Jungen mehr daheim zu halten.”
„Die Jungen? Warum?”
„Gestern abend sind sie wieder draußen gewesen. Ich bin manchmal recht
in Sorge um sie.”
„Um den Eduard und den Abel? Nein, Jörgen, das ist nicht nötig,”
erwidert Oliver und fühlt sich überlegen. „Diesen Burschen geschieht
nichts.”
„Sie kommen manchmal so sehr spät heim. Ich wünschte, du gäbest ihnen
das Boot nicht.”
„Laß doch die Jungen!” sagt Oliver. „Als ich im Ausland fuhr und in
allen Städten der Welt war, hab' ich überall kleine Jungen gesehen, die
in einem Boot draußen waren. Du solltest auf den großen Ozean kommen,
da springen sie vom Boot aus ins Wasser und schwimmen wie die Aale.”
„Aber dann lernen sie ihre Schulaufgaben nicht.”
Die beiden Väter besprechen die Sache verständig nach beiden Seiten
hin, und Oliver ist überdies der erfahrenere von den beiden und ein
Weltumsegler; Jörgen kann ihn wohl anhören. Aber plötzlich sagt Jörgen:
„Ja, aber es ist nicht ausgeschlossen, daß sie Fische stehlen.”
„Na,” sagt Oliver. Darauf kommt ihm wohl der Gedanke, daß Diebstahl
unvereinbar mit seiner neuen Stellung sei, und er bleibt jählings
stehen. „_Stehlen_ sie Fische?” fragt er.
„Nicht von den meinen, aber Martin auf dem Hügel klagt über sie.”
„Jetzt werd' ich mit den Jungen reden!” erklärt Oliver. „Jawohl, und
dann soll auch ordentlich mit ihnen geredet werden.”
Diese beiden, der Fischer Jörgen und Oliver haben im Lauf der Jahre
manches Gespräch miteinander geführt, und sie waren immer ohne einen
Gruß und Gute Nacht auseinandergegangen; aber an diesem Abend sagt
Oliver: „Willst du nicht bei uns hereinsehen?”
Jörgen ist langsam und als Geist betrachtet nicht schlagfertig: Was
meinte denn der Nachbar, der Mann vom Lagerhaus?
„Ich weiß nicht, ob Petra vielleicht eine Tasse Kaffee und etwas
Backwerk hat; wir könnten es ja probieren.”
„Nein, ich danke, aber es ist für heut' abend zu spät,” erwidert Jörgen
auf diese Großtuerei.
„Na, ja ja. Nun, dann grüß daheim!”
So etwas hatte Jörgen noch nie gehört: daheim grüßen!
Als er heimkam, mußte er seiner Frau sein Erlebnis erzählen, und
Lydia, die Kluge, war nicht faul, alles zu durchschauen. „Sie werden
verrückt,” sagt sie. „Dies wäre ja einerlei, den Kaffee bezahlen sie
wohl nicht mehr teuer, wenn sie ihn im Lagerhaus finden können; aber
Backwaren! Und jetzt ist Petra selbst beim Schulvorsteher gewesen und
hat gefragt, ob ihr Frank nicht Pfarrer werden sollte.”
Die tüchtige Lydia, sie war nicht ganz frei von Neid. Na, Petra hatte
wahrlich Grund, stolz zu sein -- es müßten nur die vielen braunäugigen
Kinder sein, haha! Nein, das war wahrlich nicht der Mühe wert! Den
grauen Mantel, den sie bekam, ehe sie verheiratet war, den konnte sie
jetzt nicht mehr tragen, was man auch nicht erwarten konnte; aber eine
verheiratete Frau sollte nicht wieder einen hellen rotbraunen Mantel
haben, den sie eben jetzt von Frau Johnsen geschenkt bekommen hatte,
das schickte sich nicht, sie machte sich ja lächerlich damit.
Arme Petra, alle waren hinter ihr her, sie war eigentlich ein
unglückliches Geschöpf, ein angebundenes Stück Vieh, das die Fessel
toll macht. Das schlimmste aber für sie selbst und für andere war, daß
sie so ungenügsam und so unzufriedenen Sinnes war. Sie hatte nun ihr
Heim und ihr Auskommen, hatte Mann und Kinder, da hatte sie sich doch
nicht so schlecht gebettet, oder wie? War sie mehr wert? Hatte sie
nicht alle Ursache, mit einem Manne wie Oliver, der zum Vorstand von
Konsul Johnsens Lagerhaus emporgestiegen war, glücklich zu sein? --
Oliver tritt in seine Stube und hängt den mächtigen Schlüssel an seinen
Nagel am Fensterpfosten. Er hat selbst das Kleingeld für die Kuchen,
die beim Bäcker geholt werden sollen, hergegeben; jetzt kommen sie auch
auf den Tisch, jawohl, aber nicht viele, nicht ein Haufen für ihn, der
der Versorger ist, außerdem benimmt sich Petra nicht im geringsten
höflich, sondern legt die Kuchen auf den bloßen Tisch. Um ihr eine
Lehre zu geben, nimmt Oliver seine Obertasse weg und legt die Kuchen
auf die Untertasse, dann schaut er auf. Aber Petra ist nun verdrießlich
und sagt: „Ich wußte nicht, daß du in Gesellschaft bist.” Oliver ist
sich seiner Würde bewußt, streiten tut er nicht, wenn er es vermeiden
kann; so gibt er den beiden kleinen Mädelchen jedem einen Kuchen,
dann hat er noch einen für sich. Jawohl, Oliver ist naschhaft wie ein
Frauenzimmer, er genießt sein süßes Kuchenbrot mit Behagen und trinkt
Kaffee dazu, danach macht er sich zum Abendbrot tapfer an den Brotlaib
und die Margarine.
„Was hatte denn Jörgen in der großen Blechkanne?” fragt Petra.
„Maleröl.”
„Was, will er anstreichen?”
„Das ist wohl seine Absicht.”
„Ja, manche Leute können anstreichen lassen und es hübsch bei sich
machen!” sagt Petra.
Von Olivers Seite Schweigen. Kurz nachher nimmt sie wieder das Wort.
„Der Mattis, der ist nun obenauf, er hat einen roten Briefkasten an
seinem Haus.”
„Woher weißt du das?” fragt Oliver.
„Woher ich es weiß? Ich ging da vorbei, und da sah ich's.”
„Was hattest du in der Gegend zu tun?”
Petra spottet: „Ich werde dich wohl um Erlaubnis fragen, ob ich vor
meine Haustür hinausgehen darf!”
„Warum hast du denn den Mattis nicht genommen?” fragt Oliver. „Dann
hättest du ja jetzt einen roten Briefkasten.”
Von Petras Seite Schweigen.
Die Sache aber war die: jetzt war Oliver gut und dankbar gegen die
Vorsehung für das Große, was er erreicht hatte, er philosophierte
nicht mehr gottlos über sein Unglück und meinte, es sei Sünde und
Schande, wenn andere es taten, der jetzige Oliver war geradezu ein
glücklicher Mensch. Aber der Schreiner Mattis, der war gleichsam das
Gift in seiner Freude, und wenn dieser Mann aus der Welt draußen wäre,
zum Beispiel mitten in der äußersten Finsternis, das wäre ein Glück!
Hoho, wie komisch geistesschwach war doch Oliver, er sah den Schreiner
im Zusammenhang mit seinem blauäugigen Mädelchen, wart' nur, er würde
schon ordentlich aufpassen, wenn das Kind eine Pferdenase bekommen
sollte!
Eigentlich war an dem Schreiner Mattis nichts auszusetzen, er stand
nicht im Geruch, hinauszuschlagen. Dieser solide Mann, der jetzt Haus
und Werkstatt hatte und mit einem Gesellen und Lehrling schaffte,
„veränderte” sich nicht, er hatte keine Frau, war vollständiger
Junggeselle. Es war, als hätte er zu sich selbst gesagt: „Nein, ich
danke, ich hab' einmal eine lange Nase bekommen, diese Nase braucht
nicht noch länger zu werden, das steht fest.” Jetzt hatte er Maren
Salt als Haushälterin, und sie war wohl über vierzig und würde ihn
nicht in Versuchung führen. Da stand er nun jahraus, jahrein in seiner
Werkstatt, sägte und hobelte und hatte heruntergezogene Mundwinkel,
sah auch mit der Zeit immer trauriger und einfältiger aus, aber er tat
seine Arbeit.
Aber gerade das, daß Mattis sich nicht verheiratete, machte ihn in
Olivers Augen verdächtig. Was hatte der Mann im Sinn, schlich er hinter
Petra her? So oft des Schreiners Name genannt wurde, bekam Oliver einen
Rückfall seiner Eifersucht.
„Kannst du mir sagen, was ein Briefkasten am Haus für ein Staat sein
soll?” fragte er.
„Nun ja, es ist ein kleiner Schmuck und eine Aufmunterung. Nicht
jedermann hat einen Briefkasten an seinem Haus.”
„O, ich, der weit in der Welt draußen gewesen ist, ich hab' vergoldete
Briefkästen gesehen!”
„Vergoldete?”
„Ja, von oben bis unten vergoldet. Und mit einer Kaiserkrone darauf.”
Oje, aber Petra hatte schon tausendmal gehört, was Oliver in der Welt
draußen gesehen hatte.
10
Es war gut, daß Oliver den Jungen das Boot nicht wegnahm. Hätte es
einen Sinn gehabt, die Leute an ihrem Erwerb zu verhindern?
Die vier Bratfische, deretwegen es ein ehrenrühriges Gerede gegeben
hatte, hatten die Jungen sehr richtig in Martins Fischkasten
„gefunden”, und nun gingen sie selbst hin und gestanden es ihm. Aber
sie hätten sie nur entlehnt, um ein Dutzend Bratfische aufzufüllen,
die dem Doktorhause versprochen waren. Und bitte, hier sind die Fische
wieder, wir bringen sie ganz von selbst, und wir werden dir ein
andermal vier Stück dafür geben, Martin.
Der arme Martin wurde wahrhaftig so ehrlichen Leuten gegenüber etwas
flau über seine losen Reden, er murmelte, es hätte ja nicht so sehr
geeilt mit dem Zurückgeben.
„Doch,” sagten die Jungen, „hier sind die Fische, und wir danken schön
für die Hilfe.”
Ja, Oliver hatte mit den Jungen geredet, wie er versprochen, das heißt,
er hatte ihnen eine blanke Krone gegeben, damit sie die Sache wieder
gut machen könnten. O, Oliver war nicht so dumm, er war auf seine Art
gut gegen Kinder, und die Kinder liebten ihn dafür. Abel kaufte sogar
manchmal Näschereien für den Vater.
Und wovon kaufte er denn? O, Abel verdiente Geld, er fischte.
Diese kleinen Jungen waren ordentlich tüchtig, sie waren ganz
hingenommen von ihrem Gewerbe. Nicht Schulaufgaben und Lehrer wurden
zwischen ihnen verhandelt, sondern ihr Geldbestand. Sie hatten ihre
Rechnungen im Kopf: ein wenig hatten sie wohl einem Kameraden, der in
einer Klemme war, vorgestreckt, ein wenig ging manchmal beim Spielen
verloren, aber der Rest war da. Keiner von ihnen hatte wenig, sie
hatten Silber und Scheine, aber sie hatten auch große Ausgaben.
Eduard mußte für sich beständig Rauchtabak in Silberpapier halten,
sonst würde er seekrank, behauptete er, und Abel war leider auch kein
besserer Kerl, er hatte Auslagen für Sirupkuchen, für ein Pistol mit
Zündplättchen, für Rotstifte, mit denen er auf die Hauswände schrieb.
Das waren keine Kleinigkeiten; aber die Jungen waren fleißig und
klebten förmlich an ihrem Boot.
Später, als die Schule sie im Ernst einfing, waren sie nicht mehr so
sehr erpicht auf ihre Arbeit, es war eine Schande, wieviel Zeit und
Kräfte sie auf ihre Aufgaben verwenden mußten. Sie hielten sich dafür
schadlos, daß sie in der Stadt auf Erlebnisse ausgingen, und auf diese
Weise gerieten sie auch in allerlei hinein. Ganz besonders hatten sie
es auf zornige Gartenbesitzer abgesehen. Um freundliche Gartenbesitzer,
wie den Postmeister und den Grütze-Olsen, kümmerten sie sich nicht,
aber der Apotheker war ausgezeichnet. Im vorigen Jahre hatte er
mit Salz nach ihnen geschossen, als sie eine Maus bis in seinen
Garten hinein verfolgten, in diesem Jahr rächten sie sich dafür, sie
scheuchten herzlos seine Hühner, rissen seine Flaggenschnur herunter
und hielten seinen Garten vollständig frei von Obst.
Bei diesen Streichen hatten sie nun einen dritten Verschworenen
bekommen, und dieser war überdies nur ein Mädchen, Klein-Lydia, eine
rechte Range, aber eifrig und geschickt, besonders ein schlaues
Füchslein, wenn es galt, auf dem Wachtposten zu sein und herannahende
Gefahr zu melden.
Eduard war der größte von den dreien und auch am tüchtigsten im Pläne
schmieden, aber Abel war leicht und mager und deshalb unentbehrlich
beim Klettern und sich durch enge Löcher hindurchzuzwängen. Es
kostete unendliche Mühe, herrliche schwarze Kirschen, die auf einem
hohen Baum in des Apothekers Garten wuchsen, herunterzuholen, und
wenn es gelingen sollte, mußte Abel auf das Dach des Nebengebäudes
hinaufklettern und von da aus den Versuch machen. Es war ein später,
aber mondheller Abend, alle drei waren auf ihrem Posten, Klein-Lydia
steht mit spähenden Augen da, Eduard stützt die leeren Kisten, auf die
Abel steigen soll, Abel selbst steigt hinauf. Es kostet Zeit, das
steile Ziegeldach zu ersteigen, aber Abel klettert mit den Nägeln; als
er endlich rücklings auf dem First sitzt, muß er noch ein gutes Stück
nach der Seite rücken, um zu den Kirschen zu gelangen -- und als er
dicht vor dem Ziel ist, räuspert sich das Füchslein leise. Klein-Lydia
hat den Lichtschein gesehen, der durch eine sich öffnende Tür in der
Apotheke fällt. Jawohl, so war's. Aber jetzt ist das Eichhörnchen am
Ziel, und es wagt einen Augenblick zu zögern; das Füchslein räuspert
sich laut -- der Apotheker steht plötzlich drunten am Hinterhaus.
„Aha!” schreit er. „Komm herunter, du Satan! Nun sollst du sehen!”
Aber der Apotheker war der, der sehen mußte.
Zuerst regnete es Dachziegel auf ihn herunter, das Eichhörnchen verläßt
das Dach auf der andern Seite, verfolgt von einem Steingeröll, verfolgt
von Erdschollen, die hinter ihm herunterrollen. Er gelangt nicht auf
die leeren Kisten, sondern fällt auf ein Staket, das ihn aufspießt, von
da springt er schließlich auf die Straße hinaus, als ein geretteter,
aber blutender Mann. Zu allem andern kam auch noch ein Schuß Salz
durchs Staket, das drang mit Glanz durch Abels dünne Hose. Aber am
schlimmsten war doch das Spottgelächter des Apothekers.
Und wie lief es ab, als die Jungen ihr ausgeliehenes Geld zurückfordern
wollten?
Da hatten sie zwei Kameraden, die in Not gewesen waren, geholfen
und ihnen einen anständigen Kassenkredit eröffnet, doch die Zeit
verging und verging, und die Schuldner machten keine Miene, ihre
Schulden zu bezahlen. Da wurden sie auf Tag und Stunde vorgeladen,
eine große Versammlung fand sich ein, die Sünder ebenfalls, da sie
aber sehr eingebildete Jungen waren, lächelten sie ihre Gläubiger, um
sie zu ärgern, nur an. Aber Eduard und Abel hatten sich nun einmal
vorgenommen, die Sache ins reine zu bringen, im Notfall mit Gewalt.
Eduard kommt zuerst daran.
Er geht direkt auf Reinert zu. Dieser ist der Sohn eines Küsters und
hat moderne Kniehosen an, und die Uhrkette seines Vaters baumelt auf
seiner Weste -- auf ihn geht Eduard zu, ganz ruhig, wie wenn gar nichts
los wäre, ja es ist, als wolle er ihm zum Gruß die Hand reichen. Aber
da verbarg Eduard bloß eine teuflische List; plötzlich stößt er mit Arm
und Faust zu und fährt kopfüber auf seinen Gegner los.
Die Versammelten wagen kaum zu atmen und sehen dem Auftritt mit
gespanntester Aufmerksamkeit zu; die beiden wälzen sich am Boden, sie
kommen wieder in die Höhe und tanzen auf dem ganzen Platze herum, sie
sprühen Funken gegeneinander. Dann, in einem unseligen Augenblick,
entdeckt Reinert, daß er die Uhrkette verloren hat; alle miteinander
suchen sie, und Klein-Lydia, das Füchslein, findet sie im Kies.
„Gib her!” schreit Reinert. Aber Klein-Lydia hat besseren Verstand, sie
läuft damit zu ihrem Bruder hin, und Eduard steckt die Kette in seine
Tasche. „Aha,” sagt die Versammlung.
Hätte nun Reinert besser Zeit gehabt, dann hätte er sich vielleicht
die Kette zurückerobert, aber er muß augenblicklich zum Gürtler mit
ihr, um nicht mit einer zersprungenen Kette nach Hause zu kommen. „Ich
bezahle!” ruft er Eduard zu; „ich wollte dich nur ein wenig reizen.”
Und die Versammlung bekundet mit lauter Stimme ihren Beifall zu dieser
Entscheidung.
Jetzt waren das Eichhörnchen und ein lustiger, fester Kerl, der den
Spitznamen der Zeichenstift hatte, an der Reihe. Aber als Reinert,
des Zeichenstifts großes Vorbild, den Walplatz verlassen mußte, war
niemand mehr da, um diesem den Mut zu stählen, er sah sich verraten und
verlassen, und da murmelte er: „Ich bezahl' auch.”
Auf diese Weise gab es allerlei Erlebnisse, nicht alle so einfach und
ehrlich, aber alle lehrreich und je nachdem entwickelnd wirkend.
Nun kam eine Zeit, wo Abel etwas in die Höhe schoß und ordentlich
heißhungrig wurde, gleichzeitig verlor er alle Arbeitslust, er war
in recht frühzeitigen Flegeljahren. Das war keine gute Zeit für
Abel. Als er sein bares Geld aufgebraucht hatte, konnte er sich beim
Bäcker privatim keine Eßwaren mehr kaufen, da verdingte er sich beim
Stadtingenieur für die Abende als Laufbursche und zum Holzspalten. In
diesem Dienst bekam er großen Geschmack an verstohlenen Fahrten in den
Straßen, er hängte sich nur mit ein paar Zoll seines Körpers an einen
Wagen, um jeden Augenblick abspringen zu können, falls er entdeckt
wurde. Er, der sich früher nie um Pferde und Fuhrwerke gekümmert hatte,
hörte jetzt das Rasseln eines Wagens schon von weitem und paßte ihm
eifrig auf, denn es war gar keine so leichte Kunst, im richtigen Moment
auf einen Wagen zu springen.
Bei Stadtingenieurs bekam er außer etwas Lohn jeden Abend noch
herrliche große Butterbrote, die ihm ordentlich aufhalfen und seine
Lebensgeister stärkten. In dieser Stellung blieb er einen Monat um den
andern den ganzen Winter hindurch, und in dieser Zeit traf er zwar
mit Eduard noch in der Schule zusammen, erlebte aber keine weiteren
Abenteuer mit ihm. Dagegen erlebte er ein Abenteuer mit Klein-Lydia:
als er zwölf Jahr alt war, freite er um sie.
Er hatte ja Klein-Lydia die ganze Zeit über als ein gutes Mädchen
gekannt und sich recht an sie angeschlossen; jetzt war sie überdies
seit kurzem außerordentlich hübsch geworden, und er glaubte zu
bemerken, daß der Küstersohn Reinert in seinen Kniehosen um sie
herumschwänzelte. Da nahm sich Abel vor, rasch zu handeln.
Es ist Sonntag, sie sind drüben beim Fischer Jörgen, die Hühner laufen
auf dem kleinen Hofe um sie herum, Abel und Klein-Lydia plaudern
miteinander. Sie trägt ein schönes gelbes Kleid, weil es Sonntag ist,
er aber ist an dem Tag angezogen wie am vorhergehenden und wie an allen
andern Tagen auch, aber an so etwas denkt Abel nicht. Sie erklärt ihm
gerade, sie könne nicht begreifen, daß sich Grütze-Olsens Ragna noch
etwas aus Puppen mache: „Wenn ich doch meine Puppe gar nicht mehr
ansehe.”
Hier dachte nun wohl Abel, wenn sie so erwachsen geworden sei, dann
sei es auch hohe Zeit für ihn zum Handeln, und so legte er ihr seine
Herzensfrage vor. Obgleich er nun ganz offen redete und alles Nötige
sagte, verstand ihn Klein-Lydia gar nicht, sondern mußte ihn noch
einmal fragen. Das war Abels schlimmster Augenblick. Nicht weil er an
ihrer Antwort zweifelte, sie würde gewiß gleich ja sagen, so sehr wie
sie seither im Leben verbunden waren. Aber als sie sein Anliegen noch
einmal gehört hatte, runzelte sie die Stirn und sagte nein. Glatt nein!
Er sah sie forschend an, ob sie auch nüchtern sei.
Klein-Lydia dachte nach und überlegte wohl hin und her: der Freier tat
ihr leid, ja wahrhaftig! Sie waren gute Freunde gewesen, und hatten
sich gut gekannt, aber sich mit ihm verloben -- nein! Allerdings war er
ein Junggeselle, in dieser Beziehung stand nichts im Wege, aber sich
wirklich mit ihm verloben -- nein!
O die Frauen! Leider stand es so, daß er vorläufig, um eine Familie
zu gründen, nichts anderes hatte, als seinen Laufdienst beim
Stadtingenieur; aber er konnte ja steigen, was hinderte ihn daran,
zu steigen? Und überdies sollte sie nicht übersehen, daß er mit ganz
reellen Absichten vor ihr stand, Gott mochte wissen, in was sie mit dem
Reinert in Kniehosen hineingeraten konnte! Aber die Frauen! „Nein!”
sagte sie also und schüttelte den Kopf.
„Ja ja,” erwiderte er nur.
Da stand er wie begossen, und er war nicht einmal gefaßt genug,
fortzugehen, am liebsten wäre er in den Boden versunken. Was hätte
er tun sollen? Die Mütze hätte er abnehmen sollen und sich verbeugen
-- mein Fräulein! Nun mußte er aber doch etwas sagen, ein paar
Abschiedsworte, um so mehr, als sie wohl nicht in Grund und Boden
verdorben war. „Ja ja, leb wohl!” sagte er. Und als er ihr noch für
alles danken wollte, konnte er es nicht, er fühlte, daß sich sein
Gesicht verzerrte; ach, und wie er Klein-Lydia bedauerte wegen all des
Kummers und des Elends, dem sie mit Reinert sicher entgegenging!
Dieses Erlebnis versetzte seinem Lebensmut einen schweren Schlag.
Jetzt halfen nicht einmal mehr die Butterbrote beim Stadtingenieur, er
wurde mager, war verfroren und zu allem unlustig, er versteckte sich
in dunkle Winkel und verzehrte sich in Mutlosigkeit und Schwermut.
Das waren die schwersten Wintermonate, die er je erlebt hatte. Schule
und Hausaufgaben -- ja, mit Maßen, gerade noch genügend! Fischerei
-- keine Spur! Niemand, dem er sich hätte anvertrauen können, allein
in der Wüste zwischen Trümmern und Leid. Und Klein-Lydia, machte sie
keine Annäherungen? Hatte sie ihn so bald vergessen? Es sah so aus,
sie schien ihm auszuweichen. Nichts wäre leichter für sie gewesen, als
merken zu lassen, daß auch sie tiefbetrübt sei; aber nein, nie kam sie
eiligst dahergelaufen und warf sich reuevoll vor ihm auf die Knie.
Er bat seinen Vater, ihn doch gleich konfirmieren und dann auf die
Kriegsschule gehen zu lassen. Der Vater spottete auch nicht über sein
Kind, sondern beriet sich mit ihm darüber; aber es sei noch etwas zu
früh, sagte er, gar nicht so sehr viel zu früh, nur ein wenig, es
müßten noch einige Monate hingehen, und einige Monate, die vergingen
wie im Flug. Abel werde schon sehen! Jetzt sei es gleich Frühling, und
dann dürfe er mit Vater an Ostern oder an Pfingsten eine weite Fahrt
machen.
Aber Abel machte sich nichts aus einer weiten Fahrt, er saß am liebsten
in einem Winkel am Land und brütete. Was für eine Verwendung hatte er
nun für Meer und Boot und Eier von den Brutplätzen und für Treibholz
und Abenteuer? Er war weit, weit weg von all dem, eingefangen von einer
schweren Windstille, der arme kleine Kreuzer.
Er kämpfte sich durch den Winter hindurch. Daheim hielt er sich
gerade nur die Nacht auf, am Tage hatte er Schule und ab und zu eine
todlangweilige Aufgabe zu machen, am Abend versah er seinen Dienst
beim Stadtingenieur. Der kleine Streiter, gut, daß er es durchmachte!
Frank, sein Bruder, ging ja seinen geraden Weg ohne jegliche Schwenkung
-- welch ein Unterschied zwischen den Brüdern! Er war fortgesetzt
ein tüchtiger Schüler und behauptete seinen Freiplatz, er war das
Licht, alle sahen seinen Glanz, und alle begriffen, daß dies etwas
Außergewöhnliches war. Welch ein Unterschied zwischen den Brüdern,
es war, als seien sie gar nicht von demselben Stamm. Jawohl, Frank
hatte dieselben Eltern, aber wahrlich, seine Eltern schienen nicht
mit ihm verwandt zu sein. Auch daheim in der Stube war er eigen, sehr
wählerisch, sehr ernst und fleißig, gegen Abel tat er unerträglich
erwachsen: „Das solltest du in diesem Alter wissen,” konnte er im Ton
eines Schulmeisters sagen. Er hatte die Gewohnheit angenommen, Abel
unnötig deutlich gewisse Höflichkeiten einzuprägen: „Wenn der Lehrer in
die Klasse hereinkommt, mußt du aufstehen und grüßen, und wenn du das
getan hast, darfst du nicht stehen bleiben, sondern mußt dich wieder
setzen.” -- „Affe!” sagte Abel.
Als Frank sein Examen in der Mittelschule gemacht hatte, handelte
es sich darum, was er tun solle. Was er nun tun solle? Dasselbe wie
vorher, was sonst! Konnte man hingehen und das scheinende Licht
auslöschen? Das würde nicht mit dem guten Willen des Betreffenden
geschehen. Aber während Franks Schicksal entschieden wurde, rieten ihm
der Schulvorsteher und der Doktor mit andern jungen Leuten, die auch
zuviel studiert hatten, einen stärkenden Ausflug ins Gebirge zu machen.
Ehe er abzog, wog er seine Reisetasche auf einer Wage, nahm da etwas
weg, legte dort etwas dazu, um das richtige Gewicht zu bekommen; er wog
auch seine Schuhe in der Hand und fand sie unerlaubt schwer.
Wäre nun Abel auch so fleißig gewesen und hätte sich halbtot studiert,
so hätte er bei diesem Gebirgsausflug auch nicht fehlen dürfen, er
hätte ihm außerordentlich gut getan und ihn tüchtig gekräftigt. Aber
Abel war nicht von der Art, nein, das war er nicht, und zur Zeit war er
überdies in Leid und Untätigkeit versunken.
Eines Tages sagte Eduard zu ihm, nun müßten sie wieder hinausrudern,
es kämen große Merlanschwärme dahergezogen. Abel zeigte sich
niedergedrückt und zu nichts aufgelegt, der Kamerad brauchte eine ganze
Stunde, um ihn zu überreden. Und trotzdem ging Abel nicht ohne weiteres
mit. Die Sache war nämlich die: Abel fiel es über die Maßen schwer,
eine Verbindung abzubrechen und von einem Ort Abschied zu nehmen; und
wenn er jetzt wieder mit Fischen anfangen sollte, dann mußte er seine
Stelle beim Stadtingenieur aufgeben. Er hatte da eine elende Bezahlung
bekommen, und er hatte wenig Geld, aber es hatte in diesem Haus dicke
Butterbrote gegeben, und alle waren freundlich gegen das Eichhörnchen
gewesen; konnte Abel da einfach hingehen und Lebewohl sagen? Er wußte,
er konnte es nicht tun, ohne daß sich ihm das Herz im Leibe umdrehte,
und so schob er es von einem Tag zum andern hinaus.
Da wurde Eduard böse und sagte, er werde schon einen andern Kameraden
finden.
„Ach so! Aber wo willst du ein Boot hernehmen?” fragte Abel.