„Das weiß ich nicht. Ausgesehen? Ich seh' die Mannsleute nicht an und
schiele nicht nach ihnen hin. Das alte Schwein hat mich genug geplagt,
als er das letztemal hier war.”
„Mir kam sein Aussehen unfreundlich vor.”
Nach einer Weile redet Oliver weiter: Jetzt werde wohl der Rechtsanwalt
mit seiner Unvernunft wieder anfangen. -- „Ich rühr' mich seinetwegen
nicht mehr von der Stelle,” sagt Petra. -- Oho, ob es besser wäre, wenn
sie alle auf die Straße gesetzt würden? Oliver entwickelte die Sache
weiter und von seinem Standpunkt aus: es habe ihm noch nie so davor
gegraut, obdachlos zu werden, wie eben jetzt, sie müßten hoffen, daß
der Rechtsanwalt ein Mensch sei, denn wenn er geradezu im Sinne habe,
gegen einen Krüppel wieder auf Mörderwegen zu gehen, dann müsse Petra
ihm noch einmal energisch ins Gewissen reden.
„Was hältst du davon?” fragte Oliver.
Petra überlegte und hielt es nicht für unmöglich. Aber da war soviel,
was dagegen sprach. Sie habe nicht einmal ordentliche Kleider --
„Kleider?”
Sie habe die unglücklichen Hemden vertragen. Und sie brauche auch eine
Bluse, eine von denen, die vorne aufgemacht werden. Und außerdem noch
andere Kleidungsstücke.
Wenn nichts anderes im Wege stehe, meinte Oliver, so könnte er sicher
einige Kleidungsstücke auf Vorschuß bekommen. Er flammte wieder auf,
setzte die Mütze schief auf den Kopf, als habe er mächtige Gönner,
und redete als Familienversorger: „Gleich jetzt geh' ich in das
Modegeschäft und hol' die Kleidungsstücke für dich.”
Bei einer solchen Gelegenheit mußte er ja tun, was nur immer in seinen
Kräften stand.
28
Der Rechtsanwalt Fredriksen dachte indes jetzt wohl am allerwenigsten
daran, Oliver und sein Haus zu beunruhigen, er hatte ganz andere Dinge
zu erledigen. In diesen Tagen wurde der Stadt eine schwere Prüfung
auferlegt, eine so unerhörte Erschütterung beigebracht, daß es war,
als ob die Welt stille stünde. Was war seinerzeit der Postraub dagegen
gewesen? Das Dampfschiff _Fia_ war untergegangen! Was bedeuteten alle
möglichen anderen Dinge, wenn das Dampfschiff Fia nicht versichert
gewesen war und nun vielleicht den Doppelkonsul Johnsen in Ruin und
Untergang mit hineinzog?
Nichts anderes bedeutete mehr etwas.
Auch früher schon waren mehrere ernste Ereignisse in der Stadt zu
verzeichnen gewesen: der alte Schulvorsteher war nun tot, der die
vielen Sprachen der ganzen Welt kannte und die letzte Generation in
den Grammatiken und den notwendigen Kenntnissen unterrichtet hatte, er
war jetzt tot und seine Gelehrsamkeit mit ihm begraben. Eine andere
Sache war auch am Brunnen tüchtig besprochen worden: die Frau des
Doktors jammerte nun schon seit zwei Monaten darüber, daß sie guter
Hoffnung war; es war das erstemal bei ihr, ach du lieber Gott, wie sie
es verabscheute, wie sie sich davor fürchtete und wie schlecht ihr war
-- für dieses Unglück gab es keine Hilfe, und war es nicht auch ganz
gerecht? -- Da, eines schönen Tages war die Frau Doktor plötzlich nicht
mehr guter Hoffnung. „Was?” schrien die Weiber am Brunnen; sie pumpten
kein Wasser mehr und gingen auch nicht mit ihren Eimern fort, sondern
blieben unentwegt da. Hatte die Person sich über ihr Inneres getäuscht
und war sie gar nicht --? Unsinn! Weit entfernt! Aber so ungleich
verteilte es unser Herrgott bei den Frauen, manche mußten Jahr um Jahr
Mutter werden, andere waren fürs ganze Leben davon befreit. So war es,
wenn man einen Doktor zum Mann hatte, er hatte die Gelehrsamkeit, er
konnte tun, was er wollte, das war keine Kunst --
Es fehlte also nicht an aufregenden Ereignissen.
Aber dann rollte eines Morgens der Donner über den Brunnen hin; das
war die Nachricht von dem Untergang der _Fia_. Diese Nachricht kam von
Scheldrup Johnsen in Neu-Orleans, das Telegramm war drei Tage alt,
es meldete kurz und gut, nannte Ort und Zeit und ging davon aus, daß
die Versicherung in Ordnung sei. Aber die Versicherung war nicht in
Ordnung. Und da schlug der Blitz am Brunnen ein.
In der kleinen Küstenstadt, die von nichts als von ihren Schiffen
lebte, verstand jedes Weib, was eine solche Versicherung zu bedeuten
hatte, sollte da der Doppelkonsul es nicht gewußt haben? Waren es
nicht gerade die großen Sachen, die der Konsul selbst unter den Händen
hatte, Berntsen dagegen lag es ob, dem Kramladen und dem Modehandel
vorzustehen. Es kam zu einem Zusammenstoß zwischen dem Konsul und
seinem Geschäftsführer; der Konsul meinte, er habe Berntsen den Auftrag
gegeben, die Versicherung zu erneuern, und Berntsen hatte auch ganz
richtig die Versicherung damals, wo es ihm aufgetragen worden war,
erneuert, aber nachher nicht mehr. -- Aber der Konsul habe doch ein
für allemal den Auftrag gegeben. -- Nein, erwiderte Berntsen, so habe
er es nicht verstanden. -- Der Konsul raufte sein Haar und behauptete,
doch, er habe es ausdrücklich für immer, fürs ganze Leben gemeint.
Berntsen hätte das außerdem selbst verstehen müssen, ob er denn nicht
gesehen habe, was alles auf dem Pult des Konsuls herumlag, alles
müsse er selbst besorgen, die ungeheuere tägliche Post, die Berichte
an seine Regierungen, die Bücher, eine Welt, ein Chaos -- wie, wenn
nun Berntsen das von selbst verstanden hätte! -- Es zeigte sich auch,
daß Berntsen wirklich tüchtig eingegriffen hatte, sonst hätte es noch
schlimmer auf des Konsuls Pult ausgesehen. -- Ja, aber der Konsul habe
die Versicherungspapiere zur Erledigung herausgelegt. -- Berntsen hatte
die Papiere auch da liegen sehen, und nachdem er sie drei Wochen vor
Augen gehabt hatte, verschwanden sie. -- Jawohl, der Konsul hatte sie
schließlich als erledigt weggelegt. Berntsen hatte kein Wort davon
gehört, daß er sie fortschicken solle. -- Doch, beim Satan, der Konsul
hatte vor langer Zeit einmal gesagt, er müsse die Prämie abschicken:
„Vergessen Sie die Versicherung nicht!” hatte er befohlen. O, jetzt
mochte Gott ihm gnädig sein!
Frau Johnsen wankte ins Kontor herunter und weinte, rang die Hände,
wischte sich Nase und Augen, schluchzte laut, bebte und redete wie
im Fieber. Das war nicht gut für die Frau Konsul, sie war wohl auch
leberkrank, denn sie war gar so gelb im Gesicht. Die Tochter kam auch,
Fräulein Fia, sie nahm es ganz anders auf und legte nicht noch Steine
auf die schwere Last. Das nütze nun alles nichts, sagte sie, Prüfungen
müsse man ertragen. Sie müßten jetzt zeigen, daß sie Kultur hätten,
sagte sie, die Komtesse; was an ihr liege, so wolle sie noch fleißiger
arbeiten, sie habe ihre Kunst und ihren Beruf; die zwei Bilder, die sie
im Louvre kopiert habe, müßten nun eben springen, sie wolle sie sofort
zur Versteigerung schicken. „Hab' keine Angst, Papa!”
Der Konsul hörte nicht und sah nicht.
Dafür war ein anderer Mann in der Stadt, der sowohl hörte als sah,
der Rechtsanwalt Fredriksen. O, ein kluger Mann, ein glücklicher
Gewinner, also ein ganz verflixt guter Rechner. Da kam er nun endlich
wieder, nachdem er fast das ganze Jahr hindurch im Landtag und in
seiner Kommission gesessen, und jetzt hatte er ein viel besseres
Aussehen als vorher, er sah nicht mehr so gefräßig aus, Gott weiß, ob
er nicht Gesichtsmassage gebraucht hatte! Woher sonst konnte diese
fast seelenvolle Freundlichkeit kommen? Allerdings hatte das auch
seine Wirkung nicht verfehlt, daß er während seiner Abwesenheit zum
Wortführer in seiner Stadt gewählt worden war; aber das würde einen
Rechtsanwalt doch nicht dazu bringen, die abgelegenen Winkel der Sorge
und Armut aufzusuchen und dort eine halbe Stunde trostspendend zu
verweilen! Er ging zu der Tochter des Schulvorstehers, die ihren Vater
verloren, und zu dem alten Postmeister, der seinen Verstand verloren
hatte, und überall war er sehr teilnehmend gewesen. So war er jetzt.
Schon als er vom Schiff an Land stieg, hatte ja der abscheuliche
Olaus vom Wiesenrain ihn geduzt und ihn nur Fredriksen angeredet; aber
darüber hatte dieser nur ein wenig gelächelt und gesagt: „Trag' meinen
Koffer hinauf, Olaus!” -- Olaus erwiderte: „Trag' du deinen Koffer
selber!”
Ehe er sich nun aufs neue auf seine beschwerlichen öffentlichen
Obliegenheiten warf und die Stadt zur ersten Versammlung zusammenrief,
gönnte er sich noch ein paar freie Tage und wanderte in einem hellen
Anzug und einem großen Hut umher; er hatte sich einen Stock gekauft,
und seine Stiefel waren heil, er rauchte auch immerfort Zigaretten,
ja, er war ein ganz anderer geworden. Warum wanderte er soviel umher,
warum mußte der schwere Mann auch noch den Aussichtspunkt ersteigen?
Das sah gesucht aus, ausgesucht einsam, nicht nur nach unerwiderter
Liebe und tieferen Gefühlen. Wenn er an Konsul Johnsens Garten mit
den Zementtürmen, dem Duft des spanischen Flieders und gaukelnden
Schmetterlingen vorüberging, grüßte er Frau Johnsen, gegen die er
nichts hatte, mit seinem großen Hut, er grüßte auch das Fräulein,
ja selbst den Konsul, wenn dieser auf der Veranda saß. Wohl war er
Vorsteher einer Kommission gegen den Konsul, aber Haus und Familie
mußten außerhalb gehalten werden.
„Glücklich von Paris zurück!” rief er mit Donnerstimme über das Staket
weg Fräulein Fia zu.
Es sei jetzt übrigens schon sehr lange her, seit sie von Paris zu Hause
sei, dachte Fräulein Fia wohl, und sie hätte auch gut ihn selbst mit
„Glücklich zurück vom Landtag!” begrüßen können, aber sie dankte nur
mit einem nachlässigen Kopfnicken. Wer verstand diesen Menschen!
Er legt seine runden Arme auf das Staket und geht nicht gleich weiter,
sondern sagt: „Sie finden es wohl daheim wieder sehr schön?”
„Ja.”
„Ich auch.”
Welche Unhöflichkeit vom Konsul! Da sitzt er auf der Veranda und liest
in seiner Zeitung, dann wird er aufmerksam, lüftet schließlich den Hut
ein wenig und grüßt, liest aber dann gleich weiter.
„Jawohl, auch ich finde es daheim wieder sehr schön. Selbst wenn ich
keine schönere Heimat hätte --”
„Wollen Sie nicht hereinkommen?” fragt Frau Johnsen.
„Nein, ich danke, es ist spät geworden. Ich gehe nur vor Schlafengehen
ein wenig spazieren, und ich kann Sie von dem Aussichtspunkt grüßen,
Fräulein Fia!”
„Es war wohl heute abend hübsch da oben?”
„Wundervoll. Ein Sonnenuntergang mit ein paar besonders prächtigen
Wolken! Ich verstehe mich ja nicht so darauf, wie die Maler und
Künstler, aber für meinen Geschmack war es einzig in seiner Art. Würden
Sie sich nicht zu einem kleinen Spaziergang hinauf überreden lassen?”
„Jetzt? Nein.”
„O nein. Und Sie gehen wohl auch am liebsten allein?”
Nun zündet sich der Konsul seine Zigarre wieder an, aber er kann
sich dabei fast nicht von der Zeitung losreißen: Was in aller Welt
interessiert ihn denn so ungeheuer? Und was ist denn mit Frau Johnsen?
Diese Frau Johnsen war nicht immer so wortkarg gewesen; in den alten
Tagen hatte sie höchst vergnügt geplaudert, wenn der Rechtsanwalt mit
ihr sprach und sich mit ihr abgab, ja, sie tat wahrhaftig, als mache
sie sich etwas aus ihm. Wie reich und groß waren diese Leute nun
geworden; aber wie konnten sie es auch nicht lassen, es zu zeigen!
Seht, da sitzt die Tochter des Hauses, sie ist nun seit mehreren Jahren
alt genug und zum Überfluß auch hübsch genug, und da sitzt sie und
hält sich eigensinnig zurück, bloß weil sie steinreich und eine gute
Partie ist. Rechtsanwalt Fredriksen hätte übrigens der Familie in
verschiedenem nützlich sein können, er war jetzt nicht mehr der erste
beste, er war Landtagsabgeordneter und ein großer Mann, er konnte sogar
noch größer werden, ja, er hatte beinahe sichere Aussicht, noch größer
zu werden, die neuen Wahlen würden das entscheiden. Warum stand er denn
da draußen und warb vor einem Gartenzaun? Das schickte sich nicht für
jemand, wie er war; kommt ihm nur in die Nähe, gebt ihm den kleinen
Finger! Er hatte in der großen Hauptstadt etwas gelernt, das nächste
Mal würde es schon besser gehen, er wollte sie in den Arm nehmen --
„Guten Abend!” grüßte er und ging weiter.
Nach einer guten Weile schaute der Konsul auf und lüftete nun auch
den Hut, aber da sah er nur noch des Rechtsanwalts Rücken und seine
Hautwulst im Nacken unterhalb des Huts. So ein Übermut! Und dieses
Zeitungslesen! Der Konsul warf das Blatt weg und stand langsam auf,
er gähnte laut und sagte: „Na, jetzt geh' ich hinein und lege mich zu
Bett.”
„Ja, gute Nacht!” sagten die Damen.
Alles atmete Frieden und durchaus keine Gefahr. Aber am nächsten Tag,
ja, da schlug der Blitz ein.
Rechtsanwalt Fredriksen hörte es zuerst in der Barbierstube, nachher
traf er mit dem Apotheker zusammen, der es bestätigte. Der Rechtsanwalt
hatte eigentlich gedacht, sich recht schön rasieren zu lassen und sogar
noch ein paar Tage lang an Konsul Johnsens Garten vorbei nach dem
Aussichtspunkt zu spazieren; aber bei der Nachricht von dem Untergang
des Dampfschiffs _Fia_ änderte er entschlossen seine Absicht und nahm
den Weg nach dem Hause Olsen. Sein Gang zeigte keine Unsicherheit,
nichts Geheimnisvolles, er hatte etwas ausgerechnet und es richtig
gerechnet, natürlich ging er nun zum Grütze-Olsen, wohin hätte er sonst
gehen sollen? O, in seinem Gang lag Selbstgefühl!
Er war erwartet; Fräulein Olsen errötete, als sie seine Stimme hörte.
Sie wußte, er war schon vor zwei Tagen zurückgekommen, aber in diesen
zwei Tagen hatte er sich noch nicht blicken lassen.
„Nun ja, man hat mich zum Wortführer ernannt, während ich fort war,”
erklärte er, „und da mußte ich mich erst in diese neuen Sachen
einarbeiten. O, ich hab' geschuftet! Und am Abend war ich dann so müde,
daß ich ganz einsame Spaziergänge machen mußte, um mich zu erholen.
Sonst würde ich mir schon erlaubt haben, Sie zu begrüßen, Fräulein
Olsen.”
„Meine Eltern hatten mir gesagt, daß Sie zurückgekehrt seien,” sagte
Fräulein Olsen.
Weiter ging sie nicht, o nein; aber wenn er ihr in diesem Augenblick
zu verstehen gegeben hätte, daß sie jetzt seiner rasenden Liebe nicht
mehr ausweichen könne, dann wäre sie wohl schwankend geworden. Es
waren nun mehr als zwei Jahre verflossen, seit sie sich zum letzten
Male gesprochen hatten, sie war indessen noch älter geworden, ein
paar Briefe in der Zwischenzeit hatten eine hinsterbende Erinnerung
nur gerade am Leben erhalten. Mit dem andern Maler, dem Tünchersohn,
wurde es nichts, der war nur ein Künstler und Bruder Leichtfuß; o,
er war beständig in die eine oder andere verliebt, daran fehlte es
durchaus nicht, aber er hatte keine Beständigkeit. Schließlich ging er
hinunter an den Landungsplatz und malte den Olaus vom Wiesenrain. Das
schickte sich nicht, nachdem er Konsul Olsens gemalt hatte; wahrhaftig,
Konsul Olsens bildeten sich nichts darauf ein, aber sie würden in der
Leute Mund kommen. Und im übrigen -- einen Maler heiraten, das war
so eine Sache, ihre Schwester hatte es erfahren, sie hatte es nicht
so ergötzlich, sie redeten sogar von Scheidung -- die neueste Mode
im Lande. Sie hatte jetzt zwei Kinder und war überdies in den ersten
Jahren verschiedentlich zu sehr langem Aufenthalt bei den Eltern
gewesen, um die Ausgaben für den Haushalt zu vermindern, und wenn sie
wieder abreiste, bekam sie eine Menge Geld und vollgepackte Kisten mit.
Im letzten Jahr hatte sich dieses Verhältnis allerdings geändert, der
Maler hatte einen größeren Namen bekommen, er stellte in Berlin aus und
verkaufte seine Bilder zu höheren Preisen. Die Folge davon war, daß
jetzt er, der Maler, auf eine Scheidung anspielte, jetzt konnte er auf
eigenen Füßen stehen. Das war sehr traurig und sehr dumm, und bis jetzt
war ja die Katastrophe abgewehrt worden, aber es war jedenfalls eine
unglückliche Ehe daraus geworden. O, diese Künstlerverbindungen, sie
waren nicht immer dauerhaft!
Aber wie stand es mit dem Bureauvorsteher beim Hardesvogt? Abgereist.
Er war ein Jahr da, dann kam er in das Revisionsdepartement, niemand
vermißte ihn, niemand bedauerte seinen Fortgang. Sein Nachfolger war
wieder ein juristischer Kandidat, aber es zeigte sich, daß er sowohl
Braut als Verlobungsring hatte -- was wollte der hier in der Stadt, und
was hätte Fräulein Olsen mit ihm anfangen können? Als er Besuch machte,
ging sie zwar nicht aus dem Hause, nein, das tat sie nicht, aber sie
blieb ganz einfach auf ihrem Zimmer, warum hätte sie hinuntergehen
sollen. Später sah sie ihn in der Stadt, er sah aus wie ein Flüchtling,
mit abgetragenen Beinkleidern, sehr nachdenklich und niedergedrückt,
aber mit Braut und Verlobungsring. Einen solchen Mann mußte man in
Frieden lassen.
Und so war Fräulein Olsen noch immer zu Hause; sie wurde älter
und beschäftigte sich mit ihren Erinnerungen. Ihr Herz hatte den
Rechtsanwalt wahrscheinlich nicht vermißt, aber er war ihr nicht so
ganz aus dem Sinn gekommen, er war der sprichwörtliche Sperling in der
Hand. Wie war es wohl, hatte er Aussicht, Staatsrat zu werden? Noch
immer war es die Natur selbst, die Fräulein Olsens Politik führte,
einmal mußte doch auch sie eine verheiratete Frau werden.
„Wollen Sie sich nicht eine Zigarre anzünden?” sagt sie zum
Rechtsanwalt.
Er fing an, von dem Untergang der _Fia_ zu sprechen, das sei ein
ordentliches Menetekel für die Familie Johnsen. Denken Sie doch, ein
Dampfschiff nicht einmal versichern! Was denn der Konsul auf seinem
Kontor tue, wenn er eine so überaus wichtige Sache vergesse? Das müßte
doch eine Grenze haben! Allerdings solle man ja mit Menschen, die im
Unglück sind, Mitleid haben, aber Gott wisse es, vielleicht schadete
dem guten Johnsen so eine Züchtigung gar nichts. Sie hätten ja alle
miteinander einfach unverschämt dumm-groß getan.
„Ich weiß nicht,” sagt Fräulein Olsen, „den Scheldrup halt' ich nicht
für dumm.”
Der Rechtsanwalt erwidert gleichgültig: „Was der Scheldrup ist oder
nicht ist, das weiß ich auch nicht. Ich rede von der Tochter und den
Eltern.”
„Ich möchte wissen, wie es der Scheldrup aufnimmt. Was meinen Sie, daß
er nun ergreifen wird?”
Da sieht sie der Rechtsanwalt wie aus einer ganz andern Welt an, er
kann es nicht lassen, die Stirne zu runzeln und sie anzusehen. „Ihre
Frage ist sehr komisch,” sagt er, „ich hab' mich wirklich nicht mit
ihr abgegeben, denn ich hab' an andere Dinge zu denken. Was der und
jener Junge anfangen wird? Ich weiß es nicht, er wird wohl das tun, was
er bisher auch getan hat. Steht er nicht hinter einem Ladentisch oder
etwas Ähnlichem?”
„Scheldrup! Nein, er hat nie hinter einem Ladentisch gestanden.”
„So, also nicht. Ja, mir ist es gleichgültig.”
„Vielleicht kommt er jetzt heim und übernimmt das Geschäft.”
Den Rechtsanwalt ärgert dieses Gerede, und er versucht, noch mehr von
oben herab aufzutreten. „Wer künftighin dieses bankerotte Geschäft und
den kleinen Laden übernimmt, darüber nachzudenken hab' ich wirklich
noch keine Zeit gehabt. Vielleicht ist der Scheldrup der Mann dafür,
ich weiß es nicht. Hat er etwas gelernt?”
„Etwas gelernt? Ja, das wird er wohl im Ausland in all den Jahren getan
haben.”
„So? In die Schule gegangen, auf fremden Universitäten studiert?
Merkwürdig, daß niemand etwas davon gehört hat!” -- Aber hier geht wohl
dem Rechtsanwalt ein Licht darüber auf, daß er in völlig verkehrter
Weise vorgeht, und er sagt: „Es ist überhaupt nicht die Rede von
Scheldrup Johnsen, sondern die übrige Familie ist es, der es vielleicht
ganz gut tut, wenn sie den stolzen Nacken beugen muß. Sie war's, die
ich gemeint hatte.”
Fräulein Olsen kann es sich leisten, ein gutes Wort für Fia einzulegen.
„Fia malt so hübsch,” sagt sie.
„Finden Sie das?” Hier sieht der Rechtsanwalt aus, als könne er sich
gezwungen fühlen, sich anders auszusprechen. Als das Fräulein fragt:
„Ja, finden Sie das nicht auch?” antwortet er: „Wollen wir nicht von
etwas anderem reden -- Sie und ich?”
Da kam er nun auf seine eigene Angelegenheit.
O, nun aber war es wohl möglich, daß es besser gewesen wäre, wenn
er geschwiegen hätte. Er hatte nicht den rechten Schick. Fräulein
Olsen mußte natürlich seine jahrelange kühle Zurückhaltung auffallend
gefunden haben, und nun sollte er sich erklären, sich gewissermaßen
entschuldigen, das war keine einfache Aufgabe. Wo hätte er die
schwierige Kunst lernen sollen, um ein Herz zu werben, aber die Mitgift
zu meinen? Außerdem war seine Löwenstimme gegen ihn, die war für
Schlägereien und Wortkämpfe, hier aber sollte sie etwas hinhauchen,
gewissermaßen singen, wahrlich, ein anderer hätte es aufgegeben. Aber
er verstand die Gefahr nicht und ging nur drauflos.
Es war ein Glück, daß es das Fräulein damit nicht so genau nahm. Im
Lauf der Jahre hatte sie sich ja einige vornehme Unarten angewöhnt,
aber sie hatte noch ein richtiges Verständnis für die Dinge und
war kein kleines Mädchen mehr. Fia Johnsen war wirklich mit ihrem
Komtessewesen auch nicht so sehr weit gekommen.
Der Rechtsanwalt begann ja zu nachdrücklich -- der Bauer, der Klotz!
Zusammenarbeiten, sagte er, ob also die Rede von einem Zusammenarbeiten
zwischen ihnen sein könnte? Ob sie darüber nachgedacht habe?
Darauf antwortete sie nichts, aber Zusammenarbeiten, was war denn das?
Sie fand jedenfalls nicht, daß das ein Wort sei, das ihr keine andere
Wahl ließ, entweder puterrot zu werden oder das Zimmer zu verlassen.
Nun entwickelte der Rechtsanwalt deutlicher, wie er in diesen zwei
Jahren immer an sie gedacht habe -- sie habe ihn vielleicht in
dieser Zeit vergessen, aber er habe nichts vergessen, er könnte
auf die Beilagen hinweisen, seine beiden Briefe. Alles, was er bei
ihrer früheren Zusammenkunft ausgesprochen habe, sei in den Briefen
wiederholt, und das gelte auch jetzt noch. Also, Fräulein Olsen, nun
ist die Frage die: ist etwas Verständnis und Neigung auf beiden Seiten
vorhanden?
Keine Antwort. Er wartete reichlich lange, und schließlich sagte sie
wie er: „Lassen Sie uns von etwas anderem sprechen!”
War das nun wieder Ziererei? Er fühlte sich wohl nicht mehr ganz
sicher, ihr Gerede über Scheldrup Johnsen hatte ihn unsicher gemacht;
sie hatte so bestimmt behauptet, daß er nie hinter einem Ladentisch
gestanden habe und daß er nun heimkommen werde, um das Geschäft zu
übernehmen. Was bedeutete das alles in einem Augenblick wie diesem? Zum
Henker, er konnte nicht singen, aber er redete weiter, ob sie längere
Bedenkzeit haben wolle? Für ihn sei die Zeit jetzt gekommen, die
Ungewißheit habe ihn gerade an diesem Morgen fortgetrieben, um für sich
zu reden und zu hören, wie die Sache stehe. Aber vielleicht möchte sie
doch lieber noch eine längere Bedenkzeit haben? fügte er hinzu.
„Ja,” sagte sie nur.
Wirklich? Er müsse gestehen, das könne er kaum glauben, nach Verlauf
von zwei langen Jahren und nach allem, was zwischen ihnen vorgegangen
sei. Ob sie denn nicht gerade herausgesagt finde, daß diese Stadt
allmählich ein trauriges Loch geworden sei? Eine Stadt voll Kummer und
Bankerott und Elend, an andern Orten lachten die Leute und es gehe
ihnen gut. Welche Art Belustigungen man denn hier habe?
Hier warf sie lächelnd ein: „Ich bin nicht an Belustigungen gewöhnt.”
Aber sie könne es werden! lautete die Entgegnung. O, an andern
Orten alle die vornehmen Straßen und die Schaufenster und Tivoli
und Kaffeehäuser, ob sie denn das nicht reizen könne? Und was die
Lebensweise betreffe, so handle es sich ja nur darum, wie man sie
selbst bestimmen wolle, es gebe nichts, gar nichts, was man dort nicht
bekommen könne. Alle Annehmlichkeiten des Lebens seien da auf einem
Brett beisammen, die Zeitungen erschienen jeden Morgen und jeden Abend,
die Musik spiele, beim Landtag würde geflaggt; am Sonntag könne man,
wenn man wolle, den ganzen Tag im Bett liegen, oder man könne ins
Theater gehen, oder mit der Straßenbahn irgendwo hinfahren, oder im
Studentenwäldchen spazieren gehen, oder einen guten Vortrag hören. Was
man hier am Ort denn habe! Wenn sie wolle wie er, dann zöge sie fort
von hier --