hoffen, daß du die Sache in Ordnung bringst. Daß du ihm auf alles
ordentlich dienst, was er zu dir sagt, das Untier.”
Dann geht er wieder zum Haus hinaus. Dieser Engländer beschäftigt ihn
vollständig, sein Seemannsherz sehnt sich hinunter ans Bollwerk zu
dem fremden Dampfer, er will ihn in der Nähe sehen, will ihn riechen,
ein Seeschiff vom Ausland, englische Sprache, halbnackte Heizer, der
Schiffer hoch oben auf der Kommandobrücke. Am Bollwerk trifft er
viele neugierige Stadtkinder, er trifft den Fischer Jörgen und den
unvermeidlichen Olaus vom Wiesenrain mit der Pfeife im Mund.
„Schön, daß du kommst!” sagt Olaus. „Du kannst mir dazu verhelfen, daß
ich Tabak in meine Pfeife bekomme. Sie verstehen nicht, was ich ihnen
zurufe.”
Oliver hat nichts dagegen, den Mann zu spielen, der Englisch kann, und
als jetzt ein Gangbrett ausgelegt wird, geht er an Bord. Aber Olaus
ist so unbedingt der alte Olaus, er spottet über den Tabak, den sie
bekommen, es sei ja nicht mehr, als was auf einen Fingernagel gehe,
und besseren habe er auch schon kennen gelernt. „Pfui Teufel! Ist denn
niemand da, der einen guten, starken Tabak hat? Wo ist der Steuermann?”
Da ist es gerade, als ob der englische Matrose die norwegischen Worte
verstünde; aber er liest den Sinn doch wohl nur von Olaus unzufriedenem
Gesicht ab, er steckt kurz und gut seine Pfeife ein und geht fort.
Oliver sieht ihm nach, und eine unbestimmte Erinnerung fährt ihm durch
den Sinn. Diesen fremden Seemann hat er früher schon einmal getroffen,
oder jedenfalls einen, der ihm ähnlich sieht. Er konnte ihn in einer
Hafenstadt, auf der Straße, irgendwo oder in einem Heuerkontor gesehen
haben; aber wo? Die Welt ist so groß und weit, und Oliver ist überall
gewesen.
Er trifft einen andern von der Mannschaft und spricht sein beinahe
vergessenes Englisch mit ihm, erfährt, wo das Schiff herkommt und für
wen in der Stadt es bestimmt ist, alles ist ihm wichtig und versetzt
ihn in sein früheres Leben auf der See zurück. Er erfährt, wieviel das
Schiff laden kann, wieviel Mann Besatzung es hat, wie alt der Kapitän
ist und wie lange sie von der Ostsee bis hierher gebraucht haben. Dafür
berichtet Oliver, was er selbst ist, ein alter Seemann, er fing schon
an, als er erst eine Spanne lang war, war aber Vollmatrose gewesen,
als das Unglück ihn traf, als die Trantonne kam und ihm die Knochen
zerschmetterte. Na, das sei schon eine Weile her, und vor einigen
Jahren habe er, er so gut wie ganz allein, ein großes Wrack geborgen,
das sei zum Exempel nicht so wenig für einen Krüppel, er sei darum auch
in die Zeitung gekommen. Seit vielen Jahren sei er jetzt Aufseher in
Konsul Johnsens Lagerhaus dort drüben, er sei verheiratet und habe mit
seiner Frau vier Kinder gehabt, einer von den Jungen sei Student.
Olaus vom Wiesenrain wird dieses Geschwätz in einer ihm
unverständlichen Sprache langweilig, er geht an Land. Der Engländer
ist geduldiger, und es zeigt sich zum Schluß, daß er der Steuermann
ist, der zweite Steuermann, er ist nicht fein und geleckt, sondern
im Gegenteil ein Kernmensch, er zeigt sogar ein wenig Teilnahme für
das winzige Städtchen, in dem er jetzt eine Weile liegen muß, um zu
löschen. Oliver bekommt den besten Eindruck von ihm.
Als er wieder an Land geht, ist er vollgestopft mit Wissen und kann
seine Bekannten um sich versammeln und Bericht erstatten. Der Fischer
Jörgen ist ein getreuer Zuhörer, alt und steif steht er da und hört
zu, sagt wenig, hängt am Munde des Erzählers und geht nicht seines
Weges, er ist kein Läufer, nein. Es liegt ein Zug von Gehorsam über dem
alten, verbrauchten Fischer, seine Frau hat ihn wohl im Lauf des halben
Jahrhunderts gebeugt. Ach, und er ist zu solid, um zu den Schwätzern
zu gehören. Seht, Mutter Lydia war heftig und tüchtig noch heutigen
Tages, der Stadt beste Wäscherin, noch heutigen Tages ein Reibeisen,
aber sie hatte den Mann nicht dazu gebracht, sich aufzurappeln, er war
schwerfällig und treuherzig, er beugte sich. Gott weiß, vielleicht
hatte er zu viele Haustöchter um sich her, die alle Stühle im Hause
besetzten. Der Sohn Eduard war auf See.
Obgleich das fremde Schiff nur ein gewöhnliches Frachtschiff war,
spielt sich Oliver doch auf, wie wenn er der Eigentümer wäre: er sei
überall herumgegangen und habe alles angesehen, der Salon sei Mahagoni
mit Vergoldung --
„Du bist nicht im Salon gewesen,” unterbricht ihn Olaus.
„So, ich soll nicht im Salon gewesen sein?”
Olaus schreit auf: „Willst du uns vielleicht weismachen, du seist im
Salon gewesen? Der Schiffer ist ja am Land.”
Oliver gibt nach: „Ich bin aber am Salon vorbeigegangen und hab' alles
gesehen. Ich begreife nicht, daß du nie das Maul halten kannst.” Er
wendet sich den andern zu und fährt fort: „Der Kapitän muß reich sein.”
„Hat er das selbst gesagt?” fragt Olaus.
Jetzt tut sich Oliver wieder dick, spielt sich als den
Lagerhausvorsteher auf und ist sich zu gut dazu, mit jemand, der so
tief unter ihm steht, zu streiten. Der Krüppel hat seinen Stolz.
Aber Olaus hat auch den seinen. Auch er bleibt auf seinem Platz. Hat
ihn schon jemand je weichen sehen? Als Oliver und die andern das
Bollwerk verlassen, bleibt Olaus allein zurück, aus keinem andern
Grund auf der Welt, als nur, um nicht der zu sein, der geht. Ein
steifnackiger und verdrehter Mensch, ohne Bosheit, aber er hat ein zu
ungewaschenes Maul. Er war ein unverbesserlicher Trunkenbold, übernahm
sich aber nicht und bettelte niemals um etwas anderes als um Tabak.
Unhöflich war er, und er grüßte die Honoratioren des Städtchens nicht.
Seine Bombengesundheit erlaubte ihm, zu schlafen, wo er wollte, im
Freien oder unter Dach.
Kein Schiffer, kein Doktor, kein Konsul, keiner von den gewöhnlichen
Leuten des Städtchens war er, aber ein Hafenarbeiter mit einer
Tabakspfeife, ein Wrack mit noch wertvollem Eisen darin, jawohl, der
Ärmste war doch noch ein Stück von einem Mann!
Auch er hätte wohl den einen und den andern Grund zum Jammern gehabt,
auch er war ein Krüppel, von einem Unglück getroffen, verschimpfiert
im Gesicht, ein Mann mit nur einer Hand, aber gottlob doch noch
mit _einer_ Hand; er vergoß indes keine Tränen, er setzte sich auf
die Hinterbeine, hoho, er verdünnte seine Sorgen mit Branntwein und
ertrug sie. Ein Sonderling auf seine Art: es fiel ihm nicht im Schlaf
ein, geradezu zu stehlen, man konnte ihm die Waren am Landungsplatz
anvertrauen, aber er ließ sich seine Arbeit tüchtig bezahlen, und wenn
sich die Gelegenheit bot, dann hieb er die Leute übers Ohr. Seine
Frechheit war im Grunde klar und offenkundig, er schlich sich nicht
weg und versteckte sich, sondern trat auf als der, der er war, grob
und unverantwortlich, von vollkommener Sicherheit. Alles in allem ein
Mensch mit guten und schlechten Eigenschaften durcheinander. Machte
er kleine Reisen in die Nachbarstädtchen, nur um sich zu raufen?
Keine Rede, Olaus machte diese Ausflüge, um sich einmal ordentlich
zu betrinken, das stärkte ihm wieder den Mut. Daß ihm die eine Hand
fehlte, war ihm weiter nicht lästig, er konnte nicht damit zufassen,
aber er konnte mit seiner einen Hand heben und tragen. Wer einhändig
ist, hat immer noch das Glück, nicht ganz ohne Hände zu sein. Dieses
Glück hatte er. Olaus verzweifelte nicht, er hatte doch noch eine Hand.
Er sah gehörig herunter auf den fetten Oliver, der übers Bollwerk
hinkte und nicht einmal zwei Beine hatte, der arme Tropf!
Die beiden Krüppel verachteten einander gegenseitig, und ganz
zweifellos war Olaus der Überlegenere. Oliver wußte das und wußte
sich vor Neid nicht zu lassen; das zeigte sich in einem zudringlichen
Mitleid mit seinem Unglücksbruder; er bedauerte ihn, weil ihn das
Unglück zu einem Trinker gemacht hatte, der in seiner Raserei sein Weib
prügelte. -- „Ich prügle sie nicht!” rief Olaus. „Das geschah nur, als
sie anfing, es mit andern zu halten. Paß du auf deine eigene Frau auf!”
Da wurde Oliver so teilnehmend, daß es ganz herzbewegend war, und
er sagte: „Du tust einem herzlich leid, wenn man dir ins Gesicht
sieht, aber noch schlimmer ist es mit deinen Händen. Du kannst dir ja
gar nicht in allem selbst helfen, nicht einmal eine Nadel kannst du
einfädeln. Ja, du tust mir herzlich leid!”
Naja, Olaus konnte wirklich keine Nadel einfädeln, das war eines von
den Dingen, die er nicht tun konnte. Und er war auch nicht glatt
und bartlos und weibisch im Gesicht, im Gegenteil, sein Gesicht
war knochig und scharf, Bart und Gesichtsfarbe waren dunkel, die
Pulverkörner, die in seine Wangen eingesprengt waren, saßen für immer
drin und wurden nicht heller. Olivers Gesicht war glatt und rund, wie
das Hinterteilchen eines Kindes, mit hängenden Wangen und feuchtem
Munde. Das Gesicht war wenig anziehend bei Olaus, bei Oliver hatte es
etwas Abstoßendes. Aber dieser hatte dennoch das große Übergewicht,
hatte den verschlageneren Kopf, einen hurtigeren Gedankengang. Geht
er nicht jetzt eben in der Dämmerung nach Hause und hat einen guten
Gedanken? Hier war vielleicht die Gelegenheit, seine Eiderdaunen
loszuwerden, sie in aller Stille aus der Stadt und aus dem Lande zu
schaffen.
Seht, er hatte nun einmal diese Eiderdaunen auf seinem Bodenraum, ein
gebundenes Kapital, es konnte niemand schaden, wenn er es freimachte,
im Gegenteil, das war ein Gewinn für eine ganze Familie, Olivers
Familie, die mit Hinauswerfung bedroht war. Als Schuld und Verfehlung
löste sich die ganze Geschichte in nichts auf, da verteilte sie sich
auf Hunderte von kleinen Mausereien von einem Klümpchen Eiderdaunen
im Verlauf eines Menschenalters. Ob wohl die Honoratioren der Stadt
im gleichen Zeitraum eine reinlichere Rechnung aufzuweisen hatten?
Und kurzum: die Diebereien waren einmal geschehen, und daß er das
gestohlene Gut verkaufte und vor Motten und Rost schützte, konnte
seine Schuld doch nicht vermehren! Konnten denn nicht die Eiderdaunen
darunter leiden, wenn sie zu lange in einem Bodenraum liegen blieben?
Andere Leute waren kein Haar besser als er, entweder sie hatten keine
Gelegenheit, einen Streich auszuführen, oder sie hatten es nicht nötig.
Sie hätten wohl auch manches Mal Lust dazu gehabt, es war ihnen sehr
unangenehm, es bleiben lassen zu müssen, aber sie trugen die Kette am
Bein, waren die Gefangenen ihrer eigenen Ehrbarkeit und ärgerten sich
darüber, daß sie sich keinen Verstoß erlauben konnten. So war es. Was
konnte man dann von einem Mann wie Oliver erwarten, einem Krüppel und
armen Kerl mit einer großen Familie? Hätte nicht auch er vornehm und
redlich in seinem Wandel sein können, wenn es ihm seine Mittel erlaubt
hätten? Aber wann hätte er Geld gehabt? Er lebte sein Leben wie ein
Pilz im Dunkeln, als Aufseher eines Lagerhauses mit Versuchungen in
jeder Ecke, im Winter in einer Kälte, daß er Frostbeulen an die Hände
bekam, im Sommer in einem Leber- und Trangeruch, der ihm den Atem nahm,
ein durchdringender Geruch, vor dem er zurückprallte, wenn er morgens
die Lagerhaustür aufmachte. Was Wunder, daß er dabei nicht völlig
unschuldig und seine Seele nicht weich wie Samt blieb. Vieles, was er
tat, wurde von einem Schatten verdunkelt, das Dunkel und er schienen
in einer Art von Einverständnis miteinander zu stehen -- jawohl, das
Merkwürdige war, daß er den Doppelkonsul nicht ermordete und ihm sein
Lagerhaus stahl.
Aber er hatte zu guten Verstand, um so etwas zu tun, er machte keine
Dummheiten, die ans Licht kamen. Seine Art, zu wägen und zu messen,
war nicht übersichtlich und wechselte je nach den Kunden, seine
sonntäglichen Ausfahrten mit dem Boot waren immer gleich geheimnisvoll;
er kam nachts nach Hause und hatte dies oder das bei sich, unter
anderem trug er diese Eiderdaunen in der Achselhöhle versteckt. Im Lauf
der Jahre war es eine prächtige Menge Eiderdaunen geworden, sie hatten
Platz in einem Sack, wenn er sie aber herausschüttelte, würden sie eine
ganze Kammer füllen. Der englische Dampfer konnte der Markt dafür sein.
Oliver übereilt sich nicht, seine Klugheit rät ihm Vorsicht an. Er
fragt seinen gelehrten Sohn Frank nur zum Spaß und wie um ihn zu
prüfen, was Eiderdaunen auf englisch heißt, und Frank blättert ein
wenig in einem Wörterbuch und findet es, das war für ihn die Sache
eines Augenblicks. Am Abend, wenn er mit seinem Packhaus fertig ist,
geht Oliver häufig hinunter ans Bollwerk, läßt sich dort sehen,
spricht mit den Engländern, wandert hin und her. Allmählich läßt er
durchsickern, daß er etwas Eiderdaunen habe -- ~eider down~ -- ob sie
sie brauchen könnten? -- Ja, das denke er schon, sagt der Steuermann,
der zweite Steuermann. „So, Sie haben ~eider down~, wieviel denn?” --
„Nur ein wenig, zu einem Bett oder so.” -- „Also nicht noch zu einem
zweiten Bett?” fragt der Matrose, der daneben steht. -- Doch, das könne
gut sein; Oliver sagt, er habe seit mehreren Jahren kleine Posten
gekauft, es reiche sicherlich zu zwei Betten oder so. --
Sie besprechen sich darüber. Oliver ist nicht gerade berechtigt, mit
Eiderdaunen zu handeln, er hat kein offenes Geschäft, aber in der Nacht
kann er eine Probe bringen. Und es wird so verabredet.
Die Probe ist fein und tadellos, ist überirdisch, ein Flöckchen löst
sich und schwebt zu den Sternen empor, in Eiderdaunen zu liegen, das
ist wie aufzusteigen, wie in der Luft zu schweben. Eine neue Abrede
wird getroffen über Preis und Lieferzeit, die Herren feilschen nicht.
Sie rechnen nach Pfund, aber Oliver kann keine englischen Pfund
annehmen, dieses Geld wäre zu verdächtig in seiner Hand. ~All right~,
sie überlegen unter sich, er soll norwegisches Geld bekommen, wenn
nicht vorher, dann im letzten Augenblick, er könne ganz sicher sein!
Oliver hat das flotte Seemannsherz, er kann die Herren gut leiden und
traut ihnen, er will immer ein wenig auf einmal bringen, und den Handel
dann zuletzt abschließen. „Ich hab' keine Angst um die Bezahlung,
Gentlemen!”
Sie nehmen ihn in Ecken und Winkel, um ihn für sich allein zu haben,
stecken ihm alles mögliche Eßbare zu und sind wie Brüder gegen ihn.
Das ist doch etwas anderes, als die Mannschaft auf der _Fia_, die den
Krüppel kaum betrachtet hatte. Ach, niemand ist wie die Engländer,
Oliver wird in den Arm genommen, sie schwatzen mit ihm und fragen
ihn aus, und er kann wohl mit einem und dem andern norwegischen Wort
antworten, wenn er mit seinem Englisch einmal stecken bleibt, sie
nehmen es nicht so genau, sie können ~make it out~. Nun haben sie bald
alle Leute in der Stadt gesehen, aber den Postmeister haben sie noch
nicht gesehen, sitzt denn der Mann Tag und Nacht in seinem Kontor und
hütet seine Geldbriefe? Der Steuermann und der Matrose interessieren
sich sogar für so gleichgültige Dinge, wie zum Beispiel, daß der
Postmeister seine Familienwohnung im Posthause hat. Sie reden auch über
Olivers persönliche Verhältnisse: So, er habe also einen Sohn, der
Student sei? Das sei ja prächtig. Sie wissen auch, daß er eine schöne
Frau habe, sehr gut gewachsen, sie haben sie am Bollwerk gesehen warum
er sie denn nicht mit hierherbringe? Sie würden sie nicht fressen.
Sie bieten ihm zu trinken an, daraus macht sich Oliver jedoch nichts;
aber sie haben gemerkt, daß er Wert aufs Essen legt, und luchsen dem
Stewart den einen und den andern Leckerbissen für ihn ab, den er dann
abseits verzehrt. Was sind das für Gentlemen!
Endlich hat das Schiff gelöscht, und Oliver bringt den letzten Rest der
Eiderdaunen. An diesem Abend trifft er nur den Matrosen. Es stürmt und
regnet, der Kapitän und der Steuermann sind zum Abschied bei Konsul
Olsen eingeladen, der zweite Steuermann hatte Zahnweh und ließ sich
entschuldigen, er wollte sich trotz des Wetters auf dem Gemeindeweg
warmlaufen; die Mannschaft war an Land.
Alles ist in Ordnung, noch diesen Abend soll Oliver das Geld bekommen,
norwegisches Geld, der zweite Steuermann ist eigentlich hauptsächlich
darum fort, um das zu holen.
Da die beiden also allein auf dem Schiffe sind, brauchen sie sich
nicht in Ecken und Winkeln herumzudrücken; der Matrose lädt seinen
Gast zu Beefsteak und gebratenen Kartoffeln im Mannschaftslogis ein.
Das wird eine denkwürdige Mahlzeit, Oliver bläht sich vor Sattheit und
Wohlbehagen. Plötzlich fällt sein Blick auf eine Schiffskiste, die an
der Wand steht, und es durchfährt ihn wie eine Erinnerung. Er sieht den
Matrosen an, und ist im Begriff, Adolf zu rufen.
„Wie heißt du?” fragt er.
„Xander,” erwidert der Matrose.
Schweigen.
„Merkwürdig, wie diese Kiste der meinigen gleich sieht,” sagt Oliver.
Gleichgültig erwidert der Matrose: „So? Es ist nicht meine; sie gehört
einem von den andern.”
„Dir gehört sie also nicht?”
„Nein. Wenn du mit Essen fertig bist, dann bring' ich den Teller wieder
hinaus. Komm, wir gehen hinauf!”
„Genau wie meine eigene Schiffskiste. Dieselbe Art Henkel, grün, wir
hatten Tabak darauf geschnitten, da sieht man noch die Spuren davon --”
„So.”
„Wie hast du gesagt, daß du heißt?”
„Xander. Komm, wir wollen hinaufgehen. Die andern können jetzt bald
wieder an Bord sein.”
Sie gehen hinauf. Es stürmt und regnet, es dämmert stark, und überall
ist es höchst unbehaglich. Sie stehen an der Reling und schauen ins
Weite, sprechen vom Wetter und schütteln den Kopf. Alles ist klar an
Bord, der Lotse ist im Hotel einquartiert und wartet auf die Abfahrt;
aber man muß gewiß noch die Nacht über an Land liegen.
Dort, wo auf dem Bollwerk einige Kisten stehen, rührt sich etwas, ein
Presenning hebt sich, ein Kopf kommt darunter hervor und horcht. Es ist
Olaus vom Wiesenrain, der sich hier für die Nacht zur Ruhe gelegt hat.
Oliver ist vielleicht von dem so sehr kräftigen Essen wie ein wenig
berauscht, er fragt plötzlich: „Wo hast du sie denn her?”
Der Matrose versteht nicht.
„Die Kiste. Ich hab' sie an einen Jungen, der Adolf hieß, verkauft.”
„Die Kiste gehört nicht mir, so hör doch!”
„Nein, entschuldige, sie gehört dir nicht, aber --”
Der Matrose sagt: „Wenn du jetzt heimgehst, so komm morgen beizeiten
wieder her. Heut nacht fahren wir nicht ab.”
Es war jetzt ungefähr elf Uhr.
23
Oliver begibt sich halb betäubt nach Hause. Konnte er so wenig
vertragen, daß ein gutes Essen und eine alte Schiffskiste seine
Gedanken in Verwirrung brachten? Hatte denn er, Oliver, dann einen
verschlageneren Kopf und bessere Überlegung, als der Mann dort unter
der Presenning?
Er trifft einige von der Mannschaft des Engländers, die jetzt wieder an
Bord gehen, sie kommen vom Gasthaus und sind recht fidel, Oliver kennt
die Sache von früher her.
Vor Grütze-Olsens Haus sieht er Leute stehen mit Regenschirmen und
Laternen, es sind die Herren, die bei der Abendgesellschaft gewesen
sind und die jetzt Abschied voneinander nehmen und heimgehen. Der
Doppelkonsul ist nicht dabei, auch nicht Konsul Heiberg, der auch
etwas großartig tut und nicht mit Grütze-Olsen verkehrt. Oliver sieht
den Rechtsanwalt Fredriksen und vernimmt auch dessen Donnerstimme,
er erkennt die beiden Engländer, den Kapitän und den Steuermann,
er erkennt Konsul Davidsen, den Postmeister, den Stadtingenieur,
den Zollverwalter. Dies war die Gesellschaft. Es fällt ihm ein, er
könnte sich sein Geld für die Daunen noch etwas mehr sichern, wenn er
Genaueres über den Abgang des Schiffes erführe, darum will er hinter
den beiden Seemännern hergehen. Olivers Überlegung ist zurückgekehrt.
„Gut Nacht, gut Nacht!”
Der Postmeister hat keinen Regenschirm zum Verleihen, aber er fragt ins
allgemeine: „Darf ich nicht jemand meine Laterne anbieten? Ich hab'
nicht weit nach Hause. Ihnen, Herr Kapitän?”
„Nein, vielen Dank, Sie sind sehr freundlich.”
Der Postmeister teilt den Regenschirm mit Herrn Davidsen, der
denselben Weg hat, und hält seine Laterne so, daß er selbst das
wenigste Licht davon genießt; sie reden nicht viel bei dem starken
Wind und über lauter gleichgültige Dinge. Davidsen, der Kleinkaufmann
und Konsul ist, hat nun heut abend doch etwas gemerkt, und als sie vor
seiner Tür stehen, fragt er geheimnisvoll: „Haben Sie gesehen, wie
hingenommen der Rechtsanwalt in der Gesellschaft gewesen ist?”
„Hingenommen?”
„Von der Dame, von der Tochter, wie heißt sie gleich, Olsens Tochter,
die älteste?”
Nein, der Postmeister hatte es nicht bemerkt.
„Das hat vielleicht etwas zu bedeuten,” meint Davidsen.
„Das ist wohl möglich, Konsul Olsen hat schöne Kinder, schöne Mädchen;
die den Maler geheiratet hat und die noch zu haben ist, sind beide
liebenswürdige Damen. Ich sinniere über das nach, was Sie gesagt
haben, was sollte das wohl bedeuten? Sie ist so jung und hübsch, der
Rechtsanwalt ist ja mindestens doppelt so alt.”
„Man hat schon mehr so Verrücktes erlebt.”
„Ach ja, wir arbeiten und mühen uns, freien und kämpfen und quälen uns
ab und richten uns darauf ein, spät zu sterben. Entschuldigen Sie, Sie
wollten etwas sagen?”
Der Kleinkaufmann und Konsul Davidsen hatte vielleicht gar nichts sagen
wollen, aber er hatte vielleicht eine Bewegung gemacht, war wie ein
wenig zusammengefahren, er hatte gewiß Angst, der Postmeister könnte
wieder mit einer seiner langweiligen Auseinandersetzungen anfangen, und
antwortete darum: „Ich wollte nur sagen, daß Sie meinen Regenschirm
gerne mit nach Hause nehmen dürften.”
Der Postmeister lehnte ab, nein, danke, es seien ja nur noch wenige
Schritte, er habe zu Hause einen Schirm. Doch was er habe sagen wollen:
ach ja, zum Unterschied von dem Hasen im Wald und der Möwe auf der See
--
„Der Rechtsanwalt denkt ja nur an die Mitgift,” fährt Davidsen fort.
Und der Postmeister seinerseits fährt auch fort: „Ach, was sind wir
Menschen doch in endloser Unruhe, Tag und Nacht! Wir kommen nie zur
Ruhe. Es gilt nicht, genug zu bekommen, man will mehr als genug
bekommen. Unsere Seele steigt in die Höhe und fällt wieder herunter,
kriecht auf allen vieren, versucht andere Aufstiege und fällt wieder
zurück. Und eines Tages sterben wir. Der englische Kapitän will heut
nacht die Anker lichten, das Wetter ist nicht dazu angetan, aber er
will trotzdem die Anker lichten. In einer Stadt, zwölf Meilen von
hier, soll er eine Ladung einnehmen, er will bereit sein, von morgen
früh um sieben Uhr an Holz zu laden. Dann fährt er über die Nordsee
und versucht einen neuen Aufstieg. Wenn er schon heut nacht abfährt,
gewinnt er einen Tag. Aber gewinnt er einen Tag für sein Leben? O nein,
er schindet sich ab, aber er gewinnt einen Tag Verdienst. Die Tiere und
die Vögel schlafen bei Nacht.”
„Wollen Sie nicht meinen Schirm nehmen?”
„Nein, ich danke, es regnet ja kaum mehr. Ja, nun will ich Sie nicht
länger aufhalten. Der englische Kapitän sprach von Gott --”
„Ja, er sei fromm, hab' ich gehört. Aber jetzt müssen wir zu Bett, Herr
Postmeister.”
„Fromm, ja. Ich verstand vielleicht nicht alles, der Engländer hat
seine eigene Religion hier auf der Welt und rechtfertigt sie auf
ganz englische Weise. Er unterjocht Volk um Volk, nimmt ihnen die
Selbständigkeit, kastriert sie und macht sie dick und still. Dann
sagt der Engländer eines Tages: ‚Laßt uns nun der heiligen Schrift
gemäß gerecht sein!’ Und dann gewährt er den Kastraten etwas, das er
Selbstverwaltung nennt.”
„Es ist genau so, wie Sie sagen, Herr Postmeister. Gute Nacht!”