Bei Konsul Olsen zu sein und zu malen, erwies sich als ein schöner,

guter Aufenthalt; die beiden Künstler hatten es noch nie besser gehabt

mit Frühstückswein und Kuchen und Nachmittagskaffee mit Sahnewaffeln.

Dazu waren die „Mädel”, die beiden jungen Töchter, überaus gesund

und lustig, geradezu zum Anbeißen. Der Tünchersohn verliebte sich in

alle beide, aber er richtete nichts aus, so leicht war es nun doch

nicht, Eingang bei Konsul Olsen zu bekommen; wäre es wenigstens der

Hardesvogtsohn gewesen! Die Mädchen waren schon recht, sie zierten sich

vielleicht ein wenig und sprachen etwas feiner, als sie es gewohnt

waren, aber sie waren verflixt hübsche Mädchen und junge Mädchen,

nichts fehlte ihnen, es müßte denn sein, daß sie zuviel von allem

hatten, sogar auch von Körpergröße, sogar von üppigem aschblondem Haar

und etwas zu vollen Lippen. Ihre Mängel lagen im Übermaß; sie wackelten

auch ein wenig, wenn sie gingen.

Frau Olsen mußte verleumdet worden sein, sie war eine liebenswürdige

Dame, gutherzig bis zur Rührseligkeit, mütterlich, mit freundlichen

Augen und einer zurückweichenden Stirne. Ihre ganze Fürsorge gehörte

ihren Töchtern, sie sollten vornehm und glücklich werden. Wie sehr

liebte sie diese Töchter, sie ließ sie tun, was sie wollten, ließ sie

heranwachsen zu Unnützlichkeit und Ungezogenheit, als Zierpuppen und

Hohlköpfe.

Nein, Frau Olsen war es sicher nicht gewesen, die verlangt hatte,

gemalt zu werden, sie wehrte sich jeden Tag dagegen und wollte

die Töchter statt ihrer gemalt haben, beide auf einem Bilde, ein

Doppelporträt. Konsul Olsen mußte seine Frau jedesmal überreden, ruhig

zu sitzen. -- „Hörst du, Henriette, nachdem nun einmal angefangen ist.

Das Doppelporträt kommt später dran!”

So saß denn das Opferlamm in Seide, mit vielen Ringen und der Uhrkette

geschmückt, und war dem Manne willfährig.

Bei ihm selbst ging's mit mehr Prunk und Gepränge; er war vom

Kleinstadtreichtum wohlbeleibt geworden, ein Emporkömmling, ein

glücklicher Spekulant. Es machte ihm Spaß, Gassenhauer zu singen

und Fratzen zu schneiden und dann plötzlich wieder eine gute Weile

ganz würdig und schweigsam dazusitzen und nur zu nicken oder den

Kopf zu schütteln. Er gab sich das Aussehen, als hätte er große

Geschäftsangelegenheiten zu überdenken. „Still,” sagte Frau Olsen,

„laßt den Vater nun in Ruhe, Mädchen!”

Und der Vater war lieb und gutmütig und sehr eitel, er sah es gerne,

daß es still um ihn her war, wenn er an große Geschäfte dachte.

„Richtig!” sagte der Maler, „da haben wir gerade den rechten Ausdruck,

das ist großartig, der feste Mund, die Klugheit. Bleiben Sie nun so

sitzen, Herr Konsul,” sagte er, wie wenn er photographieren sollte.

Und Konsul Olsen gab sich aus Eitelkeit Mühe, sich mit einem großen

Kornhandel in Argentinien zu beschäftigen, anstatt zu singen und den

festen Mund durch Grimassenschneiden zu verunstalten.

Das Porträt versprach ganz besonders gut zu werden, und der Maler, der

Tünchersohn, bat, es in Christiania ausstellen zu dürfen. Bitte, ja,

jawohl!

Der Konsul selbst verabscheute zwar, ausgestellt zu werden, aber wenn

es für den Maler von Nutzen sein konnte, dann --! Er wollte sich gerne

dem jungen Künstler entgegenkommend zeigen, alle in der Familie zeigten

sich entgegenkommend, auch die Töchter, aber sie verliebten sich nicht

in ihn. Da schien sein Kollege, der die Frau Konsul malte, bessere

Aussichten zu haben, o, aber auch er wurde eines Tages ordentlich

geprellt! Das mußten ein paar eigene Damen sein, sie waren aus einem

Kaufmannshaus und wollten wohl am liebsten im Kaufmannsstande bleiben;

sie nannten deshalb auch sehr oft Scheldrup Johnsen. Komische Mädchen

also und vielleicht nicht besonders aufgeweckt. Oder wie? Eines Tages,

als der Hardesvogtsohn ihr Porträt angefangen hatte, schwänzten sie

einfach mir nix dir nix die Sitzung. Als Entschuldigung gaben sie an,

daß sie ganz unerwartet Scheldrup Johnsen auf der Straße getroffen, bei

ihm stehen geblieben seien und mit ihm geplaudert hätten; er sei zu

kurzem Aufenthalt zu Hause.

Als ob das eine Entschuldigung wäre! Der Maler empfand es als einen

Betrug -- eine Beleidigung.

15

Scheldrup Johnsen war unerwartet heimgekommen und mußte auch ebenso

unerwartet wieder abreisen.

Er nahm des Vaters Geschäftsführer Berntsen mit sich und ging in

des Doktors Sprechzimmer, grüßte kurz und tat folgende Fragen:

„Was bedeuten die Briefe, die Sie mir geschickt haben? Ich bin

hierhergekommen, um es zu erfahren.”

Der Doktor sagte überrumpelt und halb lächelnd: „Die Briefe? O die --”

„An einem Tage schreiben Sie mir, es sei ein neues braunäugiges

Exemplar von einem Kind auf die Welt gekommen, ein paar Tage später,

die Mutter sei tot.”

„Ja.”

„Ja. Ich will wissen, warum Sie mich von diesem Ereignis in Kenntnis

gesetzt haben.”

„Können wir nicht allein sein?” fragte der Doktor in zahmem Tone.

„Nein, ich will einen Zeugen gegen Sie haben,” erwiderte Scheldrup.

„Aber was ich sagen will, eignet sich nicht für fremde Ohren.”

„Aber dann weiß ich, was sich für die Ihrigen eignet,” sagt Scheldrup

und tritt ein paar Schritte näher. Der Doktor weicht zurück, sein

Mund bebt, und er sagt: „Nein, warten Sie ein wenig, ich merke, daß

ich mich getäuscht habe, und ich bitte um Entschuldigung. Ich tat es,

ich täuschte mich also, in Ihnen und noch jemand, entschuldigen Sie!

Eigentlich war es nicht so schlimm gemeint.”

„Eigentlich sollte ich Sie einfach durchprügeln,” sagt Scheldrup mit

zornbebender Stimme. „Sie sind ein Verleumder, ein -- --”

„Warten Sie ein wenig, lassen Sie mich -- --”

„Ein Halunke, eine abscheuliche Klatschbase! Ja, ich sollte Ihnen den

Kopf waschen.”

Der Doktor hat sich etwas gefaßt: „Warten Sie ein wenig, ich habe

Fragezeichen gemacht, erinnern Sie sich? Eigentlich wollte ich Sie der

Wissenschaft wegen etwas fragen, meiner eigenen Wissenschaft wegen.

Haben Sie die Briefe bei sich?”

„Hätte ich sie bei mir, dann würde ich Sie zwingen, sie zu zerkauen und

zu verschlucken.”

„Nein, nein, nein, wir wollen darüber reden, ruhig darüber reden, nicht

wahr? Ich bitte Sie um Entschuldigung, es war der Wissenschaft wegen,

ich glaubte, ich könnte es tun, wir kennen ja einander. Erinnern Sie

sich nicht, daß ich gefragt habe, daß ich Fragezeichen setzte? Es ist

nämlich ein unsicherer Punkt in der Wissenschaft --”

Scheldrup ist wütend, er wird immer ausfälliger, maßlos, sein Auftreten

verliert dadurch und wird gewöhnlich. „Die Wissenschaft und Ihr

Geschwätz! Sie sind überdies ein Kujon, ein Hasenfuß, jetzt wollen Sie

Ihren Brief wegschwatzen, ich könnte Sie anspucken.”

Der Doktor hatte sich indessen noch mehr gefaßt: „Seien Sie nicht so

wütend, das Ganze ist das gar nicht wert, durchaus nicht. Es ist auch

nicht klug, ich bitte Sie um Entschuldigung.”

„Was meinen Sie damit, es sei nicht klug?”

„Wenn wir allein wären, würde ich es sagen. Es ist nicht klug, es kann

sich rächen.”

„Ich kümmere mich den Teufel um Ihre Rache, verstehen Sie!” ruft

Scheldrup.

„Ich bitte Sie um Entschuldigung!” wiederholt der Doktor.

Aber diese lauten Stimmen in dem sonst so stillen Zimmer erregen

Aufmerksamkeit im Hause, sie rufen die Hausfrau herbei und zwingen

Scheldrup, sich stumm zu verbeugen und mit seinem Begleiter fortzugehen.

Eine Entschuldigung war also das ganze Ergebnis einer Reise von Havre

her, ein paar leere Worte! Am Abend dachte Scheldrup an einen neuen

Besuch beim Doktor, und er sprach auch mit Berntsen darüber, bekam aber

den Rat, beizeiten aufzuhören, der Doktor habe genug bekommen, habe

übergenug bekommen. O Konsul Johnsens ausgezeichneter Geschäftsführer,

er gab gute Ratschläge, er wußte, was er tat, und dachte an mehr, als

nur an eine Seite einer Sache; es ist auch gar nicht unmöglich, daß er

dort im Sprechzimmer recht gut verstand, worauf der Doktor jedesmal

anspielte. Was war übrigens da zu verstehen? Nichts, Klatschereien.

Scheldrup solle seiner selbst und seiner ganzen Familie wegen darüber

schweigen.

„Nein, lassen Sie es nun gut sein, Sie haben ihm schon einen tödlichen

Schrecken eingejagt, mehr kann er nicht ertragen,” sagte Berntsen.

Scheldrup beruhigte sich. Sein Zorn hatte sich gelegt, er wollte sich

mit der Entschuldigung begnügen. Es war auch so eine Sache mit einer

Backpfeife, er hatte selbst vor vielen Jahren eine bekommen, die ihm

nicht zur Ehre gereichte, jene schändliche Backpfeife von Petra, er

konnte nicht für ewige Zeiten Backpfeifen auf sich sitzen lassen.

Am nächsten Morgen in aller Frühe begab sich Scheldrup wieder an Bord

und reiste zurück nach Havre.

Und da geriet der Doktor wieder in eine nette Klemme.

Da war er ja hinunter zum Postschiff gegangen, und zwar am frühen

Morgen wie so viele andere, er hatte viel ausgestanden und wollte sich

ein wenig erfrischen -- aber das wurde eine verflixte Erfrischung!

Hätte er sich denken können, daß Scheldrup so bald wieder abreisen

würde, er, der sonst wochenlange Ferien daheim zubrachte! Da kam

er gerade auf das Bollwerk zu in Begleitung von Vater, Mutter und

Schwester und von zwei fremden Malern. Sollte der Doktor grüßen? Zuerst

grüßen? Gewiß, es waren ja Damen dabei. Er stand peinlich weit zurück,

aber grüßte also, und als er das getan hatte, ging er noch weiter

abseits.

Aber plötzlich schien der Zorn in Scheldrup wieder aufzukochen, und er

ging dem Doktor nach. Er hielt des Doktors Gegenwart hier für Trotz,

für Frechheit. Und was nun? Er geht dem Doktor weiter nach und wie um

ihm direkt unter die Augen zu treten, aber ohne ihn selbst anzusehen,

o, nicht mit einem Blick! Will er ihn umrennen, ihn ins Wasser

hineintreiben? Jetzt sind nur noch vier Schritt frei zwischen ihnen.

Doch da taucht plötzlich der merkwürdige Geschäftsführer Berntsen

mitten zwischen den beiden Herren auf, und sagt zu Scheldrup: „Sehen

Sie, das haben Sie wohl vergessen!” Damit zieht er Scheldrup ein paar

Schritte mit sich fort und übergibt ihm etwas, Gott mag wissen, was es

ist, vielleicht ein Plunder. Aber von da an ist Berntsen am Bollwerk

sehr in Anspruch genommen, er ist überall und doch immer an Scheldrups

Seite. „Ich sehe mich hier nach einem Teil Waren um,” sagt er, „wir

erwarten gewisse Waren.” Ja, sogar als Scheldrup über den Landungssteg

an Bord geht, folgt ihm Berntsen, um sich auf dem Schiff nach den Waren

zu erkundigen.

Scheldrup steht an der Reling und spricht gedämpft mit seiner Familie

auf dem Bollwerk. Und diese Familie steht nun da, über die Maßen

verwundert, sowohl über sein Kommen als auch über die rasche Abreise.

Der Vater war mit keinem Wort in ihn gedrungen, und für Mutter und

Schwester hatte er nur die eine Antwort gehabt: „Geschäfte!” Aber alle

waren im unklaren.

Während nun Scheldrup da an der Reling steht, deutet er plötzlich auf

den Doktor drüben am Land und ruft Berntsen laut und deutlich zu:

„Hören Sie, Berntsen, ich hätte nun doch eigentlich den Kerl dort

durchwalken sollen! Er hat es gewagt, hierherzukommen!”

Stille. Nur eine einzelne Stimme wird am Bollwerk laut. „Was beim Satan

-- was hat er gemeint? --” Das war Olaus vom Wiesenrain, er witterte

Hallo!

„Und wenn Sie wieder in Havre sind, vergessen Sie nicht, uns Stoffe

zu senden,” erwiderte Berntsen sofort; „Baumwollstoffe in passenden

Mustern, wohl einhalbhundert Stücke.”

„Ja.”

„Wollen Sie es nicht aufschreiben?”

Scheldrup kann nicht anders, als sein Buch herausziehen und es

aufschreiben.

Dann fängt das Schiff an, sich zu bewegen, und Berntsen springt an Land.

Der Doktor stand da, wie wenn ihn der Schlag getroffen hätte,

schwankend, mit ausdruckslosem Gesicht. Das dauerte einen Augenblick,

dann richtete er sich auf, streckte die Brust heraus und ging davon.

O, es war nicht wahrscheinlich, daß er sich in den Hohn des jungen

Krämers auf dem öffentlichen Bollwerk finden würde!

Alles in allem hatte der Doktor in der letzten Zeit gar manchen Ärger

gehabt, aber als er nun das Bollwerk verließ, sah er aus, als habe er

sich vorgenommen, alles zu ertragen. Olaus vom Wiesenrain sah ihm nach

und sprach sich über seine Hochnäsigkeit aus.

In diesem Augenblick kamen die beiden Fräulein Olsen eiligen Laufes

daher; sie waren sehr hübsch und jung und atemlos. „Ach, nun sind wir

zu spät gekommen,” sagten sie. „War heute etwas Interessantes an Bord?

Warum seid ihr denn alle hier, warum winkt ihr nach dem Boot hin, Fia?”

O, sie wußten es wohl; die Fräulein Olsen hatten es wohl am frühen

Morgen im Bett gehört und waren eilends in ihre Kleider gefahren, waren

aber doch zu spät gekommen.

„Scheldrup ist wieder abgereist,” sagt Fia.

„Scheldrup -- was du nicht sagst! Schon? Ei, wirklich?”

Mehr wagten sie wohl nicht zu sagen, sie zogen sich mit den beiden

Malern zurück und gingen heim zur Sitzung.

Sie holten den Doktor ein, der stehen geblieben war und mit dem

Rechtsanwalt Fredriksen sprach. „Na,” rief der Doktor den jungen

Mädchen zu, „sind Sie zum Abschied zu spät gekommen?” Ha, der Doktor

war nun gerettet, er war nicht mehr in Gefahr, und so hatte er seine

Überlegenheit wiedergefunden.

„Abschied? Welcher Abschied?” fragten die Fräulein Olsen, gingen aber

gleich weiter.

Der Doktor sah ihnen spöttisch nach und wendete sich wieder dem

Rechtsanwalt zu: „Wir wurden unterbrochen. Können Sie mir keine

Auskunft auf meine Frage geben?”

„Nein, nicht ohne weiteres.”

„So?” sagt der Doktor. „Aber es ist doch eine Sache der bürgerlichen

Gesellschaft.”

„O ja. Aber es ist auch eine sehr private Sache.”

Der Doktor lächelt anzüglich. „Ich glaubte, daß Sie als

Gesetzeskundiger, der nun mit Gottes und guter Menschen Hilfe

vielleicht Gesetzgeber wird, gegen ein soziales Übel Rat schaffen

könnten.”

„Vermehrte Geburten in einem Lande werden nun eigentlich nicht zu

sozialen Übeln gerechnet,” versetzt der Rechtsanwalt.

„Da haben wir es wieder! Das ist des Postmeisters Elegie über die

Nachkommenschaft!”

„Nein, da tu' ich nicht mit.”

„Ich rechne sie zu den Übeln. Im übrigen aber ist hier die Rede davon,

daß ein bestimmter Mann die Stadt mit seiner braunäugigen illegitimen

Brut füllt.”

„Sagen Sie das?”

„Und ich weiß es.”

„Es ist sehr schwer, so etwas zu beweisen.”

„Allerdings, besonders wenn die Zeugen sterben. Aber dann kann

vielleicht die Wissenschaft eintreten. Die sachkundige Wissenschaft ist

ein unwiderlegbarer Zeuge.”

„Sagen Sie das auch?”

O, das war etwas zu keck gesagt vom Rechtsanwalt, er hätte den Löwen

nicht reizen sollen. Überrascht fragt der Doktor: „Zweifeln Sie an der

Wissenschaft? Legen Sie sich auf diesem Standpunkt fest?”

Der Rechtsanwalt, der Volksredner dachte wohl so: Er sagt absichtlich,

ich lege mich auf meinen Standpunkt fest, das war schlau gesagt. Es

blieb ihm nichts anderes übrig, als etwas von dem schweren Ernst dieser

Unterredung wegzunehmen. „Nein, Sie mißverstehen mich. Die Wissenschaft

natürlich! Aber nun hören Sie, Herr Doktor: braunäugige Kinder sind ja

hübsche Kinder. Wenn es so ist, wie Sie sagen, dann muß der Vater ein

tüchtiger Mann sein und Übung darin haben, ein guter Stammvater also.

Unsere liberale Zeit --”

„Wollen Sie Ihren Spaß mit mir treiben?” fragt der Doktor. „Guten

Morgen, Herr Rechtsanwalt!”

O, er hätte laut hinausschreien, hätte platzen mögen! Alles und

alle waren gegen ihn. So ein Rechtsanwalt auch, er war borstig und

unrasiert, o, so demokratisch, und dann hatte er sich eine Feder auf

den Hut gesteckt wie zu einer Alpenbesteigung. Schöner Jüngling das!

Alle diese Ärgerlichkeiten machten den Doktor allmählich ungeduldig,

sollte er nicht aufstehen und sie lehren, ja, dieses Pack lehren!

Natürlich war seine Stellung trotzdem fest, aber man war jetzt gerade

nicht besonders ehrerbietig gegen ihn, ganz und gar nicht ehrerbietig.

Hätte er nicht gegen die meisten Leute eine große Verachtung im Busen

getragen, dann würde er sich ab und zu umgedreht und gefragt haben, was

zum Kuckuck sie denn zu grinsen hätten, wenn er vorüberging?

Und da hatte ihm nun Konsul Johnsen in der letzten Woche eine lange

Rechnung geschickt, der Johnsen am Landungsplatz, der Krämerpapa.

Ja, er sollte sein Geld haben, sollte sobald wie möglich alle seine

Groschen bekommen, bitte hier, in den allernächsten Tagen. Haha, der

Doktor mußte lachen; er wollte das Geld durch die Post schicken, daß es

alle sahen; wäre das nicht ein Streich! Und von diesem Tag und dieser

Stunde an sollten alle Einkäufe in diesem Geschäft, in dieser Kneipe

aufhören. Es war ja ein Ort, wo ein gewisser geachteter Bürger der

Stadt nicht einmal sein ehrliches Gewicht beim Mehlkaufen bekam.

Plötzlich bekommt er eine Eingebung; er will mit dem Schreiner Mattis

sprechen und etwas Näheres über den berühmten Mehleinkauf hören. Er

sieht auf seine Uhr. Doch, es geht noch.

Einen so großen und vornehmen Besuch hatte der Schreiner Mattis nicht

in seiner Werkstatt erwartet, und er führte den Doktor sofort in die

Stube hinein. Sie ließen sich zwischen Sesseln und Schaukelstühlen und

Etageren und Tischen mit dicken Plüschdecken nieder. Über dem Tisch

in der Mitte hing die Hängelampe bis auf die Platte herunter, an den

Wänden hingen Photographien von ausgewanderten Verwandten und ein Bild

des Landtags vom Jahr 1884. Die Laubkränze auf dem Ofenkranz waren so

trocken wie Papier. Es war eng und stickig in dem kleinen, überfüllten

Raume, und eine Unterhaltung kam auch nicht recht in Gang. Mattis

schien ganz anders geworden zu sein als früher, ganz und gar nicht

aufgelegt.

Der Doktor sagte, er habe einen Wandschirm, der geleimt werden müsse.

Jawohl, der Schreiner würde ihn durch den Lehrjungen holen lassen.

„Der Wandschirm hat eines Tages bei offener Tür und offenen Fenstern

im Zug gestanden, da warf ihn der Wind um, und da ging er natürlich

entzwei.”

„Ja, das ist bald geschehen.”

„Aber es sollte nicht so sein, durchaus nicht. Es hätte kein Zug sein

sollen. Die dummen Mägde sind schuld daran. Wie steht es bei Ihnen,

Mattis? Ihr Haus wird vielleicht gut versorgt, aber Dienstmädchen sind

eben Dienstmädchen.”

Mattis, plötzlich lebhaft, plötzlich hitzig, schüttelt mehrere Male

heftig den Kopf, das konnte alles mögliche bedeuten, nur nicht ja. „Es

ist alles gut versorgt worden, aber nun muß sie fort.”

„Muß sie fort? Warum denn?”

„Ich will nicht darüber reden. Die Frauenzimmer sind verrückt.”

„Wie heißt sie nur gleich?”

„Maren Salt. Schon recht alt, vielleicht fünfzig Jahre, aber trotzdem

verrückt. Ach, was ist das jetzt für eine Zeit! Sie blasen die Nüstern

auf wie junge Fohlen.”

„Es wird bei Ihnen schon wieder in Ordnung kommen.”

„In Ordnung kommen? Da soll der Teufel in Ordnung kommen!” gibt der

Schreiner erregt kund. „Es ist verbrieft und versiegelt,” fügt er hinzu.

Der Doktor will wieder gehen. Diese häuslichen Verhältnisse in einem

Arbeiterheim interessierten den Akademiker nicht, und er fühlte sich

durch die Ungezwungenheit des Schreiners gekränkt, sie waren keine

Gleichgestellten. Aber er hatte ein Anliegen.

„Hört, Mattis,” sagt er, „haben Sie nicht bei Johnsen am Landungsplatz

einmal falsches Gewicht bekommen?”

„Was?”

„Ich frage, weil andere auch dort dieses und jenes erfahren haben

können.”

„Nein,” antwortete Mattis kurz und schüttelte den Kopf.

„Nein, sagen Sie?”

„Es war nicht beim Konsul, es war im Lagerhaus.”

„Ist Ihnen wirklich im Lagerhaus Ihr Mehl nicht richtig gewogen worden?”

„Der Oliver hat's getan. Kein anderer als der Oliver ist's gewesen. Ich

versteh' aber nicht, warum Sie danach fragen; Sie müssen entschuldigen,

Herr Doktor.”

„Wann wollen Sie den Wandschirm holen?” fragt der Doktor, indem er

aufsteht.

„Sogleich. Augenblicklich. Und er kann morgen schon trocken sein. Ja,

ich mache ihn gern zurecht. Bitte, diesen Weg, Herr Doktor!”

Vergebliche Mühe. Da geht nun dieser Mann denselben Weg zurück,

den er gekommen war, der Doktor des Städtchens, eine wichtige

Persönlichkeit, eine Autorität, da geht er mit enttäuschter Miene

wegen einer Kleinigkeit, wegen nichts. Auch er hatte wohl einstmals

junge Träume gehabt, hatte viel vom Leben erhofft, hatte sich schon

auf den höchsten Zinnen gedacht, damals war seine Haut zart, sein Blut

rot gewesen, er war verliebt gewesen, konnte lächeln -- wo war das

alles jetzt? Das Leben -- das Leben hatte sich darauf gestürzt und

es verzehrt! Er war mehr und mehr in kleinen Ärgernissen und kleinen

Interessen aufgegangen, Jahr um Jahr war er runzliger und boshafter

geworden; allein mit seiner Frau bei allen Mahlzeiten, in einem leeren

Hause, ohne Familie, ohne Kinder, allein mit seiner Gelehrsamkeit und

seinem eigenen Mißerfolg, neugierig, klatschsüchtig und kleinlich.

Auch er hatte wohl einmal junge Träume gehabt, das war nun lange her,

jetzt war er gerupft, was ihm von früher noch geblieben war, war der

Jargon seiner Studentenbude, deren Radikalismus, deren Freidenkerei,

deren ungewaschene Schlagfertigkeit, aber ohne eine Spur mehr von der

Schönheit und Innerlichkeit der Jugend, ja selbst nicht von deren

Fehlern. Er war ausgeartet, sein Sinn war verändert, und es war ihm

schlimm gegangen, er war niemand mehr. Seht, nun sollte er ordentlich

sparen, um die Rechnung bei Johnsen zu bezahlen. Dann wollte er mit

einem andern Kaufmann in Verbindung treten und dort anschreiben lassen,

vielleicht bei Davidsen, ja gerade bei Davidsen, der ein neugebackener

Konsul war und die Kundschaft besserer Leute brauchte. Ein Plan, ein

Vorsatz, würdig einer Hausfrau in Verlegenheit!

Er geht und findet seine Frau nicht zu Hause, dann geht er ins

Schlafzimmer und findet den Wandschirm ganz. Na, da hatte ihm also

das Umwerfen nichts getan, warum hatte er dann gescholten? Eine recht

traurige, bittere Enttäuschung überkommt ihn auch hier und zugleich

ein so rasender Zorn, daß er den Wandschirm umwirft und darauf

herumtrampelt. Nun mag der Schreinerlehrling kommen! Nein, nicht eine

einzige Befriedigung hatte er in seinem Leben, nicht eine einzige

goldene Freude. In zwanzig Jahren, in zehn Jahren war er tot, und in

derselben Stunde war er vergessen.

Er geht wieder aus, das Sprechzimmer soll für sich selbst sorgen. Da

kommt ihm natürlich der arme Postmeister entgegen, wie gewöhnlich leise

mit sich selbst sprechend, der Doktor bringt es kaum fertig, den Hut zu

lüften, und geht an ihm vorüber.

Und nun trifft er Henriksen von der Werft -- seht nun bloß, wie klein

die Stadt und wie klein auch die Menschen sind, sie haben so gut Platz

hintereinander in derselben Straße, einer sieht dem andern schon von

hinten an, was er denkt. Den Henriksen muß der Doktor grüßen, das geht

nicht anders, der Witwer erwartet es sicher von ihm, und der Doktor

hätte, wenn es anders gegangen wäre, seine Rechnung bei Henriksen

erhöhen können. Um die Wahrheit zu sagen, so war es gerade dieses

Honorar, das den größten Teil der Rechnung bei Johnsen hätte decken

sollen. Aber jetzt war Frau Henriksen tot, der Patient war gestorben,

das war ein schändliches Mißgeschick, ein Schlag.

„Geht es sonst gut bei Ihnen, ist das Neugeborene gesund?” fragt der

Doktor.

„Ja, Gott sei Dank, er ist gesund, er ist großartig.”

Der Doktor versteht, daß der Besitz dieses Kindes Henriksens Schmerz

etwas besänftigt; er ist Witwer geworden, jawohl, aber seine Frau hat

ihm zu seinem Trost diesen prächtigen kleinen Jungen hinterlassen.

Henriksen ist nicht ganz zu Boden geschlagen, nicht zerschmettert, und

der Doktor kann doch noch Hoffnung auf sein Honorar haben.

„Ich gehe mit Ihnen und sehe nach dem Kinde,” sagt er.

„O ja, wenn Sie das wollten, Herr Doktor,” versetzt Henriksen froh und

dankbar.

„Das tu' ich, ich stehle dem Sprechzimmer eine halbe Stunde und gehe

mit Ihnen. Und Sie selbst, Henriksen, geht es Ihnen gut?”

„O ja, danke, Herr Doktor. Ja, es fehlt mir nichts.”

„Natürlich, wie ein Fels! Hat Ihre Frau nichts gesagt, bevor sie starb?

Hatte sie nicht noch irgend etwas Intimes mit Ihnen zu besprechen? Das

ist doch meist so.”

„Nein,” antwortet Henriksen und schüttelt den Kopf. „Sie meinen, ob

sie mich gebeten habe, für die Kinder zu sorgen, für den Kleinen zu

sorgen? Nein.”

„Wenn die Menschen sterben, haben sie einen Drang, für dies und jenes

um Verzeihung zu bitten, sie können im geheimen etwas Unrechtes getan

haben, einen Fehltritt oder so etwas. Sterbende haben mich bisweilen

gebeten, ihre Bitten zu übermitteln.”

Die Weiber am Brunnen: Roman · 第 13 / 35 段