Die Luft war so klarblau, daß das staunende Auge vergeblich ihre
unermeßbare Tiefe zu ergründen suchte. Strahlend stieg die Sonne am
Horizont auf, und eine girrende Turteltaube trank die letzten Tautropfen
von den grünen Blättern der Bäume. Aus Schloß Wijnendaal erscholl
unaufhörlich das Kläffen der Meute. Das Wiehern der Pferde mischte sich mit
den lieblichen Tönen des Jagdhorns. Aber die Zugbrücke war noch aufgezogen,
und vorübergehende Landleute konnten nur raten, was da im Gange war.
Zahllose Wachen mit Armbrust und Schild schritten auf den äußeren Wällen
auf und ab, und durch die Schießscharten hindurch konnte man sehen, wie
viele Waffenknechte innerhalb der Mauern geschäftig hin und her liefen.
Endlich erschienen einige Leute über dem Tor und ließen die Brücke herab.
Da wurde es auch schon geöffnet, um den Jagdzug hinauszulassen. In dem
stattlichen Zug, der langsam über die Brücke ritt, sah man folgende Damen
und Herren:
Voran ritt der achtzigjährige Graf Gwijde[6] von Flandern auf einem Fuchs.
Seine Haltung trug den Stempel stiller Ergebenheit. Alter und Unglück
hatten sein stolzes Haupt schwer gebeugt. Seine schmalen Wangen waren tief
gefurcht. Ein purpurnes Wams fiel von seinen Schultern bis auf den Sattel
herab, und sein schneeweißes Haar war von einem gelbseidenen Tuche
umwunden. Durch diese Hülle glich sein Haupt einem Silbergefäße mit
goldenem Reif. Auf der Brust trug er in einem herzförmigen Schild den
schwarzen springenden Löwen in goldenem Felde.
[6] Guy van Dampyere, der Sohn des alten Wilhelm van Dampyere,
war der vierundzwanzigste Graf von Flandern. (Dits die excellente
Cronike van Vlaenderen.)
Der unglückliche Fürst sah sich an seinem Lebensabend, wo ihm die Ruhe als
Lohn für seine Arbeit zu gönnen gewesen wäre, seiner Krone beraubt. Seine
Kinder hatten durch das Los der Waffen ihr Erbe verloren, und Armut
erwartete sie, die eigentlich die reichsten Fürsten Europas hätten sein
müssen. Siegprahlende Feinde umringten den unglücklichen Landesherrn, und
doch gab er der Verzweiflung in seinem Herzen nicht Raum.
Neben ihm ritt Karl von Valois, der Bruder des französischen Königs. Er
unterhielt sich eifrig mit dem alten Gwijde; doch es schien, als wären sie
nicht einer Meinung.
Jetzt hing kein Schlachtschwert mehr am Sattel des französischen Feldherrn;
ein langer Degen ersetzte die schwere Waffe; auch die blitzenden
Stahlplatten hatte er von den Beinen geschnallt.
Ihnen folgte ein Ritter von ungemein wildem und trotzigem Aussehen. Seine
Augen rollten, und wenn sein Blick auf einen Franzosen fiel, preßte er
seine Lippen ingrimmig aufeinander und knirschte mit den Zähnen.
Er war etwa fünfzig Jahre alt; aber noch beseelte ihn volle Lebenskraft,
und man mußte ihn mit seiner starken Brust und seinem gewaltigen Körperbau
für den stärksten Ritter halten. Auch sein Roß war größer als die anderen,
und so überragte er den ganzen Zug an Haupteslänge. Ihn schützten sein
blinkender Helm mit blauem und gelbem Federbusch, ein schwerer Waffenrock
und das gebogene Schwert. Sein Koller, das von seinem Rücken bis auf das
Pferd niederwallte, trug auch den vlaemischen Löwen im goldenen Felde. Die
Ritter jener Zeit hätten unter tausend anderen in diesem trotzigen Reiter
Robrecht van Bethune[7], den ältesten Sohn von Gwijde, erkannt.
[7] »Robrecht van Nyvers (auch van Bethune) hat der heiligen
Kirche große Dienste erwiesen; so hat er in Apoelghen Meinfoort,
den stolzen Feind der heiligen Kirche, erschlagen.« (Die
excellente Cronike). Die Tatsache, auf die dieser Satz anspielt,
ist folgende:
Karl von Anjou, König von Sizilien, wollte gegen Manfred, der
dieses Königreich gegen den Willen des Papstes besaß, in den
Krieg ziehen. Er bildete ein französisches Heer aus etwa 20 000
auserlesenen Kriegern und übergab den Oberbefehl an Robrecht van
Bethune, der damals achtzehn Jahre alt war. Bald darauf nahm Karl
von Anjou den jungen Konradin, den Enkel des deutschen Kaisers
Friedrich, gefangen. Karl, der sich von einem so hochgestellten
Feind befreien wollte, beschloß, ihn zum Tode verurteilen zu
lassen. Sismonde von Sismondi (Histoire des républiques
italiennes) sagt darüber: »Ein einziger Richter sprach das
Todesurteil, und der junge Konradin wurde auf das Schafott
gebracht, um enthauptet zu werden. Der Richter, der Konradin zum
Tode verurteilt hatte, las das Urteil gegen ihn vor, das ihn als
Verräter der Krone und Feind der Kirche bezeichnete. Er war
gerade damit zu Ende und sprach das Todesurteil aus, als Robrecht
von Flandern, der eigene Schwager von Karl von Anjou, auf den
falschen Richter zustürzte, ihm seinen Degen in die Brust stieß
und rief: »Es steht Euch nicht zu, Elender, einen so edlen und
schönen Herrn zum Tode zu verurteilen.« Der Richter starb in
Gegenwart des Königs, und dieser durfte seinen Günstling nicht
rächen.« -- Noch andere Taten beweisen, daß Robrecht von einem
wunderbaren Mut beseelt war, so daß man von ihm sagen konnte: ein
Löwenherz schlägt in seiner eisernen Brust.
Seit einigen Jahren hatte ihm sein gräflicher Vater die innere Regierung
von Flandern übertragen. In allen Feldzügen hatte er die vlaemischen Heere
angeführt und sich in der Fremde einen gefürchteten Namen erworben. Während
des sizilianischen Krieges hatte er im Lager der Franzosen so
staunenswerte Waffentaten vollführt, daß er von der Zeit an der Löwe von
Flandern genannt wurde. Das Volk, das seine Helden allzeit liebt und
bewundert, besang die Unerschrockenheit des Löwen in seinen Sagen und
verherrlichte den, der einst die Krone von Flandern tragen sollte. Da
Gwijde wegen seines hohen Alters Schloß Wijnendaal selten verließ und auch
von den Vlaemen nicht sehr geliebt wurde, erhielt auch Robrecht den
Grafentitel, wurde im ganzen Land als der Herr angesehen, und als solchem
wurde ihm Gehorsam geleistet.
An seiner rechten Seite ritt Wilhelm, sein jüngster Bruder, dessen bleiche
Wangen und schwermütigen Züge wie die eines kranken Mägdeleins neben dem
gebräunten Antlitz von Robrecht erschienen. Seine Kleidung unterschied sich
von der des Bruders nur durch das krumme Schwert, das Robrecht allein trug.
Darauf folgten viele andere Herren, sowohl Franzosen wie Vlaemen. Hierunter
waren die vornehmsten: Walter, Herr van Maldeghem, Karl, Herr van
Knesselare, Roegaert, Herr van Axpoele, Jan, Herr van Gavere, Rase Mulaert,
Dietrich der Fuchs und Gerhard der Mohr.
Die Ritter Jacques de Châtillon, Guy de Saint-Pol, Raoul de Nesle und ihre
Begleiter ritten ungeordnet, liebenswürdig plaudernd, zwischen den
vlaemischen Herren.
Ihnen folgte der junge Adolf van Nieuwland, der Sprößling eines der
edelsten Geschlechter der reichen Stadt Brügge. Sein Antlitz bestach nicht
durch weibische Schönheit. Das war keiner jener Männer mit rosenfarbigen
Wangen und lächelndem Munde, denen zum Weibe nur die Frauenkleidung fehlt.
So hatte sich die Natur nicht an ihm vergangen. Die Sonne hatte seine
ernsten Wangen leicht gebräunt. Durch seine Stirn zogen sich zwei Falten,
die frühzeitige Klugheit ankündigten. Sein Antlitz war scharf und männlich
geschnitten, und die edlen Linien seines Körpers erinnerten an ein
griechisches Bildwerk. Aus seinen Augen, die halb von den Brauen
beschattet waren, leuchtete eine weiche, aber einsame Seele.
Obwohl er den anderen Rittern an Geburt nicht nachstand, blieb er doch
zurück und ließ die, die geringerer Herkunft waren, vorausreiten. Mehrmals
hatte man ihm Platz gemacht, um ihn nach vorn reiten zu lassen, aber er
achtete nicht auf diese Liebenswürdigkeit und schien in tiefes Nachdenken
versunken zu sein.
Auf den ersten Blick hätte man Adolf für einen Sohn Robrechts van Bethune
halten können. Denn bis auf den großen Altersunterschied glichen sich die
beiden Ritter auffallend. Die gleiche Gestalt, die gleiche Haltung, die
gleichen Bewegungen! Doch war die Kleidung von anderer Farbe, und das
gestickte Wappen auf Adolfs Brust zeigte drei goldblonde Mägdelein auf
rotem Grunde. Darüber stand sein Wahlspruch: Pulchrum pro patria mori[8].
[8] Schön ist der Tod fürs Vaterland.
Dieser Jüngling war von seiner Kindheit an in Robrechts Hause aufgewachsen.
Jetzt war er sein vertrauter Freund und wurde von ihm wie ein geliebter
Sohn behandelt. Er schätzte seinen Wohltäter als Vater und Fürst und liebte
ihn und seine Kinder von ganzem Herzen.
Dicht hinter ihm ritten die Frauen, die so prächtig geschmückt waren, daß
das reiche Gold und Silber ihrer Kleidung die Augen blendete. Alle saßen
auf leichten Zeltern. Ein langes Reitkleid fiel an der Seite des Pferdes
über ihre Füße bis zur Erde herab. Golddurchwirkte, eng anliegende Mieder
bedeckten ihre Brust, und von ihren hohen, mit Perlen geschmückten Hauben
flatterten zierliche Bänder. Die meisten trugen einen Raubvogel auf der
Hand.
Unter diesen Edelfrauen war eine, die durch Pracht und Schönheit alle
anderen in Schatten setzte. Es war Machteld, Robrechts jüngste Tochter.
Die Maid war sehr jung. Sie war kaum älter als fünfzehn Jahre; aber ihre
hohe, schlanke Gestalt, ein Erbteil ihrer edlen, mächtigen Vorfahren, die
Strenge ihrer feinen Züge, die Ruhe ihrer Haltung gaben ihr etwas
Königliches, Ehrfurchtgebietendes.
Obwohl die Ritter darin wetteiferten, ihr zu gefallen und ihr jede
erdenkliche Höflichkeit erwiesen, entbrannte doch keiner in vermessener
Liebe zu ihr. Sie wußten, nur ein Fürst durfte Machteld von Flandern
heimführen.
Traumhaft schön saß die schlanke, junge Maid lieblich in der Seide ihres
Zelters und trug ihr Haupt stolz erhoben. Während die linke Hand leicht den
Zügel hielt, saß auf der Rechten ein Habicht mit roter Kappe, an der
goldene Glöckchen läuteten.
Unmittelbar nach der lieblichen Tochter des Landesfürsten ritten zahlreiche
Schild- und Hofknappen, alle in zweifarbige Seide gekleidet. Die Knechte,
die zum Hause des Grafen Gwijde gehörten, konnte man leicht von den anderen
unterscheiden, denn die rechte Seite ihrer Kleidung war aus schwarzem, die
linke aus goldgelbem Moiré. Einige waren in Purpur und Grün, andere in Rot
und Blau gekleidet, je nach den Wappenfarben ihrer Gebieter.
Endlich kamen Jäger und Falkenträger. Vor den ersteren lief die Meute von
etwa fünfzig Hunden an ledernen Koppeln; darunter waren Windhunde, Bracken
und Spürhunde aller Art.
Die Tiere waren von sonderbarem Ungestüm; sie zogen so stark an den
Koppeln, daß die Jäger sich rückwärtsstemmend ziehen lassen mußten.
Die Falkeniere trugen auf Querstangen allerlei Falken und Jagdvögel:
Habichte, Steinfalken, Geier und Sperber. Die Vögel hatten rote, mit
Glöckchen besetzte Kappen auf dem Kopfe und dünne Lederhöschen an den
Beinen.
Außerdem trugen die Falkeniere noch künstliche, scharlachrote Lockvögel mit
Flügeln; die sollten die Falken während der Jagd zurückrufen.
Sobald der Zug sich etwas von der Brücke entfernt hatte und auf einen
breiteren Weg gekommen war, mischten sich die Herren, ohne auf die
Standesunterschiede zu achten, untereinander. Jeder suchte sich einen
Freund oder Kameraden, um die Reise durch gefälliges Gespräch zu verkürzen.
Sogar viele Frauen waren zu ihnen herangeritten. Doch blieben Gwijde von
Flandern und Karl von Valois noch an der Spitze des Zuges, denn niemand
wäre so unhöflich gewesen, an ihnen vorbeizureiten. Robrecht van Bethune
und Wilhelm hatten ihre Rosse neben das ihres Vaters geführt, und auch
Raoul de Nesle war mit Châtillon zu ihrem Feldherrn geritten. Dieser
blickte traurig auf das weiße Haupt Gwijdes und in Wilhelms schwermütiges
Antlitz und sagte: »Ich bitt' Euch, edler Graf, glaubt mir, daß mir Euer
trauriges Los sehr zu Herzen geht. Es ist mir, als hätte mich selbst Euer
Unglück getroffen. Doch noch ist alle Hoffnung nicht verloren. Auf meine
Bitte wird mein königlicher Bruder alles vergeben und vergessen.«
»Herr von Valois,« entgegnete Gwijde, »da täuscht Ihr Euch, Euer Fürst hat
es deutlich bewiesen, daß Flanderns Untergang sein größter Wunsch ist; hat
er nicht meine Untertanen gegen mich aufgestachelt? Hat er mir nicht mit
unmenschlicher Grausamkeit meine Tochter Philippa geraubt und in einen
Kerker geworfen? Und erwartet Ihr etwa, daß er alles wieder aufrichtet, was
er so blutig zerstört hat? Fürwahr, Ihr täuscht Euch sehr, Philippe-le-Bel,
Euer Bruder und König wird mir das Land, das er mir entrissen hat, nie
zurückgeben. Euern Edelmut, Herr von Valois, werde ich nie vergessen, doch
ich bin zu alt, um mich noch mit einer trügerischen Hoffnung trösten zu
können. Meine Herrschaft ist aus. Das war Gottes Wille!«
»Ihr kennt meinen königlichen Bruder Philipp nicht,« erwiderte Valois,
»seine Taten sprechen allerdings gegen ihn, aber ich versichere Euch, er
hat ein edles, ritterliches Herz.«
Da unterbrach Robrecht van Bethune Valois voll Ungeduld: »Was sagt Ihr --
ein edles, ritterliches Herz! Bricht ein edler Ritter sein gegebenes Wort,
seine Treue? Als wir mit unserer unglücklichen Philippa arglos nach Corbeil
kamen, hat Euer König das Gastrecht verletzt und uns alle eingekerkert. Ist
diese Verräterei etwa eines edlen Ritters wert?«
»Herr van Bethune,« antwortete Valois ernst, »Eure Worte sind sehr scharf.
Ich hoffe, daß Ihr nicht die Absicht hattet, mich zu kränken.«
»O nein, auf Ehre nicht,« gab Robrecht zur Antwort, »Eure Großmut hat Euch
meine Freundschaft gewonnen. Aber Ihr könnt doch nicht mit voller
Überzeugung behaupten, daß Euer König ein ehrenwerter Ritter ist?«
»Hört mich an,« entgegnete da Valois, »glaubt mir, daß in der Brust
Philipps des Schönen das beste Herz schlägt; aber feige Schleicher aus
seiner Umgebung beraten ihn. Enguerrand de Marigny[9] ist ein
eingefleischter Teufel, der ihn zum Bösen verleitet, und noch jemand treibt
ihn zu unerhörten Scheußlichkeiten. Doch hier verbietet mir die Ehrfurcht,
Namen zu nennen; doch gerade hier liegt die Schuld an Eurem Unglück.«
[9] _Enguerrand de Marigny_, ein normannischer Edelmann, wurde
unter Philipp dem Schönen Palastleiter vom Louvre und den
öffentlichen Bauten und Finanzminister. Er mißbrauchte seine
Gewalt, verschwendete die Gelder des Reiches, verfälschte die
Münzen und verarmte das Volk durch Auflegung willkürlicher
Lasten.
»Wen meint Ihr denn,« fragte Châtillon absichtlich.
»Da fragt Ihr nach einer allbekannten Sache, Herr von Châtillon,« rief ihm
Robrecht van Bethune zu, »hört zu, ich will's Euch sagen, es ist Eure
Nichte, Johanna von Navarra[10], die meine unglückliche Schwester gefangen
hält; es ist Eure Nichte, Johanna von Navarra, die Frankreichs Geld
verfälschen ließ; es ist Eure Nichte, Johanna von Navarra, die Flandern den
Untergang geschworen hat!«
[10] Johanna war die einzige Tochter Heinrichs I., Königs von
Navarra; sie erbte dieses Königreich von ihrem Vater und wurde
dadurch eine der reichsten Fürstinnen ihrer Zeit. Sie vermählte
sich mit Philipp dem Schönen und vereinigte durch diese Heirat
zwei Kronen auf ihrem Haupte.
Châtillon wurde rot vor Zorn. Er ritt dicht an Robrecht heran und rief ihm
zu: »Das ist schmählich erlogen!«
Diese Beschuldigung verletzte Robrechts Ehre. Schnell riß er sein Pferd
zurück und zog sein gebogenes Schwert aus der Scheide. Schon wollte er sich
auf Châtillon stürzen -- da sah er, daß sein Feind keine Waffen bei sich
trug. Mit sichtlichem Unmut steckte er sein Schwert in die Scheide zurück,
ritt wieder auf Châtillon zu und sprach mit verhaltener Erregung: »Ich
halte es nicht mehr für nötig, mein Herr, Euch meinen Handschuh zuzuwerfen.
Ihr wißt, daß der Vorwurf der Lüge ein Flecken ist, der nur durch Blut
abgewaschen werden kann. Noch vor Sonnenuntergang fordere ich Genugtuung
für diesen Schimpf!«
»Es sei,« entgegnete ihm Châtillon, »ich bin bereit, die Ehre meiner
königlichen Nichte gegen alle Ritter der Welt zu verteidigen.«
Nun schwiegen beide und ritten wieder auf ihre vorigen Plätze zurück.
Während des kurzen Streites hatten die anderen Ritter mit sehr
verschiedenen Gefühlen die Worte Robrechts mit angehört. Manchen Franzosen
erbitterte die Äußerung des Vlaemen tief; doch Ritterehre untersagte es
ihnen, sich in den Streit zweier Feinde einzumischen. Karl von Valois
schüttelte ungeduldig sein Haupt, und deutlich konnte man in seinem Gesicht
den Unwillen lesen, den dieser Streit hervorgerufen hatte. Dagegen huschte
über das Antlitz des Grafen Gwijde ein zufriedenes Lächeln, und leise sagte
er zu Valois: »Mein Sohn Robrecht ist ein mutiger Ritter. Das hat Euer
König Philipp bei der Belagerung von Rijssel erfahren müssen. Da hat
Robrechts Schwert manch tapferen Franzosen erschlagen. Die Brügger, die ihn
mehr als mich lieben, nennen ihn den Löwen von Flandern, und diesen
ehrenvollen Beinamen hat er sich in der Schlacht bei Benevent[11] gegen
Manfred wohl verdient.«
[11] Die Schlacht wurde am Freitag, dem 26. Februar 1266,
geschlagen. Manfred verlor in ihr Krone und Leben. (Sismonde de
Sismondi.)
»Ich kenne Herrn Robrecht seit langer Zeit,« war die Antwort. »Weiß nicht
ein jeder, mit welcher Kühnheit er dem Tyrannen Manfred das Schwert
entwandt? Die Ritter meines Landes rühmen seine Waffentaten. Der Löwe von
Flandern gilt als unüberwindlich -- und mit Recht.«
Ein stolzes Lächeln erhellte das Antlitz des alten Vaters; aber plötzlich
verdüsterte es sich, er beugte in tiefem Schmerze sein Haupt: »Herr von
Valois, ist das nicht doppelt schmerzvoll für mich, gerade einem solchen
Sohne kein Erbe hinterlassen zu können? Ihm, der dem Haus von Flandern
soviel Ruhm und Ehre erworben hätte. Ach, das und die Gefangenschaft meiner
unglücklichen Tochter sind zwei Schicksalsschläge, die mich gebrochen
haben.«
Karl von Valois antwortete nicht auf Gwijdes Klagen. Lange Zeit hüllte er
sich in tiefes Nachdenken und ließ den Zügel seines Trabers am Sattelknopf
hängen. Gwijde betrachtete voll Bewunderung den edlen Freund, denn er
erkannte, wie schmerzlich das Unglück des Hauses von Flandern den
ritterlichen Franzosen betrübte.
Da richtete sich plötzlich Karl von Valois glückstrahlend im Sattel auf,
und erfreut rief er aus: »Eine Eingebung Gottes!«
Gespannt sah Gwijde ihn an.
»Graf von Flandern,« sagte Valois, »ich will, daß mein königlicher Bruder
Euch wieder auf den Thron Eurer Väter setze!«
»Und welches Mittel haltet Ihr für stark genug, dieses Wunderwerk zu
vollbringen; denn er hat doch mein Land schon Euch übertragen?«
»Hört zu, edler Graf, Eure Tochter weint trostlos in den Kerkern des
Louvre. Euer Erbe ist verloren. Euern Kindern blieb kein Lehen. Ich weiß
nun ein Mittel, das Eurer Tochter die Freiheit und Euch Euer Land
wiedergeben soll.«
»Wirklich,« rief Gwijde zweifelnd, »ich kann's nicht glauben, Herr von
Valois; oder Eure Königin Johanna von Navarra müßte nicht mehr am Leben
sein.«
»Nein, das nicht! Unser König Philipp der Schöne hält in Compiègne offenen
Hof. Meine Schwägerin Johanna weilt gerade in Paris, und dort hält sich
auch Enguerrand de Marigny auf. Begleitet mich nach Compiègne, und laßt
auch die edelsten Ritter Eures Landes mitziehen, tut Fußfall vor meinem
Bruder und huldigt ihm als reumütiger Vasall.«
»Und dann?« fragte Gwijde verwundert.
»Er wird Euch gnädig empfangen und Flandern und auch Eure Tochter
freigeben. Verlaßt Euch auf mein Wort, denn mein Bruder ist in der
Abwesenheit der Königin der großmütigste Fürst.«
»Von Herzen danke ich Eurem guten Engel für diese glückliche Eingebung und,
Herr von Valois, für Euern großen Edelmut,« rief Gwijde hocherfreut. »O,
möge Gott mir vergönnen, daß ich durch dieses Mittel die Tränen meines
unglücklichen Kindes trocknen kann! Aber wer weiß, ob in diesem
gefährlichen Frankreich Kerkerbande nicht auch mir bevorstehen?«
»Fürchtet nichts, Graf, fürchtet nichts,« entgegnete ihm Valois, »ich
selbst will Euch verteidigen und Euch treu zur Seite stehen. Und sollten
unsere Bemühungen fruchtlos bleiben, so werden Euch mein Siegel und meine
Ehre freies Geleit nach Rupelmonde zurück sichern.«
Gwijde ließ die Zügel los, ergriff die Hand des französischen Ritters und
drückte sie in tiefer Dankbarkeit. »Ihr seid ein edler Feind,« sagte er
schmerzlich.
Während dieses Zwiegespräches war der ganze Zug in eine weite Ebene
gekommen, durch welche der Krekelbach rauschte. Jeder machte sich zur Jagd
bereit.
Die vlaemischen Ritter setzten sich ihre Falken auf die Faust. Die Hunde
wurden verteilt, und die Leitbänder der Jagdvögel gelöst.
Die Frauen hatten sich unter die Ritter gemischt, und es traf sich, daß
Karl von Valois nun neben der schönen Machteld ritt.
»Ich glaube, anmutiges Edelfräulein,« sagte er, »daß Ihr den Preis der Jagd
erringen werdet; denn einen schöneren Vogel als den Euren habe ich nie
gesehen. Er hat so gleichmäßiges Gefieder, so starke Schwingen, so gelb
geschuppte Klauen. Er ist wohl recht schwer auf der Hand?«
»O ja -- sehr schwer, edler Herr,« gab Machteld zur Antwort. »Und obgleich
er nur für den tiefen Flug abgerichtet ist, kann er doch Reihern und
Kranichen hoch in der Luft nachjagen.«
»Es scheint mir,« bemerkte Valois, »daß Euer Wohledeln ihn zu reichlich
füttern. Es wäre besser, ihm etwas schmalere Kost zu geben.«
»O nein, verzeiht, Herr von Valois,« rief die Maid hoheitsvoll, »aber da
täuscht Ihr Euch sicherlich: mein Falke ist so gerade recht. Ich bin in der
Falkenzucht nicht unkundig. Ich selbst habe diesen schönen Habicht
aufgezogen, zur Jagd abgerichtet und ihn des Nachts bei Kerzenschein
bewacht. Aus dem Weg, Herr von Valois, aus dem Weg, über dem Sumpf steigt
eben eine Schnepfe auf.«
Als Herr von Valois nach der angedeuteten Stelle sah, zog Machteld ihrem
Falken die Kappe ab und warf ihn hoch.
»Steig' auf, mein lieber Falke!« rief ihm Machteld nach.
Auf dies Geheiß flog der Vogel himmelwärts. Das Auge konnte ihm nicht mehr
folgen. Einige Zeit ruhte er bewegungslos auf seinen Fittichen, und seine
durchdringenden Augen suchten nach dem ihm bestimmten Wild. Bald sah er die
Schnepfe in der Ferne fliegen. Schneller als ein niederstürzender Stein
stieß der Falke auf den armen Vogel und packte ihn mit seinen scharfen
Klauen.
»Seht Ihr, Herr von Valois,« rief Machteld erfreut aus, »daß Frauenhand
auch gut Falken abrichten kann. Da kommt mein treuer Vogel mit seiner Beute
zurück.«
Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, als der Habicht schon mit der
Schnepfe auf ihrer Hand saß.
»Gönnt mir die Ehre, das Wild aus Euern schönen Händen zu empfangen,« bat
Karl von Valois.
Bei dieser Frage wurde das Antlitz der Jungfrau traurig. Sie blickte den
Ritter flehend an und sagte: »Ach, Herr von Valois, nehmt es mir nicht
übel, ich habe meine erste Beute schon meinem Bruder Adolf, der da neben
meinem Vater steht, versprochen.«
»Euerm Ohm Wilhelm, wollt Ihr sagen, mein edles Fräulein.«
»Nein, unserem Bruder Adolf van Nieuwland. Er ist so gut, so gefällig zu
mir. Er hilft mir beim Abrichten meines Falken. Er lehrt mich Lieder und
Sagen und spielt mir auf der Harfe vor. Wir haben ihn alle sehr lieb.«
Während dieser Worte hatte Karl von Valois seinen durchdringenden Blick
forschend auf Machteld geheftet, doch er erkannte, daß nur Freundschaft im
Herzen der Jungfrau wohnte.
»Da hat er sich diese Gunst redlich verdient,« sagte er lächelnd, »laßt
Euch nur nicht durch meine Bitte länger zurückhalten.«
Ohne sich um die Gegenwart der anderen Ritter zu kümmern, rief Machteld so
laut sie konnte: »Adolf, Herr Adolf!« Und ausgelassen wie ein Kind schwang
sie ihre Schnepfe hoch in der Luft.
Auf ihren Ruf ritt der Jüngling zu ihr heran.
»Adolf,« rief sie, »das ist Eure Belohnung für die schönen Sprüche, die Ihr
mich gelehrt habt.«
Der junge Ritter verbeugte sich ehrerbietig vor ihr und nahm fröhlich die
Schnepfe in Empfang. Die Ritter betrachteten ihn mit neidischer Neugierde,
und mehr als einer suchte auf seinem Antlitz heimliche Liebe zu
entdecken; -- aber vergeblich! Plötzlich wurden sie aus ihrem neugierigen
Forschen aufgeschreckt.
»Schnell, Herr van Bethune,« rief der Hauptfalkenier, »nehmt Euerm
Geierfalken die Kappe ab und werft ihn auf; denn da läuft ein Hase!«
Einen Augenblick später schwebte der Vogel bereits hoch über den Wolken und
stieß dann senkrecht auf das fliehende Wild. Es war ein sonderbarer
Anblick. Denn als der Falke seine Krallen in den Rücken des flüchtigen
Hasen geschlagen hatte, klammerte er sich dort fest, und so stürzten beide
windschnell vorwärts; doch dauerte es nicht lange. Gerade als sie an einem
Buschholz vorbeiliefen, krallte sich der Falke mit der einen Klaue daran
fest und hielt mit der anderen das Wild, daß es nicht fortkam, soviel es
auch zappelte und sich wand. Schnell wurden einige Hunde von der Koppel
gelöst. Sie stürzten sich auf den Hasen und nahmen ihn dem Falken ab.
Siegesfroh kreiste der mutige Vogel über den Hunden und flog über ihnen her
bis zu den Jagdknechten; dann stieg er hoch auf und brachte seine Freude in
eigenartigen Wendungen zum Ausdruck.
»Herr van Bethune,« rief Valois aus, »das ist ein Vogel, der seine Beute
tapfer schwächt. Ein herrlicher Geierfalke!«
»Ja, edler Graf, er ist der allerprächtigste,« antwortete Robrecht. »Ihr
solltet einmal seine Adlerklauen bewundern.«
Mit diesen Worten warf er den Lockvogel hoch. Der Falke, der dies sah,
kehrte sofort auf die Faust seines Herrn zurück.
»Seht nur,« sagte Robrecht und zeigte Valois den Vogel, »seht nur das
schöne Blond seines Gefieders, die silberweiße Brust und seine hohen,
bläulich glänzenden Krallen!«
»Ja, Herr Robrecht, das ist allerdings ein Vogel, der keinen Adler zu
fürchten braucht,« antwortete Valois, »aber sein Bein blutet anscheinend.«
Robrecht, der seinen Falken genauer untersucht hatte, rief nun ungeduldig:
»Falkenträger, komm schnell her zu mir, mein Vogel hat sich ernstlich
gequetscht. Ach Gott, das arme Tier hat seine Klauen zu sehr angestrengt.
Pflege ihn gut, mein treuer Steven. Sein Tod würde mich sehr traurig
machen.«
Er reichte den verletzten Falken zu Steven hinunter, der fast über den
Vorfall weinte, denn da sein Amt darin bestand, die Falken zu lehren und
abzurichten, so lagen ihm diese Tiere wie Kinder am Herzen.
Kaum hatten die vornehmsten Herren ihre Falken aufgeworfen, so fingen auch
alle anderen mit der Jagd an.
Innerhalb von zwei Stunden fing man allerlei hochfliegendes Wild, wie:
Enten, Möwen, Reiher und Kraniche und auch die tiefer streichenden
Rebhühner, Drosseln und Brachvögel.
Als die Sonne im Zenit stand, hallten die klaren Jagdhörner durch die
Ebene. Der ganze Zug sammelte sich wieder, und in langsamem Schritt ging's
zurück nach Wijnendaal.
Unterwegs nahm Karl von Valois sein Gespräch mit dem alten Gwijde wieder
auf. Obgleich der Graf von Flandern nicht ohne Mißtrauen an eine Reise nach
Frankreich dachte, wollte er sie doch aus Liebe zu seinen Kindern trotz
aller Gefahren unternehmen. Er beschloß, auf Anraten des französischen
Feldherrn, sich mit allen Edeln, die ihm geblieben waren, Philipp dem
Schönen zu Füßen zu werfen, um durch diese demütige Huldigung sein Mitleid
zu erwecken. Die Abwesenheit der Königin ließ ihn hoffen, daß Philipp der
Schöne nicht unerbittlich sein würde. --
Robrecht van Bethune kam nicht mehr mit Châtillon in Berührung; sie
vermieden es, sich zu begegnen, und keiner von beiden sprach ein Wort.
Adolf van Nieuwland ritt jetzt neben Machteld und ihrem Oheim Wilhelm. Die
Jungfrau war allem Augenschein nach damit beschäftigt, ein Lied oder einen
Spruch auswendig zu lernen, den ihr Adolf vorsprach; denn von Zeit zu Zeit
riefen die verwunderten Edelfrauen: »Wie schön er das sagt! Was ist doch
Herr van Nieuwland für ein kluger Minnesänger.«
So erreichten sie endlich Wijnendaal. Der ganze Zug ritt ins Schloß.
Hinter ihm zog man die Brücke nicht auf, und auch das Fallgatter wurde
nicht herabgelassen.
Einige Augenblicke später verließen die französischen Ritter in voller
Rüstung die Burg. Als sie über die Brücke ritten, sagte Châtillon zu seinem
Bruder: »Du weißt, daß ich heut' abend die Ehre unserer Nichte verteidigen
muß, und ich rechne damit, daß Du mein Sekundant sein wirst.«
»Geht's etwa gegen den kühnen Robrecht van Bethune?« fragte Saint-Pol. »Ich
weiß nicht, mich dünkt, Du wirst schlecht dabei wegkommen; denn der Löwe
von Flandern ist kein Kätzchen, das man ohne Handschuhe anfassen kann. Das
sollte Dir auch bekannt sein!«
»Was geht's mich an!« unterbrach ihn Châtillon zornig. »Ein Ritter vertraut
seiner Geschicklichkeit und seinem Mut und nicht roher Körperkraft!«
»Du hast recht, Bruder, ein Ritter darf vor keinem Feind weichen, aber er
soll sich auch nicht unbesonnen einer Gefahr aussetzen. Ich hätte an Eurer
Stelle den finsteren Robrecht reden lassen, soviel er wollte. Was kümmern
Dich seine Worte, wo er ja doch unser Gefangener ist.«
»Schweig, Saint-Pol, solche Reden stehen einem Ritter nicht wohl an! Fehlt
es Dir etwa an Mut?«
Als sie diese Worte wechselten, verschwanden sie mit den anderen Rittern
zwischen den Bäumen des Waldes.
Jetzt ließen die Waffenknechte das Fallgatter herab, zogen die Brücke auf
und waren nicht mehr zu sehen.