Oliver mußte einen ganz andern Ton anschlagen, bitten, ehe Petra

nachgab. O, aber die Neuigkeit ist doch zu gut, um nicht die erste zu

sein, die sie erzählt; Petra kann sie nicht länger für sich behalten.

„Es ist Maren,” sagt sie.

„Was ist mit ihr?”

„Maren Salt.”

„Ja, hörst du --”

„Ja, sie liegt zu Bett; sie hat ein Kind bekommen.”

Oliver wußte wohl nicht recht, wie er diese Neuigkeit aufnehmen sollte,

jedenfalls war er nun wieder um eine kräftige Auseinandersetzung mit

seiner Frau betrogen. Halb ärgerlich sagt er: „Dann hast du also

darüber mit ihm lange Reden gehalten?”

„Lange Reden gehalten? Er kam zu seiner Tür heraus und sagte es mir. Er

ist ganz verstört.”

„Das geschieht ihm gerade recht.”

„Ach, du glaubst doch wohl nicht, daß der Mattis der Vater sei?”

„Na, das weißt du wohl?”

Sie stritten sich darüber, bekamen ernstlich Streit. Wenn Mattis nicht

der Vater war, dann wußte Oliver noch weniger, wie er es aufnehmen

sollte. Aber jedenfalls war es Samstagabend und spät, Oliver war

hungrig und ungnädig, er wollte so rasch wie möglich heim. Als er

endlich zu essen bekommen und überdies viel bekommen hatte, lag das

Leben wieder heller vor ihm, er lachte und fragte Petra genauer über

Mattis aus, was er gesagt und wie er es aufgenommen habe.

Petra erzählte. Sie war sehr zufrieden, daß das Gewitter vorübergezogen

war, nun war auch sie wieder in guter Laune, o nein, das fehlte nicht,

sie machte Mattis nach und machte sich über ihn lustig: Mattis habe

sofort verlangt, daß Maren aus dem Hause solle, ehe sie sich legen

müsse, aber Maren habe eine spätere Zeit angegeben und ihn tüchtig

angelogen, o, es sei noch lange bis dahin. Dann hört er in der Nacht

plötzlich ein Kind schreien, Mattis fährt aus dem Bett und läuft nach

der Hebamme, läuft auch zum Doktor. Der Doktor sagt ungläubig: „Maren

Salt, ist sie nicht vierzig bis fünfzig Jahre alt? Das ist doch wohl

nicht möglich?” -- Mattis hatte geantwortet: „Glauben Sie vielleicht

dann, ich hätt' ein Kind bekommen?” -- „Bist du sicher, daß ein Kind da

ist?” fragt der Doktor. -- „Es schreit jedenfalls, es liegt drinnen.

Kommen Sie und sehen Sie selbst nach!”

Petra lacht, und Oliver lacht, und die Großmutter lacht, selbst die

beiden kleinen Mädel merken gut, wie lächerlich der Schreiner Mattis

sich benommen hat, und können nicht ernst bleiben.

„Ihr hättet den Mattis sehen sollen,” sagt Petra. „Da stand er, trat

von einem Fuß auf den andern und schnaubte mit der Nase, er war ganz

verzweifelt, weil er die alte Person nicht bei Zeit aus dem Hause

hinausgebracht hatte. ‚Es heißt, sie sei zwischen vierzig und fünfzig,

aber sie ist wenigstens sechzig,’ rief er, ‚und ist das menschlich?

Hingehen und mit den Nüstern wedeln genau wie mit Kaninchenohren, wenn

sie schon in einem Alter ist, wo man zu Asche wird.’”

Dann war Petra verschmitzt gewesen und hatte gesagt: „Ja, du wirst am

besten tun, wenn du sie nimmst, Mattis.” -- „Sie nehmen!” schrie er.

„Ich? Warum sollte ich sie denn nehmen? Beim Satan werde ich! Und wenn

je der Tag kommt, wo ich mich verändere, dann, das weißt du, ist es

sicher nicht mit so einer Dirne! Das ist todsicher.”

Das ganze Haus lachte.

Aber wie um wieder etwas Würde zu zeigen, faßt sich Oliver und sagt:

„Aber war nun all das etwas, um mit einem fremden Mannsbild zu

schwatzen und dazu mitten auf der Straße?”

Doch Petra ist jetzt sicher. „Nein, ich hätt' zu ihm hineingehen

können, aber das wollt' ich nicht.”

„Das hättest du nur probieren sollen!”

„Warum nicht? Er ist so gut und einfältig, es gibt keinen bessern

Menschen als Mattis. Das weiß ich gewiß, wer mit dem Mattis verheiratet

wäre, der könnte ein Kind nach dem andern ohne ihn bekommen; er würde

gar nichts davon verstehen.”

„Das würde dir gefallen ... Geht zu Bett, Kinder!” schreit Oliver

plötzlich die zwei kleinen Mädchen an, die sofort verschwinden. Selbst

die Großmutter verläßt die Stube. „Ja, das würde dir gefallen,”

wiederholt Oliver.

„Mir?” versetzt Petra. „Ist es der Mühe wert, mich zu nennen?”

„Du denkst wohl, du habest zu wenig Vergnügen, du darfst dich am Hafen

nicht weit genug herumtreiben?”

„Ich?” fragt Petra lachend. „Hehehe!” lacht sie. „Nein, ich hab' einen

Mann, der auf mich aufpaßt. Das weiß ich ganz gewiß.”

Oliver sieht sie mißtraurisch an, ob sie vielleicht ihren Spaß mit ihm

treibt, er setzt eine düstere Miene auf.

Aber Petra wickelt ihn um den Finger: „Übrigens,” sagt sie

einschmeichelnd, „übrigens solltest du menschlich sein und mich etwas

mehr dahin gehen lassen, wohin ich gerne wollte. Ja, das solltest du,

Oliver. Denn du weißt, ich tu' nichts Böses, ich seh' mich nur um, seh'

mich nur um, gucke in die Fenster und schlendere umher.”

„Es paßt sich nicht für eine verheiratete Frau, die zu den besseren

Leuten gehören sollte,” erwiderte Oliver. „Wo wolltest du denn

hingehen, auf den Tanzboden? Das will ich gern glauben.”

„Und wenn ich auf den Tanzboden ginge? Wenn ich nur einen Augenblick

zusehen würde?”

„Ja, und wenn du die kleinen Mädel mitnähmst,” spottete Oliver. „Aber

so lange ich Oliver Andersen heiße und so lange ich meine jetzige

Stelle habe, wird das nicht geschehen. Da hast du meine Antwort.”

„Neinnein,” erwidert Petra nachgiebig. „Du hast hier zu befehlen, und

wenn du nein sagst, dann ist es nein.”

„Ja, das ist es,” entgegnet Oliver selbstbewußt.

„Aber ich darf doch wohl einmal hingehen und nach Maren Salt sehen?”

Oliver fährt auf. „Es wäre mir sehr lieb, wenn du begreifen würdest,

daß du nicht zu solchen Menschen gehen kannst, hörst du, und daß

du nicht in dieses Haus gehen kannst. Denn wenn ein Mann Vorsteher

geworden ist, dann kannst auch du nicht überall hingehen, sondern

sollst dich nach deinem Stand benehmen. Ich leid' es nicht, und du mußt

dir einfach klar machen, daß ich es nicht haben will.”

„Neinnein,” seufzt Petra, und sie läßt ihn das letzte Wort haben.

Aber Oliver fühlte sich eigentlich geschmeichelt, daß seine Frau ihn um

etwas weiteren Spielraum bat, ja, das war er. Denn nicht alle Frauen

baten darum, sondern viele machten schlechte Streiche, ohne ein Wort

darüber zu verlieren.

18

Das eine Ereignis löst das andere ab. Frau Konsul Johnsen geht eines

Tages mit ihrer Tochter auf der Straße; sie sind beide zufrieden mit

sich selbst und mit andern, dann erblicken sie in einer Querstraße den

Maler, der Frau Johnsen gemalt hat, den Hardesvogtsohn, sie sehen ihn

mit einer von Konsul Olsens Töchtern am Arm. Frau Johnsen ist dick und

schwerfällig, sie hätte sich am liebsten auf der Stelle niedergesetzt.

Aber Fia sagt nur: „Ja, sie haben sich verlobt, wie ich höre.”

Das ist etwas vom Härtesten, was Frau Johnsen erlebt hat, wäre es

wenigstens der andere Maler gewesen, der Tünchersohn. Doch so oder

so, keiner von ihnen würde ihre Fia bekommen haben, das fehlte gerade

noch! Aber ging man wirklich hin und tat so etwas -- gerade vor Fia,

vor ihrer Nase! Was sagte sie dazu? Sie nahm es ganz ruhig und äußerte:

„Ja, sie haben sich verlobt, wie ich höre.” Wie war denn nur die

Fia angelegt und beschaffen, war sie directement kalt? Jetzt fehlte

nichts mehr, als daß der andere verhungerte Bursche, der Tünchersohn,

daherkam und Fia anflehte; o, dann würde aber Frau Johnsen die Tür weit

aufmachen, jawohl, sperrangelweit!

Ach, war das eine Welt, in der man lebte!

Konsul Johnsen nahm es viel weniger tief, es machte ihm fast gar keinen

Eindruck, er sagte ungefähr wie Fräulein Fia: „Na, haben sie sich

verlobt? Aber störe mich nicht!” Darauf wendete er sich wieder seiner

Zeitung zu und las weiter.

„Bedenke, die jungen Burschen, für die wir alles Mögliche getan haben!”

sagt Frau Johnsen.

„Jawohl. Aber stör' mich nicht, hörst du?”

Der Konsul hatte an anderes zu denken. Da hatte nun der Rechtsanwalt

und Abgeordnete Fredriksen die Regierung darüber interpelliert, was

sie in bezug auf die verschiedenen Klagen von den Mannschaften an Bord

unserer Schiffe zu tun gedenke. Er nannte zwar den Vorgang auf dem

Dampfschiff Fia nicht ausdrücklich, verbarg aber doch nicht, daß sogar

in seiner kleinen Stadt das Gerücht von ausgesprochener Unzufriedenheit

mit den Reedern herrschte. Diese Verhältnisse müßten untersucht werden.

Wie ein Sturm fiel das über Konsul Johnsen her. Dieser Prokurator,

dieser unrasierte Emporkömmling hatte Wein und Wohlwollen in seinem

Hause genossen, und nun bezahlte er mit diesem Überfall! Man mußte

wirklich viel ertragen, wenn man Doppelkonsul und ein großer Mann war!

Hätte Konsul Johnsen gewußt, was vorausgegangen war, dann würde er

sich nicht so sehr verwundert haben; für diesen schlechten Streich

des Abgeordneten konnte er sich bei seiner Tochter bedanken. Seht, da

ging nun die junge Dame, Fräulein Fia, höchst bieder und freundlich

und unschuldig dahin, aber ihretwegen gab es eine Interpellation im

Landtag. So konnte es gehen. Es gehörte jetzt weniger als vorher dazu,

um Herrn Fredriksen zu kränken.

Er war ja über ihre stehenden Fußes gegebene Abweisung seines Antrags

etwas verwundert. Da hatte er nun endlich seine Wahl in den Landtag

durchgesetzt, jetzt war er also nicht mehr bloß Rechtsanwalt; aber das

schien keinen Eindruck auf sie zu machen, nicht einmal um Bedenkzeit

hatte sie gebeten. „Nein,” sagte sie lächelnd und schüttelte den Kopf

dabei.

Dies hatte er natürlich gut aufgenommen und gefragt: „Geben Sie mir gar

keine Hoffnung, Fräulein Fia?”

Nein, es tue ihr leid.

Und er hatte es auch noch weiter gut aufgenommen und wie ein feiner

Mann gefragt: „Dann sind Sie nicht mehr frei, Fräulein Fia?”

Doch, das sei sie.

„Na,” sagte er und schwieg.

Er verstand sie nicht, verstand das ganze Mädchen nicht, er dachte

wohl, sie stehe sich selbst im Lichte. Er zog sich zurück.

In dieser seltenen Lage weiß sich die Komtesse nicht recht zu helfen,

sie läßt sich verleiten, mehr zu sagen, Dummheiten, Beleidigungen.

Sie tat es wohl, um nett zu sein, um die harte Entscheidung etwas zu

mildern, aber sie sagte, sie stamme aus einem guten Heim und könne sich

nicht denken, es zu verlassen.

„Sie könnten ja wieder ein gutes Heim bekommen!”

Es würde wohl nicht dasselbe sein. Alles fessle sie an ihre Heimat,

sie habe gebildeten Umgang, sei umgeben von Vornehmheit, illustrierten

Blättern, alter Kultur --

Der Rechtsanwalt sah sie an. Darauf nahm er es nicht mehr gut auf,

sondern fing an zu lachen. Sie ließ ihn lachen, sie wurde gar nicht

verlegen. Als er wieder ernst wurde, sagte er: „Aber liebes Fräulein

Fia, was Sie da aufzählen, könnten Sie ja alles wiederbekommen. Nicht

wahr?”

„Wo?” fragte sie.

„Na” -- hier konnte er nicht vorbeikommen. Der Rechtsanwalt schwieg

wieder, schwieg endgültig.

Eine Zeitlang war er dann selten auf den Straßen zu sehen, er ließ

sich mit niemand in ein Gespräch ein, war verschlossen, saß daheim und

grübelte, was es nun auch sein mochte, worüber er nachgrübelte, ob

vielleicht über die prächtige Mitgift, um die er nun gekommen war. Das

hätte es mit gutem Grund sein können.

Auch im Landtag war er in den ersten Wochen ein zurückhaltender Mann,

er stimmte jedesmal richtig ab und tat nichts Verkehrtes, aber er war

schweigsam. Bis er in der Matrosensache das Blatt vom Munde nahm und da

endlich offenbarte, welche Glut in seinem Innern brannte.

O, er sprach ausgezeichnet und rührte den Landtag, rührte Land und

Volk, seine Teilnahme an den Unterdrückten war sehr groß, seine

Gesinnung sehr human: Es wurde hervorgehoben, daß diese Sache zwei

Seiten habe, jawohl, das sei es gerade. Und nun schade es nichts,

wenn die vornehmen Reeder, wenn sie von dem gebildeten Umgang und der

vorgeblichen Kultur weg auch einmal nach der andern Seite sähen. Die

Schiffe könnten reine Abenteuerfahrten machen und Geld scheffelweise

einnehmen, während die Mannschaften mit derselben Kost und Verpflegung

verkämen, die sie von alter Zeit her hatten, wo die Menschen noch

abgehärteter waren als jetzt. Und ob es eine gefahrlose Arbeit sei, in

der sie stünden, ob das etwa ein Spiel sei? Die Regierung solle sich

einmal an Bord unserer Kauffahrteischiffe begeben und nachsehen, in

welchem Zustande die Mannschaften manchmal heimkämen; die, so nicht

abgerackert seien, kämen auf einem Bein dahergehinkt oder hätten nur

einen Arm, der Dienst habe sie verstümmelt. In einem solchen Zustand

kehrten sie zurück zu den Ihrigen, der Redner kenne Beispiele von

seiner eigenen Stadt. Aber wenn es sich darum handle, die ärmlichen

Verhältnisse dieser Menschen zu verbessern, da stoße man bei ihren

großen Herren auf Widerstand. Wie, wenn nun humane Rücksichten, wenn

Recht und Gerechtigkeit ans Ruder kämen? „Und kann nicht die Regierung

in diesen miserablen Verhältnissen Wandel schaffen, dann kann der

Landtag die Änderung erzwingen -- wenn er will.”

Ein Konservativer, ein Schatten der Vorzeit, sprach natürlich gegen die

Rede, er wendete sich gegen die Übertreibungen; leider komme es ja vor,

daß einmal ein Matrose verunglücke, aber es gebe fast keine Arbeit, die

ganz gefahrlos sei; er sei in seiner Jugend selbst Matrose gewesen, das

müßten ja alle jungen Burschen in seiner Stadt sein, er habe aber keine

trüben Erinnerungen an die Kost und an die Verpflegung, die er gehabt

habe.

Greisengerede, altes Geschwätz! Rechtsanwalt Fredriksen hörte wohl

gar nicht auf ihn. Und er hörte wohl auch kaum auf den Staatsrat,

der nachher redete. Dieser Mann wußte nichts Bestimmtes zu sagen, er

schwebte über den Wassern, er werde seine Aufmerksamkeit auf diese

Verhältnisse richten.

Das sei ja schon etwas! sagte Herr Fredriksen, und er wolle insofern

dem Herrn Staatsrat für das Entgegenkommen danken. Mit diesem kühlen

Vermerk schien er sich wieder gesetzt zu haben, er wollte vielleicht

auch zu verstehen geben, wie wenig ihm das imponiert habe.

Das Referat berichtete:

Der Präsident wirft einen Blick auf die große Uhr und nimmt

fälschlicherweise an, daß diese Sache nun erledigt sei. Der Vertreter

von Telemarken erhebt sich, der Dauerredner, er widersetzt sich der

Verabschiedung und sagt, jetzt wolle auch er das Wort dazu ergreifen.

„Ja, dann mache ich mir keine Hoffnung, daß wir bald fertig werden!”

sagt der Konservative mit einem Lächeln.

Das traf. Aber es schien die Mehrzahl nur aufzureizen. Sollte der

Vertreter vom Gebirge den Rechtsanwalt aus der Küstenstadt, einen neuen

Mann, der in der Sache der unterdrückten Matrosen so ganz genau auf der

rechten Seite stehe, nicht unterstützen dürfen?

Und am Nachmittag siegte denn auch Rechtsanwalt Fredriksen gründlich

und bekam seine Untersuchungskommission bewilligt. Das konnte man einen

vielversprechenden Anfang nennen, sein Wahlkreis legte Ehre mit ihm ein.

Konsul Johnsen liest die Zeitung, wirft sie hin und nimmt sie wieder

auf. Seit lange ist er nicht so aufgeregt gewesen.

Schließlich gibt er die Zeitung Berntsen hinaus und sagt: „Lesen Sie

das Geschwätz!” Er war sehr empört. Hier thronte er in seiner Stadt und

half freigebig nach rechts und links, nahm Krüppel in seine Dienste,

zahlte für ihre Kinder auf höheren Schulen, übte Barmherzigkeit, tat

Gutes -- was hatte er davon? Überfälle! Wenn nur Scheldrup daheim

gewesen wäre, um die Verteidigung zu übernehmen, C. A. Johnsen war

müde, dieser Kampf ums Leben mußte ja jeden Tag neu aufgenommen werden,

er konnte nicht mehr.

Hätte er jetzt wenigstens einen einzigen Ort gehabt, wohin er sich

wenden könnte! An den Postmeister wieder? Ja, wenn er durchaus wünscht,

von religiösem Geschwätz übermannt zu werden! Nein, da macht er lieber

einen Spaziergang in seinen Garten, bleibt eine Stunde weg, kehrt dann

in sein Kontor zurück und geht mit frischen Kräften wieder an seine

Arbeit. Wer weiß, es war vielleicht ein scharfsichtiger Einfall, eine

Hilfe in der Not, eine plötzliche Eingebung, vielleicht kam sie vom

Himmel, das konnte gut sein!

Und der Konsul holte sich wirklich etwas Beruhigung in seinem Garten;

da saß seine Tochter in aller Unschuld, sie malte spanischen Flieder

und plauderte mit ihm, es war ein Vergnügen ihr zuzusehen, wie ihr die

Blüten so gut gelangen, ganz täuschend ähnlich, und es wirkte wohltuend

auf den Vater, daß sie so zufrieden mit ihrem Dasein war.

„Da sitzt du und bist fleißig, Fia?”

„Ja. Dies ist für die große Ausstellung. Meinst du nicht, ich könne

stolz auf dieses Bild sein, Papa?”

„Jawohl.”

„Das meine ich auch. Und doch ist es eben erst angefangen.”

O, Fräulein Fia war ein merkwürdiges Wesen, sie lebte ihr Leben mit

großartigem Vorbehalt, laßt sie nur sein, wie sie ist, sie selbst hält

es für das richtige! Das sind wohl ihre glücklichsten Stunden, wenn sie

in der Nationalgalerie sitzt, Bilder kopiert und diese ähnlich werden.

Wenn jemand sich für ihre Malerei interessieren und ein wenig darüber

in den Zeitungen bringen würde, dann hätte sie nicht den Wunsch,

noch glücklicher zu werden, als sie ist. Sie war gut veranlagt, ohne

Bitterkeit, war voller Wohlwollen, ihr Ehrgeiz verursachte ihr keine

Qualen.

Ja, ein merkwürdiges Wesen, es fehlt ihr wohl dies und jenes, aber die

Mängel schienen nur zu ihrem eigenen vorteilhaften Besten zu sein.

Hatte sie ein Schuldgefühl? Es sah nicht danach aus. Sie war in ruhiger

Weise mit sich selbst zufrieden, tat nichts Böses, bereute nichts,

kannte keine Traurigkeit. Was sollte sie anders wünschen? Sie malte und

machte Reisen, weiter nichts, in den Städten hatte sie gute Freunde,

sie hat vielerlei erlebt, aber nicht viel. Viele fanden, sie sei in

Gelehrsamkeit und Unnatur erstickt. „Hör' einmal,” konnten sie sagen,

„ist dir das Maßhalten angeboren, Kind? Aber es gibt erlaubte und

zulässige Freiheiten, Komtesse, du kannst dich also ruhig verlieben,

Mädchen!” -- „Aber warum denn?” konnte sie erwidern.

Was sollte sie anders wünschen? Hätten nicht diese so viele im Streben

nach der Malerei weggeworfenen Jahre auf andere Weise angewendet

werden können? Warum denn? Es waren geliebte Jahre, war eine poetische

Mission, ein Beruf, diese Jahre bewahrte sie gut auf, wie man Erbsilber

aufbewahrt. Sie strebte, kam aber nicht vorwärts, o nein, aber sie

blieb dabei, es war eine Art Trotz. Ein Aufhören, ein Umkehren auf dem

Wege schien ihr unmöglich, sie brauchte keine Erlösung von ihrer fixen

Idee, für diese war sie angelegt. Nein, sie hatte kein Schuldgefühl und

empfand keine Traurigkeit.

Und wie nun ihr alternder Vater da neben ihr sitzt, ihr zuhört und

sich in ihrer Freundlichkeit und ihrem Behagen sonnt, dann denkt er

vielleicht: „Gott weiß, ob nicht die Fia die klügste von uns allen

ist! Sie ist vom Schicksal ganz unverfolgt und ungestraft, während wir

andern uns in ewigem Kampfe abmühen!”

„Im Landtag sind sie hinter uns Schiffsreedern hergewesen,” sagt er.

„Sie berichten, wir ließen unsere Matrosen verhungern und sich zu

Krüppeln schlagen.”

Sie fährt nicht auf, sondern nimmt es gelassen hin, läßt nur den Pinsel

sinken und sagt: „Wirklich?”

„Ja, das versteht sich! So erscheint es also den Außenstehenden.”

„Tut es dir weh?”

„Nicht gerade weh. Aber es ist nicht angenehm für mich, ich werde älter

und weniger leistungsfähig, und Scheldrup ist abwesend. Na, gottlob,

daß ich dich habe, Fia,” schließt er.

„Wenn ich nur etwas leisten könnte! Papa, sie sind doch wohl nicht

hinter dir hergewesen?”

„Sie nennen mich nicht mit Namen. Aber es ist doch mit Fingern auf mich

gedeutet worden, und zwar von unserem eigenen Abgeordneten.”

„Von --?”

„Ja, von Fredriksen, dem Rechtsanwalt also.”

„Soo?” sagt sie und wird nachdenklich.

„Ich weiß nicht, was ich ihm getan habe, daß er nun so auf mich

losgeht.”

„Es ist nur Mangel an Kultur.”

War es Enttäuschung oder Überlegung, was bei dieser Antwort über ihr

Gesicht hinflog? Der Konsul war sich nicht ganz einig darüber; er

sagte: „Kultur? Ich weiß nicht, wieviel Kultur er hat. Es ist, als

hätte die jetzige Zeit keine Verwendung dafür. Wir sind jetzt alle

Menschen.”

Sie schweigt. Ihr Gesicht bekommt einen hartnäckigen Ausdruck, und dann

gibt sie nicht nach, das weiß er.

„Ich glaube, dies ist eines der hübschesten Bilder, die du je gemalt

hast,” sagt er. „So, du meinst also, es sei Mangel an Kultur? Es kann

wohl sein, daß du recht hast. Sag' mir übrigens -- nicht wahr, du

machst dir nichts aus dem Rechtsanwalt?”

„Ich?”

„Neinnein, nicht das geringste, das wußte ich. Er ist natürlich recht

tüchtig und wird es zu etwas bringen ... Wenn nun aber weder du noch

deine Mutter sich etwas aus ihm macht, dann braucht der Mann ja gar

nicht bei uns zu verkehren. Wir laden ihn von jetzt an nicht mehr ein,

rede mit deiner Mutter darüber, sie hat ihn früher recht geschätzt.”

So war dies erledigt, und eigentlich konnte der Konsul nun wieder gehen.

„Das ist wahr,” begann er wieder, „der Maler, wie heißt er doch nur,

hat sich also verlobt. Ist es die ältere oder die jüngere von den

Töchtern? Ja, du hast es doch wohl gehört, Fia?”

Sie lächelt. „Ich bin die erste gewesen, die es gehört hat. Unter uns

gesagt, Papa, ich bin ja für beide Parteien der Vermittler gewesen.”

„Ei sieh! Du, Fia! Vermittler!”

So nahm sie es also auf.

Als der Konsul in sein Kontor zurückging, hatte er zwar keinen guten

Rat betreffs des Rechtsanwalts bekommen und ebensowenig zehntausend

bei einem Geschäft verdient, aber er machte sich selbst weis, er habe

etwas erreicht, und er rieb sich die Hände, wie wenn er außerordentlich

arbeitslustig wäre. Aber es war wohl nur ein wenig künstliche Energie.

Er grüßt den einen und den andern unterwegs, grüßt auch die Damen

freundlich; jawohl, sie grüßen den Konsul wieder, wie man einen großen

Herrn grüßt, sie haben den Vorgang im Reichstag noch nicht gelesen.

Und doch, die Damen erwidern seinen Gruß nicht wie in alten Tagen, sie

schlagen die Augen nicht verlegen nieder wie früher, wenn er ihnen

begegnete, er war gealtert, die jungen Damen von heute sehen auf

unergrautes Haar, er mußte jetzt in tiefer stehenden Reihen suchen, er

stand wohl schon auf dem Boden. Ach was! Er war der, der er war.

Der Konsul trat in sein Kontor, sah auf seine Uhr und ließ sich in

seinem Sessel nieder. „Es ist wunderbar, welch eine Erfrischung

so eine Viertelstunde ist!” hätte er sagen können, wie wenn er es

selbst glaubte. O, sie hatte ihn aber nicht dauernd erfrischt, die

Interpellation des Rechtsanwalt Fredriksen spukte immer noch in seinem

Kopf. Mangel an Kultur? Fia hatte vielleicht recht. Sie war wahrlich

auch die klügste, wenn sie für Liebesgeschichten nur das Interesse

eines Vermittlers hatte, ein verflixt kluges Mädel, die Fia! Er hatte

auch gar nichts dagegen, wenn sie sich noch einige Zeit solcher Art

Kameradschaft enthielt, er wußte, was für eine unbändige Macht die

Liebe ist; das würde sie schon noch zeitig genug erfahren.

Verstümmelte Matrosen? Die man also versorgt, die man also geradezu auf

seinen Schoß nimmt und ihnen den Schnuller gibt. Wenn nur Scheldrup

daheim wäre! Aber Scheldrup war von der modernen harten Art, er dachte

an niemand anders, als an sich selbst, jetzt redete er von einem Jahr

Aufenthalt in Neu-Orleans.

Und da im Kontor liegt die ungetane Arbeit Berge hoch, auf dem Pult

Briefe, Telegramme und Frachtbriefe holter di polter, Berntsen könnte

wohl hereinkommen, eine Hand voll aus dem Haufen herausgreifen

und einiges erledigen. Der Konsul alt? Etwas überschafft, etwas

abgerackert; war es verwunderlich? Aber alt? Und selbst wenn er alt

war, so war er doch der, der er war. Wenn sein Haar sich lichtete, so

ließ er sich im Hut photographieren, ja, im hohen Hut --

Er steht auf und ruft Berntsen vom Kramladen herein.

„Was ist das für ein junger Mann in einer Studentenmütze, der da

draußen steht?” fragt er.

„Frank,” antwortet Berntsen.

„Frank?”

„Für den der Herr Konsul bezahlt. Olivers Sohn.”

„Ach so, der!”

„Er holt sich eben seinen neuen Anzug bei uns. Seinen alljährlichen

Anzug.”

„So. Hören Sie, Berntsen, könnten Sie nicht einiges von hier übernehmen

und mir ein wenig helfen? Sehen Sie, wie es sich anhäuft und mir über

den Kopf wächst. Ihnen geht es so leicht von der Hand.”

Berntsen verspricht, am Abend Zeit dafür zu haben.

„Ich danke Ihnen. Schicken Sie vor allem die Versicherung für die _Fia_

ab. Hier ist das reine Chaos, und ich habe soviel zu überlegen. Haben

Sie die Zeitung gelesen? Was sollen wir mit dem Rechtsanwalt tun?”

„Sollen wir etwas tun?” fragt Berntsen.

„Ich weiß es nicht. Nein, Sie haben vielleicht recht, wir sollten

einfach gar nichts darauf tun. Aber es kommt vielleicht eine Kommission

und stellt allerlei Fragen.”

„Dann werden wir ihr darauf antworten.”

Die Weiber am Brunnen: Roman · 第 16 / 35 段