Riegel zurück

und stieg eine steinerne Treppe hinauf in unterschiedlichen Absätzen,

bald links, bald wieder rechts, gewiß vierhundert Stufen, bis sie

zuletzt ausgingen und er auf ungeräumte Klüfte stieß; da mußte er das

Licht dahinten lassen und kletterte so mit Gefahr seines Lebens noch

eine Stunde lang im Finstern hin und her, dann aber brachte er den

Kopf auf einmal aus der Erde. Es war tief Nacht und dicker Wald um

ihn. Als er nach vielem Irregehen endlich mit der ersten Morgenhelle

auf gänge[6] Pfade kam und von dem Felsen aus das Städtlein unten

erblickte, verlangte ihn am Tag zu sehen, was in dem Beutel wäre:

da war es weiter nichts als ein Stück Blei, ein schwerer Kegel,

spannenlang, mit einem Öhr an seinem obern Ende, weiß vor Alter. Im

Zorn warf er den Plunder weg ins Tal hinab und sagte nachher weiter

niemand von dem Raub, weil er sich dessen schämte. Doch kam von ihm die

erste Kunde von der Wohnung der Wasserfrau unter die Leute.

Nun ist zu wissen, daß die schöne Lau nicht hier am Orte zu Hause war:

vielmehr war sie, als eine Fürstentochter, und zwar von Mutter Seiten

her halbmenschlichen Geblüts, mit einem alten Donaunix am Schwarzen

Meer vermählt. Ihr Mann verbannte sie darum, daß sie nur tote Kinder

hatte. Das aber kam, weil sie stets traurig war ohn' einige besondere

Ursach. Die Schwiegermutter hatte ihr geweissagt, sie möge eher nicht

eines lebenden Kindes genesen, als bis sie fünfmal von Herzen gelacht

haben würde. Beim fünftenmal müßte etwas sein, das dürfe sie nicht

wissen noch auch der alte Nix. Es wollte aber damit niemals glücken,

so viel auch ihre Leute deshalb Fleiß anwendeten; endlich da mochte

sie der alte König ferner nicht an seinem Hofe leiden und sandte sie

an diesen Ort, unweit der obern Donau, wo seine Schwester wohnte.

Die Schwiegermutter hatte ihr zum Dienst und Zeitvertreib etliche

Kammerzofen und Mägde mitgegeben, so muntere und kluge Mädchen,

als je auf Entenfüßen gingen (denn was von dem gemeinen Stamm der

Wasserweiber ist, hat rechte Entenfüße); die zogen sie, pur für die

Langeweile, sechsmal des Tages anders an (denn außerhalb dem Wasser

ging sie in köstlichen Gewändern, doch barfuß), erzählten ihr alte

Geschichten und Mären, machten Musik, tanzten und scherzten vor ihr.

An jenem Saal, darin der Hirtenbub gewesen, war der Fürstin ihr Gaden

oder Schlafgemach, von welchem eine Treppe in den Blautopf ging. Da lag

sie manchen lieben Tag und manche Sommernacht der Kühlung wegen. Auch

hatte sie allerlei lustige Tiere, wie Vögel, Küllhasen[7] und Affen,

vornehmlich aber einen possigen Zwerg, durch welchen vormals einem

Ohm der Fürstin war von eben solcher Traurigkeit geholfen worden. Sie

spielte alle Abend Damenziehen, Schachzagel[8] oder Schaf und Wolf mit

ihm; so oft er einen ungeschickten Zug getan, schnitt er die raresten

Gesichter, keines dem andern gleich, nein, immer eines ärger als das

andere, daß auch der weise Salomo das Lachen nicht gehalten hätte,

geschweige denn die Kammerjungfern oder du selber, liebe Leserin, wärst

du dabei gewesen; nur bei der schönen Lau schlug eben gar nichts an,

kaum daß sie ein paarmal den Mund verzog.

Es kamen alle Jahr um Winters Anfang Boten von daheim, die klopften an

der Halle mit dem Hammer, da frugen dann die Jungfern:

Wer pochet, daß einem das Herz erschrickt?

Und jene sprachen:

Der König schickt.

Gebt uns wahrhaftigen Bescheid,

Was Guts ihr habt geschafft die Zeit!

Und sie sagten:

Wir haben die ferndigen[9] Lieder gesungen

Und haben die ferndigen Tänze gesprungen,

Gewonnen war es um ein Haar. --

Kommt, liebe Herren, übers Jahr!

So zogen sie wieder nach Haus. Die Frau war aber vor der Botschaft und

danach stets noch einmal so traurig.

Im Nonnenhof war eine dicke Wirtin, Frau Betha Seysolffin, ein frohes

Biederweib, christlich, leutselig, gütig; zumal an armen reisenden

Gesellen bewies sie sich als eine rechte Fremdenmutter. Die Wirtschaft

führte zumeist ihr ältester Sohn, Stephan, welcher verehlicht war; ein

anderer, Xaver, war Klosterkoch, zwo Töchter noch bei ihr. Sie hatte

einen kleinen Küchengarten vor der Stadt, dem Topf zunächst. Als sie im

Frühjahr einst am ersten warmen Tag dort war und ihre Beete richtete,

den Kappis[10], den Salat zu säen, Bohnen und Zwiebel zu stecken, besah

sie sich von ungefähr auch einmal recht mit Wohlgefallen wieder das

schöne blaue Wasser überm Zaun und mit Verdruß daneben einen alten

garstigen Schutthügel, der schändete den ganzen Platz; nahm also, wie

sie fertig war mit ihrer Arbeit und das Gartentürlein hinter sich

zugemacht hatte, die Hacke noch einmal, riß flink das gröbste Unkraut

aus, erlas etliche Kürbiskern' aus ihrem Samenkorb und steckte hin und

wieder einen in den Haufen. (Der Abt im Kloster, der die Wirtin, als

eine saubere Frau, gern sah -- man hätte sie nicht über vierzig Jahr

geschätzt, er selber aber war, gleich ihr, ein starkbeleibter Herr --

stand just am Fenster oben und grüßte herüber, indem er mit dem Finger

drohte, als halte sie zu seiner Widersacherin.) Die Wüstung grünte nun

den ganzen Sommer, daß es eine Freude war, und hingen dann im Herbst

die großen gelben Kürbis an dem Abhang nieder bis zu dem Teich.

Auswahl aus den Dichtungen Eduard Mörikes · 第 3 / 11 段