Als Leroux sich den Sinn dieser Worte hatte erklären lassen, warf er heftig
seinen Sessel um, schenkte seinen Becher bis zum Rande voll und rief:
»So will ich denn doch mein Leben lang eine feige Memme sein, wenn ich Euch
nicht den Hals breche, falls Ihr noch ein Wort sagt!«
Jan Breydel lachte spöttisch bei dieser Drohung und antwortete:
»Schwört nicht solche Sachen, Ihr macht die Rechnung ohne den Wirt. Denkt
Ihr, ich werde vor Euch schweigen? Vor allen Franzosen der Welt würde ich
auch nicht ein einziges Wort unterdrücken. Und, um Euch das zu beweisen,
trinke ich auf die Ehre des Löwen, -- und ich verachte die Franzosen, hört
Ihr es?«
»Kameraden,« sagte Leroux wutbebend, »laßt mich allein mit dem Vlaemen
kämpfen, er soll durch meine Hand sterben.«
Dann trat er an Breydel heran und sprach:
»Ihr lügt! Es lebe die Lilie!«
»Ihr selbst lügt! Und Heil dem schwarzen Löwen von Flandern!« schrie
Breydel ihm ins Gesicht.
»Kommt heran,« fuhr der Franzose fort, »Ihr seid stark; ich will Euch
beweisen, daß die Lilie vor keinem Löwen zu weichen braucht. Wir kämpfen
bis auf den Tod!«
»Versteht sich, aber laßt uns schnell machen. Es freut mich, einen mutigen
Feind gefunden zu haben; das ist der Mühe wert!«
Schon waren sie außerhalb des Kruges und schritten zwischen den Bäumen hin.
Als sie einen bequemen Platz gefunden hatten, trat jeder einen Schritt
zurück, und beide richteten sich zu einem furchtbaren Kampfe. Breydel warf
seinen Dolch auf die Erde und streifte die Ärmel seines Wamses bis zu den
Schultern auf; seine muskelstrotzenden Arme setzten die Söldner in
Erstaunen, die abseits standen, um das Ringen mit anzusehen. Da Breydel
keine andere Waffe als den Dolch hatte, warf Leroux seine Waffen ebenfalls
von sich. Er wandte sich zu seinen Kameraden und sprach:
»Achtung, was auch geschehen mag, ich will nicht, daß man mir hilft. Dieser
Kampf muß ehrlich abgemacht werden, denn mein Gegner ist ein tapferer
Vlaeme.«
»Seid Ihr fertig?« rief Breydel.
»Ich bin bereit!« war die Antwort.
Nun zogen die Kämpfer die Köpfe zwischen die Schultern, die Augen blitzten
unter den gefalteten Brauen, Zähne und Lippen preßten sich hart zusammen,
und so stürzten sie wie zwei rasende Stiere aufeinander los. Von jeder
Seite fiel ein schwerer Faustschlag auf des Gegners Brust, wie ein Hammer
auf einen Amboß, und beide Streiter taumelten zurück; aber das entflammte
sie zu noch größerer Wut. Sie stießen ein dumpfes Geheul aus und
umschlangen sich mit den Armen wie mit zwei eisernen Gürteln; jetzt
drückten sie sich gegenseitig mit furchtbarer Gewalt nieder. Arme, Beine,
Schenkel -- alle Glieder zeigten ungewöhnliche Kraft; denn sie preßten sich
furchtbar widereinander, und manchmal stöhnten die Streiter ob der
quälenden Quetschungen infolge dieses erbitterten Ringens. Das Feuer der
Raserei brannte in ihren grimmen Zügen, und ihrer Augen Weiß war ganz mit
Blut unterlaufen. Doch keiner konnte den andern aus seiner Stellung
bringen; es war, als wären ihre Füße am Boden festgewurzelt. Breydels Adern
waren so geschwollen, daß sie wie Bänder auf seinen Armen lagen. Dampfender
Schweiß troff strömend von den Wangen der Kämpfer, und ihr Atem ward kurz
und abgerissen. Ihre Brust senkte und hob sich rasch; aber man hörte nichts
als einige Flüche, und dazwischen dumpfes Stöhnen.
Nachdem sie solcherart einige Zeit miteinander gerungen hatten, trat der
Franzose etwas zurück, umschlang Breydels Hals und drückte ihm den Kopf
unwiderstehlich vornüber, so daß er wankte und sich niederbeugte. Leroux
ließ ihm keine Zeit, sich aufzurichten. Er benutzte seinen Vorteil -- nun
noch ein kräftiger Druck, und Breydel mußte seine Knie unter dieser
furchtbaren Gewalt beugen.
»Da kniet der Löwe schon,« rief Leroux und versetzte Breydel einen so
entsetzlichen Schlag auf den Kopf, daß dem das Blut aus dem Munde stürzte.
Aber dabei hatte er Breydel mit einer Hand loslassen müssen. Als er eben
die Hand reckte, um dem Vlaemen den Garaus zu machen, sprang dieser auf und
wich drei Schritt zurück. Schnell, wie der Blitz, schnellte er brüllend auf
den Franzosen los und umfaßte ihn mit solcher Wut, daß ihm die Rippen im
Leibe krachten. Aber auch der schlang seine Glieder wie Schlangen um
Breydels Körper mit einer Kraft, die noch durch Übung und Gewohnheit
gesteigert wurde. Der junge Vlaeme fühlte, daß sich seine Beine unter den
Knien des Franzosen bogen und den Grund verloren. Dies anhaltende Ringen,
darin er zum erstenmal in seinem Leben seinen Mut zuschanden werden sah,
war ihm qualvoller als die Hölle. Schaum trat auf seine Lippen, und er
wurde ganz toll vor Wut; plötzlich riß er sich von dem Franzosen los,
senkte sein Haupt gegen die Brust und warf sich ihm entgegen. Wie eine
Sturmramme gegen eine Mauer stieß Breydels Stirn gegen die Brust seines
Feindes, also daß dieser wankend zurückwich und nun auch ihm das Blut aus
Nase und Mund stürzte. Ehe er sich wieder erholen konnte, fiel des Vlaemen
Faust wie ein Stein zerschmetternd auf sein Haupt, und er stürzte mit einem
Schmerzensschrei zu Boden.
»Ihr habt des Löwen Klauen gespürt,« keuchte Breydel.
Die Söldner, welche diesem Ringen beiwohnten, hatten ihren Genossen durch
Worte und Zurufe ermutigt, sich jedoch in den Kampf nicht weiter
eingelassen. Während sie den röchelnden Leroux vom Boden aufhoben, verließ
Breydel langsamen Schrittes den Platz und kehrte in das Wirtshaus zurück.
Er verlangte einen anderen Krug Bier und tat mehrere Züge, um seinen Durst
zu löschen. Er saß eine Weile an dem Tisch, und seine Müdigkeit begann zu
schwinden, als sich die Tür hinter seinem Rücken auftat. Ehe er sich
umdrehen konnte, um zu sehen, wer hereinkam, ward er von starken Männern
gepackt und zu Boden geworfen. In einem Augenblick wimmelte das ganze Haus
von bewaffneten Franzosen. Breydel kämpfte lange mit nutzloser Anstrengung
gegen seine Feinde. Macht- und kraftlos blieb er endlich still liegen und
betrachtete die Franzosen mit giftigem Blick wie einer, der töten will oder
den Tod erwartet. Gar mancher Söldner bebte beim Anblick des
dahingestreckten Vlaemen; denn während sein Leib regungslos am Boden lag,
rollten seine flammenden Augen so gar stolz und drohend, daß die Herzen der
Umstehenden banges Ahnen durchschauerte.
Ein Ritter, dem man an der Kleidung den Anführer ansehen konnte, näherte
sich Breydel vorsichtig. Er befahl, ihn in jeder Bewegung zu hindern, und
sagte zu dem Vlaemen:
»Wir kennen uns schon längst, schändlicher Bursch! Im Walde von Wijnendaal
habt Ihr den Schildknappen des Herrn von Châtillon erschlagen und uns
Ritter mit dem Messer zu bedrohen gewagt. Nun untersteht Ihr Euch wieder,
auf dem Grund und Boden meines Rechtsgebieters einen meiner besten Leute zu
ermorden. Euch soll nach Euren Taten geschehen; noch heute soll man Euch
einen Galgen auf den Mauern von Male errichten, damit die Brügger Meuterer
sich an Euch ein Beispiel nehmen.«
»Ihr seid ein Verleumder!« rief Breydel, »ich habe ehrlich um mein Leben
gekämpft, und wenn Ihr mich nicht mit verräterischer Gewalt daran hindert,
so würde ich Euch beweisen, daß ich keine Reue habe!«
»Ihr habt Frankreichs Wappen zu lästern gewagt!«
»Ich habe den schwarzen Löwen meines Vaterlandes gerächt und würde es
wieder tun. Aber laßt mich nicht wie einen geschlachteten Ochsen hier auf
dem Boden liegen, -- oder ermordet mich auf der Stelle. Ich werde mich
geduldig führen lassen.«
Ohne ihn loszulassen, ließen ihn die Söldner auf Befehl Saint-Pols
aufstehen, und man brachte ihn mit aller Vorsicht an die Tür. Der gefangene
Vlaeme ging langsam zwischen den Kriegsknechten vorwärts; zwei der
stärksten hielten ihn an den Armen, vier andere gingen vor und hinter ihm,
so daß es ihm unmöglich war, zu entwischen. Das war aber auch nicht seine
Absicht. Getreu seinem Versprechen leistete er nicht den geringsten
Widerstand. Während die Söldner dann mit dem Gefangenen des Weges
schritten, ergingen sie sich in höhnenden Scherzen über ihn. Breydel
erfaßte ob ihres Spottes eine unaussprechliche Wut, und innerlich wünschte
er sich den Tod. Doch er bekämpfte seine leidenschaftliche Aufwallung, bis
einer zu ihm sagte:
»Hört mal, schöner Vlaeme, wenn Ihr morgen am Strick so lieblich vor uns
tanzt, werden wir die Raben von Eurer Leiche fortjagen.«
Der Obmann der Fleischer warf einen verächtlichen Blick auf den Söldner,
der seines Mißgeschickes spottete. Der fuhr fort:
»Betrachtet mich doch nicht immer, verwünschter Klauwaert, oder ich
zerschlage Euch das Gesicht.«
»Feigling!« rief Breydel; »das sieht euch ähnlich! einen gefangenen Feind
verhöhnt und verspottet ihr; unedle Mietlinge eines verächtlichen
Herrn ...«
Ein Backenstreich des Söldners unterbrach ihn. Er schwieg plötzlich und
neigte sein Haupt, als ob er den Mut sinken ließe; aber das war es nicht.
Furchtbare Wut kochte in seiner Seele, und gleich dem Feuer im Schoße des
Vulkans flammte rasende Rachsucht im Herzen des Vlaemen auf. Die Söldner
fuhren fort, ihn zu schmähen, und sein Schweigen reizte sie noch mehr. Aber
an der Brücke des Schlosses fand ihr Lachen ein jähes Ende, und ihre
Gesichter erbleichten vor Angst und Schrecken. Breydel raffte in diesem
Augenblick all seine Kräfte, die ihm die Natur so freigebig verliehen
hatte, zusammen und riß sich von seinen Wächtern los. Wie ein Leopard
stürzte er sich auf die beiden Söldner, die ihn am meisten gereizt hatten,
und krallte seine Hände um ihre Kehlen.
»Für Dich, Du Löwe von Flandern, will ich sterben, aber nicht am Galgen,
nicht ohne Rache!«
Mit diesen Worten drückte er die Gurgel der Söldner so fest zu, daß ihre
Wangen bleich und bleifarben wurden; mit unwiderstehlicher Gewalt
schüttelte er die Körper seiner Feinde hin und her und schlug ihre Köpfe
mit furchtbarer Kraft widereinander. Durch das Würgen betäubt, leisteten
sie keinen Widerstand, und ihre Arme hingen schlaff an ihrem Körper
herunter. Die Tat war unbeschreiblich schnell vollbracht. Als die übrigen
Franzosen ihre Genossen in Gefahr sahen, liefen sie fluchend herbei. Aber
Breydel ließ die Erwürgten zu Boden fallen und floh eiligst davon. Er wurde
von den Söldnern bis an einen breiten Graben verfolgt. Gewohnt, auf Wiesen
und Weiden seinem Gewerbe nachzugehen, sprang Breydel wie ein Hirsch über
das Wasser und lief weiter nach Saint Kruis. Zwei Söldner versuchten es,
ihm nachzutun, aber sie fielen bis an den Hals hinein und mußten die
Verfolgung aufgeben. -- Der Obmann der Fleischer eilte voll Wut nach Brügge
und ging stracks nach seiner Wohnung. Er fand nur einen jungen Gesellen
dort vor, der sich just anschickte, auszugehen.
»Wo sind meine Gesellen?« rief Breydel ungeduldig.
»Nun, Meister,« antwortete der Bursche, »die sind nach dem Pand, denn die
Fleischer sind eiligst zusammengerufen.«
»Was ist denn wieder geschehen?«
»Ich weiß nicht recht, Meister, aber der Stadtbote hat vor dem Rathaus
einen Befehl verlesen, daß alle Bürger, welche ihren Lebensunterhalt mit
ihrer Hände Arbeit gewinnen, jede Woche am Samstag einen Silberpfennig von
ihrem Arbeitslohn an die Zollknechte zahlen müssen. Es heißt allgemein,
dies sei die Veranlassung zu der Zunftversammlung, die der Obmann der Weber
angeordnet hat.«
»Bleib du hier und schließe den Laden,« hieß ihn Breydel; »sage meiner
Mutter, daß ich diese Nacht nicht nach Hause komme. Sie braucht sich nicht
zu ängstigen.«
Er nahm sein gewohntes Beil von der Wand. Als er es unter seinem Wams
verborgen hatte, verließ er seine Wohnung und begab sich nach dem Pand
seiner Zunft. Sobald er in den Saal trat, verbreitete sich ein freudiges
Gemurmel unter den Gesellen, und sie riefen:
»Ha! Da ist Breydel, unser Obmann.«
Jeder, der einstweilen seinen Platz eingenommen hatte, stand auf und bot
ihm den großen Sessel an. Aber Breydel setzte sich nicht wie gewöhnlich an
das obere Ende, sondern nahm einen kleineren Stuhl und ließ sich mit
bitterm Lächeln darauf nieder.
»O meine Brüder,« rief er, »kommt, reicht mir die Hand, denn ich habe eure
Freundschaft nötig. Mir und unserer Zunft ist heute eine tiefe Schmach
widerfahren.«
Meister und Gesellen drängten sich um Breydels Sessel. Nie hatten sie eine
so tiefe Bestürzung und Betrübnis an ihm bemerkt; er schien unsagbaren
Folterqualen zu erliegen. Aller Augen richteten sich fragend auf ihn; nach
einem tiefen Seufzer fuhr er fort:
»Ihr echten Söhne von Brügge habt nun schon zu lange mit mir diese Schmach
erduldet, auch ihr könnt die Sklaverei nicht ertragen. Aber, o Himmel,
wüßtet ihr, was mir heute widerfahren ist, so würdet ihr wie Kinder weinen.
O über die unerhörte Schande! Ich wage nicht, es auszusprechen, die Schmach
quält mich zu sehr.«
Schon waren die gebräunten Gesichter all dieser Männer von Wut gerötet.
Noch kannten sie nicht den Grund ihres Zornes, und doch ballten sie schon
krampfhaft die Fäuste und stießen furchtbare Flüche aus.
»Hört,« fuhr Breydel fort, »und erliegt nicht der Scham. Hört wohl, tapfere
Brüder! Die Franzosen haben euren Obmann ins Gesicht geschlagen, und diese
Wange ist durch einen schmählichen Backenstreich entehrt.«
Unbeschreiblich war die Wut, die den Fleischern bei diesen Worten aufstieg.
Unerhörtes Rachegebrüll stieg zur Decke des Saales empor, und jeder schwur
bei sich, diese Schmach zu rächen.
»Und womit«, fragte Breydel, »wäscht man solchen Schandfleck ab?«
»Mit Blut!« schrien alle.
»Ihr versteht mich, Brüder,« fuhr der Obmann fort, »ja, Blut allein kann
mich rächen. Wisset denn, daß die Besatzung des Schlosses Male mich also
behandelt hat. Sprecht denn mit mir: Morgen soll die Sonne kein Schloß von
Male mehr finden!«
»Sie soll es nicht mehr finden!« wiederholten alle Fleischer mit wilder
Rachegier.
»Kommt,« sprach Breydel, »laßt uns gehen. Jeder kehrt nach seiner Wohnung
zurück, macht sich bereit und nimmt sein bestes Beil. Besorgt euch
womöglich auch andere Waffen und Gerätschaften, denn wir müssen das Schloß
ersteigen. Gegen elf Uhr in der Nacht werden wir uns alle im Elsterbusch
hinter Saint Kruis zusammenfinden.«
Nachdem er den Ältesten noch einige besondere Anordnungen erteilt hatte,
verließ er den Pand, und auch seine Genossen gingen bald heim. Noch ehe
jene Stunde auf dem Turm von Saint Kruis geschlagen hatte, konnte man
nächtlings beim schwachen Scheine des zunehmenden Mondes zwischen den
Bäumen und auf allen Pfaden um das Dorf einen Haufen Menschen erblicken.
Alle eilten derselben Richtung zu und verschwanden einer nach dem andern im
Elsterbusch. Einige von ihnen trugen Armbrüste, andere Keulen; doch die
meisten hatten keine sichtbaren Waffen. Jan Breydel stand in der Mitte des
kleinen Gehölzes und beratschlagte mit den Meistern der Zunft, von welcher
Seite man den Angriff auf das Schloß wagen sollte.
Endlich einigten sie sich, den Graben neben der Brücke mit Holz zu füllen.
Dann wollte man versuchen, die Mauer zu übersteigen. Der Obmann ging
rastlos zwischen den vielen Gesellen umher, die damit beschäftigt waren,
Stauden und kleine Bäume umzuhauen und in Bündel zu binden. Sobald er sich
überzeugt hatte, daß es ihnen nicht an Leitern fehle, gab er den Befehl zum
Aufbruch. Die Fleischer verließen das Gehölz, um Schloß Male zu zerstören.
Den Chroniken zufolge waren es ihrer siebenhundert; und dennoch waren sie
so einig in ihrer Rachegier, daß sich nicht ein einziger unvorsichtiger
Laut aus dieser Menge vernehmen ließ. Man hörte nur das Rascheln des
Reisigs, das man nachschleifte, und das Bellen der Hunde, die von dem
ungewohnten Geräusch aufgeschreckt wurden. Einen Bogenschuß vom Schlosse
blieben sie stehen, und Breydel ging mit einigen Gesellen voraus, um die
Feste zu erkunden. Die Torwache hatte das Geräusch ihrer Schritte gehört;
so lauschte sie, da sie noch im Zweifel war, mit größerer Aufmerksamkeit
und kam auf den Wall heraus.
»Warte,« sprach einer der Gesellen Breydels, »ich werde den lästigen
Wächter da einmal heimschicken.«
Damit spannte er seine Armbrust und zielte auf die Schildwache. Er
erreichte sein Ziel, doch der Pfeil zersplitterte an dem Panzer des
Franzosen. Der lief, durch diesen Schlag erschreckt, zurück und schrie aus
voller Kraft:
»Frankreich! Der Feind! Zu den Waffen! Zu den Waffen!«
»Vorwärts, Genossen!« rief Breydel. »Vorwärts! Hierher mit den Bündeln!«
Die Fleischer warfen einer nach dem andern ihre Bündel in den Graben; bald
war er hinlänglich ausgefüllt, um über ihn hin wie über eine Brücke zum Fuß
der Mauer gelangen zu können. Die Leitern wurden angesetzt, und ein Teil
der Vlaemen erstieg die Mauer, ohne Gegenwehr zu finden. Auf den Ruf der
Schildwache war die Besatzung aus den Betten gesprungen, und in wenigen
Augenblicken waren mehr denn fünfzig bekleidet und gewappnet. Die Zahl
verstärkte sich rasch. Besser noch als der Ruf der Wache hatte das Geschrei
der Fleischer die Schlafenden geweckt.
Jan Breydel befand sich mit nur dreißig seiner Gesellen innerhalb des
Schlosses, als eine große Schar Ritter und Söldner gegen ihn anstürmte.
Anfangs fiel gar mancher Fleischer; denn da sie keine Panzerhemden hatten,
konnte nichts die Pfeile der Franzosen hemmen. Doch das dauerte nicht
lange; in kurzer Zeit waren alle Vlaemen innerhalb der Mauern.
»Seht, Brüder,« rief Breydel, »ich beginne das Schlachten! Mir nach!«
Wie sich ein Pflug selbst eine Spur in die Erde gräbt, so bahnte sich
Breydel einen Weg durch die Franzosen. Jeder Schlag mit seinem Beil kostete
einem Feind das Leben, und das Blut seiner Schlachtopfer strömte in Bächen
von seinem Wams. Wütend wie er warfen sich die anderen Vlaemen von allen
Seiten auf die Söldner, und ihr Jauchzen übertönte das Todesgeschrei der
Franzosen.
Während solcherart im Vorhof und auf den Wällen gekämpft wurde, hatte der
Burgvogt, Herr von Saint-Pol, in aller Eile einige Pferde satteln lassen.
Als man ihm verkündete, daß keine Hoffnung mehr wäre, und daß die meisten
Söldner erschlagen seien, ließ er das Tor öffnen. Dann wurde mit Gewalt ein
weinendes Mädchen aus dem Gebäude geschleppt, und nachdem sie in den Armen
eines Söldners auf einem der Pferde Platz gefunden hatte, durchschwammen
alle Reiter den Graben und verschwanden zwischen den Bäumen des Waldes. Es
war den Franzosen unmöglich, der Gewalt der Fleischer zu widerstehen, zumal
ihnen letztere an Zahl überlegen waren. Eine Stunde später war keiner mehr
in Male, der nicht sein Leben auf vlaemischem Boden empfangen hatte. Man
durchsuchte über zwei Stunden mit Fackeln alle Gemächer und Keller des
Schlosses, doch traf man nirgends mehr einen Feind, denn wer nicht getötet
worden war, hatte sich durch's Nottor ins Freie geflüchtet.
Nachdem sich Breydel von einem Diener des Schlosses genau alle Räume hatte
zeigen lassen, nahm er mit Recht an, daß die Jungfrau Machteld fortgeführt
war. Nun überließ er sich ganz seiner Wut und steckte das herrliche Schloß
an allen vier Ecken in Brand. Während die Flammen zum Himmel aufloderten
und schon ein großer Teil der Mauern krachend zusammenstürzte, hieben die
Fleischer Bäume, Brücken und alles, was vernichtet werden konnte, nieder,
bis das Schloß ein Bild gänzlicher Zerstörung darbot. Die Glocken der
umliegenden Dörfer läuteten Brand, und die Bauern verließen ihre Hütten, um
das Feuer zu löschen, aber es war zu spät. Von der gräflichen Burg stand
nichts mehr als die vier glühenden Mauern.
Ja, ja, mag denn die morgige Sonne vergebens nach dem Schloß von Male
suchen!
Da nunmehr die Rache vollzogen war, kamen die Fleischer wieder zusammen und
verließen die Brandstätte mit siegesfrohem Gesang: sie sangen das Lied vom
schwarzen Löwen.