Aber Abel hatte gar nicht gehört, daß ihr gerufen worden wäre.

Wieder war es ein mißlungener Abend und ein wahres Elend. Ein paar Tage

darauf aber war der Stadtkutscher seinem schönen Peitschenstiel auf die

Spur gekommen und hatte sich ihn wieder geholt. Und so war es nun also

mit Abel für immer aus und vorbei.

12

Die Jahre vergehen. Die Jugend wird konfirmiert, schießt in die Höhe

und wird lang und groß, sogar ungewöhnlich groß, da die Mode zur Zeit

sehr hohe Absätze unter den Schuhen verlangt.

Fia Johnsen war schon ebenso groß wie ihre Mutter; sie war braunäugig

und von blasser Hautfarbe, ein schönes Geschöpf. Die Sommersprossen

waren fast ganz verschwunden, und sie ließ einen langen Zopf den Rücken

hinunterhängen. Die Leute hatten sie aufwachsen sehen, sie erinnerten

sich noch gut an ihre Geburt, ja, sie hatten ein gutes Gedächtnis, und

sie wußten auch noch, was sie bei ihrer Konfirmation angehabt hatte;

nicht selten standen die Weiber am Brunnen und verbreiteten sich über

all diese Herrlichkeit. Es sei nicht schlecht, Fia Johnsen zu sein.

Ihr Bruder Scheldrup Johnsen war in einem Lande nach dem andern, um

zu lernen; seine Mitbürger verloren ihn von Zeit zu Zeit ganz aus dem

Gesicht, aber Fia war zu Hause. Sie lernte tanzen und Klavierspielen

und abstauben und niedlich sein. Sie zeichnete und malte gern, und

vertiefte sich in die Zeitungen und Zeitschriften im Hause des Konsuls,

auch hatte sie alle die vielen schönen Teller gemalt, die rund herum an

allen Wänden des Eßzimmers aufgestellt sind. „Das Werk meiner Tochter!”

pflegt der Konsul seinen Gästen zu sagen.

Zuerst wurde ihr Talent in der Schule und beim Zeichenlehrer der Stadt

ausgebildet, dann kam sie in größere Städte und Hauptstädte und lernte

mehr, und so oft sie wieder nach Hause kam, konnte sie selbst noch

einsichtsvoller über ihre Teller lächeln. Jetzt war sie soweit, daß

sie eigenhändig die Aussicht von ihrem Fenster und Teile des Gartens

malte. Gut. Aber Fia war sehr jung und bedauerlich mager, durchaus

nicht unterernährt, behüte, aber unentwickelt, ohne Muskeln, ohne

Arbeit. Was sollte sie mit sich und ihrem Talent anfangen? Ihre Eltern

hatten es dazu, sie zu Hause zu behalten oder ihr einen Aufenthalt

auswärts zu gestatten, was ihr selbst lieber war. Und mochte sie sein,

wie sie wollte, so war sie hübsch und einnehmend und nahm nie zwei

Treppenstufen auf einmal, nein, niemals. Aber das war auch alles. Einen

Lebensberuf hatte sie nicht nötig, ihr Talent war unnütz. Ihr Leben

hatte keinen Ernst.

„Sie sollte eine richtige Arbeit haben,” sagt der Doktor.

Er sagt das schon seit mehreren Jahren und ärgert ihre Eltern damit.

Arbeit? Was hätte ihre Tochter arbeiten sollen?

„Soll sie vielleicht Dienstmädchen werden?” fragt der Konsul.

„Dazu taugt sie nicht.”

„Nicht einmal dazu?”

„Nein. Aber streifen Sie ihr die Brillantringe ab und lassen Sie sie im

Garten arbeiten.”

„Dazu hab' ich meine gelernten Gärtner. Die arme Fia ist ja immer sehr

tätig; jetzt will sie eine Weile recht fleißig sein und dann eine

Ausstellung halten.”

„Ach Gott!” sagt der Doktor.

Die beiden Herren sitzen in C. A. Johnsens Kontor, im Doppelkonsulat,

und der Konsul kann also den Doktor nicht einfach stehen lassen und

seiner Wege gehen. „Meine Tochter ist Ihnen mit ihrer Kunst noch nicht

sehr lästig gefallen,” sagt er. „Hingegen haben sich einige Kritiker

lobend darüber ausgesprochen.”

„Ja, das kennen wir. Aber was zum Teufel soll das Kind mit seiner

Kunst, wenn es krank und elend ist?”

„Das verwächst sich.”

„Das ist keineswegs gewiß.”

Merkwürdig, daß sich Konsul Johnsen immer so viel von dem Doktor

gefallen läßt! Daß er ihm auch in allen diesen Jahren nicht ein

einziges Mal die Tür gewiesen hat! Die medizinische Autorität? Was

hatte der Konsul vor andern damit zu tun? Natürlich stand der Doktor in

der Stadt in ungeheuerem Ansehen, das wohl, aber konnte sich das mit

dem Ansehen, das der Konsul genoß, irgendwie vergleichen? Wahrhaftig,

es war für jedermann ein Rätsel, daß der Doktor es sich herausnahm, so

von der Leber weg mit dem gewaltigen Manne zu reden.

Und gerade jetzt war eine Zeit, in der der Konsul Grund hatte, noch

weniger als sonst Ärger hinunterzuschlucken: er hatte vorher schon

genug davon. Er sagt darum so wenig verletzend wie möglich: „Wir Eltern

wollen hoffen, daß die Vorsehung barmherziger gegen Fia sein wird, als

Sie, Herr Doktor. Wollen Sie sich nicht eine Zigarre anstecken, ehe Sie

gehen?”

„Doch gerne, wenn ich gehe. Wenn Sie das mit Fia richtig aufnehmen

wollten, dann hätte sie die Barmherzigkeit der Vorsehung nicht

besonders nötig. Wie ist es denn, soll sie nicht auch einmal heiraten?”

„Taugt sie dazu vielleicht zufällig auch nicht?”

„Ein Mann will eine Frau heiraten und nicht eine Malerin.”

Lächelnd sagt der Konsul: „Nun, dann muß sie sich eben später die

Eigenschaften der verheirateten Frau erwerben. Das hat aber noch

mehrere Jahre Zeit. Vorerst ist sie der Kunst beflissen.”

„Angenommen, sie hätte sich dieses Vergnügen nicht leisten können, so

wäre sie genötigt gewesen, als Frau viel tüchtiger zu werden,” sagt der

Doktor. „Und angenommen, sie könnte sich das nicht immer leisten?”

Wieder sagt der Konsul lächelnd: „Dann müssen Sie sie versorgen.”

„Sie hören doch, ich sage nur angenommen.”

Die Zudringlichkeit des Doktors war wirklich unerträglich, und wenn der

Konsul gewußt hätte, warum er gerade heute so zudringlich war, so hätte

er vielleicht dennoch -- dennoch -- seinem Gast die Tür gewiesen.

O, der neue Brillantring, den Fia bekommen hatte, der war's, der ließ

der Frau des Doktors keine Ruhe mehr. Was sollte sie damit, so ein

Kind? Eigentlich sollte sie noch in kurzen Röcken gehen, jawohl. Und

was war aus dem armseligen kleinen Brillantring geworden, der der Frau

Doktor schon seit vielen Jahren in Aussicht gestellt war? Ach, alles

zusammen war so schwer und traurig! Das tägliche Leben bot auch gar

keine Freuden, huhu!

Aber der Konsul weiß nichts von dem Kampf, den die Doktorsleute

miteinander ausgefochten haben, und er mußte wohl doch ein Körnchen

Vernunft in dem gefunden haben, was der Doktor gesagt hat, denn er

wurde nachdenklich. Er liebte Fia und wollte vor allen Dingen ihr

Bestes, er war ein bißchen zu willfährig gegen sie, ihr Aufenthalt

in den Städten wurde immer teuerer, aber das war notwendig zu ihrer

weiteren Ausbildung: er konnte ihr keine Hindernisse in den Weg legen,

sie hätte sich ja vor ihren neuen Bekannten und Freunden schämen

müssen. In ihrer Güte hatte sie angefangen, den andern Malern Bilder

abzukaufen, um ihnen zu helfen; aber da hatte der Vater Einspruch

erheben müssen, die Ausgaben waren ohnedies groß genug, und sein

Geldschrank war nicht unergründlich. Gut, Fia beugte sich und legte

diesen Fehler ab, aber einige andere behielt sie in der Stille bei,

einige ganz kleine, nur Lappalien gegen all die Tugenden, die sie

schmückten. Wenn sie unter Fremden war, dann trat sie fein und gebildet

auf, aber ein klein wenig zu sehr von oben herab. Sie ließ gerne

durchschimmern, daß sie aus hochgebildetem Hause stamme und einen

Millionär zum Vater habe. Das war halb Betrug und halb Selbstbetrug.

Wenn sie das Postschiff nicht mehr erreicht hatte, konnte sie zu den

Umstehenden sagen: „Wenn ich nur unser eigenes Dampfschiff hier hätte!”

Ach, ihr eigenes Dampfschiff hatte anderes zu tun, als Fräulein Fia

herumzufahren, und außerdem war es ein Kasten, der höchstens acht

Meilen machte, im Durchschnitt nur fünf Prozent trug und zuweilen auch

zwei verlor.

Und gerade jetzt verlor das Dampfschiff Fia wieder einmal.

Der gute Konsul war nicht immer ein guter Reeder, und Scheldrup befand

sich gerade deshalb im Auslande, um die richtige Reederkunst zu

lernen. Es stellte sich heraus, daß es ein Unterschied war, über ein

Dampfschiff richtig zu verfügen, oder eine mit Tran beladene Galeasse

über die Nordsee zu schicken, Kohlen zu holen. Fia brachte nicht auf

jeder Fahrt einen Überschuß, und sie fuhr auch nicht immer ihre acht

Meilen. Aber der Verlust war es nicht allein, Fia war auch noch auf

andere Weise ein Kreuz. Eben jetzt gärte es unter der Mannschaft, die

Leute klagten über die Kost und liefen davon, und der Konsul konnte

nicht begreifen, warum dieselbe Kost nicht mehr so gut sein sollte, wie

alle die vergangenen Jahre her. Und darüber ärgerte er sich.

Auch eine unglaubliche Nachricht ist zu ihm gedrungen, nämlich die,

daß Kaufmann Davidsen auch Konsul geworden ist -- allerdings nur

einfacher Konsul, aber dennoch Konsul. Dann gab es ja gar keine

Grenzen mehr. Davidsen, der vor zwanzig Jahren aus der Nachbarstadt

hierher gezogen war und immer noch von den echten Eingeborenen als

Auswärtiger angesehen wurde, der so manches liebe Mal selbst hinter

dem Ladentisch stand, der den Kindern kleine Fischgeräte verkaufte,

sowie großes Tauwerk und schweres Segeltuch für die Schiffe, alles

einfachere Sachen, ohne Manufaktur und blanke Kurzwaren. Bei Johnsen

am Landungsplatz trugen die Ladendiener gestärkte Kragen, bei Davidsen

hatten sie die Ärmel aufgekrempelt und die Hände mußten Trossen

handhaben können. Das war ja ganz schön, und Arbeit schändet nicht,

aber das war doch kein Konsulatswesen und keine Repräsentation.

Hatte der Konsul sonst keinen Grund, sich zu ärgern? Doch, noch einen.

Mit Oliver, seinem Lagerhausvorsteher, hatte es Widerwärtigkeiten

gegeben. Wieso? Er hatte falsch gewogen. Zu seinem eigenen Vorteil?

Keine Spur, zu dem des Konsuls. Das war ja ganz schön, treue Dienste

schänden auch nicht; aber man darf doch nicht betrügen. Es war so

zugegangen: der Schreiner Mattis hatte einen viertel Zentner Griesmehl

holen wollen, und beim Auswägen hatte Oliver wohl vergessen, seinen

kleinen Finger von der Wage wegzunehmen. Dieser kleine Finger mußte ein

ordentliches Gewicht gehabt haben. Mattis schöpfte Verdacht, ging zu

Grütze-Olsen und ließ nachwiegen. Richtig, wie er gedacht hatte: ein

ganz bedeutendes Untergewicht.

Nun war ja das dümmste, was der Schreiner Mattis tun konnte, daß er mit

dem Mehlsack den Laden verlassen hatte; er hätte sich vor die Stirn

schlagen und seinen Geldbeutel „vergessen” haben müssen, um auf diese

Weise einen von den Ladendienern mit sich ins Lagerhaus zu locken und

das Gewicht nachzuprüfen. Aber Mattis war dumm und hitzig, er ging

seiner großen Nase nach und fing gleich an zu donnern und zu blitzen;

aber was sollte das helfen? Er lief von Wage zu Wage in der Stadt und

ließ seinen Mehlsack nachwägen und erzählte überall warum. Schließlich

kam er wieder zu Johnsen am Landungsplatz zurück, die Kleider voll

Mehlstaub und rasend über alle Maßen.

Nun begab es sich, daß gerade auch Olaus vom Wiesenrain im Laden

war, und Olaus war heute großartig. Voll von Branntwein, übervoll.

Anfänglich war er stumpf und geistesabwesend, als er aber die

Geschichte des Schreiners vernahm, entstand bei ihm plötzlich ein

Bewußtsein auf neuer Grundlage, und er rief laut: „Was, falsches

Gewicht?”

„Falsches Gewicht!” bestätigte der Schreiner. „Es ist bewiesen.”

Der Ladendiener und Berntsen, der Geschäftsführer, suchten ihn zu

beruhigen: „Schreien Sie doch nicht so, der Konsul sitzt ja im Kontor!”

„Er soll nur herauskommen, ich hab' nichts dagegen,” sagte Mattis.

„Heraus mit dem Konsul!” schrie Olaus.

„Sieh her, Olaus, da hast du Tabak für deine Pfeife, und jetzt gehst

du!” sagte der Ladendiener. „Kommen Sie, Mattis, gehen Sie mit mir!”

Sie gingen nach dem Lagerhaus.

Oliver nahm die Sache sehr nett auf und war äußerst nachsichtig gegen

den rasenden Schreiner. Warum sollten sie denn Streit miteinander

anfangen? Er mußte lachen. Meinte Mattis vielleicht, er, Oliver, werde

auf ihn losstürzen wie ein wildes Tier? Er mußte wieder lachen. War

etwas nicht in Ordnung, so war es ein Versehen gewesen, das konnte

jedem vorkommen.

„Ich hab' es nicht zum erstenmal gemerkt,” sagt Mattis.

Oliver schielt zu ihm hinüber und sagt: „Was das betrifft, so reiß'

das Maul lieber nicht so weit auf. Du könntest sonst am Ende Zeugen

beibringen müssen.”

Berntsen wiegt nach und füllt das Fehlende in den Sack; er gibt gutes

Gewicht. „So sollst du für Mattis wägen,” sagt er und schlichtete damit

den Streit. „Das war nicht schön von dir, Mattis, daß du mit dem Sack

in der Stadt herumgerannt bist; du hättest hier auf der Stelle dein

Recht bekommen.”

„Ich war aber doch rasend, denn es war nicht zum erstenmal.”

„Und das hören Sie mit an, Berntsen!” sagt Oliver und verlangt Zeugen.

Aber Berntsen ist ein alter, gewiegter Kaufmann und verfährt klug

und vorsichtig; Schreiner Mattis war kein schlechter Kunde, er war

Handwerksmeister mit Lehrling und Gesellen. Er hatte ein Haus, wenn

auch kein Heim, er hatte nur Maren Salt, jawohl, aber darum war

Mattis doch nicht der erste beste, und jetzt war er auch noch in den

Gemeinderat gewählt.

„Nimm dich in acht, Oliver!” mahnte Berntsen. „Soweit ich es beurteilen

kann, hast du den Fehler gemacht, und du darfst nicht leichtsinnig mit

dem Gewicht umgehen, das würde dir der Herr Konsul auch sagen.”

Damit war diese Sache erledigt.

Dem Konsul war die Geschichte mitgeteilt worden; er selbst war ja

natürlich über jeden Verdacht erhaben, aber geärgert hatte er sich

doch. So, man lief also in der Stadt herum und ließ nachwägen, was bei

ihm gekauft worden war? Und daß sich jemand herausnahm, in seinem Laden

zu schreien: „Heraus mit dem Konsul!” das war genau so, wie wenn die

Matrosen auf der _Fia_ über die Kost klagten. Nein, der alte gute Geist

war von der Erde gewichen, alles sollte gleichgemacht und alle Grenzen

sollten verwischt werden; man drängte sich an ihn heran, man mischte

sich in seine Angelegenheiten, ein Doktor bildete sich ein, in seiner

Gegenwart alles sagen zu dürfen! Und dann die vielen Konsuln, die in

jeder Straße emporschossen!

Der Doktor hätte also eine passendere Zeit und Stunde finden können, um

die Geduld des Konsuls auf die Probe zu stellen.

Es klopft an der Kontortür, und da der Konsul keine Antwort gibt,

so ruft der Doktor: „Herein!” Auch das erlaubt sich der Doktor. Vor

wenigen Jahren noch hätte der Konsul dem sofort ein Ende gemacht,

früher war er nicht so wehrlos gewesen, jetzt schien er irgendwie

innerlich geknickt zu sein. Was in aller Welt hatte er zu fürchten?

Wußte der Doktor etwas vom ihm, dieser Bezirksarzt und Quacksalber,

hatte er irgendeine Waffe gegen den Doppelkonsul?

Herein tritt der Apotheker. Er ist klein und nervös, beinahe gänzlich

bartlos, ein vermöglicher Mann, verheiratet, aber kinderlos, mit

Junggesellenmanieren, er trug fleckige Kleider und roch nach

Medikamenten und Tabak.

„Guten Tag!” sagt er.

„Meinen Sie?” erwidert der Doktor. „Ich meine, es sei ein schlechter

Tag.”

Der Apotheker grüßt den Konsul mit einem Handschlag. Dann reicht er

auch dem Doktor die Hand und sagt: „Darf ich auch Sie begrüßen?”

„Sie meinen, ob ich es mir gefallen lasse?”

Das war wohl dieses Mannes Art, zu scherzen, und die Hand des

Apothekers ergriff er nicht.

„Eine Zigarre, Herr Apotheker!” bietet der Konsul an. Darauf nimmt er

einige große Bogen Papier vom Tisch auf, liest ein wenig darin, ordnet

sie nach der Seitenzahl und legt sie dann wieder aus der Hand.

„Sie sind beschäftigt, wie ich sehe,” sagt der Apotheker. „Ich gehe

sofort wieder.”

„Es sind nur diese Konsulate, die ich auf dem Halse habe,” sagt der

Konsul.

„Die sind wohl auch nicht nur ein reines Vergnügen?”

„Ich bin eben dabei, die Berichte an meine Regierungen auszuarbeiten,

und das ist wahrhaftig keine kleine Arbeit.”

Es kann gut sein, daß der Konsul das halb im Scherz sagt, aber er sagt

es doch mit Würde und macht den Eindruck, als ob seine Ehrenämter eine

rechte Last wären.

„Ihre Regierungen?” fragt der Doktor. „Das ist ja sonderbar, haben

Sie mehrere Regierungen? Ich habe nur eine einzige Regierung: die

norwegische.”

So viel konnte der Konsul zur Not tun: er konnte überhören, was der

Doktor sagte, und den Apotheker fragen, ob er nicht einen sehr guten

Wein haben wolle, Madeira, den und den Jahrgang.

„Was kostet er denn? Nein, das ist für die Apotheke zu teuer. Aber ich

kann fünfzig Flaschen für meinen eigenen Gebrauch nehmen.”

„Mir bietet er keinen an,” dachte der Doktor. „Der Krämer, der Jude!”

dachte er nebenbei. „Wo ist Scheldrup gegenwärtig?” fragt er laut.

„In Havre. Warum fragen Sie?”

„Wann kommt er denn nach Haus?”

„Das weiß ich nicht. Er bleibt wohl noch eine Weile fort.”

„Es ist neun Monate her, seit er zum letzten Male hier war.”

Der Konsul besinnt sich und sagt: „Ja, das stimmt.”

„Ja, das stimmt,” sagt auch der Doktor. Dann gähnt er ungeniert, steht

auf und streift seine Zigarrenasche auf die geputzte Ofenplatte.

„Bitte, hier ist ein Aschenbecher!” sagt der Konsul.

„Ach, entschuldigen Sie!”

Der Doktor tritt ans Fenster und sieht auf die Straße hinaus. Er zeigte

sich wirklich im höchsten Grade überlegen, einem doppelten Konsul so

einfach den Rücken zu kehren!

„Kann ich den Herren heute mit irgend etwas dienen?” fragt der Konsul.

Der Apotheker lehnt dankend ab und ruft: „Kommen Sie, Herr Doktor! Wir

dürfen dem Herrn Konsul nicht länger zur Last fallen.”

„Ich sehe den Kindern da unten zu,” sagt der Doktor, ohne sich zu

beeilen oder sich auch nur umzudrehen. „Ein kleines Mädchen, auch mit

braunen Augen, das gehört gewiß Oliver.” Dann dreht er sich um und sagt

zu dem Apotheker gewandt: „Meinen Sie nicht, es gebe allmählich viele

Kinder mit braunen Augen hier in der Stadt?”

Der Apotheker sagt ausweichend: „So? Nein, davon weiß ich nichts.”

„Und gestern ist ein neues dazu gekommen.”

Der Apotheker sagt, noch immer ausweichend, aber nervös und verdutzt:

„Ein neues? Ja, was soll man dazu sagen?”

„Bei Henriksen auf der Werft wieder einmal. Das heißt bei Frau

Henriksen. Das ist jetzt das zweite braunäugige bei ihr.”

Um den Doktor zum Weiterreden zu veranlassen, sagt der Apotheker nun

sehr eifrig: „Was Sie sagen! Das sind Jakobs Stäbe. War da nicht eine

Geschichte mit schwarzen und weißen Stäben?”

Der Doktor knöpft sich den Überrock zu und macht sich in aller

Gleichgültigkeit zum Gehen bereit. „Was man sagen soll, fragen Sie?

Nun, man kann ja auch schweigen. Ein Wunder ist es nicht, weder in

dem einen noch in dem andern Hause, es ist eine ganz natürliche

Sache. Diese blauäugigen Eheleute haben braunäugige Kinder von einem

braunäugigen Vater, wer er auch sein mag.”

„Was Sie sagen!”

„Soll ich das nicht sagen? Das ist kein atavistischer Zufall. Ich hab'

ein wenig nachgeforscht, es gibt keine braunen Augen in der Familie,

wenigstens nicht, wo die Verwandtschaft noch einen Einfluß haben

könnte.”

„Das ist ja eine verfluchte Geschichte, entschuldigen Sie!”

Der Konsul nimmt an der Unterhaltung mit einem gelegentlichen Lachen

teil oder sagt „Hm!” Sonst steht er gelassen da und wartet darauf, daß

die Herren sich verabschieden.

„Na ja, entschuldigen Sie, Herr Konsul,” grüßt der Doktor endlich. „Es

ist übrigens sehr schade, Herr Apotheker, daß Sie den Madeira noch

nicht haben, sonst hätte ich mit Ihnen kommen und den Wein versuchen

können.”

„Ich werde ihn heute nachmittag schicken,” verspricht der Konsul.

Schon unter der Tür sagt der Doktor: „Denken Sie über das nach, was

ich von Fräulein Fia gesagt habe, Herr Konsul. Wir möchten sie doch

gerne stark und gesund haben. Ich hab' ein ganz besonderes Herz für die

reizende kleine Dame.”

Jetzt sitzt der Konsul allein in seinem Kontor und stiert in seine

großen Kanzleibogen hinein; er ordnet sie nach der Seitenzahl und legt

sie wieder aus der Hand. Was wollten die Herren bei ihm? Regte sich ein

Verdacht bei ihm über dieses „zufällige” Zusammentreffen? Hatten sie

das miteinander ausgemacht, um dem Doppelkonsul einen Duck zu tun?

Sein Gesicht wird immer ernster. Als der Apotheker anklopfte, hatte der

Doktor sofort herein gerufen, damit sein würdiger Spießgeselle nicht

wieder gehe. Komplott! Verschwörung!

Plötzlich macht der Konsul die Tür zum Laden auf und sagt zu Berntsen,

seinem Geschäftsführer: „Schreiben Sie dem Herrn Doktor seine Rechnung

heraus, er hat darum gebeten!”

Aber nachdem Konsul Johnsen diesen Befehl erteilt hat, ist er dennoch

nicht fertig mit der Sache; er hat allerlei nicht hergehörige Gedanken

im Kopf. Seht, er kann also nicht mehr wie in früheren Zeiten alles

leicht nehmen, ein lästiger Hintergedanke kann sich jetzt einstellen

und seine Arbeitslust lähmen. Die Berichte müssen warten, Berntsen kann

sie übrigens auch schreiben.

Er tritt an den Spiegel, setzt den Hut auf, bemüht sich, sein sorgloses

Gesicht von früher aufzusetzen, und wandert mit einigen fertigen

Briefen auf die Post.

13

Der Konsul gibt wohl einer bedrängten Stimmung nach, wenn er mitten in

der Arbeitszeit sein Kontor verläßt; er sucht Ablenkung. Es ist ein

Vorwand, wenn er selbst seine Briefe auf die Post bringt, das tut sonst

ein Laufjunge. Es ist ebenfalls ein Vorwand, wenn er auf der Post die

Dampferlinien auf den Plänen an der Wand studiert, es geschieht nur,

um dem Personal Zeit zu lassen, im inneren Kontor mitzuteilen, Konsul

Johnsen selbst stehe draußen.

Mit verwunderten und fragenden Blicken kommt der Postmeister heraus und

fragt, ob er dem Herrn Konsul mit irgend etwas dienen könne?

Nein, danke. Doch wenn er Zeit habe, möchte er in den Büchern nach

einem eingeschriebenen Brief forschen, er habe einen Scheck enthalten,

und der Konsul habe seither nichts mehr davon gehört.

Sie gehen ins innere Kontor, und die Sache wird sofort aufgeklärt;

danach unterhalten sie sich. Hier ist es kühl, es riecht ein wenig nach

Lack- und Stempelfarbe, und an den Wänden hängen farbige Zeichnungen

von Gottes- und Menschenhäusern, von einzelnen Türmen, von einzelnen

Portalen, von Friesen, Schnitzwerk, schönen Türen, Kaminen, alles Werke

der freien Phantasie. Im Garten vor dem Fenster wiegen einige dichte

Fliederbüsche ihre Dolden im Winde.

Hier sitzt nun der Konsul und horcht auf ein sonderbares Geplauder, so

ganz anders, als was ihm tagtäglich in den Ohren tönt. War er darum

hergekommen? Gewöhnlich langweilte der Postmeister ja die Menschen

zu Tode, der Doktor lief ihm davon. „Gott hat mir nicht die Geduld

verliehen, dieses Geschwätz mit anzuhören,” pflegte er zu sagen. Der

Konsul hat sich auf einen Stuhl gesetzt, er muß müde sein oder ratlos.

Ach, dieser Schwätzer von Postmeister! Er war ja sehr wohlmeinend und

seelengut, aber langweilig, gerade wie der Schmied Carlsen, mit dem

einen Unterschied jedoch, daß der Schmied beinahe niemals redete und

andere quälte, sondern nur immer ganz albern zufrieden war. Zufrieden

in einer Welt wie dieser! Die beiden glichen den Weibern am Brunnen,

ach, sie waren selber nichts anderes als zwei Weiber am Brunnen, nur

daß ihr Geschwätz einen frommen Inhalt hatte, aber ihre Seelen waren

erfüllt von derselben Weibereinfalt. Sie hatten sich zu einer Art von

Lebensansicht durchgerungen und behalfen sich damit: der Postmeister

war auf philosophischem Wege zu seinem Standpunkt gekommen. Zuweilen

kamen allerdings die Ereignisse des Lebens und schlugen ihnen derb auf

den Mund, allein das schien ihre Ansichten nicht zu beeinflussen. So

hatte zum Beispiel Schmied Carlsen sehr mißratene Kinder, hielt aber

dennoch an seinen frommen Ansichten fest und fuhr fort, Gott für Gut

und Böse zu danken. War das nicht der Glaube von Israel? Die beiden

Männer könnten ja vielleicht recht haben, dachten die Leute, sie waren

vielleicht ein Beispiel und Vorbilder. Aber die Stadt wurde darum nicht

anders, die Stadt war der kleine, krabbelnde Ameisenhaufen, und da war

das wohl ein Beweis dafür, daß das Leben seinen Gang ging, trotz aller

Theorien, vielleicht hauptsächlich trotz aller religiösen Theorien.

Sah es denn da nicht ganz hoffnungslos aus für zwei Gerechte in der

ganzen Stadt, was focht sie an, daß sie sich nicht allen den andern

anschlossen?

Die Weiber am Brunnen: Roman · 第 10 / 35 段