Das gute Fräulein Fia! Sie war nun nicht mehr ganz jung. Ihre

Gesichtsfarbe, die einst wie Pfirsichblüten schimmerte, war nicht

mehr frisch, sie war überreif, die junge Dame hatte allmählich etwas

Verblühtes bekommen. Sie hatte alle ihre Jahre dahingelebt ohne

eigentlichen Erfolg, aber auch ohne Mißerfolg, nichts war imstande

gewesen, ihren Sinn zu ändern, sie war unzugänglich und entzückend

selbstbewußt. Daß sie nicht auf Abwege geraten war, kam nur daher, daß

sie sich überhaupt nicht auf unbekannte Wege einließ. Warum sollte sie

solche aufsuchen? Sie war ja so sittsam und beschränkt. Ihre Liebe und

ihr Mutterberuf fanden ihre Betätigung im Bildermalen, die ganze Zeit

über hatte es nicht an den Mitteln gefehlt, sich dieser Beschäftigung

hinzugeben; sie malte weder aus innerer noch äußerer Notwendigkeit,

aber sie malte. Niemand hatte jemals gesehen, daß sie über sich selbst

unglücklich gewesen wäre; sie machte keine Fehler, tat niemand etwas zu

leide, war nicht verschwenderisch, drückte sich im Gespräch mit andern

gut aus, verneigte sich hübsch. Eines Tages hätte sie gut den Himmel

über sich und die Erde unter sich fragen können: „Bin ich jemand? Bin

ich etwas?” O ja, das hätte sie gut fragen können.

Fräulein Fia -- vielleicht konnte sie das Gewicht ihrer eigenen Vorzüge

nicht ertragen, vielleicht waren sie eine Bürde auf ihrem Wege. Es ist

nicht gut, wenn der Mensch ganz ohne Drangsale und ganz ohne Reue über

sich selbst ist.

„Ich ein kalter Mensch?” sagte sie und stand vom Bett ihrer Mutter auf.

„Und dann soll ich nicht über die Stränge schlagen können?”

Mutter und Tochter waren nun beide in guter Laune und konnten scherzen.

Die Mutter setzte sich im Bett auf und lächelte bisweilen, beide hatten

dasselbe Temperament und waren gleich herzlich gern bereit, trübe

Erinnerungen der Vergessenheit anheimzugeben.

Fia mimte jetzt ausgelassene Laune; hoho, sie stieß nach hinten ein

wenig mit dem Fuß aus, wie wenn sie so recht unternehmend aufgelegt

wäre, o, gar nicht so wenig, und sie stieß auch mit dem Ellbogen

akkurat, wie wenn sie jemand neben sich, in den sie verliebt wäre,

ein wenig in die Seite stieße. Es war gar nicht schlecht nachgemacht.

Sie hob ihre Röcke mit den Fingern auf, so daß ihre weißen Höschen

gut sichtbar wurden; sie waren fein und tadellos, voller Spitzen

und Schleifen, geradezu paradiesisch, nun kamen sie ans Tageslicht,

und Fia teilte mit dem linken Bein einen ordentlichen Fußtritt aus.

Dabei sah sie wirklich äußerst hoffnungsvoll aus, als ob sie mit der

Zeit die Künstler recht wohl mit Ausschweifungen überraschen könnte.

„Hoho!” sagte sie wieder. Jawohl, denn in Wirklichkeit sei sie ja ein

desperates und ein liederliches Frauenzimmer, nicht wahr, die würden es

schon sehen! Als sie einen dritten Fußtritt ausgeteilt hatte -- war das

nun nicht sehr, sehr viel? Hatte sie noch nicht genug getan? Es fehlte

ja nur noch, daß sie leise wieherte.

O, das Ganze war sicherlich höchst anständig und unschuldig, aber es

war eine betrübliche Vorstellung, und dieses Hin- und Herschwenken der

alten Jungfer hätte ein Ofenrohr zum Lachen bringen können.

„Und wo ist Berntsen?” fragte sie plötzlich. „Ist er fortgegangen? Was

meinst du, Mama, warum auch nicht, ich bin jetzt zu allem aufgelegt.

Er steht vielleicht noch drunten vor dem Hause, soll ich ihn wieder

heraufholen?” --

Dieses Opfer wurde indes nicht von Fia verlangt, sie hätte sich dieses

großmütige Anerbieten sparen können, das Schicksal richtete es so ein,

daß sie ihr bisheriges Leben fortsetzen konnte, ihr sittsames, mit viel

Schönem geschmücktes Leben, genau wie vorher, warum hätte sie es da

ändern sollen?

In der Stadt traf nämlich ein Mann ein, der brachte alle

Geschäftsangelegenheiten in Ordnung, rettete die Firma, setzte die

Familienglieder wieder auf ihren rechten Platz, stillte die Krämpfe der

Stadt. --

Scheldrup Johnsen kam heim.

Brachte er alle Geschäftsangelegenheiten in Ordnung? Einige brachte

er in Unordnung. Ach, das konnte nicht vermieden werden. Die Menschen

puffen sich gegenseitig aus dem Wege und schreiten übereinander weg,

einige fallen zu Boden und dienen andern als Brücke, einige gehen

unter, das sind die, die die wenigsten Püffe aushalten können, und

sie gehen unter. Aber die andern blühen und gedeihen. So ist die

Unsterblichkeit des Lebens beschaffen. Seht, all dies wußten die Weiber

am Brunnen!

Als Scheldrup Johnsen von Neu-Orleans dahergereist kam, schien er nicht

sehr weitherzig und sanftmütig aufgelegt zu sein. Dem Geschäftsführer

Berntsen gab er zwar kein böses Wort, aber der Vater mußte ihm Rede

stehen.

Der Konsul begriff nicht, warum er dafür büßen sollte, hatte man je so

etwas gehört, sollte er obendrein noch Vorwürfe bekommen? Er hatte ja

Berntsen ausdrücklich gebeten, die Versicherung nicht zu vergessen.

„Aber woran hattest du denn selbst zu denken?” versetzte Scheldrup.

Es verlohnte sich wahrlich nicht, sich mit einem so dummen Sohn auf

Erörterungen einzulassen, mit einem so eigensinnigen, modernen Sohne,

er kam aus einer andern Welt. Sterling, sagte er; Dollars, sagte er. Er

durchstöberte die Bücher des Vaters, als ob es sich nur darum handelte,

Fehler darin zu finden, er war nichts als Geschäft. Hatte der Konsul

etwa nicht viel, woran er denken mußte, ragte er nicht in der Stadt

empor wie ein Turm und war neben vielem andern noch Konsul von zwei

Ländern, mußte er nicht seine Berichte zu rechter Zeit einreichen?

Aber jegliche Verteidigung war vergeblich, der Konsul wurde bei

dem Zusammenstoß mit dem Sohne kleiner und immer kleiner, er ließ

durchblicken, daß er das Geschäft verkaufen wolle. Er habe Fias Zukunft

schon gesichert und die Villa verkauft, ihm selbst und seiner Frau

könne es gehen, wie es wolle, er würde wohl einige Agenturen bekommen,

eine Versicherungsagentur --

Da spielte ein breites Lächeln um Scheldrups Mund, und das sah der

Vater. Er fühlte sich in seiner Würde gekränkt und wiederholte, er

werde das Geschäft verkaufen, um alles zu bezahlen und ein ehrenhafter

Mann zu sein.

Scheldrup erwiderte: „Wir bezahlen nicht.”

„Doch,” sagte der Vater und ging noch weiter in der Selbstaufgabe. „Und

ich gebe auch meine Konsulate auf, das steht fest.”

„Keine Spur!” versetzte Scheldrup bestimmt. „Wir haben nicht so sehr

viele wertvolle Aktiva,” sagte er. Im übrigen habe er jetzt die Bücher

durchgegangen, sie seien da und dort etwas oberflächlich geführt,

und das sei ein Fehler; Zahlen seien nichts Ungefähres, Zahlen seien

etwas Ernstes, etwas Strenges. „Treibe keinen Scherz mit Zahlen! Aber

die Lage ist nicht einmal so schlecht, Vater; das wär' noch schöner,

wenn wir den Kopf verlieren würden. Laß die herumreisenden Herren aus

Christiania und Hamburg und Göteborg und Havre nur künftig zu mir

kommen!” sagte er.

„Was sagst du da?”

„Aber unter einer Bedingung: daß du dich ausruhst, Vater.”

Endlich brachen sich nun also seine kindlichen Gefühle Bahn; der Vater

brauchte Ruhe, das verstand er. Und der Vater hatte durchaus nichts

dagegen, sich auszuruhen, er hatte allzuvielem vorstehen müssen, sein

Haar war gelichtet, seine Augen ohne Glanz, seine Tage ohne Frieden,

die Nächte ohne Freude. „Aber ich kann doch nicht die ganze Zeit über

gar nichts tun,” sagte er.

Doch Scheldrup verkündigte: „Ich will die Führung haben, du sollst

ausruhen.”

Gleich zu Anfang ging Scheldrup mit den Menschen und den Dingen

recht rücksichtslos um; er kündigte Oliver Andersen im Lagerhaus,

er zog die jährliche Unterstützung und den jährlichen Anzug für den

Philologen Frank, Olivers Sohn, ein, er verabschiedete den alten

ererbten Holzhacker, der um Ehre und silberne Löffelprämien schon in

Frau Johnsens Kinderheimat gedient hatte, und er hob auch eine gewisse

Verbindung mit Henriksens auf der Werft auf.

Wieder standen die Leute in Haufen vor den Häusern und teilten sich

gegenseitig ihre Ansichten über diesen Zustand mit: darüber konnte kein

Zweifel herrschen, der Konsul war gestürzt, und Scheldrup hatte die

Leitung des ganzen Geschäfts übernommen, das sah man an den Wirkungen

ringsum, jawohl, an guten und bösen Wirkungen, und alle wurden am

Brunnen erörtert.

O, wie die Plappermühlen liefen! Frau Konsul Johnsen hatte sich jetzt

einen ganz kleinen Hut angeschafft. Früher trug sie immer einen großen

Hut mit einem weißen Rand, der auf und ab wogte, wenn sie ging, fast

wie wenn er Scharniere hätte. Aber jetzt hatte sie einen Hut, der

einigermaßen dem ähnlich war, den die kleine Frau Konsul Davidsen trug

und der nicht viel kostete. Da hatte wohl Scheldrup eingegriffen, wo

griff der nicht ein? Die geheimnisvolle Sache auf der Werft brachte er

auch in Ordnung. Seht, es war da wohl eine kleine Übereinkunft, die

die verstorbene Frau Henriksen und der Konsul seinerzeit, vor sehr

langer Zeit miteinander getroffen hatten, damals, als Frau Henriksen

noch frisch und lebendig auf der Erde wandelte und nur ganz wenig

über dreißig Jahre alt war. Ja, so war es wohl. Aber jetzt stand die

Werft still. Dies war das schlimmste von allen Vorkommnissen, die

Werft stand still, Kaspar und alle die andern Arbeiter da draußen

waren nun arbeitslos und hatten nichts anderes zu tun, als ihre Frauen

voreinander zu hüten.

Scheldrup griff ein. Als die von den Gläubigern geschickten fremden

Abgesandten kamen, wurden sie in sein Kontor gewiesen, wo er ganz

allein saß; die Herren von Göteborg und Havre blieben nicht lange bei

ihm, er brachte die Sache mit ihnen in Ordnung, komplimentierte sie

zur Tür hinaus und setzte sich wieder. Was hatte er gesagt, um sie

zufrieden zu stellen? O, nicht, was er sagte, sondern was er tat,

machte den Herren einen unvergeßlichen Eindruck: er schrieb ihnen

Wechsel für ihre Forderungen. Bitte -- ein Wunder nach dem andern! Das

Dampfschiff Fia war im Geschäft wohl mit zweihunderttausend Kronen

gebucht; wo nahm nun der Herr Scheldrup diese Million her, um den

Verlust des Schiffes auszugleichen? Er mußte da draußen in der großen

Welt ganz verteufelte Verbindungen haben!

Und Scheldrup griff weiter ein. Es kam an den Tag, daß der gute

Scheldrup gar nicht nur allein Geschäft war -- wieso denn? Sein Herz

konnte wahrhaftig mit ihm durchgehen! Eines Tages wanderte er um die

Mittagszeit zu Grütze-Olsens, um seinen Antrittsbesuch zu machen,

und dann ging er von dort weg -- als Bräutigam. Hatte er da nicht

eingegriffen? Es geschah so selbstverständlich, weder Scheldrup

noch Fräulein Olsen sahen nach rechts oder links, sondern machten

die Sache auf der Stelle ab. Die Dame bat nicht einmal darum, nobel

behandelt zu werden, das Ganze war der Schlußstein einer Kinderliebe,

beide erreichten, was sie wollten, beiden war es Bedürfnis. Es war

gerade in den Tagen, wo Rechtsanwalt Fredriksen seine arbeitsvollen

Wahlversammlungen hielt, da hatte er keine Gelegenheit, sich auf andern

Schlachtfeldern einzufinden, um eine endgültige Auseinandersetzung zu

verhindern, nun mochte es gehen, wie es wollte! Jawohl, gewählt wurde

er ja -- an der einen Stelle. Aber er wurde an einer andern verworfen.

Wohl noch niemals hatte sich Rechtsanwalt Fredriksens so verrechnet:

die wichtigste Wahl schlug fehl. Eine politische Niederlage hätte

er ertragen können -- bis zum nächsten Mal; aber Fräulein Olsens

Entscheidung war ein Verlust für sein ganzes Leben. Nachher half

alles nichts mehr, nicht nach ihrem Arme greifen, nicht mit einer

Donnerstimme reden! Was hätte da noch helfen können?

Eine Zeitlang war er sehr schweigsam, wohl eine Woche lang. O,

Rechtsanwalt Fredriksen war keineswegs verloren, seine Lebensfähigkeit

war außerordentlich groß, er wollte vorwärts; aus dem Wege da! Er

strebte nicht nach der großen Gewalt, er strebte nach der Hoheit und

der Ehre eines Politikers im Landtag, er strebte nach Vermögen, nach

Kleinstadtreichtum, dazu war er geschaffen. Und sollte er solche

bescheidene Ziele nicht erreichen? Er ist ja schon viel, ist der

Wortführer seiner Stadt, ist Landtagsabgeordneter, der Vorsitzende

einer endlosen Kommission, in einiger Zeit ist er Justizminister!

Was für ein Lebenslauf! Wer hätte so groß von ihm gedacht noch vor

einigen Jahren, wo er abgeschabt und arbeitslos war, wo er sich keine

Zigarren halten konnte, ja, wo er sich schließlich sogar beim Barbier

Holte auf Kredit rasieren lassen mußte. „Ich hab' vergessen, Kleingeld

mitzunehmen, schreiben Sie's auf -- bis zum nächsten Mal!”

Fräulein Olsen hat ihm einen niederträchtigen Streich gespielt, aber

er kann ihn überwinden. Rechtsanwalt Fredriksen wird so etwas immer

überwinden, er wird sich noch an weiteren Kommissionen beteiligen, er

wird eine reiche Frau bekommen, er wird von jetzt an den Barbier Holte

jedesmal gleich bezahlen. Als Justizminister wird er in seinem Bureau

das tun, was getan werden muß, mehr wird nicht erwartet. Einer seiner

früheren Gefährten von den Bänken des Landtags wird ihn dies und jenes

fragen, auf die eine oder andere administrative Aufgabe hinweisen,

jawohl, der Justizminister verspricht, seine Aufmerksamkeit auf diese

Sache zu richten, und der Abgeordnete dankt ihm dafür.

O, der Justizminister ist ein tüchtiger Mann, er wird seine

Aufmerksamkeit immer auf etwas gerichtet haben, das fehlt nicht, er ist

ein Mann, der vorwärts treibt, ist ein Führer, auf seinem Bureau werden

große und kleine Geschäfte erledigt. Wer etwa fürchtet, Staatsrat

Fredriksen werde etwas Ungewöhnliches tun, der kennt ihn nicht, er

wird genau das tun, was notwendig ist, dazu ist er geschaffen. Er ist

eines der Räder in der Maschine des Staates geworden, wenn die andern

Räder sich im Kreise drehen, dreht er sich mit. Er ist auf schwache

Auswechslung eingesetzt, er soll sich nicht schnell im Kreise drehen,

er soll nur nicht stehen bleiben.

Er wird vermißt werden, wenn er stirbt.

30

Wieder ist Oliver in einer tüchtigen Patsche: seine Stellung im

Lagerhause ist ihm aufgekündigt worden. Er geht zwar noch hin und

versieht seinen Tagesdienst, aber wenn die Frist abgelaufen ist, sitzt

er auf dem Trockenen. Das war doch zum Exempel das letzte, was man

geglaubt hätte! Oliver ist tief geknickt.

Er geht zu Abel und redet mit ihm. Zu wem sonst sollte er auch gehen?

Der Philologe Frank war ein gewaltiger Sprachkundiger, ein Lehrer der

Menschen, aber die große Unterstützung, auf die der Vater wartete,

hatte er noch nicht nach Hause geschickt, dagegen hieß es, er sei mit

Konstanze Henriksen von der Werft fest verlobt. Ja, was half das Oliver!

Abel herrschte jetzt in der Schmiede, die ihm Meister Carlsen gegen

einen angemessenen Mietzins überlassen hatte. Er hatte den herrlichen

Dampfhammer, der mit Paraffin getrieben wurde, angeschafft, der schlug

großartig und war so gut wie ein Schmiedknecht. Abel hatte viel zu tun

und verdiente reichlich. Abel war kein Genußmensch, der all sein Geld

durch die Gurgel jagte, er gebrauchte sein Geld zu allen möglichen

Einrichtungsgegenständen, schaffte Bettwäsche und eine Kommode an, ging

auch zum Goldschmied Evensen und kaufte zwölf Gramm Gold. _Was_ kaufte

er? Gold. Und dennoch hatte Abel zuweilen ein Zweikronenstück für

seinen Vater übrig.

Seht, Oliver machte ja nicht den geringsten Unterschied zwischen

seinen Kindern: wenn er in der Patsche saß, ging er also nicht zu

dem abwesenden Frank, sondern zu Abel, den er jeden Morgen in seiner

Schmiede finden konnte. Und heute handelt es sich um mehr, als nur um

ein Zweikronenstück. Oliver setzt auseinander, Scheldrup Johnsen habe

einem Krüppel aufgekündigt, es handle sich um seinen Lebensunterhalt,

was er denn tun solle?

„Ja,” sagte Abel und überlegte, „ich weiß keinen andern Ausweg, als daß

ich heirate.”

Das war eine verfluchte Sache, und der Vater mußte unverkennbar ein

wenig nach Luft schnappen. „Was meinst du?” fragte er.

„Ich hab' jetzt alles fertig und will nicht länger auf sie warten,”

ließ Abel verlauten. „Ich will die Sache abgemacht haben.”

Oliver wußte nicht, wo sein Sohn in diesem Augenblick hinauswollte,

aber er verstand sich anzupassen; sofort ließ er seine eigene Sache

fahren und hörte mit Teilnahme der seines Sohnes zu. „Wozu solltest du

auch noch länger auf sie warten,” sagte er.

„So, meinst du?”

„Ob ich das meine! Was ist _sie_ denn und was bist _du_! Sie ist so

viel, als ob du eine Feder oder auch nur ein Flaumflöckchen auf der

Gasse fändest und nicht mehr.”

„Willst du den Ring sehen?” fragte Abel. Er holte ihn aus einer

Schublade in der Bank am Fenster herbei. Es war ein sehr schöner Ring,

dick und glänzend, schwer in der Hand, Gold. „Eben bin ich damit fertig

geworden,” sagte er.

Oliver blieb stumm und ungläubig, aber er zuckte mit keiner Wimper.

Schließlich fragte er: „Was hat Evensen für den Ring verlangt?”

„Evensen? Ich hab' den Ring selbst gemacht.” Und Abel zeigte die Form

vor, in der er ihn gegossen, zeigte die Feilspäne, die er abgefeilt

hatte, und die Feilen, die golden geworden waren. „Hier siehst du auch

das Schmirgelpapier, mit dem ich ihn geputzt hab',” sagte er, „und hier

sind die verschiedenen Feilen, grobe und feine, zuletzt hab' ich noch

mit sämisch Leder nachgerieben.”

Das Ganze war wohl die reine Wahrheit, Oliver schüttelte den Kopf

und sagte: „Gott bewahre mich, Abel, das ist ja nett, wie du alles

fertigbringst, was du angreifst.”

Und Abel war stolz auf das Lob des Vaters, sagte aber: „Jetzt kommt es

darauf an, ob sie ihn haben will.”

„Haben will!” rief Oliver. „Wenn das Menschenkind ihn nicht haben will,

dann schick' sie nur zu mir! Schick' sie mir nur! Einen Ring wie

diesen nicht haben wollen! Fühl doch nur, er ist doppelt so schwer als

der, den ich deiner Mutter im Ausland gekauft hab'. Mach doch keine

schlechten Witze!”

Von des Vaters Lebensunterhalt war keine Rede mehr, aber der Besuch in

der Schmiede hatte den armen Kerl doch aufgemuntert. Dazu gehörte nicht

viel, schon allein, daß Abel der bevorstehenden Not gegenüber nicht den

Mut verlor, war ihm ein Trost und eine Stütze. Abel den Mut verlieren?

Nein.

Er zieht das Taschentuch heraus, dessen Zipfel dem Vater aus der

Brusttasche hervorschaut, Abel will es geschwind benützen, es ist ihm

ein Rußkörnchen ins Auge geflogen. Und als Oliver das Taschentuch

zurückbekommt, fühlt er, daß es um ein Zweikronenstück schwerer

geworden ist.

Dann geht er, Oliver geht. Merkwürdig, wie aufgekratzt er jetzt ist,

der Besuch in der Schmiede hat ihm gut getan, er hat wieder Geld in der

Tasche, morgen ist Sonntag, es gibt gewiß ein Wetter zum Hinausrudern

-- ach, die Sache mit der Zukunft wird sich schon machen! Als er um

Mittag nach Hause geht, bringt er den Kindern etwas Gutes mit, und

nachmittags rudert er hinaus.

Es wird Nacht, und er kommt nicht nach Hause, der nächste Tag

erscheint, aber kein Oliver läßt sich sehen; daran ist man schon

gewöhnt, er läßt das Boot treiben, er fischt, was er zum Essen braucht,

legt an, kocht, ißt und schläft. O, es gibt nichts, gar nichts, was

diesem wundervollen Müßiggang und dieser Trägheit gleichkäme!

Das erste Morgengrauen über dem Meer und den Inseln hat eine wunderbare

Stimmung, wie die Einsamkeit der Ewigkeit möchte man sagen; weit

drinnen im Festland stehen einige kahle Telegraphenstangen, das

Glockenläuten aus einem naheliegenden Dorfe dringt zu ihm heraus, das

stimmt ihn weich, macht ihn still und ruhig. Das Morgengrauen verführt

nicht zu irgendwelchen Unsitten, zu Flüchen und Gotteslästerungen,

nein, nein, die Erde zum Exempel ist ein schöner Ort, und nachdem er

gegessen hat, was gestern abend von den Fischen übriggeblieben ist,

fühlt er sich satt und zufrieden und sagt: „Gott sei Lob und Dank für

das gute Essen!” Das ist mehr, als heutzutage die meisten Menschen tun.

Nicht jedes Morgengrauen ist dem andern gleich, es gibt auch

Sonntagmorgen mit Andacht und Kirchenglocken, in der Luft saust und

braust es, das Meer liegt zu seinen Füßen, das ist seine Heimat, seine

Wiege, die Dünungen kommen auf ihn zu, wogen auf und ab, werden zu

Schaum und zu Nichts in der Ferne. Alles ist wunderschön. Denkt doch

nur, einmal in seiner Jugend nahm er ein Los, als eine Tischdecke

verlost wurde, und gewann sie. Später hat er auf dem Meer ein

vollgetakeltes Schiff geborgen. Das alles hat Oliver Andersen getan.

Er hat wieder geschlafen, es ist herrlich, so zu essen und zu schlafen.

Die Sonne steht noch am Himmel, jetzt ist gerade die richtige Zeit

und Stunde, jetzt will er endlich einmal ernst machen und zu dem

Vogelberg hinausrudern; dieser liegt weit draußen, wo die Dampfschiffe

in die Bucht hereinfahren. Heute soll es geschehen, gewiß sind auf

den schmalen Abstufungen des Berges Eiderdaunen zu finden. „Ach Gott,

ja!” seufzt Oliver und rudert los. Seine Frömmigkeit ist vielleicht

ein wenig berechnend, wie die menschliche Frömmigkeit überhaupt, er

kann jedenfalls seine Interessen nicht hintansetzen. Er weiß, daß das

Küstenschiff in der Stadt gewesen und wieder abgefahren ist, es kann

ihm also niemand begegnen, er ist allein auf seiner Fahrt, ohne Zeugen.

Was könnten ihm übrigens Zeugen schaden? Oliver ist beim Fischfang,

dazu ist er berechtigt.

Ach, jetzt wie immer in den letzten zwanzig Jahren ist etwas

Nichtungesetzliches in Olivers Leben, etwas auf der Grenze, zuweilen

auch ein wenig darüber hinaus.

Heute stiehlt er seine Eiderdaunen nicht mit derselben Vorsicht

und Tüchtigkeit wie sonst, er kann eben nicht an der teueren Ware

vorbeifahren, ohne sie mitzunehmen, sondern er grapst, er füllt seinen

Sack mit allem, was er erwischt, ungereinigt. Es geschieht etwas

anderes, das ihn stärker in Anspruch nimmt. Oliver hat den Sinn fürs

Abenteuerliche noch nicht verloren, und das Abenteuer bleibt ihm treu.

Zu welchem Zweck ist er jetzt herausgefahren?

Hier liegen keine Vögel im Nest, hier sind keine Eier, die Jungen sind

flügge, Oliver hat die beste Gelegenheit, hineinzulangen. Er untersucht

das unterste Nest, gräbt tief hinein und findet Papier; also Papier,

Briefe, was kann das sein? Post, Umschläge mit Briefmarken darauf, das

ist doch sonderbar! Er schiebt die Daunenlage zur Seite und sammelt

die Briefe zusammen, es sind Geldbriefe, aufgerissene Umschläge mit

Siegeln darauf, eingeschriebene Briefe, die nicht einmal geöffnet sind,

er liest einige der Anschriften und kennt die Eigentümer, Leute aus der

Stadt und den umliegenden Orten; er kommt auf den Gedanken, einen der

eingeschriebenen Briefe zu öffnen und findet Geld darin, er macht noch

mehrere auf und findet Geldscheine --

Das Abenteuer.

Oliver braucht den ganzen Nachmittag dazu, den Vogelberg ordentlich

abzusuchen, er ist habsüchtig geworden, er untersucht ein Nest ums

andere, das ihm erreichbar ist, findet in dem einen und dem andern, was

er sucht, und türmt alles auf einen Haufen, er wird reicher und immer

reicher. In der Dämmerung rudert er mit seiner Beute vom Vogelberg weg,

rudert wie mit Dampf, niemand begegnet ihm, er hat keine Zeugen. Wieder

legt er an der Insel an, auf der er die letzte Nacht zugebracht hat.

Von heute an bis zu seinem Tode wird sein Herz beben bei der Erinnerung

an dieses Erlebnis. Zu Anfang irrte er sich und nahm an, die Briefe

stammten von einem Schiffbruch her. Dann erinnerte er sich daran,

daß in der Zeitung zuweilen etwas gestanden hatte von ungetreuen

Postbeamten, die das Geld aus den Wertbriefen stehlen und die Briefe

ins Meer werfen sollten. O, aber Olivers Kopf hatte Übung darin,

sich zweideutige Sachen zurechtzulegen, er merkte bald den wahren

Zusammenhang: dies war der Rest einer gewissen geraubten Wertpost.

Weder er noch andere hatten das große Ereignis vergessen, die

Postmeistersfamilie hatte alle Ursache, sich daran zu erinnern, Oliver

selbst wußte noch etwas von einem Päckchen Geldscheine aus jener Zeit.

Aber wer nun auch damals der Dieb gewesen sein mochte, ob Adolf mit der

Schiffskiste, der sich Xander nannte, oder der zweite Steuermann, der

Sohn des Postmeisters, oder wer sonst, als ein großer Esel stellte er

sich jetzt heraus, als ein Pfuscher, ein trauriger Lehrbub. Hier hatte

er eine günstige Gelegenheit ohnegleichen und nützte sie wie ein Tor,

stand in der Finsternis an Bord, plünderte nur die dicksten Briefe und

warf den Rest ins Meer! Er betrug sich wie ein Verschwender mit einer

reichen Beute, er betrug sich wie einer, dem nichts heilig ist. Oliver

konnte sich über sein Betragen förmlich ärgern. Da waren die stummen

Tiere, die Eidervögel eher wie verständige, erfahrene Menschen, die

bewahrten einen Schatz. O, die Eidervögel sind klug, sie stopfen sich

ihr Nest aus mit allem, was sie finden, auch mit Wertbriefen --

Oliver empfindet keinen Hunger, keinen Schlaf, er bleibt nur bocksteif

sitzen, bis der Tag graut, dann ordnet er seine Post vom Meere, eine

von Gott und dem Himmel gesandte Post sehr sorgfältig, nimmt die

Scheine heraus und steckt sie in seine Innentasche, sammelt die Briefe

zusammen und verbrennt sie; dann verstreut er die Asche und verwischt

jede Spur. Ihm selbst ist mit seinem Fischfang gut gedient, jawohl,

aber manche Menschen können auch recht froh sein, daß die Briefe

verbrannt sind.

Die Weiber am Brunnen: Roman · 第 30 / 35 段