Als die Franzosen während des Krieges 1296 ganz Westflandern besetzten,
leistete ihnen Schloß Nieuwenhove hartnäckigen Widerstand. Zahlreiche
vlaemische Ritter hatten sich unter Robrecht van Bethune darin
eingeschlossen und wollten es nicht übergeben, solange sich auch nur einer
von ihnen noch verteidigen konnte. Aber die Überzahl der Feinde machte
ihren Heldenmut nutzlos; sie blieben fast alle auf den Mauern der Feste.
Die Franzosen drangen durch die zerstörten Wälle ein, aber sie fanden nur
Leichen; und da sie ihre Wut nicht an Feinden auslassen konnten, steckten
sie das Kastell in Brand, rissen die Mauern nieder und füllten die Gräben
mit Schutt aus.
Die Überreste von Nieuwenhove lagen ungefähr zwei Meilen von Brügge nach
Kortrijk zu. Inmitten eines dichten Waldes, fern von den Wohnstätten der
Landleute, wurden diese Trümmer selten besucht, zumal das beständige
Krächzen der Nachtvögel bei den abergläubischen Dorfbewohnern den Glauben
erweckt hatte, daß die Geister der gefallenen Vlaemen hier um Rache oder
Genugtuung riefen.
Hatte auch der Brand das ganze Schloß in Flammen gesetzt, so war es doch
nicht völlig zerstört, und die Mauerreste ließen seine ursprüngliche Form
noch erkennen. Das Gebäude stand, war aber mit unzähligen Spalten und
Rissen gelockert. Die Dächer waren eingestürzt, und von den zerstörten
Fenstern war nur noch die steinerne Einfassung übrig. Alles trug den
Stempel eiliger Zerstörung; denn einige Teile waren unversehrt geblieben,
während andere sorgfältig vernichtet waren. Auf dem Vorhof, den die halb
geborstene Festungsmauer umschloß, lagen hier und da Schutthaufen, wie sie
der Zufall aufgetürmt hatte.
Nun waren schon sechs Jahre seit der Zerstörung Nieuwenhoves verflossen.
Die Gewächse, die der Wind zwischen das umherliegende Gestein gesät hatte,
waren mit der Zeit immer zahlreicher geworden. Üppiges Gras sproßte überall
auf, und wie Lieblingskinder der wilden Natur wiegten Feldblumen ihre
silbernen Kelche auf den Rändern der Trümmer. Das braune Gemäuer des
Gebäudes wurde von mächtigen Efeuranken erklettert, die in den
ausgebrannten Spalten wurzelten. Andere Gewächse, wie wilde Weinreben und
Geißblatt, rankten sich von einer Mauer zur anderen und breiteten so über
die tiefen Risse ein Gewebe von herrlichem Grün.
Es war vier Uhr morgens; schwachgelbe Dämmerung erhellte den Osten, und ein
Kranz goldener Lichtstrahlen erglänzte als Vorbote der Sonne am Horizont.
Die Ruinen von Nieuwenhove freilich waren noch in graue Schatten gehüllt;
in ungewissem Farbenkleid schlummerte die Natur, während der erwachende Tag
sich bereits am blauen Himmel spiegelte. Hier und da glitt noch eine träge
Nachteule aufgeschreckt nach ihrer Höhle und krächzte verdrießlich über den
Glanz, der sie vertrieb.
Da saß ein Mann auf einem der Schutthaufen inmitten der Trümmer. Ein Helm
ohne Federbusch war mit Sturmriemen auf seinem Haupte befestigt. Ein
Harnisch umschloß die kräftige Brust, und Stahlplatten bedeckten die
übrigen Glieder. Er stützte sich mit seinem eisernen Handschuh auf einen
Schild, darauf man vergebens ein Wappenzeichen suchte; nichts war darauf
als ein brauner Querstreifen. All seine Waffen, selbst der lange Speer
neben ihm, waren schwarz. Wahrscheinlich hatte sich dieser Ritter in tiefer
Trauer also gewappnet. Nicht weit von ihm stand ein Pferd, das noch
schwärzer war als der Ritter; da es auch ganz mit Eisen bedeckt war, konnte
es nur mit Mühe den Kopf zur Erde neigen, um die feuchten Spitzen der
Kräuter abzurupfen. Das Schlachtschwert am Sattel war ungewöhnlich groß und
schien für eine Riesenhand bestimmt zu sein.
Während Totenstille über den Trümmern lastete, seufzte der Ritter oft und
tief und bewegte die Hände, als ob er mit jemandem spräche. Von Zeit zu
Zeit wandte er sein Haupt mißtrauisch nach dem Gebüsch und den Wegen, die
das Schloß umgaben, und als er sicher war, allein zu sein, schlug er das
Visier seines Helmes zurück. Nun konnte man sein Gesicht erblicken.
Es war ein Mann von höherem Alter mit gefurchten Wangen und grauem Bart.
Wohl hatte langer Kummer seine Züge gezeichnet, aber es lohte noch genugsam
Feuer in seiner Brust, um seinen Augen ungewöhnliche Lebhaftigkeit zu
verleihen.
Nachdem er einige Augenblicke auf die Ruinen von Nieuwenhove gestarrt
hatte, glitt ein bitteres Lächeln über seine Wangen. Er senkte das Haupt,
als ob er etwas auf dem Boden suche -- Tränen glänzten auf seinen Wimpern
und rollten perlend zur Erde. -- Dann sprach er:
»O Helden, meine Brüder! In diesen Mauern ist euer edles Blut geflossen,
mir zu Füßen ruhen eure Leichen im endlosen Todesschlaf; und die einsamen
Blumen umranken wie Märtyrerkronen eure Gebeine. Glücklich ihr, die ihr das
schmerzenreiche Leben dem Vaterland habt opfern können, denn ihr habt die
Knechtschaft Flanderns nicht gesehen. Frei und herrlich seid ihr gestorben,
eure Seelen tragen nicht die Schande, wie sie die Fremdlinge auf das Haupt
der Vlaemen gehäuft haben! Das Blut dessen, dem ihr den stolzen Namen >der
Löwe< gegeben habt, strömte mit dem eurigen auf diesen Boden. Sein Schwert
war ein versengender Blitz, sein Schild eine Mauer -- und nun, o Schmach!
nun sitzt er seufzend wie ein Verworfener auf euren stillen Gräbern;
ohnmächtige Tränen fließen wie aus den Augen einer schwachen Frau über
seine Wangen!«
Plötzlich stand der Ritter auf, ließ hastig das Visier seines Helmes herab,
wandte den Blick nach dem Wege und schien aufmerksam auf etwas zu lauschen.
Ein Geräusch wie Pferdegestampf klang von ferne herüber. Als er sicher war,
sich nicht zu täuschen, nahm er seinen Speer vom Boden auf, lief rasch zu
seinem Pferde, legte ihm das Gebiß an, sprang in den Sattel und ritt hinter
eine bergende Mauer. Aber er war noch nicht lange in diesem Versteck, als
noch andere Töne zu ihm herüberschallten. In das Geklirr der Waffen und das
Schnauben der Rosse klang das Wehklagen einer weiblichen Stimme. Als der
Ritter diesen Notschrei hörte, erblaßte er unter seinem Helm. Nicht Furcht
trieb die Farbe von seinen Wangen -- Furcht war ihm unbekannt; aber Ehre
und Ritterpflicht geboten ihm, der Klagenden zu Hilfe zu eilen; schon
erglühte sein kühnes Herz in dem Wunsche, die Unglückliche zu retten,
während wichtigere Gründe und ein feierliches Gelübde ihm verboten, sich
von irgend jemand erkennen zu lassen. Er bebte bei dem inneren Kampfe mit
sich selbst. Bald kam der Zug näher, und die Klagerufe des Mägdeleins
wurden ihm nun verständlicher.
»O mein Gott, mein Vater!« rief es in unverkennbarem Schmerz.
Nun waren alle Bedenken des Ritters geschwunden. Die Stimme hatte etwas
unbeschreiblich Rührendes für ihn. Er preßte seinem Rosse den Sporn in die
Seite und sprengte über die Trümmerhaufen in den Weg. In kurzer Entfernung
sah er den Zug nahen. Sechs französische Reiter ohne Speer, aber sonst
wohlbewaffnet, sprengten mit verhängten Zügeln heran. Einer von ihnen hatte
eine Dame vor sich, die er fest umschlang. Sie wehrte sich verzweifelt, die
Luft hallte von ihren Hilferufen wider. Der schwarze Ritter blieb mitten
auf dem Wege stehen und legte seinen Speer an, um die Räuber zu erwarten.
Erstaunt über das unvorhergesehene Hindernis, zügelten die Ritter ihre
Pferde und betrachteten den schwarzen Krieger nicht ohne geheimes Bangen.
Derjenige, der unter ihnen zu gebieten schien, ritt voraus und rief:
»Aus dem Weg, Herr Ritter! Aus dem Weg, oder wir reiten Euch nieder!«
»Ich fordere euch, ihr falschen und ehrlosen Ritter, auf, diese Dame
freizugeben. Wenn ihr's nicht tut, so erkläre ich mich für ihren Streiter.«
»Vorwärts! Vorwärts!« rief der Anführer seinen Leuten zu.
Der schwarze Ritter ließ ihnen keine Zeit, heranzukommen. Er beugte sich
auf den Nacken seines Pferdes und stürmte plötzlich mitten zwischen die
erstaunten Franzosen. Mit dem ersten Stoße seiner Lanze durchbohrte er die
Sturmhaube und den Kopf eines Feindes und warf ihn tödlich verwundet aus
dem Sattel. Aber während es ihm geglückt war, einen seiner Feinde zu
besiegen, hatten die übrigen die Schwerter gegen ihn gezückt, hatte der
Anführer Saint-Pol bereits mit einem fürchterlichen Hiebe die
Schulterplatte an der Rüstung des schwarzen Ritters zerschmettert. Beim
Angriff so vieler Feinde ließ der seinen Speer fallen und zog sein
Riesenschwert aus der Scheide; er umfaßte den Griff mit beiden Händen und
schlug so wild um sich, daß ihm kein Franzose zu nahen wagte; denn jeder
Hieb seiner Waffe fiel wie ein schmetternder Hammerschlag auf die Rüstung
der Gegner. Der Reiter, der die Jungfrau hielt, wehrte sich mit einem
langen Degen und umfaßte mit dem anderen Arm das unglückliche Mädchen. In
dieser gewaltigen Erregung, von Schrecken und Hoffnung durchtobt, fehlte es
der geraubten Jungfrau an Kraft, zu sprechen oder zu klagen. Unbeweglich
starrten ihre Augen im Kopf, und die zarten Wangen waren krampfhaft
verzerrt. Zuweilen streckte sie ihre Arme flehend nach dem Unbekannten aus,
der sie erretten wollte, doch bald hingen sie wieder schlaff und kraftlos
über dem Rücken des Pferdes.
Die furchtbaren Schwerthiebe wider die Helme und Schilde hallten dröhnend
rings im Walde wider, und das Blut quoll unter den Harnischen hervor; doch
in der Hitze des Gefechts achteten die Streiter nicht darauf und kämpften
wütend weiter. Schon waren die Rüstungen an vielen Stellen zerschlagen und
zerbrochen, und Saint-Pols Pferd hatte eine klaffende Wunde im Nacken;
deshalb ließ es sich nicht mehr willig von seinem Herrn lenken, und der
hatte die größte Mühe, den Schlägen des schwarzen Ritters auszuweichen. Als
er sah, daß das Gefecht für die Franzosen eine ungünstige Wendung nahm, gab
er dem Söldner, der die Dame hielt, ein Zeichen. Der Reiter verstand diesen
Wink und versuchte, dem Befehl zu gehorchen und vom Schlachtfeld zu
fliehen; aber der schwarze Ritter merkte seine Absicht, drückte seinem
Rosse den Sporn in die Seite und sprengte plötzlich vor den Söldner.
Geschickt wich er den Schlägen der übrigen Feinde aus, und er rief:
»Setzt die Dame zur Erde, wenn Euch Euer Leben lieb ist!«
Ohne auf diesen Zuruf zu achten, wandte der Söldner sein Roß auf die Seite
und suchte vorbeizukommen; aber das Schwert des schwarzen Ritters sauste
mit doppelter Kraft auf seinen Helm nieder und spaltete ihm das Haupt bis
auf die Schulter. Sein Blut strömte zurück auf den Kopf und das weiße Kleid
des Mägdeleins; ihre schönen blonden Locken wurden davon völlig genäßt und
dunkelrot gefärbt. Gleich darauf gaben sie die Arme des Erschlagenen frei,
und beide stürzten zur Erde.
Währenddes hatte der Ritter noch einen anderen Franzosen zu Boden geworfen,
und nun blieben nur noch drei Gegner. Das Gefecht schien jetzt noch
hitziger zu werden; die Pferde wurden hin und her geworfen und schnaubten
bei jedem Schlage, der auf ihre eiserne Rüstung fiel. Das Mägdelein lag
bewußtlos unter ihnen. Da sie zuerst aus dem Sattel geglitten war, lag die
blutende Leiche des Söldners über ihr. Es war merkwürdig, daß die Pferde
sie nicht verletzten; sie traten um und neben sie, ohne sie zu berühren.
Nur warfen sie die Erde hoch und bedeckten so die Wangen des Mägdeleins mit
Staub und Schmutz.
Die Streiter schöpften Atem und waren allesamt durch schwere Wunden oder
Blutverlust gelähmt und geschwächt. Plötzlich wich das Roß des schwarzen
Ritters einige Schritte zurück und blieb stehen. Die Franzosen freuten
sich innerlich, als sie dieses scheinbaren Rückzuges ihres Feindes gewahr
wurden. Sie glaubten, er bedürfe der Ruhe und würde den Kampf aufgeben;
aber sie täuschten sich, denn jählings fiel er sie mit verhängtem Zügel an,
und sein Schlag war so wohl berechnet, daß das Haupt des vordersten
Söldners mit dem Helm auf den Weg flog. Staunend und durch diese Wundertat
erschreckt, floh Saint-Pol mit dem einzig verbliebenen Genossen in aller
Eile vom Schlachtfeld; sie trieben ihre Pferde schnell voran und verließen
den schwarzen Ritter in dem festen Glauben, daß er mit dem Teufel im Bunde
stehe.
Das Gefecht hatte nur einige Augenblicke gewährt, denn die Schläge der
Kämpfer waren unaufhaltsam niedergeprasselt; deshalb stand die Sonne auch
noch nicht über dem Horizont, aber die Nebel erhoben sich bereits über dem
Wald, und die Wipfel der Bäume erglänzten in lieblichem Grün.
Als der Ritter sich als Herrn des Schlachtfelds sah und keine Feinde mehr
gewahrte, stieg er vom Pferd, band es an einen Baum und näherte sich dem
regungslosen Mägdelein. Es lag ausgestreckt unter der Leiche des Söldners
und gab kein Lebenszeichen von sich; der Boden um sie her war von den
Pferden zerstampft und zertreten. Der schwarze Ritter konnte ihre Züge
nicht erkennen, das Blut des Franzosen war auf ihren Wangen mit Erde
vermengt geronnen, und ihre langen Locken waren von den Rossen in den Grund
gestampft. Ohne lange Untersuchung hob der Ritter das unglückliche
Mägdelein vom Boden auf und trug es in seinen Armen in die Ruinen von
Nieuwenhove; hier legte er es sanft auf dem Vorhof ins Gras und ging in den
noch erhaltenen Teil des Gebäudes. Zwischen den ragenden Mauern fand er
glücklicherweise einen Saal, dessen Decke noch nicht eingefallen war und
der als Zufluchtsort dienen konnte. Zwar waren die Scheiben der Fenster von
dem Brande zersprungen und geschmolzen, aber das übrige war noch erhalten;
lange Stücke zerrissener Tapeten hingen an der Wand, und Reste
zerbrochener Kasten und Betten lagen zerstreut auf dem Boden. Der Ritter
raffte einiges zusammen und legte Bretter darauf und stellte so eine Art
Feldbett her; dann riß er die Teppiche von den Wänden und legte sie über
die Bretter.
Froh, daß er diesen günstigen Ort gefunden hatte, kehrte er zu der
ohnmächtigen Jungfrau zurück und trug sie in den Saal. Mit ängstlicher
Sorge bettete er sie auf dies seltsame Lager und legte noch ein Stück
Teppich unter ihren Kopf. Nur edle Menschenliebe und Ritterpflicht trieb
ihn zu diesen Mühen und Sorgen. Um sich zu überzeugen, daß sie nicht
verwundet sei, betrachtete er genau ihre Kleider und stellte zu seiner
größten Freude fest, daß nur ihr oberstes Gewand befleckt war und ihr Herz
noch fühlbar klopfte. Nachdem er ihr Mund und Augen von Staub gereinigt
hatte, verließ er das Gemäuer und kehrte zu dem Wege zurück, da die Leichen
seiner Feinde lagen. Einem der toten Franzosen nahm er den Helm ab und
schöpfte ihn an einem Bache, der am Kampfplatz vorbeifloß, voll Wasser.
Dann ergriff er den Zaum seines Pferdes und brachte es in einen Winkel des
Schlosses. Als er zu der Jungfrau in den Saal zurückkam, riß er ein Stück
von dem Wams, das er unter dem Harnisch trug, und benutzte es als Tuch, um
das Gesicht des Mägdeleins damit zu waschen. Schon nahte der Tag, und die
Felder prangten bereits in klaren Farben. Aber im Gewölbe dieses Saales war
es noch düster, und der Ritter konnte nicht sehen, ob die Wangen des
Mädchens gehörig von Staub und Blut gesäubert waren. Er wusch ihr Kopf,
Hals und Hände und bedeckte sie gegen die Kälte mit einem großen Teppich,
den er zu diesem Zwecke von der Wand riß. Als er so alles Erdenkliche getan
hatte und überzeugt war, daß die Jungfrau noch lebte, überließ er sie
kräftigender Ruhe und kehrte zu seinem Rosse zurück; er reinigte die
Rüstung mit Kräutern, um die blutigen Spuren des Kampfes möglichst zu
verwischen, und ging dann in den Vorhof, um Gras für sein Pferd zu
sammeln. Das dauerte eine gute Weile; doch er ließ es sich nicht
verdrießen, und demütig gebrauchte er seine edlen Hände zu dieser niedrigen
Arbeit. Endlich brachte er seinem Pferde einen Arm voll saftigen Futters.
Schon hatte die Sonne sich über den Horizont erhoben, und ihre Strahlen
leuchteten hell über die Fluren. Durch die Fenster des Saales fiel jetzt
gleichfalls hinlänglich Licht, um alle Gegenstände auf dem Boden zu
unterscheiden. In der Hoffnung, das Mädchen nun besser betrachten zu
können, trat der Ritter in den Saal. Die Jungfrau saß aufgerichtet und
starrte entsetzt auf die schwarzen Wände ihres grausigen Aufenthalts. Die
Augen waren weit aufgerissen, und sie glich einer Wahnsinnigen; denn ihre
Wimpern senkten sich nicht, sondern blieben regungslos offen. Sobald der
Ritter ihr sein Angesicht zuwandte, ergriff ein jähes Zittern seinen ganzen
Körper; er erbleichte und fühlte, daß ihm die Beklemmung die Sprache
raubte; statt Worte kamen nur unverständliche Laute aus seinem Mund. Derart
erregt eilte er auf die Jungfrau zu und drückte sie mit feuriger Liebe an
sein Herz.
»Mein Kind, meine unglückliche Machteld,« rief er in Verzweiflung, »mußte
ich mein Gefängnis verlassen, um dich nun in den Armen des Todes
wiederzufinden!«
Das Mädchen stemmte seine Hand mit Widerwillen gegen die Brust des Ritters
und stieß ihn leidenschaftlich von sich.
»Verräter,« sprach sie, »wie dürft Ihr die Tochter des Grafen von Flandern
antasten? Ihr schämt Euch nicht, ein wehrloses Mägdelein gewaltsam
fortzuführen? Aber Gott beschützt mich. Es gibt noch Blitze des Himmels;
hört Ihr? Eure Strafe naht -- horcht, wie der Donner grollt, Bösewicht!«
Als der Ritter diese Worte hörte, entströmten Tränen seinen Augen; er riß
den Helm ungestüm von seinem Haupt, und nun konnte man die Zähren über
seine Wangen fließen sehen.
»O meine vielgeliebte Machteld,« rief er, »erkenne mich doch, ich bin Dein
Vater Robrecht, den Du so lieb hast, der sich so sehr in der Gefangenschaft
um Dich gegrämt hat. Himmel! Du stößt mich von Deiner Brust!«
Mit einem wilden Lachen entgegnete das Mägdelein:
»Jetzt bebt Ihr, ehrloser Räuber. Nun packt Euch das Bangen des Bösewichts.
Aber für Euch gibt es keine Gnade. Der Löwe, mein Vater, wird mich rächen,
und Ihr werdet nicht ungestraft das gräfliche Blut von Flandern gekränkt
haben. Still!... Ich höre das Gebrüll des Löwen ... Mein Vater naht --
horch! Die Erde dröhnt unter seinen Schritten. Für mich einen Kuß, für Euch
den Tod!«
Jedes Wort drang wie ein Pfeil in das Herz des Ritters. Alle Qualen der
Hölle durchtobten sein Inneres, und unaussprechliche Betrübnis ergriff ihn;
heiße Tränen rannen über seine gefurchten Wangen, und voll Verzweiflung
schlug er sich an die Brust.
»So erkenne mich doch, armes Kind,« rief er, »bring' mich nicht um, lache
nicht so bitter; Deine Blicke geben mir den Tod. Ich bin der Löwe, den Du
liebst, der Vater, den Du rufst.«
»Ihr der Löwe?« antwortete Machteld mit Verachtung, »Ihr der Löwe? O
Lästerer! Nein, der Löwe spricht vlaemisch! Höre ich etwa nicht, daß Ihr
die Sprache der Königin Johanna redet? Die Sprache, die schmeichelt und
verrät? Auch der Löwe ist fort -- man sagt ihm, komm! -- und eine Kette ...
ein Kerker -- ein goldenes Gefäß und Gift. O Frankreich! Frankreich! sein
Blut!... und auch ich -- ich, sein Kind! Aber Ihr bedenkt nicht, daß das
Grab eine Zuflucht bietet. Bei Gott im Himmel kann eine Seele nicht mehr
entehrt werden!«
Der Ritter konnte seiner Verzweiflung nicht Herr werden; er umarmte sie
nochmals und rief:
»Hörst Du denn nicht, mein Kind, daß ich die Sprache unserer Väter spreche?
Was für ein bitteres Leid hat Dich gefoltert, daß sich Dein Geist
verwirrte? Erinnere Dich, daß unser Freund, Herr Adolf van Nieuwland, mich
befreien wollte, und nenne mich nicht mehr Verräter und Bösewicht, denn
Deine Worte durchbohren mein Herz!«
Bei Adolfs Namen wurden die krampfhaften Züge Machtelds leichter. Ein
sanftes Lächeln verscheuchte den schmerzlichen Ausdruck ihres Angesichts,
und sie antwortete mit ruhiger Stimme:
»Adolf habt Ihr gesagt? Adolf ist fort, um den Löwen zu holen. Habt Ihr ihn
gesehen? Er hat Euch von der unglücklichen Machteld erzählt, nicht wahr? O
ja, er ist mein Bruder! Er hat ein Gedicht für mich gemacht ... Still! Ich
höre die Klänge seiner Harfe ... Welch schönes Lied! Aber was ist das?...
Ja, mein Vater kommt; ich sehe schon einen Strahl ... ein heiliges
Licht ... weg, Ehrloser!«
Nun gingen ihre Worte in dumpfe Laute über, und ihre Rede wurde
unverständlich. Ein schwermütiger Ausdruck verdüsterte ihre Züge.
Der Ritter erschrak bei diesen drohenden Blicken. In seiner argen Pein
wußte er nicht, was tun, und fühlte, daß ihm der Mut schwand. Ohne zu
sprechen, faßte er die Hand seines kranken Kindes und benetzte sie mit
Tränen der Liebe und des Schmerzes; doch sie riß schnell die Hand aus der
seinen und rief:
»Diese Hand ist nicht für einen Franzosen! Ein falscher Ritter, ein Räuber,
wie Ihr, darf sie nicht berühren. Eure Tränen sind Flecken, die der Löwe
mit Blut tilgen wird. Erschreckt, Schlange! Bebt, denn der Augenblick naht!
Seht Ihr dies Blut auf meinem Gewande? Das ist auch französisches Blut --
wie schwarz!«
Der Ritter konnte diese Folterqualen nicht mehr ertragen. Flehentlich fiel
er vor der Jungfrau nieder und schluchzte:
»Um der Liebe des Herrn willen, meine unglückliche Machteld, weise die
Liebe Deines Vaters nicht länger von Dir. Laß meine traurige Reise nicht
vergebens sein. Kannst Du meine Tränen so gleichgültig anschauen, hat Deine
teure Stimme nicht ein einzig tröstendes Wort für mich? Soll ich denn vor
Schmerz zu Deinen Füßen sterben?«
Die Jungfrau sah ihn mit Abscheu an.
»Ein Wort!« fuhr der Ritter fort; »nenne mich Deinen Vater, stoße ihn nicht
mehr von Dir. Ach, wüßtest Du, mein unglückliches Kind, welche Schmerzen
mir Deine Verachtung verursacht, könntest Du doch die Angst Deines Vaters
sehen! Aber nein, Du bist außer Dir, die Verfolgung der Franzosen hat
Deinen Geist verwirrt! O Jammer!«
Er wollte sein unglückliches Kind in die Arme schließen, doch sie erschrak
bei diesem Versuch und rief heftig mit gellender Stimme:
»Hinweg! Streckt Eure Arme nicht so nach mir aus! Es sind Schlangen, die
das Gift der Schande in sich tragen. Ha! Berührt mich nicht, haltet ein,
Bösewicht! Hilfe! Hilfe!«
Durch eine rasche Bewegung riß sie sich aus den Armen des Ritters und
sprang laut jammernd vom Bett auf. In ihrer Angst lief sie nach dem Ausgang
des Saales und wollte entfliehen. Der Ritter erbebte und warf sich ihr
ängstlich in den Weg, um sie zurückzuhalten. Wie schrecklich war dies
Schauspiel, wie unermeßlich der Schmerz des Ritters! Er umfaßte seine
Tochter mit banger Sorge und versuchte, sie zum Bette zurückzubringen; aber
sie in ihrer Verwirrung hielt ihn für ihren Feind und kämpfte mit
furchtbarer Heftigkeit gegen ihren verzweifelten Vater. Mit fast
übernatürlicher Anstrengung entwand sie sich mehrmals seinen Händen, und er
mußte ihr im Saale nachsetzen; sie schrie laut auf und schlug bei ihrem
Widerstreben mit unglaublicher Kraft um sich. Um sie an der Flucht zu
hindern, sah ihr Vater sich genötigt, sie mit größerer Gewalt
zurückzuhalten und sie fest in seine Arme zu drücken. Er machte von seiner
Kraft Gebrauch, hob das klagende Mägdelein empor und trug es auf das Bett
zurück. Sie betrachtete ihn mit zornigen Blicken und begann bitterlich zu
weinen.
»Ihr habt die Kräfte eines Mägdeleins niedergezwungen, falscher Ritter,«
schluchzte sie. »Was zaudert Ihr nun? Niemand sieht ja Euer Verbrechen als
Gott allein. Aber dieser Gott hat den Tod zwischen uns gestellt! Ein Grab
gähnt zwischen uns! Darum weint Ihr.«
Der unglückliche Vater war so schmerzzerrissen, daß er diese Worte nicht
hörte. Wiederum setzte er sich gramerfüllt nieder und betrachtete sein
weinendes Kind mit irrem Blick; unbeschreibliche Qualen nagten an ihm und
raubten ihm den Mut; sein Haupt sank kraftlos auf die Brust.
Währenddessen hatten sich Machtelds Augen geschlossen, und sie schien zu
schlafen. Ein lichter Hoffnungsschimmer drang in das Vaterherz; diese Ruhe
konnte sein Leiden und die Schmerzen seiner Tochter lindern. In diesem
Gedanken verhielt er sich ganz still, um den Schlaf des Mägdeleins nicht zu
stören. Er betrachtete sie mit liebevollem Blick, und trotz allen Schmerzes
empfand er doch noch eine wehmütige Freude.