Der befreundete Ritter oder der bedürftige Minnesänger, dem sich das
gastliche Tor des Schlosses Wijnendaal geöffnet hatte, befand sich zuerst
auf einem kleinen, viereckigen freien Platz. Ihm zur Rechten lagen die
Stallungen, in denen wohl hundert Pferde ohne jede Schwierigkeit
untergebracht werden konnten; davor lagen die Dunghaufen, auf denen
zahllose Enten und Tauben herumliefen. Zu seiner Linken lag ein Gebäude,
das die Wohnungen der Waffenknechte und Troßknappen enthielt. Weiter hinten
standen die Belagerungsgeschütze für Zeiten des Krieges. Da waren große
Rammen und Sturmböcke mit ihren Stützbalken und Wagen, dann Wurfmaschinen,
die Geschosse in die belagerte Stadt schleudern sollten, und auch solche,
mit denen man große Steine gegen die feindlichen Tore oder Wälle senden
konnte.
Endlich waren dort noch allerlei Sturmbrücken, Fußangeln, Feuertonnen und
unzählige andere Kriegswerkzeuge aufgestellt.
Dicht vor den ankommenden Reisigen erhob sich der stattliche gräfliche
Palast mit seinen Türmen über die niederen Gebäude, die ihn umringten. Eine
steinerne Treppe, an deren Fuß zwei schwarze Löwen ruhten, führte zum
ersten Stockwerk hinauf und in eine lange Flucht viereckiger Säle. In
vielen stand ein Bett für den jeweiligen Gast, während andere mit den alten
Waffenrüstungen verstorbener Grafen oder mit eroberten Bannern und
Standarten geschmückt waren.
Auf der rechten Seite, in einer Ecke des Gebäudes, lag ein kleiner Saal,
der sich von den übrigen in allem unterschied. Seine Wandbekleidung zeigte
die ganze Geschichte der Kreuzzüge in lebensgroßen Bildern.
Auf dem einen Bild stand Gwijde, von Kopf zu Fuß mit einer eisernen Rüstung
bedeckt, und hielt den Rittern, die ihn umgaben, das Kreuz entgegen[12].
[12] Der Graf Gwijde lag mit dem Heiligen Ludwig, König von
Frankreich, im Kampf gegen die Sarazenen.
Im Hintergrunde waren mehrere Kriegsknechte, die sich schon auf den Weg
gemacht hatten. Das nächste Bild stellte die Schlacht von Massura dar; hier
hatten die Christen 1250 den Sieg errungen. Der heilige Ludwig, König von
Frankreich, und Graf Gwijde waren unter den anderen durch ihre Banner
kenntlich. Das dritte Bild zeigte ein grausiges Schauspiel. Viele
christliche Ritter lagen pestkrank, mit dem Tode ringend, in einer öden
Steppe zwischen schrecklichen Leichen und Pferdekadavern. Schwarze Raben
kreisten über dieser Unglücksstätte und warteten auf den Tod eines Ritters,
um dann sein Fleisch fressen zu können.
Das vierte Bild stellte die glückliche Rückkehr des Grafen von Flandern
dar. Seine erste Gemahlin, Fogaats van Bethune, lag weinend an seiner
Brust, und seine Söhne Robrecht und Balduin drückten mit inniger Liebe
seine Hände. Das war das letzte Gemälde.
Vor dem Marmorkamin, in dem ein kleines Feuer brannte, saß der alte Graf
von Flandern in einem mächtigen Armstuhl. Das gedankenschwere Haupt hatte
er auf seine rechte Hand gestützt. Unbewußt blickte er auf seinen Sohn
Wilhelm, der emsig aus einem Buch mit silbernem Schloß Gebete las.
Machteld, die junge Tochter von Robrecht van Bethune, stand mit ihrem
Falken auf der anderen Seite des Raumes. Sie streichelte den Vogel, ohne
auf den alten Gwijde und seinen Sohn zu achten. Während der Graf mit tiefem
Schmerz an seine überstandenen Leiden dachte und Wilhelm die himmlische
Gnade anflehte, spielte Machteld mit ihrem geliebten Falken und dachte gar
nicht daran, daß das Erbe ihres Vaters von den Franzosen erobert war. Und
dennoch war die kindliche Maid nicht gefühllos; aber ihre Trauer dauerte
selten länger als der unglückliche Vorfall selbst, der sie erschütterte.
Als man ihr gesagt hatte, daß alle Städte Flanderns vom Feinde erobert
wären, brach sie in eine Flut von Tränen aus und weinte bitterlich; aber
schon am Abend desselben Tages wurde der Falke von neuem geliebkost, und
die Tränen waren getrocknet und vergessen.
Nachdem Gwijde lange seinen Sohn unsicher angestarrt hatte, ließ er
plötzlich die Hand, die sein Haupt stützte, sinken und fragte:
»Wilhelm, um was flehst Du Gott so eifrig an?«
»Ich bete für meine arme Schwester Philippa,« gab der Jüngling zur Antwort.
»Weiß Gott, vielleicht hat Königin Johanna sie schon ins Grab gestoßen;
aber dann gelten meine Gebete ihrem Seelenheil!«
Bei diesen Worten beugte er sein Haupt tief, als wollte er die beiden
Tränen verbergen, die ihm über die Wange liefen.
Der alte Vater seufzte tief. Er ahnte, daß die düstere Prophezeiung
Wilhelms sich verwirklichen konnte; denn Johanna von Navarra war eine
boshafte Frau. Doch ließ er seine Trostlosigkeit nicht merken und sagte:
»Wilhelm, man darf sich nicht mit düsteren Vorahnungen betrüben. Die
Hoffnung ist den irdischen Sterblichen als Trost gegeben. Und weshalb
solltest Du auch nicht hoffen? Seit der Gefangenschaft Deiner Schwester
grämst Du Dich und siechst hin, und nicht ein einziges Lächeln hat seither
Dein Antlitz erhellt. Es ist recht, daß Du das Schicksal Deiner Schwester
nicht gefühllos mit ansiehst; aber reiße Dich um Gottes willen aus Deiner
düsteren Verzweiflung empor!«
»Du sprichst von einem Lächeln, Vater? Lächeln sollte ich, derweil meine
arme Schwester im Kerker schmachtet? Nein, das kann ich nicht. Einsam
rinnen ihre Tränen auf den kalten Boden ihres Gefängnisses. Dem Himmel
klagt sie ihr Unglück, sie ruft Dich, mein Vater! Sie ruft uns alle, denn
wir sollen ihr Labsal bringen. Und wer gibt ihr Antwort? Das grausige Echo
der unterirdischen Gewölbe des Louvre. Seht Ihr sie nicht, wie sie
totenbleich, schwach und welk wie eine hinsterbende Blume ihre Arme Gott
entgegenstreckt. Hört Ihr nicht, wie sie ruft: »O mein Vater, meine Brüder,
erlöst mich, ich schmachte in Ketten.« Das sieht und hört mein Herz. -- Das
fühlt meine Seele! -- Und da sollte ich lächeln?«
Machteld, die nur einen Teil dieser schmerzlichen Worte mit angehört hatte,
setzte ihren Falken hastig auf die Lehne eines Sessels und fiel ungestüm
weinend und heftig schluchzend ihrem Großvater zu Füßen. Sie lehnte ihr
Haupt auf seinen Schoß und rief: »Ist meine geliebte Muhme tot? O Gott,
welch' Unglück! Ist sie wirklich tot? Werde ich sie niemals wiedersehen?«
Der Graf hob sie zärtlich auf und sprach voll Güte zu ihr: »Sei ruhig,
meine liebe Machteld, weine nicht, Philippa ist nicht tot.«
»Nicht tot?« fragte die Maid erstaunt. »Aber weshalb sprach denn Herr
Wilhelm vom Sterben?«
»Du hast ihn nicht richtig verstanden,« antwortete der Graf. »Philippas
Lage ist unverändert geblieben.«
Während die junge Machteld ihre Tränen trocknete, blickte sie Wilhelm
vorwurfsvoll an und sagte schluchzend:
»Immer betrübt Ihr mich grundlos. Fast könnte man glauben, Ihr hättet alle
trostreichen Worte vergessen; denn stets sprecht Ihr von so grausigen
Dingen, daß mich ein Zittern überfällt; meinem Falken ist bang vor Eurer
Stimme, -- sie klingt so hohl! Das ist gar nicht nett von Euch, und Ihr
kränkt mich damit!«
Wilhelm sah die Maid an, und sein Blick flehte um Mitleid für seinen
Schmerz. Als Machteld ihm in die traurigen Augen sah, lief sie auf ihn zu
und drückte ihm die Hand.
»Ach, verzeiht mir, lieber Wilhelm,« bat sie, »ich habe Euch sehr lieb;
aber Ihr müßt mich auch nicht mehr mit dem schrecklichen Worte >Sterben<
kränken; das klingt noch lange in meinen Ohren nach! Seid mir, bitte, nicht
mehr böse!«
Noch ehe Wilhelm ihr antworten konnte, lief sie zu ihrem Falken zurück und
begann ihren Zeitvertreib von neuem, während die Tränen noch über ihre
Wangen liefen.
»Mein Sohn,« sagte Gwijde, »tragt der Jungfrau die Worte nicht nach. Du
weißt, daß sie nicht böse gemeint waren!«
»Ich vergebe ihr von ganzem Herzen; denn ich liebe sie wie eine Schwester.
Der Schmerz, den sie um Philippas vermeintlichen Tod empfand, hat mir sehr
wohlgetan.«
Mit diesen Worten öffnete Wilhelm wieder sein Buch und las jetzt mit lauter
Stimme:
»Jesus Christus, Seligmacher, erbarm' Dich meiner Schwester. Um Deiner
bitteren Leiden willen erlöse sie, o Herr!«
Bei dem Namen des Herren entblößte der alte Gwijde sein Haupt, faltete die
Hände und betete mit Wilhelm zusammen. Machteld ließ ihren Falken auf dem
Stuhl stehen, kniete in der einen Ecke des Zimmers nieder, in der ein
Kissen vor einem großen Kruzifix lag.
Wilhelm fuhr fort:
»Sancta Maria, Mutter Gottes, ich bitte Dich, hör' mich an, tröste sie in
dem dunklen Kerker, o heilige Magd.«
»O Jesus, süßer Jesus, Barmherziger, erbarm' Dich meiner armen Schwester.«
Gwijde wartete, bis das Gebet zu Ende war, ohne auf Machteld zu achten, die
wieder zu ihrem Falken gegangen war:
»Aber sag' mir nur, Wilhelm, dünkt es Dich nicht, daß wir Herrn von Valois
großen Dank schulden?«
»Herr von Valois ist der würdigste Ritter, den ich kenne,« antwortete der
Jüngling. »Hat er uns nicht mit größtem Edelmut behandelt? Er hat Euerm
grauen Haupt Ehrerbietung erwiesen und Euch sogar getröstet. Ich weiß
bestimmt, daß er unserem Unglück und der Gefangenschaft meiner Schwester
ein Ende gemacht haben würde, wenn das in seiner Macht stände. Gott lohne
ihm seinen Edelmut mit der ewigen Seligkeit!«
»Ja, Gott sei ihm in seiner letzten Stunde gnädig,« fügte Graf Gwijde
hinzu. »Kannst Du das glauben, mein Sohn, daß er, unser Feind, so edelmütig
sein will, sich um unsertwillen in Gefahr zu begeben und sich den Haß
Johannas von Navarra zuzuziehen.«
»Ja, da Ihr von Karl von Valois sprecht, glaube ich das gern. Aber was kann
er für uns und unsere Schwester tun?«
»Höre, Wilhelm! Als er heute morgen mit uns zur Jagd ritt, hat er mir ein
Mittel geraten, durch welches wir mit Gottes Hilfe König Philipp den
Schönen versöhnen können.«
Außer sich vor Freude schlug der Jüngling die Hände zusammen und rief:
»O Himmel, sein guter Engel hat durch seinen Mund gesprochen. Und was sollt
Ihr tun, Vater?«
»Zu Compiègne mit meinen Edeln den König aufsuchen und ihm zu Füßen
fallen.«
»Und Königin Johanna?«
»Die ungnädige Johanna von Navarra ist mit Enguerrand de Marigny in Paris.
Jetzt ist der günstigste Augenblick!«
»Gebe Gott, daß Eure Hoffnung Euch nicht täuscht! Wann wollt Ihr denn die
gefahrvolle Reise unternehmen, Vater?«
Ȇbermorgen wird Herr von Valois mit seinem Gefolge nach Wijnendaal kommen,
um uns das Geleite zu geben. Ich habe die Edeln, die mir noch treu
geblieben sind, zu mir entbieten lassen, um sie davon in Kenntnis zu
setzen. -- Aber Dein Bruder Robrecht kommt gar nicht. Weshalb bleibt er
solange dem Schloß fern?«
»Habt Ihr seinen Streit von heut morgen bereits vergessen, Vater? Er hat
eine Beleidigung von sich abzuwaschen. Jetzt kämpft er wohl gerade mit
Châtillon.«
»Du hast recht, Wilhelm. Das hatte ich vergessen. Dieser Zwist kann uns
schädlich sein; denn Herr von Châtillon besitzt am Hofe Philipps des
Schönen großen Einfluß.«
Zu jener Zeit waren Ehre und Ruhm das kostbarste Gut des Ritters. Er durfte
keinen Verdacht der Verleumdung auf sich fallen lassen, ohne Rechenschaft
dafür zu fordern. Deshalb waren Zweikämpfe etwas Alltägliches, und sie
fanden keine besondere Beachtung.
Plötzlich erhob sich Gwijde und sagte:
»Da höre ich die Brücke fallen. Sicher sind meine Lehnsleute schon da.
Komm, wir gehen in den großen Saal.«
Sie gingen aus dem Gemach und ließen die junge Machteld allein.
Bald kamen in den Saal zu dem alten Grafen die Herren van Waldeghem, van
Roode, van Kortrijk, van Oudenaarde, van Heyle, van Nevele, van Roubais,
der Herr Walter van Lovendeghem mit seinen beiden Brüdern und mehreren
anderen, zweiundfünfzig an der Zahl. Einige hielten sich gerade im Schloß
auf. Andere hatten ihre Herrschaftssitze in der umliegenden Ebene. Sie
warteten alle voll Neugierde auf den Befehl oder die Nachricht des Grafen
und standen mit entblößtem Haupte vor ihrem Gebieter.
Dieser hielt ihnen bald darauf folgende Ansprache:
»Meine Herren, Ew. Edeln wissen, daß die Treue, die ich meinem Lehnsherren,
König Philipp, geschworen habe, die Ursache zu meinem Unglück ist. Als er
mich aufforderte, Rechenschaft über die Besteuerung der Gemeinden
abzulegen, habe ich als untertäniger Vasall seinem Wunsche willfahren.
Brügge hat mir den Gehorsam verweigert, und meine Untertanen haben sich
gegen mich erhoben. Als ich mit meiner Tochter nach Frankreich gereist bin,
um dem Könige zu huldigen, hat er uns alle gefangen genommen. Mein
unglückliches Kind trauert noch im Kerker des Louvre. Das alles wißt ihr;
denn ihr steht eurem Fürsten treu zur Seite. Ich habe, wie es meiner Würde
ziemte, mir mein Recht erkämpfen wollen, aber das Waffenglück war gegen
uns. Der meineidige Eduard von England brach das Bündnis, das wir mit ihm
geschlossen hatten, und ließ uns in der Not im Stich. Mein Land ist
verloren, ich bin zum Geringsten unter euch geworden, und mein graues Haupt
kann die Grafenkrone nicht mehr tragen. Ihr habt einen anderen Herren.«
»Noch nicht,« rief Walter van Lovendeghem, »eher würd' ich meinen Degen
zerbrechen. Ich erkenne keinen anderen Herren an als den edlen Gwijde van
Dampierre!«
»Herr van Lovendeghem, ich freue mich über Eure treue Liebe von ganzem
Herzen; aber erst hört mich kaltblütig zu Ende an! Herr von Valois hat
Flandern durch Waffengewalt gewonnen und von seinem königlichen Bruder zu
Lehen erhalten. Seinem Edelmut allein verdanke ich es, daß ich mit
Ew. Edeln hier in Wijnendaal zusammen sein kann; denn er selbst hat mich
aus Rupelmonde in dieses liebe Heim gebeten. Noch mehr: er hat beschlossen,
das Haus von Flandern wieder aufzurichten und mich wieder zum regierenden
Grafen zu machen. Darüber wollte ich mit Ew. Edeln verhandeln, -- denn ich
brauche eure Hilfe.«
Das Erstaunen der Herren, die gespannt gelauscht hatten, wurde durch diese
letzten Worte noch mehr gesteigert. Daß Karl von Valois das Land, das er
erobert hatte, wieder hergeben wollte, kam ihnen unglaublich vor. Verblüfft
sahen sie den Grafen an, und dieser fuhr nach kurzer Unterbrechung fort:
»Meine Herren, ich setze nicht den geringsten Zweifel in eure aufrichtige
Treue zu mir, deshalb habe ich die größte Zuversicht, daß ihr meine letzte
Bitte erfüllen werdet: übermorgen breche ich nach Frankreich auf, um mich
dem König zu Füßen zu werfen, und ich bitte Ew. Edeln, mich zu begleiten.«
Einer nach dem anderen antwortete, daß er bereit sei, seinem Grafen überall
hin Folge zu leisten und ihm beizustehen. Nur einer sagte nichts. Das war
Dietrich der Fuchs.
»Herr Dietrich,« fragte ihn der Graf, »wollt Ihr mich nicht begleiten?«
»Aber selbstverständlich!« rief Dietrich, »der Fuchs kommt mit, und ging's
in den Rachen der Hölle! Aber, verzeiht, edler Graf, -- ich sage Euch, hier
braucht man kein Fuchs zu sein, um die Falle zu merken. Man hat Ew. Hoheit
schon einmal gefangen genommen, und Ihr verfolgt schon wieder die gleiche
Spur. Gebe Gott, daß die Sache gut abläuft; aber das verspreche ich Euch,
daß Philipp der Schöne den Fuchs nicht fangen wird.«
»Ihr urteilt und sprecht allzu leichtfertig, edler Herr!« entgegnete ihm
Gwijde. »Karl von Valois stellt uns einen Geleitsbrief aus und gelobt uns
bei seiner Ehre, daß er uns wieder ungehindert nach Flandern zurückbringen
wird.«
Die Herren, die Valois' edle Gesinnung kannten, glaubten seinem Versprechen
und berieten weiter mit dem Grafen. Inzwischen schlich sich Dietrich der
Fuchs unbemerkt aus dem Saal, ging auf den Vorhof und schritt dort in
tiefes Nachdenken versunken auf und ab.
Einige Augenblicke später wurde die Brücke herabgelassen, und Robrecht van
Bethune ritt auf das Schloß zu. Als er vom Pferde stieg, näherte sich ihm
Dietrich und sagte:
»Man braucht erst gar nicht zu fragen, Herr Robrecht, was aus Euerm Feind
geworden ist. Das Schwert des Löwen hat noch nie sein Ziel verfehlt. Herr
von Châtillon reist wohl schon ins Jenseits?«
»Nein,« antwortete Robrecht, »mein Schwert ist so heftig auf seinen Helm
niedergesaust, daß Châtillon drei Tage lang nicht sprechen kann. Aber er
muß seinem Schöpfer danken, daß er nicht erschlagen wurde. Doch ein anderes
Unglück hat uns betroffen. Adolf van Nieuwland, der mein Sekundant war, hat
mit Saint-Pol gefochten. Adolf hatte Saint-Pol gerade am Kopf verletzt, als
unglücklicherweise sein Panzer aufging, so daß die feindliche Waffe den
Jüngling tödlich verwundete. Ihr werdet ihn gleich sehen; denn meine
Knappen tragen ihn ins Schloß.«
»Aber, Herr van Bethune,« fragte Dietrich, »haltet Ihr diese Reise nach
Frankreich nicht auch für ein recht unbesonnenes Unternehmen?«
»Welche Reise? Ihr setzt mich in Erstaunen!«
»Wißt Ihr denn noch nichts davon?«
»Kein Wort.«
»Nun, wir ziehen übermorgen mit unserem Grafen nach Frankreich!«
»Was sagt Ihr, Dietrich, mein Freund? Ihr scherzt! Wie! Nach Frankreich?«
»Ja, ja, Herr Robrecht, um den französischen König fußfällig um Verzeihung
zu bitten. Ich habe ja allerdings noch nie von einer Katze gehört, die von
selbst in den Sack kriecht, und nun werde ich es in Compiègne bald selbst
mit ansehen können; -- oder es fehlt mir an gesundem Menschenverstand.«
»Wißt Ihr das, was Ihr da sagt, auch ganz sicher? oder täuscht Ihr Euch
vielleicht?«
»Ganz sicher. Beliebt nur in den Saal zu gehen, und Ihr werdet alle Herren
bei unserem Grafen, Euerm Vater, antreffen. Übermorgen reisen wir in die
Gefangenschaft, das könnt Ihr mir glauben! Bekreuzigt Euch deshalb am
Schloßtor von Wijnendaal!«
Als Robrecht das hörte, konnte er seinen Zorn nicht länger zurückhalten.
»Dietrich, mein treuer Freund,« sagte er zu ihm, »laßt, bitte, den
verwundeten Adolf auf das linke Bett in meinem Schlafgemach tragen, und
sorgt für ihn, bis ich zurückkomme! Schickt auch zu Meister Rogaert, daß er
ihm die Wunde verbinde!«
Während er dies sagte, lief er schon voller Ungeduld in den Saal, wo die
Ritter mit ihrem Grafen berieten. Er schob sie ungestüm zur Seite, bis er
vor seinem Vater stand.
Die Ritter waren höchst erstaunt, denn Robrecht hatte Harnisch und Rüstung
noch nicht abgelegt.
»Aber, Herr Vater,« rief er aus, »was erzählt man mir da! Ihr wollt Euch
Euern Feinden ausliefern, so daß sie Euer graues Haupt mit Schmach bedecken
können, -- so daß die schnöde Johanna Euch in Fesseln schlagen kann?«
»Ja, mein Sohn,« antwortete Gwijde mit Würde. »Ja, ich gehe nach
Frankreich -- und Du begleitest mich. Dein Vater will es so!«
»Nun, so sei's!« entgegnete Robrecht. »Aber der Fußfall, der schändliche
Fußfall?«
»Ich werde den Fußfall tun und Du auch,« war die unerbittliche Antwort.
»Ich?« rief Robrecht zornig. »Ich soll den Fußfall tun. Ich, Robrecht van
Bethune, soll unserem Feinde zu Füßen fallen? Wie! Der Löwe von Flandern
soll sein Haupt vor einem Franzosen beugen, vor einem Falschmünzer, vor
einem Meineidigen?«
Der Graf ließ einige Augenblicke verstreichen. Als er glaubte, daß Robrecht
sich etwas beruhigt hatte, sagte er:
»Du wirst es tun, mein Sohn!«
»Nie und nimmer,« rief Robrecht aus, »niemals werde ich meine Waffen mit
solcher Schmach bedecken. Ich sollte mich vor einem Fremdling beugen, --
ich? Da kennt Ihr Euern Sohn schlecht, Vater!«
»Robrecht!« entgegnete Gwijde kaltblütig. »Der väterliche Wille ist ein
Gesetz, gegen das Du nicht handeln darfst. -- Ich will es so!«
»Nein,« rief Robrecht nochmals, »der Löwe von Flandern beißt, -- aber er
schmeichelt nicht. Nur vor Gott und vor Euch beuge ich mein Haupt. Aber
niemals, niemals vor einem anderen Menschen!«
»Aber, Robrecht,« entgegnete ihm der Vater, »hast Du denn gar kein Mitleid
mit mir, mit Deiner unglücklichen Schwester Philippa, mit Deinem Vaterland,
daß Du das einzige Mittel, das uns noch helfen kann, zurückweist?«
Robrecht, in dessen Brust Schmerz und Zorn tobten, ballte in ungestümem
Jammer beide Fäuste.
»Wollt Ihr denn, o mein Herr und Vater,« antwortete er, »daß ein Franzose
auf mich wie auf seinen Sklaven herabsieht? Der Gedanke allein kränkt mich
tödlich. Nein, nein, -- niemals. Euer Befehl, sogar Eure Bitte ist
nutzlos! -- Ich werde es nie tun!«
Zwei Tränen glänzten auf den schmalen Wangen des alten Grafen. Der
sonderbare Ausdruck in seinem Antlitz ließ die anwesenden Ritter im
Zweifel, ob Freude oder Schmerz sie vergossen hatte; denn ein trostreiches
Lächeln schien seine Züge zu erhellen.
Robrecht wurde durch die Tränen seines Vaters tief ergriffen; sein Herz
schlug in Höllenpein. Außer sich vor Erregung rief er:
»Verwünscht, verflucht mich, o mein Fürst und Vater; aber ich versichere
Euch, daß ich niemals mit krummem Rücken vor einem Franzosen kriechen
werde, -- und sollte ich Euerm Befehl trotzen!«
Robrecht van Bethune erschrak über seine eigenen Worte. Er wurde bleich und
bebte am ganzen Körper. Er rang seine zuckenden Hände, und man hörte, wie
die eisernen Schuppen seiner Panzerhandschuhe klirrend aneinander schlugen.
Er fühlte seinen Mut sinken und erwartete mit tödlicher Angst den Fluch
seines Vaters.
Während die Ritter in größter Bestürzung auf die Antwort des Grafen
harrten, schlang dieser seine schwachen Arme um Robrechts Hals, und mit
Tränen der Freude und Liebe rief er aus:
»O mein edler Sohn! Mein Blut, das Blut der Grafen von Flandern fließt rein
in Deinen Adern. Dein Ungehorsam hat mir den schönsten Tag meines Lebens
bereitet. Nun will ich gern sterben! Nimm mich in Deine Arme, o mein Sohn;
denn ich fühle mich unaussprechlich glücklich.«
Die anwesenden Herren waren von Verwunderung und Mitgefühl tief
erschüttert. In feierlicher Stille sahen sie schweigend auf diese Umarmung.
Der alte Graf ließ seinen Sohn los und blickte in leidenschaftlicher
Begeisterung auf seine Lehnsleute.
»Seht her, meine Herren,« sagte er, »so war ich in meiner Jugend; -- so
waren die Dampierres immer. Urteilt nach dem, was ihr gehört und gesehen
habt, ob Robrecht die Grafenkrone nicht verdient. -- O Flandern, so sind
deine Krieger. Ja Robrecht, Du hast recht. Ein Graf von Flandern darf sein
Haupt vor keinem Fremdling beugen. Aber ich bin alt und bin der Vater der
gefangenen Philippa und auch Deiner, mein tapferer Sohn! Ich werde Philipp
dem Schönen zu Füßen fallen. So befiehlt es Gott! Ich unterwerfe mich
seinem heiligen Willen. Du wirst mich begleiten. Aber Dein Haupt wirst du
nicht beugen. -- Bleibe stets dabei, auf daß die Grafen, die nach mir
kommen werden, ohne jede Schmach und Schande ihr Haupt erheben können!«
Hierauf besprach man das Nähere der Reisevorbereitungen und noch
verschiedene politische Fragen. Robrecht van Bethune hatte seine Ruhe
wiedergewonnen; er verließ den Saal und ging in das kleinere Gemach, in dem
sich Machteld aufhielt. Er ergriff die Hand des jungen Mädchens, führte es
zu einem Lehnstuhl, und dann zog er, ohne ihre Hand loszulassen, einen
zweiten Sessel heran, in den er sich setzte.
»Meine liebe Machteld,« sagte er, »Du hast Deinen Vater doch lieb, nicht
wahr?«
»O ja, das wißt Ihr doch ganz genau,« rief die Maid aus, und streichelte
mit ihren zarten Händen die rauhen Wangen des Ritters.
»Aber,« sagte nun Robrecht, »wenn nun jemand zu meiner Verteidigung sein
Leben aufs Spiel setzte, würdest Du den nicht auch lieb haben?«
»Sicherlich,« war ihre Antwort, »und ich würde ihm dafür ewig dankbar
bleiben.«
»Jetzt hat nun ein Ritter Deinen Vater gegen einen Feind verteidigt und ist
tödlich verwundet worden.«
»O Gott,« seufzte Machteld, »ich will vierzig Tage für ihn beten und auch
noch länger, -- bis er gesund wird.«
»Ja, bete auch für mich, mein gutes Kind; aber ich verlange noch etwas von
Dir.«
»Sprecht nur, Herr Vater! Ich bin Eure gehorsame Tochter.«
»Versteh mich recht! Ich verreise auf einige Tage, -- und Dein Großvater
und alle Edelleute, die Du kennst, ziehen gleichfalls fort. Wer wird nun
dem armen verwundeten Ritter zu trinken geben, wenn ihn dürstet?«
»Wer das tun wird? Ich, Herr Vater; ich werde ihn nie verlassen, bis Ihr
wiederkommt. Ich werde meinen Falken mit in sein Zimmer nehmen und ihm
stets Gesellschaft leisten. Fürchte nicht, daß ich ihn den Dienstboten
überlasse! Meine Hand soll ihm die Trinkschale an seine Lippen führen,
wenn ihn dürstet. Und wie will ich mich freuen, wenn er wieder gesund
wird!«
»Das ist recht von Dir, mein Kind. Ich kenne Dein liebevolles Herz; aber Du
mußt mir noch versprechen, daß Du in den ersten Tagen seiner Krankheit kein
Geräusch in seinem Zimmer machen wirst. Auch darf kein Dienstbote dort laut
sein.«
»O, nein, das braucht Ihr nicht zu befürchten, Vater. Ich werde ganz leise
mit meinem Falken sprechen, so daß es der Ritter nicht hören kann.«
Robrecht nahm die gute Machteld bei der Hand und führte sie aus dem Zimmer.
»Ich werde Euch den Kranken zeigen,« sagte er, »aber sprich nicht laut in
seiner Gegenwart.« Adolf van Nieuwland war durch die Knappen in einem Saal
in Robrechts Wohnung auf ein Bett gelegt worden. Zwei Ärzte hatten die
Wunde verbunden und standen mit Dietrich dem Fuchs neben dem Krankenlager.
Der Kranke gab kein Lebenszeichen von sich, sein Antlitz war bleich, die
Augen geschlossen. --
»Nun, Meister Rogaert,« wandte sich Robrecht an einen der Ärzte, »wie geht
es unserem unglücklichen Freunde?«
»Schlecht,« antwortete Rogaert, »recht schlecht, Herr van Bethune. Ich kann
noch nicht sagen, ob man hoffen kann; aber ich glaube, er wird nicht
sterben müssen.«
»Ist die Wunde nicht tödlich?«
»O doch, tödlich oder nicht tödlich, die Natur ist der beste Arzt; sie tut
zuweilen mehr Wunder als Kräuter oder Steine[13]. Ich habe ihm einen Dorn
von der Krone unseres Heilandes auf die Brust gelegt; -- diese heilige
Reliquie wird uns helfen.«
[13] In früheren Zeiten gebrauchte man oft Steine zum Heilen von
Krankheiten; man schrieb ihnen übernatürliche Kraft zu. Der
Stein, den man im Neste eines Adlers gefunden hatte, wurde als
bestes Heilmittel angesehen.
Während dieses Gesprächs war Machteld näher an den Kranken herangetreten.
Die Neugier trieb sie, das Gesicht des kranken Ritters zu erkennen.
Plötzlich erkannte sie Adolf Nieuwland. Mit einem Aufschrei fuhr sie
zurück, eine Flut von Tränen stürzte aus ihren Augen, sie schrie laut auf.
»Was soll das heißen, meine Tochter?« sagte Robrecht. »Kannst Du Dich nicht
mäßigen, Du mußt Dich ruhig und leise am Bett eines Kranken verhalten.«
»Ruhig sein!« schluchzte die Maid. »Ruhig sein, wo Herr Adolf im Sterben
liegt, er, der mich so schöne Lieder lehrte! Wer wird nun der Minnesänger
von Wijnendaal sein? Wer wird nun beim Abrichten meiner Falken helfen und
mein Bruder sein?« --
Dann trat sie an das Bett, betrachtete weinend den verwundeten Ritter und
rief schluchzend:
»Adolf, Herr Adolf, mein guter Bruder!«
Als sie keine Antwort bekam, schlug sie die Hände vors Gesicht und sank
weinend in einen Stuhl. Robrecht glaubte, seine Tochter würde nicht
aufhören mit Klagen, und ihre Gegenwart würde dadurch eher schädlich als
nützlich sein; er ergriff deshalb die junge Machteld bei der Hand:
»Komm, mein Kind,« sagte er, »komm aus diesem Zimmer heraus, bis Du Dich
gefaßt hast.«
Doch Machteld wollte das Gemach nicht verlassen, sie antwortete:
»O, mein Vater, laßt mich hier, ich will auch nicht mehr weinen. Laßt mich
bei meinem Bruder Adolf, ich will die heißen Gebete, die er mich gelehrt
hat, für ihn zu Gott schicken!«
Sie nahm ein Kissen von einem Sessel, legte es auf den Boden am Kopfende
des Bettes und betete dort leise. Doch ihre Worte waren von tiefen Seufzern
zerrissen, und heiße Tränen liefen über ihre Wangen.
Robrecht van Bethune wachte bis in die späte Nacht hinein an Adolfs Lager
und hoffte, daß Gehör und Sprache wiederkehren würden. Doch vergeblich.
Nur schwach und langsam atmete der Verwundete und lag regungslos da.
Meister Rogaert fürchtete nun doch ernst für sein Leben; denn auf den
Schläfen des Kranken brannte heißes Fieber. --
Inzwischen zogen die adligen Herren, die nicht im Schlosse wohnten, mit
großer Genugtuung aus Wijnendaal. Die treuen Ritter freuten sich, daß sie
sich ihrem Gebieter gefällig erweisen konnten. Die anderen, die im
gräflichen Hause wohnten, suchten ihre Schlafgemächer auf.
Zwei Stunden später hörte man in Wijnendaal nur noch die Rufe der Wachen,
das Anschlagen der Hunde und die schrillen Schreie der Nachteule.