Städten aber auch ganz und gar nichts von großen Ereignissen. Das
ist eine verfehlte und kränkende Ansicht, denn es gibt da wahrhaftig
Bankerott, Betrug, Mord und Skandal gerade so gut wie in der großen
Welt. Allerdings schickt die Zeitung des Ortes keine Extrablätter
darüber aus; aber jede Neuigkeit verbreitet sich sicher und rasch von
den Brunnen her und dringt bis in das engste Kämmerlein. War in der
ganzen Küstenstadt wohl noch irgendein Mensch vorhanden, der in der
Frühe des nächsten Morgens noch nichts von dem Postraub gewußt hätte?
Höchstens konnten es vielleicht Grütze-Olsens sein, denn das waren
Leute, die lange liegen blieben und häufig im Bett frühstückten.
Und so wenig den Kleinstädten die aufregenden Ereignisse fehlen,
ebensowenig fehlt es ihnen an Abwechslung darin. Kleinstädter haben die
nötige Abwechslung in den Ereignissen vollauf. Sollten sie vielleicht
darauf angewiesen sein, mit einem Postraub zu leben und zu sterben?
Dann hätte diese Neuigkeit nicht so rasch aufgehört, eine berühmte
Sache zu sein. Der Doktor erhielt sie noch am längsten am Leben, denn
sie ließ ihn gewissermaßen dem vernichteten Postmeister gegenüber
als Sieger dastehen, aber es dauerte nicht lange, bis es den Leuten
überdrüssig wurde, sie zu erörtern.
Was war das Ende davon? Es gab überhaupt kein Ende, es kam gar kein
Zug in die Sache. Der alte oder junge Mann, der Englisch sprach und
vielleicht eine Maske trug, aber jedenfalls keinen Regenschirm hatte,
dieser wahrscheinliche Verbrecher war nicht zu finden. Es wurde an das
englische Schiff telegraphiert, allein das hatte in Norwegen bereits
geladen und war auf dem Weg nach irgendeinem heimatlichen Hafen.
Auch dorthin wurde telegraphiert, und als das Schiff ankam, ward auch
eine Art Verhör abgehalten, aber das führte zu nichts. Natürlich kam
es an den Tag, daß Adolf Adolf war, ein Schmiedsohn, norwegischer
Matrose; aber er war in England verheiratet und dort ansässig, so war
er auf einer englischen Schute von der englischen Flagge vollständig
geschützt. Außerdem war sein Kapitän ein frommer Mann.
Auch der zweite Steuermann entpuppte sich als Norweger, Sohn eines
Postmeisters in einer näher bezeichneten kleinen Stadt, unverheiratet,
mit ausgezeichneten Zeugnissen über vorzügliches Betragen, auf ihm
ruhte kein Verdacht -- der Vater hätte betreffendenfalls in dem Fremden
auf dem Gange doch auch seinen Sohn erkennen müssen, was er ja aber
nicht getan hatte. Außerdem war es bei ihm dieselbe Sache mit der
englischen Flagge, und daß die englische Flagge keinen Tag, ja keinen
Augenblick einen Verbrecher geschützt hätte, das wußte alle Welt. Der
zweite Steuermann und Adolf waren also zurzeit im englischen Dienst bei
einem frommen englischen Kapitän, und von Auslieferung konnte keine
Rede sein.
Warum hatten diese zwei Männer nicht ihre Eltern besucht, wenn doch
ihr Schiff in ihrer Heimatstadt gelöscht wurde? Ja seht, das war eine
von den zarteren Fragen, die ihnen vorgelegt wurden, aber sie wußten
auch darauf eine ganz befriedigende Antwort zu geben: sie wollten sich
Vater, Mutter und Geschwistern nicht mit leeren Händen vorstellen, und
es war ihnen noch nicht gelungen, etwas Ordentliches von ihrer Heuer
zurückzulegen. Das war der Grund. Aber Gott sei sein Zeuge -- gab
der zweite Steuermann an -- er sei manchen Abend an Land gewesen und
habe sein Vaterhaus umkreist, habe zu den Fenstern hinaufgeschaut und
gezittert, wenn er eine Tür habe gehen hören, und die Hände gefaltet,
wenn der Schatten seiner Mutter auf die Vorhänge gefallen sei. Das war
ergreifend, das Gericht selbst war gerührt, und das will etwas heißen,
wenn ein Gericht gerührt ist.
Von dem Matrosen Adolf kam eine eigentümliche Sache an den Tag: Als
er und seine Sachen untersucht wurden, stellte es sich heraus, daß er
über den ganzen Körper mit liederlichen Zeichnungen tätowiert war.
Die Zeichnungen waren auffallend unanständig, und auf die Frage, wo
das gemacht worden sei, antwortete er: „In Japan.” Diese Zeichnungen
schadeten Adolf in den Augen des Untersuchungsrichters ganz ungemein,
konnten ihn aber nicht des Postraubes überführen. Der zweite Steuermann
war ohne Tätowierung und ganz schön und rein am Körper, so daß er viel
besser aus der Sache hervorging; ja, das kam beiden Verdächtigen zugute.
So verlief nun also die Sache mit dem Postraub im Sande, und der Dieb
oder die Diebe hatten auch nicht so besonders viel in die Finger
gekriegt: Sieben- bis achttausend Kronen in Wertsendungen. Wenn sich
mehrere in diese Beute teilten, kam auf jeden nicht sehr viel, und man
konnte sich versucht fühlen, zu sagen, es sei ihnen gegönnt!
Die Sache war nun nicht mehr sehr wichtig, der Polizei-Carlsen zeigte
keinen großen Eifer in den Nachforschungen, was ihm auch gar nicht zu
verdenken war, da sein Neffe und damit auch er selbst Ungelegenheiten
davon gehabt hätten. Aber auch der Vorgesetzte des Polizei-Carlsens
legte wenig Wert darauf, in dieser Sache bis aufs äußerste zu gehen;
es wäre eine Dummheit gewesen, um einer Kleinigkeit willen mit England
Händel anzufangen, und außerdem war es der allgemeine Wunsch der Stadt,
den Schmied Carlsen zu schonen, der bessere Kinder verdient hätte, als
ihm zuteil geworden waren.
Aber nun der Postmeister? Er hatte sich das Ereignis so zu Herzen
genommen, daß er nicht mehr zu kennen war: eine gebeugte und gebrochene
Gestalt mit irren Augen und einem beständig mummelnden Munde. Der
ehrgeizige Mann konnte den Schaden und die Schande, die ihn in seinem
Beruf getroffen hatten, nicht überwinden, über etwas anderes brauchte
er sich ja nicht zu grämen, da sein Sohn nichts Böses getan hatte. Der
Postmeister war der Gegenstand allgemeinen Mitleids. Er hatte ja wohl
während seines ganzen Aufenthaltes in der Stadt vernünftige Leute mit
seiner ewigen Frömmigkeit und seinem metaphysischen Geschwätz auf allen
Straßen und Gassen zum Sterben gelangweilt, aber jetzt, wo ihn das
Schicksal geschlagen hatte, erinnerte man sich mehr der Tugenden als
der Laster dieser heimgesuchten Seele. Hatte nicht er die Zeichnung zu
dem großen Schulhaus gemacht, zu diesem Säulenhaus, das die Reisenden
schon von der See aus sahen und darum bis an ihr Lebensende nicht
vergaßen? Jetzt saß er da mit umnachtetem Verstand und war weniger denn
ein Kind.
„Er ist selig und verwirrt und tot,” sagte der Doktor. „Es ist mir
schon in der letzten Zeit aufgefallen, er hatte so einen stechenden
Blick, er war morsch geworden, und es brauchte nur noch eines kleinen
Anstoßes, um ihn zu zerbrechen. Der Glaube hat ihn zu Fall gebracht.”
Im Gegensatz zu allen andern fiel es dem Doktor schwer, den Postraub
zu vergessen, er ließ den Verdacht nicht fahren, das Geld sei auf dem
englischen Schiff davongefahren. Was hätte den lokalkundigen zweiten
Steuermann hindern sollen, sich in sein Vaterhaus zu schleichen und
die Wertsendungen zu stehlen? „Nachkommen!” pflegte der Postmeister
zu sagen. Ach, ein Nachkomme, der zu allem fähig war! Der Nachkomme
Adolf war von derselben Sorte, die entsetzlichen Zeichnungen auf seinem
Körper legten Zeugnis ab von seinem Charakter. Wahrhaftig, die beiden
Väter konnten sich ihrer Nachkommen freuen!
Der Doktor konnte es wirklich nicht lassen, ein wenig zu frohlocken.
Noch niemals hatte er die sandigen Gassen der Stadt mit geringerer
Überwindung durchschritten als jetzt, und noch nie war ihm die
Richtigkeit seiner Lebensanschauungen so klar bestätigt worden. Zu
dem frommen und gläubigen Wrack, dem Postmeister, ging er sehr oft,
betrachtete ihn eine Weile und verließ ihn dann wieder; er konnte
keine Anzeichen feststellen, daß seinem Patienten Licht und Klarheit
wiederkehrte, und schloß daraus auf dauernde Finsternis bei ihm.
Waren es nicht die _Menschengedanken_, mit denen dieser Kindermund
großzutun pflegte? Daß die Menschengedanken niemals aufhörten, daß
die Menschengedanken ein Licht seien, das niemals erlösche? Nun, für
ihn selbst waren sie jetzt jedenfalls erloschen und hatten nur einen
schwarzen Docht zurückgelassen. Solche schwache Köpfe sollten sich nie
darauf einlassen, auf eigene Faust nachzugrübeln, die sollten Kirchen
und Schulhäuser zeichnen und ihrem Katechismus treu bleiben.
Der Doktor hatte ja gerade keinen Grund, sich zu überheben und närrisch
zu freuen, er empfand aber auf seine Art eine gewisse Befriedigung.
Sein Materialismus behielt recht, der Zufall, daß der Postmeister zum
Blödsinnigen geworden war, stärkte die Stellung des Doktors unter den
Menschen; es war ja, als ob er das Unglück richtig vorausgesagt hätte,
niemand kam ihm gleich an Autorität, seine Behauptungen mußten zu Recht
bestehen bleiben. Wenn er nun also vom Postmeister behauptete, daß
der Glaube ihn zu Fall gebracht habe, so konnte ihn der eine und der
andere fragen: „Der Glaube?” Dann erwiderte der Doktor: „Jawohl, der
Aberglaube.” Und das mußte bestehen bleiben.
Aber eine richtige Herzensfreude hatte der Doktor jetzt so wenig als
vorher, das Leben war und blieb ein Elend, eine Gemeinheit. Wenn er
nicht von Zeit zu Zeit den Genuß gehabt hätte, einen Menschen zu
ärgern, so wäre es nicht auszuhalten gewesen. Meint man zum Beispiel,
er hätte sich etwas daraus gemacht, den Kaufmann zu wechseln? Er
hatte ja seine vieljährige Verbindung mit Konsul Johnsen aufgegeben
und war zu Konsul Davidsen übergegangen, und wohlgemerkt, das war
nicht geschehen, um Davidsen zu schaden, sondern im Gegenteil, um
seinem kleinen Kramladen aufzuhelfen. Und was wurde daraus? Es wurde
weiter gar nicht anerkannt, auch Davidsen schickte eine Rechnung.
Sie waren doch alle gleich, Davidsen war nur ein neuer Konsul. Und
überdies war Konsul Davidsen nicht einmal ein Mann, mit dem sich der
Doktor ordentlich unterhalten konnte, er gab ja keine Antwort, sondern
staunte nur, die Schlafmütze, und fand sich lächelnd darein, ordentlich
verhöhnt zu werden.
Da war der Doppelkonsul doch besser, obgleich auch er nur ein Kaufmann
und Schiffsreeder war.
Man munkelte, es müsse köstlich zugegangen sein, als der Doktor kam
und dem Doppelkonsul zum Dannebrog Glück wünschte. Er hatte zu diesem
Besuch den Apotheker mitgenommen, und beide waren sehr untertänig
gewesen. Sie waren durch den Laden ins Konsulat gegangen, was sonst
nicht ihre Gewohnheit war, hatten durch einen von den Ladenschwengeln
ihre Besuchskarten hineingeschickt, dann Hut, Stock und Galoschen
abgelegt und sich Haar und Bart mit einem Taschenkamm zurechtgemacht.
Beide Herren hatten Handschuhe an.
Der Konsul trat ihnen etwas verwundert mit den Karten in der Hand an
der Tür entgegen und fragte scherzend, ob sie Audienz haben wollten?
Bejahend verbeugten sie sich. „Na ja, dann bitte!” sagte der Konsul und
nahm die Sache immer noch leicht.
Aber als sie im Kontor angelangt waren und immer noch mit derselben
Feierlichkeit ihren Glückwunsch aussprachen, da fing der Konsul an,
selbst etwas an seinem Orden zu finden und zu denken, es sei vielleicht
dies die einzige richtige Art, wie einem Glückwunsch zur Ritterschaft
Ausdruck verliehen werden müsse, was konnte er wissen! Er wehrte sich
allerdings ein wenig und sagte: „Na ja, das ist doch nun nicht der Mühe
wert, um so formell zu sein!” Aber die beiden Besucher waren standhaft
und ließen sich nicht zu einem leichteren Tone verleiten.
Der Konsul bot den Herren Zigarren an, und sie erhoben sich und nahmen
mit tiefer Verbeugung jeder eine Zigarre, steckten sie aber nicht an.
Der Konsul wollte sich nun wohlwollend zeigen und fing von dem Postraub
an, der sich eben erst ereignet hatte. Die Herren verbeugten sich zu
allem, was er sagte, und legten großes Gewicht auf seine Worte. Noch
ging alles gut, Konsul Johnsen war ausgesucht höflich, als der größte
Mann der Stadt durfte er dem guten Ton nicht fremd gegenüberstehen.
Einer von den Ladenjünglingen trat herein und legte die Post in die
eigenen Hände des Konsuls, und der legte sie auf das Pult, ohne auch
nur einen Blick darauf zu werfen. Der Geschäftsführer Berntsen trat
ein und fragte etwas, und der Konsul erwiderte über die Achsel weg:
„Später, ich bin jetzt beschäftigt!”
Unterdessen saßen die beiden Herren mäuschenstill, es war, als ob sie
auf noch einen feineren Ton warteten. Aber da nichts mehr zu kommen
schien, fuhr wohl der Teufel in den Doktor, er wollte sich selbst auf
eine handfestere Weise eine Befriedigung verschaffen. Darum wendete er
sich nun an den Apotheker und sagte einige Worte; aus Hochachtung vor
dem Ritter sprach er leise, aber er sagte: „Wir hätten wohl eigentlich
auch unsere Schuhe draußen ausziehen sollen!”
Da begriff der Konsul; innerlich schnitt er vielleicht eine Grimasse,
aber seinem Gesicht war nichts anzusehen, als er dem Doktor antwortete:
„Sie fürchteten wohl, Sie hätten keine heilen Strümpfe an?”
Na, hatte Konsul Johnsen keine Schneid? Sein Hieb saß, der Doktor war
einen Augenblick geschlagen, dann lächelte er und sagte: „Vielleicht,
das kann wohl sein.” Aber gleich darauf ging sein Pulver los, und er
sagte: „Ich hab' übrigens meine Strümpfe und alles, was ich sonst aus
Ihrem Kramladen bezogen habe, bezahlt!”
„Wirklich?” erwiderte der Konsul in zweifelndem Ton.
„Ich kann die Quittungen vorlegen.”
„So?” erwidert der Konsul, und da der Doktor schweigt, fährt er fort:
„Ich weiß nicht, wo Sie hinauswollen.”
„Ich will nirgends hinaus,” antwortete der Doktor. „Das ist alles.”
Hier hätte der Konsul haltmachen und nicht weitergehen sollen; aber er
war wohl gekränkt, daß er auf solche Weise geuzt wurde, und so konnte
er es nicht lassen, ein wenig überlegen zu tun: „Von Ihren und anderer
Leute kleinen Einkäufen im Laden draußen weiß ich wirklich recht wenig,
das besorgt Berntsen. Ich sitze hier innen im Kontor und habe etwas
größere Entscheidungen zu treffen.”
„O, das bezweifle ich durchaus nicht,” gibt nun auch der Apotheker zu;
er wird feig und möchte gerne vermitteln.
Aber der Doktor grinst nur, kühl wie eine Hundeschnauze:
„Selbstverständlich!” sagt er. „Wir sind groß, wir sitzen hier und
disponieren, sage und schreibe, über ein kleines Frachtschiff, wir
stehen nicht selbst hinter dem Ladentisch und verkaufen Schmierseife
und Fingerhüte.” Da der Doktor hier die Luft durch die Zähne einzieht,
macht es den Eindruck, als friere er -- oder vielleicht noch mehr den,
als sei er rasend.
Der Konsul erwidert: „Es ist genau so, wie Sie sich das denken, in die
Kleinigkeiten mische ich mich nicht ein.”
„Ach, wie groß sind wir!” ruft der Doktor. „Herrgott, wie groß sind
wir, Sie und ich!”
Der Apotheker greift ein: „Nein, so war es nicht gemeint. Entschuldigen
Sie, daß ich die Sache so ansehe; was fällt Ihnen denn ein, Herr
Doktor?”
Der Doktor steht auf: „Nein, wissen Sie was, Sie Apothekerseele, Herr
...”
„Still! Die Sache ist die, Herr Konsul, wir wollten heute herkommen, um
-- wir meinten, der Doktor und ich, wir als gute Bekannte dürften uns
schon einen kleinen Scherz erlauben mit -- es ist uns natürlich nicht
eingefallen, Sie persönlich lächerlich machen zu wollen, wir wollten
nur ein wenig spaßen mit dem Orden, mit der Ritterschaft, die wohl
weder Sie noch wir sehr hoch anschlagen. Wir haben uns vielleicht etwas
verkehrt benommen, aber wir setzten voraus, wir dürften schon kommen
und sowohl Ihnen wie uns ein wenig Spaß machen.”
„Das haben Sie auch ganz richtig vorausgesetzt,” erwidert der Konsul.
„Wie Sie sehen, bin ich ja auch vom ersten Augenblick an auf den Scherz
eingegangen.”
„Daß Sie etwas so Selbstverständliches noch lange erklären mögen! Ich
bin erstaunt, Herr Apotheker!” ruft der Doktor. „Kommen Sie, wir gehen!
Adieu!”
Der Apotheker stand nun allerdings auf, aber er ließ den Doktor gehen
und fing von neuem an, dem Konsul Erklärungen zu geben, und gebrauchte
dabei äußerst höfliche Worte. Er hoffe, daß es keine Mißstimmung
zwischen guten alten Bekannten geben werde, der Doktor gehe zu weit,
das habe doch keinen Sinn, die Schuhe auszuziehen, und ein großes
Dampfschiff von einem Hafen in den andern zu dirigieren, von Genesien
den einen Tag, nach Zürich den andern -- das gehe doch beinahe über
Menschenverstand --
„Zürich ist nun eigentlich kein Seehafen,” sagt der Konsul und lächelt
überlegen.
„Na, dann nicht. Ich verstehe leider nicht viel vom Seewesen, ich
weiß nur, daß ich aus Zürich Pillen bekomme. Aber was ich sagen
wollte. Jedenfalls ist es eine Riesenarbeit, hier zu sitzen und der
Direktor von Schiffen auf dem Ozean zu sein und zugleich das größte
kaufmännische Geschäft der Stadt zu leiten. Dafür hätten der Doktor und
ich eigentlich wohl die Schuhe draußen ausziehen dürfen, das sag' ich
gerade heraus, aber wenn ich Sie recht kenne, so wäre Ihnen das nicht
angenehm gewesen. Der Doktor kann ja schon im voraus vieles verkehrt
gemacht haben, und ich möchte den Herrn Konsul bitten, es uns beiden
nicht nachzutragen.”
„Das hab' ich längst vergessen, reden Sie doch nicht so, das sollte
mir gerade fehlen, dem Doktor etwas übel zu nehmen, ich habe wirklich
anderes zu tun,” erwiderte der gutmütige Konsul Johnsen. „Da machen Sie
sich keine Gedanken darüber!”
„Was schließlich den Orden betrifft, so sind Sie ja der erste Ritter,
den die Stadt aufzuweisen hat, und es ist gewiß niemand da, der Ihnen
die wohlverdiente Ehre mißgönnt. Es ist wohl die Anerkennung dafür, daß
Sie das mit dem Wrack vor zwanzig Jahren so gut gemacht haben?”
Lächelnd sagt der Konsul: „Nun, es ist seither noch die eine und die
andere Kleinigkeit dazugekommen.”
„Natürlich. Eine ganze Menge wichtiger Dinge, nicht zum mindesten Ihre
wertvollen Berichte. Nun wird wohl auch die andere Regierung nachfolgen
-- war es nicht Bolivia?”
„Wieso? Ich bin nicht Konsul für Bolivia.”
„Verzeihen Sie.”
„Entweder Olsen oder Heiberg muß Konsul für Bolivia sein.”
„Aber sind Sie denn nicht Doppel --”
„-- konsul? Doch,” antwortet Konsul Johnsen und lacht laut über die
Verlegenheit des andern. „Ja, das versteht sich, Doppelkonsul, hahaha!
Aber es muß wirklich einer von den andern sein, der Doppelkonsul von
Bolivia ist, hahaha!”
„Ach, ich hab' ja Holland gemeint,” sagt der Apotheker ganz geknickt.
„Ich bin sehr unglücklich. Auf jeden Fall ist Ihr Ritterkreuz eine
Ehre, nicht allein für Sie, sondern auch für die ganze Stadt, wir alle
sind dadurch geehrt. Die holländische Regierung wird nun wohl auch
nicht mehr lange zaudern, Ihre Verdienste anzuerkennen.”
„Wieso? Nein, dazu liegt gar kein Grund vor. Wollen Sie nicht Ihre
Zigarre anstecken, ehe Sie gehen? Na, wie Sie wollen!”
„Die werden sich jetzt ordentlich schämen!” denkt der Konsul vielleicht
von den eben weggegangenen Herren. Und er denkt gewiß auch, daß bei
diesem ganzen dummen Besuch der Doktor jedenfalls nicht auf seine
Kosten gekommen sei. Die Herren selbst dachten vielleicht etwas ganz
anderes, Gott weiß, der Apotheker ging vielleicht aus der Tür und
grinste inwendig, und als er nachher dem Doktor von seinem „Sortie”
aus dem Doppelkonsulat berichtete, grinsten vielleicht beide Herren
gemeinsam. O, dieses Dirigieren der Schiffe auf allen Weltmeeren --
es war ja eine bekannte Sache, daß Konsul Johnsen dazu gar nicht ganz
befähigt war und daß über das Frachtschiff _Fia_ meist durch den Sohn
Scheldrup disponiert wurde.
Der Doktor schien trotzdem höchst befriedigt zu sein. Er sagte: „Bei
Licht betrachtet hat er den Hohn gar nicht begriffen. Wahrscheinlich
sitzt er in diesem Augenblick zu Hause und versucht, wie ihm der
Dannebrog steht.”
Der Apotheker meint, er habe doch begriffen.
„Begriffen? Was begreift denn der! Haben Sie Riesenarbeit gesagt?”
„Ja, ich sagte Riesenarbeit.”
„Und Bolivia und Zürich? Und er hat Sie nicht hinausgeworfen?”
„Die Weisheit kommt ihm hinterher. Er merkt es zum Schluß doch noch.”
„Keine Spur. Nein, das war ein verunglückter Einfall von uns.”
Der Doktor geht zu Grütze-Olsens. Er geht oft zu ihnen, in der
letzten Zeit beinahe jeden Tag, er hat dort etwas zu besorgen. Der
Schwiegersohn des Hauses, der Kunstmaler, war mit Frau und Kind zu
einem Sommerbesuch angekommen. Dem Kinde fehlte nichts, aber die junge
Mutter war ängstlich wie alle jungen Mütter und verlangte einen Arzt.
Der Doktor hatte nichts dagegen, in Grütze-Olsens Haus zu kommen, er
verdiente extra gut dabei und hatte angefangen, der Sache Geschmack
abzugewinnen. Hier war nicht alles gar so vornehm und abgemessen,
aber es war auch nichts zugemessen, alles war Breite und Überfluß,
es war etwas protzig und verschwenderisch. Einzelne Damenhandschuhe
trieben sich schon im Vorplatz herum, teuere Regenschirme standen mit
geknicktem Stock da. In den Zimmern herrschte keine Unordnung, aber
alles sprach von etwas zu viel Geld, die Bilderrahmen, die Teppiche,
die Möbelbezüge. Die Vorhänge hingen bis auf den Boden herunter und
breiteten sich da noch aus. Nein, hier herrschte keine Knauserei,
aber die Art der Einrichtung lenkte die Gedanken unwillkürlich auf
~selfmade~, auf neuerworbenes Geld.
„Ach was!” dachte wohl der Doktor und trank den teuern Wein und rauchte
die guten Zigarren. Hier herrschte jedenfalls gute Gesinnung und
Gastfreundschaft, und dazu der redlichste Wille, ihn anzuerkennen. Er
hatte ein weiches Plätzchen in der Sofaecke, und alles hing an seinem
Munde. Was tat's, wenn das Geld neuerworben war! Geld ist Geld, eine
Million ist nicht schlimmer als ein Tausend. Und da saß der Doktor.
Er war ja nicht der Mann, der sich imponieren ließ, aber er sah in
dieser Umgebung doch etwas kahl aus, sein gestärktes Vorhemd knarrte
etwas aufreizend auf seiner Brust, und die Manschetten mußte er mit
den kleinen Fingern zurückhalten, sonst rutschten sie ihm vor auf die
Knöchel.
„Nein, dem Kinde fehlt auch heute nichts,” sagt er. „Sie bekommt
nur noch ein paar Zähne mehr, um ihrer schönen Mutter auch darin zu
gleichen.”
Die junge Frau sagt mit tiefem Erröten: „Nun, das ist ja gut. Wir haben
uns wieder so um sie gesorgt. Das komischste dabei aber ist, daß nicht
ich am ängstlichsten gewesen bin.”
Konsul Olsen fragt: „Wer war denn am ängstlichsten?”
„Du, Vater! Das mußt du doch zugeben.”
Der Konsul entschuldigt sich: „Ich war nicht ängstlich, aber ich sah
nicht ein, warum das Kind Schmerzen haben sollte, wenn doch zu helfen
war. Sie ist nach mir genannt, Herr Doktor.”
„Das erklärt viel!” sagt der Doktor.
Hier war der Doktor ein anderer Mann, er hatte nicht nötig, immer
auf der Hut zu sein und Nadelstiche auszuteilen, hier hatte man die
nötige Hochachtung vor ihm, auch ohne das. Hier trat er freundlich und
herablassend auf, er machte sich's sozusagen bequem. Im Bewußtsein, daß
er der Überlegene war, vertiefte er die Kluft zwischen sich und diesen
Menschen nicht noch mehr. Hier im Hause herrschte außerdem gute Laune,
es schmeckte zur Abwechslung nicht armselig. Der Doktor war in dieser
Beziehung von Hause nicht verwöhnt, hier war Lachen und Gesundheit, und
natürlich war hier auch einige kindische Vornehmheit.
Fortwährend gingen Leute aus und ein. Außer dem Schwiegersohn mit
seiner Familie hatten sie auch noch Besuch von dem andern Kunstmaler,
dem Tünchersohn; o sie hatten ihn mitgenommen, er war allerdings
nicht in die Familie eingeheiratet wie sein Kollege, aber auch er
war willkommen und bewohnte ein Mansardenzimmer mit Teppichen und
Vorhängen, die bis auf den Fußboden herunterhingen.
Und nun wollte dieser Tüncher das Bildnis des Doktors malen.
„Was wollen Sie denn damit?” fragte der Doktor aufrichtig. „Ich kann es
nicht kaufen, und jemand anders wird es Ihnen auch nicht abkaufen.”
„Ich will Sie um Ihres Gesichtes willen malen,” antwortete der Maler.
„Auf Lohn wird nicht gesehen!” fügt er munter hinzu. Dieser Tünchersohn
war gar nicht so übel, er konnte zuweilen recht schlagfertig sein, er
war leicht entzündlich und immer verliebt, hatte auch ein ehrliches
Gesicht, aber seine Hände waren groß und ungeschlacht, der Doktor
betrachtete diese Hände mit Widerwillen.
„Ja, malen Sie nur!” sagte der Doktor und tat gleichgültig.
„Danke! Aber ich will Sie in Ihrem Studierzimmer malen, umgeben von
Arzneikolben und dicken Büchern, versunken in Ihre Wissenschaft.”
Der Doktor zuckte sichtlich zusammen. Das war einmal ein merkwürdiger
Künstler, welches Verständnis für einen Gelehrten und dessen Tätigkeit!
Der Doktor war augenscheinlich gerührt, eine schwache Röte stieg ihm in
die Wangen, und er trank sein Glas aus, um das zu verbergen.
Ja, hier in Grütze-Olsens Haus hatte er es gut!