Die Großmutter versinkt in Gedanken über jenes alte Ereignis; über die

Reise der jungen Matrosenfrau ins Ausland war seinerzeit sehr viel

geklatscht worden. Und sie hat doch so einen vorzüglichen Vater, den

Schmied Carlsen, eine gute und ehrenwerte Heimat, und dennoch!

„So geht's auf der Welt!” sagt Maren Salt. Und sie weiß noch andere

Stadtneuigkeiten. „Grütze-Olsens jüngste Tochter hat Mitte letzten

Monats in Christiania Hochzeit gehabt.”

„In Christiania? Warum denn dort?”

Es hatte in der Zeitung gestanden, Maren hatte mit angehört, wie es im

Laden bei Davidsen vorgelesen wurde.

„Wen hat sie denn gekriegt?”

„Einen Maler, stand in der Zeitung.”

Die kleinen Mädchen waren sofort auf dem Laufenden. „Das ist der Maler,

der bei Johnsens am Landungsplatz und bei Grütze-Olsens Bilder gemalt

hat,” sagen sie, das war ihnen ganz klar, das wußten sie ganz genau,

diese Kiek-in-die-Welt, o, sie waren Schlauköpfchen!

„Er muß aus einer reichen und vornehmen Familie stammen, nach dem, was

Davidsen gesagt hat.”

„Sonderbar, das ist alles so still vor sich gegangen, kein Mensch hat

ein Wort davon gehört.”

Darauf erwidert Maren: „Man sagt, für die Braut sei es höchste Zeit

gewesen.”

„Na also!” flüstert die ganze Stube verständnisvoll; und dann denken

alle eine Weile darüber nach.

„Ja, alles heiratet und rackert sich ab, ohne Ende,” sagt Petra. Und

dann wagt sie sich wieder auf gefährlichen Grund hinaus. „Du kannst

froh sein, Maren, daß du dich darauf nicht eingelassen hast.”

„Es ist noch gar nicht zu spät dazu,” sagt die Großmutter.

„Petra meint das doch,” sagt Maren von neuem beleidigt.

Petra lenkt nicht ein: „Wenn ich die Wahrheit sagen soll, so hast du

dir doch wohl derartiges ganz aus dem Kopf geschlagen. Wie alt bist du

denn eigentlich?”

„So alt, daß ich es selbst nicht mehr weiß,” sagt Maren und steht auf.

„Aber ich bleib' ja beinahe den ganzen Abend hier sitzen! Vielen Dank

für die Aufwartung und alles Gute! Vergiß nicht, zu mir hereinzusehen,

wenn du am Haus vorbeigehst, Petra!”

Nein, die Jüngste war Maren Salt nicht mehr, aber als sie nun nach

Hause ging und schwere Pakete aus den Läden so leicht trug, als

seien sie gar nichts, und die Füße regte wie zum Tanz, da konnte sie

niemand alt schelten. Sie sah auch gar nicht so aus, die braunen Augen

waren klar und kein bißchen feurig, aber man wußte ja, wie dieses

Menschenkind war, wenn sie in ihrem Alter noch ein Kind bekommen hatte.

Schweigt nur ganz von Maren Salt, an der ist nichts auszusetzen. Waren

die Töchter von Jörgen und Lydia vielleicht besser, die zu Hause saßen

und etwas Besseres sein wollten? -- Waren sie besser? War etwa Fia

Johnsen so viel besser, die blauen Flieder malte und einen Mann und

einen Wegzeiger mit ganz denselben Augen anschaute?

„Ich bin lang ausgeblieben,” sagte Maren, als sie daheim eintrat.

Mattis gab keine Antwort und war im ganzen genommen nicht gut auf sie

zu sprechen. Übrigens sang er eben dem Kinde vor und war mitten in

einem Vers.

„Soll ich es mit Stadtneuigkeiten versuchen,” dachte Maren, „ein

wenig von Kaspar und seiner Frau erzählen, oder von der Hochzeit

in Christiania?” Aber Mattis war keiner von denen, die sich um

Stadtneuigkeiten kümmerten. „Ist er wach gewesen?”

Mattis singt seinen Vers zu Ende und antwortet dann: „Nein, aber du

weckst ihn auf mit deinem Geschwätz.”

„Das tut nichts, er soll jetzt die Brust bekommen,” sagt sie.

Ein sonderbarer Anblick: Der Schreiner Mattis, der an einem

Kinderbettchen sitzt und singt!

Er hatte Wut geschnaubt und auf einem Bein getanzt. Das Schicksal hatte

ihm einen fürchterlich albernen Streich gespielt, er hatte Maren Salt

nicht aus dem Haus gebracht, bevor sie niederkam; das setzte ihm zu und

verwirrte ihn vollständig. So etwas, zum Henker, in seinem Haus! Aber

es sollte nicht lange währen, zwei, drei Tage, dann warf er sie auf die

Straße. -- „Und dann ein wenig plötzlich, vergiß auch nicht, deinen

Balg mitzunehmen!” Aber es vergingen mehr als nur einige Tage, und dann

verging ein Tag um den andern, er hätte einen Besen nehmen und sie aus

dem Hause hinauskehren müssen, aber wo sollte sie hingehen? Und dazu

ein ganz neugeborenes Kind, allerdings ein kräftiger kleiner Kerl mit

fürchterlichen Lungen, aber trotzdem --

Der Schreiner Mattis war ein gutmütiger Mann; er ließ sich gutmütig

zwei Stubentüren abspannen, er ließ gutmütig eine junge Frau laufen,

die ihn um einen goldenen Ring gebracht hatte, und so weiter. Er fuhr

zwar zuerst wutschnaubend auf, und dann ließ er sich gutmütig alles

gefallen. Was sollte er auch machen?

Und Maren Salt war ja auch rasch wieder auf den Beinen und kam ihrer

Arbeit nach. Das Kind machte nicht viel Last, zu essen brauchte es

nichts, es bekam die Brust und schlief, es lag in Marens Kammer in

deren eigenem Bett und nahm keinen Platz weg, Mattis fand allerlei

Gründe, nicht gar so streng zu Werk zu gehen. Aber in einem halben Jahr

etwa, mitten im Sommer, wo niemand mehr erfrieren konnte, da mußten

sie zur Tür hinaus, da half alles nichts! Oder allerspätestens in zwei

Jahren, wenn der Junge allein gehen konnte.

Er schwur hoch und teuer, er wolle das Kind niemals vor Augen sehen,

aber das ließ sich nicht durchführen. Es kam vor, daß Maren Salt,

die Mutter, an den Brunnen gelaufen war, aber das Kind richtete sein

Schreien nicht danach ein, sondern brüllte rücksichtslos den Schreiner

herbei. So ging das einige Male, Mattis knirschte mit den Zähnen und

war rasend, aber von Stein war er nicht, er machte die Beobachtung,

daß das Kind schwieg, wenn er mit ihm sprach, daß es sich beruhigte,

wenn es eine Menschenstimme hörte, und das führte dazu, daß er mehr

und mehr mit ihm sprach, und endete damit, daß er ihm vorsang. Als das

Kind etwas ins Auge zu fassen vermochte und anfing, ihn zu kennen, nahm

er es auch auf und trug es herum. Dieser kleine Unnutz, dieser kleine

Kerl, der so nett und leicht in seinen Armen lag -- „Sei doch still,

nicht so schreien, daß es der Lehrling und der Gesell in der Werkstatt

hören, Mund gehalten! Übrigens ist es gar kein Wunder, wenn du

schreist, armer Kleiner; dich friert, und du kriegst die Brust nicht,

ich muß ihr wahrhaftig einmal die Meinung sagen! Es sollte mich gar

nicht wundern, wenn sie dich in dem schmalen Bett in der Nacht einmal

totdrückte. Da sieh her, jetzt nehmen wir das Kissen und tragen dich

darin herum. Siehst du, so ist es schon wärmer, und ihr werde ich bei

Gott die Meinung sagen.” --

„Er friert!” ruft er der Mutter zu.

„So, friert er?”

„Ich weiß es nicht und will es auch gar nicht wissen; das ist nicht

meine Sache. Aber du sollst ihn nicht hungrig liegen lassen.”

„Er hat keinen Hunger.”

„Meinst du, er weine für nichts und wieder nichts? Und das will eine

Mutter sein!”

Maren Salt hat herausgefunden, daß es sich lohnte, gefügig gegen den

Schreiner zu sein. „Ich will ihm die Brust geben,” sagte sie.

„Und das ordentlich!” begehrte der Schreiner. „So hab' ich ihn noch nie

schreien hören wie heute.”

Dann geht Mattis wieder hinaus in die Werkstatt zu Lehrling und Gesell.

Er ist ärgerlich und schämt sich, in der Tür dreht er sich um und sagt

zu Maren: „Du mußt ja nicht meinen, ich komme jedesmal zu ihm herein,

mir ist es einerlei, wenn er sich totschreit. Aber wir wollen in der

Werkstatt, in meinem eigenen Hause kein Kindergeschrei hören. Du kannst

ihn da nicht liegen lassen, bis er sich totschreit.”

Damit geht Mattis in die Werkstatt, der Gesell und der Lehrling sind im

Begriff zu gehen. Er schilt noch über Maren und das Kind: „He, was man

nicht alles erleben muß! Aber nun dauert es auch nicht mehr lange. Ich

weiß einen, der davon nichts mehr in seinem Haus wissen will. Wäre nur

nicht eine Strafe aufs Hinauswerfen gesetzt, aber es steht eine schwere

Strafe darauf, eine von den schwersten. Du weißt das doch auch?” fragt

er den Gesellen.

Der Gesell hat keine Kunde davon, findet es aber nicht unwahrscheinlich.

„Eine fürchterliche Strafe, mehrere Jahre. Und dem will ich mich nicht

aussetzen.”

Bei Tag arbeitet er jetzt an einer kleinen Bettstelle, einem

Kinderbettchen für eine Familie in einer andern Stadt, sagt er; die

Maße sind ihm angegeben, es ist also eine einfache Bestellung. Es wird

ein schönes Gitterbettchen mit ein wenig Schnitzerei am Kopf- und

Fußende, und er hat auch den Auftrag, es weiß anstreichen zu lassen,

ehe er es abschickt. Er steht also da und arbeitet. Aber es ist eine

verfluchte Geschichte mit dem Lied, mit diesem Kinderverschen, es

kommt ihm tagelang nicht aus dem Kopf, er ertappt sich dabei, daß er

es während der Arbeit vor sich hinsummt und sich lächerlich macht.

Ein Mann mit so einer Nase beim Hobeln ein Kinderliedchen summen! Er

hat den Gesellen im Verdacht, daß der sich das Lachen nicht recht

verkneifen kann.

Er war recht froh, als er so weit war, daß er den Lehrling mit dem

Bettchen zum Maler schicken konnte.

Noch froher hätte er sein können an dem Tage, da er es schneeweiß und

blank wieder zurückerhielt und es einpacken und fortschicken konnte.

Aber dem Mattis hatte das Schicksal wohl abermals einen Streich

gespielt, jetzt war das Bettchen abbestellt worden, die Leute hatten

ein fertiges gekauft, Mattis hatte einen Brief dieses Inhalts bekommen.

Jawohl, ein neuer Streich vom Schicksal! Aber Mattis nahm es diesmal

merkwürdig gelassen hin; er sagte: „Das tut nichts, das Bett kann ich

immer wieder loswerden. Aber es ist, wie ich sage, was man nicht alles

erleben muß! Nein, man sollte sich auf solche Bestellungen aus einer

andern Stadt niemals einlassen!” sagte Mattis.

Kurz gesagt, er mußte das Bett behalten.

Und nun konnte der Junge, Maren Salts Kind, das Bettchen gerne

leihweise benützen, eine Woche oder so, bis es verkauft wurde. Das

schadete dem Bettchen nichts.

21

Gewiß ist es am besten, wenn eine Hochzeit im Hause der Braut gefeiert

wird, aber Konsul Olsen feierte die Hochzeit seiner jüngsten Tochter in

der Hauptstadt, im Palmensaal eines großen Hotels. Er hatte allerlei

Pläne im Kopf, wer weiß, ob er nicht sogar daran gedacht hat, die

Hochzeit in einem überseeischen Land, in Argentinien oder Australien

zu feiern. Das gefiel diesem Mann mit dem weiten Gedankenkreis, etwas

Derartiges recht flott und augenfällig zu machen, ein großes Hotel war

gut, man hatte nichts nötig, als um fünf Lohndiener zu telephonieren.

Das war nicht nur fein, sondern auch praktisch, denn seiner Frau blieb

dadurch viel Mühe und Arbeit und Sorge mit der Bewirtung erspart.

Dann wird also der Maler, der Hardesvogtsohn, mit seinem Modell

getraut. In der Heimatstadt der Braut wird ein wenig darüber gelästert;

als man am Brunnen alles genau überlegte, so war das entschieden

auffallend. Aber auf jeden Fall hatte die junge Dame den Kaufmannstand

und Scheldrup Johnsen aufgegeben; jetzt sollte es nicht mehr am

liebsten der Scheldrup sein, sondern am liebsten ein anderer.

Zu dieser Hochzeit ist der Rechtsanwalt Fredriksen eingeladen; er ist

ja als Abgeordneter und Vorsitzender seiner Kommission schon in der

Hauptstadt anwesend. Er konnte nicht gut umgangen werden, denn er war

eine bedeutende Persönlichkeit, hatte gewissermaßen etwas Amtliches,

beinahe den norwegischen Löwen auf der Brust. „Willkommen!” sagte

Grütze-Olsen und führte seinen Gast zu einem Ehrensitz an der Tafel.

Und hier bei dieser Gelegenheit will der Rechtsanwalt Fredriksen

den Grundstein zu seinem Glück legen und eine vorläufige Abrede mit

Grütze-Olsens anderer Tochter -- der älteren -- treffen. Es sollte

noch geheimgehalten werden, sie wollten noch ein wenig warten, Gott

weiß warum, allein das gehöre mit zu seinen Zukunftsplänen, sagte der

Rechtsanwalt, er werde ja doch nicht immer nur Abgeordneter bleiben,

und damit Punktum. Aber die vorläufige Abrede sollte bindend sein.

Also sollte auch Grütze-Olsens zweite Tochter den Kaufmannstand und

die flotten Kaufleute aufgeben. Sie war groß und gesund, hatte eine

schwere Menge aschblonder Haare, der Rechtsanwalt war schon bei Jahren,

kein Turner mehr, ein bißchen unreinlich, ohne griechische Nase, aber

ein Teufelskerl, ohne viel Haare, aber mit einer wulstigen Hautfalte

im Nacken -- es war also eine Schattierung Unterschied zwischen den

beiden. Der Rechtsanwalt war schon recht.

Er kehrte wieder in die Stadt zurück. Gewiß, er war sofort Vorsitzender

der Kommission wegen der mißhandelten Matrosen geworden, und er trug

den Kopf hoch. Eine solche Karriere! O nein, er rannte niemand über den

Haufen, aber es war, als ob er eine noch gewichtigere Stimme bekommen

hätte, eine Donnerstimme. Das kam wohl von der Übung im Landtag, als er

seine berühmte Interpellation einbrachte.

Da geht er nun gegen Abend in den Straßen spazieren, es könnte ja

jemand Lust haben, mit ihm zu reden, der Doktor, der dem Doppelkonsul

die Interpellationen gönnte, der Zollverwalter, der zur Linken gehörte,

der junge Assistent beim Hardesvogt, der selbst Rechtsanwalt werden

wollte, und noch mancher andere aus dem Volke. Und der Abgeordnete

gönnt jedem im Vorbeigehen ein paar Worte. Aus irgendeinem Grunde war

es ihm am wenigsten angenehm, daß sich der Doktor jetzt gerade an ihn

hängte; aber er konnte dem nicht entgehen, die andern gingen ihres

Weges, der Doktor jedoch ließ ihn nicht los, er war ganz wie früher.

Ganz derselbe Mann in der Stadt, ja. Der Doktor ändert sich nicht, er

besucht Kranke, schreibt lateinische Rezepte, glaubt an seine eigene

Gelehrsamkeit und an seine Wissenschaft und verdient sein Brot. Er hat

genug an der Plage jedes Tages. Selten einmal trifft ihn ein kleiner

Glückszufall, wie zum Beispiel, als ihn Henriksen von der Werft nach

dem Tode seiner Frau mit einem großen Geldschein bezahlte; aber im

großen und ganzen hat der Doktor wenig Freuden. Er ging seinerzeit von

dem einen Kaufmann, von Johnsen, mit dem er unzufrieden war, zu einem

andern über, zu Davidsen, und wollte es einmal mit diesem versuchen;

aber sie waren beide ganz gleich, auch Davidsen schickte eine Rechnung.

Der Ärmste war zwar Konsul, allein er war nicht reich und mußte

kleinlich sein, alle waren Krämer. So war der Doktor zuzeiten ohne

einen festen Lieferanten.

Er war nicht zu beneiden, mit seinem Dasein war kein Staat zu machen.

Natürlich grämte er sich niemals über sich selbst, darüber, daß er

nicht die Gabe hatte, sich zu ändern, zu bessern, daß er nicht ins

Leben paßte, ein Verirrter, ein sauertöpfischer Mensch, ein Narr,

dummstolz inmitten der Zweifelhaftigkeit seines Charakters. An den

Leuten, an der Stadt und zum Teil auch an der Vorsehung lag der Fehler.

Sicherlich war es so, er selbst war ganz so, wie er sein sollte.

Ach, wie er sich hätte ärgern können!

Der Doktor hatte kein Herz für ein richtiges Wagnis, für Gefahren;

aber einen Streit scheute er nicht, im Gegenteil, er bohrte und

stichelte, wo er Gelegenheit dazu hatte, und machte sich seiner Zunge

wegen überall gefürchtet, eine unverscheuchbare Bremse, eine Wespe

mit einem Stachel. Es freut ihn, daß ihm nicht jedermann richtig

zu antworten wagt. Das war ein Triumph im gegebenen Augenblick,

er spottete und lachte darüber. Von Natur böse war er nicht, weit

entfernt, seine Eigenschaften hatte er sich erst zugelegt, die

Schule und die schematische Entwicklung nach Büchern hatten ihn zu

dem gemacht, was er war. Nein, er brachte es auch nicht zu einer

achtbaren Größe in der Bosheit, er hatte zu spät damit angefangen,

erst als älterer, schiffbrüchig gewordener Mensch, er brachte es nur

bis zu einer säuerlichen Unzufriedenheit, brachte es zu Bitterkeit,

Groll, Eifersüchtelei, Klatsch. Wenn ein Mensch starb, sagte dieser

Arzt mit der gefährlichen Zunge: „Jetzt ist wieder ein Paar Schuhe

freigeworden!” und es freute ihn zu sehen, daß seine Zuhörer ein etwas

sonderbares Gesicht machten.

Er konnte dies auch dem Abgeordneten gegenüber nicht lassen,

sondern stichelte auf allerlei Weise drauf los. So mußte der Doktor

mißbilligen, daß ein Mann wie der Rechtsanwalt Fredriksen auf Stiefeln

mit hohen Absätzen daherwackle, wenn er auch Abgeordneter geworden sei.

Er sei ja vordem schon mühselig genug gegangen. Der neue Überzieher

gehe noch an, aber solche Stiefel für solche Füße!

Der Rechtsanwalt wußte nichts davon, daß mit seinen Füßen irgend etwas

Besonderes los sei.

„Das kommt davon, weil Sie nichts von Anatomie verstehen!”

„Soviel Anatomie, als ich brauche, versteh ich schon.”

„Da haben wir's: man kommt in den Landtag und meint, man brauche dazu

gar nicht mehr zu wissen, als man weiß.”

„Man kommt zuweilen zum Bezirksarzt in seinem Wahlkreis zurück und

vervollständigt sein Wissen.”

„Hoho, das Vervollständigen tut's nicht, man muß am Anfang anfangen,

lieber Freund.”

Der Rechtsanwalt wollte keinen Wortwechsel, andererseits wollte er aber

auch dem respektlosen Kerl nicht den Triumph gönnen, daß er böse wurde

und davonlief. Er blieb also und schwieg, o, aber er war sich die ganze

Zeit über bewußt, wie klein der Doktor in seinen Augen war! „Da haben

wir ja auch den Barbier Holte. Guten Abend, Holte!” sagt er und bleibt

stehen, in der Hoffnung, der Doktor werde weitergehen. Nein, der ging

nicht. „Um welche Tageszeit ist es am wenigsten voll bei Ihnen, Holte?

Ich möchte mir die Haare schneiden lassen.”

„Was, mögen Sie in den Barbierladen gehen und dort warten, bis Sie an

die Reihe kommen? Sie können ihn ja zu sich kommen lassen.”

„Wir Demokraten sind nicht so vornehm,” erwidert der Rechtsanwalt.

„Sagten Sie vornehm? Nein, das weiß Gott!”

Sie begegneten dem Schreiner Mattis und: „Guten Abend!” grüßte der

Rechtsanwalt wieder, sprach einige Worte mit ihm und ließ ihn dann

gehen.

Der Doktor sagte: „Ja, der gute Mattis, er hat wahrhaftig auch

braunäugige Nachkommenschaft im Hause. Das ist ihm auch keine Freude

gewesen.”

Aber nun kam der Doktor durch irgendeine Gedankenverbindung auf etwas

anderes, er sagte plötzlich: „Ihre Interpellation war prächtig. So hat

es ihm gehört, dem Schweinigel!”

Der Rechtsanwalt erwidert abweisend: „Nein, mit dieser Interpellation

bin ich selbst von allem, was ich darin getan habe, am wenigsten

zufrieden.”

Sofort stichelt der Doktor: „Was haben Sie denn sonst noch getan?”

„O, nichts,” sagte der Rechtsanwalt und will einen Wortwechsel

vermeiden.

Da der Doktor jetzt den großen Mann klein genug hatte, so hatte er

seinen Willen und konnte nun gerne auch sein Wohlwollen zeigen:

„Natürlich tut man vielerlei im Landtag, wovon wir Außenstehenden

keine Ahnung haben. Komiteearbeit zum Beispiel, von der Arbeit in den

Kommission gar nicht zu reden. Es ist ganz gut, daß Sie einmal in das

Verhältnis zwischen Matrosen und Reedern hineinleuchten, machen Sie

nur ganze Arbeit, warum in aller Welt sollen diese Reeder so reich

werden? Unwissende und ungebildete Kerle, die gelernt haben, hinter

einem Ladentisch zu stehen, aber sie rauchen Zigarren mit goldener

Bauchbinde, trinken Madeira von einem alten guten Jahrgang, und ihre

Frauen und Töchter tragen Brillantringe, es ist zum Speien! Ei, zum

Henker, da kommt ja der Postmeister! Da müssen Sie mich entschuldigen,

ich drücke mich jetzt! Jetzt wird er wieder seine Überzeugung von den

vielen Erdenleben lüften. Können Sie sich etwas Schrecklicheres denken,

als diesen Mann? Schon allein, daß sein Leben bewußt und unablässig auf

das Gute gerichtet ist, hehe! ‚Nachkommen!’ sagt er und freut sich über

seine Kinder. Er ist ein Narr. Ich hoffe, Sie entschuldigen, daß ich

mich davonmache, ich meine es besser mit mir, als daß ich ihn anhören

möchte. -- Guten Abend, Herr Postmeister! Sie sind wohl wieder auf der

Suche nach Gott? Eben haben wir von Ihnen gesprochen.”

„Ich sage Dank für alles Gute, das die Herren von mir gesprochen haben.”

„Und was vielleicht Böses gesagt wurde?”

„Das haben Sie jedenfalls nicht angehört.”

„So. Auch ich bin mir selbst der Nächste.”

„Gerade darum,” sagt der Postmeister.

Der Doktor stutzt und sagt: „Sieh, sieh, Sie meinen also, ich diene mir

selbst am besten, wenn ich Gutes von Ihnen rede?”

„Ja, das mein' ich, wenn Sie Gutes von allen Menschen reden. Herr

Rechtsanwalt, ich heiße Sie willkommen in der Heimat!”

Der Doktor wollte ja eigentlich gehen, aber in der milden

Zurechtweisung des Postmeisters lag etwas, das ihn veranlaßte, noch

einen Augenblick zu bleiben und ihm jedenfalls die Spitze zu bieten:

„Herr Postmeister, Sie gehören gar nicht in diese Welt hinein. Sie

glauben an das Gute und sagen: ‚Was soll man glauben?’ Diese Welt will

Logik und Realität, keine Gefühlsduselei.”

Bei solchen Streitigkeiten hatte der Postmeister den Vorteil, auf

bekanntem Gebiet zu sein, wo ihn sein Nachdenken wenigstens auf einen

festen Standpunkt geführt hatte. Darum war er auch oft dazu aufgelegt

und vollkommen bereit, seine Meinung zu verteidigen, zuweilen sogar

recht schlagfertig. Außerdem war der Postmeister durchaus kein Lamm, er

konnte bisweilen recht verletzend sein mit niedergeschlagenen Augen und

einem leichten Lächeln. Was er sagte, war eigentlich gar nicht viel,

nur einige ganz höfliche Worte, aber sie waren nicht immer harmlos.

„Was diese Welt will, weiß ich nicht,” sagte er. „Es sollte übrigens

nicht nur darauf ankommen, was sie will, sondern auch darauf, was sie

wollen sollte. Da die Logik nun einmal so eine armselige Sache ist, so

hätte die Welt vielleicht noch etwas außer ihr nötig. Ich weiß nicht,

mit der Logik kommt man nicht weit.”

„Doch, in der Wissenschaft.”

„Meinen Sie?”

„Ob ich das meine? Die Wissenschaft hat keinen Gebrauch für Metaphysik

und Aberglauben; das ist ihre Logik.”

Der Postmeister schüttelt den Kopf. „Die Wissenschaft tanzt mit ihrem

Spieß um die Metaphysik herum und sticht und sticht nach ihr, ohne daß

ihr das im geringsten schadet. Schadet es wirklich nicht? Nein. Denn

diese fundamentale Lebensmacht ist unverletzlich und ewig. Man kann

nicht mit dem Spieß in ein Meer stechen und es verletzen.”

„Sind Sie auf der Volkshochschule gewesen?” fragt der Doktor.

„Nein, ich bin nicht -- wie Sie -- auf einer hohen Schule gewesen.”

Durch diese Stichelei ließ sich der Doktor verleiten, grob zu werden.

„Es hätte Ihnen gar nichts geschadet, wenn es der Fall gewesen wäre.

Dann säßen Sie vielleicht nicht hier in dieser guten Stadt als

Postmeister.”

„Sie meinen, das sei nichts Großes?”

„Was meinen denn Sie selbst?”

„Ich bin zufrieden. Einige können allerdings ihre Lust, für groß zu

gelten, selbst wenn sie es sind, nicht verleugnen. Diesen Fehler haben

manche.”

„Wir haben von der Wissenschaft gesprochen.”

Der Postmeister unterbricht ihn: „Nein, entschuldigen Sie! Ich bin

nicht -- wie Sie -- ein Mann der Wissenschaft, wissenschaftliche Fragen

kann ich nicht erörtern.”

„Das ist entschieden ein Fehler von Ihnen,” sagte der Doktor

und fuhr dann fort: „Wissenschaftliche Wahrheiten sind entweder

selbstverständlich oder logisch zu beweisen, oder beides. Nun, die

Metaphysik ist keines von beiden.”

„Aber, Herr Doktor, ich sage weder, noch meine ich, die Metaphysik sei

eine Wissenschaft, sie ist vielmehr gerade das Gegenteil.”

„Dann ist es leeres Geschwätz, Herr Postmeister, und nichts anderes.

Wenn wir die Wissenschaft nicht hätten, was hätten wir denn dann? Moses

und die Propheten -- laßt sie diese hören!”

„Die Metaphysik setzt da ein, wo die Wissenschaft aufhört; jawohl, das

tut sie.”

„Die Wissenschaft hört niemals auf. Sie tastet, sie reicht nicht immer

völlig zu, aber sie strebt und strebt vorwärts und geht immer weiter.”

„Gewiß, so sagt man ja,” erwidert der Postmeister. „Ich habe mich auch

unrichtig ausgedrückt, ich wollte sagen, die Metaphysik setze da ein,

wo die Wissenschaft nicht völlig zureicht, an den wenigen Punkten,

Kleinigkeiten, Einzelheiten, wo die Wissenschaft nicht bis auf die

oberste Spitze gedrungen ist. Es handelt sich nur um Haaresbreite. So

wollen wir sagen.”

„So, Sie wollen spotten! Sie glauben ja, um das Rätsel des Lebens zu

erklären, an ein ganzes System von Erdenleben. Daher nehmen Sie das

Licht auf Ihrem Wege.”

„Was soll man glauben!” erwiderte der Postmeister. „Zuweilen ist ein

kleines Licht darin, das sind Sterne in der Nacht. Es ist kein starkes

Licht, ist nicht Sonne und heller Tag, aber es sind doch Sterne in der

Nacht. Man kann doch etwas dabei erkennen.”

„Wär' es nicht besser, das Licht der Wissenschaft zu haben, so weit es

eben reicht?”

Die Weiber am Brunnen: Roman · 第 19 / 35 段