Ursprünglich hatte er da gar nicht so viel erwartet. Er hatte

dieses Haus adeln wollen, wie er schon andere Häuser geadelt hatte,

Henriksens von der Werft, Heibergs, Davidsens Kramladen, Johnsens am

Landungsplatz, jetzt fühlte er sich hier wohl, solange es währte.

Er hatte außerdem noch einen andern Gedanken: Er konnte Konsul

Olsens wegen Johnsens am Landungsplatz geradezu eine Weile auf die

Seite setzen -- bitte, versuchen Sie einmal, wie das schmeckt! Er

wollte gerne ein gewisses Gleichgewicht in die Dinge bringen, eine

gleichstarke Macht jenseits der Grenzscheide herstellen. Er konnte die

Stadt regieren mit Uneinigkeit, mit zwei Kampfhähnen.

Das hätte sehr schön gehen können, allein alles strandete an der

Gutmütigkeit und Trägheit der Familie Olsen. Nein, die Familie Olsen

war nicht lernbegierig und hatte keinen Verstand für Ränke und Kniffe.

Sie verstanden sich auf gutes Essen und Geld und die eines Großhändlers

würdigen Möbel; aber sie hatten keine Kultur, keine illustrierten

Zeitschriften und keine von der Tochter des Hauses gemalten Teller. Die

Familie Olsen klebte an der Erde.

„Johnsen am Landungsplatz ist Ritter geworden,” sagt der Doktor. „Jetzt

sind Sie an der Reihe.”

Grütze-Olsen schüttelt wieder wehmütig den Kopf und sagt: „Dazu ist

keine Aussicht.”

„Das ist gar nicht unerreichbar. Es gehört nur ein wenig Arbeit dazu.”

Grütze-Olsen schüttelte noch einmal wehmütig den Kopf und erwidert:

„Ich bin Konsularagent für ein Land ohne Orden.”

„So. Aber jetzt hören Sie einmal, Herr Konsul. Jedenfalls könnten Sie

ein Landhaus haben.”

„Ein Landhaus? O ja, allerdings!”

„Nicht wahr? Warum soll hier nur _einer_ ein Landhaus haben? Und warum

soll gerade er es haben? Sie sind sicherlich ein reicherer Mann als er.”

Grütze-Olsen schüttelt lächelnd den Kopf: „Na, übertreiben Sie nicht!”

„Also ein Landhaus. Und dann fahren Sie mit zwei Pferden hinaus.”

„Mit zwei Pferden? Nein!”

„Das können Sie sich doch leisten!”

„Ja, allerdings,” erwidert der Konsul und wirft sich in die Brust.

„Aber zwei Pferde. -- Nein, entschuldigen Sie -- ich kann nicht einmal

mit einem Pferde fahren.”

„Dazu nehmen Sie sich doch einen Kutscher! Sie sind doch ein Mann, der

weiß, was sich gehört. Einen Kutscher mit blanken Knöpfen und einer

goldenen Borte um die Mütze.”

„Nein, nein, nein, da müßte der Kutscher ja selbst lachen, daß es ihn

schüttelt,” erklärt Grütze-Olsen. „Und ich mag nicht drinsitzen hinter

zwei Pferden.”

Der Doktor schlägt vor: „Dann sitz' ich die ersten Male drin, das

heißt, Frau Olsen und ich. Nicht wahr, Frau Olsen?”

Frau Olsen ruft ganz überwältigt: „Ich? Nein, Gott bewahre mich! Die

Frau Doktor kann -- die Frau Doktor kann selbst --”

Es war durchaus nichts zu machen.

25

So ging es denn nun im alten Trab weiter in der Stadt -- nur der

Postmeister war und blieb gebrochen. Er hatte mit einer dürftigen

Pension seinen Abschied erhalten, die Familie war in ein kleines Haus

bei der Werft übergesiedelt, und ein neuer Postmeister hielt seinen

Einzug im Posthaus.

Der Sommer war vergangen, und die beiden Leuchten der Stadt reisten

zurück zu ihrem Studium. Sie waren ja nicht gerade Busenfreunde,

aber sie fuhren mit demselben Schiff. Busenfreunde? Frank hatte doch

die ganzen Ferien hindurch gearbeitet und war Reinert wieder um eine

Nasenlänge vorausgekommen, wie hätte daraus ein zartes und harmonisches

Verhältnis entstehen können?

O, was hatte Frank nicht alles in diesen Wochen gelernt! Aber man sah

es ihm auch an. Er hatte in sein Bewußtsein hinein soviel verschiedene

Sprachwissenschaft verwoben, ein Stückchen ums andere, ohne Drängen,

ohne Gewalt, nur indem er Zeit und Lebenskraft dransetzte, jetzt stand

er auf dem Schiff ein bißchen gelb und mager, ganz ohne Fett und also

wie dazu geschaffen, immer noch mehr zu lernen. Selbst dem Leben um ihn

her widmete er nicht mehr Gedanken, als es wert war, mit seinen Händen

wußte er nichts anzufangen, der Arbeit der Matrosen an Bord schaute

er stumpfsinnig zu, die Maschinenleute fand er entsetzlich schmierig.

Frank konnte keine Fässer und Kisten in den Schiffsraum verladen, nein,

dazu war er nicht da; aber er konnte in Wörterbüchern nachschlagen;

aber er saß voll zarter und heiliger Sprachwerte, ein Vergleich war gar

nicht möglich. Feinheit wird durch Schulfleiß errungen und geht durch

Arbeit verloren.

Auf dem Schiff traf er einen Bekannten von der Schulbank her, den

Zeichenstift; als bleicher Neger tauchte er aus dem Maschinenraum

empor, nur halb bekleidet, mit verschwitztem Gesicht und weitoffener

Hemdbrust.

„Guten Tag!” sagte er und nickte Frank zu.

„Guten Tag!” sagte auch Frank und suchte sich den Neger in seine

Erinnerung zurückzurufen. „Bist du hier?”

„Ja, hast du das nicht gewußt?”

„Nein,” erwiderte Frank etwas zurückhaltend.

„Ich bin Heizer. Wie geht es Abel? Gut?”

„Abel? Ja, ich weiß nichts anderes.”

Der Zeichenstift wollte Schulerinnerungen auffrischen. „Weißt du noch?

Denkst du noch daran?” Er lachte, daß seine weißen Zähne blitzten, und

dachte nicht daran, wie schmierig er war, da stand er mitten im Zug und

machte sich nichts daraus. Frank stellte sich mehrere Male auf einen

andern Platz und sagte: „Es zieht hier sehr!”

„Geht es bei dir zu Hause und deinen Schwestern gut?”

„Ja, ich hab' nichts anderes gehört.”

„Hahaha, man könnte gerade meinen, du kämest nicht von daheim,” sagt

der Zeichenstift. „Und wie komisch, daß du nicht gewußt hast, daß ich

hier bin. Deine Schwestern wissen das doch.”

Frank sagt ausweichend: „Ich hab' soviel anderes zu denken.”

„Aber dann weißt du doch wohl noch, wie wir die Fenster eingeschlagen

haben? Und wie der Vorsteher dazukam?”

Immer ferner, beinahe schon am Horizont, sagt Frank: „Nein, das ist

schon lange her.”

Der Zeichenstift merkt, daß sein Kamerad sehr gelehrt ist, und macht

nun den Versuch, ihn nach seinen eigenen Angelegenheiten zu fragen: „Du

willst wohl wieder auf die Universität?”

„Selbstverständlich.”

„Ach du liebe Zeit, wie weit hast du es denn schon gebracht? Bist du

jetzt bald Pfarrer?”

„Pfarrer?” grinst Frank. „Nein, gewiß nicht.”

„Na!”

„Ich studiere Sprachen.”

„Na, aller Welt Sprachen! Ja, das ist auch keine Kleinigkeit. Aller

Welt Sprachen, wie der Vorsteher. Reinert wird aber doch Pfarrer?”

„Nein, das weiß ich nicht.”

„Das weißt du nicht?”

Frank sagt unwillig: „Nein, ich weiß nicht, was er werden will.”

„Ich hab' Reinert heut morgen an Bord kommen sehen, aber er kannte mich

augenscheinlich nicht.”

„Nein, das kann gut sein. Du bist ja so schwarz.”

„Allerdings, ich hab' ihn aber doch gegrüßt,” sagte der Zeichenstift

und fing an, Asche aus dem Feuerraum heraufzuziehen und über Bord zu

werfen.

„Hier staubt es so!” sagte Frank.

Nein, Reinert kannte nur, wen er kennen wollte; er kannte kaum Frank,

der doch sein Kollege und ihm voraus war. Frank sah ihn an Bord kaum,

Reinert fuhr auf dem zweiten Platz und trieb sich meist auf dem

ersten herum. Aber Frank stand auf seinem dritten Platz und hatte das

Bewußtsein, mehrere Sprachen zu verstehen.

Reinert hatte in den Ferien nichts Nennenswertes gearbeitet, ein wenig

hatte er ja studiert, um seinem Vater, dem Küster, eine Freude zu

machen, aber sonst hatte er sich meist im Freien aufgehalten. Reinert

hatte kein Gras unter seinen Füßen wachsen lassen, er hatte Klein-Lydia

und die kleinen Mädchen von der Werft vollständig erobert und auch

bei Heibergs Alice große Fortschritte gemacht. Der Junge sah ja auch

verflucht gut aus mit seinen Locken und seinen schönen Kleidern, dazu

trat er so keck auf, daß er gut für erwachsen gelten konnte. Das

ging sogar so weit, daß er sich bemüht hatte, den Assistenten beim

Hardesvogt bei den Damen auszustechen, obgleich er es bei ihm mit einem

ausstudierten Manne zu tun hatte.

Frank trieb sich blaugefroren auf Deck herum und suchte immer wieder

ein warmes Plätzchen, wenn sich das Schiff drehte. Das erste, was er

nach Ankunft in Christiania tun wollte, war, sich einen Überzieher mit

einem Samtkragen zu kaufen.

Er kam am Rauchsalon vorbei, die Tür stand weit offen, er schaute

hinein und blieb stehen. Dann grüßte er und wollte weitergehen, aber er

war ein wenig zu lange stehen geblieben, außerdem waren es ja Bekannte,

die da vor ihm saßen, Rechtsanwalt Fredriksen aus seiner eigenen

Stadt, ein großer Mann, aber er plauderte da mit einem geringeren, mit

Reinert, sie saßen beieinander und schwatzten, der Rechtsanwalt putzte

sich die Nägel mit einem Perlmuttermesser, und beide rauchten.

Frank trat nicht näher, aber er sah auch nicht ein, warum er sich

davonschleichen sollte, so weit bekannt und anerkannt war er doch auch,

darum redete er durch die offene Tür Reinert an und sagte: „Ich hab'

den Zeichenstift getroffen, er fragte nach dir.”

Reinert gab keine Antwort, er saß da und tat, als ob er nachdenke.

„Er ist Heizer hier auf dem Schiff.”

„So!” sagte Reinert geistesabwesend.

„Wer ist der Zeichenstift?” fragte der Rechtsanwalt, als ob er das

nicht recht gut wüßte.

„Ein Schulkamerad von uns,” erwiderte Reinert. „Ja, ich freu' mich sehr

darauf, _die Glocken von Corneville_ wieder einmal zu sehen.”

„Ich hab' sie nicht gesehen.”

„Klausen ist großartig; das sagt jedermann.”

„Ich hab' so wenig Zeit für Theater und Zirkus,” donnert Rechtsanwalt

Fredriksen. „Ich hab' doch meine Arbeit für den Landtag, und außerdem

bin ich Vorsitzender einer parlamentarischen Kommission --”

Frank begriff, daß er hier nichts mehr zu suchen hatte, und ging

weiter. Er begab sich wieder an ein warmes Plätzchen und lächelte

vor sich hin. O, er verstand mehr Sprachen als die beiden zusammen.

Fredriksen verstand wohl nichts, als einen kleinen Rest Deutsch -- das

war alles!

Aber konnte nicht auch der Rechtsanwalt Fredriksen lächeln? Es ging

ihm mit seinen Sprachen wie mit seiner Anatomie: er verstand soviel

davon, als er zu wissen brauchte. Jetzt war er wieder auf dem Wege

zu seiner Kommission, vollkommen ausgeruht und bereit, die Arbeit da

wieder aufzunehmen, wo er sie hatte liegen lassen. Diese Zusammenkünfte

in den Kommissionen waren nicht so übel, es stand in der Zeitung,

wenn er ankam; er konnte wieder Fahrt- und Kostgelder aus der

Staatskasse erheben, abends traf er mit Kollegen und Gleichgestellten

bei Punsch und langen Pfeifen zusammen. Das gab Ansehen, ein kleines

Winkelblättchen hatte unter anderen auch ihn als künftigen Staatsrat

genannt: „Haben wir denn keine Männer? Da ist doch der Oberstaatsanwalt

Fredriksen!” Das tat dem Herrn Rechtsanwalt keinen Eintrag, wenn auf

ihn hingewiesen wurde, dabei konnte er nur gewinnen, er hatte die

Zukunft vor sich, er war nun schon ein Mann, der bei einer Unterredung

das Taschenmesser herausziehen und damit in seinen Nägeln herumstochern

konnte.

So reisten also diese drei Stadtkinder nach Christiania, Frank, Reinert

und der Rechtsanwalt, jeder mit seinem Vorhaben, seinem Ehrgeiz, seiner

Zukunft. Der Zeichenstift heizte die Maschine.

Und die Küstenstadt lag wieder hinter ihnen.

Sie wurden daheim vermißt, jeder auf seine Weise. Frank vielleicht am

wenigsten. Seine Kammer stand leer, aber die Großmutter hatte nicht

mehr nötig, auf den Zehen zu schleichen und konnte am Herde rasseln,

soviel sie wollte. Das war keine kleine Änderung zum Besseren. Abel

erbte die Kammer von seinem Bruder; aber das war einerlei, hin oder

her, er war nur bei Nacht darin, und außerdem war Abel kein Mann der

Wissenschaft.

Da hinterließ doch der Rechtsanwalt eine größere Lücke bei seiner

Abreise. Nicht als ob sein Kontor durch seine Abwesenheit stark

gelitten hätte, sein Geschäft war nicht so groß, daß es ihm nicht mit

der Post nachgeschickt und von ihm auf der Bank im Landtag erledigt

werden konnte. Aber der Rechtsanwalt hatte doch eine gewisse vorläufige

Abrede getroffen, Fräulein Olsen vermißte ihn vielleicht, jedenfalls

mußte es ihr sehr still vorkommen, als seine Stimme fehlte. Was war

sonst noch erfolgt? Nur abgewartet, die Zeit war noch nicht gekommen,

aber sie näherte sich, ein Winkelblättchen hatte schon die kommenden

Männer genannt, darunter auch ihn, den mit der Abrede. Fräulein Olsen

mußte jedenfalls gewisse schwere Tritte auf der Treppe vermissen, wenn

nicht mehr, einen schwer schnaufenden Herrn, der hereintrat, einen

Nacken mit einem Speckwulst, eine tastende Hand: „Guten Abend, guten

Abend!” Wenn sie nicht sehr vergeßlich war, so mußte sie sich auch an

die Zigarrenstummel im Aschenbecher erinnern, an das Zwiegespräch, an

die sachliche Art, seine Liebe und norwegische Politik zu betreiben:

„Was haben wir im Grunde in diesem Dasein zu erstreben? Es gut zu

haben, was denn sonst? Wir steigen von Stellung zu Stellung, und es

geht uns besser und immer besser, wir speisen gut, kleiden uns gut,

legen zurück, werden vermöglich, besitzen Häuser in der Stadt und

Anteile an Schiffen auf dem Meere, bewohnen eine Sommervilla, segeln

oder fahren in der Kutsche, wann es uns gefällt. Wir tun nichts, was

uns nicht paßt, wir wollen das Unebene nicht eben machen, das sollen

die andern tun, jeder nach seinem Geschmack! Nachher -- nachher können

wir Geschäfte in Gang bringen und den Leuten Arbeit geben, wir können

rund um uns herum wohltun, eine helfende Hand reichen. Wir hören von

einer obdachlosen Familie und lassen sie in einem von unsern Häusern

wohnen: Bitte, nur hier eingezogen mit den Deinen! Wir hören von

Unglücksfällen und nehmen Anteil, wir sind alles andere als hartherzig,

Matrosen werden zu Krüppeln in ihrem gefahrvollen Berufe, wir greifen

ein und verschaffen ihnen ihr Recht. Auf diese Weise werden wir

solidarisch, wir wollen Fortschritt und Demokratie, laßt nur uns alles

in Ordnung bringen mit dem Dienst, der Fahne und dem Vaterland --”

„Jawohl,” sagte Fräulein Olsen darauf.

„Nicht wahr, so geht es, und so muß es auch gehen! Aber es ist nicht

gut, daß der Mensch allein sei, sowohl die Person als die Stellung

verlangen eine Gehilfin, Fräulein Olsen --”

„Wollen Sie sich nicht noch eine Zigarre anstecken?”

„Doch, danke. Eine Gehilfin also. Sie ist notwendig aus mehreren

Gründen: Dem Haus muß eine Hausfrau vorstehen, sie soll die Zimmer

in Ordnung halten, die Einkäufe für den Haushalt gehen durch ihre

Hände. Jemand kommt und will den Mann sprechen, er arbeitet, er ist

im Staatsrat, aber die Frau repräsentiert. Der Verwaltungsrat eines

Altersheims oder einer Anstalt für Geistesschwache wünscht ihre

wertvolle Unterstützung, nun gut, die Frau setzt ihren Namen unter

einen Aufruf. Sie ist jetzt auf eine höhere Warte gehoben, zu neuen

Ehren gelangt, aber auch zu neuen Pflichten. Sie kann sich diesen nicht

entziehen, die Öffentlichkeit hält die Augen auf sie gerichtet, die

Gesellschaft stellt ihre Forderungen. Könnten Sie diese Forderungen

erfüllen, mein Fräulein?”

„Ich?” sagt wohl Fräulein Olsen lachend. „Ach, das weiß ich nicht. Nun,

wenn es sein müßte, könnte ich es wohl. Was meinen Sie?”

„Das setze ich voraus. Und nun bleibt nur noch übrig, darüber ins

reine zu kommen, ob auch Sie wollen. Seit unserer ersten Abrede sind

nun mehrere Monate verflossen, Sie haben Zeit gehabt, oftmals darüber

nachzudenken. Aber ich warte auf gewisse Veränderungen, die eintreten

sollen, es eilt nicht, ich lasse Ihnen noch mehr Zeit.”

Da fragt wohl Fräulein Olsen etwas verwundert: „Unsere erste Abrede,

sagen Sie? Was für eine Abrede?”

„Liebes Fräulein, unsere vorläufige Abrede. Erinnern Sie sich denn

nicht mehr, bei der Hochzeit Ihrer Schwester? Ich meine doch, wir seien

darüber einig geworden --”

„Ja, wir waren nicht uneinig.”

„Na, sehen Sie!”

„Aber _Sie_ trafen die Abrede.”

„Na ja, darüber wollen wir nicht streiten, ich hab' am meisten geredet,

darin haben Sie recht. Ich gab Ihnen mein Versprechen --”

„Sie stellt sich nur ein wenig an!” mag der Rechtsanwalt Fredriksen

denken. Aber um sicher zu gehen, will er etwas zur Sprache bringen,

etwas verlauten lassen, das ihm eingefallen ist. Diese Maler und

Künstler, die ins Haus gekommen sind, könnten ihm das Mädchen

wegschnappen, es wäre unglaublich, wenn so etwas geschehen würde, aber

jetzt wollte er es andeuten: „Ich hab' Ihnen also meinen Antrag zu

Füßen gelegt, und da liegt er. Hm. Wer singt denn da droben auf dem

Boden?”

„Das sind die Maler. Sie haben droben ihr Atelier.”

Der Rechtsanwalt lächelt: „Ach, diese Gesellen! Sorglose Seelen, singen

und bemalen die Leinwand! Von dem andern rede ich nicht, aber Ihr

Schwager ist doch aus gebildetem Hause, ich bin mit seinem Vater auf

der Universität gewesen. Wie geht es dem Sohn? So ein junger Mann hat

nichts, worauf er zurückgreifen könnte, er hat nichts Rechtes gelernt,

hat nicht studiert. Von dem andern will ich gar nicht reden, aber Ihr

Schwager hatte doch von Geburt an Aussicht auf eine Zukunft. Na, es

kann ja gut gehen, er kann ja hie und da einmal ein Bild verkaufen,

ich selbst will ihm später eines abkaufen, und ich werde es Ihnen

übertragen, die Auswahl zu treffen.”

„Was --”

„Ja, das will ich,” nickt Herr Fredriksen wie von oben herab, von

seiner Höhe. „Ein Bild kaufen und Sie bitten, die Wahl zu treffen.

Wollen Sie?”

„Würden Sie mir das anvertrauen?”

„Ich würde Ihnen natürlich noch viel wichtigere Dinge anvertrauen. Und

was die Bilder betrifft, so wollen wir ihm nicht eins, sondern zwei

abkaufen, das wollen wir. Ich reise jetzt wieder nach Christiania im

Dienste meines Vaterlandes. Unsere Abrede soll inzwischen ruhen, wenn

die Zeit gekommen ist, werden wir gleicher Meinung sein, das hoff' ich

...”

So hing es also zusammen mit der vorläufigen Abrede! Der Rechtsanwalt

war beinahe allein dabei beteiligt. Seht, er hatte vor einigen

Monaten diese Sache in Ordnung gebracht, und zwar zu seiner eigenen

Zufriedenheit, aber heute war es ihm eingefallen, er wolle doch nicht

so ganz allein sein mit dieser Abrede, er wolle auch den andern Teil

dabei haben. Selbstverständlich würde Fräulein Olsen einschlagen, er

mußte sie nur fragen, sie ein wenig ausforschen. Dann ging es, wie es

ging, sie zierte sich ein wenig, aber das hatte nichts zu bedeuten, die

Sache endete damit, daß sie versprach, die Bilder für ihre Wohnung zu

kaufen.

Damit ging Rechtsanwalt Fredriksen an Bord.

Aber nun saß also Fräulein Olsen wieder einsam und allein in der

Stadt und überlegte. Was hatte sie diesem Manne versprochen? Nichts!

Nicht das allermindeste. Aber hatte sie ihn von der ersten Stunde

an entschieden abgewiesen? Manche Frauen weisen keinen ab, keinen

einzigen. Selbst der Unmöglichste läßt sich dazu gebrauchen, die

Gedanken zu beschäftigen. Fräulein Olsen gehörte gewiß nicht zu den

Berechnenden, den Abgefeimten, aber da war nun einmal dieser Mann,

sie hatte ihn im Rückhalt, er war immer besser als gar keiner, sie

wurde älter, die Schwester war verheiratet, weiß Gott, eine Zukunft

war eine Zukunft, ein Staatsrat ist etwas Rechtes, wenn er wirklich

Staatsrat wird. Man konnte immerhin daran denken! Aber berechnend?

Sie steckte bis über die Ohren in Berechnungen, war aber doch ein

natürliches Mädchen und wie alle andern, die Natur selbst lenkte

ihre Politik. Sie hatte noch an nichts Mangel gelitten, sollte sie

Mangel an einem Verehrer leiden? Von allem andern hatte sie vollauf,

und hier hatte sie nun einen Staatsrat, wenn er es wurde! Daran war

nichts Unverständliches, ein Huhn im Gartenbeet ist auch nichts

Unverständliches.

Natürlich mußte Fräulein Olsen den Rechtsanwalt vermissen, wenn er

abgereist war.

Vermißten ihn noch andere? Vielleicht das Haus Oliver? Das ist

nicht wahrscheinlich. Oliver war wohl mehr als froh, als sein

draufgängerischer Gläubiger die Stadt wieder verließ, und Petra

mußte wohl das ewige Gerenne zu dem Rechtsanwalt satt haben. Endlich

waren ihre Verhandlungen erledigt. Sie konnte doch unmöglich etwas

übrig haben für diesen Mann, der sie so geplagt hatte, hier konnte

sicherlich von Anhänglichkeit keine Rede sein, das fehlte auch gerade

noch! Hörte man von einem Wunder und einer schonungslosen Liebe, war

am Brunnen die Rede davon, daß beide in Flammen stünden, war das Wort

„Kurzschluß” gefallen? Dem Rechtsanwalt gehörte das Dach über Petras

Haupt, sie sprach mit diesem Manne, damit sie dieses Dach behalten

durfte, das war alles. Gewiß, sie mußte öfter hingehen und über diese

Sache mit ihm reden, auch Oliver, ihr Mann, konnte gelegentlich

darüber murren, daß sie nie damit fertig wurde. Aber zog sie sich

zu diesen Besuchen irgendwie auffallend oder aufreizend an, außer

mit einem neuen Hemd unter dem Kleid? Nein, durchaus nicht, soviel

Oliver wußte. Sie hatte ja nun einmal diese neuen Hemden bekommen und

mochte sie wohl gerne tragen, Petra war eine verheiratete Frau, keines

Mannes Annäherungsversuche würden Eindruck auf sie machen. Sie hatte

vor vielen Jahren, als sie noch jung war, Scheldrup Johnsen für ein

zärtliches Wort eine Backpfeife gegeben, was würde sie dann jetzt wohl

tun, wo ihre Haare anfingen an den Schläfen grau zu werden und sie

beinahe erwachsene Kinder hatte?

Oliver hatte also keinen Grund zum Mißtrauen. Er sagte: „Jetzt ist er

also fort?”

„Ja,” antwortete Petra. „Und mir ist's recht, wenn er nie wiederkommt.”

„Wieso? Meinst du, er bleibe für immer weg?”

„Das weiß ich nicht. Mir wär's recht, wenn er nicht wiederkäme.”

Oliver sah seiner Frau an, daß es ihr ernst war mit dem, was sie

sagte; sie machte eine Gebärde des Abscheus und spuckte zur Seite aus.

Deutlicher konnte sie nicht reden, sie verabscheute den Rechtsanwalt.

„Ja, er ist kein Mann Gottes,” sagte er. „Aber die Rechtsanwälte! Sind

die jemals anders gewesen!”

„Und das sag' ich dir,” beharrte Petra. „Das nächstemal kannst du

selbst zu ihm gehen. Ich tu' keinen Schritt mehr.”

Hätte jemand deutlicher reden können! Oliver nahm das nicht übel auf,

im Gegenteil; ja und das nächstemal werde er selbst zu Rechtsanwalt

Fredriksen gehen, sagte er, nur ein einziges Mal, kurz und gut, sagte

er und nickte dazu. Und er werde die Sache ein für allemal abmachen,

er werde ihm sagen, wie er heiße, Oliver Andersen, und er werde eine

Quittung verlangen für eine gewisse Summe Geldes, die er dem Blutsauger

auf den Tisch werfen werde. Der Krüppel und Hasenfuß malte sich aus,

wie er auftreten werde.

Übrigens war Oliver in der letzten Zeit wirklich etwas dreister

geworden. Das Bewußtsein, daß er Geld in der Tasche hatte, hob

den Mann, sein Charakter wurde fester. In den ersten Tagen nach

dem Postraub fühlte er sich noch unsicher und bat Petra, ihm eine

Innentasche in seine Weste zu nähen. Petra spottete über ihn und hielt

es für Großtuerei. „Eine starke Tasche!” verlangte Oliver. „Jawohl, von

Segeltuch!” sagte Petra. Da mußte sich Oliver an seine Mutter wenden,

damit die Arbeit gemacht wurde.

Und jetzt, wo er seine Innentasche hatte und seine Geldscheine darin,

fühlte sich Oliver geborgen; niemand würde auf den Gedanken kommen,

einen Krüppel zu untersuchen, der nichts Böses getan hatte. Das

Eiderdaunengeld war sein rechtmäßiges Eigentum.

Ärgerlich war es, daß dieses Geld nicht so recht ans Tageslicht kommen

durfte. Es hätte Oliver Freude gemacht, in die Kaufläden der Stadt

zu gehen und dies und jenes zu verlangen, und dann all sein Geld aus

der Tasche zu ziehen und davon zu bezahlen; diese Freude blieb ihm

versagt, das Geld mußte mit einer gewissen Lichtscheu ausgegeben

werden. Ein Gutes war allerdings dabei, es bestand zum größten Teil

in kleinen Scheinen, in vorsichtigen Zwischenräumen konnte Oliver

einen solchen dem Pack entnehmen und ihn in Waren umsetzen. Auf diese

Weise verschaffte er sich jeden Tag etwas Gutes zum Lutschen, außerdem

ein wenig Putz, einen neuen Schlips um den Hals und einen steifen

Kragen; den kleinen Mädchen hatte er Schuhe mit Schleifen auf dem

Spann gekauft. Niemand faßte Verdacht gegen ihn wegen allzu großer

Ausgaben; ein paar größere Geldscheine steckten ausgebreitet in seiner

Innentasche.

Die Weiber am Brunnen: Roman · 第 24 / 35 段