Plötzlich fühlt er einen Stich in der Hand, in der rechten Hand, die
die Schlange trägt, und als er nachsieht, ist die Hand dunkel und
geschwollen, er ist also vorhin doch gebissen worden. Und da war man
wieder kein Jüngferchen, das aufschreit und in Tränen ausbricht;
obgleich kein Mensch zusieht, führt man sich doch wie der Mann von
Eisen auf, der man ist. Abel läßt die tote Schlange los, sucht nach der
Wunde und fängt an sie auszusaugen. Er kann das, er hat es früher auch
schon getan. Merkwürdig, daß er den Schlangenbiß selbst nicht gefühlt
hat, jetzt hat er das Gift schon mehrere Minuten im Körper, und da wird
es immer schwieriger, es durch Aussaugen allein herauszuholen. Als er
weitergeht, nimmt er die tote Schlange mit.
Die Stiche in seiner Hand verstärken sich, na, dies ist jedenfalls
ein Sonntag ohne Einförmigkeit. Ab und zu betrachtet er seine Hand,
die nicht weißer werden will, betrachtet die Wunde -- ein lächerlich
kleiner Biß, kaum der Mühe wert. Aber allmählich, während er so
dahinwandert und die Hand nicht besser wird, sieht er sie ungeduldig
noch einmal an, gründlich, wie um zu untersuchen, ob es wirklich eine
Wunde ist, und zwar seine Wunde. O ja, ein Irrtum ist ausgeschlossen,
und es ist ihm nicht unwillkommen, daß eine kleine Strecke vor ihm ein
Mensch sichtbar wird. Abel saugt im Weitergehen an der Wunde.
Er legt die Hand mit der Schlange auf den Rücken, um den Menschen nicht
zu erschrecken. Der Schmied Carlsen sitzt da am Rain. Hierher ist er
also gegangen, da sitzt er einsam auf einem Stein, die Hände um seine
erloschene Pfeife gefaltet.
„Bist du wieder da, Abel?” sagt er. „Ich sitze hier ganz müßig,
betrachte die Berge und Täler und muß mich verwundern, baß verwundern.
Siehst du den Berggipfel dort, die Felsenkuppe? Hehe, ein gewaltiger
Kerl, sieh nur alle die Steine, mit denen er sich behängt hat! O wie
schön ist die Welt! Willst du nach Hause gehen?”
„Ja, nach Hause,” sagt Abel und nickt. Aber da habe er ja die Schlange,
und er sei auch ein wenig gebissen worden --
Der Schmied springt auf, alt, verwirrt, zitternd.
„Neinneinnein --”
„O, es ist nicht gefährlich,” erklärt Abel.
Aber wie dieses Mitgefühl wohltut, älter ist man nicht, wenn man noch
ein Junge ist; diese Verwirrung und dieses Entsetzen bei einem andern
Menschen zum Vorteil für einen selbst ist geradezu köstlich, das Herz
schwillt einem dabei, und man lacht, um sich als Mann zu zeigen, man
sagt, ach was, es sei doch gar nichts, der Meister solle nur so gut
sein und ihm das Handgelenk zuschnüren, etwas weiter oben, so, ja --
Sie gehen heimwärts. „Ich hab' noch keinen so kaltblütigen, standhaften
Menschen gesehen wie dich,” sagte der Schmied. „Und tut es nicht weh?”
„Nein, keine Spur, nur ganz wenig.”
Abel macht einen Umweg, um einen Ameisenhaufen zu suchen, den er von
seinen Streifereien her kennt; der Schmied schüttelt zwar den Kopf,
geht aber mit. Von dem Ameisenhaufen begleitet er ihn nach Hause, der
Alte ist wahrlich etwas stolz auf den Jungen, er zeigt ihn dem und
jenem, der ihnen begegnet, und erregt großes Entsetzen.
Sie gelangen in die Stadt, und der Fischer Jörgen steht unter seiner
Tür. „Da, sieh mal dem Jungen seine Hand!” sagt der Schmied eifrig.
Aber Abel, von all der Ehre stolz geworden, hält vor dieser Tür nicht
an, gerade vor dieser Tür nicht, er lächelt nur und geht vorbei. Und
der Schmied ruft ihm nach, ihn zur Eile antreibend: „Ja, geh nur rasch!
Und geradeswegs zum Doktor! Sofort!”
Abel ist eigentlich in kalten Schweiß gebadet und fühlt sich sehr
elend, aber er ist überglücklich. Seht, nun bleiben die Menschen
beieinander stehen und erzählen sich von ihm; gewisse Leute sollen nur
erfahren, wie sich ein Mann von Eisen bei einem Schlangenbiß benimmt!
„Hab' ich nicht deinem Vater durch dich eine Aufforderung,
hierherzukommen, geschickt?” fragt der Doktor.
„Ich weiß nicht.”
„Sag ihm, er soll sofort kommen! Sonst wird er geholt. Sag ihm das! Laß
mich deine Hand sehen! Pfui, wie sieht sie aus!”
Der Doktor versteht sich auf seine Kunst; jeden Sommer hat er
Kreuzotternbisse zu heilen, und noch nie ist jemand daran gestorben.
„Aber dies ist ein besonders schlimmer Fall,” sagt er jedesmal; das
macht den Kranken sehr stolz, er kann jedermann erzählen, daß er am
Rande des Grabes gewesen sei. Hier jedoch sagt der Doktor mehrere Male,
es sei ein sehr gefährlicher Fall.
17
Nein, Oliver ist nicht der Mann, der gleich läuft, wenn ein Doktor
ruft, er ist eine wichtigere Persönlichkeit. Seine Stellung als
Lagerhausvorsteher stellt ihn in die Klasse der besseren Leute, auf die
gleiche Stufe mit den Ladenangestellten von Johnsens am Landungsplatz,
ja, mit dem Geschäftsführer Berntsen. Und Oliver ist sogar noch eine
Spur vornehmer, er läuft nicht für die Kunden auf den Bodenraum und in
den Keller, sondern er ist ortfest, und das ist gerade eine passende
Stellung für einen Mann wie Oliver.
Er hat sein richtiges Fach gefunden, o, es ist ausgezeichnet, so einem
Lagerhaus vorzustehen, beim Kommen und Gehen von den Leuten gegrüßt
zu werden, Kost und Kleidung zu verdienen, Zeit zu haben, sich im
Spiegel zu beschauen und hübsch auszusehen. Daneben kann er seine
persönlichen Liebhabereien pflegen, Sonntags fährt er regelmäßig
zwischen die Scheren hinaus, er schaut sich um und träumt und sehnt
sich, Gott mag wissen, wonach, vielleicht nach einem besseren Leben,
einem neuen Jerusalem, und er kehrt von diesen Ausflügen mit dem und
jenem heim, was er gefunden hat: einen Relingbalken, einige unerlaubte
Möweneier oder das kostbarste und unerlaubteste von allem, eine Hand
voll Eiderdaunen. Nie ist er dabei ergriffen worden, niemand kleidet
einen Krüppel bis auf die Haut aus, um eine Tüte Eiderdaunen auf seinem
bloßen Körper zu suchen. Und Oliver hat nun im Laufe der Jahre wahrlich
viel Eiderdaunen gesammelt, die Frage ist nur, wie er sie absetzen
soll. Aber selbst wenn er sie nie in Geld umsetzen kann, will er doch
weiter sammeln, diese Art Ware kann er nicht sehen, ohne sie besitzen
zu wollen.
Daheim geht es auch besser, die Jahre müssen seine Frau zahmer gemacht
haben, sie hat mehr Geschmack am häuslichen Leben und Kaffeetrinken
bekommen, und den Kaffee können sie ja verhältnismäßig billig haben;
jetzt braucht Oliver nicht mehr so oft mit dem Fischmesser im Ärmel
hinter ihr herzuschleichen. Sie war zwar noch oft unverträglich,
jawohl, das war sie, sie schnaubte noch oft höhnisch mit den
leichtbeweglichen Nasenflügeln und witterte gleichsam in der Luft.
Petra hatte es nie gut genug und hatte auch nie genug, sie war ein
unglückliches Geschöpf, ungenügsam von Geburt an, habgierig von Geburt,
im Unterschied von Oliver, der sich an dem weniger Guten genügen
ließ, ja, sich sogar an ihr genügen ließ. Darüber konnte kein Zweifel
herrschen, Petra war in ihrer Art ein Teufelsweib. O, aber solange
sie nicht ausschweifend war -- und sie war ja nie ausschweifend, sie
übertrieb es nicht, die Unbeteiligten mochten sie anstarren, sie hatte
nur einmal ein blauäugiges Kind bekommen. Alles in allem konnte Oliver
zufrieden sein, sie war jeden Tag für ihn da, er wärmte sich bei ihr,
aß seine Mahlzeiten an ihrer Seite und lag in ihrem Bett, ihr Atem
ging im Schlaf über ihn hin. Seht, das war gar nicht so wenig! Und
jedenfalls war sie seine Frau und nicht die eines andern, so weit man
es wußte.
Ist sie nicht hübsch? Gewiß, gut gebaut, von anziehendem Wesen, von
üppiger Fülle, mit etwas Schwelgerischem -- sonst hätte er sie gar
nicht genommen, wohlgemerkt! Aber sie ist nicht gegen alle Winde
gefeit; wäre nur der Schreiner Mattis fort und aus dem Wege, dann hätte
Oliver ruhig sein können! Gegen alle Winde, sie? Petra, die sogar
dem Scheldrup Johnsen eine Ohrfeige geben konnte! Als ob sie jeden
einladen und sagen würde: „Komm, wir wollen ein wenig üppig sein und
lasterhaft und ausschweifend!” Nein, nein, keine Spur! Sie war eher wie
ein Altarbild; ach du lieber Gott, am Sonntag trug sie ein goldenes
Kreuz, das sie sich erhandelt hatte, an einem Samtband um den Hals. Und
niemand wäre etwas so Unsinniges eingefallen, daß sie leichten Kaufes
zu haben wäre. O keine Spur!
Petra war in ihrer Art die richtige Frau für ihn, Oliver, sehr oft
wünschte er sich gar keine andere. Die braunäugigen Kinder? Allerdings,
dieses Mädelchen war ihm ein Strich durch die Rechnung, und mehrere
Monate lang hielt es seinen Verdacht in heller Lohe; aber weichlich
und weibisch, wie er geworden war, konnte er dem Kinde nicht auf die
Dauer widerstehen, das tägliche Leben führte das Mädelchen zu oft in
seine nächste Nähe; wenn niemand anders anwesend war, mußte er es
wiegen. Und dann wurde sein Verdacht sozusagen geprellt: er hatte eine
Pferdenase in dem kleinen Gesichtchen erwartet, aber das Kind wuchs
heran und bekam eine außergewöhnlich hübsche Nase. Das mochte der
Kuckuck verstehen. In jener Zeit besprach Oliver die Sache mit dem und
jenem: daß er plötzlich der Vater eines blauäugigen Kindes geworden
sei, während die andern Kinder braune Augen hätten, wie denn das zu
verstehen sei? Er bekam ausweichende Antworten, der Fischer Jörgen
verwunderte sich überhaupt nicht darüber, o man könne sonderbarere
Sachen sehen, und im übrigen sei in der Natur vieles verborgen.
Oliver ist also den Umständen angemessen ein ganz glücklicher Vater.
Aus solchen Kindern wurde gewiß etwas. Es gab nicht viele, die es
besser hatten, und wenn er alt und von der Arbeit im Lagerhaus
abgearbeitet war, würden seine Kinder erwachsen sein und ihm helfen.
Von Abel erwartete er vielleicht nicht sehr viel, aber von Frank -- o,
Frank ging in die höheren Schulen und wurde gelehrt, und mit der Zeit
würde er eine hohe Stelle bekommen. Er war jetzt schon Student und
studierte immer weiter.
Und schließlich noch eins: es war gar nicht so ohne, daß Johnsen am
Landungsplatz Doppelkonsul war, Oliver rechnete sich das zur Ehre. Es
hieß, Grütze-Olsen wolle jetzt auch einen Lagerhausvorsteher halten,
nur um groß zu tun, und Martin auf dem Hügel, der alte Fischer, lauere
auf die Stellung. O, bitte, nimm sie nur, auch Grütze-Olsen ist Konsul
und ein reicher Mann, vielleicht hat man es bei ihm auch gut. Aber ist
er zweimal Konsul? Hehe! Martin auf dem Hügel, du erreichst gerade die
Hälfte, aber bitte!
So vergehen die Tage, und so vergehen die Jahre, und Oliver lebt so gut
er kann und wandert auf seinem Wege dahin, wie wenn er gar nicht ein
Krüppel mit nur einem Bein wäre. Nun hat er achtzehn Jahre lang den
Menschen gespielt so gut wie irgend sonst jemand, ja besser als sonst
irgendeiner.
An einem Samstagabend bürstet Oliver seinen Rock und seine Schuhe und
macht sich zum Heimgehen bereit. In der letzten Zeit zeigt er eine
wahrhaft rätselhafte Vorsichtigkeit. Warum er das nur tut? Er guckt auf
die Straße hinaus, und da er den Doktor erblickt, zieht er sich zurück
und wartet. Warum meidet er den Doktor, während alle andern es für eine
Ehre halten, wenn sie auf der Straße von ihm angehalten werden?
Der Doktor geht mit dem Postmeister, dem er sonst immer eilig
ausweicht, hin und her, sie gehen bis zu Davidsens Kramladen und wieder
zurück, mehrere Male, Oliver ist eingesperrt. Lauert der Doktor dem
Krüppel geradezu auf? Denn er kann ihn doch wohl nicht persönlich in
einem Lagerhaus aufsuchen. Oliver hört Bruchstücke von des Postmeisters
Worten, versteht aber keine Silbe; der Doktor versteht wohl alles, aber
er scheint nicht aufmerksam zuzuhören, nein, er scheint viel eher den
Postmeister als Vorwand zu gebrauchen, um hier lauern zu können. Das
ist nicht fein.
Oliver ist also das Merkwürdige begegnet, daß der Doktor zweimal
nach ihm geschickt hat, und er versteht vielleicht nicht, was es
bedeuten soll. Oder wie? Oliver hat die Neugier und Verschlagenheit
eines Frauenzimmers, und er fragt sich, ob diese Aufforderung wohl
irgendwie in Verbindung mit Konsul Johnsen stehen könne? Er hat es sich
überlegt, in aller Untertänigkeit ein Wort darüber beim Konsul fallen
zu lassen: er sei ein geringer, ungelehrter Mann, der Doktor habe ihn
aufgefordert, zu ihm zu kommen, was das denn zu bedeuten habe?
Der Konsul weist es sofort mit verwundertem Lachen zurück und sagt:
„Was weiß ich davon?” Aber plötzlich wird er nachdenklich und fragt:
„Hat er dich auffordern lassen?”
„Ja, zweimal.”
„So. Was will er von dir?”
„Ich weiß es nicht.”
„Kümmere dich nicht darum!”
Danach hat Oliver gehandelt und sich bis jetzt nicht darum gekümmert.
Aber nun geht der Doktor da draußen auf und ab und scheint ihm
aufzulauern.
Der Doktor unterhält sich gewiß nicht gut, er wirft nur ab und zu ein
Wort ein, hauptsächlich wenn ihnen jemand begegnet, wo er sich wichtig
machen will, da richtet er eine richtige Frage an den Postmeister. Wenn
Oliver etwas davon verstanden hätte, wäre folgendes Gespräch gewiß
nützlich für ihn gewesen.
„Ja, es war wegen der Nachkommenschaft. Sie haben nicht darauf
geantwortet.”
„Ich bin wohl nicht ganz verständlich gewesen,” sagt der Postmeister.
„Ist es nicht so, daß sich die Eltern, wenn ihre Kinder groß geworden
sind, weiter nicht mehr besonders um sie kümmern, sondern wieder mehr
um deren Kinder, die Enkel? Dies würde auf einen in den Menschen
niedergelegten Keim deuten, auf die endlose Fortsetzung.”
„Andererseits, ist es nicht ein wenig sorglos von diesem in den
Menschen niedergelegten Keim, unaufhörlich Kinder gebären zu lassen,
zum ärmlichsten Dasein, zu Schande und Untergang? Wenn sie wenigstens
alle in guten Heimstätten geboren würden!”
„Ich weiß nicht, ob die Frage so gestellt werden kann,” erwidert der
Postmeister. „Es kann ja sein, daß man zu dem Schicksal geboren wird,
das man sich in früheren Erdenleben verdient hat. Es gibt etwas, was
auch darauf hinweist: manche Kinder werden in den besten Häusern
erzogen und mißraten, andere Kinder kommen in verkommenen Heimstätten
zur Welt und werden prächtige Menschen, sie erziehen sich selbst. Auch
hier in der Stadt ist wohl kein Mangel an solchen Beispielen. Das Leben
ist eine Vermengung, ein einziger Wirrwarr von solchen Fällen, unsere
Logik reicht nicht hin, sie zu erklären.”
„Doch lassen wir die Logik walten, sonst wird ja alles leeres
Geschwätz, entschuldigen Sie! Jetzt eben haben Sie gesagt, daß Kinder
aus den besten Familien mißraten können. Ganz richtig. Und zugleich
sollen sie sich in früheren Erdenleben ihr Schicksal verdient haben.
Dann hätten sie sich doch hinaufgedient und verdient, in besseren
Familien geboren zu werden. So meinen Sie es doch wohl?”
„Warum nicht? Es ist ja nicht gesagt, daß eine gute Familie und
zeitliches Wohlergehen das beste, daß ein Leben ohne Qualen das beste
sei. Sehen wir nach der andern Seite; manche können durch Leiden
geradezu aufrecht erhalten und ernährt werden, sie können ihr Glück im
Leiden finden.”
Der Doktor konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken, es war schwer, hier
auf und ab zu gehen und höflich zu sein, seinem eigenen Besten gerade
entgegen. Er sah auf seine Uhr, drehte jäh wieder nach Davidsens Haus
um und machte ein paar rasende Schritte; aber der Postmeister ging mit.
Als sie wieder zurückkamen, hatte das Gespräch eine andere Wendung
genommen, der Postmeister hält jetzt eine soziale Rede.
„Natürlich ist es der arbeitende Mittelstand, der das Leben am
Aussterben verhindert, ich begreife nicht, wie da jemand widersprechen
kann. Es ist nicht nur die Masse, obgleich sie es ist, die sagt: wir
Arbeiter! O, die Masse, sie hat die Kunstgriffe gelernt, sie kann ihr
Radaublatt lesen und hat den Gedankeninhalt bekommen, den sie braucht.
Wir Arbeiter! Ist damit der Bauer, der Fischer gemeint? Nicht wahr,
damit ist niemand anders gemeint, als der Industriearbeiter? Er ist
der, der so laut schreit. Erinnern Sie sich, Herr Doktor, daß Sie und
ich eine Zeit erlebt haben, wo es keine Industriearbeiter bei uns
gegeben hat, wo aber jedes Haus seine Industrie hatte? Das Leben war
damals nicht so ausgefüllt, daß wir nicht noch Zeit hatten, den Sonntag
zu feiern, die Lebensweise war einfacher, die Zufriedenheit größer.
Dann bekam die Mechanik die Herrschaft, die Massenproduktion nahm ihren
Anfang, der Industriearbeiter erstand -- zum Vorteil und zur Freude von
wem? Für den Fabrikanten, für den Arbeitsherrn, für niemand anders. Er
wollte mehr Geld verdienen, er und sein Haus wollten größeren irdischen
Luxus genießen, er glaubte nicht, daß er sterben müsse --”
„Nein, hören Sie,” sagt der Doktor lächelnd, „setzte er nicht viele
Leute in Tätigkeit, schaffte er nicht Brot für hungernde Magen?”
„Brot? Sie meinen Geld zu Brot. Er verschaffte ihnen Fabrikarbeit --
aber der Boden des Landes liegt unbebaut da. Ja, das tat er. Er lockte
die Jugend von ihrem natürlichen Platz im Leben weg und nützte ihre
Kräfte zu seinem eigenen Vorteil aus. Das tat er. Er stiftete einen
vierten Stand in eine Welt hinein, die schon vorher zu viele Stände
hatte, eine ganze Klasse Industrieleute, die unnötigsten Arbeiter des
Lebens. Und dann sieht man, was für ein menschliches Zerrbild so ein
Industriearbeiter wird, wenn er die Kunstgriffe der oberen Klasse
gelernt hat: er verläßt das Boot, verläßt den Acker, verläßt Heimat,
Eltern, Geschwister, verläßt das Vieh, die Bäume, die Blumen, das
Meer, den hohen Gotteshimmel -- dafür bekommt er Tivoli, Vereinshaus,
Kneipen, Brot und Zirkus. Dieser guten Dinge wegen wählt er das
Proletarierleben. Und dann brüllt er: Wir Arbeiter!”
„Also keinerlei Industrie?”
„Wie? Gab es denn vorher keine Industrie?”
„Aber also keinerlei Fabrikbetrieb?”
„Was soll man darauf sagen? Wir können uns einige wenige Ausnahmen
denken.”
„Also doch!”
„Zum Beispiel die Fabrikation von Fensterglas.”
„Hahaha!”
„In heißen Gegenden ist diese Ware unnötig, aber in unserem Klima
brauchen wir sie. Das hab' ich gemeint.”
„O, dafür brauchen Sie sich nicht zu entschuldigen, daß wir Menschen
unter anderem auch Fensterglas brauchen.”
Der Postmeister war bisweilen recht hilflos, sehr wenig gewandt, er
kam dadurch öfters in die Klemme. Bei einer Gelegenheit gebrauchte
er die Redensart: „Die Letzten werden die Ersten sein!” Ein junger
Rechtsbeflissener, der beim Hardesvogt angestellt war, kam gerade
vorüber, und da fragte der Doktor eben boshaft, ja, wie wenn es ihm ein
Rätsel wäre: „Aber was in aller Welt sollen dann die Ersten werden?”
Der Postmeister antwortete wieder ganz treuherzig: „Die Ersten werden
die Letzten sein.”
„Hahaha!” lachte der Doktor wieder. „Ei, zum Henker! Aber sagen Sie
mir, Herr Postmeister, wie können Sie nur immer bei allem so glücklich
sein?”
Der Postmeister versteht jetzt wohl, daß er zum besten gehalten wird,
und er erwidert: „Ich bin es nicht immer und nicht bei allem.” Dann
schwieg er.
„Es muß Angewohnheit sein,” sagt der Doktor. „Sie können das Glück
nicht entbehren. Wir andern aber von dieser Welt, wir müssen ohne es
leben. Natürlich ist es eine Angewohnheit.”
Der Postmeister war schweigsam. Der Doktor mußte seine Zuflucht wieder
zu der Frage über die Nachkommenschaft nehmen, um ihn zum Sprechen zu
bringen. Und hier wollte der Postmeister nicht auf sich herumtreten
lassen, er machte unerwartet Halt. „Waren nicht Sie es, Herr Doktor,
der damals die Liebe nannte? Was verstehen Sie darunter? Sie hätten
Triebleben, tierische Funktion sagen sollen, sie hätten Liederlichkeit
sagen sollen, o, aber auch diese so klug, so vorbeugend, so kinderlos
wie nur möglich.”
„Ei du große Zeit!” rief der Doktor verwundert aus. Dann wurde er
wieder der überlegene Mann und zeigte keine Lust zum Disputieren. Er
sah auf seine Uhr. Plötzlich war der Postmeister nicht mehr für ihn da,
er rief nur ins Lagerhaus hinein: „Komm heraus, Oliver, ich will mit
dir reden!”
Als ob Oliver gleich käme, wenn ein Doktor rief! Er blieb in seinem
Versteck im Lagerhaus sitzen, bis der Doktor fort war, dann schloß er
ab und ging.
Aber er sollte diesem Zusammentreffen doch nicht entgehen; der
Doktor paßte ihn in der ersten Querstraße ab, griff sogar mit einem
Finger nach seinem Hut und sagte in ganz verändertem Tone: „Guten
Abend, Oliver, gut, daß ich dich treffe, kannst du mit mir in mein
Sprechzimmer kommen?”
Oliver ging mit; ob er nun seiner Neugier nachgab, oder ob er sich die
Sache vom Hals schaffen wollte?
„Hast du etwas dagegen, wenn ich deine Hüfte untersuche?” fragt der
Doktor.
„Wie --?”
„Es ist der Wissenschaft wegen. Du bist ein gutes Objekt. Zieh dich
aus!”
Oliver zögert.
„Es wird bald geschehen sein, fünf Minuten genügen, ja, zwei Minuten.
Ich will mir nur deine Hüfte ansehen. Tut sie dir nie weh?”
„Nein.”
„Nun laß mich einmal sehen!”
Nein, Oliver wollte nicht. Es sei Samstagabend, er müsse jetzt nach
Hause.
„Was ist das für ein Geschwätz, zwei Minuten!”
Oliver weigerte sich, o nein, so weit war er gegangen, weiter ging er
nicht. Der Doktor stand allerdings in hohem Ansehen in der Stadt, aber
die Geschichte mit dem schwedischen Matrosen hatte es nicht gerade
erhöht, im Gegenteil. Immerhin würde ihm wohl Oliver nachgegeben und
sich ausgekleidet haben; aber er schien sich davor zu fürchten, er
mußte einen besondern Grund haben, es nicht zu tun. Was hatte er nur?
Sein Gesicht trug jetzt den bösen, verschlagenen Ausdruck, er sah den
Doktor langsam an und sagte: „Nein, das tu' ich nicht.”
„Du bist ein Dummkopf,” sagt der Doktor. „Du hast auch keinen Bartwuchs
mehr, woher kommt denn das? Und du wirst fett und glatt wie ein
Frauenzimmer.”
„Mir fehlt nichts,” sagt Oliver.
„Gerade das wollte ich ja untersuchen. Du solltest nicht dabei
verlieren, ich wollte etwas ins reine bringen, den Unterleib, es ist in
einer einzigen Minute geschehen.”
„Nein, ich tu' es nicht.”
Der Doktor gab es noch nicht auf: „Wie bist du denn damals zu Schaden
gekommen?”
„Eine Trantonne kam auf mich zugestürzt.”
„Das versteh' ich nicht.”
„Sie zerschmetterte mir das Bein, das dann abgenommen werden mußte.”
„Laß mich sehen, wie hoch es abgenommen ist!”
Oliver deutete mit der Hand.
„Ich meine, du solltest die Hose ausziehen.”
„Nein,” erwidert Oliver zum drittenmal, „ich tu' es nicht.”
Der Doktor sagte -- und er legte einen tiefen, würdigen Sinn in seine
Worte: „Wie du willst. Ich dachte übrigens nur daran, dir zu helfen.”
Oliver wandert heimwärts; es ist spät geworden, und er hört die
Tanzmusik vom Tanzsaal her, es ist ja Samstagabend. Da fällt ihm ein,
er sei am Ende nicht gut genug angezogen, um an den Burschen und
Mädchen in ihren Staatskleidern vorüberzugehen, und er macht deshalb
einen Umweg. Welch ein Zufall -- da steht ja Petra und spricht mit
niemand anders als mit dem Schreiner Mattis. Die beiden sind sehr
eifrig, der Schreiner sieht sogar höchst leidenschaftlich aus; und
wieder spürt Oliver, wie ihm ein scharfer Stich durchs Herz fährt,
er knirscht mit den Zähnen, während er näher tritt. Nun erblickt
Mattis den herankommenden Oliver, da zieht er sich zurück und tritt
in seine Werkstatt. Er tut auch klug daran, sich zurückzuziehen, zu
verschwinden, denn in diesem Augenblick tritt Oliver zähneknirschend
auf ihn zu. Und Petra tut auch klug daran, auf ihren Mann zu
warten, hätte sie einen Augenblick daran gedacht, wie eine Hündin
zu entfliehen, dann hätte dieser Mann, ihr Ehemann, sie mit einer
Donnerstimme zurückgerufen.
Sie gehen nebeneinander. Oliver schweigt und knirscht mit den Zähnen.
Petra fühlt wohl, daß ein Gewitter im Anzug ist, sie ergreift die
Offensive und murmelt: „Hm! Ist das ein Zustand!”
„Ja,” sagt auch Oliver, „es ist ein Zustand.” Und jetzt dreht er die
Augen nach ihr hin.
„Bei Mattis, mein' ich. Du hast es wohl gehört?” fragt sie.
„Gehört? Was?” Er hat nichts gehört, ist nur von seinem Eigenen erfüllt
und erwidert: „Du, du sollst etwas zu hören bekommen!”
„Was brummst du denn da?” sagt sie unschuldig und sorglos. „Na, dann
hast du es also nicht gehört?”
Es muß etwas Besonderes sein, die Neugierde bekommt die Oberhand bei
ihm, die Stiche in seinem Herzen sind nicht mehr so heftig. „Was willst
du mir denn da weismachen?” fragt er.
Das ist nun Petras günstigster Augenblick, sich ein wenig kostbar zu
machen, sie tut sogar etwas gekränkt und sagt: „Ich will dir gewiß
nichts weismachen, ich werde schweigen.”