„Richtig! Punkt für Punkt. Und Berntsen, könnten Sie das nicht

übernehmen, ich meine, der Kommission antworten?”

„Doch.”

Damit ist die Sache in den besten Händen, und der Konsul fühlt sich von

einer schweren Last befreit. Er ist so erleichtert, daß er sich wieder

als Herr fühlt, er will wieder etwas auftreten und sagt: „Den Studenten

schicken Sie mir einen Augenblick herein, Berntsen!”

Frank tritt ein und steht vor dem großen Mann.

„Das gefällt mir, daß Sie nicht so oft zu Hause sind,” sagt der Konsul,

und er sagt Sie zu Frank. „Denn dann sind Sie wohl fleißig beim

Studieren. Ich erkannte Sie gar nicht wieder, sondern mußte Berntsen

nach Ihnen fragen. Sie sind ja in den letzten Jahren riesig in die Höhe

geschossen. Und nun sind Sie also Student. Geht es Ihnen gut?”

„Ja, danke.”

„Das freut mich. Wir sollen alle etwas werden, Sie in Ihrem Fach

und ich in dem meinigen. Was ich sagen wollte: Sie nehmen sich doch

wohl als junger Mensch vor Ausschweifungen in acht?” sagt der Konsul

plötzlich.

„Vor jeder Art von Leichtsinn?” sagt er. O, dieser Konsul Johnsen, er

hätte ja einen Grabstein zum Lächeln bringen können, und er fährt fort:

„Ja, das sollen Sie wirklich, Sie sollen ein verständiger junger Mann

sein und an den Versuchungen vorübergehen. Das erwarte ich von Ihnen.”

Frank lächelt nicht. Groß und mager und tief vorgeneigt wie in einer

Kirche stand er da, antwortete gut und richtig ja oder nein am

richtigen Platze, der Konsul bekam den besten Eindruck von ihm. War es

seine Absicht, daß dieser junge Mann auch von ihm, seinem Wohltäter,

eine vorteilhafte Erinnerung an diese Begegnung mitnehmen sollte? Wer

weiß, es konnte vielleicht dem Wohltäter in der Zukunft von Nutzen

sein, falls neue Überfälle drohten! Jedenfalls schadete eine kleine

Rede nichts.

Der Konsul konnte in durchaus gutem Glauben diese Gelegenheit benützen,

um seine moralische Seite zu zeigen. „Es gibt edle Vergnügen und

leere Vergnügen,” sagte er; „in meinen späteren Jahren bin ich zu dem

Ergebnis gekommen, daß die Vergnügungen im eigenen Heim und in der

Familie die richtigen sind. Man kann die andern Vergnügen entbehren,

wenn man ernstlich will. Das ist meine Erfahrung.”

Dieser Konsul Johnsen! Er war jetzt wohl in der Zeit der Abkühlung,

jetzt, wo ihn allmählich die Lüste verließen, wollte er sich den

Vorteil, sie überwunden zu haben, nicht entgehen lassen. So weit war er

Kaufmann.

Übrigens war ja der Konsul Johnsen nicht lauter Hohlheit und nichts

anderes, er hatte auch Gemüt; so dachte er einen Augenblick daran, dem

jungen Studenten einen Stuhl anzubieten, gab es aber wieder auf, tat

indes das dafür, was besser war: er trat an seinen Geldschrank und

kam mit einem Geldschein zurück, mit einer großen roten Banknote, die

er mit den Worten: „Bitte, hier ist ein kleines Taschengeld!” Frank

schenkte.

Und Frank verneigte sich mit der tiefen Verbeugung, die ihm seinerzeit

von der Tanzlehrerin beigebracht worden war.

„Es ist nicht der Mühe wert, es auszuposaunen,” sagt der Konsul; „es

steht ja geschrieben, du sollst deine linke Hand nicht wissen lassen,

was die rechte tut; ist es nicht so?”

„Doch.”

„O ja, wir Menschen! Aber wir müssen versuchen, es so gut zu machen,

als wir können. Sie wollen wohl Pfarrer werden?”

„Nein, ich weiß es nicht --”

„Wissen Sie es nicht?”

„Ich habe mehr Talent für Sprachen.”

„Sprachen?”

„Philologie.”

„So. Haben Sie da Aussichten? Ja?”

Aber etwas fremd schien es dem Konsul in den Ohren zu klingen; ob er

nun dachte, er hätte sich seine moralische Rede sparen können, oder ob

er fürchtete, ein Sprachgelehrter könne ihm in Zukunft nicht ebenso

nützlich sein wie ein Pfarrer.

Er entläßt den jungen Menschen in netter Weise: „Ja, jetzt muß ich an

die Arbeit!” Aber er jagt ihn nicht fort, sondern spricht noch weiter

freundlich mit ihm: „Überlegen Sie sich nun, ob Sie nicht doch lieber

Pfarrer werden wollen. Ich habe mich ja eigentlich Ihrem Vater und

Ihnen gegenüber nicht schlecht benommen, ich benehme mich niemand

gegenüber schlecht. Aber was Sie schließlich werden wollen, das müssen

Sie selbst entscheiden, ich kann Ihnen nur einen kleinen Rat geben.

Adieu, junger Mann!”

19

Der junge Mann ging wieder in den Kramladen und wählte wieder zwischen

den fertigen Anzügen. Da er mager und schmalschulterig war, hatte er

keine Mühe, eine Joppe zu finden, die ihm paßte, da er aber auch sehr

aufgeschossen war, paßte ihm die dazugehörige Hose nicht, sie war zu

kurz. Ein Rockanzug war allerdings da, der in jeder Beziehung paßte,

aber Berntsen meinte, er sei zu teuer.

Der gute Berntsen war nicht immer ganz so, wie er aussah, er war

zwar freundlich und wohlwollend gegen alle Menschen, aber durchaus

kein Lamm. Er war außerordentlich zuverlässig, und das Geschäft ging

ihm über alles, aber gerade durch diese Eigenschaften wurde er sogar

oftmals für den Chef unbequem. Selbst Frau Johnsen ging nicht gerne zu

Berntsen, allerdings auch ebensowenig zu einem der andern Angestellten,

wenn sie irgend etwas aus dem Laden verlangte. Sie fand kein Vergnügen

dabei, Kleiderstoffe und Putz mit Berntsen zusammen aussuchen zu

müssen. Aber er war ein verflixt tüchtiger Geschäftsmann.

„Meiner Ansicht nach bist du zu jung für einen Herrenrock,” sagte er zu

Frank. „In ein paar Jahren ist es immer noch Zeit dafür.”

Reinert trage auch schon einen Herrenrock, obgleich er jünger sei,

wendete Frank ein.

Es half aber nichts. Was Reinert, der Küstersohn, trage, sei keine

Vorschrift für alle andern, er sei ja auch früher schon in Kniehosen

herumstolziert. „Und im übrigen,” sagte Berntsen sehr freundlich, „so

ist das etwas anderes bei Reinert, sein Vater bezahlt dafür.”

Der junge Frank war frühzeitig daran gewöhnt, Zurückweisungen zu

verstehen und zu deuten; sie kränkten ihn nicht sehr, sie hatten ihn

nur auf seinem Platz zurückgehalten, so daß er nur äußerst selten zu

weit ging; geschah dies, so zog er sich sofort wieder zurück. Er wußte

ja, daß doch Rat geschafft wurde. Jetzt nahm er den Anzug, der für ihn

ausgesucht worden war, und bedankte sich dafür. Was waren außerdem

Anzüge für ihn? Andere höhere Dinge lagen ihm im Sinn.

Reinert hatte draußen auf ihn gewartet, die beiden Studenten wanderten

nun miteinander durch die Straßen, nicht weil sie Busenfreunde gewesen

wären, sondern weil sie Studenten waren. Nein, sie waren keine

Busenfreunde. Begabt waren beide, glänzende Sprachtalente, aber Frank

stand in dem Rufe, ein gutes Stück voraus zu sein. Dieses Stück war es,

was Reinert nicht ertragen und auch trotz aller Mühe nicht einholen

konnte, das machte ihn oft bitter und gewissermaßen rachgierig.

Aber auf einem Gebiet war er überlegen, obgleich er Frank an Jahren

nachstand: bei den jungen Mädchen, den Damen. Konnte ihm Klein-Lydia

widerstehen, konnten es die kleinen Mädel auf der Werft? Hier kam

es ihm zu gut, daß er für Staat und schöne Kleider, für gestärkte

Leibwäsche und spitzige Schuhe Sinn hatte, dazu kam, daß er Mut in

der Brust trug und nicht schüchtern war; seht, er war ja nie durch

Zurückweisungen niedergedrückt worden. Deshalb fiel es Reinert auch

gar nicht ein, in eine Seitengasse auszuweichen, als den beiden nun

Heibergs Alice begegnete, er begrüßte sie und blieb stehen; ja, das tat

er.

Und jetzt war Frank an der Reihe, sich unterlegen zu fühlen, die

Dame gönnte ihm kein Wort, kaum einen Blick. O, aber er würde sich

wohl hüten, seine Augen auf den Kirchturm zu richten, um zu sehen,

wieviel Uhr es sei, denn Reinert hatte die Gewohnheit angenommen,

seine Uhr herauszuziehen und mit einem neuen Medaillon, in dem eine

Haarlocke lag, zu glänzen, natürlich baten die Damen dann sofort,

die Haarlocke sehen zu dürfen, sie waren so albern. Frank trug einen

neuen Anzug unter dem Arm und eine große Banknote in der Brusttasche,

er fühlte sich ausnahmsweise einmal obenauf und fragte die Dame: „Wie

ist es Ihnen ergangen, seit wir uns zuletzt sahen?” -- „Danke, gut,”

antwortete sie zu Reinert gewandt. -- O, Heibergs Alice war nicht so

albern wie die andern!

„Ich trage nur rasch meinen Pack nach Hause und komme gleich wieder,”

sagt Frank schlauerweise.

Da konnte Reinert doch unmöglich sagen: „Willst du schon nach Hause?

Es ist noch nicht spät, laß mich einmal sehen!” Aber Reinert ist weder

eine feine noch eine merkwürdig zart besaitete Seele, durchaus nicht;

er antwortet: „Ich gebe dir eine halbe Stunde Zeit,” und zieht dabei

seine Uhr heraus.

O, Frank würde wohl in einer halben Stunde wieder da sein, jawohl!

Daheim kam er viel mehr zu seinem Recht, er wurde der Herr des Hauses,

alle gingen auf den Zehenspitzen um ihn herum. „Laß mich sehen, was für

einen Anzug du diesmal bekommen hast!” sagt die Mutter. „Zieh ihn nur

gleich an!”

Frank erzählt, daß er zum Konsul hineingerufen worden sei, die Mutter

und Großmutter sind voller Neugier und stellen eifrig Fragen. Was

wollte er? O, der Konsul! Frank stellt sich gleichgültig, bisweilen

antwortet er, bisweilen auch nicht, nein, denn bisweilen ist Schweigen

die beste Antwort. Sie sind sehr enttäuscht, weil er nicht Pfarrer

werden will, die Großmutter versteht es überhaupt nicht, denn sein Kopf

sei doch gut genug dafür. Da lächelt Frank; sein Lächeln ist betrübt

und schwach, es ist eigentlich gar kein Lächeln, nur ein Anlauf dazu.

Die Schwesterchen streichen über den neuen Anzug, „schöne Knöpfe,”

sagen sie. Ein kleines Dreieck von rotem Seidenstoff guckt aus der

äußeren Brusttasche heraus, es ist da ein für allemal festgenäht und

ist das Taschentuch. Die Beinkleider sind zu kurz, und die Mutter will

sie durch herunterlassen verbessern; sie macht sich auch gleich daran,

denn Frank soll noch einen Besuch beim Schulvorsteher machen. Die

Großmutter aber sitzt in tiefe Gedanken versunken da, sie schüttelt den

Kopf, murmelt vor sich hin und ist unzufrieden.

„Dann werden sie darüber reden können,” murmelt sie.

„Was sagst du?”

„Daß du nicht Pfarrer werden könntest!” Sie dachte wohl an die Weiber

am Brunnen.

Da schweigt Frank, und das ist eine gute Antwort.

„Das muß sich Frank erst noch überlegen,” sagt Petra, die noch nicht

alle Hoffnung aufgegeben hat.

O, aber Frank ließ sich wohl nicht herumbringen, sein Vorsatz stand

fest, war Stein und Bein geworden, unerschütterlich, tage- und

nächtelang hatte er die Sache überlegt und schweigt; er kennt seinen

Beruf.

Er geht zum Schulvorsteher. Die Beinkleider sind und bleiben trotz

allem zu kurz, die Joppe hängt an ihm herunter so von ungefähr wie nach

einer Grammatik mit wahlfreien Formen herausgeschnitten. Er ist sehr

aufrecht, sieht sonderbar aus, er trägt eine Mütze, die ihn als zur

Chineserei gehörig bezeichnet, zur Kaste. Da der Weg zur Schule seit

seinem letzten Aufenthalt im Ort verlegt worden ist, verirrt er sich

etwas und steht dann plötzlich vor einem Haus. Er sagt zu sich selbst

und zu einer Frau, die unter der Tür steht:

„Ich war ganz in Gedanken versunken --”

„Wohin willst du?” fragt die Frau.

„Nach der Schule,” antwortet er kurz und biegt nach einer Seite ab.

„Dann mußt du dort hinaufgehen!” ruft ihm die Frau nach.

Ja, das war sonderbar, daß sie nicht wußte, wer er war. Oder wußte sie

es? Jedenfalls kannte sie ihn aber nicht genügend, um so vertraut zu

werden, ihn zu duzen und ihm ungefragt den Weg zu zeigen.

Der Schulvorsteher ist vom Examen mitgenommen, er sitzt in Schlafrock

und Pantoffeln in seinem Sessel, er macht es sich mit der Grammatik,

insbesondere der Satzlehre, behaglich, er erfrischt sich daran. Es

gibt doch nichts Besseres auf der Welt, als so eine ruhige, gelassene

Satzlehre einer fremden Sprache, so rein, so ohne Aufregung, ohne

Erdichtungen!

„Herein! Bist du's, Frank? Nett, daß du kommst! Kennst du diese

hier, Freund Frank? Ich hab' sie eben bekommen, ausgezeichnet! Diese

Satzlehre hätte ich vor dem Examen haben sollen, aber da hab' ich mich

abgeschunden und mich in der alten vorbereitet. Meine Tochter hat

nämlich fast das ganze Jahr hindurch für mich französisch gegeben,

und da mußte ich mich aufs Examen wieder vorbereiten. Es ist eben so

in unserem Fach, sind wir eine Zeitlang außer Übung; was wir gekonnt

haben, ist dann vergessen. Na, dann ist es Gott sei Dank recht

angenehm, sich wieder hinein zu versenken, nicht wahr? In dem heiligen

Tempel zu knien und mit der göttlichen Weisheit gelabt zu werden!”

Der Schulvorsteher war in diesen Jahren alt geworden, ein ergrautes

Kind mit verblaßten Augen hinter der Brille. Er war zufrieden mit

Frank, hatte nur Gutes von ihm gehört, wünschte ihm auch ferner alles

Gute, setzte die größten Hoffnungen auf ihn. O, mit dem Fleiß, den

er zeigte, gehe er einer ehrenvollen Zukunft entgegen, es sei nicht

unmöglich, daß er einmal der Vorsteher dieser selben Schule hier, aus

der er hervorgegangen war, werden könne. --

Der alte Philologe war demütig, das Leben selbst und auch seine ganze

Laufbahn hatten ihn drunten gehalten und dazu gebracht, bescheiden zu

denken, niemand konnte sich weniger mit seiner Philologie brüsten,

als er es tat. Er nannte niemals die großen Forscher, die großen

Sprachgenies, verstand wohl auch nicht viel davon, kannte wohl kaum

ihre Namen, was sollte er mit den Genies? Sein Beruf war es nicht,

Funde zu machen, er sollte nur lehren, nur lehren: ganz genau soviel

lehren, um leben zu können, ganz genau soviel lehren, um andere

durch die „Pensa” fürs Examen zu bringen. Der Schulvorsteher hatte

also das Seinige getan. Ein mageres, trauriges Dasein, Armut und

Geistesdunkelheit, Niedergang, aufreibende Arbeit und Blindheit. War

das noch Geisteskrankheit, war es noch Schicksal, eine Torheit des

Himmels? Nein, es war die des Menschen, des Affen.

Jetzt sprach der Schulvorsteher übrigens von andern lobenswerten

Schülern, von zwei andern, auch sie glänzende gewaltige Lernköpfe;

Frank war jetzt so weit gekommen, daß der Schulvorsteher seine

Aufmerksamkeit neuen Fällen von begabten Kindern zuwenden konnte. „Leb'

wohl, Freund Frank, Gott sei mit dir!”

Frank geht heim, auch er zufrieden und erhoben. Er hat keine

Gelegenheit gehabt, sich für ein bestimmtes Brotstudium auszusprechen,

der alte Sprachlehrer nahm wohl für selbstverständlich an, daß es

Philologie sein werde, was denn sonst? Und im Grunde war es ja

auch gleichgültig, wenn er nur viel las und lernte: das war sein

eigentliches Ziel. Frank verläßt den Vorsteher der Schule, den

Vorsteher des großen Steinhauses und geht heim.

Am Abend kommt der Vater aus dem Lagerhaus und Abel aus der Schmiede;

das ändert für Frank nichts, er hat die Kammer im alten Hause als Heim

und Bude. Die Absicht war, daß er auch in den Ferien studieren und

lernen sollte, studieren, sein Gedächtnis vollstopfen, in Sprachen

untertauchen, und das tat er auch. Wenn er zum Essen gerufen wurde,

hatte er irgend etwas ausgeklügelt, war noch gelehrter und unirdischer

geworden. Aber alle diese Mahlzeiten nahmen ihn sehr in Anspruch.

Er konnte mit einer leeren Konservendose hereinkommen, die er von

draußen mitgebracht hatte, und fragen: „Was meint ihr wohl, daß auf

dieser Büchse steht?” Ach, das wußte niemand. Aber die Mutter kannte

das Zeichen von ihrer Dienstzeit bei Konsul Johnsens her und riet

„Lachs vielleicht?” -- „Jawohl, aber das ist doch nicht Englisch,”

sagte Frank gekränkt, die Mutter machte ja mit ihrem praktischen Wissen

seine ganze Weisheit zuschanden. „Hier steht ~Alaska Salmon~.” Nun

griff der Vater ein. Er war Matrose gewesen und wußte viel: „Alaska ist

ein Land, ich werde doch wohl wissen, was Alaska ist.”

Die Konservendose brachte Frank keinen Triumph.

Sie kamen zu ihm mit andern Dingen, die sie nicht verstanden. Die

Mutter kam mit einer Fadenrolle, bitte „~Brook Brothers, fünfzig

Yards.~” Wieder griff der Vater ein, ohne Rücksicht auf seinen Sohn,

und sagte mit geschwellter Brust, was es bedeutete. „Seemannsenglisch!”

sagte Frank. Im ganzen war Oliver, der Hausvater, ungenau mit seinen

englischen Erklärungen, er schwächte die Größe und das Geheimnisvolle

dieses Augenblicks ab, indem er den Nadelbrief seiner Frau erklärte:

„~Silver Eye, Cast Steel.~” -- „Das gehört mit kleinen Buchstaben

geschrieben,” erklärte Frank. -- Dies begriff der Vater nicht. „Warum

sollten die Buchstaben kleiner sein?” fragte er. Da gab Frank die

einzig richtige Antwort: er schwieg. Und plötzlich ward ihm eine

wohlverdiente Erhöhung. Die Mutter brachte eine Schachtel, die sie in

einem Laden bekommen hatte, darauf stand: „~Toilet Soap. Superior.~”

Nein, jetzt war Olivers Weisheit zu Ende, jedes Wort war ihm fremd,

Frank mußte feierlich nachhelfen.

Da saß nun sein Bruder Abel, er verstand nichts von der Vorstellung und

schwieg. Welch ein Unterschied zwischen den Brüdern! Einen Augenblick

schien sich im Herzen des gelehrten Bruders ein wenig Mitleid mit Abel

regen zu wollen, er war ja eben erst heimgekommen und wollte sich nicht

über ihn erheben. „Jaja, Abel,” sagte er. „Das ist gar keine Hexerei,

du wüßtest gewiß ebensoviel wie ich, wenn du studiert hättest.” Abel

lächelte etwas verlegen und schüttelte den Kopf.

In vielen Fällen hatten die Betreffenden Nutzen von Franks

Sprachenkunde; die Gelehrsamkeit hatte in Olivers Haus ihren Einzug

gehalten. Sonderbar, daß niemand von den Nachbarn sich einstellte, um

sich rätselhafte und ausländische Worte in der Zeitung oder auf einem

Paket Tee erklären zu lassen! Sie hatten keinen Sinn für Bildung und

geistige Fragen, sie waren dumm und faul. Derartig war Franks Umgebung.

Eines Abends kam Oliver nach Haus und sagte: „Wenn du nachher gegessen

hast, Frank, und ganz satt bist, dann will ich dich etwas fragen.”

Sie aßen unter einer gewissen Spannung, Frank allein war gelassen, er

zweifelte nicht daran, daß er antworten könnte.

Dann kam der große Augenblick. Oliver legte etwas auf den Tisch. Der

alte Sünder legte ein Spiel Karten auf den Tisch und fragte Frank, was

auf dem Futteral stehe. Ein Spiel Karten also! Die Frauen fielen über

ihn her, aber er stillte den Sturm. „Maul halten!” rief er. „Was ihr

sagt, das weiß ich schon im voraus, ich würde auch nicht die Hand dazu

bieten und so etwas heimbringen, aber Olaus auf dem Hügel hat mich

darum gebeten.”

Frank nahm das nicht übel, im Gegenteil, er nahm das gut auf. Er hatte

in der letzten Zeit nicht viele Sprachkenntnisse entfalten können und

hatte nichts dagegen, sich wieder einmal zu zeigen. „Whist à 52 Blatt.

Verzierte Asse. -- Ja, Abel, was meinst du, daß das bedeutet?” fragte

Frank immer noch gutwillig. Abel lächelte wieder verlegen und mußte die

Frage unbeantwortet lassen. Frank fing an: „Eigentlich sind das drei

verschiedene Sprachen.” Und dann erklärte er den Sinn vom ersten bis

zum letzten Buchstaben, keinen Augenblick war er im Zweifel. Fabelhaft!

Indessen hatte Abel das schmutzige Kartenspiel in die Hand genommen und

zeigte, daß es ganz gewöhnliche Asse waren; wie war das zu verstehen?

Darauf wurde Frank nachdenklich und ließ sich auf nichts Weiteres ein.

„Aber ich kann für den Grundtext einstehen,” sagte er.

Oliver hatte ihm schweigend zugehört, jetzt rief er: „Ausgezeichnet!”

Alle sahen ihn an, und er hatte wohl auch etwas getrunken, Frank schien

nicht zu strahlen. Aber Oliver hatte ja sonst schon den Sohn geduckt

und war ihm mit seinem Englisch auf den Leib gerückt, jetzt wollte er

ihn wieder aufrichten, er verstand sich auf Kinder. Er stellte sich an

und tat ganz entzückt: nein, so ein Kopf, wie ihn sein Sohn Frank auf

den Schultern trüge, großartig!

Wurde Petra eifersüchtig? Sie fuhr bei Olivers Ausspruch auf und warf

den Kopf in den Nacken: „Dein Sohn!”

Oliver ist wie vom Schlag getroffen, sein Gesichtsausdruck wird ganz

leer, er läßt den Mund hängen, und seine fetten Finger liegen leblos

auf dem Tisch.

Petra gibt eine nähere Erklärung. „Er ist doch nicht dein Sohn allein,

er ist doch auch meiner!”

Langsam kommt Oliver wieder zu sich: „Ja, wer hat denn etwas anderes

gesagt? Natürlich ist er auch dein Sohn!” Und jetzt wird Oliver wieder

prachtvoll der Alte, er wird wieder gerecht und will keinen Unterschied

zwischen seinen Söhnen machen, er zog Abel mit herein und sagte: „Ja,

wenn ich nur euch Jungen gut ins Leben hinausstelle, euch in eine

nützliche Lehre oder in die Gelehrsamkeit bringe, dann hab' ich das

meinige getan. Mehr kann ich nicht leisten.”

Am nächsten Abend konnte Oliver erklären, wie das mit den Assen

zusammenhing. Dieser Lump von Olaus auf dem Hügel hatte zum Scherz ein

falsches Spiel Karten in das Futteral gesteckt und hatte gemeint, er

könne Frank aufsitzen lassen. Aber Frank hatte recht gehabt. „Und du,

Abel, hast auch recht gehabt, es waren keine andern Asse, als man sie

in der ganzen Welt hat, so weit ich herumgekommen bin. Und es ist, wie

ich sage: Gelehrsamkeit habt ihr, Gott sei Dank!”

Was auch der Grund sein mochte, Frank strahlte dennoch nicht; diese

Sitzungen daheim brachten ihm wohl nicht genug ein. Oder wie, hatten

sie denn überhaupt einen Umfang? Keine Länge und keine Breite, ein

enger Rahmen, Vater, Mutter, drei Geschwister und die Großmutter. Er

verfiel darauf, seine gelehrten Schulbücher herzunehmen. „Mathematik,”

sagte er, „himmelhohe Rechnung.” Ja, er las laut vor über Geometrie,

Algebra, Derivationsregeln, Integralrechnung -- „ein Kreis, dessen

Krümmung der Krümmung eines Bogens in einem gegebenen Punkt gleich ist,

wird der Krümmungskreis des Bogens in dem gegebenen Punkt genannt, sein

Radius heißt Krümmungsradius --”

Oliver sagt ganz geknickt: „Das klingt ja beinahe, als ob es gar kein

Mensch mehr wäre, der das sagt. Müßt ihr das lernen?”

„Wir müssen alles lernen.”

Frank war weit über seinen Stand hinausgewachsen und sprach wie ein

Verrückter. Er war nur noch sich selbst verständlich und konnte sich

nicht einmal wie die Elster den Elstern verständlich machen. Wo

will das noch hin? Er fragte Abel: „Es gibt wohl nicht eine einzige

ausländische Zeitung hier in der Stadt?”

„Das weiß ich nicht,” erwidert Abel. „Aber der Stadtingenieur hält sich

Zeitungen.”

„Ausländische? In ausländischen Sprachen?”

„Das weiß ich nicht. Aber die norwegischen.”

„Die norwegischen!” macht Frank verächtlich.

In dieser kleinen Küstenstadt konnte jedermann englisch; wer hätte

nicht englisch gekonnt? Aber der Jüngling Frank konnte allzuviel, er

mußte sich selbst mitteilen, mußte fragen und antworten, nicken, den

Kopf schütteln, zweifeln und stumm glauben. Zuweilen drang ein Stöhnen

zu der Großmutter in die Stube heraus, das kam aus der Kammer, es kam

von dem Felsen, kam von einem, der in Ketten lag.

Abel war unglaublich einfältig; er konnte ein Buch in die Hand nehmen

und fragen: „Was ist das für ein Buch?”

„Latein. Das verstehst du nicht.”

„So, dann ist es also lateinisch gedruckt.”

Frank schweigt.

„Willst du am Sonntag eine Bootfahrt mit uns machen?” fragt Abel.

Frank schüttelt zweifelnd den Kopf. „Wer geht mit?”

„Wir sind eine ganze Gesellschaft.”

„Einige von der Werft?”

„Was, von der Werft? Die sind ja so klein. Klein-Lydia kommt mit.”

„Klein-Lydia!” versetzt Frank spöttisch.

Unglaublich einfältig ist Abel. Er fühlte kein Entzücken, wenn er

Bücher las, er dachte wie ein Schmied. „Klein-Lydia,” sagte er. Frank

hatte sich nie etwas aus Bootfahrten gemacht, jetzt machte er sich

noch weniger daraus, er war daran gewöhnt, für sich zu bleiben. Er

ging nicht einmal mehr mit Reinert um, die beiden Studenten traten nun

jeder für sich auf. Der gute Reinert trat ja allmählich auf der Straße

allzu überlegen auf, er trug Überzieher und Medaillon und sprach sehr

erwachsen, eines Tages begrüßte er Fia Johnsen und sagte ihr eine

Schmeichelei über ihren Hut. Das war zu viel, Fräulein Fia ging stumm

vorbei. Frank stand allerdings in der Nähe, als dies geschah, und

Reinert zog ihn frech mit in den Skandal hinein, indem er laut lachte

und sagte: „Hast du das gesehen, Frank?” Frank wählte einen Richtweg

nach Hause.

Die Weiber am Brunnen: Roman · 第 17 / 35 段