„Nein, o nein. Und außerdem hatte sie mich für nichts um Verzeihung zu

bitten, o weit entfernt. Ich war auch leider nicht anwesend.”

„Ich habe gehört, sie habe nach dem Pfarrer verlangt.”

Ohne einen Schatten von Verdacht antwortet Henriksen: „Ja, sie hat wohl

das Abendmahl nehmen wollen. Der Junge ist groß und prächtig, aus dem

kann etwas werden; gewachsen ist er auch schon, obgleich er nur mit der

Flasche aufgezogen wird, ein Schreihals und ein Zornickel ist er!”

„Aber er hat braune Augen,” sagt der Doktor.

„Ja, ist das nicht merkwürdig!” erwidert Henriksen. „Da hat sie nun

alle die Monate hindurch diesem Kind braune Augen gewünscht, gerade wie

dem vorhergehenden. ‚Wenn ihm nur Gott braune Augen schenken wollte,

sie sind so sehr hübsch!’ sagte sie. Und da ist ihr dieser Wunsch

erfüllt worden.”

„Nun, das war doch jedenfalls sehr gut,” sagt der Doktor mit einem

erzwungenen Lächeln.

Aber Henriksen nahm es für echt: „Ja, nicht wahr? O, es war wohl so

bestimmt! Ein Glas Wein, Herr Doktor? Vielleicht Sodawasser mit Whisky?”

Sie treten in die Stube und setzen sich, jeder mit einem Glas vor sich,

und Henriksen trinkt gleich zwei. Er spricht von seiner Frau, von

seiner Einsamkeit, die nicht zum Aushalten sei. Bei Tag und während der

Arbeit, da gehe es noch an, aber wenn die Nacht komme, die Nacht --! Er

ist äußerst freundlich und aufmerksam gegen seinen hochgeehrten Gast,

allmählich sogar dankbar für dessen Hilfe -- ja für alle Hilfe, die er

geleistet hat.

„Es stand leider nicht in meiner Macht, Hilfe zu bringen,” erwidert der

Doktor.

„Allerdings, aber Sie haben getan, was Sie konnten, das sag' ich gerade

heraus. Sie sind ja auch oft hier gewesen, um nach ihr zu sehen, und

haben Medizin verschrieben. Wir haben alles getan, was wir konnten, den

Trost haben wir, daß es ihr von unserer Seite an nichts gefehlt hat.

Aber nun war wohl ihre Zeit abgelaufen. Noch ein Glas, Herr Doktor?”

„Ich weiß nicht. -- Ja, wenn Sie mir's anbieten.”

Henriksen strahlt. „Es ist mir eine Ehre, wirklich, es ist eine Ehre

für mein Haus, das hätte meine Frau erleben sollen! Und nun möcht'

ich gerne, daß Sie mir eine Rechnung schicken, Herr Doktor, eine

ordentliche Rechnung. Doch, ich will es! Oder wenn Sie es mir jetzt

gleich sagen wollten, nur die Summe, das genügt.”

„Das hat ja Zeit bis später.”

„Ach, alles, was getan werden konnte, ist getan worden, das ist mein

Trost!” murmelt Henriksen, in tiefe Gedanken versunken. „Doch, ich will

wirklich -- lassen Sie mich lieber jetzt gleich --”

Henriksen steht auf und öffnet seine Schreibkommode, er kommt mit einem

Geldschein zurück, einem großen roten Schein und reicht ihn dem Doktor

hin: „Diesen hier, wenn es Ihnen so recht ist. Stimmt es einigermaßen,

ist es genug?”

Der Doktor ist durchaus nicht geldgierig, nicht habsüchtig; was er

verdient hat, ist verbraucht worden, ja, mehr als das, verbraucht für

Essen und Trinken, für „Genüsse”, nein, er ist nicht so schlecht, daß

er über den großen Schein in Verlegenheit geriete, diese Banknote, das

ist ein Geschenk, und er erwidert: „Das ist zuviel, ich bekomme nicht

soviel, die Hälfte genügt!”

Henriksen schüttelt den Kopf; er ist freigebig und gutherzig, und er

will sich auch des Danks von des Doktors Seite würdig erweisen. „Nehmen

Sie nur, Herr Doktor, es ist von ihr und von mir. Und dann reden wir

nicht mehr darüber.”

„Ich bin jederzeit bereit, zu kommen, Henriksen. Zu dem Kleinen. Bei

Nacht oder bei Tage, jederzeit!”

Der Doktor ging als ein junger Mann heimwärts. Was war geschehen?

Seht, er hatte sich wehrlos gefühlt, und nun hatte er plötzlich eine

Waffe in der Hand: „Bitte, Herr Konsul Johnsen, Sie haben mir eine

Rechnung geschickt, ich hatte die Kleinigkeit vergessen, hier ist eine

Bescheinigung von der Post über einen Geldbrief für Sie.”

Ja, er war froh, aber es kam nicht zu einer Umkehr bei ihm, nicht zu

einem hohen Wogengang und einer Krisis vor Dankbarkeit. Das Leben war

unverändert, die Feinde dieselben wie vorher, ein Zufall hatte ihn

instand gesetzt, sinnlos und dumm über sie zu triumphieren, und darauf

wollte er nicht verzichten. Er hätte nun in Johnsens Laden gehen und

seine Schuld bei Berntsen begleichen können, aber er tut es nicht,

dagegen reibt er sich die Hände beim Gedanken an den boshaften Brief,

in den er das Geld einwickeln will, wenn er es abschickt.

Er hätte darauf verzichten sollen! Seht, da ist schon wieder einer von

den Braunäugigen, es wimmelt von ihnen in der Stadt. Er hält den Jungen

an und fragt: „Lieferst du mir nicht öfters Fische?”

„Doch, früher.”

„Hast du das Fischen aufgegeben?”

„Ja.”

„Was tust du jetzt?”

„Ich -- ich soll zur See.”

„Aber was tust du jetzt? Du siehst so ungewaschen aus.”

„Jetzt im Augenblick bin ich beim Schmied, aber --”

„Aber dazu hast du keine Lust. Nein, geh du lieber zur See! Wie war

dein Name?”

„Abel.”

„Sag deinem Vater -- deinem Vater daheim -- er soll einmal in meine

Sprechstunde kommen. Ich hätte etwas mit ihm zu reden.”

16

Na, ungewaschen ist Abel seiner Lebtage gewesen, aber natürlich ist er

beim Schmied nicht sauberer geworden.

Eigentlich war es gerade für ihn etwas Unnatürliches, in einer Schmiede

zu stehen, an einem Lehmboden verankert zu sein, um den Blasbalg zu

bewegen und auf das Kommando eines kleinwinzigen Vorhammers Eisen zu

schmieden. Aber etwas mußte Abel ja tun, er war nun längst konfirmiert

und dazu ein großer, starker Bursche geworden. Und da rief ihn eines

Tages der Schmied Carlsen in die Schmiede herein und sagte: „Sieh her,

kannst du nicht den großen Hammer nehmen und ein paar Schläge für mich

tun?” Abel schlug, es war eigentlich ganz unterhaltend, hier zu stehen

und seine Kräfte dazu zu gebrauchen, Sterne aus dem glühenden Eisen

herauszuhämmern.

Abel hämmerte bis zum Mittag darauf los, da zog ihn der Schmied mit

sich hinein und gab ihm zu essen.

„Da hab' ich nun diese eilige Arbeit,” sagte der Schmied, „kannst du

mir auch heute nachmittag helfen?”

„Das kann ich gut,” erwiderte Abel.

Als es Abend war, bekam er wieder zu essen, und als er gehen wollte,

eine Krone. „Du bist ein tüchtiger Mann gewesen,” sagte der Schmied,

„könntest du nicht vielleicht auch morgen kommen?”

„Doch,” sagte Abel.

Er entschied das auf eigene Faust. Die Entscheidung lag immer bei

ihm selbst -- entweder hatte er nun diesen Zug von seinem Vater, von

Oliver, oder er hatte ihn sich selbst zugelegt, weil er doch während

der ganzen Zeit des Heranwachsens alles allein hatte entscheiden müssen.

Eine ganze Woche lang blieb er beim Schmied.

„Wo bist du denn jetzt im Augenblick?” fragte der Vater.

„Beim Schmied. Ich bekomme dort Kost und eine Krone am Tag.”

„Du Abel, du Abel!” sagte der Vater, und es war nicht ausgeschlossen,

daß sich etwas Stolz in dem Herzen des Krüppels regte. „Willst du ganz

beim Schmied bleiben?”

„Ganz? Nein. Nur während er die viele Arbeit hat.”

Aber Schmied Carlsen hatte wochenlang viel Arbeit, ja monatelang, und

er hatte soviel zu schmieden und instand zu setzen und aufzuarbeiten,

Abel mußte dableiben. Nicht daß er richtig in die Lehre da gegangen

wäre und das Meer vergessen hätte, o nein, aber er hatte es gut beim

Schmied und verdiente sich ordentlich etwas für Essen und Kleider; er

brauchte beides notwendig.

Zwischen dem Schmied und dem Schmiedejungen herrschte ein

freundschaftliches Verhältnis, bisweilen setzten sie sich mitten in der

Arbeit zusammen und rauchten eine Pfeife, indem der Schmied behauptete,

er fühle sich elend und könne nicht mehr so hart schaffen. Im ganzen

genommen hatte Abel den Eindruck, daß es mit der Arbeit, die jetzt

noch übrig war, nicht so sehr eilte; allerdings kamen ab und zu neue

Aufträge dazu, aber nicht mehr, als der Meister hätte allein bewältigen

können. Eines Abends sagte Abel, ob er denn wiederkommen solle? Der

Schmied meinte, er höre nicht recht, es habe ja noch nie so geeilt mit

der Arbeit wie am morgigen Tage.

Der Meister war Witwer mit erwachsenen und verheirateten Kindern,

er war der Bruder des Polizei-Carlsen, ein Mann, der unverdrossen

arbeitete und von Tag zu Tag sein Tagewerk leistete, nach mehr

trachtete er nicht, so hatte er seine kleine Schmiede seit anderthalb

Menschenaltern betrieben. Er hatte eine verwitwete Tochter bei sich,

die ihm das Hauswesen besorgte. Bisweilen erzählte er von seinen

Erlebnissen, lauter Kleinigkeiten, alltägliche Ereignisse; aber da er

seine Schmiede niemals verlassen hatte, bekam jede Kleinigkeit eine

übertriebene Bedeutung für ihn. Warum er es nicht ins Große getrieben

hatte mit Gesellen und Lehrjungen? Er hatte sich keine Mühe darum

gegeben, hatte nicht die Mittel dazu gehabt, nicht das Haus dazu,

nicht einmal die Schmiede dazu. Die große Kinderschar hatte ihn auch

allmählich daran gehindert, es ins Große zu treiben.

„Denk dir, fünf Mädchen,” sagt er, „fünf Stück nur Mädchen, und

außerdem noch zwei Jungen!” Dann war ja noch ein Schmied draußen auf

dem Lande, grad am Weg nach der Stadt, der tat alle Bauernarbeit,

Hufeisen, Pflüge und Sensen. Carlsen war der Stadtschmied, er

schmiedete kleine häusliche Sachen für die Familien und bisweilen --

wie jetzt, wo er sich Abel zur Hilfe genommen hatte -- auch größere

Sachen für die Schiffe.

„O ja, wonach soll der Mensch trachten?” sagt Carlsen. „Ich hab' mich

die ganze Zeit durchgeschlagen, mit dem da!” fügt er lächelnd hinzu und

deutet auf den Hammer. „Mehr brauch' ich nicht, und mehr bin ich auch

nicht wert. Über kurz oder lang muß ich sterben, genau wie mein Vater

gestorben ist und wie meine Kinder sterben werden. Dann muß ich ja doch

alles verlassen und wenn ich auch noch so viel hätte. Adolf ist auf

der See, er ist in England verheiratet, er verdient nur gerade genug

für seine Familie und hat nichts übrig, um nach Hause zu schicken, ich

schreib' ihm jedesmal, ich könnt' ihm eher etwas schicken, wenn er

in Not sei. Dann fährt und fährt er auf der See, und über kurz oder

lang muß auch er sterben. Ja ja, kleiner Abel, den Weg müssen wir alle

gehen. Siehst du, Adolf war der jüngste, es ist achtzehn Jahre her,

seit er mit dem Schiff fortfuhr, und seither ist er nicht mehr daheim

gewesen. Achtzehn Jahre sind eine lange Zeit, das ist vor deiner Zeit

gewesen, er hat sogar seine Schiffskiste von deinem Vater gekauft. Er

fährt und fährt auf dem Meere, und zum Schluß muß man sich hinlegen! Es

ist sonderbar, wenn ich daran denke, er war so klein, als er hier in

der Schmiede bei uns herumkrabbelte, es ist mir gar nicht, als sei es

so lange her.”

Die Stimme des Schmieds versagt ein wenig, dann steht er auf, geht an

die Bank am Fenster und starrt durch die undurchsichtigen Scheiben

hinaus.

„Hm!” räuspert er sich und rafft sich zusammen. „Eigentlich sollte

ich die Scheiben einmal abwaschen,” scherzt er. „Oder was meinst du,

Abel? Es ist wohl vierzig Jahre her, seit sie das Tageslicht nicht mehr

gesehen haben.”

Er lacht und setzt sich wieder zu Abel. „Ja, ja, ja, wahrhaftig. Und

mein ältester Junge tat allerlei Arbeit ringsum im Lande. Er wollte

nichts Festes betreiben, sondern von einem Ort zum andern wandern;

auch das kann vielleicht ganz gut sein, aber ich weiß doch nicht. Er

ist nie daheim, nein, er ist recht eigen, er hat sich in den Kopf

gesetzt, er wolle nicht heimkommen, ehe er so viel Geld habe, um das

Haus auszubauen, damit wir in die Höhe kämen; der Junge ist da draußen

in der Fremde wohl immer noch verdrehter geworden. In die Höhe -- meint

er etwa, wir sollen fliegen? Ich möchte nur, ich könnte einmal nur eine

Stunde lang mit ihm reden. Aber seine Schwester, sie, die bei mir ist,

kommt ab und zu mit ihm zusammen, sie sind sehr gute Freunde, er spielt

ihr auf der Mundharmonika vor. Als kleiner Bursche war er ein Meister

auf der Mundharmonika, und jetzt soll er sogar noch besser spielen. Ist

es nicht sonderbar, wenn ich so an uns alle denke! Erst kürzlich ist er

mit seiner Schwester zusammen gewesen und hat ihr auf der Mundharmonika

vorgespielt; aber er war so bärtig, daß sie ihn fast nicht erkannt

hat, und er hatte auch schon einige graue Haare. Aber nein, er wollte

nicht heimkommen; ehe er ein Geldmann geworden sei, würden wir ihn

nicht zu sehen bekommen! Das ist doch eine Art Wahnsinn. Und dann kam

er doch eines Tages in die Schmiede herein, schlug mit dem Hammer und

trug Eisenstücke herbei und schwatzte mit sich selbst. Es ist noch

nicht lange her, ich glaube erst einige Jahre. Und wo immer du ihn auf

der Straße sahst, zog er seine Mundharmonika heraus und spielte ein

wenig. Und seine Mutter steckte ihm ja, so lange sie lebte, oft eine

besondere Portion Essen zu, weil er so in die Höhe schoß, und wenn er

ein neues Kleidungsstück bekam, dann streckte er uns sein Händchen hin

und bedankte sich. Hm!”

Der Schmied springt auf und macht sich zu schaffen: „Nein, das geht

nicht an! Bist du bereit, Abel? Hehe, ja wir sind tüchtige Gesellen!

So, nun zieh den Blasbalgen!”

Er scherzt und tut ganz lustig, aber er ist wohl eher alles andere,

alt und müde, rührselig, verbraucht. Er hatte keine Kräfte mehr; Abel,

der junge Kerl, konnte das doppelte Gewicht heben und den ganzen Tag

aushalten. Was dem Alten half, war sein Handgeschick, die Übung, die

Arbeit ging ihm leicht von der Hand; aber oft starrte er mit seinen

matten Augen auf ein schweres Stück und scheute sich, es in Angriff zu

nehmen.

O nein, er war sicher nicht lustig. Er hatte auch nicht die große

Freude an seinen Kindern, nicht an allen. Über eine seiner Töchter war

einstens viel geredet worden, jetzt war sie mit dem Kaspar verheiratet,

der wegen ihrer „Weitschweifigkeit” den Dienst als Matrose aufgeben

und auf der Werft Arbeit nehmen mußte. Jetzt war die Frau und das

Gerede über sie verstummt, aber vor vielen Jahren, während der Mann

draußen war, verließ sie ihr Haus und fuhr auch auf der See, fuhr frech

dahin, fuhr lustig fort. O, sie war eine leichte Haut -- der Mann und

vielleicht noch mehr der Vater wurden damals allgemein bemitleidet.

Und doch -- der Schmied Carlsen ist weit davon entfernt, ein trostloses

Leben zu führen, er ist zufrieden mit seinem Los. Am Abend dankt

er Gott für den vergangenen Tag, er ist verwundert, daß er so gut

vorübergegangen und nichts Schlimmes geschehen ist. Wie leicht

hätte ein Unglück passieren können! Nachher spaßt er wohl behaglich

und schnurrig mit seiner Tochter: „Ja, wir zwei Männer haben heute

wahrhaftig außerordentlich viel geleistet, aber was hast du getan? Ich

seh' nichts davon, daß du dich hier gerührt hättest, die Stühle stehen

noch ebenso heil, wie vorher.”

Sie lachen beide, und die Tochter sagt: „Aber ich hab' leider heute

zwei Teller zerbrochen.”

„Ist das etwas?” sagt der Vater. „Wär' ich's gewesen, na, da hätt' ich

ein Dutzend zusammengeschlagen.”

Wenn sie nun in so guter Laune sind, wagt es Abel aufs neue, zu fragen,

ob er wohl morgen wegbleiben könne, ob er überhaupt noch zu kommen

brauche? Aber da wird der alte Schmied ernst; er sieht den Jungen an

und meint fast, das sei das Schlimmste, was er je von ihm gehört habe:

ob er solche Eile habe, mitten in der strengsten Arbeit fortzugehen,

und wohin er denn wolle?

Abel wollte sich verheuern.

Verheuern? Jetzt, so spät im Sommer, wo es dem Winter zugehe? Im

Frühjahr sei die beste Zeit. Ob er nicht wenigstens noch einen Monat

bleiben könne? Denn jetzt hätten sie ja die vielen großen Arbeiten;

sie müßten Hauen und Minenbohrer für den Stadtingenieur machen, für

Konsul Heiberg zwei Türschlösser instand setzen, für Henriksens auf

der Werft eine neue Stahlfeder in den Kinderwagen einsetzen, für die

Buttermaschine in Konsul Johnsens Landhaus eine neue Achse drehen,

und für den Maler, der die Kirche malen sollte, alle möglichen Kloben

schmieden. Das sei für lange Zeit die Arbeit von vielen Gesellen.

Abel blieb.

O, aber die See, es fehlte nur noch, daß er sie vergaß! Sein Kamerad

Eduard, der nach den letzten Nachrichten in Südamerika war, der war nun

schon zwei Jahre auf der See, und hier war Abel noch auf dem Festlande

und stand in einer Schmiede! Nein, danke! Allerdings, ganz ohne Reiz

war es nicht; er wurde tüchtig und ordentlich rußig dabei, die Leute

konnten sehen, was er leistete, und es gab ihm ein gewisses Ansehen bei

den andern Jungen von seinem Alter, wenn er mit klirrenden Eisenstangen

auf der Schulter wie ein Erwachsener durch die Straßen schritt. Und

mußten nicht die kleinen Jungen sich vor seinen Eisenstangen in acht

nehmen und auf die Seite treten, um nicht aufgespießt zu werden?

Es war also gar nicht so schlimm. Dazu kam, daß Abel zu regelmäßigen

Zeiten nahrhaftes Essen bekam, er schlief regelmäßig, er wuchs fest

in einer besseren Lebensweise. War es nicht auch äußerst behaglich

in diesem Handwerkerheim, wo alles an seinem Platz war, der Fußboden

sauber, blühende Fuchsien am Fenster! Am Sonntag zog der Schmied einen

guten Anzug an und wanderte langsam in der Stadt und in Feld und

Wald umher. In die Kirche pflegte er nicht zu gehen, aber er war ein

redlicher, frommer Mann mit tausend Sünden, die er bereute, und tausend

Wohltaten Gottes, über die er sich freute. Alles war unverdient gut.

Eines Sonntags trifft ihn Abel auf der Straße. „Komm ein Stück mit!”

sagt der Meister. „Wohin willst du?”

O, Abel wollte nirgends hin, er trieb sich nur herum, er war einsam,

Klein-Lydia war ihm ganz aus dem Gesicht gekommen. Na, Glück auf die

Reise! Und jetzt hätte sie es so gut haben können, er wendete den Kopf

nicht mehr nach ihr um! Ihr Bruder Eduard war einmal sein guter Freund

gewesen, aber nun war wohl auch er hochmütig geworden, er schrieb

niemals ein Wort an Abel, und jetzt war er in Südamerika. Aber wo

sollte Abel dann an einem Sonntag hingehen? Daheim konnte er jedenfalls

nicht sitzen bleiben, sauber gewaschen, in seinem neuen Anzug und

mit einem blanken Messer in glänzender Scheide, das er sich gekauft

hatte; sein Bruder Frank war auf der höheren Schule und nie daheim,

und Oliver, sein Vater, war zwischen die Scheren hinausgerudert, was

er ohne Ausnahme an allen Sonntagen tat; er ließ nicht davon ab, auf

Abenteuer auszugehen. Nein, Abel wollte nirgends hin. Aber er kannte im

Ödland einen guten Platz, wo es Kreuzottern gab, und nun war er wohl

auf dem Wege dahin, um einige zu erlegen. Älter war er nicht, ein Junge

war er noch immer.

Oder hatte er auf den Schmied gewartet? Es müßte denn sein, damit ihn

gewisse Leute in geachteter Gesellschaft sehen sollten. Wenn sie am

Stubenfenster saß, und er ging mit dem Meister vorbei, so schadete das

gar nichts. Aber sie konnte es dabei genau so halten, wie sie selbst

wollte -- wie heißt sie nur gleich? Klein-Lydia -- na, jedenfalls ging

er ganz wie ein Schmiedsgeselle und unentbehrlich für Carlsen vorüber

...

Als sie Fischer Jörgens Haus hinter sich haben, merkt der Schmied

allmählich, daß er ganz allein spricht und Abel ihm nicht antwortet.

Der Schmied hatte zwar nicht mit einem blitzschnellen Seitenblick nach

einem gewissen Fenster etwas entdeckt und dadurch heftiges Herzklopfen

bekommen, aber er fühlt, daß er für Abel ein zu alter Gefährte ist.

Lächelnd sagt er: „Ja, jetzt danke ich dir für die Begleitung, Abel,

ich muß diesen Weg hier einschlagen.”

Abel geht nach den Kreuzottern. Auf einem steinigen Abhang pflegten

viele zu sein; sie lagen da auf dem Geröll und sonnten sich in aller

Behaglichkeit, Abel und andere Jungen hatten im Lauf der Jahre gar oft

Jagd auf sie gemacht. Mit dieser Jagd war Gefahr und Ehre verbunden; in

den Schultagen stand man in großem Ansehen dafür.

Als er in die Nähe des Abhangs kommt, hört er lautes Rufen und Geschrei

von anderen Jungen, die schon vor ihm dort sind; da geht er nicht

weiter. Nein, denn das sind natürlich noch Kinder, achtjährige,

und die sind so dumm. Verständige Leute schreien nicht auf der

Kreuzotterjagd, sondern halten den Atem an und treten so sachte auf wie

auf Rosenblätter.

Was jetzt? Jenseits des Hügels weiß er einen Platz, wo ein gutes Echo

ist, dorthin lenkt er seine Schritte; ein Junge ist er eben doch noch.

Hier ist es still und abgelegen und keine Menschenseele weit und

breit. Er ruft -- ja, das Echo ist da. Aber eigentlich ist er mit viel

wichtigeren Dingen beschäftigt, als ein Echo zu probieren, er wirft

sich ins Heidekraut und lebt in Gedanken den Vorgang bei einem gewissen

Fenster noch einmal durch. Na, was hatte er im großen und ganzen mit

diesem Einfall erreicht? Das Messer mit der neusilbernen Scheide hing

auf der richtigen Seite und glänzte sehr schön, aber hatte sie es auch

gesehen? Und außerdem hätte die Gestalt hinter den Scheiben gut eine

von ihren Schwestern und nicht sie selbst sein können. Nichts war

entschieden.

Abel bleibt lange liegen und erlebt das Vorkommnis wieder und wieder;

er überlegt alle Möglichkeiten, bisweilen droht sein Herz auszusetzen,

so heftig klopft es vor lauter Glück, bald kriecht er zusammen vor

Entzücken, bisweilen ist er hoffnungslos, und dann richtet er sich

trotzig auf mit einem lauten: „Na, Glück auf die Reise!”

„Reise!” äfft das Echo nach.

Er ruft: „Jawohl, Glück auf die Reise!”

„Auf die Reise!” erwidert das Echo.

Er ruft deutlicher und lauter, er buchstabiert es dem Echo vor und

bringt es dazu, jedes einzelne Wort zu sagen. Das beschäftigt ihn eine

Weile; aber ins Endlose kann er sich ja nicht mit diesem Papagei in

den Bergen unterhalten, dagegen versinkt er in Gedanken über das Echo

selbst, dieser Sprache ohne Mund, diesem Laut ohne Stimmwerk, dieser

Bauchrednerei aus einem Scheinbauch, der sich vielleicht jenseits der

Grenzen des Lebens befindet. Abel hat sich daran gewöhnt, das, was ihm

selbst begegnet, sowie auch das, was ihm auf seinem Wege begegnet,

einer notdürftigen Untersuchung zu unterwerfen; niemand hat es ihn

gelehrt, niemand seine Überlegung dazu entwickelt, nur er selbst.

O, er verbrachte wahrlich manche behagliche Stunde in seiner eigenen

Gesellschaft! Früher wandte er sich wohl an seinen Vater und fragte

ihn nach den erstaunlichsten Dingen, und Oliver war nicht der Mann,

der einer Untersuchung solcher Fragen aus dem Wege ging, denn er war

ja weit in der Welt herumgekommen. Aber in der letzten Zeit, und

besonders, seit seine unglückliche Neigung zu Klein-Lydia übermächtig

in Abel geworden war, suchte er lieber die Einsamkeit auf und schlug

sich mit den Fragen allein herum. Der Schmied Carlsen hatte auch auf

ihn eingewirkt, des alten Mannes weise Einfalt und Milde tat ihm gut,

und seine Fröhlichkeit ermunterte ihn.

„Bumm!” ruft Abel wie ein Schuß.

„Bumm!” antwortet das Echo.

Eine ganz kurze, dröhnende Antwort, es klang wie ein ferner Knall.

Es ist merkwürdig, Abel plagt sich ordentlich mit der Aufgabe, ja,

sie dreht sich tüchtig mit ihm im Kreise herum; das soll der Kuckuck

verstehen! Abel ist von Rätseln und unbegreiflichen Vorgängen umgeben;

da ist er ausgegangen, Kreuzottern aufzuspüren, und ganz richtig,

dann hört er zum Beispiel ein Echo. Auch dieses Zurücktönen ist

unbegreiflich und geheimnisvoll, auch darüber könnte er bis zum Abend

nachgrübeln. O, er kann grübeln! Das ist nicht eine Art Eßlust oder ein

Negersport oder ein Versuch, Geld zu verdienen, Gott bewahre! Aber was

es nun auch sein mag, Klein-Lydia versteht jedenfalls nichts davon,

sie sitzt jetzt wohl daheim und schaut durchs Fenster hinaus, aber sie

sollte nur wissen, wie dumm sie ist! Er sieht große Ebenen mit Vieh

darauf, sieht Berge, Wälder, Meere, Unendlichkeiten, Jahrhunderte. --

Hat er geschlafen?

Er richtet sich auf, räuspert sich, gähnt, schlägt mit den Armen um

sich und reckt sich. In demselben Augenblick hängt etwas baumelnd zu

seinem Jackenärmel heraus, ein dunkles Tauende mit einem aufgesperrten

Maul, ein langes Tier, das sich blitzschnell ins Heidekraut

hineinschlängelt. Ho -- hier schreit man nicht und rafft die Kleider

zusammen vor Mäusen, man ist in einer Sekunde auf den Beinen und hinter

dem Ausreißer her, findet ihn, tritt ihn nieder, zerschmettert ihm den

Kopf. Getan!

O, aber wer hat es gesehen? Der Himmel und die Erde, niemand. Die Tat

ist umsonst getan.

Er hebt das Tier am Schwanz auf und nimmt es mit, er will es unterwegs

einem Ameisenhaufen zum Geschenk machen. Es ist ein prachtvolles

Exemplar, gestreift, auf dem Rücken gekreuzt, eine Schönheit, o, so

ekelhaft! Er findet keinen Ameisenhaufen, und so schleift er das tote

Biest weiter mit, es begegnen ihm auch keine Menschen, nicht einmal ein

Kind.

Die Weiber am Brunnen: Roman · 第 14 / 35 段