Natürlich wurde es nicht ein bißchen besser, sondern eher schlimmer,

als das dritte Kind kam, ein Mädelchen, das bei Nacht schrie und

den müden Versorger aufweckte. Nun konnte Oliver seiner Lust zum

Umherschweifen wieder nachgehen, von Hause verschwinden, in seinem Boot

weit hinausfahren und tage- und nächtelang fortbleiben. Gott mochte

wissen, was er da suchte und was er fand. Besonders nach einem Sturm

auf dem Meere machte er diese Ausflüge, er war vielleicht so kindlich,

auf ein neues, havariertes Schiff zu hoffen. Einmal fand er übrigens

einen umhertreibenden Handkoffer; er enthielt nur etwas Leibwäsche,

etwas weiblichen Staat, aber Oliver trug ihn heim und tat groß damit,

und es fiel ihm nicht ein, an diesem Tag noch irgendwie Hand an eine

Arbeit zu legen. Ein andermal fand er eine leere, aber verkorkte

Paraffinkanne, ab und zu kam er mit einem Häufchen Eiderdaunen an, das

er von den Nestern auf den Brutinseln geraubt hatte. Er wußte, daß

dieser Flaum sehr wertvoll war, aber er wagte nicht, ihn in der Stadt

zu verkaufen, er mußte ihn aufheben.

Das Ärgerliche war, daß Petra seine Fundstücke so wenig schätzte, o,

sie pfiff darauf. Er konnte sich vom Bollwerk aus heimschleichen, um

von niemand gesehen zu werden, mit geschwellter Brust in die Stube

treten und seine Beute auf den Tisch legen. „Hier, da ist etwas zum

Verwundern, bitte!” Aber Petra murrte dann: „Das ist der Verdienst von

drei Tagen! Was sollen wir mit Eiderdaunen! Und was sollen wir mit

einer leeren Paraffinkanne?”

Da fiel Oliver kopfüber wieder auf die Erde herunter, und er antwortete

wohl: „Jetzt hast du mal wieder deinen Koller!”

Doch Petra entgegnete auffahrend. „Was hab' ich, einen Koller? Sieh die

Kleine dort in der Wiege an, liegt sie etwa auf Eiderdaunen?”

Oliver richtet seine Augen auf das Kind; es liegt in Lumpen, aber es

fehlt ihm nichts, es schreit nur, weil es zahnt. Doch plötzlich steht

Oliver auf und sieht näher hin, zum erstenmal betrachtet er das Kind

genau.

„Was zum Kuckuck, hat sie blaue Augen?” fragt er.

Petra zuckt zusammen und antwortet: „Das siehst du doch!”

„Woher kommt das?”

„Woher es kommt? Kann ich das wissen? Wie du nur fragen kannst!”

Oliver bleibt wie angewurzelt stehen und starrt und starrt. Wie

verwirrt er ist und wie dumm: sollte ein Kind von blauäugigen Eltern

nicht blaue Augen haben? Aber die andern, die Jungen, sie hatten

braune Augen. Da steckte etwas Neues dahinter. O, Oliver hatte wohl in

all diesen Jahren seine eigenen Gedanken gehabt und sie in stumpfer

Gleichgültigkeit mit sich herumgetragen; jetzt stand er vor einem

Rätsel. Wo war Petra gewesen? Daheim. Daheim. Eine Frau, die Scheldrup

Johnsen Backpfeifen gab, war nicht auf dem Strich.

War sie nicht auf dem Strich -- war sie nicht?

Eine ungeheuere, unnatürliche Eifersucht lodert in dem Krüppel auf,

zum erstenmal kennt er diesen fremden, brennenden Schmerz, er ist so

heftig, daß sich sein Gesicht verzerrt, so daß Petra Angst bekommt; sie

deckt das Kind zu. Oliver schwankt ans Fenster hin und sieht hinaus.

Wenn nun braune Augen die richtigen Familienaugen waren, wie konnten

dann blaue Augen dasselbe sein? Er kennt all den Klatsch über sich und

sein Haus recht wohl, der ist nicht so zart und unschuldig gewesen, daß

er ihn nicht verstanden hätte, das letzte, was er gehört hatte, war:

Petra werde wohl Scheldrup Johnsen nicht immer Backpfeifen versetzt

haben! Und wenn auch -- Scheldrup Johnsen hatte braune Augen, die

Kleine in der Wiege aber blaue.

Eine Schlange fraß sich in sein Herz hinein. Bis jetzt war es ihm gut

gegangen, nun würde es ihm nicht mehr beschieden sein, sich die Unruhe

fernzuhalten. Unruhe? Not drang auf ihn ein, sie wurde zur Qual. Er

fing an, an den Straßenecken aufzulauern, dann sprang er plötzlich vor,

packte Petra an der Brust und fragte, wohin sie wolle. Nacht und Tag

war er auf der Wacht, und er fand nie mehr Ruhe, sein Haar ergraute.

Der einzige Ort, wohin Petra ungehindert gehen konnte, war auch jetzt

noch das Haus Johnsen am Landungsplatz, dahin, ins Haus und in den

Laden, durfte sie jedesmal ohne Einwand gehen. Aber er ging ihr nach

und gab acht, daß sie auch wirklich dahin ging.

Seine Verrücktheit dauerte an; er versäumte das Meer, um im Hinterhalt

zu stehen und Petra aufzulauern, er bettelte Fische bei den andern

Fischern, um etwas nach Hause bringen zu können. Und Petra, die dumme

Person, verstand es nicht, seine Eifersucht zu dämpfen, sie stachelte

sie eher noch auf. Als diese eine Zeitlang gedauert hatte und sie

merkte, daß sie ihr für Leib und Leben ungefährlich war, stachelte sie

Oliver bis zur Raserei auf. Die blauen Augen können von dem Schreiner

Mattis stammen, dachte er wohl, und er fand keine Worte, die für diesen

Mann verächtlich genug waren, dieses Nashorn, diesen Schürzenjäger!

Petra verteidigte ihn.

„Na, hat er jetzt nicht einmal mehr eine schreckliche Nase?”

„Nein. Diese Nase steht ihm gerade.”

„Schweig! Er ist ja Schreiner, da sollte er sich einen Stall für seine

Nase bauen.”

Und sonderbar: es war, als gebe es noch andere, die der blauen Augen

wegen, sozusagen, eifersüchtig wurden; aber Konsul Johnsen scherzte ja

und tat nur so, wie wenn er eifersüchtig wäre, als er mit Petra darüber

sprach.

„Du hast ein Mädelchen bekommen, Petra, wie ich höre?”

„Ja.”

„Und mit himmelblauen Augen diesmal.”

Petra sah zu Boden und schwieg.

„Nicht alle können himmelblaue Augen haben,” sagte der spaßhafte Mann.

„Nein!” tat er dann plötzlich kund, „ich habe keinen Platz für deinen

Mann, hörst du? Probier' es beim Grütze-Olsen!”

Wieder mußte Petra unverrichteter Sache heimgehen, heim zu ihrer

Familie und dem Elend. Es war ein Zustand, niemand wurde so hart

geprüft. Ab und zu weinte sie und hatte aufrichtig Mitleid mit sich

selbst; aber sie war zu jung und zu gesund, um ganz mutlos zu werden,

nicht so sehr selten stand sie unter ihrer Tür, lachte und schwatzte

mit den auf der Straße Vorübergehenden -- tiefer war sie nicht

getroffen.

Die Jahreszeiten wechselten, und die Zeit verging, Olivers Buben

waren nun beide in der Schule; Frank hatte die besten Gaben, er hatte

einen Freiplatz und glänzende Zeugnisse, aber das Eichhörnchen Abel

war auch nicht dumm, nur ein unglaublicher Bandit war er, mit ganz

anderen Neigungen. Es ging und ging, die Gewohnheit half dazu, und

Gott verlieh der Familie zur Stärkung einen gewissen zähen Willen,

nicht unterzugehen. Der kleine Abel zum Beispiel kleidete und ernährte

sich meist selbst ringsum in der Stadt. Übrigens war es für ihn selbst

oft am schmählichsten, so ein kleines Eichhörnchen zu sein: als er

eines Tages draußen auf dem Lande war, plagte ihn der Hunger über die

Maßen. Da er aber weder etwas zu essen noch ein Wams, das er auf einem

Waschseil „fand”, geschenkt bekommen konnte, fragte er ganz einfach, ob

er nicht eine Tasse Kaffee kaufen könnte. Aber da wurden die Leute auf

dem Hofe schändlich gegen das Eichhörnchen, sie erwiderten, ob er denn

überhaupt Kaffee trinken dürfe. Was, dürfe? Diesem Hof wollte er nie

mehr nahe kommen, ehe er erwachsen war!

Bruder Frank ging nicht auf Erlebnisse aus, dazu war er zu klug. Auch

er bekam manche Mahlzeit und manches Kleidungsstück im Städtchen, ja,

einmal im Jahre bekam er einen vollständigen Anzug in Konsul Johnsens

Geschäft und kam vom Scheitel bis zur Sohle erneuert heim. Ein solcher

Mann war Johnsen am Landungsplatz, herrlich dazu geeignet, zu leben und

andere leben zu lassen.

Es ging und ging. Bisweilen zog auch die Großmutter wieder hinaus und

kehrte dann mit guten Sachen heim, mit Kartoffeln, Speck, einer Tüte

Mehl, einem Käslaib. O, die Großmutter war nicht zu verachten; wenn

sie nur die Unterstützungskasse nicht in Anspruch zu nehmen brauchte

und die andern Weiber am Brunnen sie nicht schmähten, dann konnte sie

mehrere Kirchspiele durchwandern, und ihre Vorräte aus den Dörfern

waren eine gute Hilfe. Wahrlich, sehr oft war es nur der Großmutter zu

verdanken, wenn die Familie etwas zum Beißen und in den Ofen zu legen

hatte, so fleißig war die Großmutter geworden.

Oliver selbst ging es am schlechtesten. Seine Krankheit wollte nicht

weichen. Jetzt war er wieder kurze Zeit auf dem Fischfang gewesen, und

zwar nur, weil er ein neues Boot bekommen hatte, daher kam's. Seht,

er hatte ja eine Fahrt aufs Meer hinaus gemacht, und da hatte er das

Boot herrenlos umhertreibend gefunden; das war ausgezeichnet, das

Boot hatte wohl irgendwo vertäut gelegen und war abgetrieben worden,

es konnte von weit her sein, vielleicht vom Ausland. Nun hätte er

allerdings das Boot anmelden sollen, wer zweifelte daran; aber wie es

nun ging oder nicht ging, Oliver behielt das Boot und kam auch nicht

in Verlegenheit dadurch. Niemand machte ihm einen Vorhalt, der Krüppel

brauchte das Boot, er konnte in seinem eigenen elenden Fahrzeug sonst

eines Tages untergehen. Zuerst hatte Oliver ja gedacht, er könnte das

Boot verkaufen und Geld dafür bekommen, aber das verbot ihm die Stadt,

das wäre zu weit gegangen. „Nein,” sagten die Leute im Ort, „wenn du es

gefunden hast, dann sollst du es haben!” Also fischte Oliver in allen

Freistunden und gebrauchte sein neues Boot.

In allen Freistunden.

Er hatte durchaus nicht oft frei, seine Krankheit fesselte ihn

ans Land, fesselte ihn ans Haus. Petra zeigte ja wieder leichten

Widerwillen gegen den Kaffee, und jetzt war Oliver beinahe ganz

erschöpft von seiner Wachsamkeit. War er nicht monatelang in Winkeln

und Gassen auf der Lauer gestanden, hatte spioniert und gehorcht! Er

war schlecht gekleidet und schlecht ernährt, aber die Eifersucht hielt

ihn stundenlang auf seinem Posten fest; er stand da mit klopfenden

Pulsen und litt wahre Höllenqualen, der Wind zerrte an seinem Hosenbein

wie an einer Flagge, die sich um eine Stange gewickelt hat. Er hatte

ja eigentlich niemals frei, er war bei Nacht nicht sicherer als am

Tage, er machte Überstunden, er schindete sich ab. Wenn ihn das

wenigstens aufs Krankenlager gebracht und getötet hätte, aber nein!

Ein Frauenzimmer ausspionieren! Warum sie nicht lieber laufen lassen

und das Haus zuschließen! Was war bei dieser Frechheit zu tun, eine

Frechheit, die ganz unschuldige Augen hat und des Lügens überdrüssig

wird? Er konnte sie von der einen Seite her erwarten, und dann kam

sie von einer andern, wo war sie da gewesen? Sie konnte, ein Liedchen

trällernd, daherkommen, da war gar nichts, was sie bedrückte; was für

Gedanken hatte sie wohl, warum schmunzelte sie vor sich hin und wiegte

sich in den Hüften?

„Was stehst du hier und lauerst?” sagt Petra nur und versinkt durchaus

nicht in den Boden.

„Woher kommst du? Jetzt ist es Nacht.”

„Bin ich nicht beim Konsul gewesen? Was hast du da in der Hand; das

Messer?”

„Das siehst du wohl.”

„Das Fischmesser! Warum stehst du mit dem Messer da?”

„Ich hab' es am Bollwerk gebraucht.”

„Nein, aber du meinst, du könnest mir Angst machen.”

„Schweig!”

„Ach, gib dir keine Mühe!”

Nein, Petra war sicher; er war feig und widerlich, er war nichts,

sie scherte sich den Kuckuck um ihn. Dann geht sie nur an ihm vorbei

und hinein, der Mann kommt hinterher. Sie bleibt einen Augenblick im

Flur stehen, um ihn zu beschämen, ja, um ihm zu zeigen, daß sie, die

Nachtwandlerin, die ordentliche und zuverlässige ist: Seht jetzt nur,

ist nicht sie es, die die Haustür hinter sich und ihm zuschließt!

„So, du willst zuschließen,” sagt Oliver. „Abel ist sicher noch nicht

daheim.”

„Dann muß er draußen übernachten.”

„Er soll nicht draußen übernachten!” schreit Oliver erregt, er dreht

rasch seinen schweren Oberkörper im Kreise herum und schiebt Petra auf

die Seite. Sie fährt auf und sagt: „Warum schlägst du mich nicht lieber

auf einmal tot!”

Ein heftiger Streit entspinnt sich; sie gehen hinein und werfen sich

Schimpfworte an den Kopf. Die Großmutter liegt im Altenteil mit der

Kleinen und Frank. Sie richtet sich auf den Ellbogen auf und lauscht,

dann legt sie sich wieder nieder, das ist nichts Neues, sie kennt das.

Olivers Eifersucht ist für den Augenblick vorbei, und er fühlt sich

außerdem befriedigt von seinem Auftreten; leicht wie ein Kind war sie

an die Wand geflogen, er ist der Mann, hoho, er wiegt den Oberkörper

hin und her.

Das nächtliche Scharmützel zwischen den Eltern kommt dem Eichhörnchen

Abel zugute: er schlüpft so leise wie möglich von der Straße herein und

hört, als er zu Bett geht, von keiner Seite irgendein böses Wort.

9

Nichts konnte so wild und qualvoll sein, als in dieser Spannung leben

zu müssen. Oliver hat seit Tagen ausgeruht, und er treibt sich in den

Straßen herum, fühlt aber keine Spur von glücklicher Ruhe. Jetzt sind

die Fenster seiner Stube mit Röcken und Schürzen verhangen, und er kann

nichts erspähen, deshalb wandert er wie blödsinnig vor dem Hause hin

und her.

Schließlich trifft er die Großmutter, und sie sagt zu ihm: „Es ist

wieder ein Mädchen.”

Das interessiert ihn nicht, ach, wie gleichgültig ist das; aber er

redet, um noch mehr zu hören. „Ach so, wieder ein Mädchen? Hat sie alle

ihre geraden Glieder?” fragt er.

„Ja, ich hab' nichts anderes gesehen.”

„Sie hat wohl nicht nur einen Fuß?”

„Nein.”

„Nun, dann dürfen wir ja froh sein. Es ist nicht leicht, wenn man einen

Stelzfuß hat. Doch was ich sagen wollte, hat sie aufgeschaut? Mit den

Augen?”

„Wie? Was?”

„Ich frage nur. Warum schreit sie nicht? Sie ist doch nicht etwa

totgeboren? Kann ich sie sehen?”

„Sie schläft jetzt.”

Wieder mußte Oliver warten, die Fischerei aussetzen, sich in der Straße

herumtreiben und warten. Gegen Abend bekommt er die nun erwachte Kleine

zu sehen, er trägt sie ans Fenster und überzeugt sich, was für Augen

sie hat. Petra sieht vom Bett aus beruhigt zu, es ist nichts im Wege:

das Kind hat braune Augen.

Es war merkwürdig, wie diese unbedeutende Tatsache den Vater beruhigt;

er lobt das Kind und sagt sogar einen freundlichen Scherz zu Petra.

„Du bist ein Hauptkerl, wenn du willst!” Obgleich es schon gegen

Abend war, ruderte er doch noch hinaus auf den Fischfang. Die ganzen

letzten Monate hatte er in seinem Herzen gegen Petra gewütet, sie hatte

vielleicht abermals schlecht und niederträchtig gehandelt, jetzt dachte

er anders, sie war doch nicht so ganz toll gewesen, sondern gerade

großartig, Gott sei Dank! Und bitte, es soll Fische geben, so gewiß,

als Fische zu fangen sind! Es sind wieder braune Augen, die echten

Familienaugen, die Natur hatte gesiegt, alles kam wieder in Ordnung.

Ach, der geistesschwache Mann, Gott mochte wissen, wie er sich die

Sache zusammenreimte!

Eines Tages trifft er Scheldrup Johnsen auf der Straße und sagt zu ihm:

„Jetzt kommt der Winter, nun mußt du so gut sein und an mich denken.”

„Ich soll an dich denken?” fragt Scheldrup.

„Ja. Daß ich ein Krüppel bin.”

„Was geht das mich an?”

„Und daß ich viele Kinder habe.”

„Wie verrückt die Menschen doch reden können!” äußert Scheldrup

unschlüssig.

Oliver lächelt ehrerbietig und schaut zu Boden. „Ja ja, das ist wohl

möglich,” sagt er. „Aber jetzt mußt du so gut sein und mir Arbeit

geben.”

„Ich? Was für Arbeit?”

„Im Lagerhaus.”

„Darüber mußt du mit meinem Vater reden.”

Oliver schlägt langsam die Augen auf, richtet den Blick fest auf

Scheldrup und sagt: „Nein, das mußt du tun!”

Drohte Oliver? Der junge Scheldrup weicht etwas zurück, er sieht den

Krüppel an. Aber sein Blick ist erloschen. Seht, zuerst hatte er einen

so recht heftigen, rasenden Ausdruck, aber dann erlosch er. Scheldrup

überlegte wohl ein bißchen, erinnerte sich an sein Benehmen, an die

Backpfeife, an all den Klatsch, er hätte das Ganze nur sehr ungern noch

einmal hervorgezogen, deshalb sagt er: „Na ja, ich kann ja meinen Vater

fragen, wenn das dein Wunsch ist.”

„Das ist recht,” erwiderte Oliver darauf.

Einige Tage später trifft Oliver wieder mit Scheldrup zusammen, und da

fragt dieser: „Meinst du, du könnest das Lagerhaus übernehmen?”

Das Lagerhaus übernehmen? Das war nun allerdings Großtuerei und

Dünkelhaftigkeit von seiten Scheldrups; es war bis jetzt kein fester

Angestellter in Johnsens Lagerraum gewesen, nur einer von den

Ladenbediensteten lief manchmal hinunter, um das nötige zu tun, da

sollte doch wohl der ganze Oliver diese Kleinigkeit leisten können!

„Mein Vater will mit dir reden,” sagt Scheldrup.

Oliver wandert schon als großer Lagerhausvorstand heimwärts. „Wie war

es doch,” fragt er Petra, „hat dir Johnsen am Landungsplatz nicht

abgeschlagen, mich anzustellen?”

„Doch. Und nun frag' ich ihn nicht noch einmal.”

Schweigen, o ein Schweigen, das Oliver gewichtig, ja verhängnisvoll

macht. „Nein, ich werde selbst ein Wörtchen mit ihm reden,” sagt er und

geht hinaus.

Die Frauen sehen einander an. Na, das würde nichts helfen, wenn Oliver

ging, vielleicht ging er auch gar nicht. Und Petra warf plötzlich den

Kopf in den Nacken.

Als Oliver zurückkam, schwieg er eine gute Weile vollkommen, o, ein

gewichtiges, langes Schweigen! Die Frauen mochten nicht fragen, aber

sie lächelten ein wenig, und Petra sagte sogar: „Ich möchte wohl

wissen, wer nun zum Konsul gegangen ist und mit ihm gesprochen hat.”

Endlich bricht Oliver das Schweigen und sagt: „Mein Islandwams muß

heut' abend noch gestopft werden. Es ist kalt im Lagerhaus.”

Petra schrie beinahe: „_Sollst_ du ins Lagerhaus?”

Und sogar die Großmutter blieb stehen und sperrte den Mund auf.

Aber Oliver sieht sich mit der größten Verwunderung um und versteht

nicht, was sie meinen, wahrhaftig, die Frauen sind ihm das große

Rätsel. „Ja, natürlich?” antwortet er in fragendem Ton.

Sie schlagen die Hände zusammen.

„Natürlich soll ich ins Lagerhaus,” sagt er. „Sobald es geht. Ich fang'

schon morgen an.”

Sie besprachen es hin und her: das bedeutete Veränderung, festen

Gehalt, Vorwärtskommen, o, das hatte sehr viel zu sagen! Und da

sitzt er nun, er, der das zustande gebracht hat, der Herr, von Stolz

geschwellt, stutzerhaft den Hut schief auf dem Kopf, Großsprecherei

ist's. Er spricht wieder: „Ich hab' ja gesagt, daß ich zu ihm gehen

und mit ihm reden werde.”

„Aber ich hab' den Konsul doch schon mehrere Male gebeten,” wendet

Petra ein.

Oliver erwidert: „Das ist eben nicht so, wie wenn ein Mann kommt.”

Das bedeutete Veränderung, jawohl! Aber Oliver, der weiß, worauf er

eingegangen ist, denkt wohl: ein buchstäbliches Sparkassenbuch und den

Garten Eden bedeutet es nicht; der Johnsen am Landungsplatz ist nicht

überflott gewesen; aber auf der andern Seite war er der Erste Konsul,

für die Familie Oliver war er also eine Art Retter geworden.

Im Lagerhaus war keine schwere Arbeit zu verrichten; Oliver konnte

da Tag um Tag hingehen, bloß um überhaupt da zu sein. Seine

geschäftvollsten Tage hatte er, wenn ein Frachtschiff an dem kleinen

Bollwerk anlegte, Mehl und Sirup, Kaffee, Paraffin und Leinöl auslud

und Fisch und Tran dafür einnahm. Da mußte Oliver die empfangenen

Waren im Lagerhaus und Keller unter Dach schaffen, und bei solchen

Gelegenheiten erreichte er es, abends wirklich müde zu sein. Außerdem

hatte er zu scheuern, aufzuräumen und alles in gehöriger Ordnung zu

halten. Ein offener Kaffeesack durfte nicht mitten auf dem Boden

stehen bleiben, daß nicht etwa kleine Jungen daherkommen und ihn als

Fund erklären könnten. Wenn sich dann die Kunden mit einem Zettel vom

Kramladen einfanden, las Oliver den Zettel und lieferte dem einen

Sack Mehl, zwanzig Meter Tauwerk oder jenem ein Liespfund Fische aus.

Dem Lagerhausvorsteher lag es ob, jeden Morgen die Schiebladen im

Kramhandel mit Kolonialwaren vom Lagerhaus aufzufüllen; schließlich

mußte er aufschreiben, welche Waren im Lagerhaus knapp wurden, damit

das Kontor beizeiten neue Bestände bestellen konnte.

Alles in allem war es gar keine so geringe Stellung, die Konsul Johnsen

für Oliver eingerichtet hatte, und die Leute hatten wieder einmal guten

Grund, seine Handlungsweise zu loben. Allerdings war ja Oliver auf

seinem Schiff ein Krüppel geworden; aber das verpflichtete den Konsul

zu nichts, höchstens zu allgemeiner Barmherzigkeit und Gnade. Und von

diesen hatte der Erste Konsul ein gut Teil, er war ein großer Mann und

ein Wohltäter.

Was war also dagegen zu sagen? Nichts. Es konnte ja oft im Lagerhaus

wohl ein häßlicher Geruch nach alten Fischen und verfaulten Lebern

sein, besonders im Sommer war oft ein durchdringender Gestank darin

-- aber was war dabei! Im ganzen war Oliver auch jetzt ebenso wie

früher eine genügsame Seele, er verdiente genug für Margarine aufs

Brot, für faule Sonntage, für etwas Staat, einen herrlichen bunten

Schlips, frischgebürstete Schuhe, einen neuen, schief auf den Kopf

gesetzten Hut. Konsul Johnsens Wohltätigkeit gegen ihn wirkte auch noch

auf weitere Kreise, Oliver merkte an Kleinigkeiten, daß die Stadt ihn

nicht mehr übersah, und der Rechtsanwalt Fredriksen wollte auch nicht

zurückstehen, sondern hielt Frieden wegen des Hauses.

O ja, das Glück war eingekehrt! Aber das beste war, daß Oliver der

Vorstand seines Lagerhauses geworden war, seines eigenen kleinen

Bereichs; er war nicht weit davon entfernt, ein Herrscher zu sein,

sozusagen eine Person von Stande. Das gefiel ihm, es kitzelte ihn

förmlich, wenn die Leute aus der Stadt als Kunden daherkamen und guten

Tag sagten, ehe sie ihre Zettel vorwiesen. „Guten Tag!” grüßte er dann

wohl wieder, so ein Mensch war er, auch er übersah niemand. Jetzt war

es nicht so ohne, ja, es lohnte sich, gegen den Krüppel ein wenig

höflich zu sein, er konnte bei mancher Gelegenheit allerlei davon oder

dazu tun, durch volles oder geringes Maß, durch schlechtes oder gutes

Gewicht.

Der Fischer Jörgen kam mit einem Zettel -- Kaspar, der Matrose auf der

Fia gewesen war und seine Frau jetzt nicht mehr zu verlassen wagte,

damit sie nicht zu neuen Auslandsreisen verführt würde -- ja, dieser

Kaspar kam auch mit einem Zettel; Martin vom Hügel kam, der Schreiner

Mattis und der Polizei-Carlsen kamen und später alle von nah und fern;

und Oliver war der, der sie unter der Tür des Lagerhauses empfing und

ihre Wünsche anhörte. Wahrlich, Josef war ein großer Herr bei Pharao in

Ägypten geworden.

„Ja, jetzt bist du ja ordentlich hoch hinaufgekommen,” sagte Fischer

Jörgen in all seiner Gutmütigkeit.

„Ich kann nicht klagen,” gab Oliver wohl zur Antwort. „Die Vorsehung

hat mich hierhergestellt und mich nicht vergessen.”

Nun übergab er Jörgen für alle Zukunft seinen Platz drunten am

Bollwerk, den Platz, den Oliver den Fischmarkt nannte. „Nimm nur alles

miteinander, die Kisten und den Platz, und wohl bekomm's! Du hast mir

manches Gericht Fische gegeben, wenn ich elend war und nicht auf die

See hinaus konnte,” fügt er noch hinzu und tut dabei gerührt. „Was mich

nun anbetrifft, so hab' ich mit den Meinigen jetzt das tägliche Brot,

und was weiter brauchen wir Menschen denn zum Exempel? Und deine Kinder

und meine Kinder, Jörgen, sie lassen sich gut an, und der Frank geht in

die höhere Schule und wird immer gelehrter, es ist ein wahres Wunder,

er kann das Deutsche lesen, sobald er es nur vor Augen hat.”

Jörgen bestätigt mit einem Kopfnicken, daß auch seine eigenen Jungen

und Mädel mit hoher Achtung von Frank sprechen.

„Ja, es ist ganz außerordentlich, fast wie in einem Geschichtenbuch!

Er kann jede Stelle bekommen, die er nur will, er kann geradeswegs auf

eine Bank, auf ein Kontor; das fehlt gar nicht. Wenn du ein klein wenig

wartest, Jörgen, dann gehen wir zusammen heimwärts.”

Oliver zog ein Taschentuch heraus, rieb das Schweißleder in seinem Hut

damit ab, ebenso Mehl und Staub von seinem Gesicht, er bürstete seine

Schuhe und seine Kleider und ließ Jörgen warten. Er wollte wohl Jörgen

gerne merken lassen, daß er nicht mehr derselbe wie früher war, daß

seine neue Stelle nicht die des ersten besten sei. Dann schließt Oliver

die Lagerhaustür für diesen Tag ab; sie knirscht durchdringend in den

Angeln, aber das ist ein freundlicher Laut für Oliver, der abendliche

Schwanengesang einer Lagerhaustür. Er steckt den schweren Schlüssel in

die Tasche, und dann ist er fertig.

Sie gehen heimwärts. Jörgen trägt ruhig seine Ölkanne und hört Olivers

Reden zu, die einfach und eigentlich demütig, aber voller Prahlerei

sind. „So, du willst dein Haus anstreichen?”

„Ja.”

„Du bist glücklich, daß du das selbst tun kannst. Ich muß mir nun

Maler nehmen, um meines anstreichen zu lassen, selbst hab' ich keine

Zeit dazu.”

„Nein.”

„Aber ich kann nichts anderes sagen, es hat sich für mich recht günstig

gewendet, ich kann anstreichen und aufputzen lassen, wie es gerade

nötig ist. Es kostet zwar, aber da ist nichts zu machen.”

Die Weiber am Brunnen: Roman · 第 7 / 35 段