Nein, er hatte anderes zu tun, als sich mit Reinert herumzutreiben,

die Mädchen zu grüßen, die Damen, und sie heimzubegleiten. Leeres

Vergnügen! Dagegen ging er hie und da auf die Werft hinaus, er hatte

bei Henriksen, der Achtung vor dem studierten Mann empfand, Zutritt

gefunden und machte nun zuweilen einen Spaziergang mit der ältesten

der kleinen Töchter, mit Konstanze, und erzählte ihr einiges aus einer

größeren Welt, als die ihrige war. Seht, Konstanze war noch ein kleines

Mädchen und noch nicht ganz erwachsen, nein, aber wahrhaftig, sie war

schon recht verständig und horchte dankbar auf seine Erzählungen aus

einer großen Welt. Das waren angenehme Ausflüge. Frank betrug sich

bei Henriksens sehr gebildet, er sagte „wie beliebt!” und „bitte um

Entschuldigung!”; er erhielt eine Zigarette und nahm sie aus dem Munde,

wenn er sprach, er trank Kaffee und spreizte dabei sehr gebildet den

kleinen Finger. Von großer Verliebtheit war keine Rede, nur von einer

kleinen Herzensregung, einem guten Geschmack im Munde. Man sah, wohin

Reinerts Gewaltsamkeit führen konnte, sein Herz machte am hellen

Tage große Sprünge auf der Straße, es konnte ihn eine leichtsinnige

Lust ankommen, laut zu pfeifen, zu singen. Frank hielt sich jede

Verliebtheit auf Armeslänge vom Leibe.

Es wurde Sonntag, und Abel kam nach Hause, um seine Schwestern zu der

Bootfahrt abzuholen; noch einmal fragte er Frank, ob er nicht mitkommen

wolle.

„Nein.”

„Wir haben Mundvorrat mitgenommen, dann legen wir an und tanzen. Der

Zeichenstift nimmt seine Ziehharmonika mit.”

„Nein.”

Trotzdem schaute ihnen Frank lange nach, als sie weggingen, er

fühlte wohl ein schwaches Leuchten in sich, den Widerschein des

Lebens draußen. Der Ärmste war von Anbeginn an irre gegangen. In der

Tiefe seines Handgelenks sieht er einen blauen Puls schlagen, seine

Brust weitet sich, in seinem achtzehnjährigen Kinderhirn brennt ein

sonderbares Feuer.

Seiner Großmutter draußen in der Stube gefiel es, daß er abgelehnt

hatte, an der Bootfahrt teilzunehmen; das war der künftige Pfarrer! Die

Großmutter hat den Befehl, den Studenten nicht zu stören, jetzt macht

sie aber doch furchtsam die Tür auf mit einer Tasse Kaffee in der Hand

und bittet ihn, den Trank nicht zu verschmähen.

Das kam ihm gerade recht.

„Du hast sehr recht daran getan, daß du zu Hause geblieben bist,” sagt

sie.

„Was sollte ich denn dabei?” erwidert er.

Er zweifelt nicht daran, daß er keinen Fehler gemacht hat, als er

daheim blieb und sich so vernünftig auf der rechten Seite hielt. Er

wußte nicht, daß nur die, die gar nichts tun, keinen Fehler machen.

Dann steckte er die Nase wieder in seine Bücher. Aber die Mahlzeiten

kosteten ihn viel Zeit. Der Ruf zum Essen führte ihn ja in die

Wirklichkeit hinein und machte ihm klar, daß er nicht hungrig war; aber

das wußte er schon vorher.

20

Es kann gut sein, daß Abel einen Fehler machte, als er diese Bootfahrt

ins Werk setzte. Klein-Lydia kam nicht mit, und der Tag war verdorben.

Er hielt bis zum Abend auf einer grünen Insel aus, schrie und machte

sich zum Hanswurst, aber als er wieder zu Hause war, wollte er sofort

Klein-Lydia aufsuchen und Rechenschaft von ihr fordern. Er traf sie

nicht; es war Sonntag, Klein-Lydia saß beim Polizei-Carlsen und übte

Klavier.

Gut.

Am nächsten Abend suchte er sie wieder auf, traf sie aber wieder nicht;

sie war ausgegangen. Ihre Schwestern waren zu Hause.

Nun mußte es Klein-Lydia erfahren haben, daß er sie sprechen wollte,

aber sie kam ihm nicht entgegen, sie wich ihm aus. Na, dann war es wohl

eine natürliche Sache, daß sie ausgegangen war, am dritten Abend würde

sie gewiß zu Hause sein.

Nein.

Da wurde Abel zahm. Er hielt zwar die Welt immer noch für einen Ort,

an dem es sich aushalten ließ, aber es war keine interessante Welt,

und das Leben war abscheulich und unnötig. Heute hatte er Klein-Lydia

und ein paar andere Mädchen mit Reinert zusammen gesehen -- dieser

Küstersohn, der sich immer mit den Mädchen herumtrieb -- mit dem

zusammen hatte Abel Klein-Lydia gesehen. Das war ja nett! Dem Reinert

wollte er einen Riegel vorschieben vor sein ruchloses Betragen, und

Klein-Lydia mußte gerettet werden. Das wollte Abel tun, er wollte sie

retten. Allein so etwas läßt sich nicht mit dem Hammer machen, dazu

gehört Geduld und große Feinheit. Kann man nicht in den Hafen flott

hineinfahren, dann warpt man sich eben in den Hafen. Er nahm sich

nicht vor, noch öfter zu dem Mädchen zu gehen, weit entfernt, er

gedachte sie zufällig auf der Straße zu treffen. Als er sie aber nach

ein paar Tagen noch nicht gesehen hatte, schlich er sich doch in den

bekannten Hinterhof.

In dieser Zwischenzeit war er still geworden, war wieder aufgeflammt,

wurde wieder still, flammte noch mehrere Male auf, jetzt im Augenblick

war er rasend, als er aber das Mädchen traf, konnte er doch nicht

weniger zu ihr sagen, als: „Na, wo hast du dich herumgetrieben? Wenn

wir heiraten, wird das ein anderer Tanz. Warum bist du am Sonntag nicht

zu der Bootfahrt gekommen?”

Klein-Lydia hatte ihn vielleicht an diesem Abend erwartet, hatte sich

vielleicht aus sehr großer Freundlichkeit eingestellt, sie lächelte,

nickte ihm als Erwiderung seines Grußes zu und sagte: „Bist du's, Abel?”

Dies entwaffnete ihn. Eigentlich hätte er nun mit einem Menschen

Abrechnung halten müssen; aber als Führer dieses Unternehmens blieb er

merkwürdig mutlos stehen und starrte gerade aus.

Lydia ihrerseits wich keineswegs davor zurück, zu den Tatsachen zu

kommen: „Warum ich am Sonntag nicht mitgekommen bin? Ich mußte Klavier

üben und beides konnte ich doch nicht zu gleicher Zeit.”

„Nein,” sagte er. Aber er wußte ganz gut, daß sie durchaus nicht den

ganzen Tag Klavier gespielt hatte, sondern erst am Abend. Außerdem

hatte sie seinen Schwestern versprochen gehabt, mitzukommen, diese aber

dann im Stich gelassen. Da mochte der Henker drauskommen!

Klein-Lydia saß auf der ärmlichen, engen Holztreppe und nähte, sie

flickte oder veränderte etwas an einem Kleid, sie war geschickt mit den

Händen. Dann ging es, wie derartiges zu gehen pflegt. Allmählich dachte

sie wohl, sie sei überfallen worden; und warum sollte sie sich das

gefallen lassen? Dieser Schmiedknecht und seine Schwestern glaubten am

Ende, sie seien ihresgleichen, aber sie wollte sie schon eines Besseren

belehren. „Ich hab' etwas mehr zu lernen als du,” sagte sie. „Du meinst

wohl, Klavierspielen sei leicht?”

„Nein,” sagte er.

„Schon allein die Noten sind entsetzlich schwer. Und dann alle die

Übungen.”

„Aber wozu lernst du es denn?”

Ach, wie war er einfältig! Warum sie Klavier spielen lernte! Weil alle

besseren Leute es lernten. Sie hatte Tanzen gelernt, sie mußte Klavier

spielen lernen, und Sticken und Spitzen häkeln an ihre Hemden, ach,

was sie alles lernen mußte! Es war ihr nicht einmal angeboren, mit

einem Sonnenschirm in der Sonne zu gehen, sie mußte das erst üben,

eine herrliche Sache war es. Auch ihre Schwestern hatten gelernt und

gelernt, auch sie waren nicht die ersten besten und dachten nicht

daran, sich wegzuwerfen, sie blieben zu Hause und warteten auf einen

Steuermann, einen Kommis. So benehmen sich bessere Leute.

Klein-Lydia ärgerte sich nicht sehr über Abels Worte, aber sie schwieg

dazu.

Da stand nun also Abel wieder.

Sie hatte einen Augenblick ihren Fingerhut neben sich gelegt; er nahm

ihn in die Hand und fing an: „Was kann das sein, das so wie geädert

ist?”

„Das? Elfenbein.”

Sein Sinn für Elfenbein war wenig entwickelt, das prächtigste, wovon er

je gehört hatte, war der Tempel Salomonis, aber kein Fingerhut. Jetzt

ritt ihn indes der Teufel, er legte den kostbaren Fingerhut aus der

Hand, strich einmal über den blauen Waschstoff des Kleides, an dem sie

nähte, und sagte: „Das ist Brokat, so weit ich es beurteilen kann.”

Sie faßte das augenblicklich als Anzüglichkeit auf, was es vielleicht

auch war, und sagte: „Davon verstehst du nichts.”

Schweigen.

„Hast du nicht etwa noch eine Treppenstufe?” fragte er.

„Eine Treppenstufe? Willst du sitzen? Bitte schön!”

Sie stand auf und machte ihm Platz.

„Nein, so war es nicht gemeint,” wehrte er ab. „Wenn wir nicht beide

auf der Treppe Platz haben, kann ich ja stehen.” Übrigens war er jetzt

recht im Zug und fuhr fort: „Was ich sagen wollte -- das ist doch ein

Unsinn mit deinem Klavier spielen. Du hast doch keine Verwendung mehr

dafür, wenn wir verheiratet sind.”

Sie sank wahrhaftig auf die Treppe nieder, sie wurde klein wie

ein Punkt, und es dauerte eine geraume Weile, bis sie die Sprache

wiedergefunden hatte. „Verheiratet? Ich mit dir?”

Er sah sie forschend an, als wolle er unparteiisch sein. Er verstand

nicht, daß dies war, als hätte sie ihn an der Nase herumgeführt, nur

ein wenig, natürlich, aber doch an der Nase gefaßt, ihn dem Ausgang

zugedreht und ihn hätte gehen lassen.

„Dich heirat' ich in meinem Leben nicht,” sagte Klein-Lydia.

Aus diesen Worten schließt Abel, daß sie ihm einen Korb gegeben habe;

er blieb aber trotzdem stehen und schaute sie an, konnte es nicht

lassen und blinzelte von Zeit zu Zeit. Das war ja eine nette Art zu

reden, die sie an sich hatte, es war ja gerade, als ob sie ihn nicht

haben wollte! Sie konnte das halten, wie sie wollte, Glück auf die

Reise! Verdrießlich stand er eine Weile da.

Klein-Lydia sieht auf, nickt ihm lächelnd zu und sagt: „Es ist wahr,

was ich sage!” -- Ach, aber es war gar kein Zweifel, daß sie etwas

sehr scharf gewesen war, und das war unnötig, sie konnte schon ein

wenig freundlicher sein. „Du könntest mir wohl ein wenig helfen und

hier festhalten,” sagt sie, und damit reicht sie ihm eine Falte ihres

Kleides.

Nein, er regte sich nicht.

„Hörst du!” rief sie und stach ihm mit der Nadel in die Wade.

Er machte einen Satz, und, ist es zu glauben, wurde ärgerlich, wurde

böse. Ohne mehr zu sagen, als ein einziges Mal „Au!” zu rufen, blieb er

einen Augenblick stehen und biß sich auf die Lippen, wurde leichenblaß

und war im Begriff, gehörig herauszulangen. Es machte ihn nicht sanfter

im Gemüt, daß Klein-Lydia in lautes Lachen ausbrach. Was in aller Welt

-- er, der sich aus einer Kreuzotter nichts macht, der sich in der

Schmiede oftmals Blutblasen an die Hände schlug, sollte jetzt eines

Nadelstiches wegen einen Luftsprung machen! Aber das tat er. Und nun

merkte sie wohl, daß sie etwas Ordentliches tun mußte: „Du, der Reinert

ist einmal ein Affe!” sagte sie.

Das rief Abel wieder zurück und erinnerte ihn an seine Pflicht,

Klein-Lydia zu retten. „Ja,” sagte auch er.

„Ein Wichtigtuer!”

„Ja. Hast du das bis jetzt noch nicht gewußt?”

„Aber er ist ein flotter Kerl. Und was er für hübsche Locken hat.”

„Na, dir gefällt er also doch?”

„Mir? Meine Mutter sagt, er habe sich herausgemacht. Und dann hat er

doch auch eine Menge gelernt.”

„Hahaha!” sagt Abel. „Blech!” sagt er. „Der soll viel gelernt haben?

Ich weiß hundertmal mehr als er, wenn du es wissen willst. Ich weiß

nicht gerade dasselbe wie er, nicht das, was in den Büchern steht, aber

von andern Dingen weiß ich hundertmal mehr als er.”

„Ja, von andern Dingen!” höhnte sie.

„Ja, wohlgemerkt, hundertmal mehr! Und du wirst schon sehen, daß er

niemals Pfarrer wird. Das ist mit ihm genau so wie mit Frank, der wird

auch niemals Pfarrer. So ein Küstersohn! Und wenn du dich auf einen

verlassen willst, der nach so viel mehr aussieht, als wirklich hinter

ihm ist, dann bist du recht dumm, das sag' ich dir.”

„Ich? Ich mach' mir nicht das geringste aus ihm.”

Das veränderte die Sache, und Abel fühlte sich wohl mit einem Male

recht erleichtert, er hätte sie küssen können, wahrhaftig, sie auf den

Mund küssen, da saß sie. Aber ein Mädchen mit Küssen zu überrumpeln,

ist schwierig, das verlangt technische Fertigkeit, man muß treffen.

Statt dessen nahm er den Schleifstein, der an der Wand stand, hob ihn

aus Mutwillen oder aus unmenschlicher Kraft aus seinem Ständer und

legte ihn ihr in die Arme.

Na ja, man redet ja oft vom Verstummen, aber eine so ohrenbetäubende

Stummheit hatte er noch nie gehört. Dann schreit sie, Klein-Lydia

schreit, brüllt, ihre Empörung macht sie ganz fremd und häßlich.

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr den Schleifstein wieder

abzunehmen und ihn an seinen Platz zu tun.

„Du Schwein!” zischte sie. „Wie kannst du dir herausnehmen --”

„Hehehe!” lachte er verlegen und unglücklich. „Hast du je gesehen,

daß ich so etwas getan habe?” Übrigens war es merkwürdig, wieviel

Klein-Lydia zuweilen ertragen konnte, ohne wild zu werden. Er selbst

war nicht so. Das hatte er vielleicht von seiner Mutter.

„Da sieh her, wie du meine Näharbeit eingeschmutzt hast!” sagt sie.

„Ein frischgewaschenes Kleid!”

„Ich nehm's an den Brunnen,” bot er an.

„Dummkopf!”

Dann wollte er sie wieder beruhigen, deutete von weitem auf seine

Gefühle für sie hin, sagte, daß er sie liebe, er könne ihr zuliebe an

alle Brunnen der Stadt gehen, sie solle ihm seinen Narrenstreich mit

dem Schleifstein verzeihen --

Sie stand auf und schüttelte ihren Rock zurecht, schlug sich den Sand

ab und ließ sich wieder auf die Treppenstufe niederfallen, daß diese

krachte, und schwieg.

„Und im übrigen hab' ich es gar nicht tun wollen,” sagte er. „Und es

ist nichts, um es sich zu Herzen zu nehmen.”

„So!” erwidert sie und schaut ihn wütend an; sie spießte ihn beinahe

auf mit ihren Blicken.

„Ich möchte nur wissen, wo sich dein Bruder Eduard herumtreibt?” sagte

er.

„Schweig!”

„Wann kommt er denn heim, weißt du es?”

„Schweig, hörst du nicht, halt doch den Mund!”

„Sehr wohl!” sagte er und nickte dazu. „Du brauchst nur zu befehlen,

wie du es haben willst,” sagte er, und damit zog er sich in sich selbst

zurück.

Allein so konnte es doch nicht bleiben. Nach einer Weile stand sie

plötzlich auf und fing wieder an, sich den Sand abzuklopfen, als ob sie

noch nicht sauber genug wäre. Aber sie war beinahe wieder freundlich

geworden und lächelte sogar ein wenig.

Sie waren ja doch auch keine so sehr alten Menschen. Wenn er neunzehn

Jahr alt war, so war sie ungefähr siebzehn; oder wenn man die Wahrheit

sagte, daß er nämlich erst sechzehn war, so war sie noch jünger. Das

ist doch kein Alter! Und da standen sie also.

„Was hast du denn damit gemeint, du Narr?” fragte sie lachend.

„Gemeint? Das weiß ich nicht.”

„Warum setzt du dich denn nicht, hörst du!” sagte sie dann und nahm

selbst Platz.

Jetzt war er an der Reihe, zu schweigen, er stand nur da und lehnte

sich ans Geländer. Aber als sie ihm wieder eine Falte ihres Kleides

hinhielt, die er festhalten sollte, während sie nähte, griff er zu.

Da deutete sie auf seine Hand und sagte: „Was du doch für einen

sonderbaren Haarwuchs auf den Händen hast!”

„Sonderbar? Der ist ganz recht!”

Dieser Haarwuchs! Der war in der Hitze der Schmiedeesse hervorgesproßt,

ein schwarzes Fell, er war stolz darauf gewesen, seine Altersgenossen

hatten das nicht, er war über sie hinausgewachsen, hatte sie hinter

sich gelassen. Und was für Manneshände er im ganzen genommen bekommen

hatte!

„Ich überlege mir, ob ich nicht am besten daran täte, meine Lehrzeit

bei Carlsen auszuhalten,” sagte er. „Was meinst du dazu?”

„Das weiß ich nicht. Wie lange dauert sie denn?”

„O, sie dauert nicht lang. Und nachher soll ich die Schmiede um einen

billigen Preis bekommen, sagt Carlsen. Er will mir dazu verhelfen.”

„Die Schmiede? Was willst du denn damit? Na ja, darin schmieden. Ja,

willst du denn für immer dableiben?”

„Etwas anderes ist auch nicht viel besser. Andere Leute kommen mir auch

nicht netter vor.”

„Aber du wirst so schwarz,” sagte Klein-Lydia.

„Und wenn die Zeit kommt und wir einander heiraten --”

Sie wurde nicht mehr wütend, nein, das wurde sie nicht, aber sie

unterbrach ihn bestimmt: „Nein, daraus wird nichts.”

„Dann wird es auch noch zu einem Haus reichen.”

„Niemals!”

„Wie?” fragte er verständnislos.

„Ich liebe dich nicht,” erwiderte sie.

Er schaute ihre Hände an, schaute ihr Gesicht an und überlegte. „O,

das gibt sich schon,” sagte er in einem Tone, als ob die Sache damit

für sie abgetan sein müsse. Aber wieder war Klein-Lydia die Tochter

ihrer rasch besonnenen Mutter, und sie wollte das nicht auf sich sitzen

lassen. „Laß los!” kommandierte sie und zerrte an ihrem Kleide.

Aber natürlich ließen solche Hände nicht los.

„Hörst du nicht? Ich hab' gesagt, laß los!”

„Na, du brauchst ja nur zu sagen, wie du es haben willst.”

Dann ließ er los, und nun war das Wasser wieder zwischen ihnen

verschüttet.

„Du solltest dich schämen!” sagte Klein-Lydia.

Er erwiderte in sehr erwachsenem Tone: „Ich bin also nicht älter als

zwanzig, wenn du das meinst. Oder vielleicht noch nicht einmal ganz

zwanzig.”

„Gott, wie du übertreibst!” rief sie. „Du bist ja der reine Garnichts,

du bist nicht im letzten, du bist im vorletzten Jahr konfirmiert

worden. Meinst du, ich wisse nicht, wann du geboren bist?”

Da lachte Abel: „Nein, Klein-Lydia, entschuldige. Als ich geboren

wurde, hat man an dich noch nicht einmal gedacht. Ich bin nicht mehr

weit von zwanzig, was die Leute auch sagen mögen. Ich muß es doch

selbst am besten wissen.”

„Na --” Klein-Lydia winkte ungeduldig ab und sagte: „Ich werd' im

Frühjahr konfirmiert.”

„Das ist ja gut.”

„Das ist gut, was soll das heißen?”

Schweigen. Er meinte wohl, es sei gut, wenn das erledigt sei, dann sei

sie frei und fertig, aber er wagte es nicht, sie noch mehr zu ärgern.

„So, jetzt hab' ich fertig genäht,” sagte sie und stand auf.

„Dann guten Abend!” versetzte er. Aber gleich darauf war er dreist

genug, sie um ein wenig Wasser zu bitten.

„Gewiß, wenn nur Wasser da ist,” sagte sie und schaute sich um. „Du

kannst ja hineingehen und trinken.”

Darauf erwiderte Abel: „Nein, ich kann heimgehen und da trinken. Es ist

ja ganz einerlei.”

„Durchaus nicht!” rief Klein-Lydia. „Ich will hineingehen und dir

Wasser holen,” sagte sie, als ob er ihr ein und alles auf der Welt wäre.

Nachdem er getrunken hatte, redeten sie noch eine Weile miteinander,

und ehe er ging, hatte er sie dennoch die verschiedensten Male umarmen

und küssen dürfen. Was doch dieser Schmiedknecht für schrecklich

geschmeidige und gefährliche Arme hatte!

Er schlenkerte mit den Armen, als er nach Hause ging, ein Herr der

Welt, der Auserwählte der Mädchen, der zukünftige Besitzer einer

Schmiede. Ja, es gab sich alles. Am liebsten wäre er jetzt allein

gewesen, aber als er heimkam, war Besuch da, Maren Salt saß in der

Stube.

Außer dem Studenten waren alle anwesend, und es wurde in kurzer Zeit

viel gesprochen. Maren Salt hatte es eilig, sie habe nur eine Besorgung

in der Stadt zu machen gehabt und habe Lust bekommen, bei den alten

Bekannten eben einmal einen Blick hineinzuwerfen. Oliver selbst ließ

das eine und andere gewichtige Wort fallen, während der Gast einige

Tassen Kaffee trank und Bäckerwaren dazu aß.

„Kannst du denn von Hause weg sein?” fragt Petra. „Schläft der Junge?”

„Nein, das weiß ich nicht. Mattis ist bei ihm.”

„Mattis?”

„Ich kann Mattis den Jungen ruhig anvertrauen.”

„Du willst doch nicht sagen, daß dir Mattis deinen Jungen hütet?”

„Nun, warum denn nicht? Wie sollte es denn sonst gehen?” fragte Maren

Salt. „Ich mußte heut abend ausgehen und für den Haushalt einkaufen,

und Mattis bleibt zu Hause. Das tut er immer, anders geht es doch

nicht.”

Oliver spricht mit großer Würde: „Meine Meinung ist, daß Mattis dich

nimmt, Maren, wenn der Tag kommt, an dem er sich verändert.”

Maren Salt hatte durchaus nichts dagegen, das zu hören, aber es war

beinahe, als ob Petra etwas eifersüchtig würde. „Das glaub' ich nun

doch nicht,” sagte sie. „Na ja, mir kann es ja einerlei sein.”

„Es wär' noch nicht das dümmste, was er tun könnte,” meinte Oliver, der

neben Maren stand. „Dann hätt' er den Jungen und könnte ihn anlernen,

wenn die Zeit dazu gekommen ist, und ihm die Werkstatt übergeben.”

„Ach, der Junge ist ja kaum geboren,” wendet Maren ein. „Bis dorthin

fließt noch viel Wasser den Bach hinunter.”

„Ich hätt' ihn gerne einmal gesehen. Er ist wohl recht groß,” sagt

Petra.

„Ja, das fehlt nicht. Der Doktor sagt, er sei einer von der Rasse.”

Petra wird aufmerksam. „Hat das der Doktor gesagt?”

„Ja. Ist das so etwas Besonderes?”

Schweigen. Petra denkt nach. „Nein,” sagt sie dann. „Das ist etwas, was

der Doktor zuweilen sagt; von meinen hat er das auch gesagt, sie seien

von der Rasse. Ich weiß nicht, was er damit meint.”

Oliver spricht wieder. „Soviel ich verstehe, will er damit sagen zum

Exempel, das Kind sei groß und stark und frisch. Ja, Gott sei Dank,

unsere sind alle kräftig gewesen.”

Petra fragt: „Was für Augen hat er denn?”

„Braune Augen,” erwidert Maren.

Da wurde Petra wieder ganz wie eifersüchtig und wunderlich und konnte

sich nicht halten, sondern rief: „Wo hast du denn braune Augen für ihn

hergenommen?”

„Hehe, das möchtest du wissen!” erwiderte Maren Salt und lachte kokett.

„Ich kann es mir schon denken,” sagt Petra scharf und bitter. „Er ist

überall!”

Maren sieht sie an. „Wie du redest! Wen meinst du denn?”

„Ach, niemand. Ich meine niemand.”

„Und du sollst auch gar nicht raten, du bringst es doch nicht heraus!”

Sie sieht pfiffig und geheimnisvoll aus und schweigt. Verwünschtes

altes Frauenzimmer, wer ist nur der Vater des Kindes? Sie sah aus, als

ob sie sich das selbst erst überlegte, ja, als ob sie die Wahl hätte

und schwanke.

„Ist nichts mehr in der Kaffeekanne für Maren?” fragt Oliver.

Eine vierte Tasse wird eingeschenkt und ausgetrunken, und unterdessen

wird von dem und jenem geplaudert. Petra hätte ihre gute Laune so

ziemlich wiedererlangt haben sollen, denn es zeigte sich, daß Maren

selbst braune Augen hatte -- war es da ein Wunder, wenn ihr Kind auch

solche mit auf die Welt brachte? Aber es schien, als ob Petra nun

einmal einen bestimmten Verdacht hätte und diesen Verdacht nicht mehr

loswerden könnte. „Er ist es doch,” behauptete sie. „Er ist so schlau

gewesen, diesmal eine mit braunen Augen zu nehmen, um sicher zu sein.”

„Ich versteh' dein dummes Geschwätz nicht, Petra! Ja, ich muß es

gerade heraus sagen, daß das ein dummes Geschwätz ist,” erklärt Maren

immer noch mit freundlichem Lachen.

Petra ist erbost und wahrt den Anstand ihrem Gaste gegenüber nicht.

„Meinst du vielleicht, er hab' dich aus irgendeinem andern Grunde

genommen, als deiner braunen Augen wegen? Nein, Maren, mach dir nur

klar, daß du nicht mehr die Jüngste bist.”

Als man auf diesem Punkt angelangt war, meinte Oliver wohl, es sei Zeit

für ihn einzugreifen, und er tat dies, indem er seinen Hut nahm und

hinaushumpelte. Abel nahm er auch mit, und nun saßen fünf Frauenzimmer,

alt und jung zusammengerechnet, beieinander. Aber die sehr erregte

Petra war kein großer Genuß für ihren Gast, und Maren hätte am liebsten

die Kaffeetasse zerschmettert, hielt sich aber im Zaum und sagte nur

bis ins Innerste gekränkt: „Ich bin allerdings nicht mehr die Jüngste,

nein. Aber du bist auch kein heuriges Häschen mehr, Petra, vergiß das

nicht! Und was das betrifft, so hast du jetzt wohl mehr als genug

bekommen von dem Mann, mit dem du mich jetzt im Verdacht hast.”

Nun wurde Petra aufmerksam darauf, daß die kleinen Mädchen die

Ohren spitzten, und sie fing an zu lachen, um damit über die Sache

wegzukommen. „Ich, bekommen? Keinen Öre hab ich bekommen von

irgendeinem andern Mann als meinem eigenen, das kannst du glauben.

Wofür sollten mir andere Männer Geld geben? Und wir kommen auch Gott

sei Dank mit dem aus, was Oliver verdient.”

Dies war nur gesagt, um das Gespräch in eine andere Bahn zu lenken; es

wurde eine Brücke geschlagen, über die alle gingen, und auch die beiden

streitenden Mütter schlossen etwas später Frieden. Sie gingen zu den

Stadtneuigkeiten über, und die fünfte Tasse Kaffee wurde eingeschenkt,

alle die Frauenzimmer beugten sich weit über den Tisch vor und schauten

einander ins Gesicht. Da war wieder ein Skandal gewesen, draußen bei

dem Kaspar, der auf der Werft arbeitete, jetzt hatte er seine Frau

geschlagen. Maren hatte es gestern abend gehört.

Petra wurde ganz wütend auf Kaspar. „Was hatte denn die Frau getan?”

„Ach, es war wohl etwas mit einem andern Werftarbeiter.”

„Er hätte es wagen sollen, Hand an mich zu legen!” drohte Petra.

„Allerdings, aber was hat er auch für eine Frau!” sagt die Großmutter,

die alt und ausgebrannt ist. „Was hat sie damals getan, in dem Jahr,

wo ihr Mann zur See war? Sie ging an Bord einer fremden Schute und war

lange Zeit im Ausland Kellnerin.”

Maren Salt äußert: „Es ist sonderbar, daß sie kein Kind bekommen hat.”

„Was weißt denn du, was sie bekommen hat?”

„Dann hätte sie doch seither auch wieder ein Kind gehabt.”

„Nein,” sagt Petra. „Sie ist keine von denen, die Kinder kriegen, sie

kann tun und lassen, was sie will.”

Die Weiber am Brunnen: Roman · 第 18 / 35 段