Auch das war eigentlich kein Gesang, aber es war doch nicht so ganz

verkehrt, und das Fräulein hätte nun einiges Interesse an den Tag legen

sollen; aber nein. Gott weiß, was hergehörte, um diese Dame etwas aus

dem Konzept zu bringen? Der Rechtsanwalt rückt ihr vorsichtig immer

näher und erreicht sie schließlich; er hat in der Hauptstadt etwas

gelernt, er tastet weniger ängstlich, legt schließlich den Arm um

sie und sagt: „Liebes Fräulein, wenn es doch zu einem etwas besseren

Verständnis zwischen uns kommen könnte!”

Sie stand auf, das tat sie, stand auf, lief aber nicht nach der Tür,

die Dame stand nicht vor etwas Unumgänglichen, sie sah ihn nur an und

sagte: „Ich hoffe, Sie sind nobel, Fredriksen?”

„Natürlich. Hm. Aber Damen pflegen doch im Gegenteil Freude an ein

wenig Hofmacherei zu haben,” sagte er, und dabei nickte er und

zwinkerte mit dem einen Auge, als habe er recht genaue Kenntnis

gewonnen. Er habe durchaus nichts Böses gemeint, nur eine Annäherung,

sie wisse doch, wer er sei, sie kenne ihn --

„Ja, das allerdings,” erwiderte sie und setzte sich auf das Sofa.

Er sei ja mit einer Menge Damen zusammengewesen, das fehle durchaus

nicht, habe auch an den Gesellschaften auf dem Schlosse teilgenommen,

berühmte Sängerinnen gehört und was dergleichen mehr sei -- o ja, und

einige seien richtig feinfein und nach seinem Geschmack, einzig in

ihrer Art gewesen, sie hätten tief ausgeschnittene Kleider an, machten

die tiefsten Verbeugungen, trügen Halsketten und Brillanten. „Aber

eine Familie mit so einer gründen und sie zur Lebensgefährtin erwählen

-- nein!” donnerte Fredriksen und schüttelte den Kopf. Er habe im

Gegenteil immer an eine gewisse Dame in seiner eigenen kleinen Stadt

gedacht, und auf sie habe er seine ganze Hoffnung gesetzt --

„Auf Fia,” warf Fräulein Olsen ein.

Wie plötzlich das herauskam! Er wurde ein wenig verdutzt und bemerkte

nur: „Warum nennen Sie gerade diese?”

Fräulein Olsen lächelte.

„Fia,” sagte er, „lassen Sie sie nur in Ruhe, lassen Sie sie in ihrem

roten Hut spazieren gehen und lassen Sie sie ihre Bilder malen. Ist es

nicht wahr, wenn ich sage, kann man sich ein unnützlicheres Geschöpf

denken? Aber das geht uns nichts an, ich begreife nicht, warum wir von

ihr sprechen. Ja, mißverstehen Sie mich nun nicht, Fräulein Olsen, die

Kunst und schöne Bilder und Gemälde haben ihre große Bedeutung. Ach, du

lieber Gott, aber wie so ganz anders sind Sie als dieses Frauenzimmer,

es ist nicht halb soviel an ihr wie an Ihnen, dünn und zart und lange

Stelzen. Gott bewahre mich davor!”

Es konnte Fräulein Olsen nicht unlieb sein, auch einmal vorgezogen zu

werden und als die erste zu gelten, seinerseits war der Rechtsanwalt

keineswegs karg: wenn Anerkennung ihr etwas Ungewohntes war, dann

sollte sie solche jetzt bekommen! Fräulein Olsen steht wahrhaftig auf

und stellt den Aschenbecher vor ihn hin, da hat er es behaglich, und

bei dieser Freundlichkeit, dieser Häuslichkeit riß ihn wohl die Liebe

mit fort, und er nahm sie in den Arm. Sie wiederholte nur: „Seien Sie

nobel, Fredriksen!” entfloh aber nicht wie ein Traum, sondern ließ sich

neben ihm auf einen Sessel niederfallen. Er war ja nicht gefährlich und

gefräßig, er war nur ein wenig grob und ungebildet wie alle Männer --

was übrigens die Mannsleute nicht übel kleidet.

„Aber Sie müssen doch zugeben, daß Sie sehr hingenommen von Fia gewesen

sind,” sagte sie.

„Von Fia?” Daß sie das sagen konnte, daß sie das in den Mund nehmen

mochte! Hören Sie einmal, eine Malerin, die reine Bleichsucht! Fräulein

Olsens wegen würde er sofort die ganze Welt umsegeln, aber Fias Bilder

wegen keinesfalls. „Da haben Sie's!” Die Kunst jawohl, aber fürs

Tägliche ziehe er im ganzen genommen Fräulein Olsens Beine und Arme und

Brustpartie und Figur vor. „Ach, Fräulein Olsen!” sagte er.

„Sie hat hübsche Zähne.”

Sprachen Sie denn noch immer von Fia? Beim Satan, wie zäh war doch

Fräulein Olsen, wenn sie von etwas zu sprechen angefangen hatte. Er

antwortete damit, daß er sich an sie anlehnte, bedeutend näherrückte,

daß er den Arm um sie legte und sich's an ihrem warmen Rücken bequem

machte. Und natürlich redete er währenddessen: nun wolle er ihr sagen,

wer hübsche Zähne habe. Und jetzt wolle er ihr sagen, wer ein hübsches

stattliches Mädchen und ein Schmuck in ihrem reichen Hause sei. Er sei

ja jetzt in vornehmen Häusern gewesen, ja, geradezu an höheren Orten,

deshalb könne er vergleichen, und das wolle er hervorheben, eine so

herrliche Gestalt und so herrliche Formen im großen und ganzen genommen

-- wohingegen Fia, sehen Sie nur an sich selbst hinunter, Fräulein

Olsen, und dann sehen Sie Fia an, das ist, Gott helfe mir, wie wenn

man aus den Wolken wieder auf die Erde herunterkommt. Und im übrigen,

alles, was sie sagt und tut und wie sie aussieht -- lauter Kunst und

Finesse und Spitzen und Ziererei alles miteinander.

Fräulein Olsen mußte über die Spitzen lachen, und da wuchs dem

Rechtsanwalt der Mut noch mehr. „Wären es wenigstens Spitzen an

Beinkleidern gewesen!” sagte er.

Er fühlte, wie sich ihm ihr Rücken etwas entzog, als ob sie aufstehen

wollte, aber sein Arm hielt sie fest. Ja, das habe er gerade heraus

sagen müssen. Und hohoho, lachte er, man wolle sich doch nicht nur

mit Luft verheiraten. Er gehöre nicht zu denen, die die Freuden des

Lebens verachteten, im Gegenteil, er sei in dieser Beziehung ein Freund

von guten Narrenstreichen und Annehmlichkeiten, und wenn er es recht

verstehe, so sei Fräulein Olsen selbst genau so beschaffen und gerade

so angelegt, nicht wahr?

„Jetzt müssen Sie mich loslassen,” sagte sie, und wieder glitt ihr

Rücken von ihm weg.

Er mußte zum Ernst und dem Geschäftlichen zurückkehren; nun erklärte

er ihr, jetzt sei der Augenblick gekommen, die nächsten Wahlen

würden ihn wieder in die Nationalversammlung führen, und dann sei

es selbstverständlich, daß er in die Regierung komme. Es könne von

ihm sanguinisch aussehen, so zu denken und so zu sprechen, aber es

fehle ein Vertreter für die Seefahrt, und er habe ja als Obmann der

Matrosenkommission eine gründliche Kenntnis auf diesem Felde bekommen,

sagte er.

„Ei, dann werden Sie ja Staatsrat!” sagte sie.

„Nach menschlicher Berechnung, ja,” erwiderte er. Sie solle doch ja

nicht denken, das sei nur ein Hirngespinst von ihm. Außerdem daß er

schon in den Zeitungen als der kommende Mann bezeichnet worden sei,

habe er auch dies und jenes hinter den Kulissen gehört. „Und Fräulein

Olsen, jetzt frage ich Sie von ganzem Herzen, könnte es sich nun nicht

so schicken, daß Sie mein Schicksal mit mir teilten und die Frau eines

bekannten Politikers würden, die Frau eines Staatsrats?”

Keine Antwort.

Er redete weiter, aber er ließ doch so nebenbei durchblicken, daß

er auch ohne sie nicht ganz und gar verzweifeln müßte, er habe

verschiedene Bekanntschaften gemacht, jetzt aber sei Fräulein Olsen

sein einziger Gedanke. Er gehe davon aus, daß ihre Eltern, der Konsul

und seine Gattin, nichts dagegen einwenden würden, er wolle sie ja

nicht zu einer gewöhnlichen Frau machen. Wie nun ihre Antwort laute, ob

er hoffen dürfe?

Und endlich gab sie Antwort. „Ich kann nichts darüber sagen” lautete

diese.

„Sie meinen doch wohl jedenfalls, daß Sie es sich noch überlegen

wollen?”

„Ja, ja. Ich will es mir überlegen.”

„Wie lange?”

„Das weiß ich nicht. Wir wollen jetzt nicht weiter darüber reden.”

„Wollen wir nach den Wahlen darauf zurückkommen?”

„Wie lang ist das?”

„Vier bis fünf Wochen. Ich möchte Sie so gerne mitnehmen, wenn ich

wieder nach Christiania muß, ich sehne mich nach Ihnen und ich liebe

Sie. Wir wollen uns eine eigene Wohnung einrichten, Gäste bei uns

sehen, einflußreiche Leute, Politiker. Und ganz richtig, während ich

daran denke: wir wollen Ihrem Schwager zwei Bilder abkaufen, wenn

ich es gesagt habe, dann steht es fest, aber Sie müssen sie selbst

auswählen. Sollen wir also sagen, wir warten bis nach den Wahlen?”

„Ja, ja.”

Sie versprach nichts, keine Spur. Als er gegangen war, blieb sie noch

eine Weile sitzen und überlegte. Fräulein Olsen konnte sich nicht

beklagen, nichts war ihr zerstört worden, sie war durchaus noch nicht

verloren, ihr Los war sicherlich nicht das schlimmste. Soweit konnte

es kommen, daß sie einen Mann hatte, für den die Stadt einmal, wenn er

kam, beflaggen würde, wer hätte in dem Falle dann einen ähnlichen Mann

aufzuweisen?

Sie hört Schritte auf der Treppe und denkt: „Kommt er noch einmal?” O,

eine viel größere Überraschung als das sollte ihr werden: herein traten

ihr Vater und Konsul Johnsen, der Doppelkonsul selbst, der noch niemals

einen Fuß über ihre Schwelle gesetzt hatte, jetzt kam er und verkaufte

sein Landhaus an Grütze-Olsen.

29

Es stand ernster beim Doppelkonsul, als man dachte. Er hatte es gar

nicht zu vertuschen versucht, daß die _Fia_ unversichert untergegangen

war; in seiner ersten Bestürzung hatte er es im Gegenteil laut

ausgerufen. Jetzt meldeten sich die Folgen davon; er und sein

Geschäftsführer Berntsen hatten genug zu tun, um erschreckte Gläubiger

fernzuhalten. Sie berieten sich miteinander, sie handelten und

wandelten, der Konsul hatte sogar das Dampfschiff noch telegraphisch

versichert, als es schon untergegangen war; aber das hatte er auf

eigene Faust getan, und Berntsen hatte augenblicklich und ebenfalls auf

eigene Faust diesen tollen Einfall rückgängig gemacht. Berntsen war

eine Perle.

Aber die Perle Berntsen war doch auch ein Mensch. Mitten in der großen

Aufregung in der Stadt hielt er seinen Kopf klar und dachte menschlich

auch an sich selbst.

Seht, da stehen die Leute in kleinen Haufen vor den Häusern und

sprechen von der Katastrophe: jetzt sei der Doppelkonsul bankerott, er,

der noch niemals ohne Hilfsquellen gewesen war, er, der jederzeit Geld

genug für alles gehabt hatte, der Mittelpunkt in dem Wohl und Wehe der

ganzen Stadt, der nach rechts und links austeilte, der das große Haus

mit Veranda und Altan besaß -- nun sei er bankerott. Was wußten die

Leute davon? Alle wußten es. War nicht gestern ein Herr aus Christiania

gekommen, um sein Geld zu verlangen! War nicht heute ein anderer Herr

aus Hamburg angekommen, um sein Geld zu verlangen! Und würde nicht

ein dritter und vierter daherkommen, würde nicht jeden Tag einer

daherkommen! Die Leute verstanden gut, daß dies den Untergang bedeutete.

Das wirkte nach allen Seiten hin, es zerrte an allen Gliedern der

Stadt, der Doktor merkte es in seiner Praxis, die Werft stand still.

Henriksen auf der Werft verlor den Kopf und sagte: „Geht heim, Leute,

ich kann nicht mehr!”

Und nun, da die Stadt in Krämpfen lag, war es wohl Zeit, daß der Mensch

zum Nachdenken kam und sich bekehrte. Die Menschen waren vor mehreren

Jahren bei einem gewissen Postdiebstahl ernstlich gewarnt worden; aber

darum hatten sie sich ebensowenig gekümmert wie um ein Kalb mit zwei

Köpfen, die Menschen waren auch weiterhin geblieben, wie sie waren.

Aber jetzt? Sollte wirklich nicht einmal eine solche Erschütterung,

ein Erdbeben, wie der Bankerott des Doppelkonsuls, imstande sein,

die Menschen zu erwecken? Wie waren denn diese Leute beschaffen? In

der Tageszeitung des Orts stand jetzt ein Aufruf an das Volk, fromm

zu werden, und die Weiber am Brunnen verhandelten dieses Programm

eifrig; bald war es in jeder Stube in der Stadt bekannt geworden, aber

die Leute änderten sich offenbar nicht, es war von Tag zu Tag nicht

die Spur von Veränderung an ihnen wahrzunehmen, im Gegenteil, war

eine solche da, so schien sie eher zum Schlimmen zu sein. Allerdings

kam ja wahrhaftig mit demselben Küstendampfer, der den Herrn aus

Hamburg brachte, auch ein anderer Gast in die Stadt, eine alte Dame,

eine von früher bekannte Persönlichkeit, die Tanzlehrerin! Die Welt

war leider verrückt. Gerade jetzt, wo die Leute fromm sein und vor

lauter Gottesfurcht nicht wieder zu erkennen sein sollten, kam die

Tanzlehrerin wieder, um in einer Generation zu wirken. Und die Menschen

blieben, wie sie waren.

Aber was ist mit Berntsen? O ja, Berntsen schließt seinen Kramladen

wie sonst auch und geht mit seinem gewöhnlichen Schritt an dem einen

Haufen Leute, die vor den Häusern stehen, nach dem andern vorbei und

sieht auch nicht eine Spur niedergedrückt aus. So soll auch der Mann

auftreten, der Geschäftsführer bei einem bankerotten Chef ist, er soll

das beste seines Herrn im Auge haben und aussehen, als ob er ein gutes

Geschäft in Aussicht hätte. Daneben kann er dann auch menschlich an

sich selbst denken.

Der Geschäftsführer Berntsen geht an diesem Abend nicht geradeswegs

heim in sein Mansardenzimmer, o, weit entfernt, er geht ohne weiteres

nach dem großen Hause von C. A. Johnsen und bittet Fräulein Fia um eine

Unterredung. Er wußte wohl, daß der Konsul nicht da war, der Konsul

ging lieber anderswo hin, als nach Hause, wenn ihn etwas bedrückte.

Aus der Stube drangen fremde Stimmen, Alice Heiberg war da, Konstanze

von der Werft war da, auch Fräulein Olsen und sogar die Tochter des

Postmeisters, die im Modegeschäft angestellt war, sie alle waren wohl

gekommen, damit Fräulein Fia mit ihrem Kummer nicht ganz allein sein

sollte.

Nun, Fräulein Fia, die Komtesse, konnte eins ausgezeichnet gut zeigen:

wenn sie Kummer hatte, so hatte sie auch die Bildung, ihn zu tragen; im

Augenblick erzählt sie den Damen ein indisches Märchen, das sie gelesen

habe und das sie nun illustrieren wolle.

Sie ließ den Geschäftsführer Berntsen in das kleine Zimmer im

Erdgeschoß, das Kabinett genannt, führen und setzte sich zu ihm, um

sein Anliegen anzuhören. Seht, Berntsen hatte ja in den letzten Tagen

mehr als genug mit dem Konsul selbst geredet, und zu Frau Johnsen, die

sich in den Zeiten des Glücks nie um Berntsen gekümmert hatte, wollte

er nicht gehen. Da blieb niemand anders übrig als Fräulein Fia. Ja, so

war es wohl, was hätte es sonst sein können? Nun saß er da vor ihr und

stellte ihr gewiß nur die ganze Lage dar, die schwere Klemme, in der

sich das Geschäft befand, den Ruin; was hätte er ihr sonst vortragen

sollen? Übrigens dauerte es nicht lange, nicht viele Minuten, und als

Berntsen das Haus verließ und Fräulein Fia wieder zu den andern ins

Zimmer trat, war ihr Gesicht ebenso ruhig und unbewegt wie sonst. Die

jungen Damen sahen sie betrübt an. Berntsen war ohne Zweifel mit einer

neuen Unglücksbotschaft gekommen, mit was denn sonst? Aber Fia bewies

Seelenstärke.

Ja, jetzt bewies Fia in hohem Grade Seelenstärke. Es ärgerte sie wohl,

daß alle diese jungen Mädchen, die so weit unter ihr standen, sich ein

so aufdringliches Mitleid ihr gegenüber erlaubten, sie lächelte über

sie, ja, das tat sie.

Als die jungen Mädchen das sahen, lächelten sie auch und freuten sich.

„Gute Nachrichten?” fragten sie.

„Ja, was denkt ihr wohl? Er hat mir einen Antrag gemacht.”

Eine stumme Minute.

„Wer? Berntsen?”

Fia nickte überlegen lächelnd. „Ja, meines Vaters Ladendiener,” sagt

sie.

In der darauffolgenden Minute konnte sich keines der Anwesenden fassen.

Alice Heiberg wollte gern fein sein, obgleich sie nicht reich war, und

so sagte sie: „Die Diener werden frech in diesen Zeiten.”

Und Fia erwiderte darauf: „Ja, man muß sich viel bieten lassen.”

Aber so vielem Komtessewesen gegenüber konnte sich Fräulein Olsen nicht

enthalten, recht nachdenklich zu werden; auch in der Seelenstärke muß

man Maß halten. Da saß nun Fia Johnsen, ihr Vater hatte sein Landhaus

verkaufen müssen, es ging ihm schlecht, es war vielleicht von dem

Ladendiener gar nicht so unglaublich gehandelt, wenn er in diesem

Augenblick mit Herz und Hand einspringen wollte.

„Was hast du geantwortet?” fragte Fräulein Olsen.

Aber Fia sah sie nur mit hoch hinaufgezogenen Augenbrauen an und

schwieg.

„Ich weiß nicht, ob es so ganz unverschämt war, Fia. Berntsen ist nicht

so sehr viel älter als du, er bekommt wohl einmal sein eigenes Geschäft

und hat auch gar kein so häßliches Äußere.”

Fräulein Olsen stellte es verlockend hin, es war, wie wenn sie nichts

dagegen hätte, wenn Fia Johnsen eine weniger glänzende Partie machte.

Aber Fia konnte sie nur wieder ansehen, diese Grütze-Olsens, ja, sie

waren wirklich etwas für sich. Und gewiß, Fräulein Olsen war nicht

überfein und gewählt und gertenschlank, nein, sie konnte nicht Bilder

kopieren und war gewiß auch nicht ganz fest im Rechtschreiben, auch

hatte sie keine indischen Märchen gelesen; aber Fräulein Olsen hatte

ihre gesunden fünf Sinne, sie dachte wahrscheinlich, jetzt wäre es wohl

auch Zeit, daß Fia Johnsen sich verheiratete. Sie sagte: „Dir steckt

vielleicht ein anderer im Kopf, Fia; denn sonst sähe ich nicht ein,

warum der arme Berntsen zu weit gegangen sein soll.”

Da hatte sie es, und gerade ins Gesicht!

„Aber hör' einmal!” sagt Alice Heiberg zurechtweisend.

„Ich müßte wahrhaftig sehr in Not sein,” sagte Fia.

„Nun, dann sag' ich noch einmal: du mußt einen andern im Hintergrund

haben.”

Jetzt antwortete die Komtesse wahrhaftig ein bißchen ärgerlicher, als

sie zu sein pflegte: „Ich habe zehn andere, wenn ich will.”

Eine stumme Minute. Die vier jungen Damen dachten wahrscheinlich, das

sei ein kühner Ausspruch, und Fräulein Olsen sagte: „Ja, wenn es so

ist, dann --”

„Jawohl, es ist so,” versetzte Fia und nickte dazu. „Wenn ich aber

auch nicht einen einzigen anderen hätte, würde ich Berntsen doch nicht

nehmen. Wenn ich keinen einzigen andern hätte, würde ich doch keinen

von hier aus der Stadt nehmen.”

„So?” sagte Fräulein Olsen, und sie kniff ihre etwas üppigen Lippen

fest zusammen. Seht, sie hatte einen Sperling in der Hand, und der

war aus der Stadt hier, aber er konnte bei Gelegenheit gut genug

sein, oho, es war nicht ausgeschlossen, daß die Stadt einmal für ihn

flaggen würde. Aber Fräulein Olsen hatte wohl in diesem Augenblick ein

eifersüchtiges Gefühl, als ob ihr Vogel zuerst um Fia Johnsen gekreist

habe, ehe er zu ihr geflogen war -- ach, was mußte sie nicht alles

ertragen!

„Ich bin doch wirklich ein wenig in der Welt draußen gewesen und habe

da verschiedenes gesehen und gehört,” sagt Fia. „Meine Kunst ist's

hauptsächlich, für die ich mich interessiere, und Künstler sind mein

Umgang, nicht die Herren hier von der Stadt.”

Na, das war nun etwas zu stark für Alice Heiberg, sie hatte selbst

einen hier in der Stadt, Reinert, den Sohn des Küsters; der war

freilich noch sehr jung, aber was hatte er für schöne Locken und was

für ein flottes Auftreten! Was für ein Kurmacher! Sie hatte sich

wahrlich während der letzten Ferien in den frischen Studenten tüchtig

verschossen.

Fia wiegte nachdenklich den Kopf hin und her und murmelte: „Himmel, die

Künstler würden mich schön auslachen!”

Darauf versetzte Fräulein Olsen: „Meinst du, wenn du Berntsen nähmest?

Mein Schwager würde dich jedenfalls deshalb nicht auslachen.”

„So?” fragte Fia neugierig; jetzt wurde sie lebhaft. Fräulein Olsens

Schwager war nicht der erste beste, sondern ein Künstler, dessen Name

immer bekannter wurde, er war ein aufgehender Stern. Sie fragte, was

er denn gesagt haben könne? Was er gemeint habe, ob sie etwa nicht gut

male?

„Er sagte, du seiest viel zu wählerisch, und du könnest nicht lieben

und nicht über die Stränge schlagen, das sagte er. Ich weiß nicht, was

er damit meinte, aber es sei so deine Natur, sagte er, du werdest dich

gewiß nicht verheiraten.”

Fia überhörte das ungebildete Gerede und fragte nur: „Aber was sagte er

über meine Bilder?”

„Das weiß ich nicht mehr. Ich glaube, er sagte, es sei keine Glut

darin.”

„Was sei nicht darin?”

„Ach, ich weiß es nicht mehr so genau. Aber du seiest ein kalter

Mensch, und das meinten alle die andern Künstler auch, sagte er.”

Arme Fia, jetzt versinkt sie in Gedanken und schweigt eine gute Weile.

Dies zu hören war nicht gut für sie, sie wurde sehr zahm.

„Er hat meine letzten Kopien aus dem Louvre nicht gesehen,” sagte sie

dann, „die haben Glut, ich glaube, das kann ich mit Recht sagen. Er

hat übrigens auch die Illustrationen nicht gesehen, die ich für das

indische Märchen machen will. Ich glaube, die werden jedermann die

Augen öffnen, wer es auch immer sei.”

Als die Besuche gegangen waren, suchte Fia ihre Mutter auf, zum

erstenmal wirklich beunruhigt, beunruhigt bis in die Tiefe ihrer Seele.

Die Mutter war ja, müde von des Tages Last und Bürde, schon zu Bett

gegangen, und die Tochter würde sie sicherlich nicht aufmuntern, nein!

Warum ging nur Fia gerade jetzt zu ihr?

Sie trat natürlich nett und gebildet ein, fragte, ob sie nicht störe,

ob sie nicht lieber wieder gehen solle, es sei nur -- im Grunde

genommen sei es nichts.

„Was ist es denn, Fia?”

„Ach, du hast es selbst nicht leicht, es ist nichts, es ist besser, es

hat Zeit bis später einmal. Aber nicht wahr, Mama, ich bin doch eine

Künstlerin, und ich lasse mich von ein wenig Kritik nicht unterkriegen?”

„Was redest du da, Kind, du hast doch nur gute Kritiken bekommen.”

„Nicht wahr? Ja, ich werde es ihnen zeigen. Du sollst sehen, womit ich

morgen anfange, es wird das beste von allem, was ich seither gemacht

habe.”

„Ist Berntsen hier gewesen?”

„Ja, weißt du, was er wollte?”

„Ich glaube, ich kann es erraten.”

„Nein, das kannst du nicht. Er hat mir einen Antrag gemacht.”

Zu Fias großer Verwunderung richtete sich die Mutter nicht jählings

im Bett auf und verlangte, daß der Geschäftsführer Berntsen sofort

entlassen werde, nein, sie blieb ruhig liegen, und es hatte den

Anschein, als müsse sie sich irgend etwas reiflich überlegen.

„Du weißt doch, daß dein Vater die Villa verkauft hat?” sagte sie dann.

„Welche Villa?” Fia wußte nichts; das wäre ja unerhört, am liebsten

hätte sie sofort den ganzen Handel rückgängig gemacht. „Unsere Villa

verkauft!”

„Ja, an Grütze-Olsens.”

Nun sank Fia auf das Bett der Mutter nieder. Deshalb also waren die

vier jungen Mädchen an diesem Abend bei ihr gewesen. Diese Tochter

vom Grütze-Olsen hatte ein Gefolge mitgenommen, damit es Zeuge ihres

Triumphes sein sollte. Hätte Fia jetzt ihre Kunst nicht gehabt, dann

wäre sie bankrott gewesen, so aber war sie reich.

„Dein Vater und ich haben darüber gesprochen,” sagte die Mutter,

„Berntsen hat es uns geraten, wir stimmten ganz miteinander

überein, daß jedenfalls du etwas haben sollst, auf das du jederzeit

zurückgreifen kannst.”

„Ich?” sagte Fia. „Ich habe meine Kunst.”

Mutter und Tochter berieten sich darüber. O, Frau Konsul Johnsen war

offenbar nachdenklich geworden, vielleicht durchschaute sie auch das

Vorgehen des Geschäftsführers Berntsen, sie konnte im ganzen genommen

jetzt auch Leute in der Stadt, die unter ihr standen, besser verstehen.

Und nun Berntsen? Er hatte getan, was ihr eigener Mann, der Konsul,

einstmals getan hatte, und was so viele Männer taten. Wir leben im

Zeitalter der Menschen.

Mutter und Tochter besprachen die Sache wieder und wieder, aber Fia

dachte wahrscheinlich nur an ihre eigene Angelegenheit und hielt sich

nicht streng auf der Erde. Die Künstler meinten, sie sei eine kalte

Natur, war das der Dank für alle Hilfe, die sie ihnen hatte angedeihen

lassen? „Nicht wahr, Mama, ich hab' ihnen doch geholfen?”

„Jawohl. Aber das hat nun ein Ende. Grütze-Olsens, Konsul Olsens, sind

jetzt reicher als wir.”

„Aber sie haben keine Kultur,” wendete Fia tröstend ein.

„Nein, aber sie sind sehr reich. Bedenke, sie haben jetzt sogar

Spülnäpfe aus echtem Kristall!”

Mutter und Tochter lächelten und wurden im ganzen etwas frischer.

Selbst Frau Johnsen, die da mit ihrem gelben Gesicht und ihrem Kummer

und Unglück in ihrem Bette lag, sagte: „Ja, ja, nun müssen wir eben

warten, bis Scheldrup heimkommt, er weiß vielleicht einen Ausweg.”

„Gewiß, gewiß, Mama. Hab' keine Angst! Siehst du, die Künstler haben

gar nicht soviel auszusetzen gehabt. Sie meinten nur, ich hätte keine

innere Glut, das ist alles. Aber das werde ich ihnen schon beweisen,

verlaß dich darauf. O, sie sollen es sehen!”

Und sie sprach noch weiter über diesen Punkt.

Die Weiber am Brunnen: Roman · 第 29 / 35 段