Der Postmeister hat vielleicht heute irgend etwas Freudiges erlebt,

Gott mag es wissen, aber es kann wohl sein; jedenfalls ist er in

bester Laune. Es gehörte nicht viel dazu, ihn aufzumuntern, er war

ein genügsamer Mann. Sein ältester Sohn hatte vor einiger Zeit seine

Steuermannsprüfung bestanden und auch sofort eine Stelle bekommen, und

schon darüber war der Vater außer sich vor Freude. War denn solch ein

Steuermannsposten so etwas Großartiges? „Er ist ein tief angelegter

Junge,” sagte der Postmeister. „Was der uns für Briefe schreibt! Ich

weiß übrigens nicht, welches das beste von unsern Kindern ist. Da ist

auch noch der von meinen Söhnen, der auf dem Lande arbeitet. Er spart

seinen Lohn zusammen und schickt seinen Schwestern Geld zu schönen

Stiefeln. Das ist ein Kerl! Ich darf ihm gar nicht mehr zum Gruße die

Hand geben, er drückt sie mir zu Brei, haha, der ist ein Bär! Und Sie

sollten nur einmal sehen, wie er einen Knoten in einem Strick auflöst!

Er hat Nägel wie Zangen; zuweilen aber nimmt er auch die Zähne zu

Hilfe. Solche Zähne hat nicht jeder. -- Scheldrup ist also immer noch

in Havre?”

„Ja,” antwortet der Konsul.

„Das seh' ich an seinen Briefen; gestern hat der Doktor an ihn

geschrieben.”

„So?”

„Ja. Und was Fia schön und artig geworden ist! Meine Frau hat sie heute

vom Fenster aus gesehen und mich auch herbeigerufen. Ich bitte um

Verzeihung, wollten Sie etwas sagen?”

„Nein, nein.”

„Heute morgen hab' ich einen weiten Spaziergang gemacht, den Weg, den

der Herr Konsul nach seinem Landhause fährt. Sie wissen ja, die Straße

führt plötzlich in den Wald, es ist, als ob die Welt ein Ende hätte,

drinnen im Wald fängt eine ganz andere Welt an, sie ist freundlich

gesinnt und merkwürdig ganz in Stille getaucht, und doch voll feiner

Laute. Ich ging vom Weg ab, um niemand zu begegnen, und wanderte in

den Wald hinein. Tief drinnen saß ein Mann. Er hatte mich gesehen, ich

konnte also nicht mehr umkehren, er saß da und spielte Mundharmonika.

Ein sonderbarer Mann, ein Arbeiter, ein Landstreicher. Ich redete lange

mit ihm. Er war besonders aufgeweckt, sein Gespräch drehte sich um Geld

und Essen, und der arme Kerl saß da und spielte Mundharmonika. ‚Warum

sitzest du hier?’ fragte ich. -- ‚Darf ich das nicht?’ erwiderte er.

-- ‚Doch.’ -- ‚Was geht es denn dich an?’ fragte er. -- ‚Nichts. Aber

spiel' doch weiter!’ -- ‚Was krieg' ich dafür?’ fragte er. -- ‚Ein paar

Groschen. Ich bin Postmeister hier in der Stadt, und es geht mir das

Jahr über viel Geld durch die Hand, aber das gehört nicht mir.’ -- ‚Na,

Sie werden schon den einen und den andern Geldbrief für sich behalten,’

sagte er. -- ‚Wie könnte ich denn das? Da würde ich sofort gefaßt.’

-- ‚Nein,’ meinte er, ‚die feinen Leute halten ja alle zusammen. Nur

wir auf der Walze werden gefaßt.’ Das war ein dummes Gerede, und ich

erklärte ihm, daß ich meinen festen Gehalt hätte, und wenn der reiche,

so hätte ich im Grunde, was ich bedürfe. Aber das begriff er nicht, ihm

reiche es nie, verdiene er Geld zu Schuhen, so habe er keines für Hosen

und umgekehrt. Bei den Bauern sei eine ewige Plackerei, sagte er. Wenn

er irgendwo um etwas zu essen bitte, so müsse er zuerst dafür arbeiten,

und zwar schwer arbeiten. Holz hacken, die schwerste Arbeit im Sommer.

Abends bekomme er dann Milch und Grütze, ohne Butterbrot, und die

Milchschüssel ohne Rahm darauf, ‚den sie doch im Überfluß haben, die

Erdwühler.’ Ein unzufriedener Mensch also, einer von den faulen und

finsteren Gesellen. Wenn wir davon ausgehen, daß wir Menschen unter

einem Gesetz der Entwicklung stehen, so war dieser Mann noch nicht weit

gelangt; vielleicht ist er schon unzählige Male auf der Erde gewesen,

hat aber kaum den winzigsten Fortschritt gemacht. So kehrt er also

immer wieder so gut wie unverändert ins Dunkel zurück, und dann tritt

er wieder ins Leben und fängt von neuem an.”

„Glauben Sie, daß es so zugeht?” fragte der Konsul lächelnd.

„Was soll man glauben? Wir können doch nicht gut einen ungerechten

Urheber annehmen, das stößt auf zu viele Schwierigkeiten, wir müssen

einen gerechten annehmen. Und wir können nicht annehmen, daß ein

gerechter Urheber diesen Landstreicher von Anbeginn der Zeiten an

zum Elend verdammt hat. Wahrscheinlich stehen wir alle auf demselben

Punkt und haben dieselben Möglichkeiten; die einen gebrauchen sie, die

andern mißbrauchen sie. Was wir in diesem Erdenleben an uns arbeiten,

das kommt uns im nächsten zugute, und arbeiten wir uns hinunter, so

werden wir zurückversetzt. Das ist wohl der Grund, warum wir leider in

historischer Zeit keine Veränderung an den Menschen wahrnehmen. Wir

haben uns die Möglichkeiten selbst verdorben.”

„Sie glauben also, wir sterben, und kommen noch viele Male wieder auf

die Erde?”

„Was soll man glauben? Es wird uns immer wieder eine Möglichkeit

geboten. Zeit hat wohl der Urheber vor sich, er hat die Ewigkeit in

sich, und da wir selbst ein Teil des Urhebers sind, so vergehen wir

niemals. Aber wir kommen nicht jedesmal in demselben Zustand auf die

Welt, wir haben es selbst in der Hand, unser Los für das nächste Mal zu

verbessern.”

„So daß jeder Mensch seinen Rahm auf der Milch bekommt?”

Der Postmeister lächelt. „Solche Dinge haben nur in seinem jetzigen

Zustand Bedeutung für ihn. Ich meine, seine Geistesverfassung, seinen

Seelenzustand. Und jetzt kommen wir an etwas Bedeutungsvolles: Dieser

Mensch saß also da im Walde und spielte Mundharmonika. Vielleicht hat

er in seinen vorigen Verkörperungen doch auch an sich gearbeitet. Er

spielte mir Lieder und Weisen vor, spielte großartig, ich hab' noch

nie etwas Ähnliches gehört. Ich rede nicht von der Fertigkeit, ich

meine die Tatsache, daß er überhaupt im Walde saß und spielte. Und

nun hören Sie einmal: Er erzählte von einer Art Äolsharfe, die er bei

einem Juden gesehen hatte, eine Äolsharfe mit Saiten von verschiedener

Dicke und aus verschiedenem Metall, Kupfer, Messing und Silber, und es

hingen kleine Kugeln herunter, die vom Wind gegen die Saiten geblasen

wurden und diesen einen leichten Schlag versetzten. Dann spielte die

Äolsharfe. Es war schön, dem Manne zuzuhören, als er dies sagte. Nein,

er war während seiner verschiedenen Erdenleben nicht stehen geblieben,

er hatte in sich einen kleinen Gartenfleck gepflegt, mit einer einzigen

Blume darauf. Nun kommt es darauf an, ob er sich diesmal so führt, daß

sein Fleckchen Garten in seinem nächsten Dasein größer wird.”

„Diese ganze Theorie hängt von der Frage ab, ob es überhaupt einen

persönlichen Urheber gibt.”

„Sagen Sie, wo wollen Sie überhaupt anfangen? Gibt es nicht auch

einen Urheber des Urhebers? Wir wollen hier stehenbleiben und einen

persönlichen Urheber annehmen. Es ist noch unmöglicher, sich ohne

einen solchen zu behelfen. Diese Frage entzieht sich ja unserer

Fassungskraft, aber wir haben den Trieb nach einer Macht, einer

Notwendigkeit, die hinter allem steht, wir wissen zwar nichts Gewisses

davon, aber sie ist für uns da, kraft unseres Triebs, und dieser Trieb

ist selbst ein Teil des Urhebers, dem wir angehören. Er ist uns von

Anfang an eingepflanzt, wäre er nicht für etwas da, so hätten wir ihn

nicht. Kommen Ihnen diese Schlußfolgerungen ungereimt vor?”

„Ich weiß nicht, darauf versteh' ich mich nicht.”

„Ich weiß auch nichts, niemand weiß etwas. Aber wir haben ein Licht,

das nie erlischt. Sonst wär alles Finsternis.”

„Was ist das für ein Licht?”

„Das sind die _Menschengedanken_. Sie fehlen und gehen irre, aber wir

sind gewiß, daß sie da sind. Und sie gehören mit zu unserer Ausrüstung,

sind uns von der Gottheit gegeben.”

Schweigen. Beide Herren sitzen nachdenklich da.

Der Konsul fragt: „Die Gottheit? Welche denn? Wenn unsere

Menschengedanken zu etwas taugten, so könnten sie doch endlich die

wahre Gottheit finden.”

„Die ist gefunden: durch und in unserem Trieb zu ihr.”

„Aber die Menschen wechseln ja mit ihrer Gottheit und nehmen wieder

eine andere. Die Griechen haben gewechselt, die Ägypter haben

gewechselt, wir Nordländer haben gewechselt. Jetzt schreiben wir die

alten Götternamen an unsere Fischerboote.”

„Ich bitt' um Entschuldigung,” sagte der Postmeister. „Sie reden von

Göttern, ich von der Gottheit. Sie reden von Theologie.”

Neues Schweigen.

Im Grunde war dies ja eine langweilige Unterhaltung, und der Konsul

wäre wohl seines Weges gegangen; aber er wußte im Augenblick nicht,

wo er hingehen sollte, und nach Hause mochte er am allerwenigsten.

Und dann war es ja eine wunderbare Sache mit dem Postmeister, der

alle Tage seines Lebens Jahr um Jahr gleich zufrieden war. Wer außer

ihm war denn zufrieden? Alte und Junge, Kleine und Große, alle waren

in Angst und in der Hetze, alle trugen eine Last, ein mißglückter

Akademiker und Kleinstadtpostmeister fast allein ausgenommen. Aber

damit war man noch nicht mit ihm fertig, ach nein! Er war zum Beispiel

durchaus nicht immer bescheiden und demütig, der Konsul hatte schon

gehört, wie er sich mit Sicherheit verteidigt hatte. Er wollte gerne

Frieden haben, und bekam er den nicht, so nahm er sich ihn. Ach nein,

er ließ nicht auf sich herumtrampeln! Das peinliche bei ihm waren

seine philosophischen Grübeleien, mit denen er die andern endlos

überschüttete, und für Leute, die sich darauf verstanden, war er ein

Schrecken.

Warum hielt er denn seinen Mund nicht? Gewiß, weil er meinte, er habe

tatsächlich etwas zu sagen. Aber er war nur eine einzelne Stimme in

seiner Stadt. In seinem Hause war es sehr still, seine Frau sprach

nicht viel von selbst, sie antwortete, wenn sie gefragt wurde, und

besorgte ihren Haushalt; aber im Gehirn des Postmeisters dämmerten

allerlei Grübeleien auf, er murmelte vor sich hin und sprach mit

sich selbst; doch das genügte nicht immer, zuweilen mußte es ein

unschuldiger Stadtbürger entgelten und seine Auseinandersetzungen

anhören, die sich so weit außerhalb der Holzpreise und Schiffsfrachten

bewegten.

Wenn Konsul Johnsen nicht von etwas beunruhigt gewesen wäre, wenn er

seinen gewohnten Tätigkeitsdrang gefühlt, wenn er Lust gehabt hätte,

wo anders seine Ruhe und seinen Frieden zu finden, dann wäre er seines

Weges gegangen, jawohl. Aber nun blieb er sitzen. Er tat, als habe er

eigentlich gar keine Zeit dazu und tue es nur aus Höflichkeit gegen

einen verbindlichen Herrn, er sah nach der Uhr, machte plötzlich seine

Tasche auf und sah nach, ob vielleicht ein Brief vergessen sei. Dann

warf er so hin: „Ach, die Menschengedanken! Sie suchen und suchen und

finden nicht. Es ist wohl nicht viel damit los, Herr Postmeister, wie?”

„Sie sind das einzige, dessen wir sicher sind, jawohl. Das brennende

Licht, das erst mit dem Erdenleben erlischt. Das hat für uns in

Wirklichkeit viel zu bedeuten. Was dieses Licht wirkt, welche

Finsternis es erhellt, ist eine andere Frage. Wenn wir uns in endlosen

Kreisen des Irrtums herumdrehen, so ist dies vielleicht gerade die

Bewegung, das Leben. Der glatte Lauf geradeaus wäre ohne Reibung und

würde die Bewegung lähmen. Wenn es etwas nützte, so müßten wir vor

den Menschengedanken niederknien, vor dem Licht, ja, wenn wir fromm

wären, wenn wir Barmherzigkeit mit uns selbst hätten, so würden wir die

Menschengedanken mit Ehrfurcht anerkennen. Aber wir sind zu gescheit,

wir beugen das Haupt nicht. Wir lernen zu viel irdische Mechanik; Sie

sagen wohl, wir suchen und suchen und finden nicht, aber darin bin ich

nicht mit Ihnen einig, nein! Darin bin ich einig, daß wir nicht finden,

aber daß wir suchen -- nein! Und warum sollten wir suchen, wenn wir

doch nicht finden? Ja, wenn das Suchen selbst Bewegung dem Ziele zu

wäre! Aber wir suchen nicht viel, wenige unter uns suchen überhaupt,

statt dessen gehen wir hin und lernen, wir üben unseren Verstand. Wie

ist das ärmlich und unfruchtbar! Sehen Sie diese verständigen Menschen

an, sie haben das ihrige gelernt, das können sie, das ist der Erfolg

der Schule, des Studiums, es ist Gedächtnissache.”

Der Konsul lächelt. „Ich für meine Person bin gänzlich ungelehrt. Das

heißt, ich habe anderes zu lernen gehabt und bin nicht einmal darin

gelehrt,” sagte er.

„So? Sind wir nicht tüchtig genug, irdisch brauchbar genug? O ja.

Darin stehen die Menschen nicht zurück. In derartigem haben wir in der

historischen Zeit Gewinn erzielt und es zu einer gefährlichen Höhe

gebracht. Aber wir haben versäumt, das Haupt zu beugen. Jetzt haben wir

uns festgefahren, und die Rettung besteht nicht in noch mehr Wissen und

äußerlichen Fertigkeiten, sondern im Nachdenken, in Verinnerlichung.”

„Aber wir können doch nicht alle Philosophen werden.”

„Ebensowenig als wir alle einseitig Mechaniker werden können. Aber

doch haben alle Gewinn davon. Es ist und bleibt ein hohes Ziel. In

den letzten Jahrhunderten hat nichts solche Achtung gewonnen, als die

Pflege der Wissenschaft. Die obere Klasse hat die untere Klasse damit

angesteckt, so daß es jedermanns Streben geworden ist, Anteil daran zu

haben. Welche Bedeutung hat nicht die Lese- und Schreibmechanik in der

Welt errungen! Es ist eine Schande, sich die nicht auch anzueignen, es

ist ein Segen, sie ganz zu beherrschen. Kein großer Religionsstifter

hat diese Künste getrieben, aber heutzutage sind sie für alt und jung

unentbehrlich. Niemand will mehr das Haupt beugen und nachdenken, man

schreibt und liest sich den Gedankeninhalt herbei, den man als heutiger

Mensch braucht. ‚Es ist feiner, zu lesen und zu schreiben, als etwas

mit den Händen zu arbeiten,’ sagt die obere Klasse. Die untere Klasse

horcht auf. ‚Mein Sohn soll nicht die Erde bebauen, von der sich alles

Geschmeiß der Welt nährt, mein Sohn soll von der Arbeit anderer leben,’

sagt die obere Klasse. Und die untere Klasse horcht auf. Dann erwacht

eines Tages das Geschrei, das Geschrei der Masse, die nun auch genügend

von den Künsten der oberen Klasse gelernt hat, sie kann schreiben und

lesen: Nehmt hin die Güter der Welt, sie sind euer! Der Teufel hole die

Arbeit an sich selbst für das nächste Dasein, diese Arbeit spart sich

die obere Klasse auch.”

„Meinen Sie, es wäre besser, wenn nur wenige lesen und schreiben

könnten?”

„Dieser Gedanke ist nicht neu. Aber am besten wäre es, wenn man diese

Hochachtung für alle diese Äußerlichkeiten ausrotten könnte, wenn alle

Menschenklassen den Glauben und den Aberglauben an das mechanische

Wissen verlören. Es wird behauptet, das Geschrei würde aufhören, wenn

die Gelehrsamkeit noch größer und allgemeiner würde, und so werden noch

mehr Künste getrieben und noch größere Fertigkeit in diesen Künsten

angestrebt. Und die Köpfe heben sich immer leerer in die Luft, und kein

tiefes Nachdenken beugt sie. Nein, auf diesem Wege kommen wir nicht

weiter, selbst nach dem irdischen Begriff führt er in die Irre. Ich

habe zuweilen die Schulbücher meiner Kinder in die Hand genommen, als

sie noch klein waren -- ich muß gestehen, ich verstand nur einen Teil

von diesen Künsten. Gebt ihnen nur noch mehr davon, spart ja nicht

daran, nudelt sie ordentlich damit, bitte schön! Aber das Geschrei

wird bleiben und wird nur noch lauter werden. Milch mit Rahm darauf!

Mehrere Milchsatten mit Rahm, viele, euer sollen sie sein! Das künftige

Dasein? Wir lesen ja überall, das künftige Dasein sei nur ein Traum für

fromme Weiber, uns gehe das nichts an. -- Ach, wie wenig Barmherzigkeit

haben die Leute mit sich selbst!” sagt der Postmeister und schüttelt

den Kopf. „Sie haben wohl das kleine Gartenfleckchen mit Blumen,

aber in ihrem nächsten irdischen Leben kommen sie vielleicht in ganz

andere äußere Lebensumstände hinein, jedoch in gänzlich unveränderter

Seelenverfassung.”

Der Konsul versucht jetzt, noch gelangweilter auszusehen, und treibt

das so weit, daß er seine Blicke über die Zeichnungen an den Wänden

hingleiten läßt. Plötzlich wird er auf eine darunter aufmerksam, er

steht auf, setzt den Nasenklemmer auf und betrachtet ein schönes Tor.

Jawohl, denn Konsul Johnsen wünscht, daß die Leute auch Achtung für

sein -- des Konsuls -- Urteil haben, und er kann sich nicht in einem

Nu zu mehreren Erdenleben bekehren -- obwohl dies eine verflucht

süße und wohlschmeckende Lehre wäre. Wenn er wiederkommen und es

so weitertreiben könnte, seine Feinde besiegen, die ihm in den Weg

getreten waren, Gesellschaften geben, mit den jungen Mädchen allerlei

Kurzweil treiben, Dampfschiffe dirigieren, Geld verdienen, noch mehrere

Male Küstenmatador sein, er würde nichts Besseres verlangen. Dann

erinnert er sich aber an den verdrießlichen Zusatz in des Postmeisters

Darlegungen, daß man nämlich in ganz anderen irdischen Verhältnissen

wiederkommen könne, und der Konsul wird wieder ein ratloser Mann,

der nicht aus und ein weiß. Wenn er als Matrose, als Landstreicher

wiederkäme; wenn er nichts wäre, er, der so viel gewesen war! Er

setzt sich wieder auf seinen Stuhl und beeilt sich, sich wegen seiner

Unaufmerksamkeit zu entschuldigen: „Das ist ein prächtiges Portal, eine

Paradiesespforte. Was ich sagen wollte: Wir suchen nicht, sagen Sie?

Aber viele meinen doch, die Lösung gefunden zu haben. Einige finden es

wahrscheinlich, daß nichts zurückbleibt, wenn der Mensch gestorben ist.”

Der Postmeister, immer aufgelegt, immer fertig und bereit, sagt:

„Ausgenommen sein letzter Schrei, der Aufschrei vor dem Dunkel, das vor

ihm steht. Wozu sind wir denn auf der Erde gewesen? Nur der ziellosen

Bewegung wegen. Wozu?”

Der Konsul, der eine lange Unterweisung auch in dieser Lehre fürchtet,

die ihm noch dazu durchaus nicht zusagt, ruft eilig: „Die Christen

glauben an eine Seligkeit nach dem Tode!”

„Jawohl,” erwidert der Postmeister, „an und für sich ist die Seligkeit

gar kein schlechter Gedanke, er ist schon vielen Erdbewohnern in

der Nacht ein Trost gewesen. Aber auch diese Seligkeit bekommt man

nicht, wenn man sie nicht verdient hat, nicht wahr? Es sollen ja doch

nur wenige dazu gelangen, und was soll dann aus uns andern werden?

Das Christentum befreit niemand von der Arbeit an sich selbst, im

Gegenteil, es ist sehr streng in seinen Forderungen. Umsonst und

ohne Verdienst geht niemand zur Seligkeit ein, heißt es. Das ist die

Forderung des Gesetzes. Und das Evangelium ist auf seine Weise noch

strenger: Man muß an die blutige Versöhnungspolitik der Vorsehung

glauben, blind daran glauben, sinnlos daran glauben. ‚Halleluja, denn

uns ist heut ein göttlich Kind geboren!’ wird an Weihnachten gesungen.

Nicht alle können singen, aber alle können an sich arbeiten nach ihren

Gaben und Kräften. Dabei ist nichts Widersinniges.”

Jetzt sagt der Konsul: „Ich denke eben darüber nach, daß ich also Ihrer

Meinung nach nichts Gutes damit getan habe, wenn ich einem Jungen dazu

verhalf, sich Gelehrsamkeit zu erwerben.”

„Das kommt darauf an,” erwidert der Postmeister. „Der Junge war

vielleicht für dieses Leben nicht besser ausgerüstet und konnte auf

keine höhere Stufe gelangen. Das wissen wir nicht. Aber es ist ihm

durch Ihren Eingriff nicht leichter gemacht worden, sein Haupt zu

beugen. Das glauben Sie doch wohl selbst nicht? Es war ja gerade Ihre

Absicht, dieses Kind der Menge zu befähigen, sein Haupt zu erheben.

Jetzt sitzt er da auf seiner Bank und läßt sich unterrichten, bis er

ausgelernt hat, dann steht er ethisch strahlend dumm auf, tritt hinaus

ins Leben und lehrt andern dieselbe Leerheit. Wer um alles in der Welt

kann uns in dem unterweisen, um das es sich hier handelt? Wir selbst

-- niemand anders. Was uns andere lehren können, ist Mechanik ohne

irgendeinen Wert für anderes als für die irdische Geschicklichkeit.

Gerade das sieht man an der großen Menge: Sie hat nun ungefähr so viel

von der Mechanik gelernt, wie die oberen Klassen in alten Tagen --

jawohl, aber deren Gemütsleben ist stille gestanden. Das Geschrei? Als

ob das der Ausdruck für etwas anderes als für irdische Habgier wäre!

Die große Menge tut nichts für das innere Wohl der andern, sie hat kein

ethisches Gemeinschaftsgefühl in sich geschaffen. Sie schützt sozialen

Instinkt vor und hat nicht einmal den. Sie will schreien und umstürzen,

und wenn es zum Klappen kommt, sind ihre eigenen Führer sogar außer

Stand, sie zu zügeln. Das Ganze stürzt ein, laßt es einstürzen!”

Konsul Johnsen nickt. Er ist jetzt besser bei der Sache, nun handelt

es sich nicht mehr um Ethik und höheren Quatsch, die letzten Worte

sind Politik der Rechten, Geschäft, der Postmeister ist nicht so dumm!

Um sich zu entschuldigen, sagt der Konsul: „Der Junge wurde mir vom

Schulvorsteher und anderen außerordentlich warm empfohlen.”

„Jawohl,” sagt der Postmeister, „nehmen Sie nur den Jungen, schicken

Sie ihn von einer höheren Schule in die andere und machen Sie ihn in

äußeren Fertigkeiten vollkommen. Er wird wiederkommen und seine Gegend

erfreuen und den Leuten noch tiefere geistige Abmagerung einüben.

Dagegen wird er das Geschrei bei ihnen nicht dämpfen, o keine Spur,

und er wird sie noch weiter von aller Innerlichkeit wegbringen. Aber

vielleicht war es nun gerade das und nichts anderes, zu dem er taugte,

das weiß niemand. Er hat vielleicht in einer Reihe früherer Erdenleben

sich so geführt, daß er in seinem jetzigen nicht höher steigen kann. Da

muß denn der Urheber auf ihn und die Seinigen warten, bis eine Änderung

eintritt, der geduldige Urheber, der genug Zeit, genug Ewigkeit vor

sich hat.”

Der Postmeister haut also wieder über die Stränge, und der Konsul

will Schluß machen. Warum war der Mann überhaupt hergekommen? Einer

zufälligen Sorge wegen, nicht fürs nächste Leben, sondern für dieses.

Etwas mehr Politik würde ihn gefesselt haben; er war eine große Stütze

der Gesellschaft, die der Neid umstürzen wollte, die die Emporkömmlinge

nachäfften, dem die Matrosen auf der _Fia_ nun wieder Ärger und Arbeit

verursacht hatten -- welche Hilfsmittel sollte er nun dagegen anwenden?

An sich selbst arbeiten? Der Postmeister war ein Narr!

„Ja ja,” sagt der Konsul, indem er aufsteht, „das ist alles für uns

sehr verborgen, sowohl für dieses wie fürs nächste Leben, besonders

also fürs nächste. Wüßten wir etwas Sicheres über das Jenseits, dann

würden wir uns jetzt schon danach richten.”

„Es ist verzeihlich,” erwidert der Postmeister lächelnd, „wenn wir

etwas irdische Neugier in uns tragen. Aber das, was vorderhand unser

voriges Dasein betrifft, so hat wohl die Weltregierung ihren Grund

dafür, wenn sie es uns verborgen hält. Dieses Dasein wäre vielleicht

durch Missetaten so finster, daß die Erinnerung daran uns überwältigen

und erdrücken würde. Das kann gut sein. In der ungewissen Hoffnung, daß

wir uns doch nicht zum Allerschlimmsten aufgeführt haben, liegt dann

eine Aufmunterung für uns.”

„Aber war es in diesem Falle notwendig, uns ganz von Anfang an so

gebrechlich auszurüsten?” fragt der Konsul.

„Wenn wir davon ausgehen, daß das Leben in dem einen besteht: in

Bewegung um eines Zieles willen, dann ist es unlogisch, anzunehmen,

wir hätten von Anfang an der Hoffnung ermangelt, seien demnach ohne

sie ausgerüstet gewesen. Aber das sind wir nun also nicht. Immerhin

-- wie Sie sagen -- gebrechlich ausgerüstet können wir gut sein, um

sozusagen einen langen Lauf klein anzufangen. Aber daß wir so voller

Gebrechlichkeit dastehen, wie die Leute es tatsächlich sind, das werden

wir wohl uns selbst zu verdanken haben: weil wir unsere Aussichten

mißachtet haben -- --”

„Ja ja, ja ja!” unterbricht ihn der Konsul. „Was ich meine, ist, daß es

nur zur Besserung in diesem Leben reizen würde, wenn wir gewiß wüßten,

was wir im nächsten zu erwarten haben.”

„Wenn es uns dann nur nicht am Ende noch schlimmer macht, Herr Konsul,

und es ist so schon schlimm genug. Meinen Sie, die Menschen würden sich

einen Vorrat an Gutem erarbeiten, wenn sie die Gewißheit hätten, daß es

nicht streng gefordert wird, und vor allem, daß es keine Eile hat? Der

Mensch würde lieber darauf los leben, lieber auf Kredit sündigen, bis

zum letzten Heller sündigen und sich viele Dasein zurückversetzen. Es

würde noch schwerer sein, sich emporzuarbeiten, als es jetzt ist, noch

leichter, sich hinunter sinken zu lassen. Im nächsten Dasein könnte er

dann ganz vom Grund aus wieder neu anfangen. Alles wäre verloren, da

wäre kein Garten, keine Blume, aber die Bewegung wäre noch da ...”

Die Weiber am Brunnen: Roman · 第 11 / 35 段