Dann steht die Wissenschaft weit hinter mir -- das heißt um
Haaresbreite -- und schaut mir nach, wo ich gehe.”
„Na, entschuldigen Sie, die Wissenschaft hat anderes zu tun, als Ihnen
nachzuschauen. Und wenn sie zurückbleibt, so tut sie klug daran, denn
sie will festen Grund unter den Füßen haben.”
„Einen Grund, der sich in jedem zweiten Menschenalter ändert.”
„Ja, so sagen die Toren, die nichts davon verstehen. Ändert zum
Beispiel die Mathematik ihre Grundlagen?”
„Nicht, um Ihnen zu antworten, sondern um Ihnen noch weiter Spaß zu
machen, sage ich: Die Mathematik muß zu Anfang etwas ‚setzen’. Sie
suchte im Licht meiner Sterne und fand ein armseliges ~X~, um darauf zu
fußen. Ehre dem ~X~, es steht statt etwas Besserem.”
„Kurz und gut, die Mathematik hat also auch keinen Wert?”
„Meinen Sie? Sie ist gewiß viel wert für Leute, die reine, klare
Gedankenarbeit lieben, um des Denkens willen. Die Mathematik steht für
sich allein und ist, was sie ist. Aber für unser geistiges Leben ist
sie vollkommen gleichgültig.”
Der Doktor fuhr sich mit beiden Händen nach den Ohren, als ob er sie
zuhalten wollte, eine unwillkürliche Bewegung gänzlicher Ratlosigkeit.
Warum hatte er sich auch auf diesen nutzlosen Wortwechsel eingelassen,
der ihm langweilig war und ihn ermüdete! Er ging nicht so weit,
sich die Ohren wirklich zuzuhalten, er schwankte vielleicht einen
Augenblick, ob er einen Schrei ausstoßen oder davonlaufen sollte, dann
faßte er sich aber und trieb seine Festigkeit so weit, daß er den Hut
zog und sagte: „Danke, jetzt hab' ich genug. Ich muß Krankenbesuche
machen mit meiner armen Wissenschaft!” Damit bog er in eine Seitengasse
ein.
Als auch der Postmeister gehen wollte, hielt ihn der Rechtsanwalt
zurück; sie mußten jetzt am Geschäft von C. A. Johnsen, am
Doppelkonsulat vorbei, und der Rechtsanwalt wollte jemand haben, mit
dem er reden konnte, während er an den Fenstern vorbeiging. Ach, er
wußte wohl, was er tat, wenn er diesen Weg wählte, er wollte bis hinaus
an das Haus des Doppelkonsuls und daran vorbeigehen, hinauf in die
Berge, zum Aussichtspunkt. Er hatte seine Gründe dafür.
Der Rechtsanwalt erhob seine Stimme bis zur Stärke der Stimme der
Interpellation: „Alles, was Sie da gesagt haben, Herr Postmeister, ist
ja sehr schön, und ich hab' viel Herz dafür. Aber wird uns nicht all
diese Metaphysik und Geistigkeit untüchtig fürs Leben hienieden machen?
Wird sie nicht unsere Tatkraft hemmen?”
„Ich will Sie nicht belehren, aber wenn Sie mich fragen: ich hoffe,
daß sie uns ein wenig vorwärtsbringen wird. Wir werden davor
zurückschrecken, uns ungerechte Vorteile zuwenden zu wollen, wir werden
uns davor hüten, einander gar zu offenkundig auszusaugen. Das finden
Sie doch nicht verkehrt?”
„Nein.”
„Wir sind jetzt sinnlos damit beschäftigt, einander auf die Seite zu
stoßen, um selbst vorne hinzukommen, wir sollen konkurrieren, heißt es,
ja mehr als konkurrieren. Wie wär's, wenn wir etwas mehr an uns selbst
anstatt für uns selbst arbeiteten?”
„Aber wenn es nun gerade diese Arbeit an uns selbst ist, die unsern
irdischen Tatendrang hemmt? So kommen wir in der Welt nicht vorwärts.”
„Aber wir kommen im Leben höher hinauf. Wie wäre es, wenn wir uns von
Zeit zu Zeit vor Augen hielten, daß wir nicht Hunderte von Jahren in
einem Zug hienieden leben werden! Wir kommen auf die Welt, werfen
auf alles einen Blick und gehen wieder. Gewiß, Herr Rechtsanwalt, wir
kommen vorwärts, wenn wir auch nicht über die andern hinauskommen.”
„Wir sind verschieden fürs Leben ausgerüstet, haben vielleicht auch
verschiedene Bestimmungen, Napoleons Tätigkeit war von dieser Welt, er
wollte vorwärts, wenn es auch über die andern hinwegging.”
„Aber das war nicht die Seite von ihm, von der er selbst und die Welt
den größten Segen hatte.”
„Das war wohl sein Schicksal. Er und andere -- wir handeln alle, wie
wir getrieben werden.”
„Wir stellen die Übermacht des Schicksals fest, ja. Damit haben wir
eine süße Entschuldigung für unsere eigene Aufführung.”
Na, jetzt nahm sich der Postmeister doch etwas zu viel heraus, wurde
vielleicht sogar persönlich ausfällig, das wollte sich der Rechtsanwalt
nicht bieten lassen, dazu hatte er ihn nicht mitgenommen. „Ich will bis
hinauf zum Aussichtspunkt. So weit wollen Sie doch vielleicht nicht mit
gehen?”
„Nein,” erwiderte der Postmeister, und nun kehrte er um.
Rechtsanwalt Fredriksen atmete auf, alles ging, wie er berechnet
hatte, er sah nach der Uhr. Am meisten freute ihn, daß er den Doktor
losgeworden war, er kannte dessen gespanntes Verhältnis zu Konsul
Johnsen und wollte jetzt nicht gern in seiner Begleitung gesehen
werden. Er pfiff auf die Geistigkeit und Metaphysik, Dinge, die unserm
Leben hienieden nur im Wege stehen, wir wollen doch weiterkommen in der
Welt. Er wollte nicht gerade einen andern über den Haufen rennen, nein,
das wollte Rechtsanwalt Fredriksen nicht, aber er wollte auch nicht
gehemmt werden. Das war der gesunde Tätigkeitsdrang. Nein, jemand über
den Haufen rennen, mit dem Messer zustoßen? Keine Spur! Berntsen, der
Geschäftsführer bei Konsul Johnsen, wartete wohl auf Haussuchung und
Verhör, aber es sollte nicht geschehen, der Herr Reeder sollte Frieden
haben.
Das fehlte gerade noch, daß er noch unangenehmer gegen Konsul Johnsen
wurde, als er gewesen war. Der Rechtsanwalt hatte die Zähne gezeigt,
brauchen wollte er sie nicht, als Vorsitzender des Komitees hatte er
humane, und als Rechtsanwalt Fredriksen intime Gründe, so aufzutreten.
Er geht am Hause des Doppelkonsuls vorbei, ein Haus mit Schnitzwerk,
Altan und Veranda, ein großes Haus, Garten mit Flieder und Jasmin,
ein Duft von Reichtum und Kultur, Springbrunnen, Zementurnen,
Schmetterlinge, Flaggenstange, alles, was dazu gehörte. Er geht in
die Berge, richtig, Fräulein Fia macht ihren Abendspaziergang, sie
sucht Erholung nach der Arbeit des Tages. Er hat sie nicht vergessen
und nicht aufgegeben, er schaut sie mit denselben Augen an wie zuvor,
wie die Armut Millionen anschaut. So viel war sicher, jetzt hatte er
bessere Aussichten bei ihr, vielleicht wollte die Dame nicht noch
weiterhin sich selbst im Wege stehen und schlecht rechnen. Hatten sie
und ihre Familie jetzt nicht Hochachtung vor seinem Abgeordnetentum
bekommen?
Fia sah ihn hinterher kommen und ging rascher zu.
Ach, die Dame rechnete wohl gar nicht, hatte keine Übung im Rechnen,
keinen Bedarf zu rechnen; wie sie geschaffen und angelegt war, mußte
Gott wissen!
Sie geht immer rascher, aber das hilft nichts, er holt sie ein, und
er bekommt auch in dieser rosenroten Abendstunde seinen endgültigen
Bescheid von ihr. Wie rasch sie ging, wie eifrig sie ihm auszuweichen
versuchte! Wie stark mußte ihr Verlangen nach Sonnenuntergang und
Schönheit sein, wenn sie so lief! Aber Rechtsanwalt Fredriksen war
nicht der Mann, der etwas gleich verloren gab.
Er rief ihr von hinten einen Gruß zu und sagte außer Atem: „Sie rennen
mir beinahe die Seele aus dem Leibe, Fräulein Fia.”
Sie, fein und blaß, mit vielen Vollkommenheiten, wie gewöhnlich etwas
geputzt, kühl wie gewöhnlich, wieder ganz die Komtesse, sprach: „Das
tut mir leid. Ich war in Gedanken versunken, ich pflege hier spazieren
zu gehen, um allein zu sein.”
„Ist es Ihnen angenehm, so allein zu gehen?” fragt er. „Woran denken
Sie, wenn Sie hier oben sind?”
„An das da draußen,” erwidert sie und deutet auf die ganze Welt,
Wolken, Meer, Nirwana. „Ja, das tut mir gut.” Und sie begriff wohl
diesen Mann gar nicht, dieses Tier, das neben ihr stand und keinen
edlen Naturgenuß kannte. Wie jemand nur dafür kein Gefühl haben konnte!
„Ich bin eben erst vom Landtag heimgekehrt,” sagte er; „und ich wollte
Sie gerne begrüßen.”
„Sehr liebenswürdig.”
„Sie sind wohl auch eine Weile weggewesen?”
Sie erwiderte: „Sie wissen, ich komme und gehe. Jetzt will ich nach
Paris.”
„Beim Satan!” dachte er wohl, groß, groß mußte es sein, Notre Dame,
Eiffelturm, Rothschild. Und in diesem Augenblick überkam ihn wohl eine
gewisse Angst, er stehe etwas unter ihr, denn er sagte: „Was sollen
wir Abgeordneten und Rechtsanwälte sagen über das wirklich Große? Daß
es unerreichbar ist. Aber auch wir verstehen das eine und das andere,
Fräulein Fia.”
War das eine Unterhaltung für diese Dame!
„Ich meine, auch wir können steigen Stufe um Stufe, zu höheren und
immer höheren Stellungen. Das ist das Gute bei der demokratischen
Gesellschaftsordnung, daß jeder die höchsten Posten erreichen kann.”
Schweigen. Die Dame schien seine Aussichten nicht zu erwägen.
Nein, Rechtsanwalt Fredriksen ging also zu seinem Vorhaben über, er gab
ihr zu verstehen, was sie für ihn war, daß sie einfach alles für ihn
sei, und ob sie ihm ein wenig mehr Hoffnung machen könne, etwas mehr
Hoffnung als das letztemal.
„Nein,” sagte die Dame.
Ob er recht gehört habe, ob sie es sich auch diesmal nicht noch
überlegen wolle?
„Nein,” sagte sie und schüttelte den Kopf. „Betrachten Sie doch lieber
den Sonnenuntergang,” sagte sie. „Sehen Sie doch nur diese Farben! Wie
prachtvoll die Welt von hier aus ist!”
Nein, er gab sich nicht: „Ja, die Aussicht ist recht schön, aber die
Aussichten?”
Fragend schaute sie ihn an.
„Meine Aussichten? Die Zukunft!”
Nun wurde sie wirklich ein wenig ärgerlich, er hätte doch etwas anderes
sagen können, wenn sie ihn auf Farben aufmerksam machte. Hatte denn
dieser Mensch gar keine Poesie und Kultur? „Nein, entschuldigen Sie,
von Ihrer Zukunft müssen Sie mit andern reden,” sagte sie.
22
Über Oliver ging es aus, über einen Unschuldigen, der sich den Plänen
des Rechtsanwalts Fredriksen nicht in den Weg gestellt hatte. Weshalb
mußte er es entgelten?
Oliver hinkte vom Lagerhaus heim, als ihn der Rechtsanwalt einholte und
sofort von Geschäften anfing: „Na, Oliver, du hast jetzt eine feste
Stellung, es ist Zeit, daß du das Haus einlöst.”
Was auch schuld sein mochte, der Rechtsanwalt kam von dem
Aussichtspunkt herunter, von einem Geschäft her, das ihm vorbeigelungen
war, nun sollte ihm wohl ein anderes gelingen. Legte er keinen großen
Wert auf die bindende Abrede mit Konsul Olsens Tochter? Oder mißtraute
er der Mitgift? Jedenfalls sprach er jetzt kurz und gut, wie einer,
der retten will, was noch zu retten ist, an seinen Worten war nichts
Unsicheres und Unbestimmtes.
Oliver erwiderte nur, wie er denn das Haus einlösen solle, mit seinem
Lohn im Lagerhaus, der gerade groß genug sei, daß er davon leben könne?
„Ja, was geht das eigentlich mich an?” fragte der Rechtsanwalt.
„Verkaufe du das Haus und bezahle mir mein Geld, dann sind wir quitt.”
Wo Oliver mit seiner Familie hinsolle?
„Da haben wir es wieder einmal!” fährt der Rechtsanwalt los. „Was wäre
denn das für eine Pflicht meinerseits, mit der du rechnest? Überleg'
dir doch einmal, das Haus verliert von Jahr zu Jahr an Wert, du hältst
es nicht einmal mit Anstrich gut im Stand, es vermodert ja.”
„Ich wollte es in diesem Sommer anstreichen lassen.”
„Nein, das kann nicht länger so weitergehen. Du weißt, wo mein Kontor
ist -- entweder du kommst selbst oder deine Frau kommt.” Damit ging der
Herr Rechtsanwalt weiter.
Natürlich mußte Oliver seine Frau schicken. Sie hatte die Sache schon
einmal gedeichselt und paßte am besten dazu. Es traf sich auch, daß
Petra jetzt gerade sehr gut und munter aussah, schöne neue Leibwäsche
hatte sie auch bekommen, und die ganze Person war demgemäß voller
Selbstgefühl. Das konnte ihr niemand verdenken. Und sie wollte sofort
gehen, diesen Abend noch. „Aber das Kontor ist jetzt geschlossen,”
wendete Oliver ein. -- „Dann klopf' ich an seinem Zimmer an,” erwiderte
Petra. Da konnte Oliver nicht anders, er mußte ihren Eifer bewundern
und sagte ermahnend: „Ja, aber das will ich hoffen, daß du ihm nun auch
recht klar machst, was er einem Krüppel anzutun gedenkt.”
Nachdem Petra gegangen war, zog Oliver Zuckerwaren und Bäckerbrot
aus der Tasche, die er für sich und die kleinen Mädchen mitgebracht
hatte. Er machte keinen Unterschied zwischen den beiden, sondern teilte
gleich, und die mit den blauen Augen, die Blaumeise, bekam eher noch
mehr, weil sie die freundlichste und im Grunde genommen die herzigste
war. Merkwürdig, daß das so endete! Der Vater hatte lange auf eine
Pferdenase in diesem blauäugigen Gesicht gewartet, sah sich aber
angenehm enttäuscht. Vor lauter Freude darüber hatte er das blauäugige
Kind ebenso lieb, wie das mit den „Familienaugen”. Einmal hatte er die
Blaumeise geschlagen, als sie von seinem eigenen Landungssteg aus ins
Wasser gefallen war. Da hinkte er nicht, da flog er herbei, um sie zu
retten, und zog sie mit der Krücke aus der Tiefe. Als sie die Augen
aufschlug, stieß er einen Schrei aus und schlug sie ein paarmal mit der
Faust auf ihr kleines nasses Hinterteil, seine Freude hatte sich im
Augenblick in Raserei verwandelt. Sonst schlug er seine Kinder niemals,
das war die Sache der Mutter. Oliver verstand es am besten mit den
Kleinen, und deren ganzes Herz gehörte auch ihm.
Jetzt tun sich die drei in allem Behagen gütlich und freuen sich
über die Heimlichkeit ihrer Schleckerei. Es ist gerade, als ob sie
gestohlenes Gut teilten und verzehrten, sie erschrecken einander zum
Spaß mit dem Ruf: „Mutter kommt! Großmutter kommt!” Sie tun etwas auf
die Seite für die Brüder, den Studenten und den Schmiedknecht. O,
solch einen Vater, um den Kindern einen Festschmaus zu bereiten, gab
es nicht wieder! Dann erzählt er ihnen von seinen Seereisen, er ist
in der Welt draußen gewesen, er hat Feuerfresser gesehen, Menschen,
die brennendes Werg verschlangen, und Hunde, die Milchwagen zogen.
„Du große Welt!” sagen die kleinen Mädchen. Ho, was war das gegen
alles, was er sonst noch gesehen hatte: Affen, Pfauen, Kameele, wie
Abraham, Isaak und Jakob sie hatten. Wilde, mit Ringen in der Nase,
Wolkenkratzer, feuerspeiende Berge, einmal ein Seeräuberschiff, einen
Klipper, einen Dreimaster mit einunddreißig gesetzten Segeln, einmal
einen Mord in einem Kaffee am hellichten Tag. „O Gott!” schauderten die
kleinen Mädchen, „bist du selbst niemals von bösen Leuten überfallen
worden?” Dazu hätte etwas gehört, ihn zu überfallen, sagt er. Leider
sei es sein Schicksal gewesen, krank und lahmgeschlagen zu werden. Die
kleinen Mädchen bedauern ihn, und die drei sitzen zusammen wie drei
Weibsleute.
Da meinen sie plötzlich, jemand kommen zu hören, der Vater beeilt sich,
den Tisch abzuleeren, er schiebt im letzten Augenblick zwei ganze süße
Brötchen in den Mund und sitzt mit unbeweglichen Kinnladen da. Ach, er
ist so ausgestopft und so unsäglich komisch mit seinem ernsten Gesicht
und seinem vollen Mund.
Es war ein blinder Lärm, niemand kommt, die Verschworenen sind wie
erlöst. Da werden die kleinen Mädchen von einer tollen Freude erfaßt,
sie fragen den Vater allerlei, um ihn zum Sprechen zu bringen, sie
kitzeln ihn in der Seite, drücken auf seine Wangen, kichern und lachen.
Der Vater muß auf einen Stuhl steigen, um fertig kauen zu können; drei
Kinder!
Nach einer Weile kommt Frank herein, der Student, erschöpft und blaß
von seinem Tagewerk, wie einer, der von Ausschweifungen geschwächt ist.
Er bekommt sein Essen und seine Kuchen und schweigt, auch in diesem
Augenblick noch beschäftigt er sich mit der mageren Gedächtnisarbeit,
von der er herkommt. Es ist etwas Trauriges um den Jungen, in
geschenkten Kleidern und mit Händen, die nicht zuzufassen verstehen.
Ach, er ist so sprachenkundig, und er ist so unreif!
Oliver, sein Vater, meint wohl, es könne ihm nicht schaden, wenn er ihm
einige väterliche Worte gönne: „Du solltest nicht so übermäßig viel
studieren, Frank, du wirst ganz krank davon. Und soviel ich merke und
verstehe, so weißt du mehr als sonst irgend jemand in der Stadt, was
das betrifft.”
Frank schweigt.
„Erzähl' uns ein wenig von dem, was du heut gelesen und erforscht hast.”
Ach, davon verstehen sie doch nichts; allein Frank läßt das eine und
das andere verlauten, damit sie einen Einblick in die Dinge bekommen,
nennt Verbalformen, Suffixe, dissimilatorische Ausrufe; er gibt sich
weit, weit herunter und erklärt Kasus und Geschlecht. Der Wilde
spricht, er hat es im Kopf, es geht ihm zum Munde heraus, Laute, ein
mühselig angelerntes Hirngespinst, das ihn Tag und Nacht beschäftigt,
eine Vogelsprache, ein fürchterliches Durcheinander. Er behandelt das
als etwas Köstliches und Feines; wenn die kleinen Mädchen ein Wort
verkehrt wiederholen, verbessert er sie, und der kleine Mann fühlt sich
überaus groß darüber, mitten in seiner gelehrten Unwissenheit hat er es
zu der eingelernten Sicherheit eines Schuljungen gebracht. Kein Mensch
hat ihn denken gelehrt, unter dem Druck seiner Aufgabe hat er nur immer
weitergestrebt, davon konnte keine Rede sein, daß er seine Zeit und
Kraft vertrödelt hätte, er hat das Leben zur Sprachwissenschaft gemacht
und fühlt sich nicht betrogen. So schreitet er weiter durch seine
Öde, eine leere, törichte Wanderung, nicht um irgendwo hinzugelangen,
sondern nur, um auch einer von denen zu sein, die durch die Öde
schreiten. Das ist seine Aufgabe sein ganzes Leben lang.
Er langweilt seine Zuhörer, und der Vater gähnt, geht aber nicht so
weit wie die kleinen Mädchen, die vom Tisch aufstehen. Frank merkt,
daß sie abtrünnig werden, das beleidigt ihn ein wenig, und er sagt
grinsend: „Jawohl, ich soll wohl hier schön sitzen bleiben und euch
etwas beibringen!”
Die kleinen Mädchen setzen sich vorsichtig wieder auf die Stühle, und
der Vater entschuldigt sie: „Sie lernen es doch nicht, das ist ihnen zu
hoch. Aber wir meinen alle, es gehöre dies zu dem Merkwürdigsten, was
wir je gehört haben. Und doch hab' ich draußen in der weiten Welt die
Neger sprechen hören.”
Aber Frank hat seine gute Laune eingebüßt, er ist abgeschafft und
verträgt wenig, deshalb macht er sich jetzt zum Ausgehen fertig, er
will jetzt gleich fortgehen.
„Willst du ausgehen?” fragt der Vater.
„Ja.”
„Na, dann danken wir dir für das, was wir diesmal gehört haben. Aber
daß die deutschen Wörter ein Geschlecht haben sollen -- ich hab' ja
viel mehr Deutsche sprechen hören, als die meisten von uns -- aber wenn
du es sagst --”
„Du, dein Schlips ist elend verdreht!” macht ihn die Blaumeise
aufmerksam.
Da Frank auf Genauigkeit aus ist wie ein Heftelmacher, verbessert er
diese Sprache, er zerpflückt sie und zeigt, wie schlecht sie ist. Ach,
aber es ist eine hoffnungslose Sache, sich Mühe mit ihnen zu geben, die
haben nicht mit acht Jahren angefangen, Sprachen zu lernen. Er geht
also und vergißt den Schlips.
Jetzt sind die drei wieder allein. Auch ihre gute Laune ist dahin,
sie kommen nicht mehr in Zug mit der Lustigkeit, und die Braunäugige
ist böse auf Frank. Der Vater entschuldigt ihn. -- „Ja, aber er wird
doch nicht Pfarrer, wozu braucht er dann so viel zu lernen?” -- „Ach
schweig! Der Schulvorsteher ist auch nicht Pfarrer und doch ein
gelehrter Herr. Was schwatzst du denn da!”
Nun kommt auch Abel heim, und da er bei dem Schmied schon zu Abend
gegessen hat, bekommt er jetzt nur zwei kleine Kuchen. Aber Abel ist
auf seine Weise auch ein netter Kerl, und nachdem er die Leckereien
verzehrt hat, zieht er aus seiner Tasche neue leckere Dinge, die er
selbst für die andern mitgebracht hat. Seht, Abel bekommt ja jeden
Tag bei dem Schmied seine ordentlichen Mahlzeiten, aber zu Hause
ist es sehr ungleich mit den Lebensmitteln, die Schwesterchen sind
durchaus nicht jeden Abend satt, wenn sie zu Bett gehen, und der Vater
vielleicht auch nicht. Als Abel die zwei kleinen Tüten auf den Tisch
legt, ruft er zugleich, daß sie die Süßigkeiten nicht anrühren dürften
-- er habe sie für sich selbst gekauft, sagt er, sie sollten sich nicht
unterstehen, etwas davon zu versuchen, er wolle sich selbst im Bett
damit gütlich tun. Darauf fallen die Schwestern und der Vater über die
Süßigkeiten her und verzehren sie. „Ihr Raubtiere!” poltert Abel. --
„Hast du noch mehr?” -- fragt das Braunchen. „Ich will dir noch mehr
geben!” -- „Haha!” -- Aber plötzlich flüstert der Vater: „Und Frank?”
-- Und siehe, da stellt sich heraus, daß Abel für Frank zwei Stücke
Kuchen besonders in der Tasche behalten hat.
Sie essen und lassen sich's wohl sein. Mutter und Großmutter werden
nicht mitgerechnet, die trinken viel Kaffee und lassen sich's auch wohl
sein, sie halten oft einen Schmaus auf eigene Faust. Oliver, der Vater,
selbst ist es gewesen, der diese heimlichen Feste eingeführt hat, das
kam wohl von seinem Drange her, den Kleinen etwas Gutes anzutun; aber
mit der Zeit war das ausgeartet, es wurde diesem Manne immer weniger
Bedürfnis, offen zu handeln; er fand es am bequemsten, die Kinder im
Flur zu treffen und ihnen einen guten Bissen zuzustecken, den sie auf
der Stelle hinunterschlucken konnten. O, die Erinnerungen an alle diese
herrlichen Durchstechereien, wo ihnen dieser Vater Gutes getan hatte!
„Weißt du noch damals, und weißt du noch damals?” sagen sie zueinander.
Genau genommen gab es doch keinen wie ihren Vater.
Da sitzen sie.
„Seht doch nur Abels Hände und Handgelenke an!” sagt der Vater. „Genau
wie ich sie hatte, als ich noch heil und gesund war.”
„Laß mich sehen, Abel!” sagt das Braunchen und reißt an den Haaren
auf seiner Hand. Er schreit und klagt seinem Vater. „Du bist doch der
älteste, kannst du ihr das nicht untersagen?”
Der Abend vergeht, in der Stube herrscht Familienleben. Die Welt
draußen geht sie nichts an. Sie streben nicht nach etwas Besserem, was
sollte das auch sein? Die Blaumeise hat von dem Kuchen wahrhaftig etwas
Farbe im Gesicht bekommen. Hier sitzt ein Vater, umgeben von seinen
Kindern. Er ist freundlich und fett, und wenn er nicht untersucht wird,
ist er harmlos anzuschauen. Was er für Kinder hat! Die kleinen Mädchen
sind aufgeweckt, sogar sehr aufgeweckt, verteufelt klug; die sind
schlau, die merken viel. Frank ist jetzt schon gelehrt, und Abel schon
ein Mann. Nichts könnte besser sein, mit Süßigkeiten noch dazu ist es
ein Paradies.
Jetzt muß Abel in die Kammer zur Großmutter, dort hat er seine
Schlafstelle. Sein Lager ist eine Schlafbank, die des Nachts zum Bett
wird. Das ist wundervoll, Abel ist müde und schläft wie ein Stein. Und
jetzt geht er, denn er muß ja morgen beizeiten wieder in der Schmiede
sein.
Bald darauf sind auch die kleinen Mädchen zur Ruhe gegangen und Frank
in seine Kammer zurückgekehrt; Oliver sitzt allein am Tisch. Er meint,
Petra bleibe recht lange aus. Weiß Gott, was sie macht; er gähnt,
er zieht seinen Taschenspiegel hervor und betrachtet sich genau.
Wenn Petra heimkommt, will er sie fragen, was sie in der langen Zeit
ausgerichtet habe, unweigerlich will er diese Frage an sie richten,
jawohl, das soll nicht fehlen.
Als Petra endlich kommt, hat sie ihm eine Neuigkeit mitzuteilen. Schon
durch ihre ersten Worte wendet sie jede Mißbilligung ab: „Es ist ein
fremder Dampfer eingelaufen.”
Der frühere Matrose beißt sofort an und fragt: „Wo?”
„Er hat am Bollwerk angelegt.”
Über diese Neuigkeit vergißt Oliver alles andere; er hinkt hinaus, um
selbst nachzusehen. Eine gute Weile blieb er draußen, und als er wieder
hereinkam, brüstete er sich mit seinem Wissen. „Der Flagge nach ist es
ein Engländer.”
„Ein Engländer!” ruft Petra.
„Er hat dieselbe Art Luken wie die Kornschiffe, also wird er wohl für
den Grütze-Olsen bestimmt sein.”
Um ihm entgegenzukommen, heuchelt sie noch weiter übertriebene
Teilnahme und ruft: „Zu Grütze-Olsen! Das konntest doch auch nur du
herausbringen!”
„Ja,” sagt er. „Ich bin doch wohl nicht umsonst in der Welt draußen
gewesen.”
Jetzt ergreift sie die Gelegenheit und wirft ein: „Ich bin wohl sehr
lange beim Rechtsanwalt geblieben. Aber ich mußte doch ordentlich mit
ihm reden.”
„Allerdings,” sagt Oliver und fragt dann: „Was hat er gesagt?”
„Er hat geknurrt.”
„Der Leuteschinder! Ich sollte nur noch meine volle Kraft und
Gesundheit haben! Was habt ihr denn ausgemacht?”
„Er hat ein wenig nachgegeben. Vorerst will er noch zuwarten. Aber mit
einem einzigen Mal war er nicht dazu zu bringen,” sagt Petra.
„Nicht?”
„Ich soll in der nächsten Woche wieder hinkommen,” sagt sie.