„Das versteh' ich,” sagt Oliver. Nun aber zieht er zwei Geldscheine ans

Tageslicht und sagt: „Was haben die Türen gekostet, die du einmal für

mich gemacht hast?”

„Die Türen --?”

„Die du mir überlassen hast. Ich will sie bezahlen. Es ist lange

angestanden, aber ich konnte es nicht früher tun.”

Der Schreiner Mattis ist ganz verwirrt und bringt nichts anderes

heraus, als: „Es hatte auch keine Eile --”

„Aber ich kann nicht verlangen, daß du bis zum Jüngsten Tag wartest.”

„Die Türen? Nein, das hatte keine Eile. Bist du wegen der Türen

gekommen?”

Oliver spricht würdig und rechtschaffen: „Siehst du, Mattis, du hast

mir ja keine Rechnung geschickt, deshalb bin ich etwas entschuldigt,

aber jetzt soll es nicht auf den Preis ankommen, ich will jeden Heller

bezahlen. Und wenn es etwas zwischen uns gegeben hat, so will ich es

jetzt wieder gutmachen.”

Mattis murmelt, die Schuld könne ja auf beiden Seiten gewesen sein.

Er bereut wohl seine Heftigkeit und sagt: „Willst du dich nicht da

auf den Stuhl setzen?” Im übrigen ist er trotzdem noch zurückhaltend;

der Besuch scheint ihm auch ferner unbequem zu sein, er spricht

hauptsächlich mit dem Kinde.

„Ja, er hat es gut hier bei dir,” äußert Oliver. „Das ist etwas Großes

für ihn. Na, ich muß sagen, die Maren verdient eine Handreichung. Sie

ist nicht schlecht gebaut.”

„Na,” sagt Mattis.

„Gar nicht schlecht gebaut. Und als sie vor ein paar Jahren das Kind

bekam, war sie ja noch nicht so alt, wie sie jetzt ist. Deshalb

brauchen wir uns nicht so sehr über sie zu wundern.”

„Nein, du darfst die Uhr nicht in den Mund stecken und sie

verschlucken, Kind! Was das betrifft, so ist es nicht immer das Alter,

worauf es ankommt,” sagt der Schreiner dann sachlich, indem er sich von

dem Kinde weg an Oliver wendet. „Es ist nur, daß sie diese Nasenflügel

haben, die immerfort winken und winken.”

„Hahaha, ja, du verstehst es, Mattis! Doch, was ich sagen wollte, er

hat braune Augen, wie ich sehe.”

Keine Antwort.

„Das sollen gute Augen sein, die braunen. Ich selbst hab' blaue Augen

und bin gut mit durchgekommen. Aber fast alle meine Kinder haben braune

Augen, es ist gerade, als sollt' ich lauter Kinder mit braunen Augen

bekommen.”

Noch immer kam der Schreiner mit keinerlei Anklage heraus, aber er

machte auch keine gegenteilige Bemerkung, sondern erwiderte: „Seine

Mutter hat braune Augen. Im übrigen darfst du das Kind so etwas nicht

hören lassen, er versteht es.”

„Er versteht es nicht.”

„Er? Du kannst von nichts reden, was er nicht versteht. Alles versteht

er. Wenn du Tür sagst, sieht er nach der Tür, und singst du ein

Liedchen an der Hobelbank, dann versteht er, daß es ihm gilt.”

„Bei den meinigen war es geradeso,” sagt Oliver.

„Es ist ganz unglaublich,” fährt der Schreiner fort; „ich muß mich

in acht nehmen, daß er nicht lernt, die Zeitung von einem Ende zum

andern durchzulesen, bloß indem er mir zuhört. Das Abendgebet und seine

Händchen falten, ist gar nichts für ihn.”

„Genau wie die meinigen!” erklärte Oliver.

„Ja, so ein Kind wie dieses gibt es nicht wieder auf der Welt,” stellte

der Schreiner fest.

Oliver wiederholt: „Er hat jedenfalls Glück gehabt, daß er hier im

Haus bei dir ist.” Übrigens ist Oliver enttäuscht über den Verlauf des

Gesprächs. Er kommt nicht weiter, es führt zu nichts, er muß weiter

zurückgehen, näher zum Abgrund hin. „Was hab' ich doch sagen wollen,

ich bin so vergeßlich. Ja, da sitz' ich nun mit dem Geld in der Hand,

wie du siehst, aber da fällt mir ein, daß ich dich etwas fragen wollte,

nämlich, du hast jetzt das Kind bei dir und hast es liebgewonnen, aber

wie, wenn nun sein Vater eines Tages käme, sich zu erkennen gäbe und

behauptete --”

Der Schreiner fragte scharf: „Willst du mit ihm herkommen?”

„Ich? Mit dem Vater? Woher sollt' ich ihn nehmen? Ich bin nur ein

Krüppel.”

„O, dir ist alles zuzutrauen!”

Oliver versetzt lächelnd: „Ich will mich nicht besser machen, als ich

bin, o weit entfernt. Doch darüber wollten wir ja nicht reden; aber

eines schönen Tages ist vielleicht das Kind nicht mehr bei dir --”

„Na, sie sollen nur daherkommen und ihn mir nehmen wollen! Sie können

es ja versuchen!” drohte Mattis.

„Ich meinte, eines schönen Tages werdest du dich wohl selbst verändern

und heiraten, und wo soll dann das Kind hin?”

„Hin?” schrie der Schreiner. „Meinst du, ich werf' ihn hinaus? Er soll

nirgends hin, da steh' ich dafür!”

„Aber wenn der Vater kommt --”

„Was bohrst und gräbst du denn immer weiter? Was zum Teufel willst du

denn wissen? Hast du Angst vor etwas, fürchtest du für deine eigene

Haut? Da sitzt du und füllst ihm die Ohren mit unflätigem Geschwätz,

ich will nichts mehr davon hören!”

Oliver gelingt es einzuwerfen: „Ich? Nein, ich rede nicht unflätig, ich

sitze nur hier mit deinem Geld in der Hand, mit diesen zwei Banknoten

--”

„Hat man je so etwas gehört, setzt sich hierher, tut ganz unschuldig

und redet Schweinereien! Das Geld -- was ist denn damit? O!” ruft er

plötzlich. Endlich geht dem Mattis wohl ein Licht auf, er wird ganz

blaß vor Zorn und steht mit dem Jungen auf dem Arm von seinem Stuhl

auf: „Steck' das Geld ein und mach', daß du fortkommst, ich will es gar

nicht!”

Ja, Oliver steht auf und will keinen Streit, aber er reizt den

Schreiner noch auf; während er nach der Tür humpelt, sagt er: „Hehe, es

ist fast, als sei der Junge dein Kind! Bist du vielleicht sein Vater?”

„Ich, sagst du das?”

„Ich frag' nur,” antwortet Oliver. Und jetzt kann kein Zweifel mehr

darüber herrschen, daß er Mattis noch mehr aufreizen will. „Du hast ja

auch ein Bett für ihn gemacht,” sagt er.

Mattis verteidigt sich. „Das war gar nicht für ihn. Und liegst du

vielleicht auf dem bloßen Boden? Hast du noch nie gehört, daß ein

Kind ein Bett hatte? Aber jetzt sollst du zum Haus hinaus, das ist

todsicher!” ruft Mattis, indem er das Kind auf den Boden setzt. „Und

nimm dein Geld, mit dem du mich bestechen wolltest, nur wieder mit.

Haha! Du meintest, du könnest mich kaufen, um deine Vaterschaft zu

verschweigen, aber das ist dir nicht gelungen, heb' dein Geld für einen

andern auf! O, du bist ein Schweinekerl! Hinaus aus dem Haus, sag' ich!”

Und Oliver geht.

Er sieht befriedigt aus, es war, wie es nicht besser hätte gehen

können, als es gegangen war; Oliver summt wieder ein Liedchen. Als er

heimkam, platzte ja Petra fast vor Neugier, aber er erklärte nichts,

er tat nur noch mannhafter und stellte sich unter die Haustür mit der

Hand in der Westentasche, als ob es gar nicht kalt wäre, und von diesem

Platz aus schwatzte er albernes Zeug mit den Frauen und Mädchen, die

vorübergingen.

Gute Zeiten, Einigkeit im Hause und Freude im Leben -- o, wir sind

im Aufstieg, wir kommen immer mehr obenauf, gebe Gott, daß es so

weitergeht! Das äußerte sich in richtig anständigen Taten: Mattis

hatte ja diesen roten Briefkasten an seinem Hause, Oliver kaufte

einen Messinggriff für seine Haustür und sagte zu Petra: „Daß du ihn

mir nun aber auch ordentlich blank hältst!” Auf die Gefahr hin, als

Verschwender verschrien zu werden, kaufte er kleine Geschenke für seine

Töchterchen und seine Frau und war sehr gutherzig, ja, er brachte der

Großmutter öfter als früher eine Tüte Kaffee mit -- die ihn übrigens

wohl nichts kostete.

Wie erfreulich war jetzt das Leben! Der Winter verging, das Jahr

verging, und Oliver hatte recht, daß nichts so schnell vergeht wie ein

Jahr. Es ereignete sich nichts Großes, aber genug zur Abwechslung, die

Familie war nicht an mehr gewöhnt, das Kind war wieder ein blauäugiges,

und wie das zusammenhing, konnte wahrlich in der Geschwindigkeit

niemand ergründen, aber die Frage hatte auch nicht mehr so ungeheure

Bedeutung wie in den alten Tagen. Sollte Oliver näher untersuchen? Wie

würde es dann gehen, wenn er selbst untersucht würde, ging nicht auch

über ihn ein Gerücht in der Stadt? Als er sich einmal ein wenig bitter

über die neuen blauen Kinderaugen aussprach, sagte Petra: „Na, haben

denn nicht wir alle beide blaue Augen?”

In einem Gespräch mit seinem alten Freund, dem Fischer Jörgen, machte

Oliver geltend, daß die Gewächse auf der Erde auch nicht alle gleich

seien: die einen trügen Früchte über der Erde, die andern unter der

Erde. „Nimm zum Beispiel die Apfelbäume, die einen sind rot, die andern

gelb. Aber nimm die Kartoffeln, die unter der Erde wachsen -- eine

Sorte Kartoffeln ist gelb und eine andere ganz blau. Geradeso ist es

bei unsern menschlichen Augen, sie sind von höchst verschiedener Farbe.

Ich hab' mir überlegt, daß das vielleicht von mir selbst kommt: wenn

ich am tollsten auf eine Frau aus bin, dann gibt es braune Augen; was

meinst du, Jörgen?”

Ach, Jörgen war über siebzig Jahre alt, mit Lydia, dem Reibeisen,

verheiratet, Vater von drei großen Töchtern, großen Damen, seine Augen

waren fast farblos geworden, er wußte nichts -- er erinnerte sich an

nichts. „Wieso toll?” fragte er und sprach sich dahin aus, daß auch

manches Frauenzimmer toll und böse sein könne.

Aber Oliver schien es darum zu tun zu sein, gründlich verstanden

zu werden. „Nimm nun zum Beispiel die Maren Salt,” sagte er. „Man

beschuldigt ja mich, der Vater ihres Kindes zu sein, und der Junge hat

braune Augen.”

„Ach so,” sagte Fischer Jörgen.

„Oder nimm viele andere in der Stadt, es gibt genug braune Augen da,

und ich kriege ja auch fast keine andern. Nun darfst du aber ja nicht

alles glauben, was die Leute mir in die Schuhe schieben, Jörgen, ich

bitte dich darum, aber ich will mich auch nicht entschuldigen, denn ich

hab' eine feurige, unbändige Natur in mir, und es gibt daheim blaue und

braune Augen, je nachdem es trifft.”

„Ja,” sagte Jörgen.

Auf diese Weise steigt Oliver täglich höher hinauf, und nimmt immer

mehr eine feste Stellung in seiner Scheinwelt ein. Schweigt nur! Er ist

der Schöpfer und Erhalter, er geht dahin mit seinem eigenen Maßstab und

macht diese Welt weit, nach ein paar Jahren steht er auf einem Hügel

und schaut über ein großes Land hin, das ihm gehört.

Und jetzt gefällt es ihm wohl, das Leben in dieser seiner Welt! Er

schlägt kein Gelächter auf und läßt sie fahren. Mit der Welt, die man

geschaffen hat, muß man fertig werden, das müssen alle Schöpfer.

Ab und zu mußte er sich mit allerlei Ärger herumschlagen. Es konnte ihn

die Lust ankommen, am Abend noch auf der Straße herumzuschlendern, ein

wenig mit den Frauenzimmern zu schäkern, sich mit ihnen unterhalten zu

wollen. Er kannte die Worte und die Umgangsart von seiner Matrosenzeit

her, aber er hatte nicht mehr das alte Glück, es versagte; ob es nun

daherkam, weil er nicht mehr die alte Schießfertigkeit hatte, oder

weil er nicht das rechte Wild antraf. Was war denn los, warum lachten

ihn denn die dummen Gören aus? Die Pflänzchen, diese Kiek-in-die-Welt,

wollten sie nicht recht an seine reellen Absichten glauben? Warum, beim

Satan, fuhren sie zurück, wenn er nach ihnen greifen wollte? O, es

hatte seine Nachteile, eine Welt regieren zu müssen!

In der letzten Zeit war er wieder auf den Fischfang hinausgerudert.

Jawohl, das war eine gute alte Aushilfe, wenn die Heimsuchungen

überhandnahmen, Gott wußte allein, wie schwer es war, sich wieder

im Leben zurechtzufinden. Es hieß, er fische, um einen kleinen

Nebenverdienst zu haben, aber er war offenbar nicht so recht ernstlich

auf den Fischfang aus, denn er kam sehr oft ohne Fische heim. Aber

brauchte er etwa nicht Kleingeld? War die merkwürdige innere Tasche

seiner Weste am Ende nicht unerschöpflich? O, er sah mit Sorge, wie

die Tasche allmählich leer wurde, er hätte gern eine Anleihe gemacht,

ja, er hätte stehlen mögen, um dem Schwinden des Geldes Einhalt zu

tun, es ist nicht gut, wenn man zusehen muß, wie man verarmt. Er

hatte ja seinen alten Platz im Lagerhaus und seinen Gehalt, jawohl,

das tägliche Leben konnte er bestreiten, aber die Zubuße von Putz und

Schleckereien, an die er sich gewöhnt hatte, dazu hatte er nichts mehr.

Wo war eigentlich das Geld für die Eiderdaunen geblieben? Es war doch

eine ganz erkleckliche Summe gewesen, und der Kuckuck mochte verstehen,

wo sie hingekommen war. Er hatte weder dem Rechtsanwalt Fredriksen

etwas am Haus abbezahlt, noch sich und seine Familie auf zwei Jahre mit

Kleidern ausgesteuert; mit ein paar größeren Geldscheinen war er in den

nächsten Ort gefahren und hatte sie dort wechseln lassen, aber das war

nun schon ein Jahr her. Seine Innentasche war leer. Er konnte noch so

eifrig hineingucken und sie umdrehen, sie war und blieb leer.

Mußte er da nicht auf den Fischfang hinausrudern? An und für sich hatte

Oliver nichts dagegen, wieder in einem Boote zu schaukeln. Er versah

sich mit einem Kochtopf und Fischgerätschaften, ruderte hinaus und

blieb meist vom Samstagabend bis Montag früh fort. Vor allem fischte er

für den eigenen Bedarf, in diesen eineinhalb Tagen. Das waren faule,

sorglose Stunden, er ließ sich mehr treiben, als er ruderte, fuhr in

die Buchten hinein und suchte die Inseln heim; natürlich sammelte

er auch wieder Eiderdaunen, natürlich spähte er nach Strandgut und

Treibholz aus. Einmal fand er ein leeres Fäßchen und ein anderes Mal

eine Flasche mit einem Zettel darin, alles ohne wirklichen Wert. Weit

draußen, wo die Dampfschiffe in die Bucht hereinfuhren, ragte ein

Vogelberg ganz gerade aus dem Wasser auf, da war er seit zwei Jahren

nicht gewesen; es war weit bis dahin, aber es konnte sich schon die

Mühe lohnen, dort einen Besuch abzustatten, die Vögel nisteten da auf

den terrassenförmigen Absätzen der Bergwand und waren sehr wenig scheu.

Die Tage vergingen, und Abel war ja ein guter Junge, ein komischer

Kerl, er konnte seinem Vater bei Gelegenheit ein Zweikronenstück

zustecken, sonst hätte es wohl mit Leckereien für Oliver knapp

ausgesehen. Woher hätte er sonst Geld bekommen sollen? Er hatte einmal

einen Sohn, der hieß Frank, ein wahres Wunder an Gelehrsamkeit; o, aber

der schickte nichts nach Hause, er kam selbst nicht mehr heim, schrieb

auch nicht, es ging das Gerücht, er habe irgendwo eine Lehrerstelle und

er studiere weiter, nur immer weiter, wo wollte das enden? Die kleine

Konstanze Henriksen auf der Werft hatte einen Brief von ihm bekommen,

noch ein Jahr habe er vor sich, dann sei er fertig, das soll in dem

Brief gestanden haben. Vor Verlauf eines Jahres konnte also Oliver

keine Unterstützung von ihm erwarten, ein langes Jahr hindurch; aber

dann würde ja etwas Erkleckliches kommen, nicht jedermann hatte einen

gelehrten Sohn in der Hinterhand.

Inzwischen hatte er ja Abel, auch einen Prachtkerl, Oliver war

rechtlich gesinnt und machte keinen Unterschied zwischen seinen Söhnen,

wenn ja, so stand Abel seinem Vaterherzen jetzt am nächsten. Auf seinem

Weg nach dem Lagerhaus kehrte er oft einen Augenblick in der Schmiede

ein; Abel war da schon an der Arbeit, es machte dem Vater Spaß, ein

Weilchen mit ihm zu plaudern und zu fragen, wie es gehe. Es ging immer

ausgezeichnet. Abel hatte jetzt die Schmiede übernommen und war der

Erste in allem. O, das war ein Sohn, auf den man stolz sein konnte!

Auch andere kamen in die Schmiede, der Zeichenstift kam, der jetzt

Heizer bei der Küstenlinie war, der wollte gewiß warten, bis eine von

Abels Schwestern alt genug wäre, dann wollte er um sie freien, solche

Absichten hatte also der Zeichenstift. Er kam in die Schmiede und

fragte: „Hast du die Schmiede gekauft?” -- „Nein,” antwortete Abel,

„ich hab' nichts, um eine Schmiede zu kaufen, aber ich bin an Stelle

des Meisters hier. Kannst du mir einen Jungen verschaffen, der den

Hammer bedient?” -- „Ei,” sagte der Zeichenstift, „sobald du dir einen

Dampfhammer kaufst, der mit Paraffin getrieben wird, kannst du dir den

Jungen für den großen Hammer ersparen.” „Ach, schwatz keinen Unsinn,”

meinte der andere, „ich hab' in Horten mehrere solcher Hämmer gesehen.”

-- Abel wußte selbst, daß es solche Dampfhämmer gab, die mit Paraffin

getrieben wurden, aber warum sollte er so einen für eine Schmiede

kaufen, die nicht ihm gehörte? Still damit! -- Der Zeichenstift schlug

vor, Abel solle den Dampfhammer auf eigene Rechnung kaufen und das Geld

für Lohn und Kost des Lehrjungen in seine Tasche stecken, das wäre eine

Einrichtung, mit der auch Meister Carlsen gedient wäre. -- „Woher soll

ich das Geld für den Hammer nehmen?” fragte Abel. -- Der Zeichenstift

erwiderte: „Etwas hast du wohl selbst schon, etwas kann ich dir leihen,

und den Rest kannst du schuldig bleiben ...” Ei, der tausend, der

Zeichenstift mußte in die Blaumeise, Abels Schwester, bis über die

Ohren verliebt sein!

Nein, nein, die Schmiede gehörte Abel noch nicht, aber er hatte sie in

den Händen, und er verdiente einen schönen Lohn. Der Schmied Carlsen

war nicht immer abwesend, nicht immer ganz fort, aber am liebsten

stand er am Schraubstock und feilte an diesem und jenem, was geputzt

werden mußte. In die Geschäftsführung mischte er sich immer weniger.

„Was meinst du?” fragte er Abel, wenn er ein einzelnes Mal eine Arbeit

übernehmen sollte. Im übrigen war er nicht einmal mehr ein halber Mann,

er kam spät am Abend und ging früh wieder weg. So kam es, daß Oliver

seinen Sohn fast ganz für sich hatte, wenn er seine Morgenbesuche

machte.

Sie plauderten über ihre eigenen kleinen Vorkommnisse und besprachen

die Ereignisse in der Stadt. „Nun wird der Fischer Jörgen allmählich

ein ganzer Idiot,” sagte Oliver, „er kennt keinen Unterschied

zwischen gelben Kartoffeln und blauen Kartoffeln, warum soll ich die

Zeit vergeuden und mit so einem Mann reden? Ich lauf' davon, wenn

ich ihn seh'.” -- Vater und Sohn wurden nie uneinig, sie redeten

freundschaftlich über alles, sprachen gewissermaßen brüderlich über

alles, was ihnen am Herzen lag; wenn sie sich trennten, hatten sie

nicht etwas Besonderes verabredet, oder sich für eine bestimmte

Lebensanschauung entschieden, o weit entfernt; aber Oliver erfuhr,

was der Sohn an dem Tag zu tun hatte, für wen er diese Karrenbeschläge

schmiedete, sie waren für Konsul Johnsens Landhaus, wem der feine

Wandschirm gehörte, der seit gestern in die Schmiede gekommen war,

er gehörte dem Doktor. O, dieser Abel, er war ein tüchtiger Sohn, er

arbeitete für alle vornehmen Leute.

Abel fragt: „Was denkst du nun über den Dampfhammer, von dem ich dir

gesagt habe? Du wolltest darüber nachdenken.”

Natürlich hatte der Vater durchaus keinen Begriff von diesem

abenteuerlichen Hammer, das mußte der Sohn schon vorher wissen, und war

dann Abel nicht ein sonderbarer Kauz, daß er des Vaters Ansicht darüber

hören wollte? Aber er hatte vielleicht sonst niemand, bei dem er sich

aussprechen konnte; er behandelte seinen Vater ganz und gar nicht von

oben herab und hörte ihm mit innerlichem Mitleid zu, er sah aus, als

brauche er des Vaters Zustimmung bei dem, was er sich vornahm.

„Das will ich dir sagen,” antwortete Oliver, „ich bin ja weit

herumgekommen in der Welt und habe alle Arten von Völkern gesehen --

nun hab' ich gründlich darüber nachgedacht. Und wenn du den Hammer

haben kannst, dann nimm ihn nur sofort. Das rat' ich dir.”

„So.”

„Ja, das sag' ich grad heraus. Denn es gibt in keinem Fach irgendeinen

Meister, der so einen Dampfhammer hat, es wird in Stadt und Land

bekannt werden, und du wirst schon die Funken sprühen sehen, wenn so

ein Kerl aufs Eisen schlägt.”

„Ja.”

„Du kommst dafür in die Zeitung, und das kannst du mir aufs Wort

glauben, denn ich bin selbst in die Zeitung gekommen. Ich hab' ein

ausländisches, vollgetakeltes Schiff in Sturm und Unwetter vom Meere

herein geborgen und es hier am Landungsplatz angelegt. Dann schickte

ich nur einen Boten an Land nach dem Konsul und dem Protokoll. Was

meinst du wohl, was all die Leute dachten, die da herbeiströmten und es

sahen? Und drei Tage später stand ich in der Zeitung.”

„Ja.”

Nie wurde Oliver müde, andere mit diesem Ereignis zu ermüden. Aber

er vergaß auch den Dampfhammer nicht, nein, er sagte, er könne ihn

gar nicht mehr aus dem Kopfe hinausbringen. Und wenn er dem Sohn in

der nächsten Zeit irgendwie behilflich sein könne, wenn er also etwas

Geld, das der Mühe wert sei, zwischen die Hände bekomme, so werde er

augenblicklich damit herkommen. „Laß mich nur erst mit mir selbst

beraten!” sagte er und nickte mit nachdenklicher Miene dazu, wie wenn

er vielleicht bald eine Möglichkeit sehen könnte. O, das Geld würde

sich schon finden, und wenn nicht, dann wollte er jede Nacht im Boot

draußen sein und am Morgen mit einer Ladung Treibholz heimkommen, die

man verkaufen könne.

Nur ein Geplauder in aller Freundschaft. Abel blieb ja ebenso arm

zurück, als der Vater fortging, ja, sogar noch etwas ärmer, da er zwei

Kronen bei einer Wette verloren hatte. Das war so zugegangen: Abel

sagte: „Du kannst nicht mehr bei Nacht hinausrudern, du hast die Kräfte

nicht mehr dazu.” -- „In meinem oberen Körper hab' ich noch genau

dieselben Kräfte,” versetzte der Vater. -- „Du kannst nicht einmal

diesen Eisenblock hier aufheben.” -- „So, kann ich das nicht? Diesen

hier, den ich schon früher aufgehoben habe?” -- „Ja, aber jetzt bist

du ein Jahr älter. Es ist derselbe, ich setz' zwei Kronen!” -- Oliver

spuckte nicht einmal in die Hände, er hob den Block auf und gewann zwei

Kronen. „Ich will sie nicht,” sagte er. -- „Nein, du willst vielleicht

lieber, daß dir der Block an den Kopf fliegt,” erwiderte der Sohn und

überreichte dem Vater das Zweikronenstück.

Lauter Scherz und Freundschaft.

Keiner von ihnen erwähnte Klein-Lydia oder ließ etwas von der

Heirat verlauten, nein, Abel war ein viel älterer, gesetzterer Mann

geworden. Seinen dichtesten Bart hatte er allerdings noch immer auf

den Händen, aber er hatte eine Schmiede unter sich und stand an Stelle

des Meisters, da konnte man wachsen und heranreifen. Übrigens hatten

da auch andere Ursachen mitgewirkt, Mutter Lydia war demnach nicht

ohne Bedeutung für seine Entwicklung gewesen. Er mochte sich noch so

sträuben, es anzuerkennen, aber an einem gewissen Abend vor ein paar

Jahren hatte das alte Reibeisen ihm wahrlich ein Lehrgeld gegeben,

das er nicht vergessen konnte. An dem, was sie gesagt hatte, war

tatsächlich wirklich etwas dran gewesen, ein Knall vor seinen Ohren,

eine Erweckung, die natürliche Folge davon war, daß er anfing, sich vom

Hause des Fischer Jörgen fernzuhalten. Jawohl, er würde sich entfernt

halten, wie er versprochen hatte! Er war furchtbar eifrig darauf aus,

zu erfahren, wann Eduard von Neuguinea, oder wo es war, heimkäme,

aber er ging doch am Hause vorüber. Später war ihm Mutter Lydia

begegnet, sie war jetzt hinterdrein offenbar ganz friedlich gegen ihn

gesinnt, hatte ihm zum Gruße zugenickt und ein paar freundliche Worte

gesprochen. Er war auch ebenso höflich gewesen. Einige Wochen später

begegnete ihm sein Liebchen, Klein-Lydia, selbst. Das Merkwürdige war,

daß er ihr jetzt lieber nicht begegnet wäre, wenigstens nicht in diesem

Augenblick, wo er rußig und ungewaschen von der Schmiede kam. Da das

Zusammentreffen unvermeidlich war, versagten ihm fast die Knie, aber

er brachte doch einen kurzen Gruß heraus und ging vorüber. In diesen

Wochen hatte er es erlebt, daß er schüchtern wurde. In der folgenden

Zeit traf er sie ab und zu in der Stadt mit Paketen in der Hand; er

hätte sicher nähertreten und ihr die Pakete tragen können, aber er tat

es nicht.

Nein, er redete nie mehr vom Heiraten.

„Du hast den Block nicht so hoch gehoben wie sonst!” rief er seinem

Vater nach.

„Was hab' ich nicht?” versetzte der Vater. „Du hättest gut selbst noch

oben drauf sitzen können!”

Wenn er so großartig scherzen konnte, so deutete das wohl auf eine

besonders gute Laune bei Oliver. O, aber an diesem Tag hatte er

besonders böse Ahnungen! Als er im Lagerhaus allein war, sich da

zurecht machte, in den Spiegel schaute und an seine Arbeit ging, war

ihm ganz klar, er stand vor einer Gefahr: Rechtsanwalt Fredriksen war

ihm in der Stadt begegnet. Dieser Leuteschinder, dieser Blutsauger, er

hatte einen Krüppel angesehen, als gehöre er ihm eigen. Und jetzt waren

es zwei Jahre her, seit ihrem letzten Zusammentreffen.

Oliver übertrieb ungeheuer, der Rechtsanwalt war wie sonst freundlich

und in Gedanken versunken an ihm vorbeigegangen, aber Oliver war ja

nicht mehr der mutige Mann, seine innere Tasche war leer, die Erhebung

seines Charakters war verschwunden. Als er zum Essen heimkam, hatte er

eine Unterredung mit Petra, aber er erzählte ihr keine Neuigkeit, sie

war dem Rechtsanwalt selbst begegnet.

„Hat er etwas gesagt?” fragte Oliver.

„Oho, sagte er etwas! Sollte er etwas zu mir sagen -- auf der Straße?”

Die Weiber am Brunnen: Roman · 第 27 / 35 段