Klein-Lydia wollte wahrlich auch nicht klein sein, ebensowenig wie er,

sie wollte gerne für ein Nähfräulein gelten und trug schon längst lange

Kleider. „Ich?” sagte sie, „wie alt ich bin? Warum fragst du? Ich will

nicht länger hier stehen bleiben und dir zuhören.”

Abel schlug um. „Nein, du willst nur dem Reinert zuhören. Aber das muß

nun ein Ende haben. Ich kann wirklich nicht glauben, daß du dir etwas

aus ihm machst, Klein-Lydia.”

„Ich? Meine Mutter sagt, er sei ein flotter Herr.”

„Nein, er ist ein Gauner!” rief Abel unnatürlich erregt. „Ich werd' ihn

zwischen meine Nägel nehmen, wenn er wiederkommt. Verstehst du das?”

„Jetzt muß ich hinein,” sagte sie.

„Zwischen diese meine Nägel!” rief er und streckte beide Fäuste in die

Höhe. „Ich bin Manns genug dafür, du wirst es schon sehen!”

Es mußte ihr allmählich aufgegangen sein, daß er wie auf der Folter

war, und als er nun erklärte, er müsse sie haben und könne nicht länger

warten, zeigte sie sich nachgiebig und sagte, nein, das könne er wohl

nicht, er redete immer weiter, mit einer ganz fremden Stimme, die

zitterte, er meinte jedes Wort, und sie sagte endlich im Ernst, wenn

auch etwas zu erwachsen für ihre jungen Kinderjahre: „Ja, aber ich kann

nicht sagen, daß ich dich liebe.”

Er lächelte ungläubig: „Doch, doch,” sagte er. Und dann begann er

wieder: „Sie könnten vielleicht oben beim Schmied wohnen, da sei eine

Kammer, blau gemalt, mit hübschen Wandbrettern, der Schmied habe gewiß

gemeint, er solle auch dieses Gelaß übernehmen, was hätte er anders mit

dem Ganzen meinen sollen? Und da werde Abel sie aufheben, dann gebe es

in den Ferien kein Scharmutzen mehr mit dem Buben, mit dem Zierbengel

in den Kniehosen, dem Gauch!” sagte er. Es solle ein anderes Leben

werden. Abel stellte mehrere solche Dinge fest und redete weiter noch

zu deren Vorteil.

Klein-Lydia nahm es offenbar vernünftiger als er, sie nickte, als er

von der Kammer sprach, und als er erklärte, er werde in Zukunft dem

ganzen Getue ein Ende machen, da kam ihr das wohl sehr hart vor,

sie hielt es aber doch vielleicht für natürlich, daß er so redete,

jedenfalls erhob sie keinen Widerspruch. Aber ganz allmählich, während

sie auf seine Rede lauschte, schloß sie langsam die Augen, es war, als

verliere sie ihre eigenen Augen aus dem Gesicht, und plötzlich drehte

sie sich um und ging hinein.

Ging hinein und kam nicht wieder!

Abel wartete eine Weile, sein ganzes Leben lang hatte er sich von

Klein-Lydias Seite in eine weniger korrekte Behandlung finden müssen,

und dieses ihr Weggehen war nicht schlimmer als vieles andere. Zum

Beispiel damals, als sie ihm heißen Kaffee über die Hände goß, damit er

den Bart wegrasieren könne. Oder als sie mit dem Bodenlumpen daherkam

und ihm einen dunkeln Schatten unter den Augen wegwaschen wollte,

obgleich der Schatten in der Haut saß und von Kummer herrührte.

Als er eben im Begriff war, seiner Wege zu gehen, öffnete Klein-Lydia

einen Spalt in der Tür und lugte heraus. Sie konnte es wohl nicht

länger drinnen aushalten.

„Ich seh' dich,” sagte er, „du kannst wohl wieder herauskommen.”

Jetzt knöpfte er seine Jacke auf und warf sich in die Brust, ja,

er gebrauchte also schließlich diesen unwürdigen Kniff mit vollem

Bewußtsein, damit sie seine Uhrkette entdecken sollte -- die Uhrkette,

für die er keine Uhr hatte.

Als sie nun wieder heraustrat, fragte sie unschuldig: „Was, stehst du

noch hier?”

„Jawohl,” antwortete er kaltblütig, „ich wartete auf dich.”

Sie holte einen Arm voll Brennholz im Schuppen, das war ein schlauer

Vorwand, er konnte nicht mit ihr reden, wenn sie schwer mit Holz

beladen war. Da sagte er in einem flotten Ton und mit einem Griff nach

seiner Uhrkette: „Ja ja, da du es so willst, Klein-Lydia, dann komm'

ich in einer halben Stunde wieder.”

Eigentlich hatte er nichts weiter mit ihr zu bereden, aber darum

handelte es sich nicht, er wollte nur da sein, wo sie war, was denn

sonst!

Jetzt machte er einen kleinen Gang nach dem Bollwerk und drehte

wieder um, er wollte noch einmal zu Klein-Lydia hineinsehen. Wenn er

freundlich und harmlos auftrat, schadete ihr eine neue Unterhaltung mit

ihm nichts, und ihm würde sie gut tun.

Und -- ob es nun wohl vorbedacht oder ein glücklicher Zufall war --

er traf sie ganz allein in der Stube, die Eltern hatten sich in der

Kammer schlafen gelegt, und die Schwestern waren ausgegangen, da es

Samstagabend war. Klein-Lydia nähte und war übertrieben fleißig.

Jetzt sah er natürlich gleich, daß sie einen reizenden süßen Mund

hatte, aber aus Höflichkeit und um nicht aufdringlich zu sein, wollte

er sie doch nicht küssen, er wollte überhaupt nicht parteiisch und zu

seinem eigenen Vorteil handeln. „Wir haben vorhin nicht so recht auf

besonders gutem Fuß gestanden,” sagte er.

Doch, sie wisse nichts anderes. Wieso denn? „Aber laß die Finger von

den weißen Bändern, Abel!”

Wenn sie abermals diesen Ton anschlug, nun, dann kam er wohl an diesem

Abend auch nicht weiter, und wenn sie mit noch mehr Nadeln an der

Brust als je vorher am Tisch saß, dann hatte sie sich wohl mit Absicht

umgürtet. War es da zu verwundern, daß er böse und ärgerlich wurde, als

sie ihn wegen der weißen Bänder ermahnte? „Ach, sei doch nicht so!”

versetzte er. „Ich hab' auch schon früher Stoffe und Samt vom feinsten

Gewebe in der Hand gehabt. Im übrigen haben allerdings meine Finger

hier nichts zu schaffen,” fügte er hinzu und zog seine Hände zurück.

Selbst wenn sie keine größere Vorliebe für ihn hatte, so hätte sie

jetzt doch gerührt sein müssen, die Tränen hätten ihr in die Augen

treten müssen, und sie hätte die Arme um ihn schlagen sollen; aber

nein, keine Zärtlichkeit!

Er hatte schon lange daran gedacht, sich ein Maß von ihrem Ringfinger

zu verschaffen, es mußte aber ganz zufällig geschehen, denn er wollte

das Maß zu einem gewissen Zweck; deshalb hatte er vorhin mit einem

Stückchen Leinenband gespielt. „Du hast so dünne Fingerchen,” sagte er,

„dein Ringfinger ist wohl nicht dicker als so? Laß mich einmal sehen!”

Wenn er meinte, sie hätte keine erwachsenen Finger, sondern nur

Kinderfinger, dann war das eine Beleidigung: „Nein, laß mich!” sagte

sie. „Ich hab' keine Zeit!”

Würde das nun ein Überfall sein, wenn er sie für diese Wichtigtuerei

ganz einfach küßte? Sie sah allerdings so abweisend aus, als ob ihr

dadurch ein Leid geschähe, aber er fuhr doch auf und tat es; küßte

sie trotz aller Nadeln, küßte sie eine ganze Weile ab. Und sie ließ

es geschehen, stöhnte zwar dazwischen: „Du bist verrückt! Laß sein!

Was willst du denn?” aber sie ließ es geschehen. O, Klein-Lydia und er

hatten das schon früher getan, es war nicht zum erstenmal.

Jetzt nachher war es eigentlich unangenehm, er versuchte allerdings, es

fortzulachen und darüber wegzugehen, aber ein wenig mißglückt war es

doch. Sie strich sich hastig das Haar glatt und zog ihren Halskragen

gerade, der schief gezogen worden war; nachher wurde sie stumm, und

es schien, als sei es ein reiner Vorwand, daß sie wieder nach ihrem

Nähzeug griff. Ja, ja, er hatte ihr offenbar ein ernstliches Leid

zugefügt, sie war tiefgekränkt, sie schien sowohl diese letzten Küsse,

als auch alle die vorigen als verschleudert zu bereuen.

Da saß nun Klein-Lydia, von Stoffen, Spitzen, Nähseide, Knöpfen

und Bändern umgeben, sie hatte auch die feinen Handarbeiten der

Schwestern herausgelegt, um damit zu prahlen, sie selbst nähte ja meist

Futtersachen. Es hatte also auf Abel keine Wirkung ausgeübt, daß sie

diese Vorbereitungen getroffen hatte, er hatte gar kein Verständnis

dafür, was ein Nähfräulein war.

„Ich will durchaus nicht, daß du mich je wieder küßt!” sagte sie

plötzlich.

„Nicht?”

„Nein, durchaus nicht!”

„Wann hab' ich dich denn geküßt? Das könnte ich ja gar nicht!” Aber

seine Keckheit half ihm gar nichts, er sah wohl ein, daß der Schein

gegen ihn war. Und nun blieb ihm nichts anderes übrig, als nach dem

alten Mittel zu greifen, bei dem sie vorhin eingeschlafen war: er

versicherte ihr wieder, sie müsse ihn nehmen, ihn und keinen andern,

und in den Ferien werde er sie gar nicht ausgehen lassen.

„So schweig' doch!” sagte sie.

„Gleich morgen geh' ich hin und kauf' den Herd,” entschied er. „Der

Johnsen am Landungsplatz hat ein paar Herde weggetan, sie liegen

draußen herum, aber ich hol' mir einen davon und werd' den Rost schon

herunterkriegen. Jawohl, ich tu' es gleich morgen.”

„Ja, das solltest du nur wagen!” drohte sie.

Sie stritten ein wenig darüber; Klein-Lydia war hier die Verständigere

und hatte die Oberhand. „Daß du dich auch nicht ein bißchen vor mir

schämst!” sagte sie.

„Na, ich kann ja auch noch ein paar Tage warten,” meinte Abel, um sich

so nachgiebig wie nur möglich zu zeigen.

„Ein paar Tage!” erwiderte sie mitleidig.

„Aber soll es mir denn niemals glücken?” versetzte er heftig. „Wenn das

deine Meinung ist, dann will ich's wissen.”

Darauf erwiderte sie unendlich kühl und herablassend: „Ja, das ist

meine Meinung.”

„Daß du mich überhaupt nicht willst?”

„Ja, das kannst du doch merken,” antwortete sie. Und nun raffte sie den

ganzen Staat auf dem Tisch zusammen, wie um auf ihn hinzuweisen: „Sieh,

was alles für mein ganzes Leben auf dem Spiel steht, wenn ich in diesem

Augenblick eine andere Antwort gäbe!” Sie drehte sich um, ihre Mutter

sprach in die Stube herein. Mutter Lydia sagte:

„Geh sofort zu Bett, Lydia! Und du, Abel, geh auch, augenblicklich! Ich

will auch nicht, daß du dich hier spät und früh herumtreibst, nun hast

du's gehört! Was ist das für eine erbärmliche Narretei von so einer

Rotznase! Bist du nicht recht klug? Geh heim und werd' erst trocken

hinter den Ohren!”

Die Kammertür wurde zugemacht, aber dann ging sie wieder auf, und

Mutter Lydia sprach noch einmal, das Reibeisen sagte ein letztes Wort:

„Sag' deinem Vater von mir, daß er dir Haue auf dein Hinterteil geben

soll!”

Abel -- da saß er! Dann stand er auf und blieb so sonderbar stehen, den

Stuhl zwischen den Beinen. Dann faßte er sich endlich etwas, richtete

den Blick zuerst auf die geschlossene Tür und dann auf Klein-Lydia.

Sein Gesicht hat einen bläulichen Schein bekommen, aber er hielt sich

einigermaßen stramm und sagte lächelnd: „Das war zum Satan!”

Von Klein-Lydia wurde ihm keine Hilfe zuteil, und sie anerkannte auch

seine Mannhaftigkeit nicht. Sie jagte ihn nicht fort, nein, sie tat

nichts in der Richtung, wo es heißt: „Nun, flugs, es gilt das Leben,

bete ein Vaterunser!” Nein, Klein-Lydia war an die scharfe Zunge ihrer

Mutter gewöhnt und fürchtete sich nicht davor. Aber als Abel nach der

Tür ging, war es wirklich, als gefalle ihr seine Art zu verschwinden,

sie hielt ihn mit keinem Wort zurück.

„Ja ja,” sagte er, um nicht ganz vernichtet zu sein. „Ja, ich werde

schon aus dem Wege gehen, wenn es so beschaffen ist.” O, aber er hatte

wohl zuviel versprochen, plötzlich fragte er Klein-Lydia: „Kannst du

nicht mit mir hinausgehen, daß ich mit dir reden kann?”

„Nein, weit entfernt!” antwortete sie.

Da ging Abel heim. Die Eltern stritten sich um etwas; da er aber keine

Lust hatte, zuzuhören, verschwand er in der Kammer.

Und doch war es kein uninteressanter Streit, der da im Anbau

ausgefochten wurde. Olivers wochenlange Grübeleien über eine gewisse

Sache hatten endlich ihre Entladung in einer Art Verhör seiner Frau

gefunden. Petra war nämlich aufs neue guter Hoffnung; aber wie in aller

Welt war das zugegangen?

Petra hatte merkwürdigerweise auch selbst versucht, ihren Zustand so

lang wie möglich geheimzuhalten, akkurat, als ob eine verheiratete

Frau nicht dick werden dürfte, ja, als ob sie etwas Unrechtes getan

hätte; vielleicht war es das, was Oliver zuerst mißtrauisch gemacht

hatte. Aber an diesem Abend, als er mit seiner direkten Anklage auf sie

losgeht, da verbirgt sie nichts mehr und leugnet nichts.

„Petra,” sagte er, „ich glaube, du wirst wieder dick?”

„Du faselst!” erwiderte sie.

„Und beim Satan, wie hast du denn das angefangen?”

„Es nützt wohl nichts, es zu leugnen,” sagt sie schmeichlerisch, „denn

du siehst alles.”

„Ja,” sagte er, „ich hab' es schon seit mehreren Wochen gesehen.”

Petra hatte Zeit, sich vorzubereiten, sie warf ihm nichts vor, sondern

sagte: „Wie ich das angefangen hab', das weißt du wohl selbst!” Nein,

sie fing den Stoß auf, wendete ihn aber ab, schob ihn auf die Seite.

„Was ich getan hab'?” sagte sie. „Wenn ich Kinder bekomme, so ist es

nicht schlimmer, als wenn Maren Salt Kinder bekommt.”

„Als Maren Salt?” Was wollte sie nun damit? Oliver hatte keine Worte

dafür.

„Ja, das sag' ich gerade heraus,” fuhr Petra fort und sah ihren Mann

beinahe streng und beleidigt an. „Sie war viel älter, als ich jetzt

bin, und ich begreif' nicht, wie gewisse Leute sich so in Maren

verguckt haben können.”

„Ich versteh' dein ganzes Geschwätz nicht.”

„Na,” sagte Petra. „Aber dann kann ich dir mitteilen, daß sie dich

beschuldigen, der Vater von Maren Salts Kind zu sein.”

Oliver sperrte Nase und Mund auf. Waren die Menschen verrückt geworden?

Er sagte. „Du -- du hast den Verstand verloren.”

Petra murrte und sah noch beleidigter aus.

„Wenn ich so frei von aller Schuld wäre wie du!” sagte er.

„Du weißt selbst, was du bist,” versetzte sie unversöhnlich.

Jetzt aber stach Oliver der Hochmut, die Sache fing an, ihm zu

gefallen. Wahrlich, alles in allem konnte er nichts gegen diese

Beschuldigung haben, er hatte sicherlich nicht die Absicht, sie

ehrenrührig zu finden, höchstens etwas beleidigend. „Wer ist's denn,

der dir diese Lüge weisgemacht hat?” fragte er.

„Das kann dir einerlei sein, wer es ist. Aber wenn du es wissen willst,

so ist es der Mattis.”

„Hat Mattis es gesagt?”

„Ja, und er hatte wohl auch seine Gründe dafür.”

Oliver überlegte ein Weilchen, setzte die Mütze schief und warf sich

in die Brust. „Man muß doch allerlei erleben!” sagte er. „Im übrigen

kümmer' ich mich nicht darum, was ihr, du und der Mattis, von mir

glaubt. Aber er soll nicht allzu sicher sein, daß ich ihn nicht

verklage.”

„Es würde dir nichts helfen, wenn du nur den Mattis verklagen würdest.

Dann müßtest du die ganze Stadt verklagen.”

„Spricht die ganze Stadt davon?” fragte Oliver.

„Ja, soviel ich weiß.”

Wieder überlegte er und dachte darüber nach. Das war eine merkwürdige

und höchst unerwartete Lage, in die er da hineingekommen war, Gott

bewahre mich! Da mußte etwas daraus gemacht, sie mußte ausgenützt

werden können. Er fing an, ein Liedchen vor sich hinzusummen, während

er noch überlegte. Petra sah ihn forschend an und stand wohl dem

Eigentümlichen, was jetzt in diesem Manne, diesem verpfuschten Manne

vorging, verständnislos gegenüber, summte er ein Liedchen? Vielleicht

war er in diesem Augenblick glücklicher, als er in den letzten zwanzig

Jahren gewesen war, vielleicht hatte er das Gefühl, daß in ihm etwas

wieder aufgerichtet worden sei, eine Würde, ein Wert, vielleicht sah

er sich rehabilitiert durch einen Betrug, indem er mitten in einem

falschen Licht stand, aber doch rehabilitiert. Warum sitzt er dort

und sieht aus wie reich geworden, ja überreich? Hat er Wein und Brot

erhalten und ist gesegnet worden? Hat der Himmel sich geöffnet, ist ein

Wunder geschehen? Seht, der Ärmste ist nicht er selbst, er ist einmal

in der Welt draußen gewesen, in diesem Augenblick war er wohl wieder

draußen, er leckte sich die Lippen und tat sich etwas darauf zugute,

ahmte sich selbst nach aus früheren Tagen, da er bei hübschen Liebchen

in den Hafenstädten Glück gehabt hatte. Petra war daran gewöhnt, ihn

fett und gleichgültig zu sehen, immer mit der Krücke umherhumpelnd

oder sich auf einem Stuhl am Tisch herumfläzend. O, er gehörte zu den

Quallen, die in tödlicher Dummheit und Nichtigkeit an dem Brückenrand

lagen und nur atmeten; jetzt sitzt er dort, wundert sich und freut sich

über etwas, aber über was denn?

Petra verstand es wohl immer weniger, und dieses Trällern verwirrte

sie; hätte sie es nicht besser gewußt, so wäre sie näher zu ihm

hingetreten und hätte ihn angesehen, ob er wirklich der Oliver Andersen

und ob es auch ganz richtig bei ihm bestellt sei? Sie brachte ihn in

die Wirklichkeit zurück, indem sie sagte: „Du singst nur!”

„Was?”

„Du singst nur, sag' ich.”

„Singen? Es fiel mir eben ein, Tahitaho. Nein, ich singe nicht.”

„Ja, mach' nur so weiter. Manche Leute haben es im Kopf!”

Aber was tat Oliver jetzt? Er richtete sich vom Stuhl auf und griff

nach ihr. Ein Affe, der die Gebärden anderer nachmacht, zwei ungewohnte

Hände, die zufassen. Er spielte sich auf, tat, als könne er ihrem

Liebreiz, der Sinnlichkeit ihres Wesens nicht widerstehen, er streckte

die Zunge heraus, lachte mit seinem feuchten Mund. O, sie hatte

Erfahrung! Hätte sie nicht gewußt, daß hinter seinen Narrenstreichen

nicht das mindeste steckte, dann hätte sie ihm entgegenkommen, ja,

sie hätte ihm sogar Anleitung geben können, jetzt fuhr sie bei seiner

leeren Vorspiegelung zurück und schauderte. Als er das sah, sank er

schlaff und mit unbehaglichem Ausdruck wieder auf seinen Stuhl nieder.

Petra wurde es wohl schwer, nicht vor ihm auszuspucken, sie war eine

gesunde Natur, die Qualle dort am Brückenrand machte sie ängstlich und

schamerfüllt. Um das Ganze etwas auszugleichen, sah sie ihn nicht mehr

an und sagte wie zu sich selbst: „Wenn ich doch nur ergründen könnte,

was du an Maren Salt gesehen hast!”

Oliver erwiderte matt: „Schweig! Ich hab' es nicht getan, hörst du!”

„Du weißt selbst, was du getan hast.”

„Ja, prosit Mahlzeit, glaub' es nur! Ich scher' mich nicht darum.”

„Nein, das versteht sich,” sagte Petra wie eine Märtyrerin. „Du bist ja

der Mann im Hause, wir andern haben nicht das Recht, etwas über dein

Benehmen zu sagen.”

„Na, ein solcher Tyrann bin ich doch auch nicht!”

„Um mich kümmerst du dich jedenfalls nicht,” sagte sie.

Nun war er doch allmählich wieder der alte Oliver geworden, und so

fragte er nicht so wenig schlagfertig: „Nun, und wer hat sich denn dann

um dich gekümmert?”

Eine Antwort auf diese Frage bekam er nicht, und er wünschte auch keine

zu bekommen, aber Petra war frech und verstand es jedenfalls, ihn

fernzuhalten: „Wenn ich zu denen gehört hätte, die gewollt haben, dann

hättest du sehen sollen,” sagte sie. „Aber ich gehör' nicht zu denen.

Ich bin auch gar nicht so neugierig, daß ich das ausschnüffle, was du

tust, und Maren Salt ist wenigstens sechzig Jahre alt, da kannst du sie

wohl haben!”

Na, Petra wollte also diese blödsinnige Idee durchaus nicht aufgeben,

war es da nicht natürlich, daß Oliver gute Miene dazu machte und nicht

länger widersprach? Sie ließ ihn nun auch auf dem Glauben, daß sie ihn

tatsächlich im Verdacht habe, dieser Verdacht würde ihm nur zum Vorteil

gereichen, und wenn er ihn richtig ausnützte, so hatte er sicherlich

keinen Schaden davon.

„Ja ja,” sagte er, indem er so halb und halb zustimmte, „ich kann ja

auch meine Fehler haben, ich kenne keinen Menschen, der nicht seine

Fehler und seine Ausschweifungen und seine Lüste hätte.”

Es war merkwürdig, wie leicht er Petras Zustimmung dazu erhielt, und

von da an waren sie nicht mehr uneinig, der Ton zwischen ihnen wurde

im Gegenteil leicht und frivol. Das Verhör, dem er Petra unterworfen

hatte, und die Frage, wie sie es in drei Teufels Namen angefangen

habe, daß sie nun wieder dick werde, war ausgelöscht und verschwunden.

Oliver ließ es hingehen, ja, er ging noch weiter und ließ ihr eine Art

Anerkennung zuteil werden, er ließ ein paar Worte darüber fallen, daß

sie eine verflixte Fruchtbarkeit habe: gut in den Vierzigern und noch

immer gleich toll!

„Na,” erwiderte sie halb scherzhaft, „bin ich jetzt wieder gut?”

„Du?” rief er. „Wie dich gibt es keine mehr! Und das muß ich sagen,

du hast es in dir, das Lob geb' ich dir. Und bei Gott, du hast dein

Geschlecht nicht erst entdecken müssen, das war bei dir von selbst da.”

27

Am nächsten Morgen waren wohl Oliver wieder Zweifel aufgestiegen, denn

er fragt Petra: „Hat Mattis es wirklich gesagt?”

„Was denn?”

„Daß ich der Vater des Kindes sei?”

„Jawohl, du hörst es ja!”

„Ich versteh' nicht, wie er darauf kommen konnte?”

Petra stemmt die Hände in die Seiten und versetzt: „Nein, du stehst der

Sache ganz fremd gegenüber, aber Maren weiß es wohl selbst.”

„Sagt Maren es auch?”

„Jedenfalls hat sie den Jungen nach dir genannt.”

„Nach mir?” ruft Oliver. „Wie heißt er denn?”

„Ole Andreas.”

Schweigen. Das war fast wie der Spund im Loch, ja, und es _war_ auch

etwas daran, aber trotzdem ... O diese verfluchten Weibsleute, auf was

sie nicht alles kamen!

Schließlich sagt Petra noch: „Der Mattis hatte also seine guten Gründe,

das zu sagen, was er gesagt hat.”

Da schien Oliver gründlich nachzudenken: „Aber wie hätt' ich das denn

ins Werk setzen sollen?” Und als er die Stube verließ und zu Mattis

hinüberging, tat er es, um nähere Erkundigungen einzuziehen.

Es ist Sonntagmorgen, und er trifft den Schreiner Mattis halb

angekleidet in seiner Küche. Das Kind ist bei ihm, Maren Salt ist in

der Kirche. Der Schreiner sieht den Mann, der von der Straße zu ihm

hereinhumpelt, überrascht und fremd an.

„Guten Morgen!”

„Guten Morgen!”

Schweigen. Als Oliver kein Stuhl angeboten wird, muß er sich auf die

Holzkiste setzen. Sie wechseln ein paar Worte übers Wetter, über die

plötzlich eingetretene Kälte; Mattis ist wortkarg, plaudert aber hie

und da mit dem Jungen, der auf dem Boden sitzt, ein paar Worte.

„Er ist gewachsen,” sagt Oliver.

„Ja, das fehlt nicht.”

„Wie alt ist er? Sieh nur, er hat auch schon Zähne bekommen! Wie heißt

er denn?”

In den Augen des Schreiners glimmt es zornig auf: „Das ist einerlei,”

sagt er. „Hier heißt er nur das Kind.”

„Ich fragte nur. Es geht mich übrigens auch nichts an.”

Die Mutter hat ihm einen lumpigen Namen gegeben, aber sie hatte wohl

ihre Absicht dabei.

Da der Schreiner so feindselig ist, und es so lange dauert, bis er ihn

dazu bringt, auf etwas Bestimmtes anzuspielen, fängt Oliver selbst

davon an: „Wem soll er nun eigentlich gleichsehen?”

„Der Mutter,” antwortete Mattis kurz.

„Jawohl, der Mutter. Aber von Vaters Seite?”

„Wen meinst du denn?” ruft Mattis erbittert. „Du kennst vielleicht den

Vater?”

Oliver lacht und nimmt es gleichsam gutmütig auf, aber er muß sich doch

auch wehren. „O, du bist immer derselbe alte Mattis! Wenn ich mich auch

sonst so frei von aller Schuld fühlte!”

„Das pflegen wohl alle miteinander zu sagen, wenn es Ernst wird.”

„Was meinst du damit?”

„Was ich meine? Daß alle miteinander leugnen. Und wer am schuldigsten

ist, leugnet vielleicht am ärgsten, ich weiß es nicht anders. Sie

wenden Bestechungen an und geben Geld aus, damit die Leute es

verschweigen.”

Darin stimmt Oliver mit ihm überein, und er bedauert die Mütter,

bedauert auch die Kinder. „Die armen Kinder!” sagt er.

„Das sagen sie auch alle miteinander,” erwidert Mattis, indem er das

Kind auf den Schoß nimmt und mit ihm plaudert. „Hat deine Mutter dich

hier allein gelassen? Ja, du siehst nach der Tür, aber sie bleibt wohl

eine Stunde fort. Was kümmert sie sich darum? Da, hier hast du meine

Uhr!”

Oliver schweigt, er gibt nicht acht auf Mattis' Geschwätz, er hängt

einem Gedanken nach, der eben in ihm aufgestiegen ist. Oliver hat seine

dösige Verschlagenheit, sein Kopf arbeitet am besten in der Dunkelheit

und auf Seitenpfaden, jetzt fingert seine eine Hand in seiner inneren

Westentasche, so ganz sachte, ganz verstohlen, nur wie wenn er sich

zufällig kratzte. Dann zieht er ein paar Geldscheine ein Stückchen

heraus, betrachtet sie, sieht sie an, ob sie passen, und sitzt dann

mäuschenstill da. Mit dem wenigen, was Mattis gesagt hat, ist ja nichts

festgestellt, er hat sich nicht deutlich ausgesprochen, und Oliver

muß wieder von vorne anfangen: „Ich hab' gehört, der Junge heiße Ole

Andreas, aber das ist wohl nicht richtig? Ich kann es nicht glauben.”

„So, das hast du gehört!” schreit der Schreiner rasend. „Beim

Satan, warum fragst du denn dann? Ich glaub', du willst das Haus

durchschnüffeln! Was willst du hier?”

Oliver antwortete sanftmütig und keineswegs unzufrieden über des andern

Erregung: „Nein, es geht mich allerdings nichts an, wie der Junge

heißt, und ich werd' dich nicht mehr danach fragen --”

„Nein, jetzt wo du es weißt!” schnaubt der Schreiner mit seiner großen

Nase.

Nach einem wohlausgerechneten Schweigen sagt Oliver ebenso ruhig wie

vorher: „Du wunderst dich wohl, daß ich zu dir ins Haus komm', Mattis?”

Mattis antwortet sofort mit ja.

Die Weiber am Brunnen: Roman · 第 26 / 35 段