„Gute Nacht! So, Sie wollen zu Bett? Da war übrigens noch eine andere

Sache. Ich frage mich, ob nicht vielleicht die Engländer ihren eigenen

Gott haben, einen englischen Gott, wie sie auch ihr eigenes Gepräge

haben. Könnten Sie sich sonst erklären, daß sie unablässig auf der

ganzen Welt Eroberungskriege führen, und nachher, wenn sie gesiegt

haben, meinen, sie hätten eine gute und hochherzige Tat vollbracht?

Sie verlangen von allen Menschen, daß sie es so auffassen, sie danken

ihrem englischen Gott dafür, daß die Untat gelungen ist, sie werden

fromm davon. Und nun erlebt man den merkwürdigen Zug an den Engländern,

daß sie voraussetzen, auch andere Völker werden sich dessen freuen,

was sie getan haben: ‚_Nun_ müssen doch die Menschen gut werden,’

sagen sie, ‚laßt nun die Gerechtigkeit walten, werdet fromm!’ Andern

Völkern kommt es merkwürdig vor, daß die Engländer nicht ihre Augen

niederschlagen; sie müssen unbedingt ihren eigenen Gott haben, der mit

ihnen zufrieden ist und ihnen Rechtfertigung erteilt. Sie schreiben

in die Zeitungen, jetzt sei der Augenblick gekommen, jetzt müßte die

Menschheit anders werden, sie machen es zu ihrem Programm: ‚Kommt

jetzt, wir wollen uns hinsetzen und fromm werden,’ sagen sie, ‚was

haben wir denn sonst zu tun? O, wie ganz anders müssen die Menschen

nun werden, alle müssen anders werden als zuvor, andere Bilder müßten

an die Wände, andere Bücher auf die Bücherbretter, andere Prediger in

die Kirchen, wir müssen ein anderes Volksgewissen bekommen. Und ein

anderes Zusammenleben unter den Menschen, andere Einrichtungen in den

Häusern, eine andere Wissenschaft, eine andere Menschenliebe, eine

andere Gottesfurcht -- kurz gesagt, jetzt soll es ein anderes Paar

Stiefel werden!’ Warum? Weil die Engländer selbst anders geworden sind?

Die Engländer werden niemals anders. Weil die Menschheit sich plötzlich

gegen früher verändert hat? Die Menschheit wird nur ungeheuer langsam

und nach vielen, vielen Erdenleben anders, als sie gewesen ist” --

Der Postmeister schaut auf, es ist niemand bei ihm, Davidsen ist

fort. Wahrscheinlich ist Davidsen so lange stehen geblieben, als er

vermochte, und hat sich dann gerettet. Es ist nicht das erstemal, daß

jemand diesem Prediger aus der Kirche gelaufen ist, seine Gemeinde läßt

ihn oftmals im Stich. Eine Gemeinde zieht die Verkündigung vor, die

sie erwartet; der Postmeister verkündigt das Unerwartete, er ist einer

gegen die ganze Gemeinde. Gesenkten Hauptes geht der Postmeister nach

Hause, die Hintertür steht offen wie gewöhnlich, und er tritt in den

Gang. An der andern Wand bewegt sich etwas, er hebt die Laterne und

sieht einen Mann.

Einen Mann. Einen Fremden in den dreißiger Jahren, einen Unbekannten

mit dünnem dunkelm Vollbart, er hat einen Gummimantel an, der mit einem

Lederriemen um den Leib zusammengehalten ist.

Einige Sekunden starren sie einander an, ihr Zusammentreffen überrascht

wohl beide; dann greift der Mann zu dem Ausweg, nach einem Regenschirm

zu schauen, der an der Wand hängt, sieht dann den Postmeister an und

dann wieder den Regenschirm. Er macht einen ganz jämmerlich verwirrten

Eindruck. Dieser Regenschirm -- es ist gerade, als ob er sich nicht

erinnern könne, wann er ihn hier aufgehängt habe.

Bekommt er denn nicht ein wenig Hilfe von dem Postmeister? Wieso denn?

-- Von dem Postmeister, der sich selbst nicht mehr helfen kann; er ist

mit dem Rücken an die Wand gesunken und steht da und hält die Laterne

in die Höhe.

Jetzt nimmt der Fremde den Regenschirm herab und fängt in einer Art

von Verzweiflung eine Erklärung an, die sonderbar lautete, unheimlich

lautete; war der Mensch rasend oder betrunken? Er spricht englisch, die

Worte sind da, aber der Mann ist verrückt, er versucht, ob sich der

Regenschirm aufspannen läßt und spricht mit ihm: „Zahnarzt!” sagt er.

„Das mein' ich. Wie sagt man denn weiter? Haben Sie verstanden?”

Der Postmeister ist starr und blaß wie eine Leiche. Gleich zu Anfang

war ein frohes Leuchten über sein Gesicht geglitten; es war, als ob

er den Mann kennte und mit ihm sprechen wollte, dann hielt er inne

und überlegte, er mußte wohl seinen Irrtum eingesehen haben und wurde

wieder ganz starr.

Versteht er denn die Sprache nicht? Doch, gewiß, er hat an diesem

Abend schon mit dem englischen Kapitän und mit dem Steuermann in deren

Sprache geradebrecht. Hat er nichts zu sagen? Vielleicht hat er zu viel

zu sagen! Als der Fremde der Tür zugleitet, flüstert der Postmeister:

„Wart ein wenig!”

„Der Zahnarzt!” sagt der Mann. „Begreifen Sie nicht? Ich bin verrückt

vor Zahnweh. Wohnt er nicht hier? Ich sah ein Schild --”

Der Postmeister flüstert: „Ich hatte einen Sohn --”

„Der bin ich nicht,” antwortet der Mann und will weiter.

„Wo sind Sie her?”

„Weg da!” befiehlt der Mann.

Der Postmeister sagt mit niedergeschlagenen Augen: „Haben Sie einen

Regenschirm gehabt, als Sie herkamen?”

Der Mann scheint zu überlegen: „Hab' ich keinen gehabt? Dann --”

Aber plötzlich denkt nun wohl der Postmeister an die Tür zum innern

Kontor, wo die Wertbriefe sind, das Wichtigste von allem; die Tür ist

nicht mehr verschlossen, sie steht ein Spältchen auf. Der Postmeister

eilt hinein, und gleich darauf ist ein Stöhnen zu hören.

Nachdem der Fremde in den Hof hinausgetreten war, blieb er plötzlich

stehen, wartete einen Augenblick und kehrte dann zurück. Er trat

wieder in den Gang und hängte den Regenschirm an seinen Platz. Durch

die offene Tür sah er den Postmeister drinnen. Er lag zurückgelehnt in

seinem Sessel. Die brennende Laterne stand neben ihm.

Da geht der Fremde wieder auf die Straße hinaus und fängt an zu laufen.

Es stürmt und regnet. Oliver ist vom Bollwerk heraufgekommen und sieht

diesen Mann an sich vorbeijagen. „Das ist ja der zweite Steuermann,”

denkt er. „Der muß ja entsetzliches Zahnweh haben.” „Hallo!” ruft er

und will ihn an sein Geld erinnern. Aber der Mann läuft nur immer

weiter.

Was -- das wird Oliver doch verdächtig. Was hatte der zweite

Steuermann jetzt an Land zu schaffen? Zur Flutzeit heut nacht würde

sich wahrscheinlich der Wind drehen und der Sturm sich legen, dann

würde sein Schiff abfahren, wußte er das noch nicht? Oliver ruft ihm

noch einmal nach, aber vergebens. Da läuft er wahrhaftig dem zweiten

Steuermann auf der Landstraße nach, und es ist unglaublich, was für

Sprünge er macht mit Hilfe seiner Krücke. Wenn es gilt, kann Oliver

mehr als Schritt halten. Und jetzt gilt es sein Geld.

Er holt den Läufer ein und sieht, wie er stehen bleibt und eine Art von

Signal gibt -- es ist gerade da, wo das freie Feld aufhört und der Weg

in den Wald hineinführt, in den dichten Wald hinein, und gerade daher

ist ein Signal zu hören. Oliver hört auch eine Antwort darauf. „Für

Schürzenjägerei ist jetzt nicht das richtige Wetter,” denkt Oliver; „es

muß etwas anderes vorgehen, was kann es sein?” Er hüpft weiter bis zu

den ersten Bäumen und versteckt sich dort.

Da sieht er ein paar Gestalten zu dem zweiten Steuermann auf den Weg

heraustreten, nun bleiben sie stehen und stecken mit dem Steuermann die

Köpfe zusammen. Das ist sehr geheimnisvoll, sehr merkwürdig. Da der

Wind zu ihm hersteht, konnte er wohl den Ton ihres Gespräches hören,

aber er versteht nichts, sie reden also nichts oder sie flüstern. Die

dort sind wie Gespenster, sie bewegen sich, sehen einander vielleicht

an, handeln und wandeln, aber sie schweigen. Oliver findet das Ganze

recht unheimlich, er wäre gerne fortgegangen, wenn ihn nicht die Sorge

um sein Geld festgehalten hätte.

Die Zeit vergeht, Mitternacht ist vorbei, die Flut ist da, der Wind

schlägt um, und plötzlich macht sich Unruhe und Eile in dem Trüppchen

dort bemerkbar, die Gespenster kommen auf Oliver zu, und er hört,

daß sie dennoch sprechen. Zwei sind es außer dem zweiten Steuermann,

ein Frauenzimmer und eine langbärtige Mannsperson. Als sie dicht bei

ihm sind, macht Oliver einen Satz auf den Weg heraus. Aus der Gruppe

schallt ihm ein Aufschrei entgegen. Der zweite Steuermann scheint

weitereilen zu wollen, aber Oliver spricht ihn an und verlangt sein

Geld.

„Komm an Bord!” antwortet ihm der zweite Steuermann, besinnt sich

aber im nächsten Augenblick, greift ungeduldig in seinen ~waterproof~

und zieht Geld heraus, Scheine, viele Banknoten. Weil es finster ist,

streicht der Langbart ein Streichholz an und leuchtet ihm.

Da ertönen von der See her drei kurze Stöße in einer Sirene, das ist

der Engländer, der seiner Mannschaft pfeift. Der zweite Steuermann

fängt an zu laufen.

Merkwürdig, in diesem Augenblick ist Oliver weniger von seinen

Geldscheinen hingenommen als von seiner Gesellschaft. Natürlich

verliert er nicht den Kopf, er steckt das Geld in die Tasche und

verwahrt es wohl, aber dann ist er aufs äußerste erstaunt über die

Frau, die hier mit dabei ist. „Gehst du aus an solch einem Abend?”

fragt er sie und nennt ihren Namen.

„Ja,” erwidert sie verwirrt.

Ach, sie hatte wohl in der Finsternis sicher zu sein gemeint, allein

ein Streichholz hatte sie verraten; jetzt schwankt sie wie völlig

ratlos und antwortet dieses Ja gezwungenermaßen.

Was folgt weiter? Oliver ist Oliver. Sein Kopf fängt an zu arbeiten,

die Stunde ist gerade die richtige für einen Mann wie ihn: die finstere

Nacht, das Geheimnis dieses vielen Geldes in einem ~waterproof~,

diese geheime Zusammenkunft an einem abgelegenen Orte, endlich das

Frauenzimmer -- ja, sie war's, Schmied Carlsens Tochter, die Witfrau,

die ihrem Vater haushält. Oliver hatte übrigens bis jetzt nie etwas

Schlimmes von ihr gehört, aber sie schlug doch vielleicht ihrer

Schwester und ihrem Bruder, dem Landstreicher, nach, Schmied Carlsen

hatte Unglück mit seinen Kindern. Was hatte die Tochter an diesem Abend

hier draußen zu suchen?

„Ich hab' dich gesehen,” sagt Oliver.

Er bekommt keine Antwort darauf. Und wenn Oliver gehofft hatte, es

werde ein Vorteil für ihn sein, daß er an diesem Abend zum Mitwisser

eines Geheimnisses geworden war, so hatte er sich getäuscht.

„Was wolltest du hier?” fragt er.

Doch nun greift der langbärtige Mann ein und sagt: „Wir haben Duette

gesungen. Und was tust du selbst hier?”

„Ich? Du hast es ja gesehen; ich hab' mein Geld in Empfang genommen.”

„Dein Geld? Ja. War es nicht für Eiderdaunen?”

„Ach so, das weißt du?”

„Ja, das weiß ich.”

Oliver wandte sich an die Witwe. „Wen hast du da bei dir? Ist es dein

Liebster?”

„Und wenn es so wäre?” versetzt der Mann auf eine sehr deutliche Art,

indem er einen Schritt näher auf Oliver zutritt.

Oliver weicht zurück und sagt: „Ich wollte nur hören, wo du her bist.

Ich kenn' dich wohl kaum, oder wie? Kenn' ich dich?”

„Wo ich her bin? Ich bin ungefähr daher, wo auch deine Daunen her sind,

haha!”

Jetzt begreift Oliver wohl, daß er hier nichts ausrichten kann, und da

wird er wie ein Lamm: „Ich hab' keine Daunennester. Diese Daunen hab'

ich mir in mehr als zwanzig Jahren allmählich zusammengekauft, das kann

ich dir sagen. Nein, leider bin ich kein Mann, der Daunennester haben

kann, ich bin ein Krüppel, wie du siehst.”

Der langbärtige Mann muß sich sehr sicher fühlen, oder er tut

wenigstens so, wenn er es nicht ist; er kümmert sich überhaupt nicht

mehr um Oliver, sondern wendet sich an die Witwe und plaudert ganz

gleichgültig mit ihr: „Es hätte gar nicht besser gehen können! Jetzt

hat es aufgehört zu regnen! Er muß nun bald bei seinem Boot sein.”

„Ja.”

„Sie können ohne ihn nicht abfahren, sonst sind sie aufgeschmissen.

Nein, es hätte wirklich kein Tüpfelchen besser gehen können. Jetzt

wäre er schon an Bord, wenn er nicht aufgehalten worden wäre, das Geld

abzuzählen. Hat man schon so etwas erlebt! Eiderdaunen! Gestohlenes

Gut! Aber es hätte nicht besser gehen können. Friert dich?”

„Nein.”

„So sei doch nicht so verzagt, was fehlt dir denn? Er fährt ab, und wir

bleiben zurück, das ist alles. Ein kecker Kerl!”

„Er hatte schlimmes Zahnweh heut abend,” bemerkte Oliver, um sich

einzuschmeicheln.

Der Mann kümmert sich nicht um ihn und fährt fort: „Aber was wir für

ein Schweinewetter gehabt haben, als wir in aller Unschuld hier draußen

mit ihm zusammentreffen wollten! Warum hast du seinen Gummimantel nicht

angenommen, als er ihn dir anbot?”

„Ich wollt' ihn nicht.”

„Nein, du wolltest ihn nicht. Aber von seiner Seite war es jedenfalls

harmlos gemeint.”

„Ich nehm' nichts von ihm,” sagt sie.

Schweigen. Plötzlich sagt der Mann lachend: „Ist er denn nicht dein

Liebster? Was redest du denn?”

„O schweig!”

„Ich denke, es steht dir frei, mit deinem Liebsten zusammenzutreffen!

Übrigens hat keines von uns etwas dabei zu sagen, wir sind harmlos

unseres Weges dahergekommen und haben ihn zufällig getroffen. Mehr ist

nicht dabei. Aber wollen wir hier auf dem Wege stehen bleiben?”

„Wenn ich alles gewußt hätte --” sagt sie.

Jetzt tut der langbärtige Mann etwas Unerwartetes und Lustiges, er

zieht eine Mundharmonika aus der Tasche und fängt an, eine Weise zu

spielen. Er tut das vielleicht, um sie aufzumuntern, vielleicht auch,

um seine eigene Sorglosigkeit anzudeuten, die Harmlosigkeit seiner

Gegenwart auf der Straße mitten in der Nacht ins Licht zu rücken. Es

ist unglaublich, daß er jetzt spielt, aber es ist kein Irrtum möglich,

Oliver hört die Musik mit seinen eigenen Ohren. Und wieder, um sich

einzuschmeicheln und mit dem Mann gut Freund zu werden, ruft Oliver:

„Das ist großartig, Gott steh mir bei!” Er schleicht sich hinüber zu

der Witwe und spricht: „Ich bin zu meiner Zeit in der ganzen Welt

herumgekommen, aber so etwas wie dieses Spiel --”

Der Mann hält inne, wendet sich an Oliver und fragt: „Worauf wartest

du?”

Der Krüppel merkt deutlich, daß er von diesem Manne nicht geliebt wird,

und erwidert darum: „Auf nichts. Ich glaub', ich geh' jetzt hinunter

und seh' zu, wie das Schiff die Anker lichtet.”

Der Mann fängt wieder an zu spielen.

Aber damit hatte er einen Fehler gemacht, er war zu dreist gewesen,

sein Spiel weckt in Oliver einen Verdacht. Natürlich kannte er jetzt

diesen Landstreicher; wenn er es sich näher überlegte, erinnerte er

sich an dieses Spiel von seinen Jugendtagen her, außerdem erinnerte

er sich an die Legenden über diesen Spielmann; er war ein Kind der

Stadt, Schmied Carlsens Sohn, der Künstler auf der Mundharmonika,

der Landstreicher, der bei allen Weg- und Eisenbahnarbeiten im Lande

zu finden war. Was führte er nur jetzt im Schilde? Er hatte seine

Schwester bei sich, sein Bruder Adolf war an Bord des Engländers,

der mit der Schiffskiste -- o, eine Bande von Geschwistern, alle

beieinander! Es ärgerte Oliver, daß er ihnen nicht ins Gesicht hatte

sagen können, was er von ihnen wußte.

In tiefen Gedanken ging er nach Hause. Da hatte er einen großen

Wirrwarr aufzulösen, und Gott mochte wissen, ob er, im ganzen genommen,

einen Vorteil davon hatte, sich noch weiter um die Sache zu kümmern.

Den zweiten Steuermann kannte er durchaus nicht, und vielleicht war

dieser überhaupt die wichtigste Person von allen. Außerdem hatte sich

Oliver über sein eigenes Geschäft zu freuen; seine Tasche strotzte

von Geld, es war der Lohn für sein fleißiges Hinausrudern zu den

Vogelnestern Jahr um Jahr.

Er war beinahe zu Hause, als der Engländer eine lange Weile in die

Sirene blies und vom Bollwerk abfuhr.

Alles in allem ein Tag reich an Erlebnissen; beinahe konnte er sich

mit jenem denkwürdigen Tage messen, wo Oliver mit dem Wrack vom Meere

hereinkam. Oliver hätte auch nichts dagegen gehabt, wenn er jetzt nach

Hause kam, etwas großsprecherisch und verdienstvoll aufzutreten. Hier

war also der Mann für seinen Hut, der Spürhund mit dem verteufelt guten

Kopf. Er kam mit Geld, Geheimnissen, Wissen. Aber es war nichts zu

machen, das Haus schlief, Petra schlief. Na ja, gewöhnlich war sie doch

auch nicht seine Vertraute, das sollte ihm einfallen! Aber in diesem

Augenblick hätte er sich gern ihr gegenüber mit seinen Geheimnissen

dick getan und ihr ein bißchen etwas zugeflüstert, worüber sie hätte

nachsinnen können, bis sie blau wurde. Jawohl, aber Petra schlief. Sie

war wohl müde, die arme Haut, es war einer von den Abenden, wo sie

wieder zu Rechtsanwalt Fredriksen hatte gehen müssen, um wegen des

Hauses zu verhandeln, sie war wohl noch gar nicht lange heimgekommen

und eben erst sanft und selig eingeschlafen.

Oliver weckt sie, indem er absichtlich seine Krücke auf den Boden

fallen läßt. Und im Gedanken daran, was er in dieser Stunde alles zu

bedeuten habe, sagt er in unzufriedenem Tone: „Du hättest wohl etwas

Warmes für mich in Bereitschaft haben können, wenn ich nach einem

wichtigen Geschäft nach Hause komme; ich bin ganz durchfroren.”

Petra ist wohl seiner Aufschneiderei und Prahlerei über wichtige

Geschäfte herzlich überdrüssig, sie erwidert ärgerlich: „Etwas Warmes?

Ich hab' auch nichts Warmes vorgefunden, als ich nach Hause kam.”

„So, du bist aus gewesen?”

„Ich hab' doch wieder zum Rechtsanwalt gehen müssen!”

„Wirst du denn niemals fertig mit dem Rechtsanwalt?” ruft er hitzig.

Keine Antwort.

„Und was, um Himmels willen, habt ihr denn noch immer zu besprechen?

Eine Woche um die andere vergeht, und es kommt nichts zustande. Zum

Henker noch einmal! Aber jetzt soll er nur zusehen! Wenn er mich

einmal fuchtig macht, dann stopf' ich sein Maul mit Geld! Das glaubst

du nicht? Es ist mir wurst, was du glaubst, du kennst mich noch lange

nicht, und so kahl, wie ihr beide meint, bin ich auch nicht --”

Keine Antwort.

Da war nichts zu machen. Aber Oliver will es nun auch noch mit etwas

mehr Freundlichkeit versuchen und sagt als Einleitung: „Ja, ja, jetzt

ist also der Engländer abgefahren!”

Petra schläft.

Nein, die Stunde war völlig verdorben, ihre Größe und die Feierlichkeit

zunichte gemacht. Na, das war ja eine Freude, auf diese Weise mit einem

Vermögen in der Tasche zu seiner Familie nach Hause zu kommen!

Er zog seine nassen Kleider aus, schnallte den Stelzfuß ab und legte

sich neben seine Frau -- wie eine Insel neben einer Insel. Anders ist

das gar nicht zu sagen. Sie ist ohne jede Schwachheit, und ihr in Ruhe

befindlicher Körper atmet schwer und ruhig, es ist finster, und er kann

sie nicht sehen, aber sie ist warm und riecht behaglich, sie liegt

freundlich an der Seite, um ihm Platz zu lassen. Seine nächtlichen

Abenteuer beschäftigen Oliver andauernd, die Stunden vergehen, und als

es soweit Tag geworden ist, daß er zur Not sehen kann, greift er nach

seinem Geld und zählt, den Rücken nach dem Bett gewendet, heimlich

seine Scheine.

Am Morgen will er vor lauter Kränkung gegen Petra keinen Ton verlauten

lassen; eine Frau, die die große Gelegenheit, etwas zu erfahren,

verschlafen hat, ist nichts Besseres wert. Aber er hatte gar nichts

davon, denn es ging wahrhaftig so, daß Petra selbst von einem

unerhörten Ereignis Kunde brachte: sie kam vom Brunnen und hatte den

Eimer noch nicht abgestellt, als sie schon erzählte, das Posthaus sei

heute nacht ausgeraubt worden; den Postmeister habe man auf einer

Haustreppe weit draußen in der Stadt gefunden. Er habe da ohne Hut

gesessen und sei nicht recht bei Verstand.

Zu jeder andern Zeit hätte Oliver da augenblicklich zu seiner Krücke

gegriffen und wäre in die Stadt gehumpelt; aber der Ärger darüber, daß

ihn Petra in der Nacht um seinen Triumph gebracht hatte, hielt ihn

zurück. Er wollte jetzt lieber auch keine Spur von Überraschung über

ihre Erzählung, über ihre Räubergeschichte an den Tag legen, nein,

nein, weit entfernt! Er frühstückt weiter, und Petra ist in tausend

Qualen, weil er sie nicht ausfragt. Wie sie rasend und immer rasender

wird! Es scheint, daß sie sich selbst gelobt hat, ihm keinen Kaffee

mehr einzuschenken, obgleich seine Tasse leer ist; mag er doch für sich

selbst sorgen! Endlich sagt sie: „Na, hast du heut nacht die Sprache

verloren?”

„Die Sprache verloren?” erwidert er sehr verwundert.

„Mach, was du willst!”

„Wovon sollt' ich denn reden?” fragt er. „Was meinst du denn?”

„Dann hast du wohl nicht gehört, was ich erzählt habe?”

„Was -- der Dreck? Ich weiß viel mehr als das!”

Sie schaut ihn an, und es kommt ihr ein Gedanke: „Du bist doch wohl

nicht selbst dabei gewesen und bist mit darein verwickelt?”

Das war ja nett, hier saß er und sah so unschuldig aus wie ein Kind,

und hatte reine Hände, und dennoch sollte sich ein solcher Verdacht an

ihn heften! Er räusperte sich mit Würde und sagte: „Willst du wohl das

Maul halten?”

„Ich hab' ja nur gefragt. Es war nicht schlimm gemeint.”

„Du, nimm dein Maul in acht!” wiederholt er und steht auf.

Allerdings, Petra war sehr ergrimmt darüber, daß er ihre große

Neuigkeit so gar nicht anschlug, ihre gewaltige Neuigkeit; aber da er

seine Krücke in greifbarer Nähe hat, findet sie es geratener, zu gehen,

als zu bleiben; sie wirft den Kopf in den Nacken und begibt sich mit

ihrer Neuigkeit in die Stube zur Großmutter.

Oliver ißt sich satt und geht dann von Hause fort.

Da die ganze Stadt wegen der Ereignisse der letzten Stunden vollständig

verstört ist, kommt im Lagerhaus kein Betrieb in Gang, und Oliver

hat die beste Gelegenheit, seinen Gedanken nachzuhängen. Das war ein

Glück, daß er in der Nacht nicht dazugekommen war, etwas zu offenbaren,

eine Fügung Gottes, Petra hätte es wichtig gehabt, jedes Wort

weiterzutragen, und hätte ihn in den Postraub mit hineinverwickelt. Und

es hätte vielleicht wegen des Eiderdaunengeldes trotz seiner Unschuld

gespukt. Jetzt hieß es vorsichtig sein, vorerst keine großen Ausgaben

zu machen, keine allzuschönen Kleider anzuschaffen, gar keinen Putz,

der hellrote Schlips im Schaufenster des Stickereigeschäfts durfte also

nicht seinen Hals zieren.

Oliver überlegte sich alles ganz genau: einen Teil des geraubten Geldes

hatte er in der Tasche, daran konnte er nicht zweifeln, aber er hatte

es nicht geraubt, Gott war sein Zeuge. Schmied Carlsens Kinder konnten

vielleicht einige Aufklärung in der Sache geben, wenn sie angezeigt

wurden, aber Oliver hatte nicht im Sinn, sie anzuzeigen, das fehlte

gerade noch! Alle Umstände sprachen dagegen, erstens schon der, daß

Abel bei dem Schmied in der Lehre war und die Witwe dort dem Haushalt

vorstand. Und war nicht der Schmied selbst sein Meister? Oliver hatte

Vatergefühl genug, daß er seinen Sohn nicht ins Unglück stürzen wollte.

Übrigens konnten die Schmiedskinder leicht auch unschuldig sein, wer

konnte das sagen, vielleicht wußte der fremde zweite Steuermann am

meisten von der Sache, und wer kannte den?

O, dieser zweite Steuermann und dieser Adolf mit der Schiffskiste

waren vielleicht die schlimmsten Verbrecher! Hatten sie denn nicht

auch Oliver gebeten, seine Frau mit auf den Engländer zu bringen, sie

würden sie nicht fressen! Aber Oliver hatte glücklicherweise Petra

nicht mitgenommen und sie, wer weiß was, ausgesetzt, er gehörte nicht

zu denen, die ihre Frau zu einem andern mitnehmen. Und nun zeigte es

sich, daß ihn sein Schicklichkeitsgefühl ganz richtig geleitet hatte,

sie hätte in eine wahre Räuberhöhle geraten können. --

In der Stadt schwirrten die unglaublichsten Gerüchte durcheinander,

die Zeitung brachte einen Artikel, der von einem Manne, dem das Wort

zu Gebot stand, geschrieben sein mußte, der Polizei-Carlsen war an

allen Ecken und Enden und untersuchte, denn aus dem Postmeister war

keine richtige Aufklärung herauszubringen; er saß niedergeschlagen und

völlig fassungslos da und starrte zu Boden. Zuerst gab er eine Art

Beschreibung eines fremden Mannes, den er auf dem Flur des Postkontors

gegen zwölf Uhr in der Nacht getroffen habe; der Mann sei alt gewesen,

habe einen langen grauen Bart gehabt, vielleicht auch eine Maske

getragen; er habe englisch gesprochen. Bei einem späteren Verhör

änderte der Postmeister seine Aussage: Der Fremde sei vielleicht gar

nicht alt gewesen, sondern im Gegenteil jung, er wäre nicht imstande

gewesen, ihn zu überwältigen. Der Mann habe keinen Regenschirm gehabt.

Kurzum, der Postmeister redete nur Unsinn und verwirrte alle. Er war

blödsinnig geworden, vom Schlag getroffen, der Doktor war bei ihm und

stellte eine Hirnblutung und geistigen Stumpfsinn fest. Herrgott, ein

Mann, der vorher Türme und Häuser mit Säulen hatte zeichnen können!

Und in der Stadt schwirrten die Gerüchte umher. Es wäre Unrecht

gewesen, zu behaupten, daß die Leute dem Polizei-Carlsen und den

Behörden nicht mit Nachforschungen an die Hand gegangen wären, in

den ersten Tagen ließen sie sogar so gut wie alles liegen und stehen

und opferten sich dieser Sache völlig auf. Und in diesem großen

Aufruhr ertrank eine andere Neuigkeit vollständig, die sonst wohl die

allgemeine Aufmerksamkeit verdient hätte, die nämlich, daß Konsul C.

A. Johnsen das Ritterkreuz des Dannebrogs bekommen hatte. Wer war

von dieser Ehre ganz hingenommen, wer erwähnte sie? Ein Bericht von

ein paar Zeilen in der Zeitung, ein zufälliger Glückwunsch von dem

einen und andern Stadtkind, das gerade daran dachte. Frau Konsul

Johnsen aber, ja, sie legte mehr Wert auf die Auszeichnung, und sie

telegraphierte sowohl an Scheldrup, der jetzt in Neu-Orleans war, als

an Fia, die sich in Paris befand.

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Die Weiber am Brunnen: Roman · 第 22 / 35 段