I.

Langsam ließ die rote Morgensonne ihr Nachtwolkengewand fallen, und jeder

Tautropfen strahlte siebenfarbig ihr leuchtendes Bild zurück. Blaue

Dunstwolken stiegen von der Erde auf, ruhten zögernd in den Baumwipfeln,

und in zagender Liebe erschlossen sich taufeuchte Blumenkelche den ersten

Strahlen des jungen Tages. Immer wieder hatte die Nachtigall ihr sanftes

Lied erklingen lassen, aber das verworrene Zwitschern der anderen

Waldsänger ließ ihre schmelzenden Töne verstummen.

Ein kleiner Trupp Ritter zog schweigend nach Rousselare[1]. Ihr

Rossestampfen und Waffengeklirr störten den schweigenden Waldesfrieden. Ein

Hirsch wurde aus seiner Einsamkeit aufgeschreckt, schoß aus dem Buschholz

hervor und floh schneller als der Wind vor der drohenden Gefahr.

[1] Eine kleine Stadt in Westflandern.

Gewänder und Waffen der Ritter waren so kostbar, daß man beim ersten Blick

darauf schließen konnte, daß man Grafen oder noch höhere Herren vor sich

hatte.

Ein seidener Waffenrock fiel in wallenden Falten von ihren Schultern, und

ein versilberter Helm mit purpurnen und blauen Federn schmückte ihr Haupt.

Die Stahlschuppen ihrer Panzerhandschuhe und die Goldmaschen ihrer

Knieplatten blitzten in der flammenden Morgensonne. Die kühnen

Schlachtrosse waren mit weißem Schaum bedeckt und ließen sich nur schwer

bändigen. Bei ihren heftigen Bewegungen funkelten Silberknöpfe und

Seidentroddeln ihres reichen Zaumzeuges in glitzerndem Farbenspiel.

Obgleich die Ritter keine Harnische angelegt hatten, waren sie doch gegen

feindliche Überfälle auf der Hut.

Die gepanzerten Arme sahen aus dem Wams hervor. Gewaltige Schlachtschwerter

hingen an ihren Sätteln. Knappen folgten mit mächtigen Schilden. Auf der

Brustseite des Gewandes trug jeder Ritter sein gesticktes Wappen, so daß

man auf den ersten Blick Geschlecht und Familie erkennen konnte. --

Die Morgenfrische hatte ihnen die Lust zum Sprechen genommen. Dämmerung lag

schwer auf ihren Augenlidern; nur mit Mühe kämpften sie gegen den

Schlummer, der sie einhüllen wollte.

Ein junger Führer schritt der edlen Schar voran. Langes, blondes Haar

wallte auf seine breiten Schultern herab. Feurige blaue Augen sprühten

unter dichten Brauen hervor. Leichter Flaum beschattete sein Kinn. Um sein

wollenes Gewand hatte er einen Gürtel geschlungen, und als Waffe trug er

ein »Kreuzmesser« in einer ledernen Scheide.

In seinen Zügen konnte man leicht lesen, daß die Gesellschaft, die er

führte, ihm keineswegs angenehm war. Man konnte sogar glauben, daß er einen

geheimen Plan gegen sie im Schilde führte; denn von Zeit zu Zeit warf er

einen Seitenblick auf die ihm folgenden Ritter. Er war von hoher,

ungewöhnlich kräftiger Gestalt. Sein fester Schritt war so schnell, daß die

Pferde nur mit Mühe folgen konnten.

So trabte der kleine Troß seit kurzer Zeit vorwärts, als plötzlich das Roß

eines Ritters über einen Baumstumpf strauchelte und stürzte, so daß der

Ritter mit der Brust auf den Nacken seines Pferdes fiel und beinahe aus dem

Sattel kam.

»Was soll das bedeuten?« rief er in französischer Sprache. »Ich glaube,

mein Gaul ist im Trab eingeschlafen!«

»Herr von Châtillon,« rief ihm sein Begleiter lachend zu, »einer von beiden

hat sicher geträumt.«

»Lache nur, soviel Du willst, Du schlechter Spötter,« entgegnete ihm der

Graf von Châtillon, »es ist darum nicht weniger wahr, daß ich nicht

schlief. Denn schon seit zwei Stunden blicke ich unverwandt nach jenen

Türmen, die sich anscheinend immer weiter entfernen, je mehr wir ihnen

näher kommen wollen. Aber es ist leichter, an den Galgen zu kommen, als

einmal von Dir ein freundliches Wort zu erhalten.«

Während die beiden Ritter spöttisch miteinander scherzten, machten sich

ihre Begleiter vergnügt auf Kosten des Grafen lustig, und der leichte

Unfall hatte die Müdigkeit des ganzen Truppes verjagt.

Herr von Châtillon, der sein Roß wieder emporgerissen hatte, konnte die

Anzüglichkeiten, die auf ihn gemünzt waren, nicht länger ruhig mit anhören,

und in seinem plötzlich aufwallenden Zorn stieß er seinem Pferd den

scharfen Sporn tief in die Weichen. Der Schmerz machte das Tier wild, es

bäumte sich hoch auf und schoß dann wie ein Pfeil zwischen den Bäumen

dahin. Aber nach einigen hundert Schritten stürmte es gegen den Stamm einer

alten Eiche und stürzte, schwer verletzt, zu Boden.

Glücklicherweise war der Graf beim Anprall aus dem Sattel gesprungen oder

geschleudert worden; nichtsdestoweniger mußte er sich ernstlich die Seite

verletzt haben, denn er blieb einige Augenblicke regungslos liegen.

Als ihn seine Begleiter eingeholt hatten, stiegen sie alle von ihren

Pferden, richteten ihn auf und bewiesen ihm das wärmste Mitgefühl.

Der Ritter, der mit den Spötteleien begonnen hatte, schien jetzt am meisten

beunruhigt zu sein, und tiefe Trauer lag auf seinem Gesicht.

»Lieber Châtillon, ich bedauere Dich von ganzem Herzen. Verzeih' mir meine

unbesonnenen Reden,« bat er, »ich wollte Dich nicht beleidigen.«

»Laßt mich in Ruh'!« rief Châtillon aus und riß sich aus den Armen seiner

Begleiter los; »meine Herren, ich bin noch nicht gestorben. Glaubt Ihr

denn, die Sarazenen hätten mich geschont, damit ich später wie ein Hund im

Walde verenden könnte! Nein, bei Gott, noch lebe ich, und Du solltest Deine

Spötteleien auf der Stelle büßen, Saint-Pol, wenn ich mich an Dir rächen

dürfte.«

»Aber, beruhige Dich doch,« entgegnete Saint-Pol. »Du bist verwundet,

lieber Bruder; das Blut rinnt ja durch Dein Panzerhemd.«

Châtillon streifte den rechten Panzerärmel hoch und sah, daß ein Zweig die

Haut leicht geritzt hatte.

»Es ist nicht der Rede wert,« sagte er, »nur eine kleine Schramme. Aber

ohne Absicht hat uns dieser verdammte Vlaeme nicht diesen widerlichen Weg

geführt. Ich werde es schon herausbekommen. Und ich will nicht mehr

Châtillon heißen, wenn ich den Schurken nicht an einem Ast dieser

verwünschten Eiche aufhängen lasse.«

Der Vlaeme, der auf diese Weise zur Rechenschaft gezogen wurde, tat, als

verstände er die französische Sprache nicht; doch sah er auf und blickte

Châtillon kühn ins Auge.

»Meine Herren,« rief da der Ritter aus, »seht nur den unverschämten Blick

dieses Bauernlümmels. -- Hierher, Schurke!«

Langsam kam der junge Mann näher. Sein Haupt war stolz erhoben; aber in

seinen Augen lag ein sonderbarer Zug, ein Ausdruck, der Wut mit List

vereinigte und so düstere Drohungen enthielt, daß sich Châtillon von einer

beklemmenden Unruhe ergriffen fühlte.

In diesem Augenblick brachte plötzlich einer der Ritter, der diesem

Auftritt beigewohnt hatte, sein Pferd in Trab, verschwand bald hinter den

mächtigen Bäumen und gab dadurch deutlich genug seinen Unwillen zu

erkennen.

»Nun also!« herrschte Châtillon den Führer an. »Sage mir, weshalb hast Du

uns auf diesen Weg geführt, und warum hast Du uns nicht auf den Baumstamm

aufmerksam gemacht, der da im Wege lag?«

»Herr,« antwortete der Vlaeme in gebrochenem Französisch, »ich kenne keinen

anderen Weg nach Schloß Wijnendaal, und ich wußte nicht, daß Ew. Edeln die

Gewohnheit haben, zu Pferd zu dieser Tageszeit zu schlafen.«

Als der Führer diese Worte aussprach, huschte ein Lächeln über sein

Gesicht, das zugleich Hochmut und Ironie verriet. Man hätte meinen können,

er wolle den Zorn des Grafen reizen, um ihm dann zu trotzen.

»Unverschämter Lümmel!« schrie ihn Châtillon an, »wagst Du es etwa, Dich

über mich lustig zu machen! Holla! Leute! Hängt mir diesen Burschen. Die

Raben sollen ihn fressen.«

Das spöttische Lächeln des jungen Mannes wurde unverhohlener. Seine

Mundwinkel zuckten immer verräterischer, und seine Wangen entfärbten sich.

»Einen Vlaemen wollt ihr hängen?« stieß er leise hervor. »Da wartet nur,

meine Herren!«

Er sprang einige Schritte zurück, stemmte sich gegen einen Baumstamm,

streifte die Ärmel seines Wamses bis zu den Schultern auf und zog seinen

blitzenden Dolch aus der Scheide. Die Muskeln seines nackten Armes spannten

sich, und sein Gesichtsausdruck erinnerte an den eines Löwen. »Weh dem, der

mich anrührt!« rief er ihnen mit dröhnender Stimme zu. »Flanderns Raben

fressen keinen Vlaemen! Sie fressen lieber Franzosenfleisch!«

»Ergreift ihn!« rief Châtillon aus, »ergreift den Lumpen! Seht die

Feiglinge! Ihr fürchtet euch wohl vor seinem Messer? Meine Hände kann ich

mit seinem Blut nicht besudeln, denn ich bin aus edlem Hause. Das ist eure

Aufgabe. Pack gegen Pack! Werft euch auf ihn!«

Einige Ritter suchten Châtillon zu beruhigen. Aber den meisten wäre es nur

zu recht gewesen, wenn man den Vlaemen gehängt hätte. -- Die Waffenträger,

die durch ihren Herrn aufgereizt waren, hatten sich gerade auf den jungen

Mann stürzen wollen, als unvermutet der Ritter hinzukam, der, in Gedanken

versunken, vorausgeritten war[2]. Die Kostbarkeit seines Gewandes und

seiner Rüstung übertraf die der anderen Ritter bedeutend. Das gestickte

Wappen auf seiner Brust enthielt drei goldene Lilien in blauem Felde unter

einer Grafenkrone. Das war ein Zeichen dafür, daß königliches Blut in

seinen Adern rollte.

[2] Karl, der zweite Sohn Philipps des Kühnen, war Graf von

Valois, von Alençon und von Perche. Er empfing von seinem Bruder

Philipp dem Schönen, König von Frankreich, den Oberbefehl über

die französische Armee und eroberte Flandern.

»Halt!« rief er den Waffenträgern streng zu, und dann wandte er sich an den

Grafen von Châtillon:

»Herr von Châtillon, Ihr scheint zu vergessen, daß ich Flandern von meinem

königlichen Bruder Philipp von Frankreich zu Lehen erhalten habe. Der

Vlaeme ist mein Vasall, und nur mir allein gehört sein Leben.«

»Dieser verächtliche Bürger soll mich also ungestraft beleidigen dürfen!«

entgegnete Châtillon voll Zorn. »Graf, es ist tatsächlich unglaublich, daß

Ihr das niedere Volk immer gegen den Adel verteidigt. Dieser Vlaeme soll

sich also rühmen dürfen, ungestraft einen französischen Ritter verhöhnt zu

haben? Hat er den Tod nicht verdient?«

»Herr von Valois,« sagte Saint-Pol, »gönnt meinem Bruder die kleine

Genugtuung, diesen Vlaemen hängen zu sehen. Was kümmert Eure Königliche

Hoheit das Leben dieses starrköpfigen Burschen?«

»Meine Herren,« rief Karl von Valois mit zorniger Stimme, »versteht mich

recht, ich untersage es euch, in meiner Gegenwart derart zu sprechen. Ich

schätze das Leben meiner Untertanen höher ein. Lassen Sie den jungen Mann

gehen. Zu Pferd! meine Herren. Wir verlieren sonst zu viel Zeit.«

»Steig' auf,« flüsterte Saint-Pol seinem Bruder zu, »antworte nicht, nimm

das Pferd Deines Schildknappen und komm. Herr von Valois ist ein

unverbesserlicher Volksfreund.«

Inzwischen hatten die Schildknappen ihre Schwerter in die Scheide gesteckt

und führten nun die Pferde ihren Gebietern vor.

»Seid ihr fertig, meine Herren?« fragte Graf von Valois, »dann beeilt euch,

bitte, sonst werden wir zu spät zur Jagd kommen. Und Du, Vasall, bleib' an

unserer Seite und entferne Dich nicht vom Weg! Wie weit ist es noch bis

Wijnendaal?«

Der junge Mann nahm höflich die Mütze ab, verbeugte sich vor seinem Retter

und erwiderte: »Noch eine knappe Stunde, gnädiger Herr.«

»Der Bursche ist mir verdächtig!« sagte Saint-Pol. »Ein Wolf in

Schafskleidern.« --

»Das habe ich mir schon lange gedacht,« fügte der Kanzler Pierre Flotte

hinzu. »Er beobachtet uns tatsächlich wie ein Wolf und spitzt die Ohren wie

ein Hase, wenn wir sprechen.«

»Aha! nun weiß ich, wer's ist!« rief Châtillon aus. »Meine Herren, habt ihr

nicht von einem Weber gehört, der Peter de Coninck heißt und in Brügge

wohnt?«

»Das ist ein Irrtum,« warf Raoul de Nesle ein, »ich habe in Brügge

persönlich mit dem berüchtigten Weber gesprochen, und obwohl er diesen hier

an Schlauheit und Arglist weit übertrifft, muß ich Ihnen sagen, daß er nur

ein Auge hat, während unser Führer zwei sehr schöne besitzt. Ohne Zweifel

liebt er den alten Grafen von Flandern und sieht uns als seine Besieger

scheel an. Das ist's! Nehmt ihm die Treue nicht übel, die er seinem

unglücklichen Fürsten hält.«

»Jetzt haben wir dieses Thema aber zur Genüge erörtert!« sagte Châtillon.

»Gibt's denn gar keinen anderen Gesprächsstoff? Halt,« fügte er hinzu,

»wißt ihr übrigens, was unser allergnädigster König Philipp mit diesem

edlen Flandern vorhat? Auf mein Wort: hält unser erhabener Herrscher seine

Schatzkammern ebenso verschlossen wie Herr von Valois seinen Mund, so wird

man uns am Hofe magere Kost reichen.«

»Das sagt Ihr so,« antwortete Pierre Flotte, »aber der König spricht auch,

wenn's ihm gefällt. Reitet etwas langsamer, meine Herren, und ich will euch

etwas mitteilen, wovon ihr euch nichts träumen laßt.«

Neugierig kamen die Ritter dicht an ihn heran und ließen den Grafen von

Valois etwas vorausreiten. Als er weit genug entfernt war, so daß er sie

nicht mehr hören konnte, ergriff der Kanzler wieder das Wort:

»Also hört: die Beutel unseres allergnädigsten Königs Philipp des Schönen

sind leer. Enguerrand von Marigny hat ihm aufbinden lassen, Flandern sei

eine wahre Goldgrube. Und er hat gar nicht so unrecht. Denn dies Ländchen

hier besitzt allein mehr Gold und Silber als ganz Frankreich.«

Die Ritter lächelten und nickten wiederholt zustimmend.

»Hört weiter! Unsere Königin Johanna ist auf die Vlaemen sehr erbittert.

Sie haßt dieses hochmütige Volk unaussprechlich. Sie sagte vor einiger Zeit

in meiner Gegenwart, daß sie den letzten Vlaemen am Galgen sehen wollte.«

»So spricht nur eine Königin,« rief da Châtillon aus, »sollte ich je

Statthalter dieses Landes werden -- was mir ja meine hochherzige Nichte

versprochen hat --, so gelobe ich euch, meine Herren, daß die Landeskasse

Geld speien wird, und daß es mir schon gelingen wird, mich dieses Peters de

Coninck mitsamt seiner Gilden zu entledigen und die Plunderwirtschaft der

Volksregierung abzuschaffen. Aber warum lauscht denn dieser dreiste Lump

auf unsere Unterhaltung!«

Der Vlaeme, der ihnen als Führer diente, hatte sich unbemerkt näher

herangeschlichen und gespannt die Äußerungen, die die Ritter fallen ließen,

verfolgt. Als er sah, daß man es entdeckt hatte, schoß er pfeilschnell in

den Wald zurück. Ein unbeschreiblicher Ausdruck lag auf seinem Gesicht. In

einiger Entfernung blieb er stehen und zog den Dolch aus der Scheide.

»Herr von Châtillon,« rief er diesem drohend zu, »seht Euch diese Klinge

genau an, daß Ihr sie wiedererkennen könnt, wenn sie Euch zwischen Hals und

Nacken fährt!«

»Ist denn kein einziger unter meinen Leuten, der mich rächt?« schrie

Châtillon wutentbrannt.

Kaum hatte er das gesagt, als ein gewaltiger Krieger vom Pferde sprang und

sich mit bloßem Degen auf den jungen Mann warf. Dieser steckte in aller

Ruhe seinen Dolch, anstatt sich mit ihm zu verteidigen, in die Scheide

zurück, ballte die Fäuste und erwartete seinen Feind.

»Stirb, verfluchter Vlaeme!« schrie der Waffenträger und zückte die Klinge

nach dem Führer.

Der Jüngling antwortete nicht; aber er heftete seine großen Augen, in denen

ein unheimliches Feuer leuchtete, fest auf seinen Gegner. Dieser, dem der

Blick durch und durch ging, senkte die Waffe, als versagte ihm der Mut.

»Schlag ihn nieder!« schrie ihm Châtillon zu.

Aber der Vlaeme wartete nicht, bis der Feind sich ihm genähert hatte. Mit

einem Satz hatte er den Waffenträger erreicht und ihm sein Schwert

entrissen. Nun preßte er ihn mit starken Armen an sich und schleuderte ihn

mit dem Kopf so unbarmherzig gegen den Baumstamm, daß der Unglückliche

entseelt zu Boden sank.

Ein gellender Todesschrei hallte durch den Wald, und die Augen des

Franzosen schlossen sich für immer.

Ein triumphierendes Lachen entrang sich der Brust des Vlaemen. Er näherte

die Lippen dem Ohr des Toten, und mit beißendem Spott sagte er: »Bestelle

Deinem Gebieter, daß Jan Breydels[3] Fleisch nicht den Raben zugedacht ist:

das Blut der Fremdlinge ist viel geeigneter für sie.«

[3] Breydel war Hauptanführer der Schlächter in Brügge.

Mit diesen Worten lief er quer durch das Buschholz und verschwand im Dunkel

des Waldes.

Voll gespannter Furcht hatten die Ritter diesen schrecklichen Kampf mit

angesehen. Aber er war so kurz gewesen, daß sie nicht ein einziges Wort

hatten wechseln können. Kaum waren sie aus ihrer Bestürzung wieder zu sich

gekommen, als Graf Saint-Pol ausrief: »Bruder, ich glaube tatsächlich, daß

Du es mit einem Zauberer zu tun gehabt hast. Bei diesem Kampf ist's nicht

mit rechten Dingen zugegangen.«

»Ein verwünschtes Land!« antwortete Châtillon zerknirscht. »Mein Pferd

bricht den Hals; mein Diener bezahlt seine Treue mit dem Leben. Heut ist

ein Unglückstag. Nun, Leute, nehmt euren Kameraden auf und bringt ihn, so

gut es geht, zum nächsten Dorf, damit er geheilt oder -- bestattet werde.

Bitte, meine Herren, sagt dem Grafen von Valois nichts von dem, was hier

geschehen ist.«

»Das versteht sich von selbst,« gab Pierre de Flotte zur Antwort. »Aber,

meine Herren, wir müssen unseren Pferden die Sporen geben und vorwärts

kommen. Sehen Sie, Herr von Valois verschwindet schon hinter den Bäumen.«

Sie ließen ihren Rossen die Zügel schießen und waren bald bei dem Grafen,

ihrem Feldherrn. Dieser ritt langsam weiter, ohne ihre Anwesenheit zu

bemerken. In tiefem Nachsinnen saß er weit vorgebeugt im Sattel, und sein

eiserner Panzerhandschuh ruhte achtlos mit dem Zügel auf der Mähne seines

Pferdes. Die andere Hand umfaßte den Griff seines Schlachtschwertes, das am

Sattel hing. Während ihn so seine Gedanken beschäftigten und sich die

anderen Ritter wegen seiner düsteren Stimmung spöttische Blicke zuwarfen,

tauchte plötzlich vor ihnen Schloß Wijnendaal mit seinen himmelhohen Türmen

und riesigen Wällen auf.

»Noël!« rief Raoul de Nesle voll Freude, »dort ist das Ziel unserer Reise.

Das ist Wijnendaal, trotz Teufel und Hexerei!«

»Ich möchte es in Brand setzen,« murrte Châtillon, »es kostet mich ein

Pferd und einen treuen Diener.«

Nun wandte sich der Ritter, der die Lilien auf der Brust trug, um und

sprach: »Meine Herren, dort wohnt der unglückliche Landesherr Gwijde von

Flandern, ein Vater, dem man sein Kind entrissen hat, und dessen Land wir

durch Waffenglück gewonnen haben. Ich bitte euch, zeigt ihm nicht, daß ihr

als Sieger kommt, und vergrößert sein Leid nicht durch übermütige Worte.«

»Aber, Graf von Valois,« fiel Châtillon gekränkt ein, »glaubt Ihr etwa, daß

wir nicht wissen, was man vom rechten Ritter verlangt. Wissen wir denn

nicht, daß ein französischer Ritter sich nach dem Siege edelmütig zeigen

soll?«

»Ich sehe also, daß Ihr's wißt,« erwiderte Graf von Valois mit Nachdruck,

»ich ersuche Euch, nun auch danach zu handeln! Die Ehre besteht nicht in

eitlen Worten, Herr von Châtillon. Was nützt es, die Gesetze der

Ritterschaft auf der Zunge zu tragen, wenn sie Euch nicht von Herzen

kommen. Wer sich aber seinen Untergebenen gegenüber nicht edelmütig

erweist, wird es auch nicht im Umgange mit seinesgleichen sein.«

Dieser Vorwurf rief Châtillons Zorn wieder wach, und er wäre sicher in

wütende Reden ausgebrochen, hätte ihn sein Bruder Saint-Pol nicht

zurückgehalten und ihm zugeflüstert: »Schweig, Châtillon, schweig doch

still, denn unser Feldherr hat ganz recht. Es gehört sich auch so, daß wir

dem alten Grafen von Flandern kein Leid mehr zufügen. Er ist unglücklich

genug.«

»Der untreue Vasall hat unserem Könige den Krieg erklärt und den Groll

unserer Nichte Johanna von Navarra so heftig erregt, daß sie beinahe

dadurch erkrankt wäre -- und da sollen wir ihm noch schonend

entgegenkommen.«

»Meine Herren,« rief Graf von Valois ihnen nochmals zu, »ihr kennt meine

Bitte. Ich glaube nicht, daß es euch an Edelmut fehlen wird. Nun, vorwärts,

ich höre die Meute bellen. Man hat uns bereits bemerkt, denn die Brücke

fällt, und die Sturmegge[4] wird aufgezogen!«

[4] Fallgatter.

Schloß Wijnendaal[5], das der edle Graf Gwijde von Flandern erbaut hatte,

war eins der schönsten und stärksten Schlösser jener Zeit. Aus den breiten

Gräben, von denen es umgeben war, stiegen gewaltige Mauern auf, an denen

eine Anzahl Wachthäuschen hing. Durch die Schießscharten hindurch konnte

man die Ausschau haltenden Armbrustschützen und ihre stählernen

Lanzenspitzen sehen. Innerhalb der Wälle erhoben sich die Dächer des

gräflichen Hauses mit den wehenden Wetterfahnen. Sechs runde Türme standen

an den Mauerecken und in der Mitte des Vorhofes. Von hier aus konnte man

mit allerlei Wurfgeschossen den heranziehenden Feind treffen und ihm so die

Annäherung ans Schloß erschweren. Eine einzige Brücke verband diese

befestigte Insel mit den umliegenden Tälern.

[5] Schloß Wijnendaal ist nun verfallen. Es liegt in der Nähe

eines Dorfes gleichen Namens bei Thourout in Westflandern.

Sobald die Ritter ankamen, gab der Turmwächter der inneren Wache ein

Zeichen, und sogleich kreischten die schweren Tore in ihren Angeln.

Unterdes erdröhnte hallendes Rossestampfen auf der Brücke, und die

französischen Ritter zogen zwischen zwei Reihen vlaemischer Fußsoldaten in

die Burg. Die Tore wurden hinter ihnen geschlossen. Die »Sturmegge« mit

ihren eisernen Spitzen rasselte nieder, und die Brücke ging langsam in die

Höhe.

Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien · 第 4 / 31 题