Nun waren schon Monate seit der Übergabe der Stadt Brügge verflossen. Herr
de Châtillon hatte Herrn von Mortenay[28] zum Stadtvogt ernannt und war
nach Kortrijk zurückgekehrt; denn er traute den Brüggern nicht genug, um
unter ihnen zu wohnen. Die Söldner, welche er in der eroberten Stadt
gelassen hatte, begingen allerlei Ausschreitungen und setzten den Bürgern
gar boshaft zu. Dieses Druckes müde, kehrten fast alle fremden Kaufleute in
ihr Vaterland zurück, und der Handel ging von Tag zu Tag zurück. Die
Zünfte sahen mit Schmerz und innerer Erbitterung ihren Wohlstand
dahinsinken; doch die Maßregeln der Franzosen waren hinreichend streng, um
einstweilen ihre Wut zu zügeln. Ein großer Teil der Festungswerke wurde
geschleift und ein starkes Kastell gebaut, um die Stadt im Zaume zu halten.
[28] Der vlaemische Text enthält eine doppelte Form für diesen
Namen: >Mortenay< und >Montenay<.
Zur großen Verwunderung seiner Mitbürger ließ De Coninck all das ohne
Widerstreben geschehen und ging ruhig und anscheinend gleichgültig durch
die Straßen; nur in den Versammlungen der Weber verkündete er die Befreiung
des Vaterlandes und hielt so die Hoffnung in den Herzen seiner Brüder wach.
Breydel war gar nicht mehr wiederzuerkennen. Düsteres Brüten hatte seine
jugendlichen Züge alt gemacht. Seine Augenbrauen hingen tief herab, das
stolze Haupt des tapferen Vlaemen war gebeugt wie unter einer drückenden
Last. Die Herrschaft, der Anblick der aufgeblasenen Franzosen war für ihn
wie eine Natter, die sein Herz fest umschlungen hielt und grausam
zerfleischte. Alle Freude, alle Zufriedenheit war für ihn dahin. Selten
verließ er seine Wohnung; denn das eroberte Brügge war ihm ein Kerker,
dessen Luft ihn erdrückte. Dieser edle Schmerz verließ ihn keinen
Augenblick, und seine Brüder vermochten ihn durch nichts zu trösten oder
aufzumuntern. In den Augen jedes Franzosen las er gleich einem Vorwurf das
Schandwort: Sklave!
Eines Morgens war er sehr früh in seinem Laden und setzte die Träumereien
der Nacht fort, mit der linken Hand auf einen Hauklotz gestützt. Seine
unsteten Blicke glitten über die Fleischstücke an der Wand, doch er sah sie
nicht; seine Seele war mit anderen Gedanken beschäftigt. So stand er
geraume Zeit regungslos da, bis seine rechte Hand unwillkürlich ein
Schlachtbeil ergriff, das, viel größer als die anderen, besonderen Zwecken
bestimmt schien. Als er den glänzenden Stahl gewahrte, glitt ein seltsames
Lächeln über seine grimmen Züge, und lange starrte er das Mordwerkzeug an.
Plötzlich wurde sein Angesicht finster und traurig. Er blickte düster vor
sich hin und sagte klagend: »Vorbei! Keine Hoffnung mehr auf Befreiung! Wir
müssen das Haupt beugen und weinen über unser besiegtes Vaterland. Da
laufen täglich diese frohblickenden Franzosen durch die Stadt, spotten,
verhöhnen jeden -- und wir, wir Vlaemen, wir müssen es dulden, müssen es
ertragen! O Gott, wie grausam nagt die Verzweiflung an meinem Herzen!« Er
packte krampfhaft das Beil und betrachtete es: »Und du, meine treue Waffe,
wozu wirst du mir fürder dienen? Es gibt kein Vaterland mehr zu rächen,
kein fremdes Blut mehr zu vergießen. Tränen der Scham benetzen dich,
Breydel flennt wie ein Weib ...«
Alsbald ergriff ihn heftige Wut. Er warf das Beil zu Boden und trat mit dem
Fuße darauf. »Geh!« rief er, »ein Sklave bedarf keiner Waffen!« Und dann
sank seine Hand wieder auf die Bank nieder.
Die Tür des Ladens tat sich auf, und Breydel erkannte nun verwundert De
Coninck.
»Guten Tag, Meister,« sprach er, »welch schmerzliche Neuigkeit bringt Ihr
mir so früh?«
»Freund Jan,« erwiderte De Coninck, »ich frage Euch nicht, weshalb Ihr so
traurig seid, ich kenne Eure edle Seele; der Gedanke an die Sklaverei
bringt Euch um, ich sehe es wohl.«
»Schweigt, Meister, schweigt davon; mir ist, als ob die Wände meines Hauses
dieses schmachvolle Wort wiederholen. O mein Freund, wäre ich doch auf den
Mauern unserer Stadt gestorben, dann hätte ich mir solch bittere Pein
erspart. Wieviel feindliche Franzosen hätten dann neben mir ihr Grab
gefunden! Aber diese glorreichen Tage sind vorüber.«
De Coninck betrachtete den Obmann der Fleischer mit Rührung; er ermaß an
seinen eigenen Leiden, wie tödlich dieser Schmerz für eine Seele, wie die
Breydels, sein mußte und antwortete:
»Tröstet Euch doch, edler Freund! Bedenkt: das Feuer, welches unter der
Asche glimmt, ist noch nicht erloschen. Einst kehren die ruhmreichen Tage
zurück; die dunstige Luft der Knechtschaft klärt sich auf; schon hat die
Freiheitssonne einige Strahlen zu uns niedergesandt. Ihr wißt es nicht,
aber Ihr könnt mir glauben, die Stunde der Freiheit naht. Noch sind wir
nicht schwer genug gedrückt, die Bande der Sklaverei müssen noch
schmerzlicher auf uns lasten, damit selbst den Feiglingen die Kette
unerträglich wird. Dann, tapferer Bruder, dann wird unsere teure Vaterstadt
wieder den schwarzen Löwen von Flandern hochtragen vor allem Volke.«
Breydel betrachtete den Obmann der Weber bei diesen Worten mit seltsamem
Ausdruck. Ein Lächeln der Hoffnung verklärte sein Gesicht, und sein
bedrücktes Herz erleichterte sich durch einen tiefen Seufzer. Er ergriff De
Conincks Hand, drückte sie an sein Herz und sprach:
»Ihr allein, mein Freund, kennt mich, Ihr allein könnt mich rühren und
trösten.«
»Aber,« fuhr De Coninck fort, »mein Besuch hat einen anderen Zweck, Meister
Jan. Ihr wißt, daß wir gelobt haben, die junge Machteld zu beschützen.«
»Was gibt's?« rief Breydel ungestüm. Bange Ahnung verfärbte seine Wangen.
»Freund, bringt Ihr eine schreckliche, schmähliche Kunde?« rief er aus.
»Die Franzosen haben die Tochter unseres Herrn gefangengenommen und
fortgeführt!«
Breydel trat einen Schritt vorwärts, hob das Beil vom Boden und schwang es
wütend in seiner Faust. Seine Lippen bewegten sich, aber kein Wort kam aus
seinem Mund; endlich rollten zwei glänzende Tränen über seine Wangen,
Tränen der Wut und Rachsucht.
»O Löwe von Flandern!« keuchte er, »so gehen sie mit Deinen Kindern um; und
das sollte ich dulden? Nein, nein, jetzt ist's vorbei, De Coninck, es ist
vorbei! Ich höre auf nichts; heute muß ich Blut sehen, viel Blut, oder ich
sterbe!«
»Ruhig, mein Freund,« antwortete De Coninck, »ruhig, und nehmt Vernunft
an: Euer Leben schuldet Ihr dem Vaterland und dürft es nicht nutzlos
wagen.«
»Ich will nichts hören,« fuhr Jan Breydel fort. »Ich danke Euch für Euren
weisen Rat, aber ich mag und kann ihn nicht befolgen. Spart Eure Worte, sie
sind fruchtlos.«
»Aber, Meister Jan, laßt Euch nicht so hinreißen; Ihr könnt die Franzosen
doch nicht allein verjagen.«
»Das kümmert mich nicht, so weit denke ich nicht. Rache für die Tochter des
Löwen, und dann den Tod! O, jetzt bin ich glücklich! Mein Geist riß sich
wieder empor, mein Herz schlägt wieder kühn und stark! Aber ich will mich
beruhigen; sagt mir nur, was Ihr wißt.«
»O, nicht viel. Heute ganz früh hat mich ein Diener des Herrn van Nieuwland
geweckt. Von ihm erfuhr ich, daß die edle Machteld in der Nacht fortgeführt
worden ist, und daß der Verräter Brakels den Franzosen zum Führer gedient
hat.«
»Brakels!« rief Breydel; »noch einer mehr für mein Beil; der soll den
Franzosen nicht mehr dienen!«
»Wohin man die Jungfrau gebracht, weiß ich nicht; vermutlich nach Schloß
Male; denn der Diener hat diesen Namen zweimal von den Söldnern nennen
hören. Ihr seht wohl, Breydel, es wäre besser, Genaueres abzuwarten, statt
so unbesonnen zu Werke zu gehen. Ja, es ist fast gewiß, daß die edle
Jungfrau bereits nach Frankreich gebracht worden ist.«
»Ihr pocht an eines Tauben Tür,« rief Breydel; »ich sage Euch, nichts kann
mich mehr wankend machen. Ich will und muß fort, vergebt mir, daß ich Euch
stehenden Fußes verlasse.«
Er barg das Beil unter seinem Wams und wandte sich hastig nach der Tür;
aber De Coninck hatte ihm rasch der Weg vertreten. Wie ein Tiger, der in
der Schlinge hängt, spähte Breydel im Laden umher, als suchte er einen
Ausgang. Sein Körper neigte sich vor, seine Muskeln waren gespannt, wie
wenn er sich auf etwas stürzen wollte, das seine Flucht hemmte.
»Laßt die nutzlosen Versuche,« redete ihm De Coninck zu, »ich versichere
Euch, Ihr werdet mit dem Beil nicht ausgehen. Ihr seid mir zu teuer, und
ich halte es für meine Pflicht, Euch vor Unheil zu bewahren.«
»Laßt mich durch, Meister Peter,« rief der Obmann der Fleischer, »ich bitte
Euch, laßt mich fort. Ihr quält mich grausam.«
»Nein, hierin bin ich unerbittlich; glaubt Ihr, Ihr wäret Euer eigener
Herr, daß Ihr Euer Leben nach Belieben wagen dürftet? O nein, Meister, Gott
hat Euch eine tiefere Seele geschenkt, und das Vaterland hat in Euch einen
kräftigen Mann gefunden, um Euch zum Schutz für unsre Freiheit am Leben zu
erhalten. Bedenkt diese hohe Sendung, Meister, und vergeudet Eure Kräfte
nicht durch nutzlose Rache.«
Während De Coninck so sprach, besänftigte sich die Aufregung des
Fleischers. Seine Haltung wurde ruhig, und man hätte glauben können, daß er
durch die weise Rede seines Freundes überzeugt worden sei. Das war zwar
nicht Verstellung, aber auch nicht der wahre Ausdruck seiner Gefühle. Er
schwankte zwischen Rachsucht und Besonnenheit, ohne innerlich zur Ruhe zu
kommen.
»Ihr habt recht, mein Freund,« sprach er, »ich lasse mich zu leicht
hinreißen; aber Ihr wißt, es gibt Leidenschaften, deren Drängen man nicht
widerstehen kann. Ich will meine Waffe da wieder an die Wand hängen; nun
werdet Ihr mich doch herauslassen; ich muß ja heute noch nach Thourout, um
Vieh zu kaufen.«
»Gut, ich will Euch nicht länger zurückhalten, obgleich ich weiß, daß Ihr
nicht nach Thourout gehen werdet.«
»Gewiß, Meister, ich habe kein Vieh mehr im Stalle und muß mir noch vor
Abend welches beschaffen.«
»Ihr könnt mich nicht täuschen, Meister Jan, ich kenne Euch zu lange. Durch
Eure Augen blicke ich bis ins Innerste Eurer Seele; Ihr geht geradeswegs
nach Male.«
»Ihr seid ein Zauberer, Meister Peter, denn Ihr kennt meine Gedanken besser
als ich. Ja, ich gehe nach Male, aber glaubt mir, nur, um nach der
unglücklichen Tochter unseres Herrn zu forschen. Ich gelobe Euch, die Rache
bis auf einen günstigeren Tag zu verschieben.«
Die beiden Obmänner gingen zusammen hinaus und trennten sich vor der Tür
nach kurzem Gespräch.
Breydel erreichte nach einer halben Stunde das Dorf Male. Die Herrschaft
Male liegt eine kleine Meile von Brügge entfernt. Zur Zeit unserer
Erzählung bestand sie vornehmlich aus ungefähr dreißig Strohhütten, die
hier und da auf dem Gebiet des Schlosses zerstreut lagen. Zwischen den
undurchdringlichen Wäldern rings um das Dorf waren durch Fleiß die
fruchtbarsten Äcker erstanden. Da die Erde jener Gegend ihren Bewohnern
dankbar schien und mit reicher Ernte lohnte, hätte man annehmen sollen, daß
die Bauern von Male in Wohlstand lebten. Und doch zeigte ihre Kleidung,
ihre ganze Erscheinung größte Dürftigkeit. Knechtschaft und Bedrückung
waren an ihrer Armut schuld. Der Schweiß ihres Angesichts rann weder für
sie noch für ihre Familie. Alles kam dem Lehnsherrn, ihrem Gebieter,
zugute, und sie schätzten sich glücklich, wenn ihnen nach Abzug der Steuer
und Lehnsabgaben noch genug blieb, um ihren Körper während des Jahres für
die schwere Arbeit zu stärken.
Unweit des Schlosses befand sich ein viereckiger Platz, um den etwas
dichter einige steinerne Gebäude errichtet waren. In der Mitte stand eine
steinerne Säule, und daran hing eine Kette mit einem eisernen Halsband.
Dies war das Wahrzeichen der gräflichen Rechtspflege und die Säule der
bekannte Pfahl, an dem man die Missetäter ausstellte. An der einen Seite
war eine kleine Kapelle erbaut, deren Kirchhof seine Mauern einige Schritte
auf den Platz hin dehnte.
Daneben stand ein ziemlich hohes Haus, der einzige Krug oder das Wirtshaus,
da man Wein und Bier ausschenkte. Der Name der Herberge war über der Tür
dargestellt, aber so schlecht und ungeschickt, daß man kaum den heiligen
Martin in diesem steinernen Bilde erkennen konnte. Der Flur des untersten
Stockwerkes war so weit, wie es die Außenmauern erlaubten. Ein breiter,
sehr großer Herd ragte einige Fuß vor und füllte den Hintergrund des Raumes
aus; er ließ nur an jeder Seite einen kleinen Winkel übrig, in dem Samen
und Pflanzenwurzeln zum Trocknen hingen. Die anderen Wände waren mit Kalk
geweißt und mit allerlei hölzernem und zinnernem Küchengerät behängt. Ein
Schlachtbeil und eine Anzahl großer Messer in ledernen Scheiden hingen an
einem dafür bestimmten Platz. Der Rauch, der beständig vom Herd in die
Stube drang, hatte die Balken der Decke ganz geschwärzt. Das Zimmer erhielt
dadurch ein ungemütliches Aussehen. Obgleich die Sonne sehr hell schien,
war es darin doch ziemlich düster; denn die halb romanischen, halb
gotischen Fenster waren fast sieben Fuß über dem Boden und bestanden aus
kleinen Scheiben. Schwere Sessel und noch klumpigere Tische standen in der
Stube herum. Die Wirtin lief hin und her, um die zahlreichen Gäste zu
bedienen und ihnen einzuschenken. Die zinnernen Kannen und Becher standen
nicht still, und dadurch wurde die lebhafte Unterhaltung der Gäste zu einem
unverständlichen Summen. Am Herde kündete männlich-kräftiger Klang, daß
Vlaemisch gesprochen wurde, während in der Stube mehr weibische, lispelnde
Töne die französische Sprache verrieten. Unter denjenigen, welche sich
dieser fremden Sprache bedienten und zur Besatzung des Schlosses gehörten,
war ein Kerl namens Leroux, der wie ein Vorgesetzter zu seinen Genossen
sprach; doch war er ein einfacher Krieger wie sie; nur seine ungewöhnliche
Stärke hatte ihm diesen Vorrang verschafft.
Während die französischen Kriegsknechte ihre Kannen unter heiteren
Gesprächen leerten, kam ein anderer Söldner in den Krug und sprach zu
ihnen:
»Holla, Kameraden, ich bringe euch gute Kunde. Wir werden das verwünschte
Flandern verlassen, und wahrscheinlich sehen wir schon morgen unser schönes
Frankreich wieder.«
Die Söldner staunten über seine Worte und blickten den Boten verwundert an.
»Ja,« fuhr der fort, »morgen geht es mit der schönen Edeldame fort, die uns
heut nacht so zur Unzeit besucht hat.«
»Ist das wahr, was Ihr da sagt?« fragte Leroux.
»Natürlich ist es wahr, unser Herr de Saint-Pol hat mich geschickt, Euch
davon zu benachrichtigen.«
»Ich glaube Euch, denn Ihr seid immer ein Unglücksbote,« rief Leroux.
»Aber warum erbittert Euch diese Nachricht? Kehrt Ihr nicht gern nach
Frankreich zurück?«
»Durchaus nicht, wir genießen hier die Früchte des Sieges, und ich habe
keine Lust, sie sobald im Stiche zu lassen.«
»O, dann erschreckt nicht so sehr, wir kommen in wenigen Tagen wieder
zurück. Wir müssen Herrn de Saint-Pol nur bis Rijssel begleiten.«
Als Leroux eben antworten wollte, öffnete sich die Tür und ein Vlaeme trat
ein. Er betrachtete die Franzosen mit kühnem Stolz, setzte sich allein an
einen Tisch und rief:
»Wirt! einen Krug Bier und rasch, denn ich bin eilig.«
»Sogleich, Meister Breydel,« war die Antwort.
»Das ist ein schöner Vlaeme,« flüsterte ein Söldner Leroux in das Ohr. »Er
ist zwar nicht so groß wie Ihr; aber welch kräftiger Körper und was für
eine Stimme; das ist kein Bauer!«
»Wahrlich,« antwortete Leroux, »es ist ein prächtiger Kerl. Er hat Augen
wie ein Löwe. Ich würde mich gern mit ihm anfreunden.«
»Wirt,« rief Jan Breydel und stand auf, »wo bleibt Ihr, die Kehle brennt
mir fürchterlich.«
»Sagt, Vlaeme,« begann Leroux, »könnt Ihr Französisch?«
»Mehr, als mir lieb ist,« antwortete Breydel in derselben Sprache.
»Schön. Ich sehe, Ihr seid ungeduldig und habt Durst. Hier biete ich Euch
meine Kanne an. Trinkt, und wohl bekomm's!«
Breydel nahm die Kanne mit einem Zeichen des Dankes aus der Hand des
Söldners und sprach, indem er sie zum Munde führte:
»Auf Eure Gesundheit und Glück im Kriege.«
Doch kaum hatten nur einige Tropfen seinen Mund benetzt, so setzte er den
Becher mit Widerwillen auf den Tisch.
»Was ist das? Fürchtet Ihr Euch vor dem edlen Trank? Die Vlaemen sind das
nicht gewohnt,« rief Leroux lachend.
»Das ist französischer Wein,« antwortete Breydel so gleichgültig, als wäre
der Widerwille ganz natürlich.
Die Söldner sahen einander verwundert an, und sichtlicher Ärger
verfinsterte Leroux' Züge. Doch bestimmte ihn Breydels kalter Ausdruck, den
Vlaemen ohne Auseinandersetzung zu seinem Sitz zurückzulassen. Mittlerweile
hatte der Wirt das verlangte Bier gebracht, und der Obmann der Fleischer
tat mehrere Züge, ohne auf die Franzosen zu achten.
»Nun denn, Kameraden,« rief Leroux und hob den Becher, »laßt uns noch ein
Glas leeren, damit man nicht sagen kann, wir verreisten mit trockener
Kehle. Auf die Gesundheit der schönen Edelfrau.«
Jan Breydel kämpfte bei diesen Worten mit Mühe seine Aufregung nieder.
»Wenn während unserer Abwesenheit nur nichts vorfällt!« meinte Leroux
anzüglich, »die Brügger beginnen wieder zu murren und unruhig zu werden.
Man müßte die Stadt einmal plündern, während wir in Frankreich sind.«
Breydel knirschte vor Wut mit den Zähnen, aber er hatte sein Gelübde und
die Warnung De Conincks noch nicht vergessen. Er horchte noch gespannter,
als Leroux fortfuhr:
»Den Schaden würden wir der schönen Edeldame zu danken haben ... Aber wer
mag es nur sein? Ich für meinen Teil glaube, es ist die Frau eines
mächtigen Meuterers, und sie wird zu den anderen nach Frankreich geführt.
Sie wird noch bitteres Brot essen ...«
Der Vorsteher der Fleischer war von seinem Sessel aufgestanden, und während
er lässig in der Stube auf und ab ging, um seine Aufregung zu verbergen,
brummte er mit leiser Stimme einige Worte eines Volksliedes:
Seht ihr den schwarzen Leu'n sich recken
So stolz in reichem, goldnem Feld?
Seht seine mächt'ge Riesenklaue
Mit der _ein Schlag_ den Gegner fällt!
Seht ihr sein blutig Auge blitzen:
Seht ihr der Mähne wirre Pracht? --
Der Leu ist unser Leu von Flandern,
Des _Rast_ die Welt noch bangen macht.
Als die Franzosen diese Töne hörten, waren sie äußerst erstaunt.
»Hört,« sagte einer, »das ist das Lied der Klauwaerts; welche Frechheit!
Wagt es der Vlaeme, in unserer Gegenwart so etwas zu singen!«
Breydel hatte diese Worte wohl gehört. Aber er sang ruhig weiter, ja, er
hob sogar seine Stimme, als ob er den Franzosen trotzen wollte:
Vor seiner Klauen Schlag im Osten
Der Feinde zitternd Heer entfleucht;
Die ungestümen Sarazenen,
Den Halbmond hat sein Blick verscheucht.
Dann zog er wiederum gen Westen,
Verlieh, der Tapferkeit zum Lohn,
Dem unverzagt'sten seiner Söhne
Den Königs- oder Kaiserthron.
»Aber was bedeutet dieser Gesang, den ihr ewig im Munde führt?« fragte
Leroux einen Vlaemen aus dem Schloß, der bei ihm saß.
»Nun, er besagt, daß der schwarze Löwe von Flandern seine Klauen in den
Halbmond der Sarazenen geschlagen und Graf Boudewyn zum Kaiser gemacht
hat.«
»Hört mal, Vlaeme,« rief Leroux Breydel zu, »Ihr müßt doch zugeben, daß der
schreckliche schwarze Löwe vor dem Lilienbanner unseres mächtigen Fürsten,
Philipps des Schönen, fliehen mußte; jetzt ist er sicher für immer tot.«
Meister Jan lächelte und antwortete mit verächtlichem Spott:
»Das Lied hat noch einen Schlußvers, hört nur:
Nun schlummert er. -- Der Welschen König
Schlug ihn in eisern Kerkerband.
So drangen feige Räuberbanden
Tief in des Leuen Vaterland ...
Wenn er erwacht -- dann weh euch, Räuber!
Die Klaue bringt euch schlimmen Tod:
Die stolze Pracht der weißen Lilie
Besudelt er mit Blut und Kot.