das Geschäftsverfahren der _Fia_, das die Leute -- Spekulation nennen.
Nach meiner Ansicht mit Unrecht.”
„Dann sind ja alle einig,” versuchte der Postmeister, der immer gute
Mann, einzulenken.
„Ich werde ihm das eintränken für sein ungewaschenes Maul,” unterließ
der Konsul zu äußern. Er gesellte sich unauffällig zu Frau Henriksen
und sprach mit ihr; sie war eine junge hübsche Frau, aus der Tiefe
des Volkes hervorgegangen wie ihr Mann auch, Mutter von zwei kleinen
Mädchen in der Tanzstunde, aber doch noch nicht dreißig Jahr alt.
Konsul Johnsen war ritterlich gegen sie und recht unterhaltend, ja
bisweilen sprach er überaus leise, damit die andern es nicht hören
sollten. Seht, der Konsul hatte es wohl im täglichen Leben nicht so
sehr angenehm und herzerfreuend, er mußte die Gelegenheit benutzen. War
er nicht eine Kraftnatur, etwas ergraut zwar, aber noch ein Mann? Es
ärgerte ihn, daß sein großer Sohn Scheldrup hier dabei war und zuhörte:
„Geh voraus und laß alles herrichten!” sagte er zu Scheldrup.
Ei, und Frau Henriksen? So ungeheuer geehrt durch die Begleitung, die
sie an diesem Abend bekommen hatte und durch all das Schöne, das sie
zu sehen bekommen würde, wenn sie zum Ersten Konsul kam, das war ein
Erlebnis, ein Übererlebnis!
„Wollen Sie mir etwas versprechen?” fragte sie.
Da ritt ihn der Teufel, er wurde keck gegen die Dame und antwortete:
„Ich wage Ihnen kein Versprechen zu geben.”
„Aber -- warum nicht?”
„Ein Versprechen? Ihnen? Ich würde es ja nur halten müssen.”
Da lachte die Dame, und sie dachte nichts weiter, als er sei reizend,
der Erste Konsul sei reizend. Und dann rückte sie mit ihrer Bitte
heraus, ob der Herr Konsul einmal zu ihnen hereinsehen wolle, zu ihnen,
Henriksens auf der Werft, er und seine Frau Gemahlin?
„Kommt ihr nicht?” rief Frau Johnsen, indem sie stehen blieb.
Da war nichts anderes zu machen, sie mußten vorgehen zu den andern.
Aber der Konsul gelobte sich selbst, er wolle mit Frau Henriksen
noch mehr reden, später, wenn ihr Mann von dem Punschbrauen ganz in
Anspruch genommen sei. Dann wolle er der gute Gastgeber sein und sagen:
„Ja, bitte Henriksen, tun Sie ganz, als ob Sie zu Hause wären,” und
sich dann mit Frau Henriksen unterhalten.
Der Postmeister sprach von Nachkommenschaft. Er war ein magerer,
unbedeutender Mann, und man hielt ihn eigentlich für eine recht
verfehlte Existenz. Man hielt ihn auch für fromm, und er pflegte
mit einer recht gedankenvollen Miene zu sagen. „Ja, was soll man
glauben!” Als junger Student hatte er meist von der Kunst geträumt, von
Schlössern und Domen, von Architektur, er kam indes nie soweit, sich
für einen bestimmten Beruf zu entschließen, und landete schließlich
beim Postfach. Jetzt zeichnete er Gotteshäuser und Menschenhäuser in
seinen Freistunden; er hatte den Plan für die höhere Schule im Ort
gezeichnet, das hübsche Haus mit Säulen, das man schon weit draußen im
Fjord am Ufer sehen konnte; er nahm nichts für seine Arbeit, aber die
Stadtverwaltung hatte ihm viel Lobenswertes darüber gesagt. Seine Frau
war in keiner Weise verfehlt, aber keine Schönheit, nur gut und ein
Segen für ihr Heim. Sie war älter als ihr Mann, aber nicht so viel, daß
es etwas ausgemacht hätte. Unter Fremden war sie schweigsam, auch jetzt
zog sie sich zurück und redete nicht von sich selbst.
„Nachkommenschaft,” sagte der Postmeister. Seine Theorie war, daß den
Eltern im allgemeinen weniger Bedeutung zugemessen werden sollte, als
den Kindern. Ja durchaus. Alles sollte sich um die Nachkommen drehen.
„An dem heutigen Abend haben die Eltern leere Wände entlang auf
schlechten Bänken gesessen und doch einen Genuß und eine Festfreude
an ihren Kindern gehabt. Die Mütter sind nicht im Staat gewesen, die
Kinder dagegen sehr fein angezogen. So fein angezogen waren auch einst
die Mütter, als sie kleine Töchter gewesen waren, damals vor dreißig
Jahren, als die Damen ungeheuer weite Kleiderröcke trugen. Du lieber
Gott! dachte ich und erinnerte mich an alte Zeiten.”
„Elegie!” sagte der Rechtsanwalt, der Junggeselle Fredriksen.
„Jawohl, ganz richtig!” erwiderte der kinderlose Doktor. Und da es sich
um den unschädlichen Postmeister handelte, der im Grunde genommen ein
feiner Mann war, wollte er ihm ein paar Worte sagen. „Nachkommen,”
sagte er, „was wollen Sie damit? Ist dies eine Welt, um Nachkommen
hineinzusetzen? Wie lange halten wir uns hier im Leben auf und zu
welchem Zweck, außer für uns selbst? Lassen Sie uns die Zeit ausnützen,
Herr Postmeister, der Tod ist uns auf den Fersen und wird uns gleich
ergreifen. Wir liegen zwischen dem untersten und dem obersten
Mühlstein. Die einen sind weich und nachgiebig, sie werden ohne Murren
zermahlen, andere winden sich, wie Sie, Herr Postmeister, sie drehen
den Kopf zurück und haben Angst für ihr Gesicht -- o, aber in der
nächsten Sekunde sind auch sie schon zermahlen. Es muß ein sonderbares
Gefühl sein, und wir werden dieses Gefühl alle einmal kennen lernen;
wenn es von unten beginnt, muß man ja fühlen, wie die Beine und der
Leib allmählich --”
Als der Doktor nun Beifall erntete, scherzte er weiter, der witzige
Kerl, und brachte alle zum Schaudern: „Schließlich liegt wohl nur noch
ein Stückchen von einem da, das sich vielleicht ganz unabhängig vom
andern bewegt. Alles ist geradezu herrlich, alles ist vollendet.”
Schweigen.
„Es ist so trostlos, dergleichen zu denken,” sagt der Postmeister.
„Aber selbst unter diesen Voraussetzungen ist es gut, man hinterläßt --”
„Nachkommen! Die auch zermahlen werden sollen! O trostlos! Ich weiß
nicht. Was mich betrifft, so hab' ich guten Mut, ich ertappe mich
gelegentlich darauf, mir das Haar über die kahlen Stellen zu streichen
und also meinen Ruin so gut ich kann wieder herzustellen. Dann pfeife
ich drauf.”
„Ja ja,” sagte der Postmeister, der nicht weiter darauf eingehen wollte.
Aber Konsul Johnsen griff nach dem Knochen, wahrhaftig, er wollte
bei soviel Überlegenheit nicht im Rückstand bleiben. „Wenn es keine
Nachkommen mehr gibt, müssen ja die Menschen aussterben.”
„Bitte, das geht mich nichts an.”
„Aber Sie sind ja gerade darauf aus, die Menschen vom Tode zu erretten,
nicht wahr?”
„Herr Konsul, Herr Erster Konsul, wollen Sie Menschen, die sich
zwischen den Mühlsteinen befinden, mit Logik kommen? Wo ist da die
Logik des Lebens, wo die Logik des Weltregiments?”
Da sagte der Konsul: „Ich stelle fest, daß Sie, Herr Doktor, persönlich
für die Ausrottung der Menschen sind, aber Ihr Handwerk, Ihr
Lebensberuf ist es, die Ausrottung zu verhindern.”
Und der Doktor will sich am liebsten einem wenig gebildeten Menschen
gegenüber nicht zu gewandt zeigen, aber der Erste Konsul war ein
so großer Herr geworden, er war zu hoch hinaufgekommen, der Doktor
war gezwungen, ihm zu antworten: „Dies steht wohl etwas über dem
Begriff Geschäft, nicht wahr? Hier handelt es sich um eine Frage der
Lebensanschauung. Wenn ein Arzt über einen Kranken gebeugt steht, dann
tut er es wohl hauptsächlich aus Mitgefühl mit der armen Menschheit.”
„Ach ja!”
„Ja, seufzen Sie nur. Er spekuliert jedenfalls nicht.”
Der Konsul sagte rücksichtslos: „Er verdient seine fünf Kronen. Der
Arzt ist wie wir andern: er spekuliert in fünf Kronen, wenn ich in
Tausenden spekuliere, das ist der Unterschied.” -- Darauf sah sich
der Konsul lächelnd im Kreise um und machte die Sache dadurch noch
peinlicher für die andern.
Der Doktor war gezwungen, mitzulachen; er sagte: „Sie haben uns
ordentlich erhitzt, Herr Postmeister.”
„Ich?”
„Mit Ihrer Nachkommenschaft.”
Da mußte der Postmeister wieder eingreifen. „Ja, aber lieber Doktor,
Nachkommen müssen wir doch haben. Man kann über die Mühlsteine sagen,
was man will, die können nicht unser Ziel sein.”
„Unser Ziel tragen wir in uns selbst. Wenn ich sterbe, ist alles, was
mich angeht, tot. Glauben Sie an Gott, Herr Postmeister?”
„Was sollen wir glauben? Tun Sie es nicht?”
Der Doktor schüttelte den Kopf: „Bin ihm nicht begegnet. Glauben Sie,
er sei von hier?”
„Haha!” lachte die Frau Doktor.
Der Postmeister fragte: „Was für ein Ziel kann das sein, das einer in
sich selbst trägt?”
„Man gestaltet sein Dasein so gut wie möglich. Genießt zum Beispiel.”
„Armes Ziel, kurzes Ziel. Dann ist allerdings sehr richtig alles mit
einem selbst aus. Aber man kann sich ein weiter gestecktes Ziel denken:
Unsere ewige Fortsetzung durch die Nachkommen. Wie denken Sie nun im
Ernst darüber? Ich nehme an, daß Sie bis jetzt mit uns gescherzt haben.”
„Durchaus nicht.”
„Nehmen Sie zum Beispiel mich: Ich bin Postmeister hier in der Stadt.
Die eine Stellung kann dabei so gut wie die andere sein. Aber mit
welcher Hoffnung kann dann der Kinderlose, der selbst nichts Besonderes
geworden ist, sterben? Für mich ist es nun keine Befriedigung, selbst
noch mehr zu werden, im Gegenteil, jetzt freut es mich, wenn ich selbst
nichts Besonderes geworden bin, dann hab' ich meine Gaben für meine
Kinder nicht verbraucht. Sehe ich, ehe ich sterbe, Zeichen davon, daß
meine Kinder mich in allen Dingen überstrahlen werden, dann werde ich,
was ganz natürlich ist, der Allmacht gegenüber von tiefer Dankbarkeit
erfüllt sein. Etwas vom Traurigsten, was ich erleben kann, das sind
demgemäß die Söhne und Töchter großer Männer, die Kinder berühmter
Eltern. Das ist ein traurigerer Anblick, als Kinder ohne Eltern. Von
mir kann man gottlob annehmen, daß meine Kinder, selbst wenn ich noch
einmal so viel geworden wäre, als ich tatsächlich geworden bin, daß
meine Kinder mehr werden als ich. Jawohl, und gerade das wird meine
Hoffnung sein, wenn ich sterbe; daß ich also durch das Emporkommen
meiner Kinder selbst emporgekommen bin. Daß ich nicht Göttersöhne
gehabt habe.”
Die Theorie des Postmeisters sagte niemand zu, es war eine Theorie und
ein Trost für Leute ohne Erfolg, Leute, die wenig im Leben erreicht
hatten, es war nicht für Leute in hohen Stellungen, oho!
„Sie sind ein guter Mann!” sagte der Doktor freundschaftlich. Und
der Konsul war ja wahrlich selbst sehr viel und nicht nur der Vater
seiner Kinder, ja, er konnte sogar noch mehr werden, als er jetzt war,
er stand aufrecht auf freier Bahn, und er hatte etwas im Auge. Aber
Konsul Johnsen wollte auch freundschaftlich gegen den Postmeister
sein und nicht einmal herablassend, er nickte ihm zu und sagte: „Nach
meiner unmaßgeblichen Meinung ist vieles an dem, was Sie sagen, Herr
Postmeister.”
„Nach Ihrer Meinung!” wies der Doktor zurück.
Rechtsanwalt Fredriksen, der bis jetzt mit Henriksen von der Werft
geplagt worden war, warf ein: „Jawohl, Meinung. Wir Junggesellen und
Kinderlose haben doch auch eine Meinung in der Sache.”
Und in demselben Augenblick fürchteten wohl alle, jetzt sei es aus,
niemand werde mehr ein Wort vorbringen können. Der Konsul beschleunigte
seine Schritte, machte seine Haustür auf und forderte die Gäste auf,
einzutreten. „Jedenfalls wollen wir jetzt versuchen, ob wir bei einem
Glas Wein einig werden können,” sagte er lächelnd.
In demselben Augenblick, wo die Gesellschaft hineinging, trat der junge
Scheldrup durch den Küchenausgang auf die Straße. Er machte sich wohl
nichts aus solchen ergebnislosen Diskussionen, wie sie der Postmeister
zuwege brachte. Das konnte ihm niemand verdenken, in seinem Alter ist
das Leben kein Rätsel, die Sommernacht gehört der Jugend.
8
Ältere Leute erinnern sich deutlich an Tage und Daten aus der
Vergangenheit; sie finden es so herrlich, allerlei Kleinigkeiten im
Kopfe zu behalten, als sei das etwas Wertvolles, etwas, das ihnen
einmal nützlich sein könnte. Sie heben auch Zeitungsausschnitte auf.
Jetzt hören die Leute eine fremde Dampfpfeife in der Bucht ertönen.
Das ist keiner der Postdampfer, und es ist auch nicht das kleine
Frachtboot, das jede Woche einmal zu jeder Haustür kommt, deshalb
steigen die Leute auf ihre Hausdächer und halten Ausschau.
„Es ist die _Fia_!” sagen sie. „Seht, wie sie geflaggt hat!”
Und in demselben Augenblick denken sie unwillkürlich an die große
Volksmenge, die an jenem längstvergangenen Sonntag ans Bollwerk
hinuntergewandert war; sie schlagen die Hände über dem Kopf zusammen
und wissen am Alter ihrer Kinder, in welchem Jahr das gewesen ist.
Es war eine wahre Völkerwanderung, dessen entsinnen sie sich wohl,
und damals sollte die _Fia_ nach dem Mittelmeer fahren. Nun kehrt sie
zurück nach den langen Fahrten auf den weiten Meeren, an Bord ist alles
festlich geschmückt, und die Herzen sind wohl von Stolz geschwellt.
Auch der Matrose Oliver Andersen war damals an Bord gewesen.
Jetzt humpelt Oliver ans Bollwerk hinunter, er wirft sich mit dem
Stelzfuß vorwärts, strengt sich an; er ist so unschuldig, zu glauben,
die Kameraden werden nach ihm ausschauen, sie würden ihn als den ersten
am Bollwerk erwarten. Nein, sie erwarten ihn nicht, er ist vergessen.
Sie betrachten von der Reling aus diesen Krüppel und erkennen ihn; aber
sie bezeugen keine Freude, er muß sie zuerst grüßen und zu den alten
Freunden hintreten. Da steht nun Oliver; er ist etwas ergraut, und
sein Haar ist dünn, obgleich er noch ein junger Mann ist, dagegen ist
er merkwürdig dick geworden, mit wahren Hängebacken. Hat er es auf
der lieben Gotteserde so gut bekommen? Ist sein Unglück ein verkapptes
Glück gewesen?
Von der Reling aus werden einige teilnehmende Worte mit ihm gewechselt,
weil er ein Krüppel geworden ist, aber die Matrosen halten sich nicht
mit ihm auf; sie haben wohl keine Zeit, ihre Augen laufen suchend den
Weg hinauf -- gerade jetzt kommt ihr Mädchen, ihre Mutter oder ihre
Frau mit den Kindern, sie müssen sich nun in aller Eile noch ein wenig
putzen, ehe sie da sind.
Natürlich ist auch Olaus vom Wiesenrain mit seiner Pfeife da, und
er ist so, wie er immer war, betrunken und großsprecherisch. Wenn
die Mannschaft der _Fia_ beabsichtigt hatte, sich bei ihrer Heimkehr
aus unglaublich fernen Landen etwas aufzuspielen, so verdarb ihnen
Olaus das gründlich, er bewies ihnen auch nicht das kleinste bißchen
Hochachtung.
„Woher kommt ihr?” fragte er.
„Von einem Lande, das China heißt.”
Das bedeutete für Olaus gar nichts. „Ach so, von China. Ja, die Welt
ist nicht mehr groß,” sagte er, „in alten Tagen, da konnte ein Seemann
sagen, er komme von weit her. In der vorigen Woche liefen hier im Ort
zwei Männer herum und bettelten um Geld und Essen. Ich fragte sie,
woher sie kämen. ‚Von Persien,’ sagten sie. Ja, aus Persien, von dem
wir in der biblischen Geschichte gehört haben und von dem niemand weiß,
wo es liegt. Hast du Tabak für meine Pfeife?”
Man reicht ihm eine Pfeife voll; er bedankt sich nicht, aber er
anerkennt den Tabak, indem er äußert: „Ich hab' schon schlechteren
geraucht.” Und während er eine Landungstreppe mit seinen anderthalb
Armen aufs Schiff wirft, kommandiert er: „Da, faßt an und vertäut sie!”
Das war Olaus. Das Schicksal hatte auch ihn verfolgt, den Einhändigen
mit dem ewig blauen Gesicht, aber ob er dabei dick und ruhig geworden
wäre? Zum Kuckuck nein! Er war nicht dick und tot wie ein Tier, und
ebensowenig hatte er ein blasses Gesicht wie ein Adliger, sondern er
war betrunken und großsprecherisch. Er zehrte von seinen Reserven. Ja,
wozu hat man denn sonst Reserven, als um von ihnen zu zehren?
Oliver steigt an Bord. Das hätte er nicht tun sollen, nein, sie
begrüßten ihn nicht mit Jubel, sie nahmen nur seine ausgestreckte Hand
und sagten das Notwendigste. Alle waren von ihrem Eigenen in Anspruch
genommen. Sollte sich Oliver über Menschen verwundern, die es möglich
machten, aus China zurückzukommen? Der weitgereiste Matrose war ja
selbst dort gewesen, für ihn war nichts neu. Nein, Oliver hätte nicht
an Bord gehen sollen, jetzt hatte er überdies sein Englisch vergessen
und konnte nicht mehr so recht in der Matrosensprache reden. Das
Mannschaftslogis war genau wie früher, ein dunkler, übelriechender
Schacht, obgleich da gespült worden war wie zum Sonntag. Er setzte sich
an den wohlbekannten Tisch und schwatzte und schwatzte da immerfort von
sich; im Anfang hörte man ihm zu, aber sie wollten ihn lieber nach den
Ihrigen am Lande und nach den Honoratioren des Ortes fragen; so gingen
sie wieder auf Deck und schauten nach ihren Angehörigen aus.
Oliver sagt: „Ja, nehmt nun an, daß ich ganz marode bin.”
„Ja du, dir ist wohl der Unterleib ordentlich kaputt geschlagen worden?”
„Was, mir, der Unterleib? Ich bin ein verheirateter Mann mit vielen
Kindern. Eine Trantonne kann einem Mann nicht den Leib zerschlagen.”
„Was für eine Trantonne?” fragt Kaspar.
Oliver denkt nach und wird verwirrt.
„Bist du nicht heruntergefallen und hast einen Querbalken zwischen die
Beine bekommen?”
„Nein.”
So lange hatte Oliver nun von dieser Trantonne geredet, daß er
vielleicht selbst an sie glaubte, aber dann war es also keine Trantonne
gewesen. Was hatte er mit dieser Lüge erreichen wollen? Wollte er etwas
verbergen? Oliver faßt sich und schwatzt weiter. Vom Kapitän sah er gar
nichts, und die Matrosen waren zurückhaltend, o, sie hatten wohl in den
Briefen von Hause von seinem ganzen späteren Lebenslauf Kunde bekommen;
er hatte sich schlecht gemacht, es war genug Klatsch über ihn und sein
Haus im Umlauf. Armer Oliver jetzt, selbst als er aus der Tasche die
Zeitung mit der Seemannstat herauszog und vorzeigte, machte das keinen
größeren Eindruck. Nein, denn jetzt kamen die Angehörigen heran.
In Olivers Augen glimmte es auf. Jawohl, er war dick und wie etwas
geistesschwach, aber bisweilen brach eine rohe Verschlagenheit bei ihm
durch. Er trat zu Kaspar, seinem Freund und früheren Altersgenossen,
und sagte: „Kommt deine Frau nicht, Kaspar?”
„Doch, das wird sie schon,” sagt Kaspar.
„Ja, denn sie ist wohl wieder daheim.”
„Wo ist sie gewesen?”
„Das weiß ich nicht. Sie ist ein Jahr lang fort gewesen. Es hieß, sie
sei im Ausland.”
„Was erzählst du da?” fragt Kaspar unbehaglich berührt.
„Ich? Ach, es ist einerlei, was so ein armer Tropf wie ich sagt. Aber
für dich und die andern kann es doch ganz einerlei sein, ob eine
Trantonne oder ein Balken mich kaputt gemacht hat.”
„Ja, das ist wahrhaftig einerlei,” sagt jetzt auch Kaspar. „Was hat sie
denn im Ausland getan?”
„Es heißt, sie sei Kajütjungfer auf einem Schiff gewesen.”
„Nein, denn ich hab' jedes Jahr von hier aus Briefe von ihr bekommen.”
„Ja ja,” sagt Oliver.
Auf dem Heimwege begegnet er Kaspars Frau; sie ist im Staatsgewand,
sieht unschuldig aus und ist auf dem Wege, ihren Mann abzuholen. Im
Vorbeigehen sagt Oliver zu ihr, daß ihr Mann auf sie warte; aber ob die
Frau nun zu geputzt und zu unschuldig war, um Oliver etwas zu erwidern
-- sie eilt nur an ihm vorüber.
Oliver geht heim in sein Haus und zu seiner Familie. Der Besuch an Bord
der _Fia_ war entschieden ein Mißgriff gewesen. O, Glück auf die Reise,
er würde nicht öfters hingehen. Und was Kaspar und seine Frau betraf,
so erwartete er nicht viel von dieser Seite: hier war ein ganzer Ort
Mitwisser. Überdies war ein Krüppel durch seine eigene Elendigkeit
geschützt, selbst wenn er ein paar Eheleute aufeinanderhetzte.
Er setzt sich an den Tisch und fängt an, über die Mannschaft auf der
_Fia_ zu schimpfen, sie sei lauter Pack, er hätte jeden einzelnen
durchprügeln sollen, damals, als er noch seine volle Körperkraft hatte.
Petra erwidert nichts, sieht nicht nach der Seite, wo er sitzt, so
überdrüssig ist sie seines Geschwätzes und seiner Person. O, dieser
Fettklumpen auf dem Stuhl dort, er schnauft, er hat einen regelrechten
Anzug an, er hat Knöpfe am Anzug, auf dem oberen Ende sitzt ein
Hut schräg auf dem Ohr. Sie kannte alles in- und auswendig, seinen
Stelzfuß, der absteht und das kleine Zimmer versperrt, seine Reden,
seine Lügen, seine Großmäuligkeit, seine Stimme, die einer Frauenstimme
immer ähnlicher wird, die matten wasserblauen Augen, den allzeit
feuchten Mund! Mit jedem Jahr verfiel er sozusagen mehr, nur sein
Appetit war immer derselbe. Und es gab nicht immer Essen genug.
Merkwürdig! Das Leben in der Stadt ging seinen Gang, und es war sogar
stark im Aufschwung begriffen. Als die Tanzlehrerin ihre Arbeit getan
hatte und abgereist war, wurde jeden Samstagabend im Rathaussaal
getanzt, und ebenso deutlich zeigte sich der Aufschwung in den Kleidern
und in der Lebensweise der Leute. Aber bei Oliver und Petra ging nichts
aufwärts, nein, nur abwärts ging's, ganz herunter ging's. Hatte nicht
der verrückte Mann die Zieraten auf der Kommode verkaufen wollen, den
weißen Engel und das Sparschweinchen vom Ausland? Dann eines Tages
im Winter ging Oliver in die Stadt und verkaufte das Haus, in dem er
wohnte. Es war ein gewissenloses Tun.
Schon mehr als einmal hatte er das Haus verkaufen wollen, der
Rechtsanwalt Fredriksen, dem es gehörte, würde einem Krüppel gegenüber
doch wohl ein Mensch sein. Aber Rechtsanwalt Fredriksen dachte wohl, er
habe Oliver schon genug geholfen, als er ihn mit seiner Bemerkung über
die Seemannstat berühmt gemacht hatte; warum tat er nicht noch mehr
Großtaten? Das Haus verkaufen, das Haus eines andern --
Oliver wurde einfach verklagt.
Seht, dieser Oliver Andersen hätte ja von Rechts wegen längst
hinausgeworfen werden müssen, aber die Stadt beschützte den Krüppel.
Jetzt hatte er sich endlich selbst durch ein Verbrechen jegliches
Schutzes verlustig gemacht.
Oliver stapfte zum Rechtsanwalt und bat um Gnade, der Handel solle
rückgängig gemacht werden, das Ganze sei also fast ungeschehen. Es half
aber nichts, der Rechtsanwalt wollte die Gelegenheit benützen, das Haus
leer zu bekommen. Nein, es half nichts, bis Petra zum Rechtsanwalt
ging und recht hübsch bat; aber auch Petra gelang es nicht gleich beim
ersten Male.
Das war ein Zustand, die Heimat dicht vor dem Abgrund. Was war dabei,
wenn sich Petra da von Hause fortschlich und sich auf die Treppe des
Tanzsaales setzte, um in einer Abendstunde ein wenig selig zu träumen!
Oliver, der Mann, krepierte nicht vor Scham und Not, im Gegenteil,
er tat noch groß und schimpfte über den Rechtsanwalt, über den
Leuteschinder, der sich einem Krüppel gegenüber nicht als Mensch zeige.
Na, einerlei, wenn Oliver um das Geld für das Haus betrogen werde, dann
sei er dadurch nicht mehr ruiniert als vorher; es fehlte ihm durchaus
nicht an Auswegen, wenn er daheim saß und mit seiner Familie redete.
Den Platz beim Leuchtturm, nein, den hatte er aufgegeben, aber wer
könne ihn daran hindern, sich einen Rollwagen anzuschaffen und in den
Gemeinden herumzufahren? Oder wie, wenn er in eine große Stadt führe
und auf der Drehorgel spielte?
„Ja,” sagte Petra, „das solltest du nur tun!”
„So. Und wovon solltest dann du und die Familie leben?”
Ja, wovon sollten sie leben? Vielleicht konnte er so viel verdienen,
daß er etwas Geld heimschickte. Aber da hatte Petra ihre Zweifel. Auch
die Großmutter zweifelte daran, ja, sie sagte gerade heraus, Oliver
werde wohl den ganzen Verdienst aufessen.
So wurde nichts aus der Reise des Versorgers, und der Fuß, auf dem die
Familie lebte, blieb derselbe wie vorher. Aber sie lebten von einem Tag
zum andern, sie lebten es auch durch, sie überlebten es.
Warum sollte es auch so schlecht gehen? Der Versorger war körperlich
unvollkommen, was dann? Hannibal war einäugig, Alexander hinkte.
Oliver war von guten Eigenschaften nicht ganz entblößt, was wollte
man denn? Er war eigentlich friedlich von Natur, er ging nicht mit
blutunterlaufenen Augen und furchtbar gebleckten Zähnen umher und
wartete darauf, bis die kleinen Kinder fürs Schlachten reif wären,
nein, er war freundlich gegen Kinder. Mißgestaltet? Jawohl, da war das
leere Hosenbein, das so jämmerlich hin und her schlug, wenn er ging.
Aber er war zum Beispiel nicht wie die Buckligen, die, wenn sie gehen,
aussehen, als trügen sie sich selbst auf dem Rücken. Entblößt von guten
Eigenschaften? Er trank nicht, o nein, niemals, er rauchte nicht einmal
mehr Tabak, nein, in dieser Beziehung war er wie ein Frauenzimmer
geworden.