XII.

Nun waren schon Monate seit der Übergabe der Stadt Brügge verflossen. Herr

de Châtillon hatte Herrn von Mortenay[28] zum Stadtvogt ernannt und war

nach Kortrijk zurückgekehrt; denn er traute den Brüggern nicht genug, um

unter ihnen zu wohnen. Die Söldner, welche er in der eroberten Stadt

gelassen hatte, begingen allerlei Ausschreitungen und setzten den Bürgern

gar boshaft zu. Dieses Druckes müde, kehrten fast alle fremden Kaufleute in

ihr Vaterland zurück, und der Handel ging von Tag zu Tag zurück. Die

Zünfte sahen mit Schmerz und innerer Erbitterung ihren Wohlstand

dahinsinken; doch die Maßregeln der Franzosen waren hinreichend streng, um

einstweilen ihre Wut zu zügeln. Ein großer Teil der Festungswerke wurde

geschleift und ein starkes Kastell gebaut, um die Stadt im Zaume zu halten.

[28] Der vlaemische Text enthält eine doppelte Form für diesen

Namen: >Mortenay< und >Montenay<.

Zur großen Verwunderung seiner Mitbürger ließ De Coninck all das ohne

Widerstreben geschehen und ging ruhig und anscheinend gleichgültig durch

die Straßen; nur in den Versammlungen der Weber verkündete er die Befreiung

des Vaterlandes und hielt so die Hoffnung in den Herzen seiner Brüder wach.

Breydel war gar nicht mehr wiederzuerkennen. Düsteres Brüten hatte seine

jugendlichen Züge alt gemacht. Seine Augenbrauen hingen tief herab, das

stolze Haupt des tapferen Vlaemen war gebeugt wie unter einer drückenden

Last. Die Herrschaft, der Anblick der aufgeblasenen Franzosen war für ihn

wie eine Natter, die sein Herz fest umschlungen hielt und grausam

zerfleischte. Alle Freude, alle Zufriedenheit war für ihn dahin. Selten

verließ er seine Wohnung; denn das eroberte Brügge war ihm ein Kerker,

dessen Luft ihn erdrückte. Dieser edle Schmerz verließ ihn keinen

Augenblick, und seine Brüder vermochten ihn durch nichts zu trösten oder

aufzumuntern. In den Augen jedes Franzosen las er gleich einem Vorwurf das

Schandwort: Sklave!

Eines Morgens war er sehr früh in seinem Laden und setzte die Träumereien

der Nacht fort, mit der linken Hand auf einen Hauklotz gestützt. Seine

unsteten Blicke glitten über die Fleischstücke an der Wand, doch er sah sie

nicht; seine Seele war mit anderen Gedanken beschäftigt. So stand er

geraume Zeit regungslos da, bis seine rechte Hand unwillkürlich ein

Schlachtbeil ergriff, das, viel größer als die anderen, besonderen Zwecken

bestimmt schien. Als er den glänzenden Stahl gewahrte, glitt ein seltsames

Lächeln über seine grimmen Züge, und lange starrte er das Mordwerkzeug an.

Plötzlich wurde sein Angesicht finster und traurig. Er blickte düster vor

sich hin und sagte klagend: »Vorbei! Keine Hoffnung mehr auf Befreiung! Wir

müssen das Haupt beugen und weinen über unser besiegtes Vaterland. Da

laufen täglich diese frohblickenden Franzosen durch die Stadt, spotten,

verhöhnen jeden -- und wir, wir Vlaemen, wir müssen es dulden, müssen es

ertragen! O Gott, wie grausam nagt die Verzweiflung an meinem Herzen!« Er

packte krampfhaft das Beil und betrachtete es: »Und du, meine treue Waffe,

wozu wirst du mir fürder dienen? Es gibt kein Vaterland mehr zu rächen,

kein fremdes Blut mehr zu vergießen. Tränen der Scham benetzen dich,

Breydel flennt wie ein Weib ...«

Alsbald ergriff ihn heftige Wut. Er warf das Beil zu Boden und trat mit dem

Fuße darauf. »Geh!« rief er, »ein Sklave bedarf keiner Waffen!« Und dann

sank seine Hand wieder auf die Bank nieder.

Die Tür des Ladens tat sich auf, und Breydel erkannte nun verwundert De

Coninck.

»Guten Tag, Meister,« sprach er, »welch schmerzliche Neuigkeit bringt Ihr

mir so früh?«

»Freund Jan,« erwiderte De Coninck, »ich frage Euch nicht, weshalb Ihr so

traurig seid, ich kenne Eure edle Seele; der Gedanke an die Sklaverei

bringt Euch um, ich sehe es wohl.«

»Schweigt, Meister, schweigt davon; mir ist, als ob die Wände meines Hauses

dieses schmachvolle Wort wiederholen. O mein Freund, wäre ich doch auf den

Mauern unserer Stadt gestorben, dann hätte ich mir solch bittere Pein

erspart. Wieviel feindliche Franzosen hätten dann neben mir ihr Grab

gefunden! Aber diese glorreichen Tage sind vorüber.«

De Coninck betrachtete den Obmann der Fleischer mit Rührung; er ermaß an

seinen eigenen Leiden, wie tödlich dieser Schmerz für eine Seele, wie die

Breydels, sein mußte und antwortete:

»Tröstet Euch doch, edler Freund! Bedenkt: das Feuer, welches unter der

Asche glimmt, ist noch nicht erloschen. Einst kehren die ruhmreichen Tage

zurück; die dunstige Luft der Knechtschaft klärt sich auf; schon hat die

Freiheitssonne einige Strahlen zu uns niedergesandt. Ihr wißt es nicht,

aber Ihr könnt mir glauben, die Stunde der Freiheit naht. Noch sind wir

nicht schwer genug gedrückt, die Bande der Sklaverei müssen noch

schmerzlicher auf uns lasten, damit selbst den Feiglingen die Kette

unerträglich wird. Dann, tapferer Bruder, dann wird unsere teure Vaterstadt

wieder den schwarzen Löwen von Flandern hochtragen vor allem Volke.«

Breydel betrachtete den Obmann der Weber bei diesen Worten mit seltsamem

Ausdruck. Ein Lächeln der Hoffnung verklärte sein Gesicht, und sein

bedrücktes Herz erleichterte sich durch einen tiefen Seufzer. Er ergriff De

Conincks Hand, drückte sie an sein Herz und sprach:

»Ihr allein, mein Freund, kennt mich, Ihr allein könnt mich rühren und

trösten.«

»Aber,« fuhr De Coninck fort, »mein Besuch hat einen anderen Zweck, Meister

Jan. Ihr wißt, daß wir gelobt haben, die junge Machteld zu beschützen.«

»Was gibt's?« rief Breydel ungestüm. Bange Ahnung verfärbte seine Wangen.

»Freund, bringt Ihr eine schreckliche, schmähliche Kunde?« rief er aus.

»Die Franzosen haben die Tochter unseres Herrn gefangengenommen und

fortgeführt!«

Breydel trat einen Schritt vorwärts, hob das Beil vom Boden und schwang es

wütend in seiner Faust. Seine Lippen bewegten sich, aber kein Wort kam aus

seinem Mund; endlich rollten zwei glänzende Tränen über seine Wangen,

Tränen der Wut und Rachsucht.

»O Löwe von Flandern!« keuchte er, »so gehen sie mit Deinen Kindern um; und

das sollte ich dulden? Nein, nein, jetzt ist's vorbei, De Coninck, es ist

vorbei! Ich höre auf nichts; heute muß ich Blut sehen, viel Blut, oder ich

sterbe!«

»Ruhig, mein Freund,« antwortete De Coninck, »ruhig, und nehmt Vernunft

an: Euer Leben schuldet Ihr dem Vaterland und dürft es nicht nutzlos

wagen.«

»Ich will nichts hören,« fuhr Jan Breydel fort. »Ich danke Euch für Euren

weisen Rat, aber ich mag und kann ihn nicht befolgen. Spart Eure Worte, sie

sind fruchtlos.«

»Aber, Meister Jan, laßt Euch nicht so hinreißen; Ihr könnt die Franzosen

doch nicht allein verjagen.«

»Das kümmert mich nicht, so weit denke ich nicht. Rache für die Tochter des

Löwen, und dann den Tod! O, jetzt bin ich glücklich! Mein Geist riß sich

wieder empor, mein Herz schlägt wieder kühn und stark! Aber ich will mich

beruhigen; sagt mir nur, was Ihr wißt.«

»O, nicht viel. Heute ganz früh hat mich ein Diener des Herrn van Nieuwland

geweckt. Von ihm erfuhr ich, daß die edle Machteld in der Nacht fortgeführt

worden ist, und daß der Verräter Brakels den Franzosen zum Führer gedient

hat.«

»Brakels!« rief Breydel; »noch einer mehr für mein Beil; der soll den

Franzosen nicht mehr dienen!«

»Wohin man die Jungfrau gebracht, weiß ich nicht; vermutlich nach Schloß

Male; denn der Diener hat diesen Namen zweimal von den Söldnern nennen

hören. Ihr seht wohl, Breydel, es wäre besser, Genaueres abzuwarten, statt

so unbesonnen zu Werke zu gehen. Ja, es ist fast gewiß, daß die edle

Jungfrau bereits nach Frankreich gebracht worden ist.«

»Ihr pocht an eines Tauben Tür,« rief Breydel; »ich sage Euch, nichts kann

mich mehr wankend machen. Ich will und muß fort, vergebt mir, daß ich Euch

stehenden Fußes verlasse.«

Er barg das Beil unter seinem Wams und wandte sich hastig nach der Tür;

aber De Coninck hatte ihm rasch der Weg vertreten. Wie ein Tiger, der in

der Schlinge hängt, spähte Breydel im Laden umher, als suchte er einen

Ausgang. Sein Körper neigte sich vor, seine Muskeln waren gespannt, wie

wenn er sich auf etwas stürzen wollte, das seine Flucht hemmte.

»Laßt die nutzlosen Versuche,« redete ihm De Coninck zu, »ich versichere

Euch, Ihr werdet mit dem Beil nicht ausgehen. Ihr seid mir zu teuer, und

ich halte es für meine Pflicht, Euch vor Unheil zu bewahren.«

»Laßt mich durch, Meister Peter,« rief der Obmann der Fleischer, »ich bitte

Euch, laßt mich fort. Ihr quält mich grausam.«

»Nein, hierin bin ich unerbittlich; glaubt Ihr, Ihr wäret Euer eigener

Herr, daß Ihr Euer Leben nach Belieben wagen dürftet? O nein, Meister, Gott

hat Euch eine tiefere Seele geschenkt, und das Vaterland hat in Euch einen

kräftigen Mann gefunden, um Euch zum Schutz für unsre Freiheit am Leben zu

erhalten. Bedenkt diese hohe Sendung, Meister, und vergeudet Eure Kräfte

nicht durch nutzlose Rache.«

Während De Coninck so sprach, besänftigte sich die Aufregung des

Fleischers. Seine Haltung wurde ruhig, und man hätte glauben können, daß er

durch die weise Rede seines Freundes überzeugt worden sei. Das war zwar

nicht Verstellung, aber auch nicht der wahre Ausdruck seiner Gefühle. Er

schwankte zwischen Rachsucht und Besonnenheit, ohne innerlich zur Ruhe zu

kommen.

»Ihr habt recht, mein Freund,« sprach er, »ich lasse mich zu leicht

hinreißen; aber Ihr wißt, es gibt Leidenschaften, deren Drängen man nicht

widerstehen kann. Ich will meine Waffe da wieder an die Wand hängen; nun

werdet Ihr mich doch herauslassen; ich muß ja heute noch nach Thourout, um

Vieh zu kaufen.«

»Gut, ich will Euch nicht länger zurückhalten, obgleich ich weiß, daß Ihr

nicht nach Thourout gehen werdet.«

»Gewiß, Meister, ich habe kein Vieh mehr im Stalle und muß mir noch vor

Abend welches beschaffen.«

»Ihr könnt mich nicht täuschen, Meister Jan, ich kenne Euch zu lange. Durch

Eure Augen blicke ich bis ins Innerste Eurer Seele; Ihr geht geradeswegs

nach Male.«

»Ihr seid ein Zauberer, Meister Peter, denn Ihr kennt meine Gedanken besser

als ich. Ja, ich gehe nach Male, aber glaubt mir, nur, um nach der

unglücklichen Tochter unseres Herrn zu forschen. Ich gelobe Euch, die Rache

bis auf einen günstigeren Tag zu verschieben.«

Die beiden Obmänner gingen zusammen hinaus und trennten sich vor der Tür

nach kurzem Gespräch.

Breydel erreichte nach einer halben Stunde das Dorf Male. Die Herrschaft

Male liegt eine kleine Meile von Brügge entfernt. Zur Zeit unserer

Erzählung bestand sie vornehmlich aus ungefähr dreißig Strohhütten, die

hier und da auf dem Gebiet des Schlosses zerstreut lagen. Zwischen den

undurchdringlichen Wäldern rings um das Dorf waren durch Fleiß die

fruchtbarsten Äcker erstanden. Da die Erde jener Gegend ihren Bewohnern

dankbar schien und mit reicher Ernte lohnte, hätte man annehmen sollen, daß

die Bauern von Male in Wohlstand lebten. Und doch zeigte ihre Kleidung,

ihre ganze Erscheinung größte Dürftigkeit. Knechtschaft und Bedrückung

waren an ihrer Armut schuld. Der Schweiß ihres Angesichts rann weder für

sie noch für ihre Familie. Alles kam dem Lehnsherrn, ihrem Gebieter,

zugute, und sie schätzten sich glücklich, wenn ihnen nach Abzug der Steuer

und Lehnsabgaben noch genug blieb, um ihren Körper während des Jahres für

die schwere Arbeit zu stärken.

Unweit des Schlosses befand sich ein viereckiger Platz, um den etwas

dichter einige steinerne Gebäude errichtet waren. In der Mitte stand eine

steinerne Säule, und daran hing eine Kette mit einem eisernen Halsband.

Dies war das Wahrzeichen der gräflichen Rechtspflege und die Säule der

bekannte Pfahl, an dem man die Missetäter ausstellte. An der einen Seite

war eine kleine Kapelle erbaut, deren Kirchhof seine Mauern einige Schritte

auf den Platz hin dehnte.

Daneben stand ein ziemlich hohes Haus, der einzige Krug oder das Wirtshaus,

da man Wein und Bier ausschenkte. Der Name der Herberge war über der Tür

dargestellt, aber so schlecht und ungeschickt, daß man kaum den heiligen

Martin in diesem steinernen Bilde erkennen konnte. Der Flur des untersten

Stockwerkes war so weit, wie es die Außenmauern erlaubten. Ein breiter,

sehr großer Herd ragte einige Fuß vor und füllte den Hintergrund des Raumes

aus; er ließ nur an jeder Seite einen kleinen Winkel übrig, in dem Samen

und Pflanzenwurzeln zum Trocknen hingen. Die anderen Wände waren mit Kalk

geweißt und mit allerlei hölzernem und zinnernem Küchengerät behängt. Ein

Schlachtbeil und eine Anzahl großer Messer in ledernen Scheiden hingen an

einem dafür bestimmten Platz. Der Rauch, der beständig vom Herd in die

Stube drang, hatte die Balken der Decke ganz geschwärzt. Das Zimmer erhielt

dadurch ein ungemütliches Aussehen. Obgleich die Sonne sehr hell schien,

war es darin doch ziemlich düster; denn die halb romanischen, halb

gotischen Fenster waren fast sieben Fuß über dem Boden und bestanden aus

kleinen Scheiben. Schwere Sessel und noch klumpigere Tische standen in der

Stube herum. Die Wirtin lief hin und her, um die zahlreichen Gäste zu

bedienen und ihnen einzuschenken. Die zinnernen Kannen und Becher standen

nicht still, und dadurch wurde die lebhafte Unterhaltung der Gäste zu einem

unverständlichen Summen. Am Herde kündete männlich-kräftiger Klang, daß

Vlaemisch gesprochen wurde, während in der Stube mehr weibische, lispelnde

Töne die französische Sprache verrieten. Unter denjenigen, welche sich

dieser fremden Sprache bedienten und zur Besatzung des Schlosses gehörten,

war ein Kerl namens Leroux, der wie ein Vorgesetzter zu seinen Genossen

sprach; doch war er ein einfacher Krieger wie sie; nur seine ungewöhnliche

Stärke hatte ihm diesen Vorrang verschafft.

Während die französischen Kriegsknechte ihre Kannen unter heiteren

Gesprächen leerten, kam ein anderer Söldner in den Krug und sprach zu

ihnen:

»Holla, Kameraden, ich bringe euch gute Kunde. Wir werden das verwünschte

Flandern verlassen, und wahrscheinlich sehen wir schon morgen unser schönes

Frankreich wieder.«

Die Söldner staunten über seine Worte und blickten den Boten verwundert an.

»Ja,« fuhr der fort, »morgen geht es mit der schönen Edeldame fort, die uns

heut nacht so zur Unzeit besucht hat.«

»Ist das wahr, was Ihr da sagt?« fragte Leroux.

»Natürlich ist es wahr, unser Herr de Saint-Pol hat mich geschickt, Euch

davon zu benachrichtigen.«

»Ich glaube Euch, denn Ihr seid immer ein Unglücksbote,« rief Leroux.

»Aber warum erbittert Euch diese Nachricht? Kehrt Ihr nicht gern nach

Frankreich zurück?«

»Durchaus nicht, wir genießen hier die Früchte des Sieges, und ich habe

keine Lust, sie sobald im Stiche zu lassen.«

»O, dann erschreckt nicht so sehr, wir kommen in wenigen Tagen wieder

zurück. Wir müssen Herrn de Saint-Pol nur bis Rijssel begleiten.«

Als Leroux eben antworten wollte, öffnete sich die Tür und ein Vlaeme trat

ein. Er betrachtete die Franzosen mit kühnem Stolz, setzte sich allein an

einen Tisch und rief:

»Wirt! einen Krug Bier und rasch, denn ich bin eilig.«

»Sogleich, Meister Breydel,« war die Antwort.

»Das ist ein schöner Vlaeme,« flüsterte ein Söldner Leroux in das Ohr. »Er

ist zwar nicht so groß wie Ihr; aber welch kräftiger Körper und was für

eine Stimme; das ist kein Bauer!«

»Wahrlich,« antwortete Leroux, »es ist ein prächtiger Kerl. Er hat Augen

wie ein Löwe. Ich würde mich gern mit ihm anfreunden.«

»Wirt,« rief Jan Breydel und stand auf, »wo bleibt Ihr, die Kehle brennt

mir fürchterlich.«

»Sagt, Vlaeme,« begann Leroux, »könnt Ihr Französisch?«

»Mehr, als mir lieb ist,« antwortete Breydel in derselben Sprache.

»Schön. Ich sehe, Ihr seid ungeduldig und habt Durst. Hier biete ich Euch

meine Kanne an. Trinkt, und wohl bekomm's!«

Breydel nahm die Kanne mit einem Zeichen des Dankes aus der Hand des

Söldners und sprach, indem er sie zum Munde führte:

»Auf Eure Gesundheit und Glück im Kriege.«

Doch kaum hatten nur einige Tropfen seinen Mund benetzt, so setzte er den

Becher mit Widerwillen auf den Tisch.

»Was ist das? Fürchtet Ihr Euch vor dem edlen Trank? Die Vlaemen sind das

nicht gewohnt,« rief Leroux lachend.

»Das ist französischer Wein,« antwortete Breydel so gleichgültig, als wäre

der Widerwille ganz natürlich.

Die Söldner sahen einander verwundert an, und sichtlicher Ärger

verfinsterte Leroux' Züge. Doch bestimmte ihn Breydels kalter Ausdruck, den

Vlaemen ohne Auseinandersetzung zu seinem Sitz zurückzulassen. Mittlerweile

hatte der Wirt das verlangte Bier gebracht, und der Obmann der Fleischer

tat mehrere Züge, ohne auf die Franzosen zu achten.

»Nun denn, Kameraden,« rief Leroux und hob den Becher, »laßt uns noch ein

Glas leeren, damit man nicht sagen kann, wir verreisten mit trockener

Kehle. Auf die Gesundheit der schönen Edelfrau.«

Jan Breydel kämpfte bei diesen Worten mit Mühe seine Aufregung nieder.

»Wenn während unserer Abwesenheit nur nichts vorfällt!« meinte Leroux

anzüglich, »die Brügger beginnen wieder zu murren und unruhig zu werden.

Man müßte die Stadt einmal plündern, während wir in Frankreich sind.«

Breydel knirschte vor Wut mit den Zähnen, aber er hatte sein Gelübde und

die Warnung De Conincks noch nicht vergessen. Er horchte noch gespannter,

als Leroux fortfuhr:

»Den Schaden würden wir der schönen Edeldame zu danken haben ... Aber wer

mag es nur sein? Ich für meinen Teil glaube, es ist die Frau eines

mächtigen Meuterers, und sie wird zu den anderen nach Frankreich geführt.

Sie wird noch bitteres Brot essen ...«

Der Vorsteher der Fleischer war von seinem Sessel aufgestanden, und während

er lässig in der Stube auf und ab ging, um seine Aufregung zu verbergen,

brummte er mit leiser Stimme einige Worte eines Volksliedes:

Seht ihr den schwarzen Leu'n sich recken

So stolz in reichem, goldnem Feld?

Seht seine mächt'ge Riesenklaue

Mit der _ein Schlag_ den Gegner fällt!

Seht ihr sein blutig Auge blitzen:

Seht ihr der Mähne wirre Pracht? --

Der Leu ist unser Leu von Flandern,

Des _Rast_ die Welt noch bangen macht.

Als die Franzosen diese Töne hörten, waren sie äußerst erstaunt.

»Hört,« sagte einer, »das ist das Lied der Klauwaerts; welche Frechheit!

Wagt es der Vlaeme, in unserer Gegenwart so etwas zu singen!«

Breydel hatte diese Worte wohl gehört. Aber er sang ruhig weiter, ja, er

hob sogar seine Stimme, als ob er den Franzosen trotzen wollte:

Vor seiner Klauen Schlag im Osten

Der Feinde zitternd Heer entfleucht;

Die ungestümen Sarazenen,

Den Halbmond hat sein Blick verscheucht.

Dann zog er wiederum gen Westen,

Verlieh, der Tapferkeit zum Lohn,

Dem unverzagt'sten seiner Söhne

Den Königs- oder Kaiserthron.

»Aber was bedeutet dieser Gesang, den ihr ewig im Munde führt?« fragte

Leroux einen Vlaemen aus dem Schloß, der bei ihm saß.

»Nun, er besagt, daß der schwarze Löwe von Flandern seine Klauen in den

Halbmond der Sarazenen geschlagen und Graf Boudewyn zum Kaiser gemacht

hat.«

»Hört mal, Vlaeme,« rief Leroux Breydel zu, »Ihr müßt doch zugeben, daß der

schreckliche schwarze Löwe vor dem Lilienbanner unseres mächtigen Fürsten,

Philipps des Schönen, fliehen mußte; jetzt ist er sicher für immer tot.«

Meister Jan lächelte und antwortete mit verächtlichem Spott:

»Das Lied hat noch einen Schlußvers, hört nur:

Nun schlummert er. -- Der Welschen König

Schlug ihn in eisern Kerkerband.

So drangen feige Räuberbanden

Tief in des Leuen Vaterland ...

Wenn er erwacht -- dann weh euch, Räuber!

Die Klaue bringt euch schlimmen Tod:

Die stolze Pracht der weißen Lilie

Besudelt er mit Blut und Kot.

Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien · 第 16 / 31 题