Als Konsul Johnsen danach in sein Kontor zurückkehrte, ging ihm alles

wie ein Mühlrad im Kopfe herum; er mußte sich erst wieder fassen.

„Theologie!” sagte der Postmeister mit einem spöttischen Lächeln,

aber seine Reden waren doch wahrhaftig richtige Theologie! Der Konsul

ärgerte sich über den ganzen Besuch, er war kein Nikodemus, der

bei Nacht zu dem Meister kam, er war ausgegangen, um sich etwas zu

zerstreuen, nicht um bekehrt zu werden. Das einzige Reelle, mit dem er

zurückkam, war die Nachricht, daß der Doktor nach Havre an Scheldrup

geschrieben hatte. Klatsch und Bosheit vielleicht, Intrigen, ein

Fünfkronenbesuch bei einer Wöchnerin auf der Werft -- zum Kuckuck mit

dem Doktor!

Der Konsul vergaß nicht, seinem Geschäftsführer Berntsen Auftrag zu

geben, dem Apotheker fünfzig Flaschen Madeira zu schicken. Und ganz

plötzlich mußte er wieder an den Postmeister denken. Gott bewahre mich,

was muß dieses Mannes Frau an Geschwätz ertragen! Wie, wenn er auch

Postmeisters fünfzig Flaschen Madeira als Geschenk zuschickte? Aber sie

würden wohl mit dem Boten gleich wieder zurückgebracht werden.

Kein Zweifel, der Wein würde mit dem Boten sofort wieder

zurückgeschickt werden -- der Konsul mußte über die fabelhaft

genügsamen Menschen lächeln. An sich selbst arbeiten, wieso? Sah man

jemals, daß man von der Vorsehung einen Dank dafür gehabt hätte? Wir

haben einen Schmied Carlsen hier am Ort, einen gottesfürchtigen Mann,

der strebt dem Guten nach und ist stille, tut niemand etwas Böses,

schwatzt niemand halb zu Tode über die vielen Erdenleben -- er wird

vom Unglück verfolgt, von häuslichen Sorgen, hat mißratene Kinder,

einer der Jungen soll ein Landstreicher sein. Ist das Gerechtigkeit?

Der Schmied Carlsen hat einen Bruder, den Polizei-Carlsen, einen

alten Gauner, einen Fuchs mit einer reichen Frau, die ein Klavier

besitzt, mit einem Sohn im Kirchendepartement, mit einer Tochter

in der Schreudermission -- alles miteinander vielleicht, weil der

Polizei-Carlsen _nicht_ an sich selbst gearbeitet hat?

Laßt uns für _uns_ selbst arbeiten!

14

Henriksen auf der Werft hoffte zu Gott, daß seine Frau es diesmal

auch gut überstehen werde, obgleich sie sehr krank war. Es war eine

vergebliche Hoffnung. Gerade ehe er zu Mittag nach Hause gehen wollte,

bekam er die Nachricht. Er stand mitten unter seinen Arbeitern und

vernietete einen Nagel; da ließ er Nagel Nagel sein, warf den Hammer

weg und rief, indem er eilig davonging: „Geht es ihr viel schlimmer?”

-- „Ja, sie liegt jetzt ganz ruhig da.”

Sie lag jetzt ruhig da. Am Morgen war der Doktor sehr hoffnungsvoll

fortgegangen, im Lauf des Vormittags hatte man nach dem Pfarrer

geschickt, aber er war zu spät gekommen.

So konnte es gehen.

Nun handelte es sich um das Begräbnis, um den Leichenschmaus, die

Blumen, schwarze Kleider, die Flagge auf Halbmast; Henriksen mußte

nicht alles allein besorgen, Lydia, die Frau des Fischer Jörgen,

und Petra halfen ihm, aber er mußte doch seine Zuflucht zu starken

Getränken nehmen, um alles durchmachen zu können. Es war um so schwerer

für Henriksen, als seine Frau den ganzen schrecklichen Vormittag

hindurch, wo sie mit dem Tode rang, nicht erlaubt hatte, daß man ihn

holte; sie hatte ihn schonen wollen, sie war immer so gut gewesen.

„Aber holet den Pfarrer!” hatte sie geflüstert; der war indes nicht

mehr recht gekommen.

Da lag sie nun, gefällt mitten in ihrem Lauf, mitten in ihrer

Gesundheit und Jugend, einige dreißig Jahr alt. Es war zu traurig,

und obgleich Henriksens nur gewöhnliche Leute waren, die sich

heraufgeschafft hatten, wollten ihr alle Honoratioren der Stadt die

letzte Ehre erweisen. Ja, das wollten sie. Frau Konsul Johnsen sträubte

sich ein wenig: „Wir sind nicht bei Kaufmann Davidsen gewesen, als

er Konsul wurde,” sagte sie. -- „Nein, er sollte aber auch nicht

begraben werden,” erwiderte ihr Mann. -- „Diese Henriksens,” sagte sie;

„wir verkehren ja nicht mit ihnen, warum sollen wir sie da zu Grabe

geleiten?” -- „Dann wird darüber geredet,” versetzte der Konsul.

Frau Johnsen gab nach, aber sie behauptete, dann sei sie wirklich

sehr liebenswürdig. Die arme Frau Konsul Johnsen, sie bewegte sich

im allgemeinen so wenig wie möglich und war in den letzten zwei

Jahren immer schwerfälliger geworden, sie war überhaupt nicht für

Leibesübungen geschaffen, o nein. Der Konsul dagegen hielt sich

immer mit derselben anständigen Rundung und dem langsam ergrauenden

und lichter werdenden Haar, er ging im Leichenzug mit hohem Hut und

leuchtend gestärkter Hemdbrust.

Dieses große Trauergefolge tröstete Henriksen in gewissem Sinne, er

verbeugte sich vor Konsul Johnsens und Doktors, überhaupt vor allen,

strahlender, als er eigentlich gesollt hätte, und seinen kleinen

Mädchen hatte er eingelernt, dankbar zu knicksen. Die Werftarbeiter

trugen den Sarg, aber hinter ihm ging die ganze Stadt im Zug; Flaggen

trauerten von jeder Stange, die Kirchenglocken läuteten. Sogar Olaus

vom Wiesenrain war mit im Gefolge, und er erklärte auch jedermann

warum: allerdings sei ihm auf dieser verdammten Werft die Hand

abgerissen worden; aber Frau Henriksen sei immer in jeder Beziehung ein

guter Mensch gewesen. „Eine verflixt brave Frau, Ehre ihrem Andenken!

Du hast wohl nicht eine Prise Tabak?”

Und dort am Brunnen stehen jetzt ein paar Weiber mit den Händen unter

der Schürze; sie sehen dem Zuge nach und besprechen leise all den

Blumenschmuck und die ganze Festlichkeit. „Gott steh mir bei, da ist

wahrhaftig auch Olaus vom Wiesenrain, der hat keine Scham im Leibe!

Er weiß wohl, was er tut, die Getränke und Kuchen sind's, auf die er

es abgesehen hat; seine blaue Nase hat das von weitem gewittert.” Und

Henriksen würde ja ordentlich traktieren, das ist sicher; er war kein

Geizhals, seine Arbeiter hatten frei, und alle Leute von der Stadt, die

nur wollten, konnten sich an die langen Tische setzen, die in seinem

Garten aufgestellt waren.

Oliver hinkte auch mit. Er trank nicht und brauchte sich nicht um einen

Bissen Kuchen zu reißen; was er von Näschereien und Backwaren gerne aß,

das kaufte er sich selbst. Aber Oliver ging mit, weil alle besseren

Leute vom Ort mitgingen. An diesem Vormittag war ohnedies kein Umsatz

im Lagerhaus, die Menschen waren wie weggeblasen. Oliver bürstete

seinen Anzug aus, betrachtete sich genau im Spiegel, verschloß die Tür

und ging mit.

Ein Gefolge von vier Konsuln und einer ganzen Stadt war nichts

Alltägliches, ja selbst eine schwedische Brigg, die am Landungsplatz

lag und Mehlwaren für Grütze-Olsen löschte, flaggte auf Halbmast.

Das konnte sie wohl tun, die Taglöhner waren fortgelaufen, das Bollwerk

lag verlassen da. Diese Brigg hatte übrigens einen kranken Mann an

Bord, und es wurde nach dem Doktor geschickt, der Doktor konnte indes

erst nach dem Begräbnis kommen, dann aber würde er keinen Augenblick

weiter verlieren.

Doch nun sieht der Doktor vom Kirchhof aus, daß die Brigg auf Trauer

geflaggt hat, und ein Gedanke erfaßt ihn: der kranke Matrose ist

vielleicht gestorben. Er hat Unglück mit Frau Henriksen gehabt, nun ist

er ängstlich geworden; sobald es also einigermaßen geht, flüstert er

Henriksen eine Entschuldigung zu und verläßt das Trauergeleite.

Er geht geradeswegs nach Grütze-Olsens Bollwerk und steigt an Bord der

Brigg. Hier scheint alles ausgestorben zu sein, schließlich findet er

einen Mann auf dem Mannschaftslogis, und er tritt auf ihn zu. „Ich bin

der Doktor,” sagt er, „kann ich Ihren Puls fühlen?”

Der Schwede reicht seine Hand hin.

„Lassen Sie mich Ihre Zunge sehen!”

Der Schwede sperrt den Mund auf.

„Können Sie essen?”

„O ja, jawohl.”

„Schlafen?”

„O ja.”

Der Doktor behorcht ihm die Brust, beklopft sie, dreht den Mann um und

beklopft ihm auch den Rücken. „Sie schwitzen stark. Wie steht es mit

Ihrer Öffnung?”

„Nein, die sei nicht so ganz ausgezeichnet und habe ihn seit dem

gestrigen Tage sehr geplagt, aber es würde schon vergehen, es sei schon

besser.”

„Ja, das dürfen Sie nicht vernachlässigen,” sagt der Doktor.

„Wieso?”

„Sie dürfen nicht gleichgültig dagegen sein. Jetzt werde ich Ihnen

etwas aufschreiben, das Sie in der Apotheke holen lassen können.”

„Warum denn?” fragt der Mann verwundert.

„Warum?” fragt auch der Doktor und sieht den Mann blödsinnig an.

O dieser verflixte Schwede, dieser Spaßmacher, trieb er seinen Spaß mit

dem Doktor? Da erklärt nun der Mann mit einigen wenigen Worten, er sei

gar nicht krank, sondern einer von seinen Kameraden.

„Was? Wo ist denn dann der Kranke?”

„Ja seht -- aber er war eigentlich auch nicht krank, er hat sich an

einer Flasche geschnitten, und das hat stark geblutet. Als da der Herr

Doktor nicht gleich kam, hat er sich selbst verbunden.”

Der Doktor war gekränkt, das war deutlich zu merken. Er sagte scharf:

„Wo ist also der Kranke, frage ich, der Mann, der sich geschnitten hat?”

Er sei zum Doktor ins Haus gegangen, dort sitze er wohl und warte auf

ihn.

Ehe der Doktor das Deck verließ, konnte er sich nicht enthalten, die

folgende, grimmige Frage zu stellen: „Aber beim Satan, warum haben Sie

sich denn dann untersuchen lassen?”

Aber auch darauf hatte der Mann die glaubwürdigste Antwort bereit; er

sagte das Wort Quarantäne, sagte, er habe gemeint, die Untersuchung

gelte nur allein dem allgemeinen Gesundheitszustand an Bord, sonst

nichts.

Na, dann war er wohl kein Gauner und Spaßvogel, sondern ein anständiger

Mann. Wäre nun der Doktor in ein Gelächter ausgebrochen und hätte ein

paar lustige Worte gesagt, dann hätte er seinem Mißgriff den Stachel

genommen; aber er tat das, was weit schlimmer war, er zeigte seinen

Ärger, er knurrte und war bitter, und dadurch bekam das Vorkommnis

eine Bedeutung. Der Schwede gab dann auch Antworten, das war nicht

verwunderlich, er lachte auch höchst respektswidrig, und plötzlich

richtete er sich in seiner Koje auf. Da ging der Doktor.

Die Geschichte sickerte in die Stadt hinaus, in die kleine Stadt, und

dem Doktor wurden boshafte Erweiterungen der Geschichte, die ohnedies

lächerlich genug war, nicht erspart. Alle, die ihm eine Nase gönnten,

waren obenauf, und Konsul Johnsen zum Beispiel lachte zum erstenmal

seit mehreren Tagen wieder recht herzlich.

„So ein Mensch, dieser Doktor,” sagt der Konsul zum Rechtsanwalt

Fredriksen. „Er sollte es wahrhaftig nicht nötig haben, einen Kranken

auszufragen, wie es ihm geht, das müßte er als Arzt selber sehen, oho,

mit einem einzigen Blick. Er ist ein Narr. Na, und da fand er heraus,

daß auch der Schwede Kindbettfieber hatte?”

„Ja, Gott weiß, ob es nicht ungefähr so war!”

„Haha, das ist köstlich. Kommen Sie mit herein, Herr Rechtsanwalt, und

lassen Sie uns ein Glas auf eine gute Wahl trinken!”

Die Herren gehen hinein.

Mit einer guten Wahl meinte wohl jeder von ihnen etwas anderes, aber

Konsul Johnsen war kein Fanatiker und eigentlich auch kein Politiker.

Er war nur Stütze der Gesellschaft. Fanatiker und Politiker, er? Ach

nein, vor mehreren Jahren hätte er mit der größten Leichtigkeit in den

Landtag gewählt werden können, aber er schlug es aus, er hatte keine

Zeit, und außerdem war er ja vorher Doppelkonsul und ein großer Mann.

Später schlug der Wind allmählich um, in diesem Jahre würde er kaum

genug Stimmen für sich bekommen, wenn er es auch gewünscht hätte, so

fleißig hatte Rechtsanwalt Fredriksen in dem Kreise gewirkt. Und es

war auch so gleichgültig, wer gewählt wurde, für E. A. Johnsen, den

Doppelkonsul, würde es keine Veränderung bringen. Dieser Fredriksen

gehörte ganz und gar nicht zu seinen Leuten, aber mag er gewählt

werden, meinethalben gerne! Und in diesem Falle war es nicht so ganz

unklug, wenn er ihm ein privates Glas Wein gab, so einem Emporkömmling

könnte es ja einfallen, aus der Meuterei an Bord der _Fia_ eine

große Sache zu machen. Na, meinethalben auch das gerne, bitte, der

Doppelkonsul blieb deshalb doch der, der er war. „Aber warum nicht --

bitte noch ein Glas Wein, Herr Rechtsanwalt! Sie sind ein seltener

Gast in meinem Hause.”

O, aber Rechtsanwalt Fredriksen wünschte gar nicht in diesem Hause ein

seltener Gast zu sein, nein, das wünschte er nicht. Hatte er sich nicht

in den letzten paar Jahren mit dem jugendlichen Gedanken getragen,

in diesem Hause als Familienglied aus und ein zu gehen, als einer von

den eigenen! Dies war gut verborgen vor der Welt, und es würde auch

nicht ans Tageslicht kommen, solange er hier noch nichts war, nur ein

Rechtsanwalt in einer kleinen Küstenstadt, aber die Wahlen -- die

Wahlen konnten ihn vielleicht zum Sprechen bringen. Es kam darauf an.

„Fräulein Fia ist mit Gästen heimgekommen, wie ich gesehen habe.”

„Ja, das versteht sich!” erwiderte der Konsul nachsichtig. „Es sind

auch Maler, Kollegen, zwei Stück. Wären wir nicht mit Lebensmitteln

so gut versehen und hätten wir nicht soviel Platz im Hause, dann wäre

guter Rat teuer gewesen.”

„Es sind junge Leute, können sie etwas?”

„Das weiß ich nicht. Doch sicherlich. Man spricht viel von ihnen und

schreibt auch über sie. Und sie bringen ordentlich Leben ins Haus.”

„So?”

„O, sie verkünsteln sich am ganzen Hause; der eine malt meine Frau, der

andere mich, wir sitzen ihnen; stocksteif sitzen wir. Das schlimmste

ist, daß meine Frau in ihrem höchsten Staat ist, sie ist so eifrig

dabei, daß sie jetzt vormittags und nachmittags sitzt, und so trägt sie

jetzt immer ein ausgeschnittenes Seidengewand. Heiraten Sie niemals,

Herr Rechtsanwalt!”

„Sagen Sie das?”

„Dann bekommen Sir Frau und Kinder, lauter Ausgaben, haha!”

Na, das war nun Großtuerei, und dem Rechtsanwalt gefiel dieser Ton

nicht. Es war eine Unverschämtheit, anzudeuten, er, der Rechtsanwalt

sollte von jetzt an unverheiratet bleiben. Warum denn? Nichts als

Ausgaben? Der Rechtsanwalt dachte nun wohl im stillen, der Konsul

zum Beispiel habe durch seine Heirat durchaus nicht verloren; Frau

Johnsen hatte die solide Mitgift gehabt und hatte den Mann von

Anfang an in Gang bringen können. Warum hätte er denn sonst Johanna

Holm genommen? Sie war keine Schönheit und kein Licht. O nein, Herr

Doppelkonsul, du wärest ohne deine Frau bis auf den heutigen Tag ein

Kleinkramhändler und nie Johnsen am Landungsplatz, vergiß das nicht!

Aber gerade an das erinnerte sich der Konsul sehr ungern; der Doktor

hatte ihn in seiner gewohnten stichelnden Art einmal daran erinnert,

und von diesem Augenblick her schrieb sich die Feindschaft zwischen

den beiden. Dagegen vergaß es Frau Johnsen niemals, obgleich sie

durchaus nicht immer darüber redete und ihren Mann damit quälte. In

jüngeren Tagen, wo sie den Mann ein paarmal in unvorsichtigem Geschäker

mit den Dienstmädchen ertappt hatte und sich von ihm scheiden lassen

wollte, hatte sie das Ihrige zurückverlangt; da aber das Geschäft

ihre Unterstützung nicht entbehren konnte, mußte ihr Mann lernen,

vorsichtiger zu sein, einen andern Weg konnte er nicht einschlagen.

Der Rechtsanwalt hätte deshalb jetzt eine hinterlistige Antwort geben

und den Konsul dadurch noch zahmer machen können; aber er wagte es

nicht, es war auch gar kein Grund dazu da, wenn er im guten seinen

Zweck erreichen konnte. Er zitierte deshalb: „Heirate und du wirst es

bereuen! Aber es ist wohl dasselbe wie mit dem Tode, wir müssen alle

diesen Weg gehen.”

„Sie auch, Herr Rechtsanwalt? Ja ja, es ist nicht zu spät. Ja ja, es

ist natürlich auch für Sie noch nicht zu spät. Prosit!”

Der Rechtsanwalt trank und schwieg. Zu spät? Er war jedenfalls ein

gut Teil jünger als der Konsul, der immer noch ringsum eifrig auf

Eroberungen aus war. Der Konsul verstand vielleicht nicht, daß er hier

einem Manne gegenüber saß, der in den Landtag gewählt werden konnte,

sein Ton war ein wenig zu sehr von oben herab.

„Im gegebenen Falle hab' ich nicht im Sinn, zu warten, bis es zu spät

ist,” sagte Fredriksen. „Wir müssen es ja alle vermeiden, unsere

Altersgrenze zu überschreiten!” -- So, da hatte er es dem Konsul

gegeben!

Der Rechtsanwalt ging. O meinethalb, bitte auch das! So, er würde in

den Landtag kommen, ein Mitglied des großen Haufens, vom Elternrat des

Landes. Nein, da war der Konsul doch lieber der, der er war! Er hatte

seinen Humor und seine Arbeitslust wiedergefunden, hatte den fremden

Regierungen seine Rapporte geschickt, hatte sich seine Haltung in der

Matrosenaffäre zurechtgelegt, sich auch dem Doktor gegenüber ein festes

Auftreten vorgenommen; er wollte sich zornig anstatt ängstlich zeigen

und schaffte sich in eine Art kriegerischen Willen hinein -- jawohl, es

komme, was da kommen will!

War das nicht recht viel?

Und während all diesem war er der liebenswürdigste Wirt den Gästen

seiner Tochter gegenüber; er unterhielt sich mit ihnen und saß ihnen

Modell, versah sie mit Wein für die Waldausflüge sowie mit Süßigkeiten

vom Ladengeschäft, war sehr freundlich gegen sie und schickte jedem ein

gelbseidenes Halstuch, wenn sie bis zum späten Abend im Garten draußen

schwärmten.

Der Konsul sah sehr wohl ein, daß seine Fia, wenn sie Gäste von dieser

Art mit heimbrachte, es nur tat, um ihnen auf eine andere Art zu

helfen, als nur ihre Bilder geradezu zu kaufen. Sie war keine billige

Dame. Er mußte ja die Porträte von sich und seiner Frau behalten, und

er durfte nicht einmal nach dem Preis fragen, sondern mußte ihnen eine

Summe überreichen. Hätte er es wohl anders machen können?

Das konnte übrigens einerlei sein, der Konsul rechnete nicht so genau,

er war im Gegenteil ein wenig stolz darauf. Es war ja in der Stadt

bekannt geworden, was diese jungen Herren taten, ja, es war nicht nur

in seiner eigenen kleinen Stadt bekannt geworden, sondern auch in der

Hauptstadt. In den Zeitungen hatte gestanden, daß die beiden jungen

Künstler sich zurzeit bei Konsul Johnsen, dem Matador der Küste,

aufhielten, um die Porträte der Familie zu malen.

„Warum setzen Sie mich in die Zeitung?” sagte er göttlich scherzhaft

zu den Künstlern. „Ich will keinen Skandal haben,” sagte er. „Und im

übrigen sind Sie im geheimen hier bei mir, vergessen Sie das nicht!

Kommt es heraus, daß Sie mich und meine Frau malen, muß ich bloß mehr

Steuern bezahlen!”

Ha, wie er mit den jungen Leuten reden und von oben herab dabei

lächeln und sich ihre losen Streiche erzählen lassen konnte! Sie

verfielen auf keine gefährlichen Dinge, es waren anständige Burschen,

soweit er es beurteilen konnte, aber der Teufel mochte ihnen allzuviel

trauen, hehe! Sie fuhren ja auch hinaus in das Sommerhaus und trieben

dort allerlei Kurzweil, unter anderem malten sie in einer Nacht den

Rappen grau an. Ob es nun echtes oder gut gespieltes Entsetzen war --

der Hofjunge verlor am Morgen eine gute Weile den Verstand und fand ihn

erst wieder, als er einen Fünfkronenschein bekam mit dem Auftrag, die

Wasserfarbe von dem Pferde abzuwaschen.

Aber nun Fia, dachte sie an einen von den jungen Männern, war sie,

sozusagen, verliebt in sie? Das müßte dann auf eine ruhige, ja eine

gar zierliche Art sein. Sie war freundlich und kameradschaftlich gegen

sie, aber immer mit etwas Vorbehalt, niemals vergaß sie, innerhalb der

Schranken zu bleiben. Die Maler pflegten sie die Comtesse zu nennen.

Gegen diesen Spitznamen hatte sie ihrerseits nichts, es war ein ganz

passender Spitzname, sie kam sogar gut dabei weg; und verdiente sie

ihn etwa nicht? Die Tochter ihres Vaters, aus einer annähernden Stadt,

aus dem vornehmsten Hause, Künstlerin, eine poetische Dame, ein Talent

-- wie sollten andere bestehen, wenn man davon reden wollte! Alice

Heiberg, auch eine Konsulstochter, aber ohne besondere Talente, nur

in der Haushaltung und den täglichen Pflichten erzogen, Grütze-Olsens

Töchter, die das Zeug hatten, tüchtige Mädchen zu werden, aber von

törichten Eltern, die sie vornehm machen wollten, gründlich verzogen

wurden! Wer war sonst noch da? Die zwei kleinen Henriksens auf der

Werft waren noch zu neu, nur Kinder, und aus ihnen würde übrigens auch

sicherlich nie etwas Rechtes werden.

Fia war die Comtesse, groß und gertenschlank, von feinem Wesen,

vollkommen recht und richtig. In den letzten zwei Jahren hatte sie

sich große Hüte und etwas lebhaftere Farben zugelegt, aber nichts

Übertriebenes, nur so viel, als ihr gut stand. Wenn sie wie ein Maler

angezogen auf der Straße ging, war es nicht verwunderlich, daß ein

anderer Künstler, der Postmeister, an einem Schaufenster stehen blieb

und sich über Fias Anblick freute.

Nein, der Konsul konnte sich nicht denken, daß seine Fia Absichten

habe, in diesem Falle hätte er als Vater ernstlich mit ihr sprechen

müssen. Diese jungen Leute waren nichts für sie, der eine war der

Sohn eines Hardesvogts und insofern aus einer studierten, gebildeten

Familie, der andere der Sohn eines Tünchers, und beide waren gleich

arm. Der Konsul verachtete keine Klasse, nein, das tat Konsul Johnsen

wahrhaftig nicht, aber er hatte nun eben diese einzige Tochter, sie war

sein liebes Kind, und er wollte sie auf die beste Weise beschützen.

Der Sohn eines Geschäftsmannes aus einem alten großen Hause würde ihm

besser passen.

Deshalb war es dem Konsul gar nicht unangenehm, als die jungen Künstler

eines Tages beim Mittagessen erzählten, sie hätten beide Bestellungen

bekommen. „Und das haben wir Ihnen zu verdanken, Herr Konsul,” sagten

sie.

„Ich gratuliere!” erwiderte der Konsul. „Was sind das für Aufträge?”

„Wir sollen die Bilder von Konsul Olsen und seiner Frau malen.”

„Vom Grütze-Olsen!” schreit Frau Johnsen. „Nein, wissen Sie was!”

Da lachen alle andern am Tisch, und der Konsul sagt freundlich: „Eine

Bestellung ist eine Bestellung, das wirst du doch verstehen, Johanna!”

„Haben nicht auch Heiberg und Davidsen ihre Porträte bestellt?” fragt

Frau Johnsen. „Die werden sicher noch kommen.”

Und wieder lachen alle miteinander.

Der Konsul wendet sich an die beiden Künstler und gibt eine kurze

Erklärung: Es seien so viele Konsuln am Ort, und alle die jüngeren

wollten die älteren nachahmen. „Daran kann man sich nur ergötzen,

Johanna!” Nun sei allerdings andererseits eines recht ärgerlich, man

könne sich hier im Hause fast nicht bewegen, ohne daß die andern sich

ganz auf dieselbe Weise bewegten, sozusagen im Takt. „Aber es ist doch

nicht der Mühe wert, so etwas ernsthaft zu nehmen, Johanna!”

Frau Johnsen sagte, sie nehme es durchaus nicht ernsthaft, das sei

ein Mißverständnis. Wenn irgend jemand die andern Konsuln mit einem

Lächeln betrachte, so sei sie es. Ihr Ausruf vorhin sei als reiner

Freudenschrei gemeint gewesen.

„Und was Davidsen betrifft,” fährt der Konsul fort, „so ist er von

einem ganz anderen Schlage: ohne Ansprüche, ohne Bildung, aber auch

ohne Narrheit. Er ist ein Mann der Arbeit, steht hinter seinem

Ladentisch und verkauft grüne Seife. Ich habe Davidsen schätzen lernen.”

„Hehe,” lacht Frau Johnsen sehr nachdenklich. „Ich überlege mir eben

etwas; wenn ich nun in einem Seidenkleid gemalt worden bin, was wird

Frau Olsen anziehen, um noch großartiger auszusehen?”

Sie beredeten sich eine Weile über Farben, Kostüme, Schmucksachen,

ob eine goldene Kette oder ein reicher Schmuck angebrachter sei. Die

Standespersonen der früheren Jahrhunderte scheuten nicht davor zurück,

sich mit Pracht abbilden zu lassen, mit Spitzen, Spangen, Ketten,

Juwelen, jetzt saß man im Gehrock, den man auch Diplomatenrock nannte,

wie der Konsul, und er konnte so ein gutes Diplomatenbild abgeben.

„Ja,” sagt der Konsul, indem er sein Glas erhebt. „Möge es nun den

Herren ebensogut gelingen, mögen Sie ebenso genial inspiriert sein,

wenn Sie den Konsul Olsen malen, wie Sie es bei mir und meiner Frau

gewesen sind! Wir sind beide hochbefriedigt und Ihnen tief dankbar.”

Darauf tranken sie ihr Glas aus.

„Wann fangen Sie bei Olsens an?” fragte Fia.

„Sobald wir wollen, sofort!” Und sie erzählten, die beiden jungen

Töchter des Hauses sollten wahrscheinlich auch gemalt werden.

„Da haben wir es, noch viel großartiger soll es sein!” ruft Frau

Johnsen wieder. „Und jetzt weiß ich, was Frau Olsen anhaben wird: sie

wird in zwei seidenen Kleidern sitzen.”

Wieder lautes Gelächter, daß es von der Decke widerhallte. Frau Johnsen

machte so selten einen Witz; das hatte wohl seine Gründe, und niemand

erwartete es von ihr. Der Konsul sagte nun sofort, sie sei großartig,

sie sei brillant!

Aber Frau Johnsen kann Lobsprüche nicht gut vertragen, und so verdirbt

sie das Vorhergehende, indem sie fragt, was wohl Frau Olsen an den

Füßen haben werde -- zwei Paar Stiefel?

Darauf lachten alle wieder; aber wenn sie jetzt nur aufhören wollte,

wünschten die Maler.

Die Weiber am Brunnen: Roman · 第 12 / 35 段