So ging alles gut, Oliver hatte weiter keine Gelüste, er war leicht

zufriedengestellt. Ein Freßsack war er nicht, wenn er auch etwas

naschhaft war. Petra war das genaue Gegenteil, ein habsüchtiges und

gieriges Weib. Gerade in dieser Zeit hatte Oliver seinen neuen und

besseren Charakter recht nötig, er mußte Petra andauernd entschuldigen

und ihr milde Ermahnungen angedeihen lassen. Der Teufel mochte sie

verstehen, sie war sehr verdreht und querköpfig geworden, es war ihr

wie angeflogen, jetzt war ihr weder Essen noch Trinken mehr recht, sie

konnte dies und jenes nicht ertragen, der letzte Kaffee hatte geradezu

verdorben geschmeckt. „Was für Kaffee bringst du auch nach Hause!”

sagte sie. Sie hatte bei Davidsen ein Stück Schweizerkäse gesehen,

und wenn sie jetzt noch Stubenmädchen bei Konsul Johnsens gewesen

wäre, dann hätte sie solchen Käse bekommen! Übrigens hatte sie im

Schaufenster bei Barbier Holte ein Stück Goldseife gesehen, was mußte

die gut riechen!

Und Oliver, der die Innentasche voll Geld hatte, konnte antworten: „Sei

doch nicht so begehrlich nach allem, was du siehst, Petra! Denk lieber

daran, was wir verdienen, du und ich. Es geht uns doch recht gut, wenn

schon einmal die Rede davon ist.”

Hier offenbarte sich nun Petras ungebärdige Verdrehtheit, und sie fing

an, mit dem Manne zu zanken. Statt sich vor seiner Krücke zu fürchten,

die in erreichbarer Nähe lag, verhöhnte sie nun diese und ihn selbst

und sagte, sie lebe mit einer Krücke, spreche mit einer Krücke, liege

im Bett bei einer Krücke und müsse sterben mit einer Krücke; das sei

ein Leben! Und dabei spuckte sie wieder zur Seite aus, gerade als ob

sie sich erbrechen müßte.

Oliver mit seinem kräftigen Oberkörper hätte den Tisch mit dem Beile

spalten oder den Ofen einreißen oder sonst etwas als kleine Warnung

vornehmen können, aber er tat etwas völlig Unerwartetes, er ging in

die Stadt und kam zurück mit dem Käse und mit dem Stück Seife, bitte!

Nein, so etwas! Petra war einen Augenblick wie gelähmt von dieser

Unverständlichkeit, dann fing sie an zu weinen: sie wolle die Sachen

nicht haben und besitzen! Wie er ein solcher Dummkopf sein könne, sich

wegen dieser Narrheiten in Schulden zu stürzen! „Bring die Sachen

sofort zurück!”

„Nein, jetzt hast du, was du haben wolltest,” sagte er.

Was sie haben wollte? Durfte sie jetzt nicht einmal mehr einen kleinen

Spaß machen? Oder sollte sie zu allem hin auch noch ihr Leben lang

stumm sein? Pfui!

Nun mußte es Oliver doch wirklich kränken, daß sie vor ihm ausspuckte

wie vor dem Rechtsanwalt, aber er schwieg dazu. Ach, es geht eine

große Veränderung vor mit einem Manne, der einen neuen Charakter

bekommen hat. Oliver überredete seine Frau, den Käse doch wenigstens zu

versuchen, nun ja, sie versuchte ihn und spuckte ihn wieder aus. „Was

soll das heißen? Das ist ein anderer Käse, meinst du, du könnest mich

anführen?” Petra wurde ganz blaß vor Erregung, sie war über die Maßen

ungebärdig, die kleinen Mädchen bekamen heftige Schelte, nur weil sie

gelächelt hatten. Als sie an der Seife roch, mußte sie sich die Nase

zuhalten.

Es war unmöglich, ihr etwas recht zu machen.

Na ja, weder Oliver noch die kleinen Mädchen hatten etwas dagegen, die

gekauften Leckerbissen für sich behalten zu dürfen.

So verging ein Tag nach dem andern, mit Gutem und Bösem, mit

Reibereien, kleinen Tageserlebnissen, hie und da mit einem herrlichen

Fischgericht, wenn Oliver einmal abends hinausruderte, zuweilen mit

Backwaren zum Kaffee, wenn Oliver einen Schein hatte wechseln lassen.

Es ging durchaus nicht armselig zu, die Familie hatte es erträglicher

als die meisten kleinen Leute in der Stadt; wie viele hatten denn eine

feste Stellung und eine Innentasche voll Geld?

Da war nun der unglückliche Postmeister mit seiner Familie, denen ging

es viel schlechter. Der Doktor konnte bei dem schwer heimgesuchten

Kranken immer noch keine Besserung feststellen; der Postmeister saß,

wo man ihn hinsetzte, stumm und geknickt, wie abgestorben. Man konnte

auch nicht annehmen, er sei stillvergnügt über irgend etwas, er kichere

und lache in der Einsamkeit und schlage sich vor Lustigkeit auf den

Schenkel. Weit entfernt! Es war nichts davon zu merken, daß er sich

mit seiner alten Philosophie tröste, mit der Freude über seine Kinder,

darüber, daß die Kinder soviel mehr wurden, als er war, darüber, daß

sie gottlob schon jetzt an einem besseren Erdenleben für das nächste

Mal arbeiteten. Der Postmeister schien gar nichts mehr zu denken, zu

sinnen, zu glauben. Er hatte viele Jahre lang gesucht und endlich einen

kleinen Pfad mit etwas Licht darauf gefunden, den war er gegangen

-- bis ganz weit draußen das schreckliche Schicksal furchtbar und

hoch aufgerichtet vor ihm stand und ihn aufhielt. Die Wogen seiner

Überlegungen hatten ihn verschlungen.

Seine Frau und seine Töchter waren tüchtige Menschen; die eine Tochter

sollte jetzt eine Stelle in Konsul Johnsens Laden bekommen, der Sohn,

der Landwirt war, steuerte bei, soviel er konnte, und die dürftige

Pension reichte eigentlich weiter, als man erwartet hatte, aber so

viele erwachsene Menschen konnten doch nicht davon leben. Es hätte

schlimm ausgesehen, wenn nicht der Sohn in England, der tüchtige zweite

Steuermann, eingetreten wäre. Als er von dem Postraub und dem Unglück

seines Vaters hörte, trat er ein wie ein Mann. In einem herrlichen

Briefe forderte er seine Eltern und Geschwister auf, in der Stunde der

Prüfung ihr Vertrauen auf Gott zu setzen, er erzählte, daß auch er

Unannehmlichkeiten von der Sache gehabt habe, er sei verdächtigt und

verhört worden, aber natürlich sei nichts auf ihm sitzen geblieben.

Er vergab der Welt, daß er verdächtigt und angezeigt worden war,

gottlob, das Recht habe gesiegt, in England siege jederzeit das Recht.

Zum Schluß äußerte er die Ansicht, daß darin eine Mahnung für die

Stadt zur Umkehr und zum Nachdenken zu erkennen sei, ein so unerhörtes

Ereignis gehe nicht nur ihn und seine Familie, sondern alle Leute an.

Kurzum, er war fromm. Welch ein Sohn! Nicht mit einem Wort berührte

er das Wichtigste, aber das Wichtigste war, daß er augenscheinlich

jetzt mehr Geld hatte; ob er nun größere Heuer bezog oder in Englands

Erde eine neue Kohlengrube entdeckt hatte, jedenfalls schickte er eine

anständige Summe Geldes und versprach, noch mehr zu schicken. Das war

Rettung, seine schöne Tat verschaffte der Mutter und den Schwestern

ein unerwartetes Glück. Sie gingen zum Herrn des Hauses und erzählten

ihm die Neuigkeit, sie hatten sich überlegt, daß sie ihn plötzlich

damit überfallen wollten, um sein träges Hirn damit aufzurütteln, sie

hofften, daß die Freude ihm mit einem Schlage den Verstand wiedergeben

werde, bedenkt doch nur, wenn das geschähe! Aber es geschah nicht, sie

wurden enttäuscht. Der Postmeister hörte ihnen zu, er schien sich sogar

Mühe zu geben, zu verstehen, was sie ihm erzählten, wobei eines dem

andern das Wort vom Munde wegnahm, aber er wurde nicht klüger davon. Es

war gerade, als ob er die Neuigkeit schon gehört, oder als ob er sich

das gedacht hätte, die einzige Veränderung in seinem Gesicht war, daß

er noch etwas blasser wurde. Seine Frau brach in Tränen aus.

„Nein,” sagte der Doktor, „Ihr Sohn, der zweite Steuermann, kann Ihren

Mann nicht kurieren.”

Die Frau Postmeister pflegte nicht viel zu reden, sie fühlte sich aber

verletzt von des Doktors beständiger geschäftsmäßiger Sicherheit und

fragte: „Warum nicht?”

„Ja, warum nicht!” erwiderte der Doktor. „Ich glaube viel eher, daß es

der Herr Postmeister schließlich selbst satt bekommen, nur so in seinem

Stuhle zu sitzen und seinen Nabel zu betrachten.”

Welche Sprache einer vom Unglück getroffenen Familie, ja Gott

gegenüber! Aber das war ganz so geredet, wie es der Doktor im Brauch

hatte, da war nichts zu machen.

Der Doktor geht nach Hause in sein Studierzimmer. Er saß in dieser

Zeit dem Maler, darum trug er seinen abgetragenen Überzieher und

die gestreiften Hosen, die er sich zu Fia Johnsens Konfirmation

angeschafft hatte. Das war schon eine Ewigkeit her.

Er geht an Johnsens Doppelkonsulat vorbei, und da er stets ein

wachsames Auge auf dieses Geschäft hat, sieht er bald, daß wieder ein

neues Schild ausgehängt ist: „Modewaren, Blusen, gestrickte Sachen.

Hüte werden garniert.” -- Das Schild muß während der Nacht über die Tür

gekommen sein.

Der Doktor bleibt stehen und liest das Schild ganz genau, und um nicht

völlig mit sich selbst reden zu müssen, sagt er zu einem knicksenden

Dienstmädchen, das vorbeigeht: „Unser Herr Ritter schwärmt für neue

Schilder.”

Jawohl, Konsul Johnsen hat den Anbau des Ladens, wo jahrelang Öfen und

ein paar Eggen standen, ausräumen lassen und einfach ein Modengeschäft

daraus gemacht.

Der Doktor geht weiter und lächelt vor sich hin, er kommt an eine

Haustür und trifft da den Maler, der auf ihn wartet. „Eine Entdeckung,

junger Mann!” ruft er schon von weitem. „Ein Erlebnis!” Und dann fängt

er an loszulegen.

Für gewöhnlich pflegte der Doktor mit dem Sohn eines Tünchers keine

Zwiesprache zu halten, aber mit diesem jungen Mann war es eine andere

Sache, es war ein Künstler und kein unbedeutender Mensch, allerdings

jämmerlich unwissend in Bücherweisheit, aber mit soviel Verstand, zu

schweigen, wenn die Gelehrsamkeit redete. Während der Sitzungen wurde

die ganze Stadt durchgenommen, von dem unglücklichen Postmeister an

bis zu Johnsens am Landungsplatz und Grütze-Olsens, von Davidsen

und Heiberg bis zum Rechtsanwalt Fredriksen und Oliver, dem Krüppel

-- mit all der braunäugigen Brut im Hause. Der Maler erhielt viele

unterhaltende Aufklärungen über die Verhältnisse in der Stadt; der

Doktor war witzig und boshaft, ihm fehlte die Übung im Schießen

durchaus nicht, allein es kam doch vor, daß er zu schnell sein wollte,

daß seine Pfeile zitternd gerade vorbeifuhren. Auch ein Doktor kann

manchmal daneben schießen.

„Junger Mann, Sie sind fremd hier,” konnte er sagen. „Die ganze Stadt

ist ein Nest, ein Loch, aber ohne mich wäre sie ein Sumpf. Ich gebe

den Leuten etwas zum Einnehmen.” So saßen die beiden im Studierzimmer

des Kleinstadtdoktors, der Maler malte, und der Doktor ließ sein

Mundwerk laufen. Es war weiter nicht viel Wissenschaftliches in dem

Zimmer, obgleich der Maler das gewünscht hatte und das Bild „Der Arzt”

heißen sollte. Der Doktor hatte einige Bücher hervorgekramt und einige

Arzneikolben aufgestellt, ein Hörrohr stand auf dem Tisch und an der

Wand hing eine Tafel mit Buchstaben, nach der für augenschwache Leute

die Brillen ausgesucht wurden, in einer Ecke stand auch noch ein wenig

Sublimat in einer Tasse, das war alles. Wo war der Operationstisch

und die Wandbretter von Glas mit den tausenderlei Instrumenten? Zwei

Rohrstühle standen in dem Zimmer. Hier war kein Mikroskop, kein

Skelett, nicht einmal ein Schädel zum Beweis des festen Mutes eines

Mediziners im Verkehr mit den Toten.

In diesem Rahmen wurde der Doktor gemalt. Es waren behagliche

Sitzungen, nur hier und da einmal unterbrochen durch einen Mann

mit einem geschwollenen Finger oder eine neuverheiratete Frau mit

merkwürdigem Zahnweh. Der Doktor war ein prächtiges Modell, voll Leben,

voll treffender Bemerkungen, Bitterkeit, Unglauben und Kampflust, sein

Gesicht wechselte beständig und behielt nur als stehenden Ausdruck eine

unerschütterlich überlegene Miene bei. Ach, wie verstand er es, dem

jungen Mann einleuchtend zu machen, daß die Stadt ein Nest und ein Loch

sei!

Nun stößt er also hier an seiner Haustür mit ihm zusammen und läßt sich

nicht einmal soviel Zeit, erst einzutreten, ehe er mit seinem Erlebnis

anfängt: „Junger Mann, es ist nicht nur der Rechtsanwalt Fredriksen,

der Vorteil und Vaterland miteinander zu verbinden versteht.” Wie

er Pfeile schoß, abwechselnd traf und daneben schoß! „Johnsen am

Landungsplatz hat heute nacht ein Modengeschäft aufgemacht. Das ist

übrigens wohl seines Geschäftsführers Berntsen Werk, der ist ein Mann

mit großen Gaben, er verdiente mit den Öfen und den Eggen zu wenig,

sie standen zu lang herum, nein, Modewaren müssen her! Na ja, das

stimmt ja gut zusammen mit allem andern in diesem Geschäft, Johnsen

am Landungsplatz verkauft den Haushaltungen ihren täglichen Bedarf,

warum sollte er den Dienstmädchen nicht auch ihren Staat verkaufen?

Modehandel! Wer soll diesem neuen Zweig vorstehen? Der schiffbrüchige

Postmeister hat ja zwei Töchter, die älteste von ihnen soll dem

vorstehen. Es ist ein Glück für Johnsen am Landungsplatz, daß der

Postmeister ganz gebrochen ist und eine seiner Töchter in dienende

Stellung gehen muß. Sie ist ein gewandtes, anständiges Mädchen, jetzt

muß sie also aus ihrer Wohnung an der Werft drunten heraustreten und

einen Modehandel leiten. Sie hat das nicht gelernt, allein das schadet

nichts, es gehört nicht viel dazu, Johnsen bekommt sie billig, ja, es

fällt sogar noch ein Schein von Wohltätigkeit auf ihn, weil er ihr

Arbeit gibt. Junger Mann, die Stadt ist ein Loch --”

Die Mühle lief, der Maler kam nicht zu Wort; endlich sagte der Doktor:

„Na ja, wir wollen hineingehen und malen.”

„Ich möchte heute gerne schwänzen,” sagt der Maler.

„So, schwänzen? Meinethalben gerne. Haben Sie etwas anderes vor?”

Der Maler erwidert: „Ich bin nicht recht aufgelegt.”

„So? Na, meinetwegen gerne. Guten Morgen!”

Aber der Doktor sah dem Maler nach, und dieses Nichtaufgelegtsein war

ihm verdächtig, der junge Mann hatte ja wie sonst seinen Malkasten bei

sich; ob der nicht doch wo anders hin wollte!

Ganz richtig, der Maler wollte wo anders hin. Frau Konsul Johnsen

hatte ihn aufgefordert, ins Konsulat zu kommen, um auf dem Bilde, das

er vor einigen Jahren von ihrem Manne gemalt habe, das Dannebrogkreuz

hinzuzufügen. Ach, diese Konsuln und deren Frauen in den Küstenstädten!

Na ja, sie hatte in dem Briefchen, das sie dem Maler schickte, die

Sache erklärt; das Bild sei ja auch vorher schon sehr ähnlich, schrieb

Frau Konsul Johnsen, aber Fia, die eben erst von Paris nach Hause

gekommen sei, habe gemeint, noch ein paar farbige Striche würden

dem Bilde entschieden zum Vorteil gereichen. Pasteur habe auch die

Ehrenlegion auf seinem schwarzem Rock.

26

Es wird Herbst, wird Winter, und die Tage sind sehr kurz. Gewissermaßen

war es ganz behaglich, in der Schmiede zu stehen, ein Dach überm Kopf

zu haben und glühendes Eisen zu hämmern, das von selbst leuchtete, auch

gab es ordentlich zu essen und zu trinken im Hause des Schmieds, ja

wahrlich, mancher andere hatte es schlimmer als Abel! Er selbst dachte

auch, es gehe ihm gut. So zum Exempel, daß die Arbeit selbst ohne

Fausthandschuhe und so ohne Mühe vollbracht werden konnte. Ein großes

Schurzfell war Abels wichtigstes Kleidungsstück. Meister Carlsen war in

den letzten Monaten sehr zusammengefallen, er sprach immer mutloser von

seinen Kräften, machte Bemerkungen, daß er die Schmiede aufgeben wolle,

murmelte über den Tod: daß der Tod eintrete oder bis zum nächsten Male

vorübergehe, aber es müßten ja alle sterben. Der Herbst hatte ihm hart

zugesetzt, hatte ihm das Haar gelichtet und es weiß gemacht, seine

Gedanken waren kärglich und unweltlich geworden, er gönnte sich lange

Ruhepausen, während Abel arbeitete. Natürlich hatte der Einbruch in der

Post Eindruck auf ihn gemacht, sein Bruder, der Polizei-Carlsen, hatte

es nicht lassen können, ihm von dem Verhör in England zu berichten und

daß Adolf schweinische Malereien auf dem Körper trage. Der alte Schmied

erwiderte: „Das ist nicht unser Adolf,” aber der Polizei-Carlsen

fuhr fort: „Und denk' dir, die ganze lange Zeit über, während das

Schiff gelöscht wurde, war er hier und hat dich nicht ein einziges

Mal aufgesucht!” -- „Doch,” antwortete der Schmied, „er hat gewiß die

Schwester getroffen, als er hier war, es schwebt mir so vor. Die beiden

Jungen besuchen ihre Schwester, warum sollen sie mich aufsuchen? Du

darfst ihnen nicht unrecht tun!” -- „Na, dann ist Adolf also hier

gewesen?” fragt der Polizei-Carlsen. -- „Nein,” antwortete der Schmied.

Lauter Unsinn. Es war kein Verstand darin. Der Schmied Carlsen nahm

es übrigens anders auf als der Postmeister, er war ungelehrt und

von einfachem Gemüt, er betrachtete alles mehr gewohnheitsmäßig, es

war keine Hysterie in seinem Gedankengang, sondern Handwerk, er war

Schmied, er gehörte seinem Stand an. Es ist gut, wenn man seinem Stand

angehört, sonst wird man ein Emporkömmling, und die Ursprünglichkeit

geht verloren. Und war der Schmied nicht der Vater? Er wußte viel mehr

Schlechtes als Gutes von Adolf und verzweifelte nicht. Vor wenigen

Jahren noch kroch ja der Junge hier in der Schmiede umher, stellte

Fragen, hämmerte auf kleinen Eisenstücken herum und schlug sich dabei

auf seine Fingerchen, weinte und wurde wieder getröstet, war es nicht

so? Der Adolf in England mußte ein ganz anderer Adolf sein -- und

selbst der hatte sich wohl die Finger verbrannt, er war vielleicht

sogar noch jung. „Die Menschen sind alle miteinander gut, ausgenommen

die Halunken!” konnte der Schmied sagen. Jedenfalls aber hatte er es

nun wohl aufgegeben, einen seiner Söhne als Nachfolger in der Schmiede

zu sehen, wer aber sollte ihn dann ablösen?

Er sagte zu Abel: „In einem Jahr kannst du mehr, als ich konnte, da ich

für mich selbst angefangen habe.”

Er meinte wohl etwas mit diesem Ausspruch, oder war es nur ein Lob und

eine Anerkennung? Es hinterließ jedenfalls in Abels Herz einen langen

goldenen Streifen, er dachte augenblicklich an Klein-Lydia und an die

Zukunft. Der unglaubliche Junge! Er war, wenn man ihn so sah, kräftig

und rechtschaffen, rußig, ohne Ziererei, übersprudelnd, mit den Jahren

hatte er einen guten Brustkasten bekommen, und obgleich seine haarigen

Hände ohne besondere Sorgfalt geschaffen zu sein schienen, saßen doch

tüchtige Kräfte darin. Seine Schuhe hatte er in der Schmiede selbst

ringsum beschlagen, und für den, der sich auf Schuhsohlen verstand,

waren die Abels etwas ganz Besonderes.

Als er am Abend heimging, begegnete er seinem Vater, und da weihte

er ihn gleich in die Sachlage ein. Oliver -- obgleich er selbst seit

mehreren Wochen über etwas, was daheim eingetroffen war, mit tiefen

Überlegungen beschäftigt ist -- gab nun gleich seine eigenen Gedanken

auf und hörte dem Sohne aufmerksam zu. „Er muß denken, du sollst der

sein, der die Schmiede übernimmt und ihr geradezu vorsteht!” sagte er.

„Soo,” sagt Abel.

„Ich halte es nicht für unmöglich. Was denkst du selbst?”

„Ich weiß es nicht.”

Der Vater nickt mit dem Kopfe, wie wenn die Sache schon entschieden

wäre, und erklärt: „Ich kann es nicht anders ansehen.”

Jawohl, Oliver war der Freund der Kinder, zu ihm kamen sie mit ihren

Zweifeln und ihren Sorgen, er hatte die richtige Teilnahme für sie,

er war für einen Vater, der seine Kinder sich selbst erziehen ließ,

wie geschaffen. Abel, der unglaubliche Unband, hatte einmal verlauten

lassen, er wolle sich nun niederlassen und sich verheiraten, o, er habe

seine Gründe dafür, er würde nie glücklich sein, bis er sie bekomme,

sagte er. Der Vater war dann nicht in helles Gelächter ausgebrochen,

sondern hatte im Gegenteil genickt und gesagt: das sei gar nicht

so verkehrt, durchaus nicht, gewissermaßen, und es komme ihm nicht

unerwartet. Denn wenn Abel in kurzem Schmied und Handwerker in der

Stadt werde und er groß und breitschulterig geworden sei, dann könne

er zum Exempel alles tun, was er nur wolle. Er brauche nur eine kleine

Frist, um sich alles zu überlegen, sich Herd und Wohnung und derartiges

zu verschaffen, aber er werde schon sehen, zwei Jahre vergingen

schnell. -- Abel wendete ein, daß er es auf diese Weise unmöglich

zwei Jahre lang aushalten könne. -- „Nein, das will ich dir gerne

glauben,” antwortete der Vater nachgiebig. -- Abel fuhr fort: „Denn

in jeder Vakanz kommt dieser Reinert heim und verdirbt wieder alles

für mich.” -- „Reinert,” sagte der Vater mit einem Hohn, der Abel sehr

tröstete, „ist ein kleiner Junge, er ist wohl nicht mehr als achtzehn

Jahre!” -- Abel, der noch nicht lange siebzehn geworden war, beeilte

sich einzuwerfen: „Ich bin auch nicht mehr als achtzehn.” -- „Ja, aber

es ist ein Unterschied zwischen dir und ihm, du bist Handwerker und

Fachmann; wenn du ausgelernt hast, dann bist du am ersten besten Tag

Meister und Geselle zugleich. Das sag' ich gerade heraus: Gibt es

etwas auf der weiten Welt, das rascher vergeht, als ein Jahr oder zwei!

Sieh bloß, da verheiratet sich der eine und dort verheiratet sich der

andere, und sie sind nicht einmal Handlanger bei einem Maurer. Aber was

bist du?” Mit all seinem Gerede meinte wohl Oliver, daß die Zeit dem

tollen Jungen über seine Grillen hinüberhelfen werde.

Und an diesem Tag wirkt er aufmunternd auf den Sohn, er entwickelt eine

Auffassung der Sache mit vielen wohlgemeinten Redensarten: Der Schmied

Carlsen werde Abel über seine ganze Schmiede setzen -- gleich wie

Pharao einst Joseph über seinen Hof gesetzt habe. „Ich will dir etwas

sagen, Abel,” sagte er, „da du so besonders tüchtig in deinem Fach bist

und das ausgeführt hast, was er dir aufgetragen, was Gott für dich

bestimmt hat, so kann Carlsen nichts anderes meinen.”

„Nein,” stimmte Abel bei.

„Du wirst über sein ganzes Hab und Gut gesetzt, wir wollen jetzt

heimgehen und es deinen Schwestern zu wissen tun, das sind große Dinge.

Ein Jahr ist weniger, als man glaubt. Was ist ein Jahr? Gott zwinkert

nur ein einziges Mal mit den Augen, dann ist es schon ein Jahr. Und

wenn du einer Sache vorstehst, so ist das genau so, wie wenn sie dein

eigen wäre. Es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen einem guten

Vorsteher und einem schlechten Vorsteher, und wenn ich den Vorräten und

dem großen Lagerraum des Konsuls vorstehe, so ist es ebenso --”

Hochtrabende Worte und Geschwätz, Rührseligkeit und Großtuerei. Aber

dann sagt der Vater: „Ja, ihr Jungen, ihr kommt wahrhaftig vorwärts, du

Abel und Frank auch! Wenn du jetzt auf Kaffee warten willst, so hab'

ich Kuchen vom Bäcker hier,” sagte er, um es festlich zu machen. „Es

ist heute Samstagabend, und du brauchst morgen nicht in die Schmiede zu

gehen.”

O, aber Abel hat viel zu tun und ist nicht frei, er macht sich sauber

und geht wieder aus. Er ist wie ein Fischer, der einen Fisch an der

Angel hat, nun holt er die Leine ein. Dieser Reinert war also im Sommer

wieder eine Ewigkeit dagewesen und hatte ihm das Leben vergällt; jetzt

war er wieder abgereist, aber auch nachher war Klein-Lydia nicht so

gegen ihn gewesen, wie sie sollte, an manchem Abend ist Abel schweren

Herzens von ihr fortgegangen. An diesem Abend geht er bedeutend

leichteren Herzens zu ihr.

Er trifft sie daheim, und sie kommt heraus, sie sieht ihm wohl an, daß

sich etwas ereignet hat und geht mit ihm.

Zuerst streckt er ihr die Hand hin, und als sie etwas verwundert

zögert, sie zu ergreifen, faßt er selbst kräftig zu.

Aber Klein-Lydia -- seit sie für Konsul Johnsens neueingerichteten

Modehandel Arbeit bekommen hat und Hemden und Blusen näht, hatte sie

beständig eine Nadel in der Hand und Nadeln an der Brust stecken, man

konnte ihr nicht nahe kommen.

„Ach, ich hab' dich gestochen, wie ich seh',” sagte sie ungerührt.

Ja, das schien für sie mindestens so deutlich zu sein, wie für ihn, er

lächelte sauer und leckte das Blut ab.

Der kleine Vorfall war indes vielleicht doch nicht ganz ungünstig,

er hielt ihn zurück, sonst hätte er am Ende gleich die ärgsten

Unmöglichkeiten gesagt.

„Willst du etwas von mir?” fragte sie.

„Erstens,” sagte er, „soll ich in den nächsten Tagen die Schmiede

übernehmen!” Und danach sprach er frisch von der Leber weg und

übertrieb vieles, eine Menge Fragen, die Klein-Lydia stellte, beachtete

er gar nicht. Jawohl, er sei jetzt Geselle, ein ausgelernter Geselle,

ebensogut in diesem wie im nächsten Jahr und könne alles tun, was er

wolle. Sein Vater habe ihm gesagt, er solle sich für Herd und Wohnung

sorgen ... „Das ist doch nichts, um wie eine Gans darüber zu lachen!”

sagte er gekränkt.

„Nein,” versetzte sie nachgiebig. Im übrigen aber sei er nicht recht

klug, eben konfirmiert, ja, ob er auch wirklich konfirmiert sei?

„Darauf geb' ich dir nicht einmal eine Antwort,” versetzte er.

Ach, du lieber Gott, was er alles daherschwatzte! Und ihre Mutter

lachte jedesmal über ihn, so oft sie ihn sah. Wie alt er denn sei?

„Dreiundzwanzig und drei Monate,” antwortete er, und er sah aus, als

glaube er an seine eigene Genauigkeit.

Da lachte Klein-Lydia hellauf und fragte wieder: „Wie alt, sagst du?

Gott bewahre mich vor dir, Abel!”

„Du lachst nur!” rief er beleidigt. „Wie alt bist du denn selbst? Daran

denkst du nicht.”

Die Weiber am Brunnen: Roman · 第 25 / 35 段