-- Olivers Boot.
Und zum erstenmal seit langer Zeit konnte nun Abel ein wenig
triumphieren, konnte er nun auf der Straße erwachsen ausspucken und
sich als mehr denn ein Nichts fühlen. Das konnte Eduard ganz gut tun,
diesem Bruder von Klein-Lydia.
Überdies hing Abel ja auch an seinem alten Kameraden, und als er sich
die Sache ordentlich überlegt hatte, machte er ernst und verabschiedete
sich bei Stadtingenieurs. Es wäre auch einigermaßen gut abgelaufen,
wenn ihm nicht die Hausfrau gar so mütterlich die Hand gedrückt und
gesagt hätte: „Armer Abel, du hast so eine kleine magere Hand!” Ganz
geblendet von Tränen kam er auf die Straße hinaus.
„Hoho!” rief ihm da einer zu, „hast du da drinnen Haue bekommen?” Es
war der Zeichenstift.
Dann saß er also wieder auf der Ruderbank und kam allmählich wieder
zu sich. Seht, er war die reine Landratte und ein ganzer Pferdeknecht
geworden, jetzt legte er dem Boote Zaum an und fuhr dieses, und wenn
ein ordentlicher Seegang war, saß er wieder mit zwei Zoll Körper auf
einer scharfen Kante und balancierte. O ja, das waren wohlbekannte
Dinge, die Kameraden hatten wieder das Leben vor sich und verdienten
wieder Bargeld. Der Kaufmann Davidsen war ein neuer, netter Kaufmann,
mit dem ließ sich gut handeln, er verkaufte ihnen herrliche Fischleinen
und nahm dafür Fische als Bezahlung. Kein Fischer war jetzt besser
ausgerüstet, als die beiden Jungen. Nachdem eine Woche vergangen war,
konnte Abel einen Wagen sehen, ohne von ihm in Versuchung geführt zu
werden.
Aber trotzdem quälte ihn die Erinnerung an Klein-Lydia noch lange; er
machte Umwege, um nicht mit ihr zusammenzutreffen, und erwähnte sie
niemals. Nein, aber er brachte Eduard dazu, von ihr zu sprechen, ihren
Namen auszusprechen, wenn auch nicht mehr. Abel fragt:
„Ist das nicht Alice, die dort drüben geht?”
„Wo?”
„Dort. In dem gelben Kleid.”
„Nein. Es ist Klein-Lydia.”
In alten Tagen war er damit betraut worden, schwere Sachen für sie zu
tragen, wenn sie Besorgungen gemacht hatte und er ihr begegnete, jetzt
war das vorbei, er bot sich auch nicht mehr dazu an. Laß sie laufen!
Und besonders jetzt, wo die Tanzlehrerin wieder in die Stadt gekommen
war und Klein-Lydia in die Tanzstunde ging, was Abel nicht tat; nun
waren ihre Wege erst recht geschieden. Das Schicksal hatte eingegriffen.
Nach vierzehn Tagen dachte keiner von den beiden Jungen mehr an etwas
anderes als ans Meer. Abels Kriegsschule konnte ganz gut sein, und sie
besprachen auch diesen Plan miteinander; aber später hörten sie, daß
eine Kriegsschule wieder gleichbedeutend mit Lehrern und Aufgaben war.
O nein, wenn sie nur erst konfirmiert waren, dann verheuerten sie sich
und gingen auf See. Das war das einzige für einen Mann.
„Wem sollen wir heute Fische liefern?” fragt Eduard.
„Heute nehm' ich das Bündel mit nach Hause,” erwidert Abel.
„Willst du keine verkaufen?”
„Nein. Mein Vater sagte, ich solle für heut abend zum Kochen
mitbringen, weil Frank heimgekommen ist.”
Eduard sitzt eine Weile in Gedanken versunken da, dann sagt er: „So,
ist er heimgekommen? Was meinst du, wenn Frank Pfarrer wird, dann kann
er uns verdammen.”
„Uns verdammen? Kann er das?”
„Ja, denn dann lernt er das Beschwören.”
Frank wurde eine Art mystische und halb gefährliche Erscheinung für die
beiden. Es hätte keinen Sinn, wenn man sich mit ihm überwürfe.
11
Was ist das für ein neuer Schild, der über Konsul Johnsens Kontortür
angebracht wird? Wieder ein Schild oder ein Wappen, war er geradezu
adlig geworden? Belgischer Konsul war er geworden.
Die Leute hatten wohl gemerkt, daß er mit etwas Besonderem beschäftigt
war, nun war es also wohl das gewesen, nämlich noch einmal so viel zu
werden, als die andern Konsuln am Ort.
Und das hatte sehr viel zu bedeuten: noch ein Wappen am Hause, Frau
Johnsen noch einen Ring am Finger mit einem Stein darin!
Als der Schulvorsteher das neue Schild betrachtet und entziffert hatte,
schlug er sich den Staub von seinem abgetragenen Rock weg und ging
hinüber in das Doppelkonsulat. Wenn er jetzt die Gelegenheit benützte,
eine Unterredung mit dem Herrn Konsul zu bewerkstelligen, so war das
wirklich recht schlau gemacht.
Er gratulierte mit wohlgesetzten, ehrerbietigen Worten. Der Herr Konsul
sei also von einer weiteren Regierung zum Vertrauensmann ausersehen
worden.
O ja, allerdings. Übrigens sei da nichts als Arbeit und auch keine
so kleinen Ausgaben mit verbunden. Aber man könne sich dem nicht gut
entziehen. „Doch um auf etwas anderes zu kommen, so möchte ich Ihnen,
Herr Schulvorsteher, für meine kleine Fia bestens danken. Ich bin froh,
daß das Examen überstanden ist. Es hätte ja etwas besser ausfallen
können, aber das ist nun nicht zu ändern, sie soll ja auch nicht
Lehrerin werden.”
Sie sprechen weiter über dieses Thema: jawohl, Fia könnte gut Lehrerin
werden, in mehreren Fächern andere unterrichten. Warum nicht? „Und nun
Herr Konsul, komme ich zu Ihnen als dem Ersten in allem miteinander,
ich habe ein Anliegen an Sie.”
„Nun?”
„Ein ernsthaftes Anliegen. Es handelt sich um einen Schüler, der in
seiner glänzenden Entwicklung nicht aufgehalten werden und zugrunde
gehen darf. Es ist Frank, der Sohn von Oliver.”
„Was ist mit ihm?”
„Sie haben ihn ein Jahr ums andere gekleidet, und Sie haben für die
ganze Familie Ihre große Teilnahme bewiesen --”
„Durchaus nicht!” unterbricht ihn der Konsul.
Der Schulvorsteher sieht den Konsul verwundert an, dann sagt er:
„Zuerst haben Sie seine Mutter gehabt --”
„Im Dienst. Jawohl, Petra, sie hat bei uns gedient.”
„Ja. Und dann haben Sie dem Vater sein Auskommen gegeben. Deshalb meine
ich, Ihre Wohltaten gegen die Familie sind sehr groß und sehr zahlreich
gewesen. Aber jetzt braucht Frank Hilfe, er braucht sie sofort höchst
notwendig, helfen Sie ihm also weiter, Herr Konsul!”
Zuerst war der Konsul durchaus nicht entzückt über dieses Ansuchen, im
Gegenteil, er runzelte die Stirne. Er war der Erste in der Stadt, jetzt
war er so hoch gestiegen, als er überhaupt steigen konnte, und so hatte
er wohl keine Lust, noch größer zu sein, als er war; deshalb sagte er:
„Wenn Sie meine Wohltaten aufzählen -- wie Sie sie freundlicherweise
nennen -- meinen Sie dann, das sei ein weiterer Grund, wieder zu mir zu
kommen?”
„Wir möchten so gerne den ersten Namen der Stadt obenan haben, dann
versuchen wir es bei andern. Aber wir sind uns ganz bewußt, daß wir
jetzt -- ja, daß wir jetzt -- die Hilfsbereitschaft eines Mannes
mißbrauchen, dem es sehr schwer fällt, nein zu sagen.”
„Was soll denn der Junge werden?”
„Er kann werden, was er will, so fleißig und strebsam, wie er ist. Ganz
besonders leicht fallen ihm die fremden Sprachen.”
Der Konsul überlegt, er starrt in die Luft und überlegt, dann tut er
den merkwürdigen Ausspruch: „Es könnte mißverstanden werden, wenn ich
der Familie noch weiter helfen würde.”
„Mißverstanden?”
Nun ändert der Konsul seinen Ton, der Schulvorsteher hat also nicht
einmal etwas von einer gewissen Backpfeife gehört. Er sagt deshalb: „O
ja, es wird geklatscht, man entblödet sich nicht. Es heißt, ich tue
meine kleinen Wohltaten aus lauter Prahlerei,” sagt der Konsul.
So etwas hat der Schulmeister noch nie gehört, niemals. „Ach, aber
darüber müßte ein Mann wie Sie, Herr Konsul, erhaben sein, himmelhoch
darüber stehen müßten Sie. Alle besseren Elemente in der Stadt sind auf
Ihrer Seite.”
Sie beraten weiter darüber, der Konsul ist immer noch nicht ganz
beruhigt wegen möglicher Klatschereien, wegen der allgemeinen
Beurteilung, aber schließlich gibt er nach und sagt: „Ja -- eine
Handreichung muß ich wohl gewähren.”
Jetzt war vielleicht der Schulvorsteher ein wenig unruhig geworden,
aber er gibt seinem Gefühl in vorsichtiger Weise Ausdruck. „Tausend
Dank, Herr Konsul, ich wußte es ja, daß ich nicht mit leeren Händen
abziehen müsse. O, hier ist Gelegenheit für Leute von Macht, Größe zu
zeigen. Sonst gehen diese ungewöhnlichen Anlagen für das Geistesleben
und das Land verloren.”
„Ja, sagten Sie denn nicht, Sie möchten eine Handreichung?” fragt der
Konsul.
„Doch. Allerdings, in einem Umfang, den Sie Handreichung nennen, Herr
Konsul. Es handelt sich also um eine jährliche Unterstützung während
der Studienzeit des Jungen.”
Nein, so weit zu gehen, daran hatte der Konsul wohl noch nicht gedacht.
Er sagt: „Ach so!” und schüttelt den Kopf.
In diesem Augenblicke klopft es mit einer behandschuhten Hand an die
Tür. Frau Konsul Johnsen tritt ein und sagt: „Entschuldige, ich gehe
gleich wieder.”
Ach, war es nicht das Schlimmste, was dem Konsul widerfahren konnte,
daß gerade jetzt seine Frau dazu kam! Und der Schulvorsteher mußte sie
ja in seiner Einfalt sofort in den großen Plan über den Jungen Frank
einweihen. „So,” sagte Frau Johnsen; „ach so,” sagte sie.
Aber gerade ihre Gegenwart sollte dem Plane zugute kommen. Auch Frau
Johnsen hatte an diesem Tage, wo sie noch einmal so viel geworden war
als andere Frauen, etwas Großes im Sinne, sie sah ihren Mann an und
sagte: „Ja, hier wirst du wohl eintreten müssen.”
Da fühlte sich der Konsul merkwürdig erleichtert, er hatte also ganz
einfach seine Frau als Verbündete bei einer Wohltat gegen die Familie
Oliver. „Es ist ein großes Glück, wenn man eine verständnisvolle Frau
hat,” sagt der Konsul. „Ich wollte gerne hören, wie du darüber denkst,
Johanna.”
„O, die gnädige Frau kennen wir schon!” rief der Schulvorsteher aus.
Ertrug sie das nicht, ertrug sie so etwas nicht? Sie wurde ganz
verdutzt und fragte: „Hat der Junge seinen Taufbund erneuert?”
„Er soll jetzt konfirmiert werden. Und dann soll er gleich aufs
Gymnasium kommen; das ist die Absicht.”
Der Konsul fragt: „Wen wollen Sie außer mir noch für diese Sache
gewinnen?”
„Die beiden Konsuln, Olsen und Heiberg --”
„Dafür bin ich nicht,” wendet Frau Johnsen ein.
„Nein, nein, vielleicht nicht. Dann hatten wir an Rechtsanwalt
Fredriksen gedacht. Er ist der Besitzer von Olivers Haus, er müßte zu
dem Zweck dieses Haus schenken können.”
Aber nun fühlte sich Konsul Johnsen durch die Haltung seiner Frau
wahrhaftig so weit unterstützt, daß er die Achseln zuckte und sagte:
„Ach, so ein Rechtsanwalt! Er politisiert immerfort und will in den
Landtag gewählt werden. Mag er das weiter treiben, zu viel anderem
taugt er wohl kaum.”
Dazu lächelte der Schulvorsteher und gab seine Zustimmung zu erkennen.
Aber dann nennt er Henriksen, ja, sie wollten versuchen, auch Henriksen
zu gewinnen.
„Welchen Henriksen?” fragt Frau Johnsen.
„Henriksen auf der Werft.”
„Na der!” ruft Frau Johnsen.
„Ja, darüber ist weniger zu lächeln,” sagt der Konsul, um seine Frau
etwas zurückzuhalten.
Aber Frau Johnsen kann wohl heute nicht viel ertragen, und so erträgt
sie auch keinen Hemmschuh, ihr Ausdruck wird kühl.
Der Konsul fährt fort: „Nein, das Entscheidende ist, daß gar nicht
gesagt ist, was Henriksen überhaupt zum Weggeben hat.”
Frau Johnsen fällt ein: „Freilich, das wissen wir nicht. Aber wir haben
auch keinen Verkehr mit ihnen.”
Der Schulvorsteher sitzt wie auf glühenden Kohlen, bis er die Sache
wieder in Ordnung hat. Alle drei reden über Henriksens auf der Werft
und stimmen miteinander überein, daß sie in ihrer Art ganz gute Leute
seien, aber etwas aus dem Rahmen fallen, etwas unkultiviert seien, und
daß der Mann gern ein Glas trinke.
„Nun,” sagt Frau Johnsen schließlich, „ich wollte mir nur rasch eine
Banknote bei dir holen.”
Der Konsul tritt an seinen Geldschrank. „_Eine?_” sagt er fragend.
„Ja, wenn sie groß genug ist.”
Als Frau Johnsen gegangen ist, setzt sich der Konsul wieder und
beratschlagt nun mit dem Schulvorsteher. „Eine jährliche Unterstützung,
ja,” sagt er. „Das war es übrigens auch, was ich vorhin mit einer
Handreichung gemeint hatte. Haben Sie schon mit dem Doktor über diese
Sache gesprochen?”
„Ja. Und er will auch nach Kräften dazu beisteuern. Aber er hat wohl
nicht viel.”
„Was wird er haben! Nein, nun hören Sie, ich kann es ebensogut gleich
sagen: ich bestreite diese Ausgaben. Sie können heimgehen und ruhig
schlafen, Herr Schulvorsteher.”
„Aa!”
„Ja, ich tu's,” sagt der Konsul, indem er aufsteht. „Ich werde diese
Handreichung, diese jährliche Unterstützung allein bestreiten.”
Der Schulvorsteher stand auch auf und murmelte überwältigt: „Hier
erkenne ich Sie wieder, Herr Konsul.”
Und seht, nun brauchte also der Junge Frank nicht wieder in seine
Umgebung herabzusinken, nicht zurück in das Dunkel, aus dem er
hervorgegangen war. Alles kommt in Ordnung, der Schulvorsteher konnte
triumphieren, konnte jedes bessere Element auf der Straße anhalten und
ihm die Neuigkeit berichten, er konnte persönlich zu Olivers hingehen
und sie kundtun. Das war ein glücklicher Tag für ihn, es war, als
habe er selbst einen wohlüberstandenen Examenstag noch einmal hinter
sich, für ihn gab es keine größeren Freuden, als wenn er auf diese
Weise Gutes tun und die Überlegenheit des Unterrichts und der Bücher
feststellen konnte, das war sein Beruf und seine Leidenschaft. Eine
Leidenschaft muß der Mensch haben, manche trotzen Feuer und Wasser, um
Zeitwörter biegen zu dürfen.
Der Schulvorsteher begegnete einer Schar Schuljugend, die von
einem Gebirgsausflug zurückkam. Die Schar war ermüdet von ihren
Anstrengungen, mit wunden Füßen, sonnverbrannt, von bösen Ochsen und
Bauern geärgert, kamen sie daher. Der Schulvorsteher wird schon von
weitem erkannt, die Schar nickt ihm zu, begrüßt ihn. Die größten
der Kinder sind ihn nun los, er hat die Tortur während der ganzen
Zeit ihres Heranwachsens geleitet, aber es war nur zu ihrem eigenen
Besten, er rüstete sie aus fürs Leben, rüstete sie aus für Ackerbau,
Fischfang, Viehhaltung, Handel, Industrie, Kunst, Familienleben, Träume
und Gottesverehrung; aber jetzt sind sie frei von ihm, sie haben ihr
Examen hinter sich, nun sollen sie ihre Rüstung im Kampf erproben.
Da gehen sie nun hin und verwahren gewissenhaft in ihrem kleinen
Gehirn den Flächeninhalt der Schweiz, die Jahreszahlen der punischen
Kriege, sie stürmen ins Gebirge mit folgender Naturwissenschaft im
Herzen: Fische sind Wirbeltiere! Sie hinken heimwärts mit ihrer ersten
Erfahrung von einem matten Blutumlauf. Der Schulvorsteher begegnet
ihnen, begegnet diesen Kindern, für die es vielleicht viel besser
gewesen wäre, wenn sie etwas vom wirklichen Leben gekannt hätten; er
selbst ist ein alter Mann mit dem Gehirn eines Konfirmanden, er ist
halbverhungert und abgerackert, sein Rock hängt an ihm herunter wie von
einem Kleiderträger, der Aufhänger steht ihm im Nacken heraus; aber da
schreitet er einher, der Vorsteher der Schule, der Vorsteher des großen
steinernen Schulhauses.
„Nun, wie ist es euch auf dem Ausflug ergangen?”
„Soso, Ochsen, Bauern --”
„Darüber muß man erhaben sein, himmelhoch darüber erhaben. Wollt ihr
eine erfreuliche Neuigkeit hören?”
„Ja, ja!”
„Frank kommt aufs Gymnasium!”
Einige von den Kindern sind so klug, zu tun, als sei dies die
erfreulichste Neuigkeit, die sie hören könnten, andere sind
gleichgültig, einige neidisch. Seht, für den Reinert in Kniehosen ist
es leicht, Freude zu bezeugen, er, der das von den Fischen weiß und
überdies ausgesprochenes Sprachtalent hat! Frank in eigener Person ist
nicht ohne Interesse für die Neuigkeit, sein sonnverbranntes Gesicht
wird einen Augenblick noch dunkler, aber er sinkt nicht auf die Knie
nieder. Nein, denn er hat auch früher schon Geschenke bekommen, es ist
ihm die ganzen Jahre über von andern vorwärts geholfen worden, er ist
nie gezwungen gewesen, selbst Auswege zu finden; es würde sich schon
machen, alles würde schon in Ordnung kommen! Und jetzt sollte ihn eine
besonders große Freude durchzucken? Frank durchzucken? Der Junge ist
ja niemals froh gewesen, keinen einzigen Tag in seinem Leben. Er ist
strebsam in der Schule gewesen und fühlte sich befriedigt, weil die
Menschen seinen Fleiß und seinen Ehrgeiz hochachteten, das war alles.
Nein, er kennt die leidenschaftlichen Ausbrüche nicht, er ist nie
droben, hoch droben gewesen und dann heruntergestürzt, ist nie auf den
Boden gesunken und wieder nach oben geschwommen, er hat sich keiner
Gefahr ausgesetzt und hat nie etwas abzuwehren gehabt; anstatt sich aus
einer Klemme herauszubringen, vermied er es, in eine hineinzukommen.
Klug getan, aber erbärmlich getan. Gott hat ihn zum Philologen
ausgerüstet.
Er verabschiedet sich von den andern und geht heim. Da bekommt er
frische Fische zum Abendbrot, etwas, das ihm wahrlich not tun kann. Der
Vater ist schon heimgekommen, Abel sitzt ausnahmsweise auch einmal im
Schoße der Familie; der alte, ausgediente Kater schnuppert und läuft im
Kreise herum, immer näher zum Fischgericht heran und miaut.
Es war, als sei etwas Fremdes in die Stube hereingekommen -- Frank,
als eine noch merkwürdigere Person denn sonst. Jetzt sollte er
konfirmiert werden und dann fortreisen. Die Großmutter ist stumm
darüber und ist gegen ihn schon wie ein sündiges Gemeindelamm gegen den
Pfarrer. Vielleicht dachte sie, könnte es einmal von Nutzen sein -- im
Beichtstuhl.
Oliver sitzt am Tisch mit dem kleinsten Mädelchen auf dem Schoß und
Petra mit dem vorjüngsten, dem blauäugigen; alle essen. Oliver ist
wahrhaftig etwas niedergedrückt; er plaudert mit der Kleinen, um es
etwas weniger feierlich zu machen: „Sie ist so klein,” sagt er, „und
Vaters kleines Mädchen ist sie, sie ist nicht gefährlich und groß, nur
ein liebes kleines Ding. Wem sein Mädelchen bist du? Vaters, ja das
wußt' ich.” Dazwischen steckt er dem Kind eine Rübe in den Mund, sorgt
aber sonst für sich selbst. O, Oliver kann tüchtig essen, wenn Petra
ihm gegenüber nicht fest hinsteht. „Ja ja, für die heutigen Fische
haben wir uns bei Abel zu bedanken,” sagt er.
Als ob das etwas Wichtiges und nicht etwas ganz Gleichgültiges gewesen
wäre!
Petra ist von dem hingenommen, was dem Hause widerfahren ist, und sie
bringt Frank dazu, ihr auf ihre Fragen Rede und Antwort zu stehen.
„Das Gymnasium,” sagt Oliver und nickt ihr zu, „ja, das ist der
richtige Weg!” Aber er hat leider nicht Verstand genug, um das Thema
weiter zu verhandeln, und sobald er gegessen hat, spielt er wieder mit
der Kleinen und gibt ihr die weiße Engelsfigur als Puppe.
Seht, es ist jetzt nicht mehr viel übrig von den Zieraten auf der
Kommode, sie sind zu oft als Spielsachen für die Kleinen benutzt
worden, und was den kleinen Taschenspiegel im Messingrahmen betrifft,
so ist der allerdings nicht den Weg alles Fleisches gegangen, sondern
Oliver hat ihn ausgeführt, um sich im Lagerhaus darin spiegeln zu
können. Das verdorbene Mannsbild, das Frauenzimmer, er betrachtete sich
im Spiegel!
Er wartet, bis er besser zu Wort kommen kann, um etwas kund zu tun.
Was kann das für eine Neuigkeit sein, die er mit sich herumträgt? Daß
Johnsen am Landungsplatz doppelter Konsul geworden ist? Das auch, das
ist das erste. Aber plötzlich sagt er zu Petra: „Sie redeten davon, daß
bei Johnsens eine große Gesellschaft gegeben werden soll.”
Oliver kam ab und zu mit einem Auftrag für seine Frau heim, daß man sie
bei Johnsens nötig brauche, Frau Johnsen habe gesagt, Scheldrup habe
ein Wort darüber fallen lassen, auch der Konsul selbst hatte bisweilen
eine Arbeit für sie. Manchmal hatte es nichts auf sich, es war ein
„Mißverständnis” von Oliver gewesen, und es kam auch vor, daß es eine
freie Erfindung von ihm war. Aber so oft Petra einen solchen Bescheid
bekam, zog sie ihren Sonntagsstaat an und ging fort; das schadete
niemand, und sie bekam jedenfalls eine Freistunde.
„Na, haben sie nun wieder Gesellschaft?” fragt sie.
„Es scheint so. Wenn er doch Doppelkonsul geworden ist. Du wirst es ja
hören.”
„Dann soll ich wohl ein wenig helfen?”
„Ja. Und vielleicht sollst du heut abend auch das Kontor aufwaschen.
Ich hab' es nicht so genau gehört.”
Petra geht. Die Großmutter bleibt bei den Kleinen, die Stube leert sich
allmählich. Oliver schleicht seiner Frau nach und paßt eifersüchtig
auf, ob sie auch wirklich zu Konsul Johnsens geht. Doch Petra ist
an dieses Auflauern gewöhnt, sie weiß, sie hat ihn hinter jeder
Straßenecke, und sie wehrt jedem Streit, indem sie weder nach rechts
noch links ausweicht.
Auch Abel bleibt nicht zu Hause. Er hat einen herrlichen Peitschenstiel
gefunden und ihn unter der Türschwelle versteckt. Jetzt holt er
ihn hervor und betrachtet ihn, es ist ein aus Riemen geflochtener
Peitschenstiel, sehr biegsam und ausgezeichnet, Abel weiß sofort,
wozu er zu gebrauchen ist. Auf alle Fälle kann er ihn in der Hand
tragen, ihn durch die Luft sausen lassen; er hat einen stattlichen
Messingknopf. Abel kennt die Fuhrleute der Stadt und weiß so ungefähr,
wer den Peitschenstiel verloren hat; aber leider ist er gerade nicht
ehrlich aufgelegt und mag ihn darum nicht dem Besitzer hinbringen.
Statt dessen geht er zum Fischer Jörgen.
Ach, daß er es nicht lassen kann, um dieses Haus zu kreisen, dieses
Eden, aus dem er vertrieben worden ist! Daß Eduard auch nicht wo anders
wohnt!
War das übrigens nicht Eduard, der soeben dort unten über die
Straße gegangen ist? Und ist das nicht der Stadtingenieur, der ihm
entgegenkommt? Abel kann doch nicht einfach an ihm vorbeilaufen, um
seinen Kameraden einzuholen?
„Guten Tag, Abel!” sagt der Stadtingenieur. „Hör du, ich hab' den
Verdacht, daß du es gewesen bist, der mir einige Male ein Bündel Fische
an die Küchentür gehängt hat. Ich will dir die Fische bezahlen,” sagt
er und zieht den Geldbeutel heraus.
„Das -- nein --” sagt Abel stotternd.
„Was? Meine Frau ist überzeugt, daß du es gewesen bist.”
„Es sind nicht viele gewesen,” sagt Abel.
Der Stadtingenieur streckt ihm eine Krone entgegen, denn er hat selbst
nicht viel zum Bezahlen. „Das war nett von dir,” sagt er.
Dann geht jeder seines Weges, und Abel lenkt seine Schritte dem Hause
des Fischers zu. Seine Augen sind etwas feucht von den letzten Worten
des Stadtingenieurs.
Die Hühner haben sich bereits aufgesetzt, und im hinteren Höfchen ist
es still. Aber als Abel den Kopf hereinsteckt und Klein-Lydia sieht,
ruft er auf gut Glück:
„Eduard!”
Klein-Lydia antwortet:
„Hu, wie du mich erschreckt hast, du Schreihals!”
„Ich wollt' nur sehen, ob Eduard nicht da ist.”
„Da komm her! Eduard ist eben wieder weggegangen. Er hat zu Hause
gegessen und ist dann schnell wieder fort. Da komm her, hörst du!”
„Du bist selbst ein Schreihals!” sagt Abel plötzlich. -- Ein Irrtum war
ausgeschlossen, er selbst hörte seine Worte deutlich.
Klein-Lydia hatte unterdessen vor einem Stuhl mit Schreibsachen
gekniet. Jetzt steht sie auf, und es ist nichts Böses mehr in ihr,
sondern nur noch Reue über ihren übereilten Ausdruck. „Sei mir nicht
böse!” sagt sie, und allem Anschein nach ist sie wieder auf dem Punkt,
in Tränen auszubrechen.
Abel ist zu blöde, einen Versuch zu machen, sie geradezu zu trösten;
aber er geht doch so weit, daß er fragt: „Was hast du da geschrieben?”
„Briefe! Da sieh her, was ich für Finger habe!” sagt sie und streckt
ihm ihre tintengeschwärzten Finger entgegen. „Ach du liebe Zeit, wie
ich ausseh'!” ruft sie und klopft sich den Sand vom Rock.
Jetzt ist alles wieder gut zwischen ihnen, und Klein-Lydia läßt ihr
Mundwerk laufen. „Du kannst froh sein, daß du nicht so viele Briefe
schreiben mußt. Kannst du Briefe schreiben?”
„Das weiß ich nicht.”
„Ich hab' so viele Freundinnen von der Tanzstunde her, denen ich
schreiben muß. Was hast du denn da? Einen Stock?”
„Siehst du denn nicht, was es ist? Das ist ein Klopfer, zum Kleider
ausklopfen.”
Lydia biegt ihn und macht zur Probe einen Schlag durch die Luft, dann
nickt sie befriedigt: ja, der sei großartig.
„Du kannst ihn haben,” sagt er.
Und so geschieht es.
Sie reden von dem und jenem, und Klein-Lydia tut sehr reif und
erwachsen; sie habe den Tag über so sehr viel zu tun und sei abends
ganz erschöpft von all dem Nähen und Stricken und der Hausarbeit.
„Weißt du, was ich denke?” fragt sie.
„Nein.”
„Nun, es ist ja auch einerlei. Aber jetzt ruft mich meine Mutter bald,
und dann ist es zu spät, wenn du mir etwas sagen willst.”
Dies kommt ihm sehr unerwartet, er ist ganz verdutzt. Was sollte er
sagen? Was meinte sie?
„Ja!” rief Lydia plötzlich mit schriller Stimme zum Haus hinüber und
lief hinein.